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Jüdische Rundschau · 1928-08-21 · Heft 66 (21.8.1928) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 66 (21.8.1928)
Date
1928-08-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 474 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 66, 21. Vm. 1928 Tel-Awiw fahren, Leute aus Saffed und Tlberias nach Bath Oalim, und Leute aus Bath Galim und anderen Haifaer Vierteln und Vororten nach Saffed — so kommt einem dieses ״Verwechselt das Bäumelein“-Spiel recht wunderlich vor. Aber doch liegt darin eine gewisse Vernunft. Man fühlt sich körperlieh nicht wohl in diesen Hitzemonaten, besonders die Kinder kommen herunter, verlieren den Appetit und leiden an allerhand kleinen und großen Unpäßlichkeiten — da bringt oft eine Luftveränderung (selbst wenn es eine ebenso heiße Luft ist, die man gegen die gewohnte eintauscht) günstige Wirkung. Und dann — man ist so müde, immer die gleiche von der Hitze erschlaffte Stadt mit ihren vor lauter Weißglut färblosen Straßen und den aufgelösten Menschen zu sehen; man möchte zur Abwechselung einmal auf das blaue Meer oder •ia paar grüne Obstgärten blicken. Zu den Gründen der «lesjährigen Reiselust kommt noch der späte Beginn der Schulferien — als Folge des nach dem Lehrerstreik zu Jahresbeginn erst so spät aufgenommenen Unterrichtes. Nun hat man in den letzten heißen Wochen noch ein großes Pensum durchpeitschen müssen, und die Kinder — abgespannt und schlaff nach dieser Anstrengung — brauchen eine Orts- Veränderung als Stimulanten ihrer körperlichen und geistigen Kräfte. Man würde in noch viel höherem Maße in die Orte am Meeresstrand flüchten, wenn sie den Anforderungen einer Sommerfrische besser entsprächen. Aber in Tel-Awiw z. B. sind die direkt am Meer gelegenen Häuser alle längst überfüllt, und sobald man sich vom Strande entfernt, über• fallen einen Glutwellen und machen den Weg zum Badestrand und zurück so beschwerlich, daß das ganze Badevergnügen zu schwer erkauft erscheint. Außerdem wird die Konjunktur durch unerschwingliche Preise ausgenutzt. Und ein Ort wie Bath Galim besitzt nichts Anziehendes außer dem Meer, denn schon der Strand selber, der kein einziges Schattenzelt, keinen Steg ins Wasser hinaus und nur ein ganz armseliges Badehäuschen aufweist, ist den Tag über fast unbenutzbar. Und da man sich doch nicht ganz in ein Wassertier verwandeln kann, ist man den größten Teil des Tages auf den Aufenthalt im möblierten Zimmer oder auf den Schwatz der Pensionsveranda angewiesen. Da nun einmal Palästinenser — genau so gut wie die Bewohner anderer Länder — eine Sommererholung brauchen, wäre es wirklich dankenswert, wenn irgendein Verkehrsverein sich die Entwicklung einiger Orte als Sommerfrischen angelegen sein ließe. Dabei hat Palästina eine Stätte, die eine ideale Sommerfrische abgeben könnte, nämlich den Karmel. Wenn man aus dem Sande von Tel-Awiw, dem Gestein von Jerusalem, dem Staub von Haifa zum Karmel hinaufsteigt, atmet man auf, denn hier gibt es das, was man drunten am sehnsüchtigsten entbehrt hat: frisches, dichtes Grün. Die deutschen Templer in Haifa sollen wirklich dafür bedankt sein, daß sie den ganzen Karmel aufgeforstet haben: Pinien, Kastanien und Eichen, Johannisbrotbäume, Feigen und Granatäpfelbäume — das alles schließt sich zu dichten Wäldern zusammen, in die man sich jederzeit aus dem Staub der Straße flüchten kann. Und dazu die Temperatur. Von drei Seiten vom Meer umgeben, ist dieser Höhenrücken ständig vom Westwind bestrichen, der einem die schon fast vergessene Musik des Rauschens in Baumwipfeln vorspielt. Am Abend freilich haucht aus den Wäldern ein wenig von der Feuchtigkeit des Dschungels, u!M Leute, die zu Fieberkrankheiten neigen, bleiben besser fern; aber Gesunde lassen voller Genuß diese perlende und duftende Frische in alle ihre Poren eindrlngen, und dazu diese Vogelchöre, die am Morgen und Abend aus den dichten Baumwipfeln aufsteigen! Dieses Gekrabbel und Geschlüpfe von Eichhörnchen, Gekos, Chamäleonen! Dieses Gegaukel von Schmetterlingen! Ein wenig abseits von den bewohnten Gegenden kann einem am Abend auch eine Gazellenherde begegnen. Und nun der Ausblick! Dieser unbeschreiblich schöne Ausblick über die kornblumenblaue Bucht hinweg nach Akko und Ras el Nahum, dem weißen Felsen, der die Landesgrenze bildet, über die Ebene, in der sich das blaue Band des Kischan hinzieht und die begrenzt ist von den fernen Bergen. Darüber der weiße, festliche Glanz des schneebedachten Hermon! Auch das Hinunterblicken auf die Stadt Haifa und Hadar Hakarmel hat seine Reize, die schnürgeraden Straßen der Templerkolonie und ihre tadellos abgezirkelten Felder, die Häuser der inneren Stadt, die so weiß blinken, daß man den dazwischen Hegenden Schmutz ganz vergißt, die großen Gebäude, welche die Marksteine im Gelände bilden: Rothschildsche Mühle, Schemen-Fabrik, Ruthenberg-Werk, der Bahnhof, und etwas höher in Hadar Hakarmel die krönende Kuppel des Technikums. Dazu die Schiffe und Boote im Hafen, mit deren Beobachtung man stundenlang die Zeit so totschlagen kann, wie es sich zu einer richtigen Sommererholung gehört. Diese gesegnete Stelle des Landes wäre wohl ewig in den Händen der deutschen Templer und damit den Juden verschlossen geblieben, wenn hier nicht Weltkrieg und Phylloxera eingegriffen hätten: der erstere machte die Besitzer um das Fortbestehen ihres Besitzes bange, die zweite verdarb ihnen die Lust am Wiederaufbau ihrer zerstörten Weinpflanzungen. Nach diesen Erlebnissen waren sie zum Verkaufen bereit, und die Palestine Land Development Co. sowie später private Käufer benutzten die Gelegenheit. An diese Terrains knüpfen sich große Zukunftspläne: wenn der Hafen gebaut, die Petroleumröhrenverbindung mit Mesopotamien hergestellt und Haifa eine große Industrie- und Handels- Stadt sein wird, dann wird der Karmel das Wohnviertel dieser Stadt abgeben. Einstweilen hat sich schon eine kleine Zahl von Leuten, die in Haifa ihrem Beruf nachgehen, hier angesiedelt, einige Rentner haben sich wunderschöne Landhäuser gebaut, deren Antlitz dem Meere zugewendet ist, während ihr Rücken sich an ein Koniferenwäldchen schmiegt, und in deren terrassenförmig absteigenden Gärten es duftet und blüht. Seine eigentliche Bestimmung aber findet der Karmel als Sommerfrische. Da gibt es erstens einmal die beiden Hospize der katholischen und ihrer Konkurrenz, der protestantischen Schwestern, in denen begüterte In- und Ausländer, besonders eine ganze Anzahl von Aegyptern, die früher im Sommer auf den Libanon reisten, herumsitzen. Da gibt es zwei große jüdische Hotels und eine von ständigen und Saisonpensionen (jede jüdische Hausfrau nimmt gern die Gelegenheit des Saisonverdienstes mit), in denen man in Liegestühlen unter Nadelbäumen herumsitzt, plaudert, klatscht, flirtet — wie in allen Badeorten. Und wer Freude am Alleinsein und Glück hat, findet auch irgendein abgelegenes Häuschen inmitten eines großen Baumgartens, darin er (wie ich in diesem Augenblick ) sitzen kann, mit den nackten Kindern ein Freiluftdasein führend und Feigen, Granaten, Johannisbrot von den Bäumen pflückend. Ja, man kann hier auch bis tief in die Mondnacht hinein sitzen, die Lichter von Haifa und Akko durch die fast weiße Luft sprühen sehen und kann sich freuen, daß man die Musik des eleganten Karmel-Hotels nur so ganz aus der Ferne hört. Ausflüge kann man auch machen — mit dem Auto am Palmenstrand entlang und streckenweise durch die Ausläufer der Meereswellen hindurch nach dem morgenländischen Akko mit seinen herrlichen Gärten. Nach der uralten Kultstatte der 40״ Eichen“, an der Jahrhunderte alte Bäume stehen, von denen der Araber kein Blatt abzupflücken wagt. Nach dem Grabe Elliajahns, bei dem sich — wie bei den meisten Gedenkstätten jüdisches Großes — ein Kloster mit einer Kapelle erhebt. Zur Abwechslung kann man auch einmal in die Achusah Sir Herbert Samuel wandern, in der sich etliche fünfzig rumänische Kolonistenfamilien bemühen, die üblichen Kinderkrankheiten palästinensischer Kolonisation durchzumachen, wonach sie auf dem Karmel selbst ein lohnendes Absatzgebiet für ihre Trauben, Eier und Milchprodukte finden werden. Manch einen gelüstet es auch, eine etwa halbständige Wanderung nach dem Westgipfel des Karmel zu machen, um sich den sonderbaren Mitbürger anzusehen, der sich hier als Einziger inmitten einer unbewohnten Oede sein einsames Haus errichtet hat. Kurzum, man kann ein Sommerdasein auf dem Karmel führen, um das jeder Bourgeois einen beneiden kann. Und wenn einen das schlechte Bourgeoisgewissen plagt, so braucht man nur an dem schönen neuen Sanatorium vorbeizuschlendern, das die Arbeiterorganisation hier oben errichtet hat und kann sich erleichtert sagen, daß hier erholungsbedürftige Arbeiter und Arbeiterfrauen einige Wochen lang ein ebensolches dolce far niente-Dasein führen wie die erholungsbedürftigen Bourgeois. Freilich um sich für neue schwere Arbeit zu stärken. Womit nicht gesagt sein soll, daß nicht auch manche bourgeoise Sommerfrischlerin Und Hausfrau — besonders wenn sie Kinder und die innere Verpflichtung zu sozialer Arbeit besitzt — nach Ablauf ihrer Erholungszeit ein vollgerütteltes Maß von Arbeit vorfindet. Aber das ist ein weites Feld. a Helene Hanna Thon. allein in ihrem Zimmer. Ging sie hinaus, um die Einsamkeit in der Gartenlaube zu suchen — er folgte ihr. Immer mit ihm, Ruhe gab er ihr nie. Und was würde nun sein? Was konnte sie tun? Und dachte sie überhaupt an Tun? Die Sache war klar und fertig. Etwas Teures war ihr verlorengegangen. Was? Die Sehnsucht, ihre reine Trauer hatte sie verloren. Ganz gewiß. Nichts war mehr in ihrer Seele, nur Ekel allein. Sie mußte mit diesem Manne leben, mit diesem Bucharen, dessen aufgeschwemmtes Gesicht sie nicht ansehen konnte. Sie wollte sich beschäftigen, mit was es sei, mit Ordnung oder Auffrischung des Hauses, mit seiner Einrichtung und Verschönerung, um die Gedanken abzulenken, um in der Arbeit zu versinken. Doch auch daran wurde sie verhindert. Und plötzlich verspürte sie ein Gefühl von furchbarer Klarheit — Haß! Haß gegen ihn, sein Aussehen, seine Stimme, sein Benehmen, auch sein offenes und verstecktes Benehmen. Und was sollte sie tun? Sic glaubte, sie würde beschäftigt sein, beschäftigt durch das Reichsein. Wagenfahrten in der Abenddämmerung, wie alle, die reiche Männer geheiratet hatten. Sie würde Almosen verteilen. Und was war jetzt in ihrer Hand? Nichts. Genau wie sie es gestern zufällig aus einer Gruppe junger Mädchen gehört hatte, als sie am Abend hinter dem Garten spazieren ging: ״Sie heiratete einen Vater statt eines Mannes und hat ihre Rechnung gemacht.“ Ja, einen Vater statt des Mannes, einen bösen, verhaßten und verruchten Stiefvater. Und warum sollte sie vor ihm schweigen? Reden sollte sic einmal mit ihm! Sie sollte ihm sagen, daß sie es sieh nicht so gedacht habe, daß er sie betrogen habe. Welche Schätze gab er ihr? Nur gemästete Hühner bringe er zum Essen, das sei sein ganzes Verlangen, das aller Lohn ihrer Jugend. Nur zu diesem Zwecke gehe er aus. Und den ganzen übrigen Tag sitze er da, trinke Tee und rauche seine Nargileh. Keine Beschäftigung habe er und kein Geld. Es war ihr klar, daß sein ganzes Geld nur von der Miete für die Wohnungen stammte. Er w׳ar kein Geizhals und versteckte das Geld nicht vor ihr. Und er hatte davon gesprochen, daß er einen Neffen habe, ln Rußland lebe er. Das bedeutete, daß er hier nur Vormund sei. Und wo habe er sein Geld? Nichts und nichts. Gelüste sie es etwa nach Geld? Aber warum, warum nur habe er sie so betrogen? Jetzt wolle er sogar noch zwei Zimmer von ihrer Wohnung vermieten, und er frage sie sogar nicht danach. Und die beiden übrigen Zimmer sind auch leer, nichts Ist in ihnen: nur das Lager. Größe leere Zimmer. Was habe sie da? Zwei große Tränen füllten die Augen Lunas und verschieierten ihr das Tageslicht, als sie an die beiden kleinen Zimmer dachte, in denen sie mit der Großmutter und den beiden kleinen Geschwistern gewohnt hatte. Was sollte sie in diesen beiden Zimmern mit diesem Bucharen? Was wollte er von ihr? den ganzen Tag saß er zu Hause, und immerfort schrie er Luna! und Luna! Bald sollte sie ihm die Nägel schneiden, bald die Strümpfe ausziehen, daß er sich auf das Bett strecken konnte, bald Wasser zum Händewaschen bringen, und plötzlich, mitten am Tag, schloß er sie in das innere Gemach.... Und so Tag für Tag. Bussa Blanka erschien da auf der Veranda. Sie keuchte beim Gehen, erschöpft von dem vielen Treppensteigen. Wie war sie hinaufgekommen, ohne daß sie ihr Kommen bemerkt hatte? Luna änderte sogleich ihre Haltung und wandte sich heiter an die Oroßmutter: ״Soll Ich euch ein Glas Tee geben, Großmutter?“ ״Weiß ich? Schön, gib, meine Tochter. Ein schöner Tag heute, nur etwas kalt. Kochst du keinen Kaffee morgens?“ ״Nein, Großmutter, wir trinken meistens Tee.“ ״Tee regt das Herz nicht an wie Kaffee. Kaffee meine Seele, füllt, sättigt. Auch ihm mache Kaffee. Er wird ihm schmecken. Hast du ihm noch nie Kaffee gemacht?“ ״Nein, ,sie‘ trinken Kaffee nicht gern. Und wie geht es den Kindern?“ ״Heute will ich die Kinder bei den ,Waisen‘ besuchen. Und du, gehst du nicht heute auf den Markt einkaufen, einkaufen, was ihr wollt? Bald kommen die Regentage und es ist schwierig, hinauszugehen.“ ״Ich weiß nicht, Großmutter. Er geht nicht gern aus. Von Tag zu Tag verschiebt er die Sache.“ BUcherschaa Alt-neue Menschen. Ein Judenroman von Karl Teller. Verlag Dr. R, Färber, Mähr.-Qstrau. An dieses Buch bin ich einige Male herangegangen, habe es liegen lassen und bin dann wieder zu ihm mit der festen Absicht zurückgekehrt, nur das Gute, das Gelungene zu suchen und gegen allerhand Unzulänglichkeiten Nachsicht zu üben. Denn was der Verfasser mit seinem Roman ״Altneue Menschen“ wollte, ist des Lobes wert. Er wollte den Seelenzustand einer jüdischen Jugend, die von einer nationalen Idee, von einer Idee der Renaissance ergriffen war, künstlersich darstellen, diese wenigen Jahre der großen Bereitschaft, des Enthusiasmus und des Opfermutes. Junge, jüdische Menschen, jüdische Mädchen wenden sich ab vom gewohnten Lebensweg, der ein bequemer Weg zur Karriere ist, ein Weg des ״Mir-soll-gut-sein“ und wählen den ungewissen dornenvollen, aber verheißungsvollen Weg.. Beinahe gehören sie schon der Geschichte an und der Leser hätte es begrüßt, diese Zeit, diesen Seelenzustand, der sobald nicht wiederkehrt, künstlerisch in einem Werke verkörpert zu finden. An Bemühungen, einen zionistischen Roman, der schon seit langem ersehnt wird, künstlerisch zu gestalten, hat es nicht gefehlt, aber sie waren erfolglos. Vor mehr als 20 Jahren schon versuchten russisch-jüdische Schriftsteller, dieses Seelenfeuer, das in der jüdisch-nationalen lugend, in den Kreisen der jüdisehen Studenten und Studentinnen in Bern, Zürich und Genf loderte, in einem Roman bleibend festzuhalten. Allein es gelang" nicht. Der Schriftsteller schilderte die heftigsten Diskussionen, die Helden traten vor, lang monologisierend, aber man blieb teilnahmslos beim Lesen, man hatte das Empfinden, daß die Helden, die geschilderte studierende Jugend, im Leben, im wirklichen Leben viel interessanter sei, daß es unmöglich sei, daß 80 über Ideale, über Hoffnungen und Träume gesprochen und so über die Liebe geflüstert wird. Und wenn auch die Worte, die Sehlagworte, richtig wiedergegeben wurden, so blieben sie dennoch wirkungslos, weil aie vibrierende Seele dabei nicht mitschwang. Für Karl Teller, den Verfasser des Buches ״Altneue Menschen“, mag das Mißlingen seiner Vorgänger auf dem Gebiete des zionistischen Romans ein kleiner Trost für sein eigenes Mißgeschick sein. Offenbar ist es nicht leicht, einen zionistisehen Roman zu schreiben. Es ist überhaupt nicht leicht, einen guten Roman zu schreiben. Die jungen Leute, die wir in seinem Roman vor uns sehen, überraschen durch ihre Zungenfertigkeit und ihren pathetischen Ton. ״Wie alt sind Sie, seltsames Mädchen?“ ״Sonst fragt man sich am Anfang des Gesprächs nach der Religion, jetzt nach dem Alter? Ich bin 17 Jahre alt nach dem Taufschein, nach meinem Gedächtnis sehr alt, nach dem .... Erleben schon im zweiten oder dritten Leben“ und so immer fort. Heinrich Vogel geht auf einen Purimball und nichts gefällt ihm dort, aber für seine Unzufriedenheit, ja seinen Zorn, den er Gerti gegenüber ausdrückt, findet er solche Worte: ״Wo ist eine Erinnerung an unsere Vergangenheit, wo ist die Inbrunst des Gefühls, wo ist die Schlichtheit des Oemütes, wo ist Bewußtsein?“ Hätte Heinrich Vogel einen Artikel für eine zionistische Zeit- Schrift schreiben müssen, dann wären das vielleicht druckfiWge Zeilen gewesen, aber vor Gerti, die Vogel übrigens liebt, hat er bestimmt anders gesprochen. Ungewöhnlich viel wird von Liebe gesprochen. Dem Entlarvten falscher, vorgespiegelter Liebe werden die hitzigsten Dialoge ins Gesicht geschleudert und doch wird man me einen Moment ergriffen davon. Es scheint, daß der Verfasser seine Modelle der Wirklichkeit nachbilden wollte. Er schrieb vielleicht einen Schlüsselroman, die Chronik einer Stadt, aber hätte er sich Menschen aus ged a c h t, sie wären vielleicht wirklicher als diese, die er aus aetn Leben nahm. Es ist schwer, einen guten Roman zu schreiben. Sch. Gorelik. Die Stadt Prag und der Jüdische Friedhof. Die der Stadt Prag gehörigen Fremdenverkehrsunternehmungen haben bis jetzt bei Ihren Stadtrundfahrten die zu den interessantesten Kulturdenkmälern gehörende Altneusynagoge und den alten jüdischen Friedhof stets ausgelassen, was nicht nur das Mißfallen der jüdischen, sondern auch zahlreicher nichtjüdicher Gäste fand. Dr. Singer, der Vertreter der Jüdlschen Partei im Prager Staatrat, intervenierte in dieser Angelegenheit und forderte die Einbeziehung der beiden Sehenswürdigkeiten, sowie des beim alten jüdischen Friedhof gelegenen jüdischen Museums in die Rundfahrten. Der Foraerung Dr. Singers wurde entsprochen. ״Es tut nichts, meine Tochter. Auch das ist gut. Immer langsam, langsam. Zu einer Stunde, wenn er will, eines Tages, kannst du alles einkaufen. Und ich sage das nur, weil er —, da er keine Beschäftigung hat, wäre es gut, wenn ihr etwas ausginget. Fragst du ihn nicht?“ ״Ja, wir haben schon davon gesprochen.... Ich habe ihn gefragt —. Weiß ich? Ich verstehe oft nicht, was er bucharisch redet.“ ״Vergib uns unsere Sünden!“, sagte die Alte mit einem leichten gezwungenen Lächeln. ״Alles geht mit Zeichensprache bei euch, wie? Alles mit Andeutungen? Alles? So ist’s, wenn sie zwei Sprachen —. Aber auch das hat einen eigenen Reiz... Währenddessen kam Mula Obadjah. Die Greisin erhob sich etwas vom Platze mit einem ehrerbietigen Lächeln auf den Lippen und begrüßte ihn. Die Alte blieb noch einige Augenblicke, und als sie aufstand, um zu gehen, sagte sie: ״Gehabt euch wohl! Ich gehe, Lunathen, die Kinder besuchen. Ich weiß nicht, warum sie am letzten Sabbat nicht zu mir kamen. Ich bin besorgt um sie. Wenn ich sie ,so‘ sehe, anständig angezogen und fröhlich, Jakob mit seinen Freunden und Sarah mit ihrer Handarbeit —, wenn ich sie s o sehe, mein Mund hört da nicht auf, i h m zu danken, i h m , der die große Mizwah tat, sie dort hinzubringen. Diese Mizwah wird bei ihm stehen als Engel guter Fürsprache, alle Tage seines Lebens. Obwohl mir die Zeit lang ist....“ So sprach die Greisin, und sie sah auf Mula Obadjah, der dasaß und allein seine Mahlzeit verzehrte. ״Ein gutes Werk hat er getan. Sage ihm das, was ich gesagt habe, damit er es weiß. Uebersetze es ihm.“ ״Ich, ich kann nicht den Mund aufmachen. Kannst du es auch nicht? Du kannst nicht? So ist es, wenn man nicht zu sprechen versteht. Aber du, unberufen, verstehst genug, um dich zu verständigen. Etwas ,heilige Sprache‘, etwas Bucharisch. Ich, ich verstehe nichts. Nun — bleibt in Frieden. ״Geh’ in Frieden und Gesundheit, Großmutter. Und grüß’ die Kinder in meinem Namen.“ (Fortsetzung folgt.)

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