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Jüdische Rundschau · 1928-08-28 · Heft 68 (28.8.1928) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 68 (28.8.1928)
Date
1928-08-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 488 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 68, 28. Vm. 1928 Generalnenner für alle diese jüdischen Komponisten zu suchen ist meines Erachtens genau so aussichtslos wie etwa einen Punkt zu finden, von dem aus man die Oieichheiten der französischen, italienischen tisw. Kunst aufzählen könnte. Kunstmusik, hervorgebracht von Individualitäten, ist schwer auf einen nationalklimatisch-kulturell bedingten Gemeinschaftsstandpunkt zu bringen. Aber auch in den sogenannten jüdischen Volksliedern haben wir keine ausgesprochen jüdische Musik, da hier die Verwandt- Schaft mit der slawischen Musik (Vorliebe für phyrgischc Tonart, wechselnde Rhythmen usw.l zu stark ist. Bleibt also nur der alte Synagogengesang, dessen Bedeutung für die Musik aber heute noch sehr gering ist, und die bewußt jüdische Musik einiger moderner Komponisten, die allerdings, wie z. B. Ernest Bloch, ungewöhnlich Hervorragendes leisten. Außerdem aber hoffen wir, daß sich aus den Ansätzen der chassidischen und palästinensischen Volksmusik im Laufe der Jahre eine typisch-jüdische Musik entwickeln wird, nicht bewußt gewollt (denn Kultur läßt sich nicht machen und Musik nicht gewalttätig nationalisieren!), sondern organisch gewachsen. Es ist unsere Aufgabe, jüdische Musik zu pflegen und zu versuchen, auf dem Wege, den uns Bloch, Nadel, Wolftsohn u. a. m. zeigen, weiterzuarbeiten. Vielleicht werden wir, wenn so eine größere Literatur entstanden ist, später wirklich Imstande sein, die Fragen des Unterschiedes zwischen jüdischer und abendländischer Musik besser lösen zu können. ״Sonntag und Montag“ (Roman von Hans Sochaczewer, Gustav Kiepenheuer Verlag Potsdam.) Von Manfred Sturmann. Es gibt Romane, deren Stärke nicht auf der Nachbildung menschlicher Charaktere beruht, und in denen das Individuum nur eine untergeordnete Rolle spielt. Diese unheldischen Romane — wie sie in diesem Zusammenhänge einmal genannt sein sollen — habep im Grunde weit größere Umrisse als die üblichen. Das Geschehen ist weiter ausgeholt und überschreitet den Zirkel, in welchem der Mensch und d i e Leidenschaft sich bewegen. An deren Stelle aber tritt die Epoche selbst oder die Landschaft. In diesen unheldischen Romanen werden Raum und Zeit selber zum Spieler. Der Dichter fängt einen Ausschnitt aus dem Werden oder dem Sein in sein Netz. So eingefangen ist der Inhalt des Romancs ״Sonntag und Montag“ von Hans Sochaczewer. Er erinnert an die impressionistische Bildmanier französischer Meister: Der dichterisch geschaute Zustand ist Inhalt der Dichtung. Man denke sich ein Gemälde, nennen wir es ״Berlin‘“ und nehmen wir an| daß sich der Maler nicht jenes rauschhungrige, mondäne Berlin zum Thema gewählt hat, von dem wir in der Zeitung lesen, sondern jenes in seiner Art idyllische Berlin, wie es Heinrich Zille liebt und festhält. Wie wird dieses Bild gemalt sein? Eine Gasse zunächst unter dem grauen Himmel eines Alltagsabends. Links die Schänke von Gustav, dem Gepäppelten, wie er genannt wird. Die Tür zur Straße steht offen. Um einen Tisch sitzen vor halb geleerten Biergläsern bei einer Partie Skat Männer, die für dieses Hintertreppen-Berlin typisch sind: Der Schuhmacher Madura, ein krummer, duckmäuserischer Geselle, der Bäcker Musch, selbstgefällig, denn er verdient gut, und der Chauffeur Kosanke, altes Mitglied der S. P. D., dahinter stehen als ״Kiebitze“ der Friseur Palschagek und ein Mann von der Wach- und Schließgesellschaft mit Namen Fitzke. Die Partie am Nebentisch: Krimmer, ein Arbeiter, gleichfalls altes Mitglied der S. P. D., Witwer, der sich langweilt, Krawell, dessen Schwiegersohn sozusagen (denn er ״geht“ pit Krimmers Tochter Luise), und ein nicht interessierender Dritter. Die Gesichter sind abgehärmt — auf den Tischen liegen schmutzige Milliardenscheine. Wir kombinieren: Inflationszeit. Auf der Gasse schlendern indessen ein paar Spaziergänger, zweifelhafte Mädchen stehen frierend vor den Haustoren. Es Hegt etwas Trostloses, Blindes über dem Bilde. Doch von weither kommt uns ein Schimmer entgegen, wie von fernen Lampen — das ist der Abglanz jenes ״besseren“ Berlin. Wir ahnen abendliehe Stimmung über breiten asphaltierten Straßen, über welche die Luxusautomobile flitzen... Nun sind wir mitten in Sochaczewers Roman. Niemand von den aufgezählten Personen, auch nicht der Kommunist Franz mit seinem Mädchen Agnes, nicht einmal der als Typ so interessante Stössel, hat eine ״Hauptrolle“ — von den Juden der Grenadierstraße ganz zu schweigen. Aber ferade auf diesem Umstand beruht die Qualität und die igenart des Buches. Die Zeit, jene furchtbaren Monate der Inflation, der Judenexzesse, der Hungerrevolten, und jene noch fast schlimmere, da die Billion — immer noch eine Illusion in den gequälten Hirnen — durch brüsken Beschluß zur armseligen Mark wurde, jene Zeit (haben wir sie nicht schon fast vergessen?) ist mit einer wohltuenden Schlichtheit dargestellt, einfach und nüchtern, ohne sprachliche Ambitionen und mit einer reizvollen Dosis Humor. Neben dieser Zeitstudie, auf die allein es ankommt, ist es unwichtig — aber doch von Belang als Steinchen in Mosaik —, daß der Schuster Madura seinem trostlosen Leben durch Gas ein Ende bereitet, daß Stössel, der Reichgewordene, von seinen ehemaligen Freunden, die arme Teufel geblieben sind, abrückt, Agnes, blondes Kind mit fanatischem Herz, nach kläglich mißlungener Demonstration eingesperrt wird und daß sich ihr ehemaliger Geliebter, Franz Krimmer, bei einem Fahrstuhl- Unglück zu Tode stürzt. Wichtig allein ist diese Masse von Arbeitern und Kleinbürgern, deren Leben sich ohne Aufhebens abspielt, deren soziale Not die Revolution nicht beseitigt, eher vertieft hat, die sich betrogen fühlen um ihre Hoffnung, die ein Leben führen wie Gewürm und deren Apathie schließlieh den sozial höher Stehenden Nährstoff und Machtstoff bietet. Man lese das Buch als eine Denkschrift des kleinen Mannes. Es spricht zu uns mit der warmen und schlichten Gewalt des einfachen Herzens — das tut so wohl und ist bessere Kost, als die Pubertätsergüsse und Allerweltsphrasen zeitgenössischer Romane. Doch verweilen wir schließlich noch bei einer Episode des Buches. An einer Stelle gibt uns der Dichter einen ergreifenden Ausschnitt aus dem Berliner Ghetto. Wir erfahren hier den typischen Alltag der Ostjuden. Wir verweilen bei den kleinen Händlern, denen man die Schaufenster eingeschlagen hat, weil die Juden eben ״an allem schuld“ waren. Wir hocken bei dem Buchhändler, der sein verlorenes Leben beklagt, der nichts als Püffe erhalten hat, solange er lebt. Unsere Wünsche begleiten die Familie Hirschfett, die nach Palästina auswandert, damit das einzige Kind ein neues, besseres Leben erfährt. ״Sonntag und Montag“. Der Titel sagt es: Es ist der Roman des Einerleis, des gleichmäßigen einschläfernden Ablaufs der Zeit, gesehen mit den Augen des Arbeiters und kleinen Verdieners. Dieses soziale Bild vergißt man nicht, es gräbt sich tief in uns ein. Sochaczewers Roman gehört zu jenen stillen Büchern, die, ohne viel Worte zu machen, das Tiefste aussprechen und darum Eingang finden in das fühlende und empörungsbereite Herz. Rathenaa und der Chassidismus In der kürzlich erschienenen neuen großen Biographie Walter Rathenaus von Harrv Graf Keßler (mit 32 Abbildungen i» Kupfertiefdruck, Verlagsanstalt Hermann Klemm, Berlin-Grunewald) berichtet der Verfasser über den Einfluß, den der Chassidismus in den entscheidenden Jahren auf Walter Rathenau ausgeübt hat. Keßler berichtet, daß Rathenau im Jahre 1906 Buhers erstes chassidisches Buch, ״Die Geschichten des Rabbi Nachmann“, gelesen hat, und er ״fand dort die Antwort auf die Frage nach dem ,Wozu‘ des Lebens, genau die, die er als Ergebnis seiner inneren Einkehr aus Griechenland mitbrachtc: daß der Sinn des Lebens Freude in Gott sei: das zweckfreie Eingehen der Seele in Gott, das seine vollkommenste Erfüllung in der Ekstase erreicht“. Zu diesem Gegenstand veröffentlicht Grat Keßler auch einen' Brief von Dr. Martin Buber aus Heppenheim, 16. Januar 1928, worin Buber schreibt: ״Ich war mit Rathenau gut bekannt. Wir kamen zwar (in der Zeit, die ich in Berlin gelebt habe, d. i. bis Ende 1915, später hat es, ohne Abschwächung der inneren Beziehung, keinen persönlichen Kontakt mehr gegeben) selten zusammen, aber dann war es jedesmal ein gtoßes Gespräch. Meinen beiden ersten chassidischen Büchern (,Die Geschichte des Rabbi Nachmann‘, 1906, und ,Die Legende des Baalschem‘, 1907, jetzt in der Gesamtausgabe aufgenommen) und den sechs ersten meiner ,Reden über das Judentum‘ (einbändige Gesamtausgabe bei Lambert Schneider in Berlin) war er ein aufmerksamer Leser, wie ich aus allerlei Bemerkungen und Hinweisen erkannt habe. Ueber den Chassidismus haben wir wiederholt miteinander gesprochen; ich hatte den Eindruck, daß er für ihn eine Er- Weiterung seiner Selbstwahrnehmung bedeutete und daß, was er hier und aus den ,Reden‘ vom Judentum erfuhr, auf eine Wandlung in seiner Anschauung von Wesen und Schicksal des jüdischen Volkes nicht ohne Einfluß geblieben ist. Er hatte den Wunsch, in eigener Arbeit zu den Quellen vorzudringen, und hat eine Zeitlang, wie Sie ja wohl wissen, eifrig Hebräisch gelernt; sein Lehrer von damals, den ich nach vielen Jahren in Palästina wiedergesehen habe, erzählte mir bei dieser Gelegenheit, wie ernst und gründlich Rathenau dieses Studium betrieben hat; warum er es dann abgebrochen hat, weiß ich nicht.“ Von Buber-Rosenzweigs Bibelübersetzung erschien soeben der achte Band ״Das Buch Schmue 1“, enthaltend Sam. I. und II. (Verlag Lambert Schneider, Berlin-Dahlem.) Soziale Fraoenarbelt io England and Amerika Aus Anlaß der Anwesenheit von Miß L i ly Montagu aus London und von andern jüdischen Frauen aus Amerika, England und Frankreich hatte der Jüdische Frauenbund und der Verband Berlin der jüdischen Frauenvereine eine Zusammenkunft veranstaltet, die ausnehmend gut besucht war. Die auswärtigen Gäste sollten von der ״Arbeit jüdischer Frauen in ihren Ländern und Gemeinden“ berichten. Nach einer kurzen Begrüßung durch Frau Falkenberg nahm Lily Montagu das Wort. Die spezifisch jüdischen Probleme ergeben die Verpflichtung, nicht nur interkonfessionell, sondern vor allem jüdisch für Juden zu arbeiten. Mehr als dreißig Jahre arbeitet Lily Montagu jetzt unter jüdischen Jungmädchen. Nicht in einem Abendklub meint sie ihr Ziel erreichen zu können; ein ״Centre for life“, einen Rahmen für ihr Leben will sie ihnen schaffen; und das konnte sie nur dadurch erreichen, daß sie mitten unter ihnen lebte, mit ihren Familien vertraut wurde, Alltage und Feierzeiten mit ihnen verbrachte. Seit 26 Jahren eschehe es in diesem Jahre zum ersten Male, daß sie die erien nicht mit ihren Mädchen zusammen verbringe: gerade diese Stunden des gemeinsamen Ausspannens hätten die wertvollsten Früchte für ihre Arbeit getragen. Als Frauen untereinander hätten sie sich gefunden; und bald wären aus den Schülerinnen Mitarbeiterinnen geworden, die jetzt, nachdem sie nicht mehr jung genug sei, um die ganze Arbeit zu leisten, selb» ständig ihr Werk weiterführten. — Besonders wichtig unter den dem Mädchen-Klub angeschlossenen Wohlfahrtseinrlchtungen sei ihr der Arbeitsnachweis; weil er nicht nur den Arbeitslosen neue Möglichkeiten öffne, sondern auch in ihnen das Gefühl erwecke, daß sich jemand um sie kümmere. Frau Lewkowitz aus Dallas (Texas) überbrachte der Versammlung die Grüße der amerikanischen Jüdinnen, ganz besonders die Botschaft der Federation of Temple Sisterhoods (des Bundes der Tempel-Schwesternschaften). In sehr lebendigen Ausführungen kennzeichnete sie das Wesen dieser amerikanisehen Frauenvereinigutfgen. Neben dem Jüdischen Fraudn-Bund, dem ״Council of Jewish Women“, dem die Pflege der Wohlfahrtsbestrebungen obliegt, dienten sie ausschließlich religiöskulturellen Zwecken. So hätten sie z. B. an der großen jüdisehen Hochschule, dem Hebrew Union College in Cincinnati, ein Studentenheim gegründet, bemühten sich um Stiftungen für jüdische Theologie-Studenten, um die Gründung von Religionsschulen für jüdische Kinder. Sehr hübsch ergänzte später eine andere Amerikanerin (Frau Bauer, New York) den Bericht durch die Darstellung der Bemühungen der Schwestern, um j'edes jüdische Kind von dem Tage seiner Geburt an, wo es von ihnen mit einer Mesusah beschenkt wird, bis zu dem Tage seiner religiösen Mündigkeitserklärung, der Einsegnung. Als ihre Hauptaufgabe betrachten sie es, jedes jüdische Kind unter jüdisehen Einfluß zu bringen. ln der nun folgenden Diskussion ergaben sich' als kennen®- werte Typen jüdischer Frauenarbeit, wie sie vor allem in außerdeutschen Ländern erscheint, neben den auch bei uns gebrauchliehen Einrichtungen: das Settlement — d. h. ein Haus, das Helfer und Hilfsbedürftige zu gemeinsamem Leben vereinigt —, wie es etwa in Berlin unser jüdisches Volksheim seif den schwere^ Jahren der Kriegszeit, freilich mit viel geringeren Mitteln verkörpert; ferner die Vereinigung der weiblichen Mitglieder einer jüdischen Gemeinde durch die Temple Sisterhoods (Tempel-Schwesternschaften), denen neben allen religiös-kulturellen Aufgaben auch die nicht minder wichtige gesellschaftliehe Aufgabe zufällt, alle jüdischen Frauen miteinander zu verbinden — ohne Scheidung durch den Geist der Kaste, die wir hier noch allzu oft beklagen müssen. — Von einem ganz besonders wichtigen Settlement, dem Henriquez-Settlemenf, das im East End Londons gelegen ist und unter der zumeist ostjüdischen Jugend der Einwanderer geradezu vorbildlich arbeitet, berichteten Frau Ollendorff und die Unterzeichnete aus eigener An* schauung. — Zum Schluß dankte Frau Ollendorff den amerikanischen und englischen Gästen, ganz besonders Miß Montagu, für ihr Kommen. Bertha Badt-Strauss. Anläßlich der Liberalen Weltkonferenz wurde im preußlsehen Herrenhaus eine Sammlung antiker Kunstgegenstände für das jüdische Ritual von der Firma Kaufmann in Frankfurt a. M. gezeigt. Die Sammlung enthält eine Reihe von sehr kunstvollen Arbeiten früherer Jahrhunderte und würde zweifellos eine wertvolle Bereicherung jeder öffentlichen jüdischen Kunstsammlung darstellen. Es wäre dringend zu wünschen, daß diese Sammlung in öffentliches Eigentum übergeht, damit sie ständig der Oeffentlichkeit zugänglich wird. Der Katalog der Sammlung Ist von Dr. Erich Töplitz mit viel Sachkenntnis zusammengestellt. Luna hob den Kopf und blickte auf ihren Mann mit Haß und Ekel. Wie fremd und fern war ihr in diesem Augenblick dieses Geschöpf da in dem langen Bucharenkittel. Er schien ihr ein dunkler Schatten in dem matten Lichte des Zimmers. Das war der Mann, der vor fünf Monaten im europäischen Anzuge kam, einen Hut auf dem Kopf, einen Stock, wie ihn die Vornehmen tragen, in der Hand, und um ihre Hand bat? Das war der ״Reiche“? Sie hielt an sich, um ihn nicht mit Schimpfworten zu überschütten. Sie sland auf und ging wortlos hinaus, den Tee zu bringen. Als er drei Gläser getrunken hatte, deckte sie ihm den niedrigen Tisch und brachte ihm Wasser zum Händewaschen. Sie stellte das Abendessen vor ihm Hin und setzte sich wieder an ihren Platz. Dann besah sie sich, was ihr Mann vom Markt gebracht hatte. ״Und wie steht’s mit deinem Essen?“ sagte er und wischte sich die Hände ab. ״Ich will nicht.“ ״Bist du verrückt? Was gibt’s:1“ Luna schwieg und ging, das Grünzeug aus dem Korb in den Schrank zu legen. ״Komm her, was ist das?“ rief er aufgeregt vor Erstaunen. Tränen flössen Luna aus den Augen. Sie kam nicht zum Tisch. ״Was ist das. Immer ist sie stumm. Schweigt oder weint. Was ist? Was gibt’s? Sag* — was gibt's? Was fehlt? Auskommen, gelobt sei Gott, gibt’s!“ ״Ja, ja“, antwortete Luna schluchzend, ״großer Reichtum, sechs Tomaten und zehn Zwiebeln. Das ist das Glück, das du mir gabst.“ Mula Obadjah schwieg einen Augenblick, als suchte er erst die Worte zu verstehen, die in gebrochenem Bucharisch gesprochen waren. Dann fing er spöttisch an: ״Das ist wenig? Gut, ich werde mehr kaufen. Sogar einen Rottel von jedem. Aber deswegen weinen? Deswegen Tränen?“ Luna zitterte. Sie wollte reden, aber das erste Wort wurde von Seufzen und Schluchzen verschlungen. ״Warum ißt du nicht? Warum trinkst du nicht? Warum bist du verstimmt?“ sang er die Verse im Tone der Haftarah-Vorlesung. Luna hörte staunend auf seine Worte. ״Sprich bucharisch. Was sagst du?“ sagte sie verächtlich. ״Ich sage“, wiederholte er bucharisch, ״du sollst essen, du sollst trinken, du sollst fett werden, mit Gottes Hilfe, fett und schön, wie vordem, jetzt: nur Knochen. Das sage ich. Bei uns darf eine Frau nicht so sein.... fett soll sie sein.“ ״Betrüger! Niederträchtiger!“ schrie ihn Luna voll Haß an. ״Du machst mich dazu. Ich kann nicht mehr. Ich kann dich nicht mehr sehen. Reich bist du? Ein Betrüger bist du!“ ״Was? Was? Was bedeutet dies Gerlde? Bist du reich? Gebe ich etwa nicht das Auskommen? Brot? Was soll dieser Hochmut? Schweige, Elende!“ Luna bedeckte das Gesicht mit ihrem Tuche und stöhnte schNichzend. Obadjah wurde bleich vor Zorn. Sein Atem ging schnell. Er aß von neuem und brummte dabei: ״So eine stinkende Frechheit! Ochsenkopf! Diese Unverschämtheit!“ Nach langem, tiefem Schweigen zog Mula Obadjah sich stumm, in Gedanken versunken, aus. Er belästigte Luna nicht, wie sonst beim Zubettgehen, mit Rufen und Befehlen, und drängte sie nicht, schlafen zu kommen. X. Am anderen Morgen stand Luna zu später Stunde auf. Kopf und Glieder waren ihr schwer und sie verspürte einen bitteren Geschmack im Mund. Durch die oberen Fensterscheiben drangen Sonnenstrahlen, die gefärbt waren wie das Glas. Er war nicht mehr im Haus. Luna blieb noch liegen, tief in Gedanken. Sie wußte nicht, was sie tun sollte, wenn sie aufgestanden war. Und was würde jetzt aus ihr werden? Nach diesem Streit mußte sie auf und davon, fort von hier. Aber wohin gehen und wohin sich wenden? Die arme Alte, wieviel Leid und Beschämung würde sie haben. Aber sie mußte zu einem Entschluß kommen. Sie würde zum Gericht gehen und die Chachamin dringend anflehen, daß sie sie erlösen. Daß er ihr einen Scheidebrief gebe. Aber wird er ihr die Hochzeitsverschreibung geben? Er hat nichts. Und was wird aus ihr dann werden? Arbeiten gehen in fremden Häusern? Kein Weg ist vor ihr, nur der Weg des Todes. Sie wird sich selbst töten! Und die Großmutter? Und das, was sie unter dem Herzen trägt? Ihr zitterte das Herz. Ist sie wahnsinnig? Soll sie sich selbst um dieses Leben und um das zukünftige bringen? Wohin sollte sie fliehen vor solchen Gedanken? Warum hatte sie gestern abend so sich selbst geschädigt? Sie mußte leben. Mag sie ihm verkauft sein.... So würde sie leben, bis sich ihr Herz wandelte, bis sie sich gewöhnte. Vielleicht wird sie sich gewöhnen. Vielleicht, wird es sein, wie die Alte gesagt hat. Kommt das Kind, lenkt sich alles ein. Ihr Herz und ihre Seele werden bei dem Kinde sein, ihrem Kinde. So ist’s auch dort bei der ״Tochter des Bäckers“. Ja, sie mußte ihren Weg ändern. Das war die letzte Lösung. Sie würde mit ihm reden. Sie würde ihm sagen, daß sie von heute an schweigen wird. Stumm würde sie tragen und leiden, was sie auf sich genommen hatte. Sie wollte nur eine verheiratete Frau fragen, ob man leben kann nur um des Kinde» willen, ohne den Mann zu lieben. Da erscholl plötzlich die Stimme des Mannes, der vom Bethause zurückkehrte. Sie schreckte zusammen, als stieße man mit Gewalt an das Bett. Warum erschrak sie so vor seiner Sfimme? Sie zog sich schnell an mit der festen Absicht, sich anzüstrengen, ihm versöhnlich zu begegnen. Aber noch fiel es ihr schwer, sich zu entschließen, in das andere Zimmer zu gehen, wo ״er“ saß. Dort in dem nach außen gelegenen Zimmer saß Mula Obädjah. Er rauchte seine Nargileh und hustete schwer. In dem Weiß seines Auges zeigten sich Blutäderchen, sein Gesicht — Zorn und Wut. Er hatte schon zwei Glas Tee hintereinander hinuntergegossen und wie Oel für die Flamme war jedes Glas für seine Wut. Das heiße Wasser war nur lau. Er hatte es sich selbst von einer Nachbarin geholt. Und jetzt schluckte er den Rauch aus der gurgelnden Nargileh, und sein Herz murrte. (Schluß folgt.)

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