Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 64-65 (17.8.1928)
- Date
- 1928-08-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 460 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 84/85,!7.V1n. 1028 Nr. 6 Wandlungen Von Dr. Hugo Bergmann, Jerusalem. Die Weltkonferenz Liberaler Juden in Berlin gibt uns Zio- ,listen eine sehr willkommene und sehr notwendige Gelegenheit zu einer Auseinandersetzung mit der jüdisch-liberalen Bewegung. Diese Auseinandersetzung hat seit 25 Jahren so gut wie geruht. Sie müßte heute auf einem ganz andern Niveau neu beginnen. Denn in diesen 25 Jahren haben sich sowohl in der Reformbewegung wie im Zionismus die ideologischen Grundlagen so vollständig verschoben, daß man im Hegelschen Sinne von einem Uebergang von der Thesis zur Antithesis in beiden Lagern sprechen könnte. Es sei dies hier kurz und in Schlagworten angedeutet. Warum hat der Zionismus die Reformbewegung bekämpft? Er sah in ihr mit vollem Rechte eine durchaus negative, eine Verfallserscheinung. Ich entsinne mich eines Bildes, das unser Witzblatt, der ״Schiemil“, 1903 unter dem Titel ״Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser“ brachte: Ein Reformrabbiner im Talar als Seilkünstler. Unter dem Seil ein Bassin, auf dem geschrieben stand: Taufwasser. Und der Text: ״O Gott, o Gott, ich habe immer so Angst, daß er mal hineinplumpst.“ Das war Karikatur. Aber sie war nicht allzu fern von der Wirklichkeit. Man lese z. B., mit welcher Genugtuung Abraham Geiger am 26. Juli 1855 davon berichtet, daß er am Tischa be-aw auf der Durchreise nach Paris seine Verwandten in Karlsruhe besuchte, und daß er cs dahin brachte, ״daß der weibliche Teil und der kleine Knabe nach Mittag den Imbiß nahmen“. Zweifellos war es ursprünglich ein Streben nach Erneuerung, das Geiger zur Reform trieb, aber es wandte sich selbstmörderisch gegen unser Sein und wurde Negation. Wie stark und substanzerfüllt erschien uns Zionisten gegenüber diesen Seilkunststücken der Reform die in sich ruhende Kraft des orthodoxen Judentums, auch wenn wir selbst außerhalb des orthodoxen Lagers standen! Seither ist eine Generation dahingegangen, und die Dinge haben sich gründlich gewandelt. Der Zionismus hat — während er in Palästina kaum zu den ersten Anfängen praktischer Tätigkeit gelangte — ideologisch das Judentum im Sturm gewonnen. Auch die Reform ist durch ihn vollständig gewandelt worden. Auf der ersten liberalen Weltkonferenz in London (1926) unterstrich Rabbiner Schulmann (New York), es sei ein gewaltiger Irrtum gewesen, ausschließlich dasjenige hervorzuheben, was das Judentum mit andern Religionen gemeinsam hat. ״Wenn wir ein Licht sein sollen, dürfen wir nicht sagen, daß die Synagoge ausschließlich das Licht der andern Glaubensgemeinschäften ausstrahlt.“ Das klingt anders als früher. Die Reform sucht nach dem Wesen des Judentums. Sie mußte suchen. Sie hatte ja nicht die ruhige Festigkeit der Orthodoxie, nicht ihr Verwurzeltsein und nicht die Selbstverständlichkeit des traditionellen Tuns. Ihr war (wie vielen unter uns Zionisten) alles fraglich geworden, sie hatte — wo sie nur überhaupt einen ernsten Charakter trug — die ganze Schwierigkeit des jüdischen Problems auszutragen, die ganze Fragwürdigkeit des Daseins eines Juden in westeuropäischer Umgebung, eines Europäers, der auf sein jüdisches Erbe nicht verzichten will und' es dennoch in der Weise seiner Väter nicht übernehmen und weitergeben kann. Die Auseinandersetzung zwischen Europa und dem Judentum hat in der hebräischen Literatur in der Zeit der Bäskalah begonnen* aber sie konnte dort nicht zu E״dp geführt werden, vor, allem deswegen, weil die hebräischen Denker Europa in seinem ganzen Reichtum, in seiner ganzen Tiefe überhaupt nicht kannten. Selbst Achad Haan, der größte, gelangte nur bis zum Verständnis des immerhin recht oberflächljchen Europäertums von Spencer. Der griechische und der deutsche Geist, Plato, Kant, Fichte, blieben der hebräischen Literatur unbekannt. Aber gerade hier war die Auseinander- Setzung viel schwieriger und blutiger, und hier hat der Reformjude Hermann Cohen den Mut gehabt, das Judentum zu bejahen — als Kantianer. Es ist eines der denkwürdigsten geistigen Ereignisse des Reformjudentums, ein Ereignis, das auch uns Zionisten unmittelbar angeht. Wir haben die Reform bekämpft als eine unhistorische, rationalistische Bewegung. Sie beginnt selbst einzusehen, daß sie das #ar. Auf der Londoner Weltkonferenz wandte sich der Vertreter des deutschen liberalen Judentums, Rechtsanwalt Heinrieh Stern, dagegen, daß man ״aus einem gewissen Rationalismus heraus“ die Zionsgebete beseitigt habe und forderte deren Wiedereinsetzung. Professor Elbogen zitierte Claude Montefiore ״Religion ist mehr als Verstand“ und betonte, das liberale Judentum habe einen Fehler begangen, indem es zu viel Rationalismus aufgenommen habe. Die Auffassung des Judentums als Konfession war, wie jetzt auch die Reformer zugeben, unhistorisch. Und einer der nichL.'_:::stischen Redner der letzten Konferenz verlangte ״eine neue Bezeichnung für einen neuen Begriff“ und es ist sehr charakteristisch, daß er als diese ״neue“ Bezeichnung den der ״Knesset Jisrael“ vorschlug. In der Zeitschrift ״Liberales Judentum“ schrieb C. Seligmann (ich zitiere nach einem Referate auf der Weltkonferenz): ״Wir wollen Judentum: kein selbstgeschaffenes subjektives Gebilde, keine Phantasie-Religion, keine nachgeäfften, auf den Geschmack der wechselnden Zeit zugeschnittenen Formen und Institutionen. Wehe der Religion, die aus ihrer Muttererde Geschichte sich losreißt und an Stelle des positiven Glaubens eine Fülle subjektiver Meinungen setzt. Wehe der Religion, die das geschichtlich Gewordene und sich Bewährende mutwillig zerstört. Nichts Lebendiges wollen wir zerstören, nur an die Stelle des Toten neues Lehen pflanzen.“ Solche Worte zeigen, wie sich historisches Denken innerhalb der Reform durchzusetzen beginnt, und dies ist zweifellos eine Wirkung des Zionismus. Unterdessen hat sich aber auch der Zionismus gründlich gewandelt. Auch er fühlt die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit den geistigen Grundlagen der europäischen Menschheit. Achad Haam hatte geschrieben, er verstelle die Frage, warum er Jude bleibe, so wenig als die, warum er Kind seiner Eltern bleibe. Damit sprach er die Ueberzeugung des Zionismus in seiner ersten Generation aus. Das Judentum erschien als selbstverständlich, als keiner Begründung bedürftig. Zwar hatte noch Heß es anders gesehen, aber Cie Freude über das wiederentdeckte Judentum, welche die ganze Herzl’sche Generation durchzittert, schwemmte alles Bedürfnis nach ideologischer Grundlegung hinweg. Man war glücklich, in die Arme der Mutter heimgekehrt zu sein. Diese Situation hat sich heute vollständig gewandelt. Wir fühlen das Bedürfnis nach neuer Grundlegung. Wenn vor einem Vierteljahrhundert viele von uns über die M i s - sionsidee spotteten, welche die Reformrabbiner als Grundläge des neuen Judentums predigten, so ist uns seither der Spott vergangen. Ob wir die Missionsidee annehmen, ist zunächst nicht wichtig. Wir fühlen mehr als früher die tragische Situation, aus der sie geboren wurde: die Notwendigkeit, unserm Dasein einen geistigen Halt zu geben. Unsere ganze Einstellung zur Epoche der Assimilation hat sich geändert. Wir erkannten — Adolf Böhm war einer der ersten, die darauf hinwiesen — daß das jüdische Volk durch die Assimilation hindurchgehen mußte, um zum Zionismus zu gelangen. Wir erkannten die ungeheuren Werte, welche das Judentum Westeuropas sich durch die Assimilation errungen hatte. Zugleich aber sahen wir, daß wir uns von der Assimilation nicht fortschwemmen lassen dürfen und daß wir im Zionismus selbst mit ihr kämpfen müssen. Wir sahen, wie sich nach dem Kriege die Assimilation in neuer Form im Zionismus selbst einnistete in der Forderung, daß wir ein Volk sein sollen wie alle andern Völker. Wir haben unter uns selbst die schlimmste Assimilation erlebt: die Assimilation im jüdischen Lande und in hebräischer Sprache. Und vor uns steht, wie vor den Reformern, die Frage nach dem Sinn unseres Daseins. Wir sind heute weiter als je davon entfernt, sagen zu können, daß die nur-nationale Auffassung des Judentums lebenskräftig genug ist, um einem neuen Judentum Gestalt zu geben. In deutlicher Weise zeigt dies die geistige Krisis der hebräischen Schule in Palästina, auf welche die Zionisten nur deswegen nicht aufmerksam werden, well sie, auch was die Erziehung betrifft, immer mit Budgetfragen beschäftigt sind. Die nichtorthodoxe Schule in Palästina wird in bezug auf ihre Erziehungskraft und Wirkung* von der orthodoxen zurückgedrängt, weil sie kein Erziehungsziel hat. Der Zionismus Ist ein Erziehungsideal für die Diaspora, in Palästina reichen die nationalen Ideen (hebräisch, Palästina), wie es scheint, nicht aus. Der enge Patriotismus eines kleinen Volkes, den man eine Zeitlang zur Erziehtingsgrtmdlage gemacht hat, genügt offenbar nicht, eine Jugend zu erhalten, welche einem W'eltvolk angehört. Darum sehen wir auf der einen Seite in den Kreisen der Arbeiter, wie das zionistische Ideal durch sozialistischen Beisatz gestreckt wird, auf der andern Seite klagen die palästinensischen Zeitungen immer wieder über das Nachlassen und Erschlaffen des Erziehungspathos in den Schulen. Die Not liegt sehr tief. Sie ist eine geistige. Welches ist der Sinn des Judentums, für dessen Nationales Heim die Jugend in Palästina leben soll? Welches ist der Daseins-Sinn des zerstreuten Fünfzehnmillionen- Volkes? Welches ist der Sinn des Judentums? Das ist die Frage, weiche auch der liberalen We’tkonferenz gestellt ist. Es ist eine von jenen Fragen, welche nicht gelöst zu werden brauchen und auch nicht gelöst werden können wie eine mathematische Gleichung; aber im Kampfe um ihre Lösung mag uns neue Kraft Zuströmen für das Ertragen einer Existenz an der Grenze zweier geistiger Welten. Nationales und liberales Judentum Von Rabb. Dr. M. Warschauer. Seit dem Aufkommen und in zunehmendem Maße seit dem Erstarken der zionistischen Bewegung steht das jüdische Leben der Gegenwart im Zeichen der Fehde zwischen nationalem und sogenanntem liberalem Judentum. Der Gegensatz zwischen beiden gilt heute noch in weiten Kreisen beider Lager für unüberbrückbar. Liberalismus ist Assimilation und darum;der׳. Todfeind, he|ßJ.;f8.|f^f׳־-jidf:.siner|,cSe#c, ein״nat!%.־ nales Judentum ist — abgÄet«« :von *eln& politischen 0«ך. fährlichkeit — Abfall von der jüdisclj-religiösen Idee und Verrat an der religiösen Weltmission des Judentums, so schallt es auf der andern. Dennoch scheint es, als hätte gerade in allerletzter Zeit der Gegensatz sich ein wenig gemildert, als dämmere hier und da ein gegenseitiges Verstehen und die Erkenntnis auf, daß ein Begegnen und Miteinandergehen auf gemeinsamen Wegen nicht ausgeschlossen ist. Mindestens dem Willen zu einem solchen Verstehen möchten die folgenden Bemerkungen zu dienen suchen. — Mir scheint es zunächst ein schwerer und verhängnisvoller Fehler auf national-zionistischer Seite, wenn man den religiösen Liberalismus im Judentum, den man gern auch kurzerhand die Reform nennt, als Assimilation abtut. Es kann und soll gewiß nicht geleugnet werden, daß die in der Zeit des Emailzipationskampfes einsetzende Reformbewegung nur zu sehr von dem Bestreben beherrscht gewesen ist, Judentum und Juden vermeintlichen oder wirklichen Forderungen des der Judenheit zu gewinnenden umgebenden Staatslebens und der nichtjüdischen Umgebung überhaupt anzupassen. Aber es war doch schon damals nicht nur dies, da war auch wirkliche kulturelle Fortgeschrittenheit, die sich von verwilderten Formen abgestoßen fühlte, da waren ehrliche religiöse und ästhetische Bedürfnisse, die nach Befriedigung, vor allem im Kultus, verlangten. Vollends aber darf nicht verkannt werden, daß sehr bald die ״liberale“ Auffassung vom Judentum ein unanfechtbares Fundament erhielt durch die Wissenschaft, die neu erstandene jüdische Wissenschaft selber. Nicht nur Zunz und Geiger, nein, auch Zach. Frankel und Grätz haben — alle Wissenschaft ist ja Kritik — die Tradition unter die kritische Lupe genommen und der starren Rechtgläubigkeit den Boden entzogen: die Wissenschaft lehrte das Judentum erkennen als ein in geschichtlichem Prozesse Gewordenes und Werdendes. Man kann rechtgläubig sein und dies ablehnen, aber unter uns Zionisten gibt es doch genug Moderne, die diesen Gedanken nicht ablehnen, ja nicht missen können, weil er mit ihrer gesamten Weltanschauung übereinstimmt. Wer von uns wissenschaftlieh denkt, muß sich dem religiösen Liberalismus in Dankbarkeit verbunden fühlen: er zeigt Möglichkeit und Weg, religiösen Glauben und jüdische Lehre in Einklang zu setzen mitAmserer wissenschaftlichen Erkenntnis der Natur und der Geschichte. — Sodann kann meines Erachtens dem Liberalismus das hohe Verdienst nicht abgesprochen werden, daß er uns zu dem Wesentlichen der Religion und des Judentums zurückgeführt hat. Wenn heut die religiös-sittliche Lebensfiihrung als die eigentliche Forderung Gottes gilt, man darf wohl sagen, in allen Lagern des Judentums, so ist es der Liberalismus, der diesen Kern- und Gipfelgedanken der Religion, wieder auf der Grundlage der modernen, besonders der biblischen Wissenschaft, zur Anerkennung gebracht hat und beständig für ihn kämpft. Es ist ein frohes Zeichen stärker erwachender echter, jüdischer Religiosität, daß gerade die Jungen in den liberalen Reihen mit tiefem Ernst und hoher Begeisterung sich für diese religiös-ethische Auffassung vom Judentum einsetzen, die in den Besten unseres Volkes zu allen Zeiten gelebt hat. — Zusammenfassend möchte ich sagen: der Liberalismus enthält religiöse Werte, die von niemandem unter uns verkannt werden können, der selber ein religiöser Mensch ist, es sind in ihm die Kräfte lebendig, in denen wir das Tiefste und Edelste unseres Volksgeistes zu erkennen haben. W« nun andererseits die ablehnende Stellungnahme des Liberalismus zum national-jüdischen Gedanken betrifft, so Ist sie zunächst einmal mit der Geschichtsauffassung des ersteren nicht in Einklang zu bringen. Diese lehnt den übernatürlichen Ursprung des israelitischen Monotheismus ab, sieht in ihm das Werk der Propheten. Schwerlich aber gibt es in der Geschichte noch ein so klares Beispiel dafür, wie die Kultur eines Volkes entsteht und sich entwickelt aus dem Zusammenwirken seiner natürlichen Begabung und seiner Schicksale. In diesem Sinne ist die religiöse Kultur, der Monotheismus Israels eine echt nationale Schöpfung. Moses Oenie und die ägyptische Not, der späteren Propheten religiöser Genius und des kleinen Volkes tragischer Daseinskampf gegen die es umgebenden Weltmächte — dm sind, in Wechselwirkung schaffend, die erzeugenden Kräfte der israelitischen Religion. So sieht die liberale Geschichtsauffassung selbst den Ursprung und die Anfänge des Judentums. Und sollte schließlich die Geschichte des späteren, des talmudischen und mittelalterliehen Judentums nicht in gleichem Sinne zu deuten sein? Ist nicht das ״Gesetz“, das es sich schuf und mit so zäher Treue festhielt, zu verstehen aus seinem Schicksal, das ihm den Untergang drohte, und seinen religiösen und nationalen Instinkten, die gegen diesen in jenem die Abwehr fanden? Es ist in der Tat die Geschichte des Judentums von der des jüdischen Volkes nicht zu trennen und so ist sie von den Historikern wohl auch immer geschrieben worden. Sollte es daher möglich sein, die Zukunft beider voneinander zu trennen? Der Liberalismus glaubt ja auch an eine künftige Entwicklung des Judentums wie wohl der Religion überhaupt. Es ist ein schöner, erhabener Gedanke, daß die Religion nicht als abgeschlossene Wahrheit uns vorliegt, sondern daß im Kulturprozeß der Menschheit eine fortschreitende Offenbarung des Göttlichen sich vollzieht, auch die menschliche Erkenntnis Gottes sich weitet und vertieft. Wer muß nicht wünschen, daß in dieser Entwicklung die Kraft nicht fehle, die ihr einst den stärksten Impuls gegeben hat, die schöpferische religiöse Kraft des jüdischen Volkes? — Und zum Schluß: auch in der Gegenwart ist als ein Faktor der Selbsterhaltung dm Judentums der nationale Gedanke nicht zu missen. Kann es geleugnet werden, daß das seit der Emanzipation verflossene Jahrhundert das jüdische Leben in ein Trümmerfeld verwandelt hat? Ich sehe nicht, wie der Liberalismus die Kluft ausfüllen kann, die sich bei der großen Masse aufgetan hat zwischen der Tradition, die ihr doch religiöses Ideal ist, und ihrer von äußeren und inneren Faktoren geschaffenen Lebensführung — ein Zwiespalt, der das religiöse Gefühl tötet und die Gewissen stumpf macht. Unsere jüdische Lebensform ist zerbrochen, das ist Not und Schmerz auch aller wirklich religiös und jüdisch fühlenden Liberalen — aber woher soll der Liberalismus, der die bindende Autorität der Tradition ablehnt, eine Autorität erschaffen, die uns eine neue Lebensform gibt? Ohne solche lebt auch die jüdische Seele nicht, und wer sehen will, sieht, was Tag um Tag auch an jüdischen Seelenwerten versinkt. Man wird nun auf die Macht der religiösen Idee des Judentums verweisen, die ja der Liberalismus rein Von Außenwerk und Schlacken erst recht herausgestellt hat. ln einer Zeit, in der die Religion überall im Leben der Gesamtheit wie dm Einzelnen an die Peripherie gerückt ist, ist es schwer, an diese Macht zu glauben, schwer, überzeugt zu sein, daß eine so hartvon außen und innen bedrängte Minorität wie die jüdische durch das religiöse Moment allein zu erhalten sei. Diese Art Märtyrertum liegt den» Menschen, auch den Juden von heute fern. Was viele noch heute bei unserer Fahne hält, ist auch nicht religiöse Ueberzeugung oder gar Begeisterung, sondern ein freilich unklarer, unbewußter ״jüdischer“, das ist nationaler Lebenswille. Wird er bewußt und klar, wird er genährt an jüdischem Gut, Kenntnis der Sprache und Geschichte unseres Volkes und an jüdischem Brudergefühl und Arbeit für die Gesamtheit, so wird er, auch der religiösen Tradition .nach Möglichkeit ihr Recht gebend, Volk und Religion erhalten helfen. Kann er Im Lande der Väter sich frei auswirken, so werden die schöpferischen Kräfte, die aus ihm aufsteigen, dem jüdischen Volke auch die neue, höhere Lebensform prägen. So blüht vielleicht einmal gerade aus einem Bunde des liberalen und nationalen Gedankens der Idee wie der Form des Judentums neues Leben, neue Zukunft. Liberalismus und Bürgertum Von Rabbiner Dr. MaxGrünewald, Mannheim. Es ist nicht anzunehmen, daß die liberale Weltkonferenz die lange Front des Liberalismus erkennbar machen wird. Solche großen programmatischen Tagungen haben ja selten die Kraft, gerecht zu sein. So wird auch wohl diese Konferenz von der ״offiziellen“ Richtung beherrscht sein. — Die Versuche, religiöse Bewegungen als Auswirkung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Prozesse zu verstehen, tut man gern als ungeschichtlich und unwissenschaftlich ab. Besonnene und vorsichtige Soziologen begnügen sich damit, auf die gegenseitige Beziehung von Religion und Wirtschaft, von Religion und Gesellschaft hinzuweisen, ohne sie zu einer einmaligen Kausalität zu verendgültigen. Sie leugnen auch nicht, daß hier und da das Religiöse seinen Prioritätsanspruch behauptet, wie zum Beispiel der Eigen-sinn eines religiösen Genies etwas Unableitbares ist und seine Aeußerungen von seinem religiösen Willen herriihren und in ihm ihre tiefste Quelle haben. So hat auch der Liberalismus sein Autonomes. Dazu gehört die Freude an der wissenschaftlichen Kritik, die, wie der Protestantismus zeigt, sich geradewegs aus dem religiösen Wahrheitsuchen herleiten kann. Der Liberalismus aber als religiöse Reformbewegung ist von dem jüdischen Bürgertum getragen und kommt von den Bedingungen, unter denen seine Anhänger leben, nicht recht los. Es sind biirgerl iche Sehnsüchte, die den Gang und weitgehend auch den Inhalt der Reform bestimmen. Sie sind auf eine Einheit der Lebenshaltung, der bürgerlichen Lebenshaltung gerichtet. Es ist gefordert, daß das eigenmächtig Religiöse, in seinen überlieferten Formen kantig und eckig bis zum Bizarren, aus dem allgemeinen Schema der Lebenshaltung nicht herausfalle. Dies macht den geschichtlichen Hergang verständlich, daß der Kampf vor allem dem Ritualismus, der von Geiger so benannten Form״ gläubigkeit, gilt, ln der rückschauenden Betrachtung will es uns bedauerlich erscheinen, daß man von dem hohen Sprungbrett eines oft echten Enthusiasmus vornehmlich auf dieses Ziel sich gestürzt hat, daß wertvolle Kräfte sich an einem Ab- und Zugeben von Formelelementen verzettelt haben, ja, es w sich am Das Formen So ging und Ger giösen dividuati such, a begründ spruchte geschieh Freiheit die glei< jüdische! sich nicl *!eren k Ein! tischen und na< Propheti sagen, c Renaissa eine the kann au hänger kalismus Das ist Abkötnn kompror Bis zur Liberalis renten, religiös brauchte In 1 Platz. E Ziel dei Anderes, ständnis eine ra< zielen, d Leben e nis und plötzlich gewandt Radikalis Form, n Liberalis ״neue L Individu; Es scheinlic allein ist doxie un wir ode religiös-s des Lib Radikali« ״Der unangrei tische L werden, kommt“, aus, als Es sah : kunft an Dies auch de Liberalis bürgerlic Dazu br oder sag auf jede w a s e r Die! lismu Ob als relig Laufe se den Mit zentralen gegangei religiöse die einze den ihne nach ihr barung i! einem gi rabbinisc hältnisse Die an die O dem wei Dies: Juden in Der tiefe um dicst erlangen Wälzung: der gescl Bedingt!! scheinbar europäisc es die j eigenen der inne Menschei hüllen, — christlich! religiöser nis selbs! weise, ps worfen.