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Jüdische Rundschau · 1928-08-28 · Heft 68 (28.8.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 68 (28.8.1928)
Date
1928-08-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE 28. August 1928 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Nr. 32 Das Zeichen Von Ossip Dymow. Aus den allcrfcrnstcn Zeiten kommt eine Legende. Es ist möglich, daß es seinerzeit gar keine Legende, sondern ein Ereignis war, ein Stück des lebendigen Lebens. Aber die Zeit stand nicht still, die Tage verflogen, und um das Ereignis legte sich ein Gewebe, färbte cs, veränderte es, nahm etwas weg, legte etwas zu, und aus dem Leben wurde eine Legende. Wie ein scharfer Steinsplittcr, der vom Felsen abfällt, von den Wellen jahrelang gewaschen und glattgeschliffen, mit Sand und Muscheln bedeckt wird, nicht mehr sein eigenes Leben lebt, sondern ein fremdes, verändertes. ln meinen Kinderjahren erzählte mir meine Mutter, daß de in ihrer frühesten Jugend die Heldin dieser Er/iihlung gekannt habe. Schon damals war sie nicht jung, diese seitsame Frau, die Tochter eines Schmiedes, die ihrem jüdischen Gott entlaufen war. So lautete die Geschichte mit den eigenen Worten meiner Mutter, als sie mir eines Abends vor dem Schlafengehen erzählte: Vor vielen Jahren, als du, mein Kind, noch gar nicht auf der Welt warst und noch niemand, mein Gold, an dein Kommen dachte, vor vielen Jahren lebte in unserer Stadt eine junge schöne Frau, die ihrem jüdischen Gott entlaufen war. Ich sah meine Mutter groß an; mein kleines Kinderherz zog sich vor Schmerz, Aerger und Verwunderung zusammen. ״Entlaufen, Mutter? Ist sie weit von Gott weggelaufen?“ ״Nicht weit, mein Sohn, von Gott kann man nicht weit weglaufen.“ ״Hat der jüdische Gott sie eingeholt, Mutter?“ ״Ja, eingeholt, mein Kind. Schnell hat er sie cingeholt, die schöne Chane, ja, ja, sehr schnell.“ ״Und was machte er mit ihr dafür, daß sie ihm entlaufen woltc?“ ״Er hat ihr auf der Stirn ein Zeichen gemacht, ein schreckliches Zeichen, damit es alle Menschen sehen konnten, damit alle wissen sollten, daß sie ihrem Gott entlaufen wollte.“ Aengstlich schmiegte ich mich an meine Mutter und fragte: ״Und was war das für ein Zeichen?“ ״Ein Zeichen, das sie nie von ihrer Stirn entfernen oder abmachen konnte. ״Nicht einmal mit Seife?“ ״Nicht einmal mit Seife, Sohn.“ ״Und du selbst hast dieses Zeichen gesehen?“ ״Ja, Kindiein, ich hab’s gesehen. Ich war noch ein kleines Mädchen als ich dieser schönen Chane begegnete. Sie war damals nicht mehr jung, doch konnte man noch sehen, wie schön sie in ihrer Jugend gewesen sein mußte. Ihr# Augen waren immer gesenkt, sie hat nie gelächelt, und schön war ihr stolzer Mund. Ihre Haare und ihr Hut waren tief über die Stirn gezogen; doch konnte sic nicht das schreckliche Zeichen verbergen, das Gott ihr auf die Stirn gedrückt hatte.“ ״Das Zeichen . . . was war das für ein Zeichen?“ ״Ein rotes, ein schreckliches, es brannte auf ihrer schönen, weißen Stirn. Und man konnte es nicht entfernen.“ ״Nicht einmal mit Seife?“ ״Nicht einmal mit Seife. Schlaf, schlaf, mein Kind, denk nicht darüber nach.“ Es versteht sich von selbst, daß ich nach dieser Geschichte nicht schlafen konnte. Lange drehte ich mich im Bett hin und her und dachte über den jüdischen Gott nach, der alle fängt, die ihm entlaufen, und der allen, wenn er sie eingehoit hat, ein Zeichen, ein schreckliches Zeichen auf die Stirn drückt, das niemand entfernen kann, nicht einmal mit Seife. * Ich bin groß geworden, habe angefangen, das Leben genauer zu betrachten, kenne mich mehr aus in dem Realismus der täglichen Existenz und kam der schrecklichen Legende über die schöne Chane näher. Ich fragte alte Leute aus, jene, die die Geschichte unserer Stadt kannten, und sehr bald gelang es mir, den Kern der Legende, die meinen ruhigen Kinderschlaf störte, zu er• forschen. . . . Vor vielen Jahren lebte in unserer Stadt ein Schmied. Man nannte ihn Mordche. Er wohnte am Ufer des Teiches in einem kleinen Hoizhäuschcn, zeichnete sich durch große Kraft, Gottesfürchtigkeit und Redlichkeit aus. Er arbeitete für die Kavallerieoffiziere, machte Hufeisen für ihre Pferde. Er war Witwer und hatte selbst seine einzige Tochter Chane erzogen. Chane war wunderbar schön, so schön, daß die stattlichen Kavalleristen, die Offiziere, ihre Augen von dem armen, bescheidenen Mädchen nicht abwenden konnten. ״Geh׳ nicht in die Hauptstraße, schau nicht die Offiziere an. Gib ihnen keine Antwort, wenn sie dich ansprechen,“ belehrte der Schmied seine Tochter. Aber der Frühling kam — oh, der Frühling mit neunzehn Jahren, wo die ganze Welt wie ein blühender Garten aussieht. Der Frühling kam und brachte viel Aerger. Durchgebrannt war Chane mit dem allerschönsten, mit dem liederlichsten Offizier. Weg war sie in die große Hauptstadt und hatte sich dort, wie man später erfuhr, in einer griechischorthodoxen Kirche von einem langhaarigen russischen Popen taufen lassen und den Gott ihrer Eltern verflucht. Oh, wie schrecklich, wie heftig schlug der Schmied Mordche mit seinem schweren Hammer auf das glühende Eisen, so daß nach allen Seiten die Funken flogen. ״Entlaufen! Verlassen! Mich und Ihn. Ihrem Gott ist sie entlaufen,“ sprach Mordche zu sich, auf das Eisen schlagend. ״Ja, es macht nichts, weit bist du nicht weg, vom jüdischen Gott kann man nicht allzuweit vveglaufen. Er findet dich schon, Chane, er findet dich schon.“ Der Schmied drohte mit den Händen, die die Zange mit dem glühenden Eisen hielten. Und wirklich, nicht allzuweit war die schöne Chane entlaufen. Es passierte das, was immer bei solchen Geschiehten passiert. Die Jüdin wurde dem Offizier lästig, und er warf sic hinaus. In einer dunklen Winternacht klopfte Chane an die Tür ihres Vaterhauses. ״Wer ist dort?“ fragte der Schmied. ״Ich, Char.c.‘“ Leise ließ er sic herein, still machte er ein Stück Eisen glühend. Chane saß da mit gesenktem Kopf und wartete, daß er sprechen solle. Und dann sprach er. ״Deine Schönheit hat alles verschulde! Man braucht nicht eine solche Schönheit,“ — sagte er, mit einer Hand ihr Haar haltend. Und mit dem glühenden Eisen, das er in der anderen Hand hielt, brannte er ihr ein Zeichen auf ihre schöne Stirn. (Uebeneut von M. 1(״ ״Jüdische nod abendländische Mnsik“ Eine Entgegnung von Kapellmeister Theodor Fuchs, Danzig. ln Nr. 02 der ״jüdischen Rundschau“ vom 7. August 1028 schrieb Fricdel Curth, Düsseldorf, einen Artikel über ״Abendländische und jüdische Musik“, in, dem er versuchte, den Gegensatz dieser beiden Stilarten in der Weise zu formulieren, daß er den abendländischen Künstler, besonders den Musiker, als Gestalter, den jüdischen als!!wlatiker hinsfellte. Diese Ausfiihrungen, die in dem Wunsche nach einer neuen, palästinensischjüdischen Musik gipfeln, scheinen mir aber in hohem Maße von einer falschen ästhetischen Warte gesehen. Ganz abgesehen davon, daß Herr Curth den Fundamentalirrtum begeht, zu vergessen, daß jede Kunst eine Synthese zwischen Ekstase und Form, zwischen Intuition und Architektonik sein muß (Schulbeispiel: Jedem Menschen fast fallen Melodien ein, aber nur der kann ein Künstler genannt werden, der es versteht, die verschiedenen Töne und Melismen in eine Form zu bringen, die für alle Menschen gültig ist) und daß eine rein ״ekstatische“ oder rein ״technische“ Musik in der Wirklichkeit genau so unmöglich ist wie eine Linie im Raum, bringt er Formulierungen über ״abendländische Kunst“, die zum Widerspruch herausfordern und sich leicht ad absurdum führen lassen. Dali Flcrr Curth für seine These, ״der Sinn alles abendländischen Geistesschaffens sei Technik“, als typisches Beispiel J. S. Bach anführt, beweist seine Unsicherheit, da Bach ja in der Tat einen Grenzfall darstellt; noch besser hätte der Verfasser ja die in Gestaltungswut verbissenen Komponisten der niederländischen Schule zitieren können; aber er vergißt die große Reaktion, die (ausgehend von der Mannheimer Schule und Philipp Emanuel Bach) auf die Zeit des kontrapunktischen Formalismus mit ihrem Schrei nach dem Melos, der Intuition, der ״Ekstase“, tolgt, zu erwähnen. Würde man den Satz des Herrn Curth vom ״technischen Sinn der abendländischen Kultur“ überhaupt konsequent weiterführen, müßte man wohl zu dem Ergebnis kommen, daß der ״Sinn“ etwa der Rembrandtschen Porträts nur die Freude am Lichteffekt des Hell-Dunkel sei, der der Vincentschen Landschäften das Bedürfnis, Farben zu ״gestalten“, der der Decke der Sixtina Raumverteilung sei usw. Der Verfasser verwechselt hier einfach Mittel und Zweck. Daß das Formale nötig ist, um das Ekstatische zu vermitteln, daß Architektonik der einzige Schutz des Genialischen vor dem Chaos ist, wird wohl jeder fühlen, der nur einmal eine Mozartsymphonie gehört oder eine Botticelli-Madonna gesehen hat. Auch ist es nicht verständlich, wie Herr Curth es fertig bringt, das Abendland, das aus ungeheurcr Gemeinsamkeits-Frömmigkeit das Wunder der Gotik schuf, areligiös zu nennen (selbst wenn es sich ״um Urrcgungen im Geistig-Menschlichen“ handelt), Ist aber das, was der Verfasser als Voraussetzung über das Abendland sagt, nicht richtig, so stimmt noch weniger, was er über das Jüdische sagt. Wenn er behauptet, daß die Schönheit der Propheten in dem bestände, was sic sagten, und nicht w ie sie es sagten, so bitte ich ihn, einmal Arnos I oder Jesaja XI nachzulesen. Wer nicht fühlt, daß die ungeheure Wucht der genannten Rede des Arnos auf dem vollendeten künstlerischen Aufbau, in dem starken, fünffachen Crescendo der Strophen beruht und viel weniger auf dem Einzelausdruck, wer nicht den Zauber der Worte der Messiasverkündung des Jesaja fühlt, und nur dem Sinn, der reinen Idee, die Wirkung auf uns zuschreibt, hat eine etwas eigenartige Auffassung vom Wesen der Kunst. Und nur wer in den Gesängen der ostjüdischen Kantoren, in den Liedern der Chassidim, in der Horra der Chaluzim das (allerdings anders geartete, aber trotzdem starke) formale Eiement verkennt, kann diesen Gegensatz von jüdischer und abendländischer Musik als von ekstatischer und gestaltender (selbst im tiefsten Sinne) konstruieren. Denn anders als konstruiert kann inan diesen (ie.t״nkeugang nicht nennen. Das beweisen am besten die vom Verfasser angeführten Beispiele. Ein paar Berichtigiingen tun auch hier not. So deklariert der Verfasser Max Bruch fälschlich ais .juden; so behauptet er, der Text der ,.Carmen‘ des Halbjuden Bizet sei eine ״Stütze für Bizets ethisches Ausdrucksncdürinis“ (!!); so vergißt er den vielleicht typischst-jüdischen Komponisten des neunzehnten Jahrhunderts, Jacques Öffcnbach nämlich, überhaupt zu erwähnen. Ich glaube, wir können sagen, daß die These des Herrn Curth ganz bestimmt im äußeren Sinne unrichtig ist, im inneren aber ebenso, wenn man bedenkt, daß die beiden bisher bedeutendsten Werke des Judentums, Bibel und Talmud, durchaus ״Gestaltung“ sind und sein wollen, und daß wir andererseits keine reinere ״Ekstase“ kenne! als etwa die der deutschen Mystiker. , Was verstehen wir nun eigentlich unter jüdischer Musik? Seit Wagners berüchtigtem Buch: ״Das Judentum in der Musik“ bis zu dem im vorigen Jahr erschienenen gleichnamigen Werk von B e r I ist immer wieder versucht worden, in der Musik der als Juden geborenen Komponisten des letzten Jahrhunderts etwas Gemeinsames nachzuweisen. Wenn wir ehrlich sein wollen, mit negativem Erfolg. Wir müssen einmal aufrichtig sein und sagen, daß alle Thesen, die ein jüdisches Element in der Kunstmusik nachu eisen wollen, nicht nur konstruiert wirken, sondern auch sind. Wir haben uns daran gewöhnt, in Mendelssohn, Rubinstein, Meyerbeer usw. etwas nineinzugeheimnissen, was gar nicht in ihnen ist. Wie wir wissen, hatten die Juden in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts nur das Bestreben, sich so gründlich w׳ie möglich an die Umwelt zu assimilieren. Die jüdischen «,Komponisten der damaligen Zeit schrieben den Modestil ihrer Epoche (siehe Meyerbeers große Opern, Mendelssohns Oratorien usw׳.). Will man in ihnen durchaus jüdische Elemente suchen, wird inan, wenn man streng wissenschaftlich vorgeht, kaum etwas anderes finden als hie lind da eine dem Synagopcngesang entfernt verwandte Melodie oder ein Plus an Esprit (das man aher mehr auf die zeitgebundene Situation des damaligen deutschen Judentums als auf spezifische Kennzeichen zurückführen muß). Aehnlich geht es mit den andern jüdischen Komponisten. Man kann doch wohl kaum Lewandowsky, der die schönen alten Synagogengesänge verchristianisiert und für die Orgel und den liberalen Gottesdienst zurechtgebogen hat, als spezifisch jüdischen Musiker bezeichnen, genau so wenig wie Ci o I d m a r k , den Komponisten der ״Königin von Saba“ wegen des in dieser Oper wohlgetroffenen exotisch-palästinensischen Kolorits. Wenn w׳ir etwas sagen können, ist es vielleicht dies, daß wir dieselbe innere Zerrissenheit (die aber auch ausschließlieh eine Angelegenheit des westeuropäischen Judentums ist) bei H eine wie bei Mahler, Schönberg und Offenh a c h finden, wie ihnen allen denn auch (natürlich cum grano salis) manchmal eine gewisse Scheu vor dem Sentiment, hervorgerufen aus der Angst vor Sentimentalität, zu eigen ist. Einen Jehuda Burla: Lima Aus dem Hebräischen übersetzt von Erich Brauer. Nuhdradc *erbat« (7. Fortsetzung.) IX. In den beiden großen Zimmern an der Nordseite wohnte jetzt eine aschkenasische Familie, die aus Rumänien eingewandert war. Genommen waren Luna jene Fenster, aus denen sie am Morgen und am Abend auf Berge und Höhen schaute, die manchmal eingehüllt waren in einen dünnen Nebeldunst, manchmal beim Wechsel von Licht und Dunkel das Auge erfreuten, wenn Wolkenfetzen darüber schwebten. Nur der große spaniolische Roman ״Die Tochter des Bäckers“ bereitete ihr noch in der Oede ihres Hauses Vergnügen, in das sie den ganzen Tag gesperrt war. Jetzt sah sie, wieviel Leid es in der Welt gibt, wieviele ״Tragödien“. An den trüben Regentagen und an den langen Abenden des Winteranfangs, wenn es draußen stürmte und drinnen im Zimmer so still war, saß Luna und las ihr Buch mit Spannung. Aber manchmal wurde sie plötzlich melancholisch. Auch das Lesen war ihr zum Ekel, und es war ihr ganz gewiß, daß ihr Schicksal noch keinem Mädchen widerfahren war. Sie errötete vor der Drangsal ihrer Scham. Und sie hatte im Sinne, sofort aufzustehen und zu fliehen zu der Alten und sie anzuflehen, daß sie sich keine Sorgen mache und sich nicht betrübe; und daß sie ihr vergebe. Sie wolle zurückkehren, leben allein mit ihr wie vordem. Denn was sollte ihr ein Leben wie dieses. Aber wie würde sie der Großmutter die Tage des Alters verbittern? Es war eines Tages, Ende Kislew. Die Sonne trat glänzend aus dem Knäuel dichter Wolken und ihre leuchtenden Strahlen ließen überall, wo sie auftrafen, dünnen, warmen Dunst aufsteigen. Zu dieser rechten Stunde, als Sturm und Regen aufgehört hatten, eilte die Alte, Luna zu besuchen. Seit fünf Tagen w׳ar sie nicht bei ihr gewesen. Als sie hinkam, fand sie Luna am Fenster sitzen und nähen. Sie setzte sich zu ihr und betrachtete sie aus der Nähe. Sie bemerkte, daß Lunas Augen vom Weinen trübe waren. Sie beugte sich zu ihr und fragte sie besorgt: ״Was hast du, Lunachen? Was ist vorgefallen? Fühlst du irgendeinen Schmerz?“ ״Nein, Großmutter, keine Ursache.“ ״Vielleicht weil du“, sagte sie mit verhaltener Stimme, ״guter Hoffnung bist?“׳ ״Nein, ich — das Herz ist mir schwer.“ ״Und warum, meine Seele? Ich sah, daß du schon lange etwas mit dir herumträgst, und du hast mir nichts erzählt. Sag׳ es mir doch. Bin ich nicht deine Großmutter und du meine geliebte Enkelin?“ ״Was soll ich dir erzählen. Ja, ich will sprechen. Nicht habe ich es mir so gedacht. Ich kann nicht leben mit ihm. Habe ich euch nicht so oft erzählt, wie er sich benimmt. Nein, ich kann nicht. Plötzlich, gestern Nacht, etwas Neues. Er geht und zieht sich ganz aus und befiehlt mir, ihm den ganzen Körper mit Fett einzureiben, mit Schaffet! Welch’ erstickender Geruch! Ich dachte, er wäre krank, aber er sagte, das wäre gut gegen die Kälte. So machen es alle Bucharen im Winter. Und es täte gut, wenn auch ich mich einriebe, sagte er. Du siehst jetzt — ich kann nicht mehr so leben, ich kann nicht —.“ Die Alte saß schweigend da, zu verwirrt, um zu verstehen. Und auch Luna fühlte, daß sie nicht das gesagt hatte, was sie sagen wollte. Sie verstand nicht, das auszudrücken, was sie fühlte, und so wollte sie die Alte wenigstens beruhigen: ״Aber rege dich nicht auf. Kennst du mich nicht? Ja — ich habe Unglück. Das ist mein Geschick. Ich hoffte anderes. Sie haben uns betrogen. Sie haben mich betrogen. Sie sagten, mein Glück würde ,auf dem Gipfel der Zypresse‘ sein. Aber es war nicht so. Ich habe mich getäuscht, ich dachte nicht, daß es so kommen würde. Ich dachte, daß ich ihn nachher Heben würde. Das ist das Ganze. Manchmal ist es mir eng ums Herz. Aber auch das wird vorübergehen. Ich weiß selbst, daß das Unsinn ist. Was kann ich gewinnen? Man muß vergessen.“ Die Alte antwortete mit gebeugter Stimme: ״ja, meine Tochter, du bist klug . . . wie du sprichst. Ja, die Herzen gleichen sich nicht. Es gibt verschiedene Charaktere auf der Welt. So ist der Lauf der Welt. Aber dann, wenn die Kinder kommen, und die Mühsal und die Sorge mit ihnen, dann lenkt sich alles ein.“ Wind hub an zu wehen. Das Licht der Sonne wurde dunkel. Luna drängte die Alte heimzukehren, ehe der Regen käme. Und die Greisin ging fort, zusammengekrümmt vor Furcht und vor dem Elend, das nicht kommen möge. Luna blieb allein. Und Aufruhr packte sie und verhärtete sich in ihr. Sie wird mit ihm zu Gericht gehn. Es komme, was komme! MH der Dunkelheit, nach dem Regen, kam Obadjah vom Markt mit einem Korb Lebensmittel für den Sabbat in der Hand. Er stellte ihn in die Ecke, streifte die Ueberschuhe ab und legte das Halstuch ab. Er seufzte und sagte: ״Alles ist teuer.“ Vor der Verheiratung war er niemals auf den Markt gegangen, um einzukaufen. Alles besorgte ihm Ezechiel, der Schammasch. Aber jetzt verließ er sich nicht mehr auf Ezechiel. In eigener Person, nicht durch einen Boten, ging er einzuhandeln. Er ging auf den Markt gekleidet ganz wie ein Buchare. Seine europäische Kleidung warf er völlig von sich ab. Und die bucharische ließ seinen Bauch recht hervortreten: jeder Zoll ein Buchare. Mula Obadjah setzte sich mit gekreuzten Beinen auf das niedrige Lager. Eine große kupferne Mangal mit glimmenden Kohlen stand neben ihm. Er legte eine Kohle auf den Kopf der Nargileh und begann zu rauchen. Dazu briet er sich eine Kastanie nach der anderen auf dem Feuerbecken. Luna saß mit ihrem Roman ihm gegenüber auf einem Kissen, um nahe dem Lichte der Lampe zu lesen, die an der Wand befestigt war. Sie war gespannt auf den Schluß des Romans, auf das Ende der ״Tochter des Bäckers“, und sie konnte sich nicht von ihm trennen. ״Luna! Lima! sahst du nicht, daß ich kam?“ rief Obadjah, ״bringe mir Tee!“

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