Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 64-65 (17.8.1928)
- Date
- 1928-08-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 04/65, 17. VIII. 1928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 405 Persönliches Bekenntnis Von Reverend Maurice L. Perlzweig M. A. Rabbi Perlzweig ist einer der Seelsorger der Londoner Liberalen Synagoge und Mitglied des Direktoriums des Wellverbandes für liberales Judentum. Er war der Begründer und mehrere, Jahre der Führer der zionistischen Jugendbewegung in Großbritannien, und ist gegenwärtig ehrenamtlicher Sekretär der English Zionist Federalion. Wir freuen uns, eine außerdeutsche Persönlichkeit, die zugleich ein prominenter Liberaler und ein prominenter Zionist, ist, zu Worte kommen zu lassen. Red. Ich möchte mit einem persönlichen Bekenntnis beginnen: Ich bin überzeugt, daß zwischen der fundamentalen Kon* zeption des Zionismus und der des liberalen Judentums nicht nur keine Unvereinbarkeit besteht, sondern daß diese beiden großen Bewegungen verschiedene Ausdrucksformen derselben tiefen revolutionären Veränderung sind, welche das jüdische Volk in den letzten zwei Jahrhunderten durchgemacht hat. Ich kann dieses öffentliche Zeugnis um so bereitwilliger ablegen, als ich selbst in einem aktiven dem Dienste beider Bewegungen gewidmeten Leben von mehr als zehn Jahren niemals die geringste Schwierigkeit gehabt habe, eine innere Versöhnung meiner beiden Zugehörigkeiten zustande zu bringen. Ich wäre sogar niemals auf den Gedanken gekommen, daß erst eine Versöhnung notwendig sei, wenn nicht meine Stellung dauernd von Vorkämpfern des einen oder des anderen Ideals angefochten worden wäre. Aber keine Kasuistik, keine Betonung von Differenzen konnte den befreienden Gedanken erschüttern, der, wie ich in aller Bescheidenheit sagen kann, die zentrale geistige Realität meines Lebens gewesen ist. Ich habe, zumindest zu meiner eigenen Befriedigung, nachgewiesen, daß diese Versöhnung gelebt werden kann; und in England, wo ich noch vor sieben Jahren beinahe ein Rufer in der Wüste war, stehe ich nicht inehr allein. Moses Mendelsohn suchte Orthodoxie und Fortschritt zu versöhnen, indem er das Judentum vom Leben loslöste. Er war der wahre Erfinder des Schlagwortes, daß man ״Jude zu Hause und Mensch draußen“ sein muß. Aus dem Mißerfolg dieses Paradoxes — ein durch seine eigenen Nachkommen genugsam bezeugter Mißerfolg — wurden die beiden Zwillingsimpulse geboren, welche ihre Reife im Zionismus lind im liberalen Judentum erreicht haben. Die Maskilim, die Väter der modernen hebräischen Kultur, stammen nicht weniger als die Begründer der religiösen Reform von den Bestrebungen und Idealen der Mendelsohn’schen Epoche ab. Der große Philosoph war — wenn der Ausdruck erlaubt ist — der unnatürliche Vater beider Bewegungen. Zionismus und liberales Judentum sind die unerwartete Nachkommenschaft einer Generation, welche in jüdischen Dingen eine Art Geburtenregulierung zu praktizieren versuchte. Wir wollen, sagten sie, auf den Messias warten oder, wie andere es ausdrückten, auf eine neue göttliche Offenbarung. Das Judentum hat seine Schöpferkraft verbraucht; es muß geduldig das Kommen des Alters hinnehmen und in der Zwischenzeit möglichst viel Vorteil ziehen aus der Beobachtung und Verherrlichung der schöpferischen Bemühungen jüngerer und kräftigerer Kulturen. ,,,Aber gegen diese rein negative Einstellung haben Zionismus und Liberales Judentum eine großartige Bejahung gesetzt: Judentum und Leben sind eins. Sie beide revoltieren gegen die Knechtschaft des Ghetto; sie beide setzen den Glauben in die schöpferische Kraft eines Volkes an Stelle des blinden Vertrauens auf das Wunder; und sie beide betonen die primäre und fundamentale Notwendigkeit der Selbst- Emanzipation. Durchaus modern, bestätigen sie beide die gegenwärtige Kraft der alten jüdischen Lebensanschauung. Warum sollten also diese zwei Bewegungen notwendig in Gegensatz miteinander geraten? Kann denn Religion und Volk sich gesondert entwickeln? . Judentum ist einfach die Bezeichnung für das geistige Leben des jüdischen Volkes. Es ist kein ״Glaube“. Wann *wurde denn ein ״Glaube“ von einem katholischen Israel angenommen? Selbst wenn ein solcher allgemein, angenommener Glaube in der Vergangenheit möglich war, so hat doch die Entstehung des liberalen Judentums eine solche Möglichkeit für alle Zukunft beseitigt. Gerade weil ich ein liberaler Jude bin, also einer, der ein Glaubensdogma nicht nur für unmöglich, sondern nicht einmal für wünschenswert hält, muß ich begreifen, wie untrennbar Religion und Volk sind. Es kann kein Judentum ohne Juden geben, und schließlich auch keine Juden ohne Judentum. Wie also kann diese Religion befreit werden, wenn das Volk nicht frei ist? Und welche geistige Kraft kann irgendeine Befreiung haben, wenn sie nicht Selbst- Befreiung ist, eine Freiheit, die von innen kommt? Ueber den Kampf und Streit einer Generation hinweg lernt der liberale Jude zum Zionisten zu sprechen und in der Miene seines Bruders beginnt er die Merkmale einer gemeinsamen Abstammung zu sehen. Und nicht nur einer gemeinsamen Abstammung. Was ist schließlich das Ziel des Zionismus? Sicherlich nicht, das jüdische Volk zu balkanisieren, sondern Zion zu schaffen; und Zion ist einfach der jüdische Name für die Stadt Gottes. Und das Liberale Judentum? Wenn es seine Inspiration von dem großen Zeitalter des hebräischen Prophetismus ableitet, wind es dann sich damit begnügen, nach einer so kleinen Sache wie die Zerspaltung der Religion Israels in Sekten zu streben. Sicherlich hat es einen größeren Zweck, einen messianischen Zweck, die Schaffung der Stadt Gottes. Es ist die gleiche Vision; die gleiche Vision von einem verschiedenen Angelpunkt aus gesehen. Nationalismus allein genügt nicht; Universalismus allein genügt nicht. Nationalismus ist der Erde; Universalismus ist des Himmels. Aber der Judengott ist der Gott des Himmels und der Erde. Aus der mystischen Vereinigung beider Ideale wird die Kraft geboren werden, die Israel erlösen soll. Es ist eine oberflächliche Ansicht, daß Partikularismus und Universalismus notwendig entgegengesetzt sein müssen. Ihre Synthese in den Propheten Israels gab der Welt die dynamischeste Religion, die sie je kannte; der bloߣ Widerhall ihrer Leidenschaft hat noch die Kraft, die Welt zu bewegen. Und dieselbe Synthese im Pharisäertum verwandelte einen zerbrochenen, verachteten und zerstreuten Volksstamm, der kaüm einer geringschätzigen Erwähnung in den Werken der klassisehen Geschichtsschreiber wert schien, in einen wichtigen Faktor der Weltgeschichte. Diese Versöhnung scheinbarer Gegensätze im jüdischen Geiste ist es, was ihm seine besondere Eigenart und seinen Rang gegeben hat und noch heute gibt. Wenn wir in der geistigen Ordnung der Menschheit, den Platz einnehmen wollen, auf den wir stets Anspruch erhoben, müssen wir eifersüchtig wachen über unserer ganzen geistigen Erbschaft. Partikularismus und Universalismus sind Strähne, welche in das Oewebe unseres Daseins eingewoben sind. Jeder Versuch, eines der beiden Elemente zu beseitigen, muß den ganzen Aufbau zu Schaden bringen. Als Zionist und als liberaler Jude stehe ich ein für eine Weltanschauung, in welcher beide Elemente ihren Platz haben. Mit einem Wort, ich suche voll und ganz ein Jude zu sein. Ich habe keinen Raum, mich mit den Kontroversen zu beschattigen, welche bisher Zionisten und liberale Juden getrennt haben; ich kann auch nicht sagen, daß ich daran sehr tief intercssiert bin. Sie sind begründet auf parteimäßigen Behauptungen, welche selten viel Bedeutung für die wirklichen tieferen Probleme haben. In diesen Kontroversen spielen Fiktionen eine Rolle wie die Annahme, daß die politische Emanzipation ein Ercignis in der Geschichte der jüdischen Theologie ist, als ob die Juden Italiens oder Südafrikas oder Australiens weniger emanzipiert wären als beispielsweise die Juden Transsylvaniens! Dann gibt es die rührende Illusion, daß der Zionismus ein Allheilmittel ist für alle religiösen Uebel, die das Judentum heimsuchen, als ob die schmerzliche Notwendigkeit des Denkens durch geschickten Gebrauch von Etiketten vermieden werden könnte. (Die englische Staatskirche wird heute durch innere Kämpfe beinahe auseinandergerissen, aber das englische Volk ist nicht im Galuth.) Dann gibt es den naiven Glauben, daß die Mission Israels von seiner Zerstreuung abhängt. Arme unzerstreutc Athener und Judäer der Alten Welt! Ihr hättet nach Amerika und Australien auswandern sollen. Wieviel weniger zivilisiert sind dort die Einwohner als die Eingeborenen von Mazedonien und Syrien, wo eure Kolonisten einst weilten! Arme Einwohner von Tibet und Patagonien, von Japan und Sarawak, in der moslemischen Welt! Ihr seid verurteilt, ewig außerhalb des Bezirks der Erlösung zu bleiben, wenn ihr nicht ein paar Juden erwerbet!... Wie absurd das alles ist! Das Judentum ist nicht ein Handelshaus, daß es sich rühmen muß, Filialen in der ganzen Welt zu besitzen. Man kann nicht geistigen Einfluß austeilen, wie ein Krämer Stücke Käse austeilt. Israel muß zuallererst sich selbst zu erlösen suchen. Es kann sich selbst nur durch seine eigene Tat erlösen. Es kann die Welt erlösen durch sein Beispiel. Ein altes jüdisches Wort: ״Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich? Aber wenn ich für mich allein bin, was bin ich?“ Unser letztes Wort. Palästina wird in schnellem Tempo das geistige Zentrum der jüdischen Welt. Was innerhalb seiner Grenzen geschieht, muß die ganze jüdische Entwicklung mächtig beeinflussen, zum Guten oder zum Bösen. Eines ist sicher: daß der Jischuw neue jüdische Werte und neue Lebensformen, in denen diese Werte um Ausdruck ringen, schaffen wird. Wird das liberale Judentum mit dieser Renaissance Zusammenwirken oder zu ihr in Gegensatz treten? Von der Antwort auf diese Frage wird es abhängen, ob das Liberale Judentum eine bloße Sekte, aufgebaut auf einer politischen Idiosynkrasie werden wird oder ob es die umfassende Religion für das ganze Haus Israels werden wird. Die Gefahr des religiösen Liberalismns Von Friedrich Thieberger. Es ist bemerkenswert, daß schon im Kampf gegen die erste synagogale Reform um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts lediglich die Gefährdung elementarer Glaubenssätze die Gemüter bewegte. Die Erwirkung eines staatlichen Verbotes gegen den ersten Orgelgöttesdienst in Berlin, die ähnliche Anrufung der nichtjüdischen Behörden in Hamburg und Wien gegen die Bildung einer neuen Sekte halten die unwiederholbare Denksituation von damals fest. Als eine Generation später der politische Liberalismus die Juden in ihren täglichen Nöten und Hoffnungen erfaßte, gewann die ganze menschliche Haltung der Juden den geistigen liberalen Einschlag: Aufgetansein allem Geschehen und Denken gegenüber, Mittunwollen mit allen, denen es um alle geht. Wiewohl der religiöse Liberalismus nichts anderes meinte, als das Judentum für die neue menschliehe Haltung erlebbar zu machen, so beherrschte den Kampf zwischen Orthodoxen und Liberalen wiederum nur der reine Weltanschauungseifer. Dabei gewannen die liberalen Sturmideen auch in der Orthodoxie sieghaft an Boden. Die äußere Führung des Hauses, die Erziehung in ״weltlichen“ Disziplinen, das Einleben in eine nichtjüdische Welt und in nichtjüdisches Menschentum, selbst die synagogale Ordnung mit Predigt und Gesang, dies alles war von den Liberalen vorgebildet worden. Und immer noch meinte man um Weltanschauungen zu kämpfen, während es doch für das Denken nur um eine quantitative Frage ging: ob ein größerer oder geringerer Teil des überlieferten religiösen Gutes als etwas Göttliches verpflichtend sei. Daß aber trotzdem seit der ersten Reform der Gegensatz zwischen liberal und orthodox als wesenhaft verschieden empfunden wurde, hat einen weit über das Gedankliche hinausragenden Sinn. Die Fülle gerad^ derjenigen religiösen Uebungen, die gedanklich mit dem Grundgehalt des Judentums nur wenig zu tun haben, ihr Gefühlsniederschlag, ihr Anspruch auf vielfältige Achtsamkeit und Behütung ist im orthodoxen Leben reichhaltiger, dichtmaschiger als im liberalen. Der orthodoxe und der liberale Sabbat sind nicht in ihrer Idee, sondern in ihrer Wirklichkeit voneinander verschieden. Und es war eine Täuschung, daß man um die I d e e des Sabbats zu kämpfen glaubte, während man die verschiedene Wirklichkeit des Sabbats meinte. Darin aber liegt die Gefahr für den Liberalismus, daß er sich bei dem gedanklichen Ausbau seiner jüdischen Anschauungen beruhigt und daran vergißt, daß seine Wirklichkeit mit ihrer ganzen atmosphärischen Dichte immer flüchtiger, immer schwerloscr zu werden droht. Es lebt aber keine geistige Bewegung aus ihrem bloßen Gedankengehalt heraus, sondern nur kraft ihrer spezifischen atmosphärischen Wirklichkeit. Eine Gruppe von Menschen, die durch Verhältnisse aufeinander angewiesen sind oder auch aus geistiger Notwendigkeit zusammenstehen, schaffen um sich eine Atmosphäre, in der sie mit dem ganzen Geheimnis ihrer Existenz, ihrem triebhaften und bewußten Wollen, ihren Leidenschaften und Freuden atmen. Wenn man diese Menschen in eine andere Wirklichkeit hineinstellt, dann bleibt die frühere nur als eine mehr oder minder starke Erinnerung in ihnen ״lebendig“, die man gedanklich wohl lange Zeit nähren und anfachen kann, die aber kaum über den Bereich des einzelnen Bewußtseins in die andere Atmosphäre hinauswirkt und also nicht forterbbar und vor allem fortschöpferisch ist. Sie ist bloß eine psychologische Wirklichkeit geworden. Und dies ist vielleicht die Ge- Samtsituation des heutigen Judentums, welche der Liberalismus wegen seiner rein ideologischen Einstellung am sinnfälligsten erfahren müßte: das Judentum droht immer mehr aus einer atmosphärischen Wirklichkeit zu einer psychologischen zu werden. Von der Fülle des jüdischen Lebens bleibt allmählich nur die Reaktion des Bewußtseins auf das Wort ״Jude“ übrig. Solange die psychologische Wirklichkeit noch von anderen Wirklichkeitsquellen genährt wird, mag sie sich über ihre große Gefahr hinwegtäuschen. Wem aber die Durchsetzung des liberalen Prinzips im religiösen Judentum Dienst einer heiligen Liebe ist, der sollte noch inniger als der von schwerer Tradition Erfüllte gerade dort sein mitschöpferisches Wort erheben, wo elementare Kräfte am Werke sind, um eine jüdische atmosphärische Wirklichkeit zu schaffen, die jedem großen Inhalt offensteht. Zur Frage: Jüdischer Liberalismus und jüdische Freiheit Von Dr. David Baumgardt, Privatdozent a. d. Universität Berlin. Liberales Judentum ist als ״freies“ Judentum selbstverständlich auch mit allen Mißbrauchsgefahren der Freiheit belastet. Wie sollte das anders sein? Denn eine Absage an alte Bindung ist bekanntlich noch lange keine Freiheit zu einem neuen oder gar höheren Ziel. Und gerade das Judentum hat es in den letzten 150 Jahren erfahren müssen, daß so mancher Jubel über die Lossage von alten Formen nur schwärzeste Leere an echtem neuen Gehalt verdeckte. Eine solche extrem fragwürdige neue Freiheit ist vor allem auch der Bruch des nachmendelssohnschen Judentums mit den jüdsichcn Volksideen der Vergangenheit, wie ein solcher Bruch durch den ganzen europäischen Liberalismus des 19. Jahrhunderts ermöglicht, ja anscheinend gefordert war. Aber diese Forderung hat sich heute gewiß als eine nur sehr problematische Freiheitsforderung entlarvt. Es ist keine Frage: bis über den Beginn des 19. Jahrhunderts hinaus haben nicht etwa böswillige Antisemiten, sondern unvoreingenommen geistigste Europäer aller Art die Juden als wirkliche ״Nation“ empfunden. Dies läßt sich aus Hunderten von Zeugnissen des europäischen Schrifttums von Kant über Napoleon und Hegel bis zu Caroline Schelling und Byron belegen. Und bald danach erschien religiöse und politische Humanität überhaupt nur vereinbar mit dem Abstreifen strenger Nationalgesinnung, während jeder Nationalismus nur als ein Bundesgenosse der Reaktion denkbar zu sein schien. So konnte auch das Judentum schnell sein altes Volksempfinden als Trübung seiner universal messianischen Tendenzen ausdeuten, abgesehen davon, daß alles jüdisch-volküche Fühlen aus rein opportunistischen Gründen als ein sehr peinlicher Konfliktstoff mit den Nationalismen der anderen Kulturvölker bedenklich wurde. Und so konnte die Paradoxie Wirklichkeit werden, daß einst das liberale Judentum das Ringen um Gleichberechtigung der jüdischen Religiös ität dauernd proklamierte und doch zugleich das Ringen um die Gleichberechtigung jüdischen Volkstums als überflüssig oder sogar schädlich verdammte. Aber war selbst bei den stärksten und reinsten jüdischen Liberalen des 19. Jahrhunderte diese Abkehr von allem Volklieh-jüdischen aus reinem F r e i h e i t s gefühl entsprungen? Man braucht nur einmal Briefe Herrmann Cohens aus seiner Habilitationszeit in der Hand zu halten (Briefe die bis heute noch ungedruckt sind), um es sofort zu spüren: im Kampfe um seine bürgerliche und wissenschaftliche Gleichberechtigung, unter dem Druck, unter dem Zwang des Kampfes mit gegnerischen Gelehrten schweigt hier alles ״jüdisch-nationale Gemeinschaftserleben“. Aber sofort in allem intimeren und wahrhaft freien Sichgeben bricht es lebendig wieder hervor. Herrmann Cohen hat diesen Zwiespalt in seinem geraden Herzen gewiß nicht bemerkt. Aber gerade die unbemerkten Gefahren der Freiheit sind gewiß nicht ihre geringsten. Der Glaube, jüdischer ״Liberalismus“ und ״Nationalismus“ schlössen sich aus, ist eine der schwersten — allzu lang unbemerkten — Bedrohungen voller jüdischer Freiheit und ״Liberalität“. Er ist eine Unduldsamkeit aus Verblendung, wie sie ja typisch oft schon Freihcits- und Reformationsbewegungen in der Geschichte begegnet ist. In der festen Hoffnung, daß diese Weltkonferenz des überaten Judentums nicht blind ist gegen diese tieferliegenden Gefahren jüdischer Freiheit, grüßen heute auch alte d i e Juden die Konferenz, die jüdische Freiheit nicht zur Deckung bringen können mit bloßem religiösem Liberalismus. Ein Brief Von Franz Rosenzweig. Sehr geehrter Herr Dr. Weltsch! Sie wissen ja aus meinem Beitrag zum Buberheft des ״Juden“, daß ich die gegenwärtige Problematik des Liberalismus sehr ähnlich sehe, wie es Ihre Umfrage tut. Es wäre aber ein verhängnisvoller Irrtum, wenn man auf zionistischer Seite sich durch die naiven Formulierungen, wie sie etwa auf der vorjährigen Geheimkonferenz unserer liberalrabbinischen Weisen von Zion aufgetaucht sind, verlocken ließe, den Gegensatz unserer jungliberaleri Bejahung des Volksgedankens zur zionistischen zu verkennen. Daß wir ein Volk sind, das ist uns nicht wie Herzl — ״Wir sind ein Volk, ein Volk!“ — das Ende der theoretischen und der befreiende Durchbruch ins Reich der praktischen Problematik; nein, im Gegenteil, hier fängt uns das theoretische Problem erst an. Wir sind ein Volk: das gilt uns nicht wie den Zionisten, weil oder insoweit wir keine Konfession sind, sondern gerade insofern wir eine Konfession sind. Wir sind kein Volk: das gilt uns nicht wie unsern Parteigreisen, weil wir eine Konfession seien; sondern gerade, weil wir es in Wirklichkeit doch nicht sind (sondern mehr und deshalb weniger), darum sind wir — in Wirklichkeit — auch kein Volk (sondern weniger und deshalb mehr). Wir finden uns also zu dem Begriff des jüdischen Volkes in der vertrackten-, ,aber sehr jüdischen Lage jenes Chasen, der, vor Gerieht befragt, was ein Schofar sei, nach vielem Drumherumgerede schließlich erklärt, es sei eine Trompete, und, von dem entrüsteten Richter zur Rede gestellt, weshalb er das nicht gleich gesagt habe, erwidert: is es denn e Trompet? Die Möglichkeit für zwei in ihrer Theorie getrennte Parteien, in praktischen Fragen zusammenzugehen, hängt praktisch daran, ob die jeweils bloß mitmachende den Takt aufbringt, der jeweils machenden nicht in die Grundregeln ihres Handwerks hineinpfuschen zu wollen. (An diesem Takt eben läßt es z. B. der Agency-Bericht fehlen und ebenso von der Gegenseite ein gewisser Typus zionistischer ״Goluspolitik“) Geistig aber ist