Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1928-09-07 · Heft 71 (7.9.1928) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 71 (7.9.1928)
Date
1928-09-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2652971-2653036--20232-2678192
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 71, 7. IX. 1928 JU1DISCHE RUNÜ5CHXÜ Seite 507 Ctaluthvernemung? Von Dr. Oskar Epstein, Brünn. Die von Dr. Landsberg in Nr. 47 der ״fiid. R." im Anschluß an den Breslauer Delegicrlenlag cröffnetc Diskussion, über Galulh- Probleme mußte inegen des Berichtes der Survey-Commmion und der A.-C.-Sit:ung rurückgcslclll werden und. wird hier wieder aufgenommen. Red. Kein Zweifel, daß wirklicher Zionismus wirkliche Galuth- Verneinung bedeutet. Aber was bedeutet — Galuthverncinung? Galuthvcrneinung bedeutet nicht, daß ein Zionist, der in Deutschland lebt, alle Probleme seines Lebens, das er in Deutschland führt, mit der ״Begründung“ ״erledigt“, er wolle von der ״Galuth“ nichts wissen. Galuthverneinung bedeutet zumindest die Frage, was man tatsächlich zur Beseitigung der Galuth mit eigenen Kräften beiträgt. Zur wirklichen Lösung konkreter palästinensischer Probleme können Menschen, die Tag für Tag in deutsches Leben verflochten sind, direkt in der Regel nichts oder wenigstens so gut wie nichts beitragen. Bleibt also nur die Beschaffung von Geld. Denn Ueberschwenglichkeiten, welcher Art auch immer, werden die ״Sammlung der Verstreuten“ kaum wesentlich beschleunigen. Die Beschaffung von Geld aus eigenen Mitteln hat jedoch in der Regel zumindest im Volkswirtschaftlichen Sinne sehr, sehr enge Grenzen. Es bleibt also zumeist im wesentlichen nur eine Form ernster Galuthverneinung übrig: die Gewinnung immer neuer Menschen, die zum Aufbau Palästinas beitragen. Nur auf diesem Wege kann der Aufbau Palästinas so beschleunigt werden, daß von Galuthverneinung überhaupt ernstlich die Rede sein kann. Gerade aber, wenn wir neue Menschen für die finanzielle Unterstützung des jüdischen Aufbauwerkes in Palästina zu gewinnen suchen, haben wir die Erfahrung gemacht, daß dazu Palästina-Erzählungen und Palästina-Filme in der Regel nicht ausreichen. Ein so breites und tiefes Palästina-Interesse wenigstens, wie wir es innerhalb des heutigen Judentums zu schaffen gezwungen sind, wenn der Aufbau eines jüdischen Palästina, wenn also Galuthverneinung ernstlich gelingen soll, ist nur auf dem Umwege über das J udentumserlebnis derjenigen zu schaffen, die für eine dauernde Unterstützung des jüdischen Palästinawerkes gewonnen werden sollen. Nur wenn wir in der Galuth mit der Gesundung des Judentums so weit gehen, als es bei der Verstrickung des jüdischen Menschen in tausenderlei nichtjüdische Zusammenhänge möglich ist, schaffen wir auch bei Menschen, die bis dahin zum jüdischen Palästina keinerlei Beziehung gehabt haben, ein starkes Pa- Uistina-Erlebnis. Denn wer einerseits erfahren hat, daß das Judentum für den konkreten jüdischen Menschen auch in der Gegenwart einen stark aktuellen Wert bedeutet und wer andererseits durch ernste Bemühungen um die Gestaltung eines solchen Judentums wiederum erfahren hat, daß die Gestaltung dieses für ihn persönlich wichtigen Judentums in der Galuth auf unübersteigliche Schranken stößt, der und nur der wird Palästina ernstlich aufbauen wollen. Nur wer die Galuth mit realer jüdischer Gemeinschaft erfüllen hilft, fühlt ihre Enge, schafft in ihr nicht nur einen Wunsch, sondern einen Willen, ihre Schranken zu besiegen, Palästina aufzubauen, also in einem ernsten Sinne die Galuth zu verneinen. Galuthverneinung darf nicht bedeuten, Palästina zu einer Ausrede zu erniedrigen. Ernste Galuthverneinung ist zunächst Ga 1 uthbewä 11igung in den Grenzen der Möglichkeit; Denn wenn wir die Galuth nicht sehen wollen, wird sie dadurch nicht kleiner. Sie wird kleiner nur dadurch, wenn wir ihre zersetzenden Kräfte zunächst zurückzudrängen und in immer höherem Grade zu bändigen wissen. Dadurch nähern wir uns Palästina in Wahrheit auch weit mehr als etwa durch Vergnügungsreisen dorthin. II. Man hat wohl schon eingeseheti, daß die Kolonisation Palästinas ohne einen großzügigen Plan und ohne die Leitung von Fachmännern nicht gut durchgeführt werden kann. Gibt cs nicht zu denken, daß der Rückhalt Palästinas, die Galuth, deutlich zur ״Privatsache“ von Ortsgruppen und Einzelpersonen gestempelt wird? Wenn die Zionisten in Deutschland erkannt haben werden, daß er keineswegs durch eine Bagatellisierung, sondern durch eine schrittweise Bewältigung des jüdischen Lebens in Deutschland am meisten zu einem raschen und gesunden Aufbau Palästinas beizutragen vermag, so wird dies auch ein entscheidender Schritt von Dogmatik zu Wirklichkeit sein. Ein entsprechender Schritt von Dogmatik zu Wirklichkeit muß aber auch innerhalb des Problems erfolgen, was wir unter Bewältigung des jüdischen Lebens in Deutschland zu verstehen h.a b e n. Bewältigung des jüdischen Lebens in Deutschland bedeutet in erster Linie weder Veranstaltung von Hebräischkursen, noch Vorträge, deren Auswirkung dem Zufall überlassen bleibt, noch irgendein abstraktes ״jüdisches Geistes-!eben“. Eine wirkliche Bewältigung des jüdischen Lebens in Deutschland ist bisher ebenso wie in anderen Ländern jüdischer Siedlung in so unzureichendem Maße durchgeführt worden, daß eine Festlegung ihrer Einzelaufgaben nach ihrer Wichtigkeit überhaupt sehr verfrüht wäre. Wohl aber läßt sich — und für die Praxis muß es zunächst genügen —, der Inhalt jener Bewältigung des jüdischen Lebens unzweideutig formulieren. Bewältigung jüdischer Problematik in Deutschland oder (was dasselbe ist) jüdisches Leben in Deutschland, bedeutet die Schaffung eines Gleichgewichtsverhältnisses zwischen der jüdischen Eigenart des deutschen Juden und seiner für ganz andersartige Menschen geformten Umwelt. Dieses Gleichgcwichtsvcrhältnis muß nicht nur deshalb geschaffen werden, damit der jüdische Mensch in Deutschland durch die nichtjüdische Umwelt nicht über jenes Maß von seiner Art abgedrängt wird, das eben noch mit der Integrität seiner menschlichen Qualität vereinbar ist. Es muß auch deshalb geschaffen werden, damit der jüdische Mensch in Deutschland genug innere Ruhe und Ausgeglichenheit erwirbt, um die nicht immer leicht erfaßbare Grenze zu achten, über die er in seiner Beteiligung an den Geschicken des deutschen Staates (und damit auch des deutschen Volkes) nicht hinausgehen darf. Die Katastrophen, die im Leben zweier so edler jüdischer Menschen wie Walther Rathenau und Gustav Landauer durch die Verletzung jener Grenze herbeigeführt worden sind, zeigen unzweideutig, daß auch hier ungeheure, aber auch unendlich fruchtbare Aufgaben eines ernsten Zionismus harren. Es müssen vor allem gewisse Grunderkenntnisse Martin Bubers aufgenommen und — weitergebildet werden. ״Und das gilt es zu sein: unerschrocken, klarsichtig und ehrlich, denn es geziemt uns nicht, der tiefen Wirklichkeit unseres Daseins auszuweichen, und es wird uns kein Heil werden, ehe wir ihr gegenübergetreten sind und ihr standgehalten haben.“ Das Problem der ״Wirklichkeit unseres Daseins“ ist für uns heute tiefer und lebensverwurzelter als das Problem eines ״Primat# des Jüdischen in uns vor dem Nicht jüdischen um uns, womit Buber das Problem in den ״Drei Reden über das ״Judentum“ für den Vorkriegszionismus völlig gelöst hatte. Das Lebensproblem des jüdischen Menschen außerhalb Palästinas, die Galuth, die zurückgedrängt werden muß, bis sie einst mit der ״Sammlung der Verstreuten“ völlig vcrschwi ndet, bedeute! nicht die Frage einer Rangordnung, sondern die Frage einer neuen Dynamik jüdischen Menschenlebens. Nicht ob das Jüdische das erste und das Nichtjüdische das zweite oder ob das Nichtjüdischc das erste und das Jüdische das zweite ist, steht zur Diskussion. Sondern die Frage, die durch die Versetzung jüdischer Eigenart in nichtjüdische Umwelt, also durch die Galuth entstellt, und deren äußerliche, oberflächliche Lösung wir vorhin als ein Gleichgewichtsverhältnis formuliert haben, diese Frage also bedeutet letzten Endes nichts Geringeres als die Aufgabe, jüdische Eigenart und nichtjüdische Umwelt einander fördern zu lassen, statt daß sie einander schädigen, wie es jetzt geschieht. in. Wie ist das praktisch möglich? Das Problem, eine lebendige Eigenart sich in andersartiger Umwelt behaupten zu lassen, ist eines der Grund- Probleme in der Entwicklung der organischen Natur. Zunächst erfolgt die Selbstbehauptung der Lebewesen automatisch durch Reflexbewegungen. Je entwickelter die Tiergattung wird, desto bewußter und — zweckentsprechender wird die Auseinandersetzung mit der Umwelt. Immer ausgebildetere Organe für die Auseinander- Setzung zwischen Innenwelt und Umwelt entstehen. Das menschliche Gehirn und Rückenmark ist der bestausgebildete Apparat für diese Auseinandersetzung zwischen Innenwelt und Umwelt und daher auch schwierigeren Aufgaben gewachsen als die entsprechenden Nervensysteme der verschiedenen Tiergattungen. Henri Bergson hat anschai^lich auscinandergesetzt, wie die Funktion des Gehirns und Rückenmarks in gewissem Sinne mit einer Telephonzentrale vergleichbar ist. Unzählige Eindrücke der Umwelt treffen ein. Unzählige Impulse zu Bewegungen der verschiedenen Körperteile als Antwort aul jene unzähligen Eindrücke gehen von dieser ״Zentrale“ aus. So wird der Mensch mit einem viel komplizierteren Leben fertig, als es die primitiver organisierten Tiergattungen je vermöchten. Landsberg scheint in Nr. 47der ״Jüdischen Rundschau“ geahnt zu haben, daß in der Problematik der jüdischen Galuth ein ähnliches Problem vorliegt. Alle versuchten, meint er. das Richtige. ״Aber als Einzelne.“ Es ist also, als ob im menschlichen Körper jeder Nerv für sich mit seinem Eindruck fertig zu werden suchte, indem er sich selber einen sNeiv des zentripetalen Systems suchte, dem er den Impuls zu einem ihm als Reaktion auf den Eindruck entsprechend scheinenden Be-' wegung geben würde. Es braucht nicht ausgeführt zu werden, daß in diesem Falle im menschlichen Körper ein ähnliches Chaos entstehen würde, wie es gegenwärtig in erschreckendem Umfange die ganze Judenheit erfüllt. Es handelt sich darum, den jüdischen Volkskörper, der immer deutlicher dem Zerfall und der Atomisierung anheimfällt, neu zu einem lebensfähigen Organismus werden zu lassen. Die Erkenntnis der absoluten Notwendigkeit, das Cliaos in der heutigen Judenheit durch Führung mit wirklicher Vollmacht und wirklicher Verantwortung zu überwinden, wird vor allem andern dadurch erschwert, daß eine bewußt geschaffene Führung solcher Art auch bei andern Gemeinschaften nicht zu finden ist. Ihnen ersetzen die Funktionen des Gehirns und Rückenmarks im tierischen und menschlichen Körper — der gemeinsame Boden uad die Gemeinsamkeit der ÄHtagsinteressen, die letzten Endes auch der Gemeinsamkeit des Bodens entspringen. Daher tritt wahre Führung bei normalen Völkern als eine natürliche Begleiterscheinung des unbewußten Lebens auf. Der weg von der chaotischen Galuthexistenz zu einer normalen Existenz in einein jüdischen Palästina führt vom Fehlen einer wirklichen Führung über die bewußte Hervorbringung einer Führung zur naturgemäßen Entstehungeiner F ü h r u n r durch die Gemeinsamkeit des Bodens und die durch sie geschaffene Gemeinsamkeit vieler und wichtiger Alltagsinteressen. Nur das ist der Weg zur Galuthverneinung und zum jüdischen Palästina. Denn die völlig irrige Annahme, <Ufi die Organisation in allen ihren Teilen und in allen ihren Funktionen jüdisches Palästina schaffen soll, im wesentlichen durch dieses erst zu schaffende jüdische Palästina überflüssig gemacht werden soll, schlägt, abgesehen von allen Erfahrungen, der einfachsten Logik so sehr ins Gesicht, daß man sich wahrhaftig dafür interessieren sollte, wieso sie sich trotzdem so verbreiten konnte. / Durch die Schaffung einer Führung mit wirklicher Vollmacht und mit wirklicher Verantwortung muß die Zionistische Organisation in allen ihren Teilen und in allen ihren Funktionen von Grund auf eine völlige Verwandlung erfahren. Sie muß durch sie aus einem durch die Zcitverhäitnisse längst antiliierten Apparat der Wortpropaganda zum unentbehrlichen ückhalt für eine ganze Reihe von Institutionen werden, die ein gesundendes, nach Palästina hinstrebendes Judentum nicht entbehren kann und über die wir uns im einzelnen erst im Zusammenhang mit der Entstehung einer solchen Führung werden richtig verständigen können. Wenn heute in den zionistischen Ortsgruppen immer deutlicher die Problematik der jetzigen Betätigung empfunden wird, so geht dies im wesentlichen keineswegs auf einen Mangel an ^Anregungen“ seitens der Zentrale oder darauf zurück, daß die Mitglieder der Ortsgruppe nicht genügend ״über die übrige Welt unterrichtet“ werden. Das sind Symptome, die vielleicht in dieser Weise nicht einmal als Symptome glücklich formuliert sind. Das wirkliche Problem liegt viel, viel tiefer. Wir müssen uns dessen bewußt werden, daß die Diskussionen über jüdische Probleme im Vorkriegs- Zionismus vor allem eine Angelegenheit des Bekenntnisses waren. Man empfand eine berechtigte Befriedigung, daß man trotz des Hohnes der damaligen Assimilanten diese Probleme überhaupt zu besprechen wagte. Auf die praktischen Auswirkungen der Diskussionen über jüdi sehe Probleme kam es im Vorkricgszionismus überhaupt nicht an. Dem entsprach auch die Technik dieser Erledigung von Problemen. Heute fühlt mau immer deutlicher, daß eine wirkliche, wenn auch nur teilweise Erledigung von Problemen auf diesem Wege überhaupt ausgeschlossen ist. Daher die Unbefriedigtheit, die bei all diesen ״Vorträgen“ und ״Diskussionen“ empfunden wird. Sofien die Diskussionen über jüdische Probleme entsprechend den!wütigen Notwendigkeiten auch wirkliche Resultate zeitigen, so müssen sic in einen fruchtbaren Zusammenhang mit der Praxis gebracht werden. Darum müssen die Ortsgruppen eine Doppelfunkticm haben. Sie müssen die jüdische Wirklichkeit, so wie sie auf sie einwirkt.'aufnehmen und an eine Führung leiten, die imstande ist, sie durch sehr ernste Gedankenarbeit, aber auch durch praktische Erprobung so zu verarbeiten, daß die Ortsgruppe durch die Art, wie die Probleme verarbeitet an sie zurückgeleitet werden, i nsfandgesetzt wird, auf sie erfolgreicher zu reagieren, als der einzelne, isolierte Jude, der einer solchen Ortsgruppe nicht angehört. Das muß ihre zweite, wichtigste Funktion sein, die der andern Funktion, der Aufnahme der jüdischen Wirklichkeit erst ihren Sinn gibt Vielleicht macht das schon klar, daß es sich im Grunde um nichts Geringeres als um die unaufschiebbar gewordene Ersetzung des noch immer künstlich konservierten Bekenntnis- Zionismus aus der Vorkriegszeit durch einen Zionismus der Verwirklichung in Palästina und außerhalb Palästinas handelt. Für einen solchen wird das Problem der Galuthbcwältigung und der Galuthverneinung aufhören, ein Entweder — Oder zu bedeuten. Fs wird für ihn vielmehr zu Voraussetzung und Folge, die beide durch eine neue Arbeitsmethode, durch Führung und Sachlichkeit, zu einer befreienden Tat «׳erden müssen. Ein hebräischer Theaterabend in Hamburg Die Hebräische Sprachschule I v r i a , Hamburg, veranstaltetc einen dramatischen Abend, auf dem zunächst der Leiter der Schule, ISanin, Einleitungsworte sprach, worauf ein hebräischer Monolog eines jüdischen Familienvaters von den Sorgen seines häuslichen Lebens gehalten wurde. Es folgte ein Einakter nach einer ostjüdischen Novelle ״Die Fahne“. Den Abschluß des ersten Teiles bildete eine Rezitation aus Bialiks berühmter Dichtung ״Die Toten der Wüste“. Im zweiten Teile dos Abends wurde eine dramatiäicrtc Darstellung des Buches ״Ruth“ aufgeführt. Die Veranstaltung fand beim Publikum sowie auch im Hamburger FamiÜcublatt eine außerordentlich warme Kritik. Nachstehend geben wir eine Würdigung dieses im Leben, der hebräischen Sprachschule in Hamburg und ihrer Anhänger bedeutsamen Ereignisses. * Wenn über die stattgefundene Schüleraufführun״ der Ham* burger Sprachschule ausführlich gesprochen wird, so geschieht es nicht wegen der besonders gelungenen schauspielerischen Leistung, wenn auch das Werk an sich genug des Rühmenswerten bietet: Schon allein die Tatsache, daß der Kreis der Darsteiler Menschen der verschiedensten Altersstufen umfaßte, und daß ein etwa zwölfjähriger Junge und ein viel beschäftigter Hamburger Arzt mit gleicher Liebe zum Erfolge beitrugen, daß berufliche Ueberlastung und die Entfernung der Großstadt die notwendige Kleinarbeit nicht hindern konnten, zeigt die Freude, die die Teilnehmer selbst bei ihrem Werk hatten. All das aber ist das Verdienst des Leiters, des Lehrers an der Sprachschule T u w j a h B a 11 i n , der als Regisseur, Dramaturg usw. ebenso geschickt wie unermüdlich den Kreis geschaffen und die Autführung vorbereitet hatte. Hier sei von dieser Aufführung gesprochen, weil es eine hebräische und eine zionistische Leistung war. Wir verdanken Banin und seinem Kreise einen Abend, der ans Herz der Zionisten rührte, und seine Einleitungsrede, die davon sprach, daß hier nicht künstlerische Gestaltung Selbstzweck sei, daß vielmehr hier neue Wege hebräischer Arbeit gesucht würden, mußte durch den zionistischen Ernst und die Leidenschaft von Wort und Werk jeden packen. Eine hebräische Aufführung in unserem Kreise ist heute eine besonders schwierige Aufgabe: Wir haben die Spitzenleistung der Habimah erlebt und haben etwas Angst, daß gutgemeinter und unzureichender Dilettantismus dies Erbe entweiht, daß der Mangel eines hebräischen Milieus unter assimilierten Westjuden — spürbar schon in der Einsamkeit der Habimah-Leistung — bei einer derartigen Dilettantentruppe, wo doch die von der Sprache unabhängige Verstäncllichkeit mimischer Höchstleistung fehlt, zu vollständiger Wirkungslosigkeit unter den Zuschauern verurteilt ist. Das Gegenteil war der Fall. Der Funke zündete; und war es bei manchem nicht der hebräische — denn viele verstanden nicht alle Einzelheiten so war es jedenfalls der zionistische. Am Ende der Aufführung war eine Stirnmung, wie wir sie selten in Hamburg erlebt haben, und die in einer Horra, die von Schauspielern und Zuhörern, nicht nur aus der Jugend, getanzt wurde, ihren spontanen Ausdruck fand. Es war das beglückende Gefühl, Neuland erobert zu haben, und zwar gleichermaßen hebräisches und zionistisches. Besonders skeptisch mußte man dem Plan der Aufführung einer dramatischen Bearbeitung des Buches ״Ruth“ gegenüberstellen. Tenach auf dem Theater? — Bisher gab es nur eine Methode, assimilierten Westjuden Tenach ntdiezubringen; es war die philologisch-historische, wie sie einmal in der ersten Zeit der Berliner Sprachschule unter Smoiras Leitung einen besonderen Erfolg erzielt hatte. Hier wurde nun von einem Palästinenser, der Hebräisch von Anfang an als Sprache des heutigen Lebens in Palästina unterrichtet hatte, auch dem Tenach gegenüber ein neuer Weg gezeigt: Wer den Rhythmus des biblischen Hebräisch von Frida Goldschmidt als Noomi hörte, das durch die Schwere der Gebärde in ihrem Spiel besonders gut unterstützt wurde, der bemerkt mit Staunen: Hier ist Tenach in der Tat wieder lebendig, un|l nicht nur fiir den historisch empfindenden Menschen durch die Macht der Vorstellung, sondern für das Ohr jedes Zuhörers durch die Macht des gesprochenen Wortes. Wir danken cs Banins Versuch, daß er uns diesen neuen Weg gewiesen hat. Fünf Jahre arbeitet jetzt die Hamburger Sprachschule, und ein solcher Abend zeigt uns, daß die aufgewandte Mühe nicht vergebens war. Wie oft haben wir andere Ortsgruppen und die bei ihnen getroffene Lösung beneidet, indem dort die Gemeinde die Verantwortung für die Sprachschule übernornmen hat. Aber vielleicht hat gerade die dauernde Sorge unsere hebräische Arbeit im Mittelpunkt des zionistischen Interesses erhalten und die zionistische Potenz ihrer Arbeit besonders gefördert. Inzwischen findet ja auch hier die Leistung der Sprachschule bei den Nichtzionisten steigende Anerkennung, wie sic etwa in der Verdoppelung der Gemeindesubvention im laufenden Jahre zum Ausdruck kommt. Geblieben ist aber die besondere Verantwortung der Zionisten für diese Arbeit, die wachsende Unterstützung nur ein besoliderer Ausdruck des Vertrauens der Nichtzionisten, das wir durch gesteigerte hebräische Leistung erst zu rechtfertigen haben. Hoffen wir, daß uns das weiter so gut gelingt wie an diesem Abend. Heinrich Strauß. Die Geburtenziiiern in Palästina Jerusalem, 26. August. (j.T.A.) Wie die neuesten Statistiken dartun, ist die natürliche Zunahme der jüdischen Bevölkerung in Palästina höher als in irgendeiner anderen jüdisehen Gemeinschaft der Welf. Die Zahl der in diesem Jahre in Tel-Awiw registrierten jüdischen Geburten ist der Zahl der diesjährigen jüdischen Geburten in Wien bei einer fünfmal größeren jüdischen Bevölkerung dieser Stadt gleich. Ueberhaupt ist die Geburtenziffer Palästinas die höchste in der Welt. In Palästina zählt man unter 10000 Moslems jährlich 561, unter 10000 Christen 380, unter 10000 Juden 331 Geburten. Die hohe Geburtenziffer unter den Arabern wird gemindert durch die erschreckend hohe Sterbeziffer, die im letzten Jahre zwei Drittel der Geburten betrug. Die Sterbeziffer unter den Christen betrug die Hälfte der Geburtenziffer, die unter den Juden nur etwas mehr als ein Drittel der Geburtenziffer. So kommt es, daß die natürliche Zunahme der jüdisehen Bevölkerung trotz der niedrigeren Geburtenziffer derjenigen der Moslems und Christen gleich ist.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.