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Jüdische Rundschau · 1928-09-04 · Heft 70 (4.9.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 70 (4.9.1928)
Date
1928-09-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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UNTERHALTUNGSBEILAGE 4. September 1928 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Lew Tolstoi (Zu seinem 100. Geburtstag am 9. September.) Von Sch. Gorelik. Einige Jahre vor seinem Tode fragte Tolstoi den Japaner Toku-Tomi, der ein Anhänger der Tolstojanischen Ideen war und zu Besuch in Jasnaja-Poljana weilte: ״Wissen Sie, wie alt ich bin?“ ״Sie werden in diesem August 78 Jahre sein“, antwortete der japanische Jünger. ״Nein, 28“, erwiderte Tolstoi. Er zählte seit seiner Neugebürt nach der geistigen Krisis. Er wollte nur dieses Datum gelten lassen, er anerkannte sich nur von diesem Moment als geboren. Sein früheres Leben, jene gewaltigen Leistungen, die er als Künstler vollbracht hatte, schienen ihm nicht der Erwähnung wert. Zwar überfielen ihn auch in den Jahren, in denen er noch weit davon entfernt war, mit seiner religiösen Propaganda vor die Welt zu treten, starke Zweifel an der Wichtigkeit seiner künstlerischen Tätigkeit. Dem russischen Schriftsteller und Slawophilen Stachowitsch schreibt er über den Roman ״Anna Karenina“: ״Mir kommt alles häßlich vor, was ich geschrieben habe, und jetzt liegen die Korrekturbogen für das April-Heft (der Roman wurde zuerst in einer Monatsschrift gedruckt) vor und ich fürchte, nicht imstande zu sein, die Aenderungen vorzunehmen. Alles ist dort schlecht und alles muß man ändern, alles was gedruckt worden ist, und alles streichen.“ ״Und davon lassen und sagen: Entschuldigen Sie, ich werde nicht mehr Derartiges tun.“ Das ist nicht der bekannte, der berechtigte Zweifel großer Künstler, die um die Vollkommenheit ihres Werkes ringen, sonc'-.n der Zweifel an der Bedeutung der Kunst überhaupt. Hier ist der Beginn des inneren Kampfes, der mit einer völligen Ablehnung der Kunst endete, wenngleich auch Tolstoi sich hierin öfters widersprach. So las er einmal seinen Angehörigen den ״Chadzi-Murat“ vor, eine Meistererzählung, die er in den letzten Jahren seines Lebens geschrieben hat; bei einer Stelle hielt er inne, schloß die Augen und sagte: ״Das habe ich gut gemacht.“ Solche Widersprüche kamen aber bei Tolstoi immer seltener vor, und wie weit seine Ablehnung der Kunst ging, kann man aus seinem Buche ״Ueber Kunst“ sehen. Der Moralist siegt endgültig über den Künstler. Die Bemerkung, die er gegenüber dem Japaner über sein wirkliches Alter machte, ist der Ausdruck seiner tiefen Erkenntnis, daß nur seit seiner geistigen Neugeburt er der Menschheit nützen konnte. Aber welches Datum nimmt die Welt, die Menschheit an? Was hält sie für wichtiger: ״Krieg und Frieden“, ״Anna Karenina“, oder: ״Worin ist mein Glaube“, ״Meine Beichte“? Es ist nicht leicht, auf diese Frage zu antworten. Angesichts des allzu geringen Erfolges/ den große Mahner, Propheten und leidenschaftliche Moralisten mit ihren Prcdigten haben, sollte man meinen, daß bei der Wahl zwischen einem Künstler und einem Moralisten dem ersten der Sieg zufallen wird. Andererseits aber leuchtet es ein, daß die Wirkung selbst eines großen Kunstwerkes beschränkt, begrenzt ist. Es veredelt unseren Geist, spendet nicht nur hohen Genuß, sondern auch Trost, aber nicht mehr. In den entscheidenden Momenten unseres Lebens, wenn wir Rettung brauchen, ist es nicht der Künstler, an den wir uns wenden. Es ist merkwürdig, daß die vollendeten Kunstwerke, die großen Romane Tolstois, bei weitem nicht denselben Einfluß auf die europäische Literatur hatten, wie die Werke Dostojewskis, während man in den entferntesten Teilen der Welt doch Menschen finden kann, auf die die religiösen und sozialen Schriften Tolstois derart aufwühlend wirkten, daß sie ihrem Leben eine ganz andere Richtung gaben. Es fehlte seinerzeit nicht an guten Ratgebern in Rußland wie in Europa, die Tolstoi klarzumachen versuchten, daß man seine Kunstwerke begehre, daß die Nachwelt an den genialen Verfasser des ״Krieg und Frieden“ mit Bewunderung denken werde, aber nicht an seine moralischen Schriften. Skeptiker, geistreiche Essayisten tonnten ein Lächeln nicht unterdrücken bei der Wahrnehmung, wie sich der alte russische Graf abmühte, durch Moralpredigten die Welt und die Menschen zu ändern. ״Der aufgefrischte Rousseau“ nannte ihn einer, der in den Worten: ״Wenn ich Mitleid mit dem abgemarterten Pferd habe, auf dem ich reite, ist das Erste, was ich zu tun habe, herunterzusteigen und zu Fuß zu gehen“, — nicht gerade Neues finden wollte. Wie irrten sich diese Ratgeber, diese Kunstfreunde und Skeptiker! Der Eindruck, den Tolstoi in der Welt hinterließ, als er in jener Winternacht aus Hof und Haus auf die Wanderttng ging, war stärker als die Eindrücke all seiner Romane. Nach dem Tode Tolstois verharrte die ganze Welt eine Weile in Stille und Ergriffenheit, und man dachte nicht an den genialen Romanschriftsteller, sondern an den großen Kämpfer, an den tapferen Wahrheitssucher, an den, der nicht müde wurde, die Falschheit, die Lüge der heutigen Gesellschaft aufzudecken. Groß ist der Genuß, den uns seine Romane und Novellen vermitteln, aber nur ״Meine Beichte“ erschüttert. Es gab viele Menschen, die ihr Leben nach der Lektüre dieses Buches änderten. Und es waren auch solche, die den Märtyrertod gegangen sind, weil sie nach Tolstois Grundsätzen leben und handeln wollten (wie z. B. der Lehrer Droszin, der den Militärdienst verweigerte und solange von Gefängnis zu Gefängnis geschleppt wurde, bis er starb). Ueber den Weg, der nach Jasnaja-Poljana führte, zogen immer Pilger, die ihr heißes, durstiges Herz vor Tolstoi öffnen und ihm alles beichten wollten. Der göttlich schöne, kranke Schriftsteller Garschin schwang sich eines frühen Morgens auf ein Pferd und ritt einen Tag lang nach dem weltberühmten Dorf, in der Hoffnung, bei Tolstoi Rettung zu finden. Unter den Pilgern, die nicht nur Neugier trieb, konnte man Greise, Gelehrte, Studenten aus Tokio, Buddhisten aus Kalkutta und auch einen entlassenen Zuchthäusler finden. Sie alle gingen mit ihren brennenden Fragen nicht zum Künstler Tolstoi, sondern zu dem Prediger des Lebens in Wahrheit. Für alle diese Fragenden hatte Tolstoi nur eine Antwort: Ein jeder fange bei sich selber an. ״Unmöglich“, antwortete auf eine solche Zumutung die Wissenschaft. Der Mensch besitzt nicht soviel Freiheit, soviel Macht über sich. Die Erneuerung der Gesellschaft auf diese Weise ist eine Utopie. Wir wissen, daß Tolstoi sich dann von der Wissenschaft lossagte, wie er sich auch von der Kunst abwandte. Mit seiner Lehre, mit seinem Glauben an die Möglichkeit einer Weltverbesserung durch die moralische, geistige Tat des Einzelnen ist dem Menschen jedenfalls viel mehr Ehre, Ermunterung erwiesen worden als durch die Theorie, die den Menschen zum bloßen Werkzeug blinder materialistischer Gesetze degradierte. Ei» gnoßer - Selbstüberwinde^ War Tolstoi, Seip, Leben, war ein steter Kampf mit sich selbst. Schritt für Schrift rang er sich durch. Nicht auf einmal, sondern etappenweise, allmählich streifte er von sich, was ihm hohe Geburt und Reichtum ins Leben mitgegeben hatten. Er wollte werden wie der Bauer Karatajew, den er in ״Krieg und Frieden“ geschildert hat, wie Karatajew׳, der ein Heiliger war, ohne es zu wissen. Tolstoi fuhr einmal mit seiner Tochter durch ein Dorf und sagte zu ihr: ״Das zweitemal werde ich hier schon zu Fuß herumgehen, werde mit meinem Stöckchen an die schmalen Fenster klopfen und gute Menschen werden mir Brot reichen.“ Tolstoi litt, schämte sich, daß es ihm nicht gelang, wie andere mehr Begnadete sich mit einer einzigen Anstrengung von den Ketten eines privilegierten Lebens zu befreien. Zuletzt aber hielt er es doch nicht aus und floh in einer finsteren Winternacht, barhäuptig. Edel sah die Welt in jenen denkwürdigen Tagen aus, als man überall in tiefster Andacht von Tolstois Flucht aus Jasnaja-Poljana und seinem Tod auf der Station Ostapowo sprach. * An dieser Stelle ist vor allem ein Wort darüber zu sagen, welcher Art Tolstois Einfluß auf die jüdische Intellig e n z in Rußland gewesen ist. Tatsächlich wirkte der Tolstoianismus auf die jüdische Intelligenz fast gar nicht. Das hatte seine Gründe. Als Tolstoi mit seinen sozialethisehen Bekenntnissen, die eine tiefe religiöse Grundlage hatten, sich in zahlreichen Schriften an die Gesellschaft wandte, als er die Gewaltlosigkeit predigte, über den Sinn des Lebens, über die Idee der Wahrheit schrieb, erging zu gleicher Zeit von den bedeutenden Repräsentanten des russischen Schrifttu ms und der russischen Geistigkeit ein anderer Ruf, ein Ruf nach Kampf für die Ideen der Freiheit, für die Ideen der Gerechtigkeit. Die ganze russische Intelligenz nahm diese Kampflosungen auf, grübelte nicht über Wahrheit, über den Sinn des Lebens, und entbrannte hauptsächlich für die Ideen der Gerechtigkeit. Die jüdische Intelligenz in Rußland mußte nach der ganzen Lage der Dinge dorthin gehen, wo über politische Freiheit gesprochen und geschrieben wurde. Turgenjew, insofern in seinen Werken der Geist der Zeit verkörpert wurde, die Werke der Kritiker Tschernisehewski, Dobroljubow und Pisarjew, dann die Literatur der sögenannte.1 Narodniki und später des westeuropäischen Sozialismus, das waren die Richtungen, unter deren Einfluß das Gros der jüdischen Intelligenz stand. Tolstois Propaganda fand zuerst Verbreitung in gewissen Kreisen des Adels und in den religiösen Sekten der Bauern. Das heißt nicht, daß einzeIne jüdische Intellektuelle sich nicht zum Tolstoianismus bekannt haben. Einer dieser Enthusiasmierten war Tenoremo (wenn ich nicht irre, dem bürgerlichen Namen nach Freimann), der zu Tolstoi nach Jasnaja-Poljana kam, eine Zeitlang als einfacher Bauer arbeitete und sich schließlich taufen ließ. In den Tagebüchern und Briefen begegnet man Stellen über Tenoremo, nicht gerade besonders schmeichelhaften. Tolstoi konnte sich nicht verzeihen, daß er sich überreden ließ, Tenoremos Taufvater zu sein. Tenoremo wurde im übrigen später durch die zahlreichen von ihm veröffentlichten Erinnerungen an Tolstoi berühmt. Viel stärker war der Tolstoianische Einfluß auf gewisse jüdische Gruppen, die sich der jüdischen nationalen Idee zuwandten. Die Abkehr von der großen Stadt, die Idealisierung des ländlichen Lebens, der primitiv-idyllische Dorfkommunismus, all diese Momente, die wir heute vielfach in Erez-Israel In unserer Kwuzah finden, sind ähnlich denen in den Tolstoianischen Kolonien, die in Rußland und in anderen Ländern gegründet worden sind. Figuren wie A. D. Gordon oder der träumerische Enthusiast H a 1 p e r n erinnern in vielem an manche Tolstoi-Jünger. Wie steht es mit der Beziehung Tolstois zu den Juden und zum Judentum im allgemeinen? Vom Judentum, von jüdischer Ethik wußte er, wie er vom Buddhismus, vom Konfuzianismus wußte. Er nahm hebräische Stunden bei dem Moskauer Rabbiner Minor und korrespondierte mit dem jüdischen Gelehrten Getzoiy, Zu seinen Freunden gehörte der' bekannte Klavierspieler GoMenweiser, der sdir viel in Jasnaja- Poljana weilte. Sonst aber ist er Juden wenig begegnet. Tolstoi lebte den größten Teil, man kann sagen fast sein ganzes Leben, in Jasnaja-Poljana, im Gouvernement Tula, das außerhalb des jüdischen Siedlungsrayons liegt. Jüdische Lebensart hat er niemals Gelegenheit gehabt zK beobachten. Er ist einer von den wenigen russischen Schriftstellern, in deren Werken keine jüdischen Typen geschildert sind. Als nach dem Kischincwer Pogrom Tolstoi versäumt hatte, seine Stimme zu erheben und seinen flammenden Protest auszudrücken, nahmen es ihm viele Juden sehr übel. Auf die Vorwürfe, die man ihm darüber machte, antwortete Tolstoi in seinem bekannten Brief. Aber auch ohne ihn lag übrigens kein Anlaß vor, Tolstoi einer Judenunfreundlichkeit zu verdächtigen. Die geistige und ethische Höhe, auf der er stand, schließt einen solchen Verdacht aus. ״Genie und Wahrheit“, Handbuch der praktischen Leben•- Weisheit, betitelt sich ein mehrbändiges, großangelegles enzyklopädisches Werk, das der Weltbücber-Verlag, Berlin-Friedenau, demnächst herausbringt. Jchuda Burla: Luna Aus dem Hebräischen übersetzt von Erich Brauer. Nadkdradt «rbotu (Schluß.) Dieses dumme Weib, von dem Tage an, wo er sie geheiratet hatte, hatte sie ihm auch nicht einen Tag Freude gemacht, nicht einmal. Alles war Stolz bei ihr, Stolz und Verachtung. Drei Monate hatte er dazu geschwiegen, er dachte: sie wird sich ändern. Aber sie versteifte sich noch mehr auf ihre Auflehnung, in der sie sich erdreistete, so gegen ihn auszuschlagen. Ihm schien es vom Himmel bestimmt zu sein, daß er kein Glück mit den Weibern habe. Die erste, Dina, hatte sich wie ein wildes Tier über jede Kleinigkeit erbost. Und er konnte nichts gegen sie tun wegen ihrer reichen Verwandtschaft. Aber Luna war ein armes Mädchen. Er hatte geglaubt, daß sie nicht gegen ihn überheblich sein würde, sondern daß er Behagen an einer jungen, lieben Frau finden würde. Aber auch sie war ein böses Tier. Und ihre Bosheit fraß an ihr, daß sie abmagerte. Und woher kam ihr Stolz? Was war der Grund für ihr Schweigen und ihre Tränen? Warum gehorchte sie nicht, wie es die Art aller• Frauen ist? Ist er nicht ihr Herr? Und wie sie sich vor ihm erdreistete! Ganze Tage sieht sie ihn nicht an. Eine Schande für ihn. Welcher Mann erniedrigt so sich selbst? Die Sephardinnen sind ganz anders als die Bucharinnen. Bei ihnen ißt keine Frau zusammen mit ihrem Manne, ehe er selbst gegessen hat. Und er rief sie immer, mit ihm am Tisch zu essen, aus einer Schüssel. Und sie ist noch stolz. Man darf den Frauen nicht nachgeben. Und sogar Dina besaß nicht einen so schlechten Charakter wie diese und solchen Stolz. Wenn er ihr sagte, ihm die Strümpfe auszuziehen, rümpfte sie die Nase, als wenn das nicht eine Beschäftigung für die Frauen sei, ihren Männern die Strümpfe auszuziehen. Und alles verrichtete sie, als ob ein Gespenst sie zwänge, als ob er nicht ihr Mann wäre. Ein Weib, das überhaupt nichts Weibliches hat! Und wie redete sie gestern? Sie könne nicht sein Gesicht sehen.... Diese Niedertracht!! Wieviel Geld hatte er für sie ausgegeben! Das Stück Feld, das hinter dem Garten lag, verkaufte er, um ihr Putz machen zu lassen. Und was kostete die Hochzeit! Und sie: seine Liebe vergalt sie mit Haß. Und wie würde sein Neffe über ihn fluchen, weil er, sein Onkel und Vormund, das Grundstück verkauft hatte. Und er, der Neffe, wird bald kommen. Das alles tat er für sie, und dafür strafte sie ihn mit Stolz. Nein! von jetzt an wird er anders mit ihr umgehen. Viele Pläne ruhen in der Brust eines Mannes. Er hatte daran gedacht, seine tausend Rubel zu holen und hier einen Laden aufzumachen, um mit dieser Frau in Behaglichkeit und Ruhe zu leben. Denn Dina würde nicht hierher kommen. Sie wollte ihre Verwandt- Schaft nicht verlassen. Und nun ist auch die widerspenstig. Aber der wird er Vernunft beibringen. Sie hat keine reichen Verwandten hinter sich. Er wollte sie Schweigen und Demut lehren. ״Wenn es dir nicht paßt,“ würde er sagen, ״bitte geh’.“ Dieses dumme Weib. Ist sie etwa die einzige Frau auf der Welt? Und sie, was ist an ihr, was bleibt an ihr? Nicht Schönheit und nicht Reiz. Diese Undankbarkeit!! Er sorgte für ihre kleinenGcschwister, für ihre Großmutter, und Böses vergalt sie ihm für Gutes. Er würde sie lehren. Er würde ihr Verstand beibringen. Zwei- oder dreimal war Luna durch das Zimmer gegangen. Sie trat ein und ging hinaus. Er tat, als sähe er sie überhaupt nicht. Sic machte sich daran, das Zimmer zu säubern und aufzuräumen. Zuletzt fragte sie ihn mit demütiger Stimme: ״Wann bringt man Mehl? Der Sack ist schon zu Ende.“ ״Du bist nicht meine Frau!“ fuhr Obadjah sie laut an. ״Du schlechtes Weib! Geh’! Geh’ zu deiner Großmutter, Undankbare!! Soll ich mich noch etwa deiner annehmen? Bin ich etwa nicht Fleisch und Blut? Geh’ sogleich zu deiner Großmutter. Dort wirst du Mehl bekommen. Geh’ und suche dir einen besseren Mann als mich. Geh’ fort.“ Obadjah fühlte bei jedem Aufschreien, das sein Blut in Wallung brachte, daß er erst jetzt das richtige Maß und den geeigneten Ton gefunden hatte. So mußte es sein! Luna ließ sein Geschrei über sich ergehen. Einen Augenblick erwog sie in ihrem Innern, dann antwortete sie mit Gelassenheit, wie eine, die sich dem Urteil unterwirft: ״Gut, ich werde gehen.“ ״Und sogleich und auf der Stelle?“ fuhr Obadjah sie an lind stand auf. Sie trat in das hintere Zimmer und schickte sich an, ihre Kleider zusammenzulegen. Obadjah folgte ihr und sah, daß sic ihre Sachen zusammensuchte und ordnete. Er stampfte mit dem Fuße auf: ״Mit wessen Erlaubnis nimmst du das? Alles laß zurück. Wie ich dich genommen habe: bloß bist du gekommen, bloß magst du gehen!“ Luna zog ihren Mantel an und sagte schluchzend: ״Gut, ich will auch so gehen.“ Und sie wandte sich zum Gehen, ohne auch nur die Tränen von ihren Wangen zu wischen. Wie erstarrt stand Mula Obadjah da. Er keuchte schwer und sagte: ״Du wirst noch einmal zurückkehren, um meine Fußsohlen zu küssen, Luna!“ ״Du wirst es nicht erleben“ — antwortete Luna, ohne sich umzuwenden. Und sie ging und schloß nicht die Tür hinter sich. XL Nach einem Monat kam ein junger Mann, der achtzehnjährige Neffe Mula Obadjahs, um das Erbe seines Vaters anzutreten. Als er sah, was ihm da alles von seinem Onkel angetan worden war, da ließ er wissen, daß er, sein lieber Onkel, noch eine Frau in Buchara habe. Als Luna, die damals iin Hause Bussa Sanbuls, ihrer Bekannten, wohnte (Bussah Blanka, ihre Großmutter, lag seit einigen Wochen iip Krankenhaus), davon hörte, sagte sie nur: ״Jetzt kommt das Ende.“ Aber Bussa Sanbul machte sich auf und bemühte sich eifrig wegen der unglücklichen Frau, der verlassenen Waise Luna.

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