Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 67 (24.8.1928)
- Date
- 1928-08-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 480 Nr. 67, 24. VIII. 1928 IUEDISC HB RUN DS'ClWü \ Das Zionistische Aralshaus in lernsalem Das Ergebnis des Wettbewerbes üsr cT S ',% .״ן׳ u~ .01!;j י>ץ?ן»*ז F:invcrnel1men und Zusammenarbeit zum Ausdruck kam, so ist jedenfalls an dem Ernst und der Aufrichtigkeit dieses Wunsches nicht zu zweifeln. Der weitere Verlauf der Besprechung erwies es. Als Korreferent sprach L. M. Perizweig, ein junger Londoner Rabbiner, der um die zionistische Jugendbewegung in England große Verdienste hat, und sich bei der Konferenz auch die Sympathie der hiesigen liberalen Jugend schnell eroberte. Er berichtete von den Jugendgruppen, die sieh in London um die Synagogen bilden, und sprach über die Notwendigkeit des Unterrichts im Hebräischen als lebender Sprache im Rahmen jeder jüdischen Erziehung, Eine liberaljüdische Aufgabe gäbe es nicht, sondern nur eine jüdische. Liberal ist man, wenn man meint, s o die jüdische Aufgabe am besten erfüllen zu können. Und daher sei man auch in erster Reihe Jude und erst in zweiter Liberaler. Daher müsse man ferner den lebendigen Zusammenhang zum ganzen Judentum stets aufrechterhalten. In beiden Referaten und auch in fast allen Diskussionsreden, besonders in den Worten des ersten Dis* kussionsredners, des greisen ■und trotzdem jugendlich feurigen Rabbi S i 1 v e r m a n aus New York, kam es zum Ausdruck, daß die Aufgabe dieser Generation sei: das Judentum für sich zurückzuerobern, sich wieder zum Judentum zu finden. Dem übertriebenen Wegstreben von der Gemeinschaft zur Vereinzehing des jüdischen Individuums hin müsse jetzt eine Periode des Zurückfindens zur jüdischen Gemeinschaft folgen. Perlzweig konnte auch (ohne nach den Gepflogenheiten des Plenums vom Vorsitzenden unterbrochen zu werden) unter lebh a f t e m Beifall auf den historischen Irrtum Hinweisen, der Zionismus und Liberalismus in ein Verhältnis der Unvereinbarkeit brachte, und der Hoffnung Ausdruck geben, daß die neue Generation diesen Irrtum für die Zukunft unmöglich machen werde. Aus der weiteren Debatte, an der sich 11. a. unser Gg. Rabbi EI k (Stettin), Dr. Hoffmann, Dr. Martin G o I dn e r, Betty Marcus, Lee K. Frankel und Rev. Goldstein (New York) beteiligten, ist vor allem die Haltung der deutschen Jungliberafen erwähnenswert. Sie traten — bis aut den wohl nur sehr begrenzt dazugehörigen Frankfurter Hoffmann — dem offiziellen politisch-proklamatorischen Geist in entschiedener sachlicher Opposition entgegen. Das drückte sich in der Feststellung aus, daß die Jugend nicht über die Kluft hinwegsehen könne, welche sich häufig zwischen Geste und Tat im religiösen Verhalten der Liberalen auftut; und es fand auch in der dankenswert deutlichen und tapferen (von den jungen Anwesenden heftig beklatschten) Erklärung von Betty Marcus Ausdruck, die sie, wie sie sagte, nicht nur im eigenen Namen vorzubringen hatte und in der es hieß, daß die jüdisch-liberale Jugend ihre weitere Mitarbeit davon abhängig macht, daß mit dem — entgegen allen Proklamationen einer geläuterten Religiosität — von liberalen Organisationen und ihrer Presse geübten kleinlich feindseligen und zänkischen Gebaren gegenüber jüdischen Gruppen anderer Ueberzeugung (gemeint ist natürlich der Zionismus) endgültig .'Schluß gemacht wird. Sie erklärte, wie es schon vorher Dr. Goldner mit Hinweis auf das Frankfurter Jüdische Lehrhaus und die im Entstehen bcgriffene Berliner Schule der jüdischen Jugend getan hatte, den Willen und die Entschlossenheit zu gemeinsamer jüdischer Tat der ganzen jüdischen Jugend. Des Hervorhebens wert ist noch die Rede Lee K. F r a n - kels; sie war bei aller Bestimmtheit unaufdringlich bescheiden, ihr Inhalt das Bekenntnis des Glaubens an das Gegen wartswunder der Einheit des Judentums. Sp. ״ »le MlsfÄl-WeMkoitfereiz (Fortsetzung von Seite 1.) Nachdem dem Merkas Olami das Vertrauen der Weltkonferenz ausgesprochen wird, wird die Sitzung geschlossen. Die 6. Sitzung fand unter dem Vorsitz von Rabbiner Ostrowski statt. Der Direktor des Misrachi-Lehrerseminars in Jerusalem, Lifschitz, und der Leiter des Misrachi- Erziehungswesen, Rabbi Berman, referierten über reliiöse Erziehung. Auf Vorschlag von Dr. Barth sollen die pezialreferate in den Kommissionen gehalten werden. Den ganzen Tag über arbeiteten die Kommissionen. Bekanntlich hat die Zionistische Exekutive zusammen mit den beiden Fonds vor mehreren Monaten ein Preisausschreiben für die Errichtung eines gemeinsamen Amtshauses erlassen. An dem Wettbewerb durften sich nur die palästinensischen Architekten und Bauingenieure beteiligen. An Preisen wurden seitens der drei Institutionen insgesamt £P 680 festgesetzt. Als Preisrichter fungierten Professor Joseph Frank aus Wien, der bekannte Architekt und Hochschullehrer, sowfie Ingenieur M. Reiner und Architekt B. Chaikin aus Jerusalem. Professor Frank traf am 18. Juli in Jerusalem ein und das Preisrichterkollegium machte sich sofort an die sehr umfangreiche Prüfung der eingegangenen 38 Projekte. Als Grundlage für die Bewertung der Arbeiten wurde ein modernes Verfahren das sogenannte Punktsystem, angewendet. Mit dem 1. Preis wurde das Projekt des Ing. Eugen Ratner vom Technikum in Haifa ausgezeichnet. Die nächsten Preisträger sind: Ing. L. Krakauer, Architekt B. Kutzin sky , Dipl.-Ing. Richard Kauffmann, Ing. W. H e c k e r, sämtlich Jerusalem. Die Preisverkiindigung rvurde in feierlicher Sitzung vorgenommen, an der Vertreter der beteiligten zionistischen Institutionen tellnahmen. Col. Kisch schloß die Sitzung mit folgenden Worten: ״Ich betrachte diesen Moment als ein historisches Ereignis in der Entwicklung der jüdischen nationalen 1« ln de# Erziehttitgsktapiission führte Rabbiner B.'Cod den Vorsitz, der Organisationskommission präsidierte der frühere Sejmdeputierte Hefmann, die Buagetkommiss!on leitete Rabbiner Teit eibau in. Der Merkas Olami schlägt für das kommende Jahr ein Budget von 70 000 Pfund vor. Die Hauptpositionen bilden die Ausgaben für religiöse Arbeit und das Schulwesen mit insgesamt 55 000 Pfund. Die Kommission verhandelt mit den einzelnen Landeszentralen darüber, daß jede Landeszenfrale die Deckung eines gewissen Budgetteils übernehmen solle. Die Budgetkommission behandelte auch den Antrag auf Gründung eines speziellen Direktoriums für den ״Keren Erez-lsracI schef Hamisrachi“ nach dem Muster des Keren Hajessod. Institutionen des jüdischen Nationalheims. Es ist das erstemal, daß ein freier, öffentlicher und gut organisierter Wettbewerb für palästinensische Architekten veranstaltet wurde. Wir freuen uns, daß repräsentative und maßgebende Preisrichter ihr Urteil über die Pläne abgaben. Ich bin der gleichen Meinung wie sie, daß das Niveau der eingcrcichten Pläne sehr befriedigend ist. Indem ich ihnen im Namen der Zionistischen Organisation für ihre große Mühe danke, darf ich sagen, daß der von ihnen unterbreitete Bericht ein wertvolles Dokument bilden wird sowohl für die Ausführung des Gebäudes wie auch als ein Beispiel für andere, wie solch ein Wettbewerb durchgeführt werden soll. Ich möchte besonders Herrn Prof. Frank, der eigens hierfür aus Wien hierher gekommen ist, herzlichst danken. Ich hoffe, daß das Gebäude, dessen Plan gewählt wurde, ein nützlicher Faktor in unserem nationalen Leben sein wird. Dem Keren Kajemcth Lejisrae! ist es zu verdanken, daß das lange Fehlen einer geeigneten Zentrale für unsere nationalen Institutionen zu einem Ende kam. Ich möchte bei dieser Gelegenheit dem Jüdischen Nationalfonds dazu gratulieren.“ Sämtliche Arbeiten wurden für die Dauer einer Woche im ״Bc za 1 e 1“ öffentlich ausgestellt. Unser Bild zeigt das mH dem ersten Preis gekrönte Projekt. Es besieht die Absicht, mit der Ausführung des Baues noch in diesem Herbst zu beginnen, und zwar dürfte aller Voraussicht ■ nach der Teil des Gesamtbaues, der für den Keren Kajemeth I bestimmt ist, zuerst ausgeführt werden. Vier Millionen «Joden ia U. S. A. New York, 20. August. (J.T. A.) Bei der vom Handelsdepartement der Vereinigten Staaten im Jahre 1026 durchgeführten Volkszählung wurde auch das religiöse Bekenntnis berücksichtigt. Bei dieser Zählung wurde festgestellt, daß in den Vereinigten Staaten 4 078 357 Juden leben die sieh auf 2918 Kongregationen verteilen. Der Wert der Synagogen-Gebäude samt ihrer Einrichtung wird mit 100 890 660 Dollar beziffert. 553 Kongregationen unterhalten Sabbat-Schulen, die von 69 439 Schülern frequentiert werden; 631 Kongregationen unterhalten jüdische Wochentags-Schulen mit einer Gesamtschülerzahl von 70 429. 111111111nBM11111H11H1Mt11111M11111111w11>11111111811(HHH1B11111(11H1111H11111M1>w1w111n11H1111>111m1w111Hw1w>H11WHi1111t11111nm1H11111M))1111111H1mH111111»1H111111t11nw1Htw111>mn111111H11n1111mMr111t1tu111m1t11H1H1ff1Bm11(1t11n1nf111111n1t11Bm11w1t11t1ntH1111 Eine Frau predigt Wie kommt mir dieser Glanz in meine Hütte? — hätte der Bewohner der bescheidenen Johannisstraße, die da im Zentrum Berlins dicht an der keine jüdischen Parteien kennenden Artilieriesfraße liegt, die am einen Ende orthodoxe Rabbis, am andern Ende liberale Seelsorger entsendet, am letzten Sonntagmorgen fragen können. Lange Reihen von Autos, festlich geschmückte Menschen, drängendes Getriebe. Alles strömt nach dem protestantisch schmucklosen, wenn auch jetzt geschmackvoll umgebauten Betsaale der jüdischen Reformgemeinde. Also hätte der Sonntagsgottesdienst, der eben wieder umstrittene, dennoch seine Berechtigung?! — Voreiliger Schluß. Wer sonst manchmal am Sonntagmorgen desselben Weges zieht, der weiß, welch geringes Häuflein von Andächtigen sonst hier sich zusammenfindet. Diesmal gilts einer Sensation. Iin Rahmen der Tagung des Weltverbandes für das religiös-liberale Judentum wurde ein Festgottesdienst angekündigt, wie er ähnlich bereits am Freitagabend in zwei liberalen Synagogen Berlins stattfand, wie ihn am Sabbath* morgen die Synagoge in der Oranienburger Straße erlebte. Nirgends aber strömten die Gläubigen so zahlreich wie hierher. Denn hier soll Lilv Montagu - The Hon. Lilv Montagu J. R. (Justice of Peace) wie das titelfrohe England sie mit einem ererbten und einem erworbenen Namen nennt — predigen: die erste Frau, die in Deutschland eine jüdische Kanzel besteigt. Scnsationshunger: denkt man, sieht skeptisch zu, wie ein höchst elegantes Publikum allmählich die Bankreihen erfüllt; und — fühlt sich selbst ein wenig dieser ״Sünde bloß“. Herren im Frack, ohne Kopfbedeckung, Damen mit um so geschmackvolleren Hüten; hat sich das Auge ein wenig ans Getriebe gewöhnt, so sieht man auch die drei Geistlichen, protestantisch gewandet, im schwarzen Talar mit weißen Bäffchen, wie man es schon aus den liberalen Gemeindesynagogen gewöhnt ist — nur fehlt auch hier natürlich die Kopfbedeckung, was manchem der liberalen Zuhörer schwerer eingeht als manche vielleicht bedeutungsvollere Reform. Unter der Menge viele ausdrucksvolle Köpfe: amerikanische Rabbiner mit weißem Haar lind jungen Augen — allen voran der feine Gelehrtenkopf des greisen Führers der Reformbewegung, des Engländers Claude Montefiore. Ganz zuletzt entdeckt man in all dem Getriebe vorne, links vom Almemor, die gebückte Gestalt einer Frau: hochgewachsene Gestalt, Gesicht wie aus Stein gemeißelt; eingehiillt (ich weiß kein anderes Wort dafür) in ein weites violettes Gewand, das Haupt von violettem Barett bedeckt. Man denkt an die Erzählungen von der Talmudistin, die hinter einem Schleier lehrte, um die Schüler nicht durch ihren Anblick zu verwirren, wenn man dies vollkommen entpersönlichende Gewand — das freilich von der Kleidung englischer Geistlichkeit beeinflußt sein mag — sieht. Wenn man will, so ist es nichts anderes als die Idee des alten Tallith, des Gebetmantels, den der Jude tragen sollte und der ihn abschloß von allen Alltagsgedanken, ins Weibliche übertragen. Nur die gebeugte Linie des Kopfes ist von ihr zu sehen. Tiefgeneigten Hauptes blickt sie in das schmale Gebetbüchlein der Reformgemeinde, als wolle sie es auf einmal auslernen. Halb Aebtissin, halb Heilsarmee, denkt dein rebellisches Herz. Und doch fühlst du: diese Frau ist ganz einsam, ganz in sich versunken, ganz allein mit ihrem Gott... Nach der stark verkürzten Vorlesung aus Thora und Propheten erhebt sich die gebückte Gestalt — fast zögernd und widerwillig, als hafteten ihr die Füße am Boden, schreitet sie zur Kanzel hinauf Und dann — beginnt eine'Predigt, die auch für den ganz anders gewöhnten und gerichteten Juden zum Erlebnis wird. Durchaus keine gewandte Rede etwa; fast muß man an das Wort der Schrift denken, die von unserm Lehrer Mosche berichtet, er sei ״schwer von Zunge“ gewesen; eigentümlich trifft sichs, daß noch am selben Vormittag dieser Tagung dieses selbe Wort von dem geistvollsten Redner der Versammlung, von Baeck, als Signum des wahren Predigers gedeutet wird. Dies aber ist keine geistvolle Rede. Lily Montagu, die in deutscher Sprache aus dem vor ihr liegenden Manuskript vorliest, entschuldigt sich wegen der Härten und Schwächen, die man selbst einer Frau, die in ihrer Mutterspräche vortrüge, an diesem ungewohnten Orte zugute halten müßte. Um so unerwartete ist bei dieser gelesenen, nicht gesprochenen Predigt die Wirkung. Gewiß, hier ist keine Leidenschaft, kein fortreißendes Pathos des Redners; selbst das Gefühl erscheint streng, gedämpft, gebändigt. Aber diese Worte sind — jedes von ihnen einzeln und sie alle zusammen wik die Glieder einer unzerreißbaren Kette — das in seiner Schmucklosigkeit erschütternde Bekenntnis einer Seele, die Gott gesucht hat. Von der Religion des Einzelnen spricht sie und ihrer Weiterleitung zur Gemeinschaftsreligion; von den Formen der Gemeinschaffsreligion,‘ die manch einer, der ein sittlich Leben führt, entbehren zu können glaubt. Aber — hier wird ihre Stimme tiefer und tönender — nur den Erlesenen, Einem unter Zehn, ja Einem unter Hunderten, wie sie sich verbessernd hinzufügt, ist dies schwere Werk, eine Religion ohne Formen zu leben, vergönnt. Unternimmt es der Durchschnittsmensch, so wird er versinken in ein Leben, wo Laune des Augenblicks und materieller Vorteil das Wort führen — und die Scele zu einem Kampfplatz widerstreitender Kräfte machen, statt zu dem schönen, stillen Tempel, den die Seele des Frommen darstellt. — Sehr bezeichnend erscheint es, daß einige Stunden später im Herrenhause der weißhaarige Führer der Bewegung, Claude Montefiore, gerade diesen Passus noch grimmiger wiederholt: Drei oder Vier habe er in seinem langen und menschenreichen Leben gesehen, die ein solches Leben hätten führen können. ״Schließe Dich nicht ab von der Gesamtheit!“ — Lily Montagu ruft dies Wort unserer Lehrer nicht etwa als Eideshelfer an, sie weiß vielleicht gar nicht davon, hat es nie gehört: aber, und das ist vielleicht noch wichtiger und beweiskräftiger : sie scheint es in diesem Augenblick, da sie ihre Gedanken als das Ergebnis ihres Tatenlebens zusammenfaßt, neu zu finden. Ein Umweg? Vielleicht. Aber doch ein jüdischer Weg; oder wenigstens ein Weg mit jüdischer Zielsetzung. ״Wir wollen ein jüdisches Leben führen!“ klingt es Immer wieder aus ihren Worten. Die jüdische Welt weiß, daß hinter jedem dieser Worte eine jüdische Liebestat steht, deren ihr Leben voll ist; über ihre soziale Arbeit seit mehr als einem Menschenalter wird sie selbst im Jüdischen Frauenbund noch berichten. Wenn bei irgendeinem Menschen, so ist hier Leben und Lehre Eins geworden. Eins das Andere ergänzend und befruchtend. Darum auch darf sie diese Predigt wagen, die mit ihren abstrakt ethischen Forderungen wom darum nicht farblos wird und nicht verblaßt, weil man bei jedem Worte spürt, daß hier ein Mensch von seinem Ootteserlebnis berichtet — ein Mensch, an dem sich die liberale Forderung der ״fortschreitenden Offenbarung“ einst vollzogen hat und täglich noch vollzieht. Diese Frau hat einmal die Stimme Gottes gehört. Und darum sagt sie Dir heute, wenn sie predigt, Wirklichkeiten: ״Dinge“, wo die andern nur Worte hervorbringen; wie Baeck es mit einem Worte Dantes kennzeichnete. Es bedeutet Glanz, und Schwäche des derzeitigen liberalen Judentums, daß ihm Persönlichkeiten wie Claude Montefiore und Lilv Montagu entwachsen konnten. Glanz: denn sie verkörpern beide die Religion als Glaubensbekenntnis des Einzelnen, sie verwirklichen die ,,Botschaft des liberalen Judentums“ in ihrem eigenen Sein. Sobald aber das heutige liberale Judentum die Sphäre der Einzelreligion verläßt und zur Gemeinschaftsreligion strebt — versagt es. Auch Lily Montagu wird merkwürdig schwach, als sie am folgenden Nachmittage es unternehmen will, die Verwirklichung ihres liberalen Judentums im häuslichen Leben darzustellen. Gewiß, sie verwirft die alten Formen jüdisch-religiösen Lebens, die uns die Jahrhunderte geschaffen haben, nicht — oder doch nicht alle: den Freitagabend, die Passah-Feier möchte sie gerne vertiefen, mit neuem Geiste erfüllen. Neuer Wein in alten Schläuchen? — Warum nicht? — Aber: die symbolschaffende Kraft des alten Judentums ist, wie es auch manchen unter ihren überaten Gesinnungsgenossen scheint, dem Geschlechte von heute versagt. Auch dieser ungewöhnlichen Frau ist sie offenbar nicht gegeben; und hier wird sie zu einer fast tragischen Gestalt: das Unmögliche begehrend. Denn ein wertvoller Teil der heutigen Jugend steht nicht hinter ihr. Dennoch: wer am Morgen zu ihren Füßen saß, der fühlte, daß sich an ihr ein altes Bibelwort erfüllt hat. Zum Segen ist diese Frau in ihrer Einheit von Leben und Lehre, von Wirken und Wort Vielen geworden. Und vielleicht deshalb darf sie wagen, was vor ihr noch keine jüdische Frau gewagt; den Segen zu sprechen, den die jüdische Sitte den Priestern allein Vorbehalten hat. Ihre Predigt endet mit dem hebräischen Priestersegen; und die heilige Sprache klingt vertrauter von ihren strengen Lippen als man erwarten mochte: wie halb* vergessene Muttersprache ihrer suchenden Seele... Bertha Badt-Strauss. «