Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1928-08-07 · Heft 62 (7.8.1928) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 62 (7.8.1928)
Date
1928-08-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2652971-2653028--20162-2678114
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Seite 448 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 02, 7. VIII. 1928 dem Hause der Wissenschaft, die Akademie, das Haus der Künste, errichten — beide vereint zu dem hohen Ziele, einen neuen jüdischen Prophetismus, einen neuen Geist der Verkündigung zu erwecken! Auf daß der jüdische Geist alles hergebe, was er herzugeben in sich trägt!! Palästinensische Erziehungs-Probleme fm ״Hapoel Hazair“ spricht Sandbank über Er- Ziehungsprobleme in Palästina und die Stellung der Histadruth zu ihnen. Der Verfasser weist auf die angeregte Debatte hin, die heute in allen Ländern über die grundlegenden Probleme der Erziehung, vor allem über das Ziel der Erziehung geführt werden, und bedauert, daß man in Palästina dem Problem, wie die junge Generation in den nationalen Schulen erzogen werden soll und welches das Erziehungsideal sei, das den Erziehern vorschwebe, so wenig Aufmerksamkeit schenkt. Insbesondere die Rolle der Religion in der Erziehung werde in einer völlig unzureichenden Weise behandelt. Unsere hebräische Schule übermittelt der jungen Generation nicht das jüdische Kulturgut der Vergangenheit im erforderlichen Maße, und diese Frage sei niemals grundsätzlieh einer Entscheidung zugeführt worden. Von der Erziehung der jungen Generation in Palästina hänge entscheidend der Fortgang unseres gesamten Werkes ab. Eine Betrachtung der Prinzipien, auf denen heute unser palästinensisches Erziehungswerk aufgebaut sei, erwecke insbesondere Zweifel in bezug auf den Begriff ״Freiheit“, der bei uns häufig im Sinne von ״Bindungslosigkeit“, von mangelndem Respekt gegenüber den wesentlichen Werten verstanden werde, sei es nun, daß diese Respektlosigkeit zu erzielen beabsichtigt sei oder nicht. Diese Freiheit, die nicht ein Erziehungsmittel zu irgend- ׳ einem Erziehungsziel sei, sondern die als Selbstzweck angesehen werde, führe zu Ueberheblichkeit und geistiger Leere. Der Verfasser will in diesem Zusammenhang keine pädagogischen, methodischen und didaktischen Fragen anschneiden, die bei all ihrer Wichtigkeit doch gegenüber dem gekennzeichneten Hauptproblem erst in zweiter Linie kämen. Er unterschätze gewiß nicht die Bedeutung der verschiedenen im Lande gemachten pädagogischen Versuche, bei denen es freilich weniger auf die Ideologie, als vielmehr auf die Personen ankomme, die als Erzieher fungierten. Entscheidend aber bleibe, daß heute einmal die angedeutete prinzi- Pielle Frage nach der geistigen Grundlage aer Erziehung in 'alästina in den Mittelpunkt der Erörterung gerückt werden. Der Antisemitismus der Brüder Ttiaraud Zu der Besprechung der ״Kurzen Geschichte der Juden“ der Brüder Tharaud, die Dr. Kurt Witkowski in Nr. 48 der ״Jüdischen Rundschau“ veröffentlichte, sendet uns Dr. S. Gomelski (Paris) eine ausführliche Entgegnung, worin er sich gegen Witkowskis Behauptung, man könne die Brüder Tharaud nicht als Antisemiten abtun, wendet und eine Reihe von Zitaten anführt, aus denen hervorgeht, daß er nicht ״übermäßige Empfindlichkeit“ an den Tag gelegt hat, wenn er in seinen früher in der ״Jüdischen Rundschau“ erschienenen Aufsätzen den Antisemitismus der Tharaud brandmarkte. So z. B. schreiben die Tharaud in der ״Kurzen Geschichte der Juden“: ״Man kann behaupten, daß der Jude selbst sein Schicksal bestimmt hat. Er hat sich selbst zum Ghetto verurteilt, er hat sich selbst zum Golde verurteilt, und die einschränkende Legislatur, der der Jude seitens der Kirche nachträglich unterworfen wurde, war nur die Exekution des Urteils, daß der Jude selbst, sich gefällt hatte“! In dem Buch ״Wenn Israel König ist“, heißt es u. a.: ״Die Juden sind so gewohnt, dicht aneinander zu leben, daß selbst die Glücklichsten unter ihnen, sogar diejenigen, die volle Gleichberechtigung genießen, es vorziehen, sich zusammenzudrängen, um gegenseitig'den eigenen Geruch einzuatmen und zu riechen“ (Seite 38). Schließlich entnehmen wir der Zuschrift Dr. Oomelskis, die wir aus Raumgründen nicht vollständig wiedergeben können, noch folgende Einzelheit: ״In der Prager ,Wahrheit‘ vom 1. Juni 1923 (in den Pariser ,Univers Israelite‘ v. 5. März 1926 reproduziert) wird dargestellt, wie die Tharaud in Ungarn sich ,unparteiisch‘ in einem ,Auto von antisemitischen Agitatoren‘ anonym über die ungarische Revolution und die Rolle der Juden informieren ließen; in diesen zweifelhaften Kreisen sammelten sie ihre ,authentischen‘ ,Informationen‘, die ihnen nachher als Grundlage zu ihrem antisemitischen ,geschichtlichen‘ Buche dienten.“ Die polnische Wissenschaftliche Akademie hat den Dozenten für semitische Philologie an der Warschauer Universität Oberrabbiner Dr. Moses S c h o r r und den Professor für römisches Recht an der Krakauer Universität Dr. Raphael Taubenschlag zu ihren Mitgliedern gewählt. Und wie er so auf dem Liegebett lehnte, sein Gesicht dem Garten zugewandt, in Muße seinen grünen Tee aus einem Porzellanbecher schlürfte und seitwärts schaute, glich er einem feisten Stier, der sich zur Ruhe hingelagert hat, nachdem er unter Mühen seine Begierde befriedigt hatte. Mula Obadjah hatte sich geplagt und wieder geplagt, ehe ihm die Lust seines Herzens gegeben war. Noch einige Tage vor der Trauung hatte er erwartungsvoll geharrt und viel gelitten unter Unentschlossenheit, Zweifel und Sehnen. Die Alte und die Braut hatten Bedenken, und sie änderten ihren Entschluß von Tag zu Tag. Einmal wollten sie noch Herrn Jichjeh befragen, einen Jemeniten und berühmten Wahrsager, ein andermal wandten sie ein, sie wollten noch warten und mit den Alten sich beraten, den Freundinnen Bussa Blankas. Und täglich kam Chacham Rachamitn von dort — und bald ja, und bald nein, es war ihm ungewiß. Die bloße Verlobung: welchen Wert hatte sie für ihn? Man würde die Alte, die nichts hatte, bestrafen, wenn es sie oder die Braut reute. Und womit würde sie bezahlen? Die Trauung öffentlich zu machen, war unmöglich, denn die dreißig Trauertage für den Bruder waren noch nicht vorüber. Und so hatte Mula Obadjah kein Vertrauen zu seinem Glück und hatte keine Ruhe. Da kam Chachain Rachamim und fand eine einfache Lösung: heimliche Trauung. Dank ihm, dem Chacham Rachamim, daß er mit der Macht seiner Zunge schließlich alle Bedenken der Alten verstopfte und sie zur Zustimmung bewegte. Und das Mädchen, Luna, schwieg, als sei ihr die Sprache aus dem Munde genommen, schwieg nach ihrer ersten Zustimmung wie eine, die nun allem zustimmte. Aber die Alte: täglich hatte sie neue Einwände und neue Forderungen, und als sie von der Geheimtrauung hörte, da wehrte' sie sieh mit Entschiedenheit dagegen. Sie wollte keine Geheimtrauung. Eine Gänsehaut überlief sie vor Furcht schon bei dem bloßen Gedanken, Gott wird es nicht geben und es wird nicht geschehen und nicht kommen und nicht sein.“ Aber Chacham Rachamim machte ihr immer wieder klar, daß es ja gar nicht so wäre. Der Bräutigam müsse verreisen, um einige Geschäfte zu richten und würde erst in einem halben Zwei jüdische Gestalten in der Arktis־Tragödie Professor Samoilowitsch Die Gattin des Professors SamoiJowitsch, des Leifers der Rettungsexpedition des Eisbrechers ״Krassin“, die in der Arktis die von der ganzen Welt bewunderten Reitungstaten vollbracht und später auch den schwer havarierten deutschen Dampfer ״Cervantes“ aus höchster Seenot gerettet hat, empfing in Leningrad den Vertreter der Jüd. Tel.-Agentur und berichtete ihm über das Leben ihres Gatten, der sich noch immer an Bord des ״Krassin“ befindet. Auf die Frage, ob es zutrifft, daß Prof. Samoilowitsch Jude sei, erwiderte Frau Julianne Samoilowitsch: Meinen Mann nennt man Rudolf, sein wirklicher Name aber ist Reuben; er ist Jude und stammt aus einer gutjüdischen Familie in der Gegend von Rostow. Er wurde 1880 in der Stadt Asow geboren. Sein Vater, Lasar Samoilowitsch, war ein frommer jüdischer Kaufmann. Von seinen vielen Kindern wurde keines in eine russische Schule aufgenommen, da in dem damaligen zarischen Rußland der Numerus clausus gegen Juden in seinen schärfsten Formen praktiziert worden war.!udolf Reuben und sein Bruder Joseph wanderten ins Ausland. Rudolf vollendete seine Studien als Ingenieur in Deutschland, Joseph in Belgien, ihre Schwester besuchte das Wiener Musik-Konservatorium. Nach Beendigung seiner Studien in Deutschland, 1908, kehrte Rudolf nach Rußland zurück und wurde bald darauf von einer privaten Firma eingeladen, die Gebiete im hohen Norden Rußlands nach dem Vorhandensein von Kohlenlagern zu durchforschen. Rudolf hat wirklich ertragreiche Lager entdeckt. Er beschloß, sich der wissenschaftlichen Erforschung der Polargegenden zu widmen. Im Jahre 1912, erzählte Frau Julianne Samoilowitsch weiter, lernte ich meinen späteren Mann in Petersburg kennen. Rudolf war ein guter Jude, ich Christin, wir heirateten, ohne daß einer von uns seinen Glauben gewechselt hat. Mein Vater, ein russischer Oberst, machte zur Bedingung für seine Einwilligung zu unserer Verbindung, daß ich aus der rechtgläubigen Kirche nicht austrete. Aber die Eltern Rudolfs konnten sich lange nicht beruhigen, daß er eine Christin zur Frau nahm; erst später nahmen sie den Verkehr mit ihrem Sohne wieder auf. Rudolf-Reuben Samoilowitsch ist gegenwärtig Professor am Leningrader Politechnikum und leitender Direktor des Instituts zur Erforschung der Arktis, das von der Sowjetregierung begründet worden war. Vor dem Kriege leitete er das Petersburger Büro der Berliner Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft (A. E. G.). Nach seinem gelungenen Rettungswerk im Nordpol-Gebiet wird die Sowjetregierung ihn — wie man mir soeben mitgeteilt hat — zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften der Sowjetunion Vorschlägen. Aldo Poniremoli Der hervorragende Physiker Prof. Aldo Pontremoli, der Enkel Luigi Luzzattis, der an der Nobilc-Expedition nach der Arktis teilnahm und bei der Katastrophe der ״Italia“ unter derjenigen Mannschaft war, die mit dem Gaskörper des Luftschiffes abgetrieben und offenbar zugrunde gegangen ist, galt als der genialste italienische Physiker und hatte einen großen Namen in der gesamten Wissenschaftliehen Welt. Aldos Mutter, Frau Lucia Pontremoli, die Tochter Luzzattis, die jetzt in tiefste Trauer versetzt ist, erzählte dem J. T. A.-Vertreter aus den Kinderjahren ihres Sohnes. Schon mit neun Jahren versuchte sich Aldo an schwierigen physikalischen Experimenten, sein Kinderzimmer war ein physikalisches Laboratorium» elektrische Drähte zogen; sich von Wand zu Wand, kleine Maschinenmodelle waren sein Spielzeug. Nach Beendigung der Mittelschule wurde Aldo schon Assistent des berühmten italienischen Physikers und früheren Unterrichtsministers Prof. Corbino. Schon damals wurde er für seine experimentellen Arbeiten durch die Akademie der Wissenschaften ausgezeichnet. Nach Beendigung der Studien an der Universität Rom sandte ihn die italienische Regierung nach Cambridge, wo er unter Leitung des berühmten englischen Physikers Ernest Rutherford seinen Arbeiten oblag. Prof. Einstein sandte ihm auf brieflichem Wege oft Worte hoher Anerkennung. Nach seiner Rückkehr aus Cambridge wurde er Professor der Physik an der Universität Mailand. Er wurde zum Generalsekretär des Internationalen Physikerkongresses, der vor einem Jahre in Como, der Geburtsstadt Alessandro Voltas, abgehalten worden ist, gewählt. Das Referat, das Aldo Pontremoli auf diesem Kongreß gehalten hat, begründete seinen Namen in der internationalen wissenschaftlichen Welt. Als Nobile den Plan der Nordpolexpedition faßte, lud die italienische Regierung den jungen Aldo Pontremoli ein, an dieser Expedition teilzunehmen und erd magnetische Forschungen, die der hauptsächliche wissenschaftliche Zweck der Italia-Expedition waren, anzustellen. PaUsttaa-lUeratnr Der bekannte deutsche Forscher, Professor D a 1 m a n , hat seinen zahlreichen verdienstvollen Arbeiten über Palästina eine neue hinzugefügt, die ungewöhnliches Interesse verdient. Handelt es sich doch 11m nicht mehr und nicht weniger als den Nachweis der Stetigkeit von Natur und Leben in Palästina im Verlauf von mehr als sweitausend Jahren, also im besten Sinne eine Bröcko aus jüdischer Vergangenheit in jüdische Gegenwart (obwohl Dalman nicht gerade dies beabsichtigt hat). Der Rhythmus der Jahreszeiten, Geographie, Vegetation und Tierwelt, bestimmen den Charakter Palästinas. Und so wie es dem Forscher gelingt, durch Erforschung der heutigen Verhältnisse Erklärungen für viele Einzelheiten der alten Literatur zu finden, so kann auch umgekehrt aus den alten Schriften so mancher praktische Hinweis für das Leben im Lande geschöpft werden, der noch heute hilfreich ist. Dalmans Werk, das groß angelegt ist und von dem bisher nur die erste Hälfte des ersten Bandes vorliegt, führt den Titel ״Arbeit und Sitte in Palästina" (Band I, Jahres- und Tageslauf. 1. Hälfte: Herbst und Winter. Mit 3ד Abbildungen. Schriften des deutschen Palästina-Instituts III, I. Verlag C. Bertelsmann in Güterloh, 1ga8, geh. 15 M.) Das Buch versteht in anschaulicher Weise zu zeigen, worin das jüdische Altertum mit seinen Sitten und Bräuchen, Tagen der Arbeit und des Feiern«, der Gegenwart Palästinas nabesteht und worin es abweicht. Es ist also ein ungemein wichtiger Beitrag zur palästinensischen Volkskunde, aus dem wir Zionisten viel Bereicherung schöpfen können. In Velhagen & Klasings Volksbüchern (Bielefeld) ist als Nr. 165 ein Band ״Palästina" erschienen, von Fritz Hoppe, Superintendent (mit 75 Abbildungen und 4 Tafeln, 4 M.). Der Verfasser schildert seine Palästinareise, bei der ihn hauptsächlich christlichhistorisches Interesse führt, wobei er aber auch für die Erscheinungen des modernen Palästina nicht blind ist. Er kommt auch auf den Zionismus zu sprechen und gibt zunächst eine richtige Dar- Stellung der Tatsachen, plötzlich aber bricht folgendes durch: ״Der Zionismus der Gegenwart. .. alles Beligiöse ist bei ihm ausgeschieden. Er will ausgesprochenermaßen nur Politik, Nationalpolitik. Und diese Politik ist genau noch derselbe Zionismus, den einst Judas der Galiläer und Kaiphas und Hannas hatten und um dessentwillen sie Jesum ans Kreuz geschlagen haben: Gründung einer unabhängigen Judenherrschaft in Palästina, um von dort aus die anderen Völker zu beherrschen." Der Autor, der dies schrieb, ist wahrscheinlich guten Glaubens. Um so erschreckender ist es, hier zu sehen, welche Vor- Stellungen über Zionismus in theologischen Kreisen verbreitet sind. Wir müssen bei Autor und Verlag dagegen pro te s t: c ׳ ־ n , daß derartige irreführende und volksvergiftende Darstellungen 1.11 Rahmen ein« Volksbuches verbreitet werden. Der Verfasser, dessen Buch selbst eine Reihe von schönen Bildern aus dem jüdischen Arbeiterleben zeigt, hätte sich wohl mit Leichtigkeit bessere Informationen über das Wesen des Zionismus verschaffen können. Jldiseher Knlturkongreß in Venedig Venedig, 1. August. (J. T. A.) Einen äußerst eindrucks■ vollen Verlauf nahm der Kulturkongreß der italienischen Juden• heit, der bei Anwesenheit der Oberrabbiner fast aller italieni• sehen Gemeinden, der Vertreter des italienischen Gemeinde• verbandes und unter großer Beteiligung aller an der Wiederbelebung der hebräischen Sprache interessierten Kreise stattfand. Auf dem Kongreß wurde eine große Zahl von Referaten ge• halten, die sich mit hebräischer Kindererziehung, neuen Lehrmethoden der hebräischen Sprache, alter und moderner hebräischer Literatur, dem Einfluß, den die zionistische Bewegung auf die Renaissance des Hebräischen ausgeübt hat, beschäftigten. Die Tagung wählte am Schluß ein Präsidium für die hgbräisghe Kuftürfßderation, das,,sieh äis den Haan Dr. Dante Lattes, Dr. Donati und Bachi zusammensetzt. Mit dem Absingen der Hatikwah-Hymne wurde der Kongreß, an dem auch eine große Anzahl von Vertretern zionistischer Jugendgruppen teilgenommen hatte, geschlossen. In Prag erschien soeben der vom Keren Kajemeth herausgegebene Jüdische Almanach auf das Jahr 5689, redigiert von Dr. Friedrich Thieberger und Dr. Felix Weltsch. Das stattliche Jahrbuch enthält neben dem ausführlichen kalendarischen Teil eine große Reihe wertvoller Beiträge aus den Gebieten zionistischer Politik, palästinensischer Arbeit, jüdischen Denkens und jüdischer Literatur. Erwähnt seien hier Aufsätze von Ruppin, Ruthenberg, Rabbiner Ziegler (״Vom jüdischen Pazifismus“), Georg Langer (״Das jüdische Ideal der körperlichen Arbeit und seine Schicksale“), Marta Hoffmann (Chaies), Hugo Bergmann (Worte Cohens), Martin Buber (״Ueber Religionswissenschaft“), Felix Weltsch (״Die Krisis in der jüdischen Religion“), Felix Stößinger (״Ein neuer Monotheismus“), Simon Adler (״Das Jahr 1848 und die Prager Judenstadt“), Max Eisler (״Jüdische Denkmalspflege“), Oskar Baum (״So denkt die Jugend“) und viele andere. Auch die Ausstattung nebst Illustrationen ist zu loben. Jahr zurückkommen. Aber weil ״er“, das heißt der Bräutigam, die Braut liebt und sein Herz an ihres gebunden ist, so wolle er sich wirklich mit ihr verbinden, teures Mütterchen, um ihrer gewiß zu sein wie einer wirklichen Frau. Aber eine öffentliche Trauung, teures Mütterchen, ist doch während der dreißig Trauertag, ja selbst gleich darnach, unmöglich, damit die Leute nicht mit ihm ihren Spott haben. Und warum ängstigt sie sich vor einer Trauung im Verborgenen? ....... Jetzt sind die Slichoth-Tage und er wird sie heiraten sogar in der Morgendämmerung, fast bei Tageslicht. Was ist dabei? Und andererseits muß man heutzutage auch mit den Männern vorsichtig sein. So ein Mann — fährt ein halbes Jahr von hier fort, vielleicht findet er eine Andere, die schöner als sie ist, oder es kommen vielleicht Leute, ihn mit Schmeichelreden abspenstig zu machen. Sieh’, nicht alle Tage trifft sich ein solches Glirck. Und er, eine große Verwandtschaft hat er in seinem Ort, wer weiß, was seine Leute reden werden und wieder reden werden.“ Kurz: ohne Chacham Rachamim wäre Mula Obadjah noch nicht seines Glückes sicher gewesen wie jetzt. Und wohl war ihm. Die Findigkeit Chacham Rachamims stand ihm auch bei, die Münder der Leute nach der Tat zu verstopfen. Denn als alles anfing, hinter Mula Obadjah zu zischeln, kam Chacham Rachamim und riet dem ״Bräutigam“, ein würdiges und schönes ״Psalmen-Lemen“ am dreißigsten Trauertage zu veranstalten und ein Mahl zu richten und alle Chachamim einzuladen, etwa fünfzehn Leute, die in dem Viertel wohnten. Und eine anständige Gabe jedem einzelnen zu geben, und alles Murren würde verstummen. Und so geschah es. An diesem Tage kamen zu ihm die Kabbalisten und Chachamim des Viertels, und wie ein Geburtstag war dieser Tag. Jeder ließ vor ihm ein liebenswürdiges Gesicht strahlen. Und wieviele Wünsche und wieviel Rühmliches sagte man ihm den ganzen Tag! Und als die Nachbarn der Umgebung diese ganze Veranstaltung sahen und alle diese Ehren, schwiegen auch sie und keiner öffnete den Mund zu höhnischer Rede. Und so lehnte sich Mula Obadjah auf seinem Liegestuhl, schluckte ruhig seinen Tee und schaute in den Garten und er war ganz davon überzeugt, daß alles in bester Ordnung sei, wenn auch Luna sich nicht sehen ließ. Von nun an wartete Mula Obadjah mit Ruhe, und er strengte sich nicht weiter an, Luna zu sehen. Jetzt gehörte sie ihm ganz zu eigen. Am Tage war es ihm nicht angenehm, zu gehen und sich bei ihr zu zeigen. Denn was würden die Nachbarn sagen? Und Nachts — wie oft schickte er Ezechiel mit teuren Oeschenken, damit er sie so nebenbei bitte, zu ihm in den Garten in vorgeschrittener Stunde zu kommen. Aber sie ließ sich nur einmal dazu herbei. Und seitdem brachte ihm Ezechiel immer die gleiche Antwort: ״Sie wäre etwas mißgestimmt.“ Schade! Wäre Chacham Rachamim hier, er könnte sie sicherlich aufheitern und aufrichten. Er verstand es, mit ihr zu reden. Aber der hatte seine fünfzehn Napoleons eingesteckt und war als Abgesandter der Chaluka verreist. Luna kam nicht heraus, Luna ließ sich schon den vierten Tag nicht sehen. Doch Mula Obadjah war kein ״Kind“, er verstand seine Triebe zu zähmen. So hielt er an sich und wartete gelassen, bis der Tag käme, jener beglückende Tag, der am Laubhüttenfest kommen würde. Mula Obadjah saß ruhig da, gelassen seinen Gedanken hingegeben. Er wartete auf sein Glück, das nahe war. Und als die Sonne sich senkte und der Minjan der Chachamim und der Alten sich gemächlich im Bethause einfand, kam Ezechiel und forderte ihn zu Mincha und Maariw auf. Er erhob sich langsam und schwer und ohne besondere Lust wie ein Mensch, den man im Schlafe gestört hat, damit er eine Schuld bezahle, die er begleichen muß, nur um seinen guten Namen nicht zu beflecken. Mula Obadjah streckte sich einmal und zweimal und nach einem langen Gähnen hob er faul seinen Fuß und stieg in sein Bethaus hinab. ^Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.