Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 64-65 (17.8.1928)
- Date
- 1928-08-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 64/05, 17. VU1.1928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 401 ja, es will «ms verhängnisvoll scheinen, daß der Liberalismus sich am Fomiproblem festgebissen hat. Das Formproblem ist seine ständige Sorge geblieben; Formen sollte gekündigt, die Gemeinschaft behauptet werden. So ging es hier letzten Endes um die Grenzen von Individuum und Gemeinschaft. Gewiß ist der Einzelne der Träger der religiösen Erfahrung; aber je stärker man ihn dem Individualismus auslieferte, desto aussichtsloser war der Versuch, auf gültigen Formen eine neue Gemeinschaft zu begründen. Auch das Reformwerk des Liberalismus bcanspruchte Güliigkeit; ihre Bekräftigung und ihre Gefährdung geschieht durch das Individuum. Gültigkeit und Autorität, Freiheit vom Geschichtszwang und unlebendiger Theologie — die gleichen Fragen erschüttern den Protestantismus und den jüdischen Liberalismus. Das tritt heute, wo der Protestantismus sich nicht mehr ohne weiteres mit der ״Staatsethik“ identifi- *feren kann, besonders stark hervor. Eines aber hat der jüdische Liberalismus dem protestantischen voraus: die aktivistische Moral. Eindrucksvoll und nachdrücklich beruft er sich von Anfang an auf den Prophetismus. Es will in diesem Zusammenhang wenig besagen, daß er ihn oft nach christlicher Manier versteht. Die Renaissance des Prophetismus ist sein Werk. Aber es bleibt eine theologische Renaissance, sie wird nicht praktisch. Man kann auch so sagen: Die Bedingungen, unter denen seine Anhänger lebten, hinderten ihn am Flug ins Freie. Sein Radikalismus beschränkte sich auf den Ritus und den Kultus. Das ist nicht der prophetische Radikalismus. Der angebliche Abkömmling des prophetischen ״Alles oder Nichts“ wurde ein kompromißfroher Diener der jeweiligen bürgerlichen Ordnung. Bis zur Ununterscheidbarkeit rückte er an den politischen Liberalismus heran. So versteht es sich, daß er die Indifferenten, will heißen, die nur politisch Liberalen, von denen er religiös sich meilenweit geschieden wußte, im politischen Kampf brauchte und gebrauchte. ln diesem Liberalismus hat der Zionismus keinen Platz. Es mag jetzt dahingestellt bleiben, ob das zionistische Ziel dem ״Manifest“ des Liberalismus widerspricht. Etwas Anderes, Wichtigeres: Der Liberalismus hat auch kein Verständnis für diejenigen Bestrebungen im Zionismus, die auf eine radikale Umwälzung der jüdischen Lebenshaltung abzielen, die auf dem kräftigen Glauben beruhen, daß ein anderes Leben ein anderes Ethos gebären wird. Er hat kein Verstandnis und kann es nicht haben für diejenigen, denen sich urplötzlich das Formproblem zu einem Lebensproblem gewandelt hat, und die diese Frage mit einem praktischen Radikalismus auffassen, der dem Liberalen nur in literarischer Form, nur in der Gestalt der Rezitation bekannt ist. Käme der Liberalismus nur vom Prophetismus her, ihm würde dieses ״neue Lied“ eingehen. Aber er ist ein Kind des bürgerlichen Individualismus. Es sieht so aus, und der Tageskampf macht es wahrscheinlich, als hätte der deutsche Liberalismus — von ihm allein ist hier die Rede — nur zwei Fronten : gegen die Orthodoxie und gegen den Zionismus. Dem ist nicht so. Hätten wir oder bekämen wir im deutschen Judentum eine starke religiös-sozialistische Bewegung, dann würde die dritte Front des Liberalismus sichtbar: gegen jeglichen praktischen Radikalismus. , ,Der jüdische Liberalismus in Deutschland hat eine fast unangreifbare Position. Denn im allgemeinen ist jeder politische Liberalismus einer Wandlung fähig, er kann korrigiert werden, er muß sich korrigieren an ״dem Volk, das von unten kommt“. Wir haben kein Proletariat. Eine zeitlang sah es so aus, als erfülle die Jugend die Funktion des Proletariats. Es sah so aus — und man kann nicht sagen, wie es in Zukunft aussehen wird. Dies aber ist sicher: Der Liberalismus hierzulande wird auch den Zionismus begreifen, erst dann, w׳enn er — der Liberalismus — sieh von seinen eigenen Bedingungen, dem bürgerlichen Denken und Trachten, losgesagt haben wird. Dazu brauchte er nur — etwas liberaler zu werden, oder sagen wir richtiger: radikaler, oder kritischer — auf jeden Fall: etwas mehr von dem, was er ist — was er sein wollte. Die Stellung des religiösen Libera~ lismus in der nationalen Bewegung Von Max Elk- Stettin. Ob man das Judentum als nationales Gebilde, ob man es als religiöse Erscheinung betrachtet — eines ist klar: Im Laufe seiner Geschichte ist der religiöse Wert immer mehr in den Mittelpunkt seines Lebens getreten; von ihm als der zentralen Erscheinung, sind alle andern Kulturgebiete ausgegangen oder beeinflußt worden. Die jüdische Kultur ist eine religiöse Kultur gewesen: Politik, Wirtschaft, Recht und wie die einzelnen Gebiete alle heißen, sind gestaltet, nicht nur nach den ihnen innewohnenden Eigenkräften, sondern zugleich auch nach ihrer Beziehung zur geoffenbarten Lehre. Die Offenbarung ist etwas Einmaliges, aber völlig erfaßt wird sie erst in einem geschichtlich-logischen Prozeß, indem nach bestimmten rabbinischen Grundsätzen immer neue Beziehungen und Verhältnisse aus ihr herausgesponnen werden. Die Anerkennung dieser Kultur setzt also den Glauben an die Offenbarung, in dem engeren Sinn der biblischen und in dem weiteren Sinn der talmudischen und rabbinischen voraus. Diese einheitliche jüdische Kultur ist mit dem Eintritt der Juden in das europäische Geistesleben zerschlagen worden. Der tiefere Grund ist nicht der äußere politische — daß nur um diesen Preis die staatsbürgerliche Gleichberechtigung zu erlangen war —. er liegt vor allem in der geistigen Um- Wälzung: der Ofienbarungsglaube wird durch den Gedanken der geschichtlichen Entwicklung und damit der geschichtlichen Bedingtheit abgelöst. Die europäische Kultur hat sich bereits — scheinbar — von jeder religiösen Bindung befreit. Das westeuropäische Judentum geht denselben Weg, aber nicht, indem es die jüdische Kultur verweltlicht, sondern indem es den eigenen Lebensstil der neuen und reichen Kultur opfert. Nur der innerste Kern der religiösen Kultur, die Beziehung des Menschen zu Gott und all die Ausdrucksformen, die sie umhüllen, — der kann nicht ohne weiteres aus der abendländischchristlichen Kultur entnommen werden. So entsteht aus der religiösen Kultur das religiöse Bekenntnis, aber dieses Bekenntnis selbst Gegenstand der neuen geschichtlichen Betrachtungsweise, psychologischer und soziologischer Zergliederung unterworfen. Baut Brücken! Will der Weltverband für liberales Judentum mehr sein als nur die Zusammenfassung der einzelnen Landesorganisationen, dann muß er, soweit ich sehen kann, vor allem eine Aufgabe erfüllen: nämlich dafür sorgen, daß die liberale Riehhing sich nicht in eine starre Dogmatik verkapsele, sondern wieder liberale Bewegung werde; eine Bewegung mit Problemen und Aufgaben, mit Antrieb und Leben. Es hat sich in der Welt der Geschichte und des Geistes genug geändert, um eine Ueberprüfung der alten Positionen zu rechtfertigen. Ein Weltverband muß auch die Grenzpfähle überwinden; das Ideal der Reformer von ehemals, ein amerikanisches, ein deutsches, ein englisches usw. Judentum zu schaffen, kann für ihn nicht bestehen. Der Weltverband kann nur ein Ziel im Auge haben: ein jüdisches Judentum. Es mag noch so stark von westlicher Kultur beeinflußt sein, seine Kraftquellen muß es aus urjüdischen Wurzeln ziehen. Ist dem so, dann darf er diejenigen nicht abstoßen und ausschließen, die das Judentum so intensiv fühlen, daß sie sogar ihr politisches Sein ihm unterordnen. Gewiß, liberales Judentum wird immer die Religion zum Mittelpunkt haben; jeden Juden aber, der dem religiösen Problem eine zentrale Stelle einräumt, sollte man zur Mitarbeit heranziehen, ohne nach seiner politischen Ueberzeugung zu fragen. Gegen diese Forderung wird der Einwand erhoben, daß der Nationalismus eine Anschauung darstellt, die von der Religion überwunden ist — das mag schlagwortmäßig richtig sein, aber wie die Dinge heute in der Wirklichkeit liegen, ist die Frage von einer einwandfreien Lösung noch weit entfernt, und der Richter aus der Fabel von den drei Ringen würde erklären, daß die tausend Jahre für die Entscheidung noch nicht vorüber sind. Ein lebendiges liberales Judentum kann das Ringen um eine jüdische Lebensanschauung, um eine neue jüdische Lebensgestaltung, das in zionistischen Kreisen so deutlich bemerkbar ist, nicht übersehen; es kann die religiösen Kräfte, die in den jüdischen Volksmassen schlummern, für die Dauer nicht entbehren; es braucht eine religiöse Erneuerung von Palästina aus nicht heute und morgen zu erwarten, kann sich aber die Möglichkeit der Erweckung elementarer religiöser Kräfte auf dem Boden der Propheten nicht verschließen. Denn liberal sein heißt: Augen und Herz öffnen für die Wirklichkeit und umlernen können, wenn das Leben es fordert! Riesengebirgskamm, August 1928. J. Elbogcn. Ist das nicht ein notwendiger Zersetzungsprozeß? Muß nicht durch die relativierende geschichtliche Betrachtung die ganze jüdische Kultur zur bloßen Antiquität werden? Verliert die Religion im engeren Sinn nicht dadurch, daß ich ihr Werden verfolgen kann, ihren absoluten Wert für die Einzelpcrsönlichkeit und für die Gesamtheit? Das sind die geistigen Schicksalsfragen des Judentums an seinem Scheidewege. Bejahe ich diese Fragen, dann ist das Judentum als kulturelle Erscheinung (man nenne sie national oder religiös) gestorben; die neue hebräische Kultur *kd nur in einer äußerlichen Bezlehung zur alten jüdischen stehen können. Da aber eine Kultur nicht aus der Luft hervorgezaubert werden kann, so muß sie ihre Inhalte aus der europäisch-amerikanischen nehmen, aber sie wird ärmer als diese sein, weil ohne jede Beziehung zu der konformen Religiosität. Man begreife die Bedeutung eines jeden Liberalismus, nicht nur des jüdischen; er verbindet mit der geschichtlichen Zergliederung zugleich die Ueberzeugung von dem besonderen Wert des Wesenhaften in der Religion, er macht Religion für den modernen kritischen Menschen möglich. Freilich, worin nun das Wesen der Religion besteht, das ist, nachdem das dogmatische Zentrum gefallen ist, schwer zu definieren. Allzuleicht gerät man hier in die Gefahr, den Geist der Religion mit dem Geiste ihrer Ausleger, das heißt einem bestimmten Zeitgeist zu verwechseln. Der wissenschaftlichen Theologie zeigen sich jedoch in Schrifttum und Leben übereinstimmende Meinungen, Stimmungen, Lebensformen, die als Wesen einer bestimmten Religion sich herauskristallisieren. Neben diesem Innenbezirk der Religion zeichnen sich die Außenbezirke ab, neben dem Wesentlichen das in geschichtlicher Einzelheit Bedingte. Nicht das also ist der Sinn der liberalen Betrachtungsweise, die ״Wahrheit“ der Religion an irgendeiner philosophischen Theorie zu messen. Vielmehr sucht sie nach dem Spezifischen, nach dem Eigentümlichen, das man nachher immerhin mit dem Geist oder — man verzeihe mir das Wort — den ״Geisten“ der Zeit vergleichen mag. — Es liegt aber im Wesen der Religion, — und sie würde sich im andern Falle selber aufgeben, — daß sie das gesamte Leben beeinflussen will, daß sie, auch nach der liberalen Betrachtungsweise, nicht Kulturerscheinung neben Kulturerscheinung, sondern beherrschendes Prinzip sein will. Betrachten wir das Christentum. Gewiß, der alte religiöse Lebens- Zusammenhang ist in der modernen Kultur gesprengt, die moderne Kultur ist profan. Aber die Beziehung zwischen dem religiösen Leben und der Kunst, der Literatur, der Erziehung sind noch so eng, der Einfluß der religiösen Kräfte, gerade im liberalen Christentum, auf das soziale, wirtschaftliche, politische Leben ist noch so stark (besonders in den angelsächsischen Ländern), daß auch in der modernen Kultur die Religion immer noch eine lebenswirkende Kraft geblieben ist und es immer mehr wird. Der jüdische Liberalismus hat eine solche Wirkung auf das Leben nicht ausüben können, weil ihm der jüdische Lebens- Zusammenhang, der jüdische Kulturkreis gefehlt hat. Erst die nationale Bewegung schafft diesen Lebenszusammenhang, erst in ihr wird das Problem einer modernen jüdischen Kultur lebendig. Hier taucht für den jüdischen Liberalismus die neue Doppelaufgabe auf: die überlieferte Kultur aus der religiösen Bindung zu lösen und eine neue Verbindung der Religion mit der verweltlichten Kultur zu schaffen. Das ist eine Aufgabe des Liberalismus, zugleich aber auch Aufgabe der nationalen Bewegung selbst; hier stellt der Liberalismus nichts anderes als die kulturelle Seite der nationalen Bewegung dar. Diese kann, als jüdische Bewegung, dem Problem der Religion und der religiösen Kultur nicht ausweichen. Nur eine Gruppe hat das erfaßt, die orthodoxen Zionisten, die ihr persönliches Leben wie auch das jüdische Land ״im Geiste der Thora“ und der Ueberlieferung gestalten und aufbauen wollen. Ein großartiger Versuch, der aber am Gegensatz des modernen Lebens und Denkens mit dem orthodox aufgefaßten Geist der Thora scheitern muß, der in Schule, Wirtschaft und öffentlichem Leben zu einer Betonung traditioneller Elemente führt, die den Aufbau selber hindern müssen. Soll für uns andere hier und in Palästina nur der religiöse Skeptizismus bleiben; soll uns die jüdische Gestaltung unseres persönlichen Lebens unmöglich sein? Vor allem, soll für das neue Leben in Palästina, soweit es sich nicht orthodox gestaltet, jede lebendige Verbindung mit der Vergangenheit unmöglich sein? Wenn man sich von den althergebrachten Urteilen über den religiösen Liberalismus freimacht, dann begreift man, welche Rolle er noch in der nationalen Bewegung zu spielen berufen ist. Man diskreditiere ihn nicht wegen seiner Verbindung mit der Indifferenz und der politischen Assimilation. Diese Verbindung ist aus der eigenartigen Atmosphäre des 19. Jahrhunderts verständlich. Sie ist alles andere als notwendig. An der nationalen Bewegung liegt es, der Assimilation den Anspruch, Sachwalter des religiösen Fortschritts zu sein, zu nehmen, den liberalen Gedanken in den Zusammenhang des ganzen jüdischen Lebens hineinzustellen. Vergessen wir nicht, was der Liberalismus bisher schon selbst in jener Verbindung geleistet hat, dann werden wir erkennen, was er losgelöst von ihr, noch bedeuten kann. Man darf einmal auch im nationalen Kreise auf seine Verdienste hinweisen. Der liberale Gedanke hat Tausenden und aber Tausenden die Möglichkeit religiösen Lebens in jüdischen Formen gegeben, hat ihnen den Ausgleich zwischen überliefertem Gefühl und kritischem Denken ermöglicht. Wieviel geistigen und seelischen Ballast der Jahrhunderte hat er beseitigt, Wirkung, aber auch Ursache des Einströmens neuer geistiger Elemente in das Judentum. Er hat das Recht des Individuums auf seine religiöse Eigenart in den weitesten Grenzen anerkannt, hat der Frau den Zugang in das öffentliche jüdische Leben eröffnet Die Wissenschaft vom Judentum ist auf seinem Boden gewachsen, die uns erst die Voraussetzung neuen geistigen Lebens im Judentum geschenkt hat. Hat er nicht so die geistigen Elemente des neuen jüdischen Menschen mitgeformt? Und noch eins, so paradox das klingen mag, indem er die Religion aus dem allgemeinen jüdischen Lebenszusammenhang losgelöst und trotzdem erhalten hat, hat er unbewußt die Scheidung in ein religiöses und in ein weltliches Judentum vorbereitet, die eine der Grundlagen des politischen Zionismus ist. Wir kennen seine Mängel; eben seine Verbindung mit der politischen Assimilation, seinen oft überspitzten Rationalismus, seine Nachahmung protestantischer Formen und damit seine Verfälschung jüdischen Fuhlens. Wir wissen um seine enge westeuropäisch-kleinbürgerliche Beschränkung, sein Haltmachen vor den bewegenden Fragen des praktischen Lebens. Aber das mußte ja sein tragisches Schicksal vor dem Erwachen der nationalen Bewegung sein. Auch der Liberalismus darf eine historische, eine liberale Betrachtungsweise beanspruchen, auch bei ihm gilt die Trennung in Wesentliches und Unwesentliches. Aber die Probleme, die er stellt, das im engeren Sinn reli«■ giäse und das kulturelle Problem, sind unsere Probleme und unsere Fragen. Wir sehen heute tiefer, unser Blick haftet nicht nur auf dem westeuropäischen Judentum, sondern vor allem auf dem osteuropäischen; über der engen Sphäre der kleinbürgerlichen Gemeinde hinaus richtet er sich auf das ganze Volk in seiner praktischen und geistigen Arbeit. In den Massensiedlungen des Ostens lockern sich die alten Bindungen immer mehr, in Palästina formt sich tastend ein neuer Lebens- Zusammenhang. In einer neuen, hebräischen u:1d jiddischen Literatur, ringen die alten und die neuen Probleme. Ein alter , Lebensstil ist bei Millionen zerschlagen und der neue ist noch nicht gebildet. In dieses Chaos des Werdens gilt es den liberalen Gedanken hineinzustellen, ihn aus der Enge herauszuheben und ihm seinen Ort im flutenden jüdischen Leben zu geben. Diese Aufgabe fällt der lebendigsten jüdischen Bewegung zu, der nationalen. Denn wie nur die Fülle und die Weite und der Schwung der nationalen Bewegung den Liberalismus aus Verknöcherung und Versteinerung herausreißen kann, um ihn aus einer Vereinsangelegenheit zu einer Volkssache zu machen, — so kann umgekehrt allein die freie und doch gebundene liberale Betrachtung der nationalen Bewegung einen lebendigen kulturellen Inhalt geben, der Vergangenheit und Gegenwart aneinander bindet. Hier im Galuth, wo uns der jüdische Lebenszusammenhang immer fehlen wird, kann uns das liberale Judentum doch wenigstens die tiefste persönliche jüdische Bindung geben, die religiöse. Ein freies und doch ehrfürchtiges Erfassen dessen, was die jüdische Seele offenbart hat, ein neues Verständnis ihrer Sprache und ihrer Formen, die Eingliederung in die Schicksalsgemeinschaft eines ewigen Volkes: das soll uns das liberale Judentum geben. Erziehung in diesem Geiste, Gestaltung und Formung unserer Gemeinden und ihrer Einrichtungen danach, das ist die Aufgabe einer sich Ihrer kulturellen Verantwortung bewußten Bewegung. So kann das Galuth auch im 20. Jahrhundert ein jüdisches Leben führen und zur Resonanz der lebendigen Entwicklung in Palästina werden. Dort soll sich der Gedanke der ״liberalen“ jüdischen Kultur entfalten. Ein religiöses Leben, gleich weit von theologischer Einengung als auch von der Auflösung ins bloß ״Nationale“ entfernt, eine Verbindung dieser Gesinnung und Betätigung mit allen andern Aeußerungen der Kultur, Die Ablelimmg jeder Form von Klerikalisierung und dafür eine um so stärkere innerliche Beeinflussung von Politik und Wirtschaft und Recht, eine um so tiefere Durchdringung von Kunst, Wissenschaft und Erziehung. Die Gefühlswerte der jüdischen Vergangenheit, jene schöpferischen Elemente, die im Christliehen Europa nicht zur Geltung kommen können, sollen unser Leben dort durchwirken. Um es in einem Wort zu sagen: Die vieltausendjährige Kulturarbeit des jüdischen Volkes, hier in Europa in den Winkel gedrängt, soll die Grundlage des neuen geistigen Lebens werden. Das aber kann sie nur in der freien Betrachtrag des liberalen Judentums. Es klingt ja so einfach und selbstverständlich: In unsere neue Zeit mit ihrem Fühlen und Denken und Leben läßt sich das Judentum des Schulchan aruch nicht einordnen. Also Negierung alles Vergangenen, Losschneiden von unseren Wurzeln? Nein, sondern neues Verstehen, neues Ergreifen, neues Schaffen. Wenn die nationale Bewegung dem alten Volk physisch ein Alt-Neuland schafft — nun ebenso wichtig ist diesem Volke das Alt-Neuland der Seele.