Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 69 (31.8.1928)
- Date
- 1928-08-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 494 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 69, 31. Vm. 1928 Lunaisdiarski über die Judenfrage in Sowjet «Rußland Da* Wirken der ״J«w»ek*ia“ Unser Gesinnungsgenosse Dow Fischei, Vertreter jüdisch-polnischer Zeitungen, stellt uns ein Interview zur Verfügung, das ihm der in Wiesbaden zur Kur weilende Volkskommissar für Kunst und Wissenschaft, Anatol Lunatscharski, gewährt hat. Wir entnehmen daraus folgende interessanten Abschnitte: Zur Frage des Antisemitismus in Rußland erklärte Lunatscharski, daß die in der ausländischen Presse darüber verbreiteten Nachrichten hauptsächlich den Zweck haben, die Sowjetregierung zu diskreditieren. Es gibt in Rußland keinen Regierungsantisemitismus. In den Kreisen des Kleinbürgertums, ungebildeter und unwissender Bauern und Arbeiter, mögen wohl Schiinpfwortc über Juden fallen. Dieser tief im Volke wurzelnde Judenhaß ist von den früheren Regierungen eingepflanzt w׳ordcn und die Sowjetregierung hat keine Möglichkeit, diesen seit Jahrhunderten bestehenden Zustand zu ändern. Die Sowjetregierung geht mit den strengsten Mitteln vor, bestraft unnachgiebig jede antisemitische Ausschreitung und Beschimpfung und hat in dieser Beziehung Erfolge zu verzeichnen. Der in Rußland noch vorhandene Antisemitismus beschränkt sich hauptsächlich auf die konterrevolutionären Kreise, die sich des Judenhasses bedienen, um sicli bei der Masse Gehör zu verschaffen. In aufgefangenen Briefe der Konterrevolutionäre geben diese zu, daß in Rußland kein Raum mehr für eine antirevolutionäre Tätigkeit vorhanden sei und daß die einzige Propagandamöglichkeit im Antisemitismus liege. Die Juden, sagte Lunatscharski, haben sich ais intelligentes und strebsames Volk schneller dem Tempo der russischen Bewegung angepaßt und bekleiden viele wichtige und verantwortungsvolle Stellen in der Regierung. Die Reaktion bezeichnet das als eine ״,Eroberung Rußlands durch die Juden“. Lunatscharski schilderte dann den in der Presse behandelten Vorfall im Moskauer Staatsorchester. Der Kapcllmeister G a 1 w a r o w , ein früherer Gutsbesitzer, beschwerte sich bei Lunatscharski über seine jüdischen Kollegen, indem er erklärte, er könne es nicht begreifen, daß Juden russische Musik machen. Lunatscharski fragte ihn, wie es möglich sei, daß Russen italienische Musik treiben. Darauf wußte Galwarow keine Antwort. Lunatscharski enthob Gaiwarow für mehrere Jahre von seinem Posten. Das Staatsorchester besteht auch weiterhin aus fast 60 ";0 Juden, die ausgezeichnete Musiker seien. Auf die Frage, warum die Zionisten ln Rußland verfolgt werden, antwortete Lunatscharski, daß ihm solche Fälle unbekannt seien (I). Die Zionistische Organisation ist gleich allen anderen nichtkommunistischen Organisationen in Rußland verboten. Wenn Zionisten nach Sibirien verbannt und Zionistische Organisationen aufgelöst werden, so erfolge das wegen der konterrevolutionären Tätigkeit dieser Zionisten. Die z.ionistische Anschauung als solche werde nicht verfolgt. Zur Frage des Verbotes der hebräischen Sprache in Wort und Schrift, in Schulen und Publikationen, sagte Lunatscharski: Die Meinung, hebräisch sei verboten, entspricht nicht den Tatsachen. Das Hebräische ist ais Sprache nicht verboten. Wir verbieten bloß die antisowjetische Literatur in dieser Sprache wie in jeder anderen. Hebräische Schulen können nicht zugelassen und schon gar nicht aus Staatsmitteln erhalten werden, weil es in Rußland keine hebräisch sprechende Masse gibt. Hingegen ist Hebräisch als Nebenfach in gleichem Ausmaße wie Latein und Griechisch erlaubt. Hebräische Zeitschriften sind früher nicht verboten gewesen. So erteilte Lunatscharski dem ehemaligen Moskauer Rabbiner Mase die Erlaubnis, solche Zeitschriften zu beziehen. Da aber die jüdischen Kommunisten in hebräischen Zeitschriften eine Gefahr für Ihre eigene Sache erblicken und erklärt haben, es gäbe keinen Juden, der sich des Hebräischen als einziger Verständlgungsspräche bediene, und daß die hebräischen Zeitungen der kommunistischen Politik abträglich seien, habe Lunatscharski die Erlaubnis zum Bezüge und zur Herausgabe hebräischer Zeitungen zurückgezogen. Betreffs der hebräischen Bücher führte Lunatscharski aus: ״Die Zensur untersteht meiner persönlichen Leitung und es ist mir nicht bekannt, daß ein hebräisch-literarisches Buch nur deshalb verboten worden wäre, weil es hebräisch geschrieben ist. Sollte cs Vorkommen, daß ein derartiges Buch verboten wird, so soll man sich an mich wenden. Wie kann man behaupten, daß wir gegen Hebräisch sind? Wir haben ja einen Lehrstuhl für Hebräisch an der Moskauer Universität.“ Zur Frage der religiösen Erziehung, der Bestrafung hebräischer Lehrer und der Konfiskation von Synagogen äußerte sich Lunatscharski: In religiöser Beziehung kann sich jeder in Rußland frei ausleben. Es steht im Belieben der Eltern, den Kindern eine religiöse Er- Ziehung zu geben. In den öffentlichen Schulen jedoch wird der Religionsunterricht nicht geduldet. Es ist sogar gestatte‘, daß mehrere Familien sich zusammentun, um ihren Kindern gemeinschaftlich Religionsunterricht erteilen zu lassen. Was die Konfiskation der Synagogen anbelangt, so werden auch Kirchen und Klöster von gleichem Schicksal betroffen. In dieser Hinsicht handelt es sich um lokale Angelegenheiten und die Ortsbehörden haben in dieser Frage freie Hand. Erhebt jedoch die Bevölkerung Beschwerde gegen eine Beschlagnahme, so wird diese Beschwerde in den meisten Fällen berücksichtigt, ״ich persönlich“, sagte Lunatscharski, ״bin in dieser Beziehung weder streng noch engherzig. In solchen Fällen spielt die Jewsekzla eine Rolle, die gleich nervös wird, bei jeder Kleinigkeit Krach schlägt und es mir wirklich schwer macht, weil Ich nicht dauernd mit ihr Streit haben will. Ich persönlieh helfe, wo ich kann.“ Lunatscharski schilderte dann seine Be iebungen zur ״H a b i m a h“, der er immer Staatsunterstüizung angedeihen ließ, die er ohne weiteres mit Auslandspässen versah und die gegenwärtig in Palästina wirke, wo sie einen natürlichen Boden für ihre Tätigkeit gefunden habe. Die Habimah hat von Palästina aus um die Erlaubnis für den In Rußland lebenden Regisseur Dziki zur Ausreise nach Palästina gebeten. Lunatscharski hat diese Erlaubnis ohne weiteres gewährt. Ueber die Fragen der Krim-Kolonisation erklärte Lunatscharski als Nichtfachmann auf diesem Gebiete keine Auskunft geben zu können. Die landwirtschaftliche Kolonisation werde in hohem Maße zur Bekämpfung des Antisemitismus beitragen. Leider wollen nur wenig Juden Kolonisten werden. Zum Schluß dementierte Lunatscharski die Nachricht, daß sich Trotzki im Auslande befinde. Vielmehr lebe er in Rußland, wo er gegenwärtig in einem Kurorte sich der Her- Stellung seiner erschütterten Gesundheit widme. * Lunatscharski vertritt die T h e o r i e der Sowjetregierung in bezug auf die Verfolgungen der jüdischen Religion und die Beschlagnahme von Synagogen. Wie die Praxis aussieht, lehrt eine Veröffentlichung der Ita vom 28. d. M. Nachstehend seien die Angaben dieses Berichtes w'iedergegeben: Synagogenkonfiskationen in der Ukraine. In Kiew sind viele Synagogen konfisziert; ein Teil wird, auf Grund der Resolution irgendeines Arbeitervereines in Arbciierkltibs verwandelt. Andere Synagogen wieder werden mit sehr hohen Pachtungen belastet, auf daß die Religionsgemeinden nicht mehr die Möglichkeit haben, die Synagogen zu halten. (Synagogen sind Staatseigentum.) In Konotop ist die große Synagoge enteignet worden, die ört iche Bevölkerung traut sich jedoch nicht zu protestieren aus Angst vor dem Terror der Jewsekzia. Im Korostener Kreis sind sehr viele Synagogen enteignet; in Olewsk, Malin und Lohin bemüht sich die Jewsekzia, die Synagogen zu konfiszieren, desgleichen in Sobolewka. Vorläufig ist es, dank der energischen Verteidigung der örtlichen Bevölkerung, gelungen, die Synagogen zu schützen. In Korosten selbst hängt schon an Stelle des ״Oraun Kaudesch“ das Bild Lenins. In Nikolajew ist eine Synagoge konfisziert und der ganzen zahlreichen jüdischen Bevölkerung ist nur eine Synagogc gelassen worden. In Priluk ist die große Synagoge konfisziert. In Saporoschje, in Pokotilow und in Ljachowitz sind die Synagogen enteignet. In Uschomir nimmt Lenins Bild die Stelle des ״Oraun Kaudesch“ ein. In dem Städtchen Pogrenischtsche, Kreis Berditschcw, fehlte es an einem geeigneten Saal für ein Kino; die Jewsekzia faßte eine Resolution, daß zur Hebung des kulturellen Entwicklung«- Standes der Bevölkerung ein Kino von unumgänglicher Not- Wendigkeit sei. Die Jewsekzia beschloß, die Synagoge zu enteignen und in ein Kino umzu wandeln. Dies wurde auch ohne weiteres durchgeführt. Im Städtchen Radomis! hat die Jewsekzia beschlossen, die Synagoge zu konfiszieren; da sie aber nicht die Zustimmung der Regierung besaß, verlangte sie von der jüdischen Gemeinde, daß sie ihr die Synagoge freiwillig übergeben solle. Die Gemeinde erklärte jedoch, daß sie einem Gebote der jüdischen Religion gemäß, inr Heiligtum nicht abgeben dürfe, solange sie von der Regierung nicht dazu jgezwungen werde. Eines Tages nach Schluß des Gottesdienstes und nachdem die Synagoge in Erwartung der Ausschreitungen der Jewsekzia fest vescnlossen und verriegelt worden war, erschienen fünf Mann der Jewsekzia beim Synagogendiener und drohten ihm, daß sie die Thorarollen zerreißen una ihn aus dem Hause wegjagen würden, wenn er ihnen den Einlaß in die Synagoge im Wege durch seine Wolinung verweigern würde. Der erschrockene Schames wagte nicht zu widersprechen und gewährte ihnen Einlaß. Alsbald fand sich die ganze Jewsekzia ein und veranstaltete in der Synagoge einen Bail mit Tanz und Gesang. Den ״Oraun Kaudesch“ haben sie danach für profane Zwecke verkauft. Die jüdische Bevölkcrung hat, ungeachtet der gegen sie geübten Pressionen, bei der ukrainischen Zentralregierung in Charkow Protest erhoben. In ßobrinctzist eine Synagoge konfisziert worden. Die Jewsekzia ließ der Synagogenverwaltung melden, daß sie die Thorarollen aus der Synagoge entfernen könne. Ais die Svnagogenverwalter kamen, um die Thorarollen zu holen, fanden sie dieselben auf dem Boden hingeschleudert, zerrissen und ohne Hülle, im Städtchen wurde ein Fasttag festgesetzt und ״Keria gerissen“ wegen der Entweihung der heiligen Sifrc-Tliora. Im Städtchen Uswet, im Gouvernement Pskow, erschien die Polizei in der Synagoge, wo sie alle Sforim konfiszierte; sie erklärte, daß in einer Synagoge nur gebetet, aber nicht gelernt werden darf, und daß sich dort nur Gebetbücher befinden dürfen. Alle Sforim wurden hernach als Makulatur verkauft. In Kriworog ist eine Synagoge konfisziert worden. Synagogenkonfiskationen in Weißrußland. in Bobruisk sind drei der größten und schönsten Synagogen konfisziert worden. Ein ״Oraun Kaudesch“ wurde in Stücke zerhackt. In Smolensk bemüht sich die Jewsekzia um Enteignung der Synagogen. Mit verschiedenen Drohungen und anderen Zwangsniittem sammelt sie unter den Arbeitern Unterschriften. (Inzwischen hat die Zentralregierung laut einer authentischen J. T. A.-Meidung das Enteignungsdekret annulliert.) In Orscha sind sechs Synagogen konfisziert worden. # Der VernichtungsfeIdzug gegen den Religionsunterricht. In Loknia hat die Miliz, auf die Denunziation der Jewsekzia liin, mit Verfolgungen gegen den Religion s unterrieht begonnen: In einem Hause, wo drei Kinder beim Lernen angetroffen wurden, hat sie ein Protokoll aufgenommen, obgleich der Unterricht von drei Kindern gesetzlich gestattet ist. in einem anderen Hause, wo sie die Kinder bloß beim Spielen angetroffen hat, hat sie trotzdem ein Protokoll aufgenommen und als Corpus delict ein Chumesch mitgenommen. In Minsk wurde eine allgemeine Revision in den Synagogen durchgefiihrt, um Kinder oder junge Leute beim Lernen zu ertappen. In einer Synagoge fand man ein Stück Weißbrot, da'l zum Beweis des Aufenthaltes von Jesehiwo-Zöglingen mitgenommen wurde; die Verwalter der Synagoge erklärten aber, daß das Weißbrot für das dritte Sabbatmahl bestimmt war. In Surasch wurden zwei Melamdirn vor ein öffentliches Gericht gestellt. Einer wurde zu drei Monaten, der andere zu einem Monat Zwangsarbeit verurteilt. In Samarkand sandte die Jewsekzia Milizsoldaten in die Synagoge. Kinder wurden dort wohl angetroffen, jedoch kein Melamed. Die Milizsoldaten suchten darauf erfolglos unter den Tischen und Bänken, und ungeachtet des Protestes der Synagogenbesucher rissen sie die heilige Lade auf, um auch dort nach einem sich etwa verbergenden Melamed zu suchen. Die Rayonverwaltung der Jewsekzia in Weliki Luki hat den Beschluß gefaßt, einen speziellen Bevollmächtigten im ganzen Rayon auszusenden, um den Religionsunterricht aufzuspüren und ihn unmöglich zu machen. In Romni wurde ein Melamed zu fünf Monaten Zwangsarbeit verurteilt. In Kriwoirog und in Bachmatsch ist es der Jewsekzia gelungen, ein Verbot, auch nur einem einzigen Kinde Unterricht zu erteilen, zu erwirken. In Kiew schleppte man die Kinder, die am Religionsunterricht teilgenommen hatten, nach der G. P. IJ. In Braiiow hat die Jewsekzia vom örtliehen Sowjet ein striktes Verbot jedes Religionsunerrichtts verfangt, obgleich der Sowjet den Standpunkt vertrat, daß der private Unterricht in einer Familie gestattet werden darf. Schließlieh wurde die Forderung der Jewsekzia von dem örtlichen Sowjet als berechtigt anerkannt. In Uneschti traf man einen alten Mann an, der neun Kinder, von denen vier seine Enkel waren, unterwiesen hatte. Er wurde mit den Eltern der Kinder verhaftet und dem Gericht übergeben. Nene Zionlstenveriolpngen In Rußland Riga, 24. August. (J. T. A.) In den letzten Tagen setzten in der Ukraine neue Zionistenverfolgungen ein. In Kamenetz-Podoisk, Retschiza und in anderen Städten wurden 15 Personen, unter ihnen einige Mädchen, verhaftet und zum Teil deportiert. Die Einwanderung aas Sowietrnßland Jerusalem, 20. August. (J.T. A.) Im Gegensatz zu einer früheren Verordnung, wonach aus Rußland nach Palästina ausgewiesene Zionisten ohne Visum ins Land kommen dürfen, teilt die Einwanderu’ngsbehördc jetzt mit, daß von nun ab nur solche Personen aus Sowjetrußland nach Palästina kommen dürfen, die im Besitz eines regulären Passes sind und denen es erlaubt ist, eventuell nach Rußland zurückzukehren. Die Jnden in der Sowietnnion Nach der soeben veröffentlichten neuen Statistik leben in den Ländern der Sowjetunion 2 600945 Juden. Seit 1897, also in einer Periode von drei Jahrzehnten, hat sich die jüdische Bevölkerung in den genannten Ländern um kaum 4 ״> erhöht, während der allgemeine Bevölkerungszuwachs fast 40 0/0 beträgt. F)ics erklärt sich daraus, daß zahlreiche Juden in den letzten Jahrzehnten nach Amerika und Palästina abgewandert waren. Von 1897 bis 1923 z. B. wanderten 550 000 Juden nach Amerika, 18000 nach Palästina, 31 000 nach anderen Ländern aus. Bei diesen Zählungen sind die Juden in den jetzt selbständig gewordenen Gebieten Polen, Lettland, Litauen usw. nicht berücksichtigt worden. * Im Archiv der einstigen russischen Duma wurde eine Sammlung von Dokumenten betreffend die Judenpogrome und die Judenverfolgungen im zariristische Rußland vor und während des Krieges gefunden. Es handelt sich um das Archiv des Komitees der jüdisehen Duma-Deputierten, das etwa 1000 Dokumente auf insgesamt 2500 maschinengeschriebene Seiten enthält und zu einem großen Teil die antijüdischen Maßnahmen der zaristischen Generale während des Krieges in Polen, Litauen, Kurland und Galizien betrifft, in einem Dokument ist der Verlauf der Unterredung verzeichnet, die jüdische Führer, unter ihnen Jizchak Grünbaum, N. Priiutzki, mit dem Vizegouverneur von Warschau, Lubimow, betreffend die Zurücknahme des 1915 erfolgten Verbotes aller jiddischen und hebräischen Zeitungen Rußlands verzeichnet. Die jüdisch-kommunistische Tageszeitung ״Emess“ wird demnächst mit der Publizierung eines großen Teiles dieser Dokumente beginnen. Südamerika als Einwaoderangsgeblet Der Präsident von Emigdirect, Dr. M. K r e i n i n , der sich zusammen mit dem Ica-Generaldirektor Dr. Louis Oiingre und dem Hias-Vertreter Benjamin im Aufträge von Hias-Ica- Emigdirect mehrere Monate in Südamerika aufgehalten hat, um dort die Einwanderungsmöglichkeiten für Juden zu untersuchen, berichtete in! Berliner Klub Schalom Aleichem vor einer großen Zuhörerschaft von Schriftstellern, Journalisten und Sozialfürsorgern über die Ergebnisse seiner Untersuchungen. Der Redner gab einen Ueberblick über die Verhältnisse der südamerikanisehen Länder, ln Osteuropa, besonders in Polen, herrscht die Meinung vor, daß für Südamerika mir geringe Einwanderungsmöglichkeiten bestehen, weil dieses Gebiet vorläufig keine großen Industrien hat. Das ist irrig; gerade wo eine, große Industrie fehlt, bestehen weite Möglichkeiten für die Entwicklung des Handwerkes und der Kleinindustrie. Viele Zweige der Klein- Industrie in den südamerikanischen Ländern, wie Möbelindustrie, Strickerei, Konfektion, Spiegel- und Koffer-Industrie, Bürobedart usw., wurden in Südamerika hauptsächlich durch polnische, russische und beßarabische Juden begründet und sind noch heute fast ausschließlich in jüdischen Händen. Es bestehen Möglichkeiten für zahlreiche andere Zweige der Kleinindustrie, wie z. B. für Kleineisenproduktion, Silber- und Schmiedeindustrie. Es wurden lückenlose Verzeichnisse aller Kategorien von Handwerkern angefertigt, nach denen in Argentinien, Brasilien und Uruguay Nachfrage bestellt. Unqualifizierte Arbeiter verdienen täglich ungefähr 4 Peso (1 Peso -= 42 amerikanische Cents), Landarbeiter in der Erntezeit 9 Peso, Handwerker von 6 bis 9 Peso, gewisse qualifizierte Arbeiter bis 15 Peso täglich. Für Kaufleute, die Kapital mitbringen, bestehen gewisse Aussichten, dagegen aber ist die Lage für Leute ohne bestimmten Beruf hoffnungslos. Die Lebensbedingungen in Argentinien sind folgende: eine erwachsene Einzelperson braucht in Buenos Aires 100 bis 160 Peso• monatlich, eine vierköpfige Familie 160 bis 185 Peso im Monat, in der Provinz ist die Lebenshaltung um 25 0״ billiger. Unter den 200 000 Juden Argentiniens leben 35 000 ausschließlich von der Landwirtschaft. Diese jüdische Gemeinschaft schuf eine Reihe imponierender wirtschaftlicher und kultureller Institutionen. Die viel jüngere brasilianische jüdische Gemeinschaft zählt 30 000, die Uruguays 5000 Seelen. Diese machen sich die Erfahrungen von Argentinien zunutze und sind im schnellen Aufblühen. Geheimrat Timendorfar 75 Jahre. Am 1. September feiert Geheimer Justizrat Bcrthold Timendorfer, langjähriger und verdienstvoller Präsident und seit dem Jahre 1921 Ehrcn-Groß- Präsident der Großloge für Deutschland des Unabhängigen Ordens Bnei Brith (U.Ö. B. B.), seinen 75. Geburtstag. Er gehörte einer Reihe von Jahren dein Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin an sowie dem Vorstand des Hilfsvercins der Deutschen Juden als stellvertretender Vorsitzender. Ferner war er kurze Zeit Vorsitzender der deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Israeliie Universelle und Ausschußmitglied zahlreicher humanitärer Vereine, im Orden Bnei Brith bekleidete er verschiedene Aemter und wurde im Februar 1893 zum Präsidenten des gesamten Distriktes einstimmig gewählt. -־- Timendorfer gemärte auch zu den ersten Nichtzionisten, die sich in Deutschland für das Werk des Palästina-Aufbau es und dem Keren Haicssod einsetzten. Wir schließen uns gern der großen Schar der Gratulanten an, die diesen verdienten Mann zu seinem 75. Geburtstag beglückwünschen. Arnold Zweig Jiai **ine Novelle ״Alter Mann am Stock“ beendet und sie der Jüdischen Altershilfe Groß-Berlin in freundlicher Weise zur Verfügung gestellt. Die Jüdische Altershilfe Groß-Berlin, deren Arbeit dem Dichter die Anregung gegeben hat, wird diese Novelle, die nicht im Buchhandel erscheint, ihren Freunden und Mitgliedern überreichen. Das Nachwort schrieb Professor Dr. Albert Einstein. Dr. Harry Torczyner von der Hochschule für die Wissenschaff des Judentums hat eine Einladung zu Vorlesungen von dem Jewish Institute oi Religion in New York erhalten.