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Jüdische Rundschau · 1928-09-04 · Heft 70 (4.9.1928) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 70 (4.9.1928)
Date
1928-09-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 502 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 70, 4. IX. 1928 Tolstoi im Hebräischen Von S. M e i s e 1 s. Zunächst sei ein Faktum erwähnt, das für den Kenner literarischer Strömungen und Wechselwirkungen den Reiz der Seltsamkeit besitzt: Als Nahoum Slousch, Professor an der Sorbonne, im Jahre 1899 drei Novellen von Emile Zola in hebräischer Uebersetzung und außerdem eine Zola-Biographie i!t hebräischer Sprache 1m Verlag ״Tuschifah“ veröffentlichte, da wurden beide Werkdien — in einer zu diesem Zwecke besonders hergestellten Prachtausgabe — persönlich vom Uebersetzer dem Verfasser überreicht. Zola war über diese Gabe sehr erfreut; er meinte, es sei für ihn ein erhebendes Gefühl, seine Lebensgeschichtc und einiges aus seinen Werken ״in der altehrwürdigcn Sprache der Propheten“ gedruckt zu sehen. Mit dieser Dedikation hatte Emile Zola, wie damals bekannt wurde, überhaupt zum erstenmal die hebräische Quadratschrift kennenfelernt, auch mußte er sich erst von Slousch belehren lassen, aß das Hebräische von rechts nach links geschrieben und gelesen werde. Leo Tolstoi aber verstand Hebräisch. Schon der junge Lew Nikolajewitsch studierte 1844 an der Moskauer Universität orientalische Sprachen, und noch als Vierundfünfzigjährigcr widmete sich Tolstoi mit Eifer dem Studium der hebräischen Sprache. In einem aus Moskau, November 1882 datierten Brief schreibt Tolsto׳ an Wasilij Alexejew: ״In dieser ganzen Zeit habe ich mich sehr gründlich mit der hebräischen Sprache beschäftigt und sie mir fast ganz angeeignet; ich lese und verstehe sie schon. Mich unterrichtet der hiesige Rabbiner Minor, ein sehr kluger und guter Mensch. Ich habe aus diesem Studium sehr viel gelernt.“ Nun, aus dem Umstande allein, daß ein großer Dichter und Denker sich die Kenntnis der hebräischen Sprache erwirbt, folgt noch keineswegs die Verpflichtung, ihn (sei es durch eine Uebersetzung oder *durch eine Biographie) in die hebräische Literatur einzuführen. Bei Tolstoi lag aber der Fall wesentlich anders. Leo Tolstoi stand räumlich dem hebräischen Leserkreis und weltanschaulich dem Judentum viel näher als Emile Zola. Es ist auch nicht anzunehmen, daß sich die hebräischen Leser für die ״Rougon-Macquart“ mehr interessierten als für ״Krieg und Frieden“. Und doch ward Tolstoi die Freude nicht zuteil, eine hebräische Tolstoi-Biographie in Händen zu halten. Auch von den Werken dieses ^,größten Schriftstellers der russischen Erde“ ist bei seinen Lebzeiten nur verschwindend wenig ins Hebräische übersetzt worden. Das nrutet wirklich wie ein literaturgeschichtliches Rätsel an. Die Lösung dünkt mich indes nicht schwer: Zola scheint nämlich über die Dreyfus-Affäre seinen Weg in das hebräische Schrifttum genommen zu haben. Einen sichtbare» ..!:>> ,״ auf die hen'׳aiscne Schriftstellcrwelt hat weder Tolstoi der Künstler noch Tolstoi der Apostel ausgeübt. Er teilte dieses Los mit allen andern russischen Schrift- Stellern, deren Stimme in den Geistesbezirk des Ghetto kaum hörbar einzudringen vermochte. Im hebräischen Schrifttum waren lange ihrer nur wenige vertreten. Aus der ganzen großen Haskalah-Epoche, die doch die Blütezeit der hebräischen Ueber- Setzungsliteratur war, ist der ganze Ertrag an Uebersetzungen aus dem Russischen: Krylows Fabeln und etwelche Gedichte von Puschkin. Das ist alles, und das ist wenig genug! Daß heute Werke von Gogol, Turgenjew, Dostojewski, Gorki, Korolenko, in trefflichen hebräischen Uebersetzungen vorliegen, das schafft die Tatsache nicht aus der Welt, daß die neuhebräische Literatur ursprünglich aus der russischen so gut wie gar nichts übernommen hat. Auch Leo Tolstoi begegnen wir ziemlich spät im hebräischen Schrifttum. Der russische Dichter- Philosoph hatte längst das biblische Alter überschritten, als in den hebräischen Zeitschriften, Sammelheften und Jahrbüchern die ersten ״Versuche“ über ihn veröffentlicht wurden. Seitsamerweise unterließen es gerade die bedeutendsten hebräischen Schriftsteller, sich zum Rhänomen Tolstoi zu äußern. Selbst ein Mann wie Achad Haam, dessen Geistesauge allem Großen der Zeit aufgetan war, ist an •der gewaltigen Erscheinung Leo Tolstoi achtlos vorübergegangen. In den vier Bänden von ״Al paraschath derachim“ wird Leo Tolstoi auch nicht ein einziges Mal ermähnt; wohl kommt im vierten Bande einmal der Name Tolstoi vor, aber es ist nicht der Weise von Jasnaja Poljana, sondern Graf Alexej Tolstoi. (Achad Haam läßt den Vornamen gesperrt drucken, offenbar um jedes Mißverständnis auszuschließen, als hätte er Leo Tolstoi zitiert.! ln den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sind zum erstenmal einige Tolstoische Werke in hebräischer Uebertragung erschienen: Salomo Heilperin hat die Erzählung ״Wieviel Erde braucht der Mensch?“ übersetzt (Berdyczew 1897; dieselbe Erzählung ist vor kurzem in einer neuen Uebertragung als Jugendscnrift in Tel-Avviw erschienen); in demselben Jahre erschien ״Der Gefangene im Kaukasus“, übersetzt von A. S. R a - b i n o w i t z; ״Das Kaffeehaus von Surate“ wurde von dem Schreiber dieser Zeilen ins Hebräische übertragen (die Ueber- Setzung wurde zuerst gedruckt im Londoner ,jHajehudi“ und hernach im Krakauer ״Hamizpeh“); ferner einige Volkserzählungen, die meist in Zeitschriften, selten in Buchform veröftentlicht wurden. Es waren also zunächst nur kleinere Stücke, die übersetzt wurden, und die Uebersetzer — mit Ausnahme von Rabinowitz — waren meist nur Außenseiter in der hebräischen Literatur. Die Schriftsteller von Beruf und Ruf waren damals mit etwas anderem beschäftigt. Der Meister unter den hebräisehen Uebersetzern, David Frischmann, hat vieles übersetzt; er übersetzte Tagore, Ibsen, O car Wilde, er übersetzte auch Spielhagen, aber er übersetzte nichts von — Tolstoi. Erst nach dem Tode des Dichters, vornehmlich aber in der Zeit nach dem Weltkriege, da die hebräischen Schriftsteller eine lebhaftere Uebersetzertätigkeit zu entfalten begannen, wurden die großen Meisterwerke Leo Tolstois der hebräischen Literatur einverleibt. Dank diesem Umstande kann man halte mit gutem Recht von ״Tolstoi im Hebräischen“ sprechen. Tolstoi im Hebräischen ist indes nicht der ganze Tolstoi. Wenn man die Vielfalt oder richtiger den Zwiespalt dieser übermächtigen Persönlichkeit sich vor Augen hält, so kommen einem unwillkürlich die Verse Heinrich Heines in den Sinn: Doch der Himmel gießt herunter Zwei verschied’ne Sorten Lichtes: Grelles Tageslicht der Sonne Und das mild’re Mondlicht — Also. Also leuchtete auch der Geist Tolstois zwiefach: als Künstler und als Aposfel. In der hebräischen Literatur ist lediglich Tolstoi der Künstler vertreten; von dem Apostel Tolstoi findet man darin keine Spur. Keine der Bekenntnisschriften, keine der pädagogischen, der religiös-ethischen und der kritisch-philosophisehen Schriften Tolstois liegt bisher in einer hebräischen Uebertragung vor. Dagegen sind die Meisterwerke des Dichters Tolstoi jetzt fast sämtlich im Hebräischen vorhanden. Es übersetzten: A. S. Rabinowitz ״Der Tod des Iwan Iljitsch“ (erschienen in der Sammelschrift ״Jephet“, Jaffa 1911); Tobias L e w i n ״Die Kreutzersonate“ (Pinsk 1912V; D. Simonowitz ״Chadshi Murat“ (Moskau 1918) und ״Die Kosaken“ (Warschau 1922); J. Ch. Brenner ״Der Herr und sein Knecht“ (Jaffa 1919); J. A. Triwosch ״Anna Karenina“ (Warschau 1921/1922) und ״Krieg und Frieden“ (Warschau 1921—1924). Wir haben also hier (bis auf ״Auferstehung“ und die Dramen) so ziemlich alle Meisterschöpfungen Tolstois beisammen. Von der vor Jahren geplanten hebräischen Ausgabe der Gesammelten Werke Tolstois ist nur der erste Band erschienen; er enthält die autobiographische Geschichte ״Kindheit“ und als Einleitung die biographische Skizze ״Lew Nikolajewitsch Tolstoi“ von J. Ch. Rawnitzki sowie den Essay ״Tolstoi der Künstler“ von Baal-Mac 11 schowes. Internationaler Orientalistenkongreß in Oxford Die ״Vossische Zeitung“ berichtet aus Oxford: In Oxford wurde der internationale Orientalistenkongreß durch einen feierlichen Empfang seitens der Universität eröffnet. Der großen Bedeutung des Kongresses entsprechend, nimmt eine stattliche deutsche Forscherdelegation unter Führung des preußischen Kultusministers Dr. Becker, der ja ursprünglich Orientalist ist, am Kongreß teil. Unter den deutschen Teilnehmern seien u. a. noch Littmann (Tübingen), - Kahle (Bonn), Fischer (Leipzig), Spiegelberg (München), Hartmann (Heidelberg), Horovitz (Frankfurt), Wreszinski (Königsberg) erwähnt. Im Mittelpunkt der ersten Sitzung stand als erster Vortrag, dem die längste Zeitdauer aller Kongreßvoiträge zugebilligt war, das Referat des Orientalisten A, S. Y a h u d a (Heidelberg), der bis vor kurzem eine Professur an der Universität Madrid bekleidet hat. An der Hand eines großen Tatsachenmaterials legt Yahuda die Beziehungen zwischen der Sprache des Pentateuch und dem Aegyptischen dar. Seit langer Zeit «treiten, sic|,fd%,BibelkjittKer, ühw das,AltQf:des,.B0tttat«1chj»11nd Hie allgemeine Ansicht geht dahin, daß der Pentateuch, aus, einer ', viel späteren Zeit stammt als aus der Zeit Mosis. Yahuda geht nun von rein sprachlichen Gesichtspunkten aus, ohne sich auf bibelkritische Fragen einzulassen, und beweist, daß der Stammdialekt von Kanaan, den die nach Aegypten eingewanderten Israeliten gesprochen haben, sehr zahlreiche ägyptische Elemente an Lehnwörtern und Aegyptizfsmen aller Art in Ausdrücken, Redensarten, formelhaften Sätzen usw. aufweist. Yahuda gelangt zu dem Ergebnis, daß dieser Dialekt unter dem Einfluß der hochentwickelten ägyptischen Sprache während des Aufenthaltes der Israeliten in Aegypten (etwa 15. bis 13. Jahrhundert vor Christus) in raschem Anstieg seine Entwicklung zu der literarisehen Sprache des Pentateuch genommen habe, und schließt dann daraus, daß der Pentateuch nur um die Zeit des Auszuges der Israeliten aus Aegypten entstanden sein kann. Bei seiner sprach'iehen Untersuchung des Pentateuch stellt Yahuda unter anderem fest, daß zwar der Rahmen der Genesissagen und Patriarchenerzählungen zu 20 v. H. babylonisch sei, während der Inhalt vieler dieser Erzählungen dem ägyptischen Legenden- und Vorstellungskreis entstamme. Insbesondere klärt Yahuda scheinbare Widersprüche in der Sintfluterzählung aut. Die Darstellung der Sintflut als Regensturz ist dem babyionischen Vorstellungskreis entnommen, während die im zweiten Monat ansteigenden Fluten, die eine große Ueberschwemmung verursachten, zeitrechnungsmäßig genau mit Beginn und Dauer der Ueberschwemmung des Nils während eines Jahres übereinstimmten, also in Aegypten entstanden sein müssen. Die ausführlichen Ergebnisse seiner Forschungen behandelt Yahuda in einem Buch über ״Die Sprache des Pentateuch in ihren Be- Ziehungen zum Aegyptischen“, das im Laufe des nächsten Monats in Berlin erscheinen wird. * Der Kongreß hat sich mit verschiedenen Fragen des Alten Testamentes, der hebräischen, aramäischen und rabbinischen Studien befaßt. Zahlreiche jüdische Gelehrte aus Deutschland, Palästina, den Vereinigten Staaten und anderen Ländern sind zu den Beratungen eingetroffen. Die 7. Sektion des Kongresses beschäftigte sich ausschließlich mit Themen jüdischer Wissenschaff. In dieser Sektion hat Dr. Daiches über die Bedeutung des Wortes ״Am haarez“, Prof. Yahuda über den Ur- Sprung der hebräischen Sprache, I. Coh e n über die semitischen Verba, Pere Mallon über das Jerusalem der prähistorischen Zeit, Dr. Salomon Z e i 11 i n über den slavonischen Josephus und Jossipon, Prof. Arazalak über die portugiesische hebräische Grammatik, Reuben L e v y aus Cambridge über Joseph und Zuleika, Prof. Albright über die Eroberung Kanaans, Prof. E i s f e 1 d t über die semitische Auffassung und Benennungen Gottes Vorträge gehalten. Auf dem Kongreß, haben ferner über jüdische Themen Prof. J. Levey, Dr. HirschfeId, Dr. Morgenstern, Dr. Jacob, Dr. Kaminka u. a. m. Referate gehalten. Vom Mosik-Enttinsiasrnns In Palästina Bei der Veranstaltung des Komitees zur Förderung des jüdischen Musiklebens in Palästina (am 31. August in den Räumen des Joint), dessen Präsident, Professor Adolf Weißmann, zu einem Vortrag von Professor David Schorr (Tel-Awiw) einlud, hinterließ den stärksten Eindruck die ergreifende Schilderung des musikalischen Enthusiasmus, der sich, insbesondere beim palästinensischen Arbeiter, einem Naturtrieb gleich äußert. Schorrs Ausführungen wurden in lebendigster Weise durch Menaphe Rabinowitz, den Musikreferenten des ״Dawar“, und Frau Manja Schochat ergänzt. Sie berichteten, daß die Musik dort als elementares Lebensbedürfnis auftritt, dem man gelegentlich sogar primäre Existenznot- Wendigkeiten opfert. Aus dieser Begeisterung und der Initiative Schorrs ist das (von ihm geleitete) Musikinstitut Beth-Lewiim in Tel-Awiw hervorgegangen. Das pädagogische Hauptziel ist, wie der Prospekt argibt, die ״Vermittlung musikalischen Fachkönnens und möglichst breiter, allgemeiner musikalischer Ausbildung. Die Lehrkräfte — fast alle höhere musikalische Bildung besitzend — sind imstande, in den meisten Fächern die Kenntnisse eines Konservatoriums-Programms den Schülern zu vermitteln. Besonderer Nachdruck wird gelegt auf theoretisches Wissen“. Die Schule arbeitet an den Grundlagen einer musikalischen Volkskultur durch Arbeiterkurse, Vorträge, Einrichtung von Chören und Orchestern, von Lehrerkursen, die auch den Laien instand setzen sollen, das Verständnis für gute Musik dem Volk zu übermitteln. Diese wertvolle Kulturarbeit krankt an dem Fehlen der nötigsten finanziellen Mittel. Der Arbeiter kann nichts zahlen, trotzdem muß der — auf kooperativer Grundlage arbeitende — Lehrkörper honoriert werden. Prof. Weißmann sagte auf Grund ,seiner Ucberzeugung von der Notwendigkeit der %5|h|i|fungs ejpsr. MupkN^ir ,in I*äl39tina..sri»e Hilfe zur «Erfängujig dff notwendigsten. Geldmittel zu. Die Diskussion beschäftige sich noch mit Sandbergs Projekt eines ״Internationalen Musikfestes in Palästina“. Weißmann forderte, daß dieses Fest sich, um Existenzberechtigung zu haben, von anderen Musikfesten abheben, auf die übliche virtuose Repräsentation verzichten und Kompositionen einer originalen jüdischen Wesensart, wie etwa die von Mordechaj Sandberg, aufführen müsse. Rabinowitz vertrat den Standpunkt, daß der Hauptakzent auf pädagogische Kleinarbeit am Volke zu legen sei. ln der Tat kann man sich nach der geschilderten Situation ein Bild davon machen, vor wie viele und wie schwere Aufgaben sich der Musikpädagoge in Palästina gestellt sieht. Die Musik des Golus ist nicht mehr adäquater Ausdruck dieser Menschen, aber die neue nationale Kunst ist auch noch nicht da. Wie soll sich der Musiklehrer dazu verhalten? Er ist diesem neuaufbrechenden Enthusiasmus ausgeliefert. Das Volk will Musik — nicht nur Volksmusik, sondern hochentwickelte Kunstmusik, ja sogar theoretische Bildung, Historisches, Polyphonie — also eine reguläre Musikkultur. Alice Jacob-Loewenson. Und alle Gerichte brachte sie in Aufruhr mit ihren Klagen. Und das ״Ende“ ließ nicht auf sich warfen. Es traf ein nach Monatsfrist mit dem Eintreffen der ״Ersten“. Damals wurde Luna zum Oericht vorgeladen wegen des Scheidebriefes. Ganz verschieiert ging sie dorthin. Es war ein trüber Tag, Regen und Schmutz. Bussah Sanbul folgte ihr. Sie sprach vor sich hin und legte sich in der Bitternis ihres Herzens die Forderungen zurecht, die sie bei den Richtern Vorbringen wollte. Als sie zum Gericht kamen, hörten sie aus dem inneren Zimmer, dem Sitzungsraume der Richter, die rohe Stimme Muh Obadjahs und das verzweifelte Schreien der ״Ersten“. Und dazwischen auch die heftigen Worte anderer. In dem Außenzimmer, bei der verschlossenen Tür zum Sitzungsraum, standen Männer und Frauen und horchten aufmerksam. Innen schwollen die Stimmen nacheinander an, überschlugen sich (man schrie laut bucharisch durcheinander) und dann wurde es wieder still. Luna saß bleich in einer Ecke. Mit klopfendem Herzen erwartete sie ihr Urteil. Ein schrilles Schreien drang von drinnen heraus. Die ״Erste“ schrie bucharisch auf: ״Ohne Heiratsverschreibung! Ohne Heiratsverschreibung soll er sich trennen!“ Die Tür wurde lärmend geöffnet. Die Gerichtsdiener führten die Schreiende in das Außenzimmer hinaus. Sie erhob laut Einspruch und lehnte sich dagegen auf. Luna betrachtete die Frau, ein fleischiges Weib mit einem flammendroten Gesicht und aufgelösten Haaren unter dem roten Tuch. Furcht fiel auf sie und sie drückte sich unwillkürlich an die alte Bussa Sanbul wie ein Kind, das sich vor einem seltsamen Geschöpf fürchtet. Eine Bucharin, die sich bemühte, die ״Erste“ zu beruhigen, zeigte mit dem Finger auf Luna. Im Augenblick ftieß die ״Erste“ alle, die ihr im Weg standen, beiseite und sprang auf Luna zu. Ihre Augen funkelten. Mit beiden Händen schlug sie Luna ins Gesicht und mit schrecklichem Schrei stieß sie heraus: ,Hure! Hure!“ Luna fiel rücklings. Und sie rissen die ״Erste“ fort und brachten sie hinaus. Sie schrie noch immer wie eine Wahnsinnige. ״Sie wird ohnmächtig! Sie wird ohnmächtig!“ rief Bussa Sanbul über Luna aus. Dabei rang sie die Arme und schluchzte und schrie. Luna ermannte sich. Cie erhob sich vor dem ganzen Haufen, der sich um sie drängte, und sagte: ״Ich bin nicht ohnmächtig.“ Man führte sie vor die Richter und mit ihr Bussa Sanbul. Der Vorsitzende des Gerichtes begann mit betrübter Stimme vor der Alten, die laut für Luna klagte, und sagte ernst: ״Siehe, gute Jüdin, die Angelegenheit ist aufgeklärt. Es ist erkannt, daß dieser Betrüger Taten vollführte, die nicht verübt vNrden dürfen.“ ״Ich bin kein Betrüger!“ schrie Mula Obadjah protestierend, ״durch ,Trauung‘ nach dem Gesetz Moses’ und Israels habe ich sie geheiratet!“ ״Er hat sie geheiratet“, fuhr der Raw fort, ״und jetzt muß er sich sogleich von ihr scheiden. Aber dieser Betrüger besitzt kein Geld. Kein Pfennig gehört ihm. Etwas Geld, das er auf der Bank hat, legte der Neffe für das Grundstück mit Beschlag, das dieser betrügerische Onkel aus dem Nachlasse seines Vaters verkauft hat, und für die Miete, die dieser reiche Herr während der Zeit in Empfang nahm. Kurz: die Geschichte ist übel und die Entweihung Gottes groß. Daher haben wir folgendes Urteil gefällt: Er soll ihr allen goldenen Schmuck und alle Kleider, die er für sie machen ließ, geben und von diesem Herrn, dem Neffen, ziehen wir noch fünfzehn Pfund Sterling ab. Und das ist die Heiratsverschreibung. Es nehme die liebe Frau diese Summe und den Scheidebrief. Und der Herr, er sei gelobt, möge sich ihrer erbarmen.“ Bussa Sanbul erhob Einwand: ״Wie? Solche Taten werden verübt. Solche Taten und in der heiligen Stadt Jerusalem. Was soll diese Waise anfangen? Und sie... so... in anderen Umständen?“ ״Das Recht ist bei dir, Mutter, das Recht ist bei dir. Aber was sollen wir mit den Betrügern machen?“ Nach zwei Stunden verließ Luna das Gericht, den Scheidebrief in der Hand. Mit ihr ging Bussa Sanbul. Sie seufzte. In der Hand trug sie die Schmucksachen und ein Bündel mit dem Gelde, das Luna von dem Gericht zugesprochen war. Ein Lastträger, der den Kasten mit den Kleidern Lunas trug, schritt gebeugt hinter ihnen her. Sie kamen nach Haus. Die beiden Frauen saßen da und verharrten in Schweigen. Luna saß, in die Ecke des Sofas gelehnt, mit starrem und stummem Blick. In der Fülle der Gefühle, die in dieser Stunde ihr§ Seele überströmte, fühlte sie an ihrem ganzen Wesen die Ruhe des Sieges, wie nach einem schweren Kampfe. Wie fern und wie ersehnt schien ihr der Tag der Befreiung von jenem verhaßten Bedrücker. Wirklich, sie hatte nicht geglaubt, daß sie, die Arme, die Schwache, ihn zu bewältigen vermöchte, ihn, den rohen Betrüger. Und doch war der Tag gekommen. Und sie neigte ihr Haupt vor ihrem Schöpfer wegen ihrer Erlösung und Errettung.’ Und als Bussa Sanbul Luna stumm und in Gedanken versUnken sah, begann sie ihr tröstend zuzusprechen: ״Gott möge dich für alle Zukunft vor bösen Tagen bewahren, meine Liebe. Versinke nicht in Sorge. Oh, oh, wehe und aber wehe unserer Seele! Was ist das Leben des Menschen? Ein Schiff mitten im stürmenden Meer. Ja, so ist es. Wie ein Schiff im Meer. Und wenn ein Feuer auf dem Schiff ausbricht, dann springen die Menschen in das Meer.“ Luna antwortete ruhig. ״Nein, Tante, ich verzehre mich nicht vor Sorge. Der Feuer und Wasser schafft, kann auch aus Feuer und Wasser erretten. Er hat, so glaube ich, über mich bestimmt, daß ich ein Leben von Mühe und Arbeit lebe. Süß wie Honig wird mir dieses Leben nach meiner Erlösung sein. Wenn nicht meinetwegen, wegen — wegen des Geschöpfes, das da kommen wird. Ich vertraue auf das Werk Seiner Hände. Er, der die neue Seele sendet, Er wird mich lehren den neuen Weg.“ ______

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