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Jüdische Rundschau · 1928-08-17 · Heft 64-65 (17.8.1928) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 64-65 (17.8.1928)
Date
1928-08-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 402 JUEDfSCHE RUNÖSCffAU Nr. 64/05, 17. VÜI. 1028 I.;1 1 I \ ni :־־: :1';| Ohne nationales Kein Von Rabb. Dr, Ma Die große Frage, die heute jeden ernsten und zumal jüdisch* religiös interessierten Juden beschäftigen muß, ist die: Was soll aus dem Judentum in Zukunft werden? Welchen Weg soll es zu seiner Erhaltung einschlagen? In den Zeiten, die der Aufklärung und der Emanzipation voraufgingen, brauchte diese Frage niemand zu beunruhigen. Unsere Vorfahren glaubten damals fest und unerschütterlich, daß Gott sie einst aus ihrem Eiend und ihrer Sklaverei befreien und ihnen im heiligen Lande wieder Glück und Glanz und Größe zurückgeben werde. So lange sie diesen starken tröstlichen Glauben hatten, brauchten sie ihren Untergang nicht zu befürchten. Denn dieser Glaube mußte notwendig jeder inneren Auflösungstendenz entgegenwirken, indem er die Schwerbedrängten auch in der bittersten Not mit mutig ausharrendem Gottvertrauen erfüllte. Dazu kam, dfß unsere Vorfahren aus eben diesem Glauben heraus in der Treue gegen die angestammte Religion nicht wankten und in der dadurch bedingten Absonderung ihre Eigenart und ihr Eigenleben sich zu wahren wußten. Sie hatten und behielten ihre eigenen Feste und Volksbräuche, ihren besonderen Ruhetag, sie hatten ihr auf ihrer besonderen Entwicklung beruhendes jüdisches RechL in der Praxis eine zwar eingeschränkte, aber immerhin eigene Gerichtsbarkeit, sie hatten ihr besonderes, durchaus eigenartiges, in sich geschlossenes Geistesleben in der national-religiösen talmudisehen Wissenschaft und ihre besondere nationale Literatur in der nationalen hebräischen und der wie ein Patois derselben empfundenen aramäischen Sprache. So hatten sie eine Öurchaus nationale, von einer starken religiösen Kraft getragene Kultur, und da sie an eine große national-religiöse Zukunft fest glaubten, so hatten sie bei ihrem ganz selbstverständlichen Willen zur Fortexistenz nicht den geringsten Grund, an dem Fortbestand des Judentums zu zweifeln. Seit dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts aber ist das alles ganz anders geworden. Um emanzipiert zu werden, um mit den übrigen Bürgern ihrer Wohnländer gleichberechtigt zu werden, ließen sieh die Juden, vor allem die Gebildeten unter ihnen, deren jüdisches Bewußtsein durch die Aufklärung ohnedies erschüttert war, verleiten, ihr nationales Leben und ihre nationalen Zukunftshoffnungen preiszugeben. Anfangs schien es, als sollte die jüdische Religion in den nationalen Untergang des Judentums mithineingezogen werden, denn sehr viele gebildete Juden in den Jahrzehnten nach Mendelssohns Tod Heßen sich taufen. Bald aber zeigte es sich, daß der Lebenswille des Judentums denn doch viel zu mächtig war, als daß letzteres in ein völliges Verschwinden hätte willigen können. Da fand man denn den Ausweg, das Juden•׳ tum wenigstens in der Form einer Religionsgemeinschaft innerhalb der modernen Völkerweit fortbestehen zu lassen. Kein besonderes Volk mehr, aber eine besondere religiöse Gemeinde, lediglich durch ihr Bekenntnis von der Umgebang geschieden, sollten die Juden sein. Man neigte doch in den religiös noch mehr interessierten, wenn auch schon vielfach freier gerichteten Kreisen dazu, dem Judentum als Religion den anderen Religionen gegenüber den Vorrang einzuräumen, und die neuen, modern geoißeten religiösen Führer lehrten, daß das Judentum in seiner Zerstreuung dazu berufen sei, einst Gemeingut der ganzen Menschheit zu werden. Um der höheren Wahrheit unserer Religion und um unseres Berufes willen, und nur darum allein, nicht auch in Hoffnung auf eine eigene, bessere, volle nationale Zukunft sollten wir Juden bleiben. Als man diesen Rettungsanker zur Erhaltung des Judentums auswarf, hatte man nur zweierlei übersehen, ßs war von vorn•; hereW ein höchst gefäTtrliehes EsPperimeBf. Tfl einer Zelt des religiösen Niedergangs und eines der Kulturlage entsprechend andauernd fortschreitenden geistigen Individualismus das Judentum ausschließlich auf eine religiöse und, wie sehr bald klar werden mußte, fast nur noch bloß weitanschauliche, ideelle Grundlage stellen zu wollen. Dieses Experiment war um so gefährlicher, als die total veränderten politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse das Festhalten selbst an unser« notwendigsten und unentbehrlichsten sozial-religiösen Einriehtungen, wie Sabbaten und Festen, überaus erschwerten und sehr vielen so gut wie unmöglich machten. Wer sich auf Massen- Psychologie versteht, dg*׳ weiß, was dies für die Erschütterung und Unterminierung des jüdisch-religiösen Bewußtseins bedeuten mußte. Und noch gefährlicher und waghalsiger mußte dies Experiment dadurch werden, daß der Druck, der nun einmal auf dem Judentum in der Zerstreuung lastet, gerade talentvolle, aufstrebende Juden dazu verführen mußte, das ohnedies durch die Aufklärung stark gelockerte Band mit der jüdischen Religion völlig zu zerreißen, um freie Bahn zu bekommen und um ihren Ehrgeiz und ihr Verlangen, sich auszuleben und ihre Personlichkeit voll und ungehemmt zu entfalten, befriedigen zu können. Dadurch also, daß man das Judentum ausschließlich auf die religiöse Basis stellte, wurde der Abfall vom Judentum begünstigt. Denn aus einer nationalen Gemeinschaft auszutreten, sie zumal in dem schweren Kampfe, den sie für ihre Existenz, ihr Recht, ihre Zukunft führt, im Stich zu lassen, verbietet die Ehre, verbietet die allgemeine öffentliche Moral. Von einem religiösen Bekenntnis aber kann man sich aus wirklichen oder angeblichen Gewissensgründen trennen. So mußten und müssen wir denn die Schmach erleben, daß trotz oder vielmehr gerade ‘ infolge der Etablierung des Judentums als einer israelitischen Religionsgemeinschaft der Austritt und die Teufe nicht nur immer weiter fortbestehen, sondern daß auch beides von manchen geistig bedeutenderen jüdischen und nichtjüdischen Männern ausdrücklich gebilligt oder doch wenigstens milde beurteilt wird. Der Versuch, das Judentum zu einer bloßen Religionsgemeinschaft zu verengern, hat sich so als überaus Verhängnisvoll erwiesen. Pie Masse der westlichen Juden ist vielleicht auch heute noch nicht gerade irreligiös, aber das Judentum als unterschiedlicher religiöser Faktor ist, wie jeder weiß, keine wirklich lebendige Macht in ihr, die Religion ist bei ihr um ihren großen, heiligen Ernst gebracht, sie hat ihre zentrale Stellung längst ringebüßt: wer kann da noch an einen religiösen Beruf dieses morschen, zerfallenden Judentums glauben, wer in ihm überhaupt eine Gewähr für die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft erblicken! Allein nicht nur verhängnisvoll war der Versuch, das Judentum zu einem bloßen Bekenntnis zu machen, er ist auch an und für sich mit innerem Widerspruch behaftet. Das ist das zweite, worauf wir hier nachdrücklich hinweisen müssen. Das Religionsjudentum will nicht national sein, aber in Wirklichkeit kann es das Nationale nicht aus sich ausscheiden. Dieser Punkt ist es nicht zuletzt, der für die uns vorliegende Frage, welchen Weg das Judentum künftig einzuschlagen hat, entscheidend ins Gewicht fällt. Die Feste sind Höhepunkte des religiösen Lebens. Sie sind in der religiösen Gemeinschaft nicht nur notwendig, sondern auch für ihr innerstes Wesen und Wollen charakteristisch. Deutlich und greifbar aber tritt in unseren Festen die Unabtrennbarkeit des Nationalen vom Religiösen hervor. Die drei Wallfahrtsfeste feiern große nationale Erinnerungen: das Passahfest die Befreiung Israels aus der ägyptischen Knechtschaft, das Wochenfest die besondere Erwählung Israels für seinen religiösen Beruf wegen seiner besonderen nationalen Eignung hierfür, und das Laubhüttenfest den Schutz Israels durch Gott während der Wüstenwanderung. Alles große Ereignisse aus t religiöses Judentum! x Jaseph, Stoip. der Nationalgeschichte Israels und nur für Israel bedeutsam. Chanukkah ruft die großen, stolzen, für die jüdische Nation *o ruhmreichen Makkabäerkämpfe, den Sieg des Genius des jüdischen Volkes über den griechischen Geist in seiner Verkiimmerung uns ins Gedächtnis, und Purim erzählt uns von der Errettung des jüdischen Volkes aus großer Gefahr. Selbst die hohen, scheinbar allgemein-menschlichen, rein raoralisch-religiösen Bußfeste, das Neujahrs- und das Versöhmmgsfest, haben in der Nationalgeschichte, und zwar in den katastrophalen Schicksalen des jüdischen Volkes ihre Wurzel, das Erlebnis, aus dem sie entstanden sind und aus dem sie ihre so tief erschütternde Kraft gewannen. Der nationalen Trauertage, die mit der Zerstörung Jerusalems und dem Verlust unserer Macht und Freiheit Zusammenhängen, gar nicht zu gedenken. So also steht es mit der konkreten Ausgestaltung, mit den Höhepunkten unseres religiösen Lebens und überhaupt mit der ganzen religiösen Praxis, die für das Bewußtsein der Massen und damit der lebendigen Gemeinschaft bekanntlich ausschlaggebend und entscheidend ist. Und wie ist’s, wenn wir das Judentum als lebendig fortwirkenden Kulturfaktor uns vor Augen stellen, als einen Kulturfaktor, von dem auch weiter wirkliches Leben ausgehen und der im Kampfe sich zu betätigen und zu behaupten suchen soll? Kann das Judentum sein historisches Leben fortsetzen ohne bewußte Anknüpfung an seine bis* herige mehrtausendjährige Geschichte, die durch und durch mit nationalen Elementen durchsetzt ist? Wie sollen wir z. B. unsere Vergangenheit studieren, unsere Kulturleistungen betrachten, unseren besonderen Anlagen nachspüren, unserer Kämpfe und unserer Leiden gedenken, ohne daß unser nationales Gefühl in lebhafte Schwingungen versetzt, unser nationaler Stolz immer von neuem angeregt und unser Schmerz über die Tragik in der Geschichte des Judenvolkes wieder und wieder aufgerührt würde! Die Kontinuität des historischen Bewußtseins ist gegeben und kann doch in einer wirklich lebendigen jüdischen Seele nicht willkürlich zerrissen werden! Schon die bloße Abwehrstellung, in der wir uns ständig befinden, nötigt uns immer wieder zu Betrachtungen und Studien über unsere Leistlingen, Vorzüge und Fehler, mit einem Worte, über unsere Rassenhaftlgkeit und unseren in der Geschichte sich bekundenden National- Charakter. Wir müssen die, meist von einem ganz andern als dem religiösen Standpunkt aus angegriffene Eigenart der Juden ständig verteidigen und werden so, selbst wenn wir widerstreben, immer von neuem in eine rassenhaft-nationale Auffassung des Judentums hineingezwungen. Und wie steht es mit dem Religionsunterricht? Wie soll das Leuchten des Genius unseres Volkes in seiner klassischen Zeit die Herzen der jüdischen Schüler, zumal, wenn sie unverdorben und empfänglich sind, nicht zu nationalem Hochgefühl entflammen! Wie sollten die der Jugend vorgeführten Vorbilder nicht Nacheiferung wecken! Aber alle Großen Israels, von Mose angefangen, über Debora, Gideon, Saul, David, Elia und alle Propheten, über Esra und Nehemla, die Makkabäer, die Zeloten und Bar Kochba bis zu Juda-Halevi und Maimonides, Isaac Abarbanel und Joseph von Naxos — sie al'e erfüllte ein tiefes und starkes Nationalgefühl, sie alle waren mit heißer Liebe dem jüdischen Volke ergeben. Es dürfte häufiger Vorkommen, daß es in unserer einer lebendigen Religiosität wenig günstigen Zeit einem selbst guten Religionsunterricht nicht gelingen will, einen jüdischen Schüler auch von edlerem Bhite und tieferer Veranlagung religiös zu erwärmen: daß aber ein jüdischer Religionsunterricht, wenn er nicht absichtlich und der historischen Wahrheit entgegen durch Verhunzung der wirk׳ liehen׳ ,Geschichte- und GharaklerbiildertrdasirfreMcf ^gfintfil anstrebt, in der Seele eines unbefangenen, unvoreingenommenen und auch nur leidlich empfänglichen Judenknaben das nation a I e Empfinden nicht naeharückiiehst anregen sollte, das ist, man muß es sagen, gänzlich ausgeschlossen. Und die Wissenschaft des Judentums? Sie trägt im ganzen 19. Jahrhundert und gerade vor dem Auftreten des *Zionismus, der den Juden ein natürliches, gesundes, der Rechtfertigung nicht bedürfendes jüdisches Gefühl zu vermitteln sucht, eingestandener־ und uneingestandenermaßen einen durchaus anologetischen Charakter, wie dies dem allein und ausschließlich herrschenden Verlangen nach Gleichberechtigung entsprach. Nicht religiöse Motive, sondern die Wahrung und Verteidigung der jüdischen Nationalehre, wenn man’s auch nicht so nennt, sind für ihre von jüdischem Idealismus eihgegebenen Bemühungen weit überwiegend ausschlaggebend. Man studiere z. B. die Motive des Kulturvereins aus dem Jahre 1819, jenes Vereins, dem auch Zunz, der Vater der jüdischen Wissenschaft, angehörte, oder die Motive, die diesen selbst oder einen Krochmal, Rapaport, Grätz, auch Steinschneider bei ihrer völligen Hingabe an die Wissenschaft des Judentums leiteten! Die Ehre des jüdischen Volkes nach Art, Bewährung und Leistungen, weit mehr als die religiöse Größe des Judentums, bildet bei ihnen allen ,die Triebkraft für ihren reinen, schönen, bewunderungswürdigen Idealismus im Dienste der jüdischen Wissenschaft. Abraham Geiger, der die jüdische Wissenschaft ausdrücklich in den Dienst der religiösen Reform stellt, ist nur eine Ausnahme, die die Regel bestätigt. Wir sehen, das nationale Gepräge ist der jüdischen Religion in ihrer konkreten Form und als lebendig wirkendem Kulturfaktor unzerstörbar aufgedrückt. Aber nehmen wir das Judentum selbst in seiner abstraktesten Form! Destillieren wir seinen bloß und ausschließlich religiösen Gehalt heraus, so fein und so rein, daß es als Massenreligion dem Urteilsfähigen kaum noch denkbar, völlig unwirksam und also unwirklich erscheint! Ziehen wir uns, wie dies in abstracto immerhin möglich «t, ganz auf den ideellen Kern und das innerste Wesen unserer Religion, auf den sogenannten ethischen Monotheismus, zurück, wie dies die Reform und nach ihrem Beispiel in verstärktem Maße das liberal-religiöse Judentum getan hat! Müssen wir nicht auch dann noch glauben und erklären, daß wir Juden dazu berufen seien, den Sieg des reinen ethischen Monotheismus in der Welt herbeizuführen? Müssen wir nicht auch dann immer wieder daraj erinnern, daß der ethische Monotheismus von Israel ausgegangen ist und daß er durch Israel einst in der Menschheit siegen soll? Ist es aber wohl möglich, daß Juden dies vorstellen, ohne daß nationale Empfindungen dabei mitschwingen? Wenn wir von dieser großen, dem jüdischen Volk und gerade ihm übertragenen Mission sprechen — und die liberalen Prediger tun dies nicht gerade selten —, muß dies nicht das Bewußtsein unserer besonderen, auf unserer spezifischen Eignung beruhenden, hohen Bestimmung wecken, die, weil sie in unserem rasspnhaft-nationalen Wesen ihre Wurzel und ihren Grund hat, auch notwendig ein nationales Hochgefühl in uns anregen muß? Wie will der moderne jüdische Prediger von der religionsgeschichtlichen Stellung Israels, von der einzigartigen Bedeutung des jüdischen Volkes für die Kultur- und Sittengeschichte der Menschheit sprechen, ohne in unserem Herzen ein Gefühl des Stolzes darüber wachzurufen, daß wir diesem für die religiösethische Mission auserwählten Volke angehören? Wir sind doch so gewissermaßen die Nachkommen dieses auserwählten Volkes! Und weiter! Was werden wir empfinden, wenn wir in der heiligen Schrift immer wieder lesen: ״Ihr sollt mir ein besolideres Eigentum sein aus allen Völkern?“ ״Mein Volk ist es, das ich mir gebildet habe, auf daß es meinen Ruhm verkünde.“? Das heißt doch nichts anderes als: Ich, Gott, habe die nationale Eigenart Israels in der Weise bestimmt und entwickelt. daß es geeignet sei, der Träger des ethischen Monotheismus zu werden! .... . ...... Wie widerspruchsvoll ist doch das Verhalten jener liberalen Rabbiner, die einer nationalen Auffassung des Judentums noch immer fernstehen! Erst fordern sie tim der Mission willen die weitere Sonderexistenz des Judentums, sie rufen: ,.Ihr seid von Gott bestimmt und erkoren, die religiöse Wahrheit in der Welt zu vertreten! Ausharren! Bei der Fahne bleiben! Ihr werdet sehen, der Sieg und der Ruhm ist unser!“ Sie sehen also in einer das nationale Bewußtsein und Pflichtbewußtsein kräftig anregenden Hoffnung die Berechtigung und die Pflicht des Judentums zu seiner Fortexistenz. Dann aber kommen sie und sprechen hinterher mit mehr oder weniger Emphase demselben Judentum den nationalen Charakter ab! Ja, wenn das kein Widerspruch ist, dann gibt es überhaupt keinen! Wir kommen zum Schluß und stellen fest: Mag ein Jude orthodox, konservativ oder liberal sein, mag er die zukünftige Gestalt des Judentums sich so oder so denken, Eines wird er unbedingt anerkennen müssen, zumal wenn er die seit dem Beginn der Emanzipationsbestrebungen, angerichtete religiöse Ver- Wüstung sich deutlich vor Augen stellt: das religiöse Judentum wird auf n a t io aalen Grundlagen ruhen müssen oder es wird überhaupt nicht sein. Nur die jüdische Nation kann auch weiter, wie durch die Jahrtausende, mit ihrem übrigen geistigen Leben auch ihr religiöses Leben tragen und sichern. Wollen wir ernstlich eine religiöse Zukunft des Judentums, soll dieses aus dem religiösethischen Genius Israels heraus noch eine weitere Sendung an die Menschheit haben, dann müssen wir auch seine elementaren und lebensnotwendigen nationalen Grundlagen wollen, entschieden wollen und mit dem Aufgebot unserer ganzen Kraft sichern. Wir müssen den Weg gehen, der zugleich mit einer Lösung der politischen und ökonomischen, sozialen und moralisehen Judenfrage, insofern und insoweit eine solche möglich ist, auch verspricht, der jüdischen Nation ihr eigenes geistigkulturelles und also auch ihr religiöses Leben zu garantieren. Nur wer für die Erhaltung der jüdischen Nation und für die Bcssergestaltung ihrer Lebensbedingungen arbeitet, nur er arbeitet auch wirklich für die Erhaltung und Erhöhung der jüdisehen Religion, für die religiöse Wiedergeburt und lebendigwirksame Entfaltung des Judentums. Zur Revision des jüdisch~religiösen Liberalismus Von Dr. J. Ziegler, Karlsbad. Es ist ein Irrtum, wenn von mancher Seite behauptet wird, das Judentum sei von der allgemeinen Krise der Religionen schwerer getroffen als das Christentum. Im Gegenteil. Wenn man bedenkt, daß wir den kirchlichen, staatlichen und sozialen Mächten des Christentums, die gemeinsam die traditionelle dogmatische Religion verteidigen, nichts Aehnliches an die Seite stellen können; bedenken wir ferner, daß wir der großen Hilfsmittel der Kunst, des Schönen im Dienste der Religion entraten mußten, daß wir nicht in der Lage waren, Romantik und Mystik, obwohl sie uns nie gefehlt haben, in den Vordergrund des religiösen Erfahrens zu stellen, wie es die ehristliehen Kirchen taten; bedenken wir schließlich, daß die Christliehen Völker in jahrhundertelanger fortschreitender Entwickhing vom Rationalismus, Intellektualismus lind Skeptizismus — all das zusammen macht ja den Liberalismus aus — durchdrungen wurden, wogegen wir plötzlich, stürmisch hineingerieten in den Siegeszug der Naturwissenschaften; der vergleichenden Religionswissenschaft; der: pessimistischen Philo- Sophie, der alles, überwältigenden Technik,- dferett grandiose»« e Ideen wir gedanklich nichts .entgegenzuhalten vermochten, bedenken wir all dies, so müssen wir die Kraft der religiösen Tradition im Judentum bewundern, die trotz allem dem Ansturm des Liberalismus standgehalten hat und seinem auf alle positiven Religionen zersetzend wirkenden Einfluß nicht vollständig erlegen ist. Das Wunder hat der beispiellos zähe Lebenswillen des jüdischen Volkes vollbracht. An diesem Lebenswillen hat der Liberalismus auf Granit gebissen. Heute wissen wir es aus eigener Erfahrung, daß wir in der Diaspora kein besseres Mittel zur Erhaltung des jüdischen Volkes besitzen als die Religion. Und zwar in ihrem konfessionellcn Teile, in ihren von der jüdischen Mentalität und der jüdischen Volkspsyclic durchtränkten pationalen Sitten und Bräuchen. Die religiösen Ideen des Judentums an sich, die Gottesidee, der Messianismus trennen wohl auch heute noch scharf offizielles Christentum und Judentum, aber in den vom Liberalismus erfaßten außerkirchlichen Schichten der Juden und Christen ist die gegenseitige Annäherung und Nivellierung derart stark, daß in Wirklichkeit ein wesentlicher Gegensatz zwischen den Religionen kaum mehr besteht. Das Opfer ist natürlich das Judentum: die religiöse Nivellierung bedroht im Verein mit der bürgerlichen Gleichstellung und der natürlichen Präponderanz der Majorität die Existenz des jüdischen Volkes. Da aber der Lebenswillen dieses Volkes noch kräftig genug ist, setzt er sich zur Wehr gegen die ihm drohende Aufsaugung. Und das erfolgreichste Mittel der Selbstwehr ist zweifellos die Rückkehr zu dem praktisch für das Leben selbst entscheidenden Teil der Religion: zur Konfession, also zu dem, was eben der jüdisch-religiöse Liberalismus über Bord zu werfen im Begriffe war. Ich verweise diesbezüglich auf den jüngst erschienenen zweiten fand meines Buches: ״Die sittliche Welt des Judentums“ (Kaufmann, Leipzig), wo ich im 3. und 4. Kap. alle diese Momente eingehend behandle. Die religiösen Observanzen, die der jüdische Liberalismus zu Beginn seiner Macht verhöhnt und verspottet und summarisch verworfen hat, sind heute die unentbehrlichste Waffe im Kampfe um unsere Existenz in der Diaspora. Ihre große Bedeutung für das Leben der Familie gerade in unseren Tagen, da die Stellung der Frau einem fundamentalen Wandel entgegengeht, dem wir uns auch nicht entziehen können, soll liier nur an gedeutet werden. Wird der jüdisch-religiöse Liberalismus die Zeichen der Zeit verstehen? Wird er von der Negation zur Bejahung übergehen? Es ist sündhaft, ihn zu verdammen. Er hat Großes geleistet; er hat Tausende und Tausende durch Aesthetisierung des Gottesdienstes dem Judentum erhalten, er hat die Kenntnis des Judentums in alle Kreise getragen, ihm danken wir die Wissenschaft vom Judentum. Nun hat er seinen Irrtum einzugestehen, den er durch Verwerfung von Sitte und Brauch begangen hat. Und hat vom Geständnis zur Tat zu schreiten. Und die Tajt heißt: Neubelebung, wenn nötig Aesthetisierung der religiös geweihtenVolkssitten und V o I k s b r ä u c h e. Die eingehende Behandlung dieser Frage mußte der wichtigste Programmpunkt der Weltkonferenz des liberalen Judentums sein. Der Liberalismus ist tot, es lebe — der Uberalismus!

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