Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 67 (24.8.1928)
- Date
- 1928-08-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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VON JÜDISCHER MUSIK Pas jüngste Stadium der jüdischen Musik An verschiedenen Punkten der Erde beginnt man wieder einmal zu spüren, daß es eine jüdische Musik gegeben hat, gibt und geben wird. Man ertastet — durch die religiöse Weise und das Volkslied hindurch — ihre Gesetze und Möglichkeilen. Man erkennt, daß ihr Wesen — um dessen Ergriindung man sich in ernsthafter Weise bemüht — sogar auch unabhängig vom traditionellen Volksgut in dem jüdischen Komponisten von heute wiedergeboren werden kann. Und man fordert, daß der jüdische Stil dieses Komponisten frei von den Begrenztheilen einer kleinen ״exotischen“ Bestrebung und souveränproduktiv auch seinem eigenen historischen Fundus gegenüber sei, um sich innerhalb der jungen Musikbewegung der ganzen Welt gleichwertig behaupten zu können. Man überblickt heute schon drei Generationen neuer jüdischer Musik: Die erste, die Pioniergeneration, wird durch Joel Engel (den Verfasser der ״Dybuk“־Musik) und seinen Kreis repräsentiert und etwa, um noch zwei der bedeutendsten herauszu lieben, durch Michael Milner und Arno Nadel, ihr wesentlicher Wert liegt darin, daß sie die Notwendigkeit einer Renaissance der jüdischen Musik überhaupt erst einmal erkannt und die ersten Schritte zu ihrer Verwirklichtmg getan hat. Diese ersten Schritte schon bestanden im Sammeln und Bearbeiten von Volksmelodicn und ihrer künstlerischen Verwendung. Allerdings ist diese erste Reihe von Werken noch recht ungleicher Qualität; neben Außerordentlichem findet sich Primitives und Assimiliertes, bei einigen Mitläufern sogar Dilettantisches und Geschmackloses. Die zweite Generation, die in jedem Sinn einen Uebergang darstcllt, zeigt bereits größere Einsicht in die Art der Aufgabe, die, wie gesagt, darin besteht, auf Grund überlieferten Materials eine spezifisch jüdische Musik zu schaffen und sich doch die revolutionären Errungenschaften der allgemeinen Musikentwicklung, das Freiwerden von den formalen Dogmen und eine neue Konzentration zunutze zu machen. Auch die Produktion dieser Teilepoche hat noch mit fremden Einflüssen zu kämpfen. Die größere Weite des Horizonfes gestattet aber schon Gleichsetzungen mit dem Musikstil bedeutender Zeitgenossen, von denen sich einige dieser neuen Bewegung mit großem Enthusiasmus anschließen. Wir finden hier die Russen Michael Gnessin, Alexander Krein und J oseph Aehron, den Schweizer Ernest Bloch und in Berlin Erich Walter Sternberg, Auch Max Brod, bekanntlich in Prag, ist hier zu nennen, obgleich von seinen Kompositionen noch nicht viel veröffentlicht ist. Diese Namen bilden schon den Uebergang zu der dritten und jüngsten Generation, den jetzt Zwanzig- bis Dreißigjährigen. Ihr Weg geht auf schärfste Durchdringung der spezifischen Probleme, auf zentralste Klarheit der Diktion, auf rücksichtsloseste Ausmerzung aller fremden Bestandteile. Allgemeine Zeittendenzen werden hier u. a, so verwertet, daß man außerhalb der reinen Mosiksphäre'Ciegwdes (etwa Natura׳- listisches) abstreift, Lyrik und Exotik zurückstellt und eine legale, ״sachliche“ Form sucht für die traditionellen, ethnologischen Werte. Charakteristische Vertreter dieser Generation sind: D a r i u s Mil hau d in Paris, Alexander W eprik in Moskau, Mordcchaj Sandberg in Jerusalem. Alexander Weprilc Alexander Weprik, der junge Moskauer#T«*Klftiitay,unterscheidet sich schon darin von de« meiste« seiner JÜdisch-russisehen Kollegen, daß er dem Einfluß Skrjabins in viel geringerem Maße unterworfen ist. Er hat nicht mehr die passsive, apathische,* melancholische Lyrik des großen Russen. Naturgemäß ist aiidt in seiner Klangfärbe viel Slavisehes; aber er wird in erstaunlich positiver Weise mit dieser Komponente seines Wesens fertig:1 seine Leidenschaft ist kraftvoll, streng, und seine Diktion zeichnet sich durch reife Oekonomie der Ausdrucksmittel aus. Fs ist nichts Willkürliches und nichts Manieriertes in seinem Stil. Den Höhepunkt der Werke ausgesprochen jüdischer Intention, die bis jetzt von ihm vorliegcn — es gibt da u. a. vier ganz neue Volkstänze, zwei volkstümliche Lieder und seine zweite Klaviersonatc — bildet wohl sein ״Kaddisch“1) (—: eine ekstatische Klage des Menschen um den Menschen hoch über allem Irdischen schwebend; aber im fatalistischen Schmerz um Gott in die Tiefe zuriiekreißend —). Obwohl dieses Gesangswerk aus dem musikalischen und emotionalen Assoziationsbereich stammt, den wir unter einem ״Kaddisch“ m hören gewohnt sind, ist es doch mehr eine freie, allerdings ganz untraditionelle Phantasie über synagogale Motive. Durch den Verzicht auf jeglichen Text ist hier eine absolute Reinheit der melodischen Expression erreicht. Man wird dabei an gewisse wortelose ehassidische Nigunim erinnert. — Alexander Weprik ist wohl der Radikalste in der russischjüdischen Komponistengruppe, ln seinen letzten Kompositionen hat er die Erfordernisse eines neuen jüdischen und gleichzeitig volkstümlichen Stils vielleicht am weitsichtigsten und konzentriertesten von allen erfaßt. Dabei hat seine monumentale Einfaehbeit nicht das mindeste gemein mit der forderten und entlehnten Simplizität gewisser ״Volkslieder“-Komponisten. Er bleibt immer gesell nackvoll und ohne Kompromisse. So ist auch seine Einstellung zur Schaffung einer spezifisch ״jüdischen“ Musik im höchsten Grade sauber: er gibt sich nicht ״jüdischer“ als er ist. •ngekgtheit seiner Werke, ihre unschematische, von innen her gewachsene Form, die auf konventionelle Gestaltungsmittel verrichten kann, der weich und wohltuend fließende Bogen seiner melodischen Kurven, alles das macht seine künstlerische Physiognomie unabhängig von der Entwicklung der zeitgenössischen Musik, deren letzte Errungenschaften er trotzdem souverän verarbeitet. Man wäre vielleicht versucht, ihn seiner affektbetonenden, *objektivistischen Musikauffassung wegen als einen Fortsetzer der Linie Beethoven-Mahler-Schönberg anzusehen, aber eher drängt sich einem die Empfindung auf, es hier mit dem Beginn einer neuen Epoche zu tun haben, die auch gerade die andere Einstellung, die geistige, architektonische, momimcntale umfaßt. Und was die Inhalte anlangt: es geht ihm um die wesentlichsten und tiefsten des Judentums: die philosophischen Ideen der Bibel und der späteren Schriften; Koheleth, Hiob, Psalmen, Kabbalistisches. Sandberg ist ein großer Melancholiker. Seine Musik ist von einer ganz tiefen, leidenschaftlichen, ja, man kann sagen: fanatischen Trauer. Aber diese Trauer bezieht sich nicht auf das Schicksal des Individuums, sondern auf die Tragik des Menschen schlechthin. In den sieben Jahren seines Lebens in Erez-Jisrael hat der jetzt Einunddreißigjährige an die vierzig Werke geschaffen. Darunter zwei Sinfonien, etliche Musikdramen, Kammermusik in eigenartigsten Besetzungen, Chöre, Lieder, eine Klaviersonate usw. Außer seiner kompositorischen übt Sandberg auch eine bedeutungsvolle musikpädagogische Tätigkeit aus. Er tat in seinem Wohnsitz Jerusalem ein Institut für neue Musik gegründet, das der Erziehung zum Verständnis modernen musikalischen Schaffens sowie allgemein-musikalischer Ausbildung dient. Die ebenfalls von ihm ins Leben gerufene Gesellschaft für neue Musik hat drüben im vergangenen Winter vierzehn Konzerte moderner Musik mit durchweg verschiedenen Programmen veranstaltet. Sandberg war es auch, der schon vor Jahren die Initiative ergriffen hat zur Gründung der angemein wichtigen Musik-Fakultät an der Universität 4 1 יLk^ t -L-1—X] -,-ir~—.41~ך—-ף■—Äij ״ «tix-e — -—״■■״. ׳ ■. .-.r. __ «■ mmmm. FfCt WAV ** ♦H 91 •?**־־־־־־־־־ t.*״ .. -1. . u /jCL.n.-TL.-P•־ jcx..r\ .ת... —־־־ -־kr־! I =&=׳*=ך ra n r\ 'fsz-zsr~z... ..... fCifnenJ rn*jGä'El» i Mv t . 1 ־־ ״ 1' יי ~Tm j m ■gner\^ . (\us dem 51. Fs«Im von Mordcchaj Sandberjf. Die Partitur ist von rechte nach links?«•chricbe».) Darius Milhaud Milhaud ist — bei allen stark jüdischen Elementen seines Melos — ein sehr bewußter Franzose. Diese Mischung von Jüdischem und Französischem hat einen besonderen Reiz. Es ist z. B. ganz einzigartig, wie er typische Effekte des französisehen Impressionismus zu geradezu archaisch-elementaren Wirkungen steigert. Bezeichnend für sein heroisches Pathos ist das eherne Lied vom Schmied, der die Ankunft des Maschiach her* beihämmert. *Die Atmosphäre des jüdischen Melos trifft er, ohne irgendwelche überlieferte Einzeirnotive zu wiederholen oder auch nur solche zu modifizieren. Es gibt ein jüdisches Klanggefüge, das jeder sofort spürt, der nur ein paar Töne Synagogenmusik hört: dergleichen erzeugt Milhaud aus eigener Intuition. Seltsam, wie wenig er dabei sein französisches Stilelement verläßt. Hier begibt sich das scheinbar Paradoxe, daß etwas ganz jüdisch ist ohne den Nationalcharakter des Wirtsvolks aufzugeben. Zwischen beidem ist hier eine eigenartige Verbindung eingetreten, die bereits jenseits der Assimilation steht. In seinen Bearbeitungen jüdischer Volks'ieder (״Chants populaires hebrai'ques“)1) und in den noch ziemlich wenig bekannten ״Poemes juifes“-) sowie in seinen beide!! neueren Oesängen ״Zionshymne“ und ״Israel lebt“3) zeigt Milhaud einen packend aufgebauten und koloristisch zwingenden Stil. Seine Melodik ist liebreizend und stark zugleich. Er hört ins Zentrum der antiken jüdischen Musik hinein. נ) Bei B. Schott’s Söhne, Mainz, erschienen. *) Ebenda. *) in der Universal-Edition, Wien, erschienen. Mordediaj Sandberg Von allen jüdischen Komponisten der Gegenwart scheint die natürlichste und tiefste Synthese von jüdischem Melos und modernem Musikstil Mordcchaj Sandberg geglückt zu sein. Er schöpft aus den Quellen der orientalisch-jüdischen Musik. Auffallend jüdischen Charakters ist seine Betonung des Geistigen, des Inhaltlichen, was mit seiner Vorliebe für freies Rezitativ gut zusammenstimmt. Das Wesen seiner Musik ist durch das Aufspüren irgendwelcher modernen Richtungen oder Einflüsse nicht zu charakterisieren. Was ihn von vielen modernen Komponisten unterscheidet, ist seine strömende Melodik und das meisterlich-mühelose Handhaben seiner komplizierten, sehr exakten und übrigens ganz neuartigen Tonsprache. Jedoch ist ihm seine Technik nie Selbstzweck: Wie jedem großen Künstler dient sie auch ihm ausschließlich als Gefäß für den Inhalt. Da der Inhalt höchst bedeutsam und nuanciert ist, muß es auch die Technik sein. Wobei der Ausdruck ״Technik“ schon fast zu bewußt klingt für ein derartiges Einssein von Organismus und Schaffen. Mordechaj Sandberg vereinigt so viel Elemente in seiner Musik wie nur wenige Komponisten heute. Seine Polyphonic steht Bach gleichermaßen nah wie Schönberg. Nur äußert sie sich bei ihm als ganz originäre Technik: ihr sehr konsequentes und differenziertes Liniengewirr fügt sich — durch geschmeidiges Ineinander-Uebergleiten der Themen begünstigt — einer Hauptthematik von fast homophoner Ueberlegenheit. Die Groß- 4) Bei B. Schott’s Söhne, Mainz, erschienen. Jerusalem. — Für das Jahr 1030 plant er ein int ernationales Musikfest in Palästina, zu dem u. a. schon Arnold Schötibe rg, Alois Haba und der bekannte Dirigent Kussewitzk v ihre Mitwirkung zugesagt haben. Da es einer späteren eingehenden Darstellung an Hand einzelner Werke vorbehalfen bleiben muß, Sandbergs Wesen ganz, plastisch zu machen, sei hier eine allgemeine Charakterisierung eines seiner Kritiker (Stutschewsky) wiederholt: ״Er erträumt eine Musik, die die ganze Welt umfaßt und in der Orient und Okzident ihr Wesen in gleicher Weise zum Ausdruck bringen.“ (״Die Stimme“, Wien) * Sammlung, Deutung und Verbreitung der Volksmusik, Erforschtmg und Erneuerung der Synagogalmusik — und, auf Grund beider — Schaffung einer jüdischen Kunstmusik —, das ist der Umkreis der nächsten Aufgaben. Bekanntlich arbeitet Arno Nadel im Aufträge der Berliner Jüdischen Gemeinde an der Neugestaltung der musikalischen Liturgie. Ungeheuer hat sich unser Blick geweitet, seit wir dank A. Z. I d e 1 - s oh n erkannt haben, daß es nicht mir in Europa, sondern ganz, besonders auch in Asien und Afrika eine große jüdische V o 1 k s in u s i k k u 1 tu r gibt. Idelsohn ist es auch gewesen, der uns den Weg zu den ältesten Resten orientalischer Synagogalmusik «schlossen hat. Das Interesse an der Schaffung einer neuert jüdischen Musik hat bereits weitere Kreise ergriffen: Komponisten aller Länder, deren Namen man bis vor kurzem nur aus der allgemeinen Musikbewegung her kannte, so Mario Castelnuovo-Tedesco in Italien, Maurice Ravel in Frankreich, Rudolf Reti in Wien bearbeiten jüdische Stoffe und nehmen in jedem Sinne tätigen Anteil. In allen Zentren gibt es eine Anzahl von Interpreten, die sich die Aufführung jüdischer Werke zur besonderen Aufgäbe gesetzt haben. Zwei große jüdische Theater, in denen Musik eine hervorragende Rolle spielt, sind förmlich aus dem Boden gewachsen: Habitna und das Moskauer Jüdisch-A!;ademische Theater unter Granowsky. Erste Musikverlage, die Universal-Ediiion in Wien, B. Schott’s Söhne in Mainz, Max Eschig in Paris — ja sogar die größten Schallplattenkonzerne der Welt haben sich besondere Abteilungen zur Herausgabe jüdischer Werke angegliedert. Und auch innerhalb der zionistischen Bewegung regt sich manches, um in der jüdischen Musik der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einen den übrigen Gebieten ebenbürtigen Kulturfaktor auf dem Wege der ״Rückkehr ״um Judentum“ anzuerkennen. Alice Jacob -Loewenson. I1cmccerd£lec4rc Sdiallplatten in allen Sprachen, auch a!m hebräisch, spaniolisch, jiddisch überall erhältlich fiemcphMvCempanY Bedb1SW§9 Die Musikschule ״Beth leviim“ in Tel- A wi w sucht einen Lehrer für die Celloklasse. Zionisten mit nicht zu hohen Gehaltsansprüchen mögen sich wenden an: Berlin NW 40, Lüneburger Straße 30», bei Sommerfeld.