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Jüdische Rundschau · 1928-08-17 · Heft 64-65 (17.8.1928) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 64-65 (17.8.1928)
Date
1928-08-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Dopnclnummcr 0,40 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W iS, MsiaekestraBe 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition aonatlich 2,— Goldmark, riertelj&brUch 5,75 Goldmark. As>)9n<u*bom»m*Bl1 werden in der Wihreng der einreinen Linder berechnet Anzeigen -Verwaltung Jüdisch• Rundschau G.m.b.H., Berlin W15, Meinekestr, 10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70, Telephon: Bismarck 7165—70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 FBr Oeeterreieh: l’oitiperkreienunt Wien, Koni» Nr. 150030, Für T■ehtehoilawekei: Po,t«park»n«n»mt Prag, Konto Nr. 59410, Für Polen: Poitiparkareenunt Werichaa, Konto Nr. 190208■ Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 64/65 | Berlin, 17. VIII. 1928 Aneeigetipreie! 8 gecpaiLN onpareUlf seile 0,50 G.-M. Stellen( eenehe 0,25 G.-M. AaselganecMnBi Dienetag and Freitag nachmittag. 4 Uhr. א׳ אלול׳ חרס״ח | xxxm. Jahrg. Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk dlo Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Helmstitte ln Pallsllna. ״Baseler Programm.*, Religiöser Liberalismus und jüdische Nationalbewegung Zur Berliner Konferenz des Weltverbandes für das liberale Judentum von Priv.־Doz. Dr. Baumgardf, Rabb. Dr. Leo Baeck, Hugo Bergmann (Jerusalem), Martin Buber, Prof. Dr. Elbogen, Rabb. Elk, Rabb. Grünewald, Rabb. Max Joseph, Rabb. Maybaum, Rev. M. L. Perlzweig (London), Franz Rosenzweig, Ernst Simon (Jerusalem), Dr. Thieberger (Prag), Rabb. Warschauer, Rabb. Wiener, Rabb. Ziegler (Karlsbad). Zu dieser Nummer Wir haben anläßlich der Berliner Liberalen Weltkonferenz eine Reihe von Persönlichkeiten aufgefordert, sich zu den Problemen des jüdischen Liberalismus gerade vom Gesichtspunkt ihrer Beziehungen zu der vom Zionismus vertretenen Idee der Wiedergeburt des jüdisehen Volkes zu äußern. Zionismus und Liberalismus sind alte Gegner. Wäre der Liberalismus nichts Anderes als eine religiöse Anschauung, dann wäre diese Gegnerschaft unverständlich; denn viele Zionisten teilen seine Anschauung, und der eine Stärkung 'des jfiilsöfai'' ÖetimS durch eine Festigung des jüdischen Volkskörpers, die Möglichkeiten jüdisch-religiösen Lebens vermehrt werden. Aber der Liberalismus war eben von Anfang an nicht nur religiöse Bewegung, sondern politische Tendenz. Er entstand nicht nur aus innerem Bedürfnis, sondern auch aus äußeren, opportunistischen Erwägungen. So hat er historisch vielfach die Aufgabe erfüllt, die Rudimente nationaler Lebensformen zu beseitigen, und er erblickte in einer Betonung des jüdischen Volkstums ein Gefahr für die jüdische Gleichberechtigung im Staate und für die Früchte der Emanzipation. Diese politische Einstellung hat ihn in Gegensatz zum jüdischen Nationalismus gebracht. Schon in den ersten Anfängen des politischen Zionismus ist der gegenwärtige Präsident der Weltvereinigung für das Liberale Judentum, Claude Montefiore, gegen den Zionismus aufgetreten, und Theodor Herzl mußte ihm erwidern, in einer bekannten Polemik, die auch in Herzls Gesammelten Schriften Aufnähme gefunden hat. In einem viel fortgeschritteneren Stadium der inneren Entwicklung hat später die zweite große Figur des Liberalen Judentums, Hermann Cohen, seine Angriffe gegen den Zionismus gerichtet, und diesmal war es Martin Buber, der in seinen denkwürdigen zwei Briefen (״Völker, Staaten und Zion“) die Antwort gab. Wir sind weit entfernt davon, große jüdische Persönlichkeiten wie Claude Montefiore und Hermann Cohen nur unter dem Gesichtspunkte ihres Verhältnisses zum Zionismus zu betrachten und wir können heute schon feststellen, daß ihr jüdisch-geistiges Wirken in zionistischen Kreisen mit besonderer Dankbarkeit aufgenommen wurde. Erst kürzlich boten sich Anlässe, in dieser Zeitung über unser Verhältnis zu diesen beiden Männern einiges zu sagen (zu Cohens 10. Todestag, vgl. Nr. 27/28, zu Montefiores 70. Geburtstag, vgl. Nr. 47). Aber in ihnen sehen wir die Gegnerschaft des Liberalismus gegen den aufstrebenden Zionismus in der würdigsten Form repräsentiert. Es gibt noch eine Gegnerschaft anderer Art. Neben der großen geistigen Auseinandersetzung sehen wir den kleinlichen Tageskampf, in welchem seit Beginn des Zionismus bis auf den heutigen Tag die Anhänger des Liberalismus sich besonders hervorgetan haben. Wir haben auch einen Kampf mit der extremen Orthodoxie, aber das eigentliche ״Assimilantentum“, gegen das der Zionismus sich wendet, war stets im liberalen Lager konzentriert. Alle Entartungserseheinungen eines jüdisehen Levantinismps, zynische Selbstverachtung, Unglauben, innere Unfreiheit, sind Merkmale dieses bourgeoisen Assimilantentums, das mit dem Liberalismus nicht identisch ist, aber unglücklicherweise von ihm gedeckt wurde. Die geistigen Führer des Liberalismus sind oft machtlos gegen eine Gefolgschaft, die den dem Liberalismus innewohnenden Gedanken der persönlichen Autonomie und des Subjektivismus als einen Freibrief zur Auflösung aller Bindungeh betrachten. Die Assimilationstendenz und bürgerlich-politische Motive führen dann zu einer völligen Negation des Judentums. Dieser Art zersetzenden Judentums, die natürlich auch dem Palästinawerke nicht gerecht zu werden vermag und sich in selbstgefälliger Nörgelei und Mißgunst ergeht, gilt der Kampf des Zionismus heute wie vor 30 Jahren. Es ist kein Parteikampf, sondern ein Kampf um Ehre und Reinheit des Judentums. Der Liberalismus hat sich mit der Assimilation verbunden; aber wir sind weit davon entfernt, ihn mit ihren Entartungserscheinungen zu identifizieren. Wir gla«|tt,.4tfi. .«1*« Jt'irijiftp^JttJpfctlgen^Qiandlagen. des Liberalismus insbesondere-in seinem Verhältnis zur׳ Falscher und echter Liberalismus In allem Liberalismus ist wesentlich ein Ideales, Universales, Messianisches. Es gibt einen Idealismus, der den weiten Gedanken nachzieht und die bestimmte Aufgabe, die ihm zunächst steht, vergißt; es gibt einen Universa* lismus, der in die Menschheitsfernen schaut und die Menschen der Nähe, die ihm gewiesen ist, übersieht; es gibt einen Messianismus, der zur Zukunft hinaushört und den gegenwärtigen Beginn, der von ihm das Seine fordert, nicht vernimmt. Das ist der falsche, der bequeme Liberalismus. Der wahre, ernste hat sein Ideales, indem er in der immer neu werdenden Pflicht, die er erfüllt, den dauernden Wert alles Tuns erfaßt; er hat sein Universales, indem er in seinem lebendigen Sinn für das Eigene die Blickweite gewinnt; er hat sein Messianisches, indem er in der Gegenwart, die er erarbeitet, den Weg zu einem Ziele erkennt. In dem allen erlebt der jüdische Liberalismus darum die Verwirklichung seines Jüdischen. Er erfährt es, wie jede Idee von bestimmten Menschen, den Berufenen, ausgegangen ist und sich an bestimmte Menschen, die Gerufenen, wendet, wie das Leben des großen Ganzen immer seine erste Erfüllung in dem bestimmten geschichtlichen Bereiche hat, wie das Einst, das sein soll, im bestimmten Jetzt, das werden soll, an uns herantritt. Gegebenheit und Weite wollen sich in diesem Liberalismus einen. Er vergißt darum über dem Judentum den Juden nie und über dem Juden nie das Judentum. Diesen Gedanken und seine Forderung lebendig zu machen, ist die Aufgabe der Liberalen Wetkonferenz. Leo Baeck. jüdischen Nationalbewegung nottut. Der Gegensatz zwischen religiösem Liberalismus und jüdischem Nationalismus ist innerlich nicht begründet. Diese Erkenntnis setzt sich immer mehr durch. Sie wird allmählich zu einem zentralen Punkt der liberalen Ideologie. Wir haben das z. B. anläßlich der Konferenz des liberalen Rabbinerverbandes in Deutschland erfahren. Auch die heutige Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ soll dazu beitragen, das Ver. hältnis der beiden jüdischen Positionen zueinander zu klären. Dies kann freilich in diesem Rahmen nur angebahnt werden. Denn es tritt uns dabei eine Fülle von Problem-Komplexen entgegen, die einer syite«*»- tiÄen geistergeschichtlichen Behandlung bedürfte. Da lii etwa das Problem ״Volkstum und Religion*/, dal Verhältnis der Religion zu ihren Trägem und die Frage, ob es ein vom jüdischen Volke losgelöstes Judentum geben kann. Da ist das Problem der Assimilation mit seinen positiven und negativen Seiten, die Rolle der Aufklärung in der jüngeren jüdischen Geistesgeschichte und anschließend daran die Rolle der Assimilation innerhalb der Entstehung der nationalen Ideologie des Judentüms und überhaupt innerhalb der jüdischen Moderne. Da ist das Problem der Teleologie des Judentums, des Messianismus und der jüdischen Mission. Da ist schließlieh das Problem ״Religion und Politik“ in allen seinen Abwandlungen. Diese Problematik besteht für uns alle, Zionisten und Liberale, unabhängig von politischen Doktrinen und Parteikonstellationen. Wer an lebendige Ent- Wicklung glaubt, kann nicht von parteipolitischem Dogmatismus ausgehen. In unserer heutigen Nummer werden diese Fragen frei erörtert, und zwar mit ganz wenigen Ausnahmen nur von Persönlichkeiten, die selbst im liberalen Lager stehen. Selbstverständlich ist für die Aeußerungen unserer Mitarbeiter, denen wir für ihre Beteiligung auch an dieser Stelle danken, weder die Redaldion, noch die zionistische Bewegung verantwortlich, sondern nur die Schreiber selbst. Wenn z. B. in manchen Aeußerungen vielleicht ein Unterton von Propaganda für den religiösen Liberalismus mitschwingt, so ist dies das gute Recht der Liberalen, und begreiflich, da wirkliche Ueberzeugung sich propagandistisch auswirken muß, — aber es verbindet natürlieh nicht die ״Jüdische Rundschau“ oder den Zionismus als solchen. Dies auszusprechen, sind wir unseren Freunden und Gesinnungsgenossen konservativer oder orthodoxer Richtung schuldig, denn die Zionistische Organisation umfaßt Orthodoxe genau so wie Liberale. Wir hielten es freilich für eine Frage des Taktes, einem Ereignis wie der Liberalen Weltkonferenz gegenüber aus der Problemstellung des Liberalismus heraus über unsere Fragen zu sprechen. Und so wie wir innerhalb unserer zionistischen Bewegung den Grundsatz der freien und offenen Kritik hochhalten, so mußten wir natürlich auch unseren Mitarbeitern das Recht zur freien Kritik des heutigen Liberalismus einräumen. Wenn wir Zionisten heute eine Wcltkonferenz des Liberalen Judentums in Berlin begrüßen, so zeigt schon dieser Umstand die veränderte Situation. Der Liberalismus, der den Zionismus bekämpft und der vielleicht in dessen offizieller Organisation heute dominiert, ist ein falscher Liberalismus. Eine religiöse Bewegung aber, die eine Stärkung jüdischen Glaubens und jüdischer Verbundenheit bringt, und so die Kräfte befruchten hilft, die die jüdische Zukunft zu bauen haben, kann unsere Verbündete sein.

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