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Jüdische Rundschau · 1928-08-07 · Heft 62 (7.8.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 62 (7.8.1928)
Date
1928-08-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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4 UNTERHALTUNGS-BEILAGE 7.a—״» DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU N«״ - ״ —iimriwiwi'ajB. 1׳ sarn 1 1 Limas ״ ׳״, •.. y!rasa״ «:״■ —__—-j———. Abendländische und jüdische Musik Von Friedei Curth, Düsseldorf. Der Abendländer ist Gestalter — der Jude ist Verkünder. Von hier aus erklärt sich im Wesen die Kluft zwischen Abend-!ander und Juden, von hier aus die Zerrissenheit des Juden, der, ins Abendland hineingeboren, Abendländer sein will und nicht sein kann (siehe Gustav Mahler!). Der Abendländer ist Gestalter — der Jude ist Verkünder: diese Tatsache ist noch nicht der tiefste Grund für die ungeheure Wesensverschiedenheit. Es geht noch einige Schacht tiefer. Bei dem Urbeginn des Menschseins, des Ichseins liest man: der Abendländer ist areligiös — der Jude (auch der ״atheistische“) ist religiös! Religion! Man kann diesen Begriff auch so definieren: Religion ist Glaube, Hingabe, Erleben einer außerhalb des Ich waltenden Kraft, einer als göttlich erkannten Idee — Religion ist Demut. Leben, Geschichte, Gesetz des freien Juden zeugen von dieser göttlichen, starken, niemals feigen Demut. Sein Werk, Muskel- und Geisteswerk, dient der Verkündigung Gottes, mag er es wollen oder nicht, mag er Atheist sein oder Orthodoxer. Die Standard Works des Juden sind Bibel und Talmud, in neuester Zeit die Universität — Zeichen tiefster Religion, tiefster Demut. Typischer Ausdruck abendländischer Geistigkeit sind Luftschiff und Radio (ich habe Goethe nicht übersehen!). Ueberwindung des Raumes, Bezwingung der Natur (Gottes!) durch die Technik. Sogar in der mittelalterlichen mönchischen Askese erkennen wir den Urtrieb des Abendländers, den Willen zur Bezwingung der Natur — daß der Mensch gerade auch nach jüdischen Begriffen als Mensch, im Gegensatz zum Tier, verpflichtet ist, seine Triebe nach ethischen Gesetzen zu lenken, ist etwas anderes als Askese! — In dem Antlitz einer so gerichteten Geistigkeit erkennt man deutlich die Züge der Hybris, des Areligiösen. Wobei ich nicht zu betonen brauche, daß kirchliehe Frömmigkeit nicht dasselbe ist wie Religiosität; wobei ich auch nicht zu betonen brauche, daß es sich hier um Urregungen im Geistig-Menschlichen handelt, nicht um Dinge, die äußere Erscheinung geworden sind, durch vieles Hinzugekommene bedingt. Hybris — Demut; areligiös — religiös; Gestalter — Verkünder; hier tut sich die Kluft auf zwischen Abendland und Israel; hier begreifen wir, warum Europäer und Juden sich niemals verstehen können. Und hieraus werden wir auch erkennen, daß und warum der Jude im abendländischen Kunstschaffen eine Sonderstellung einnehmen muß. ־* Ich sagte, Symptom abendländischer Geistigkeit sind Luftschiff und Radio. Der Sinn alles abendländischen Geistes- Schaffens ist .Technik, von der Matthäuspassion bis zum Unitrsejeboot. Ata, Rabindra.nat||., Tag0Ts״;;sfeer einigen Jahren in Europa weilte, bemängelte er heftig, daß die abendländische Musik so ausschließlich auf das Technische gerichtet sei. Oskar Wilde sagt in seiner Vorrede zum ״Dorian Gray“: ״Der Künstler hat keinerlei ethische Neigungen. Ethische Neigungen beim Künstler sind unverzeihliehe Manieriertheiten“. Das ist zwar Oskar Wilde; aber Oskar Wilde war mindestens so wie jeder andere Vertreter des geistigen Abendlandes! Prof. Max Dessoir sagte einmal in einem Kolleg, Künstler sei% heißt Gestalter sein, nicht auf Ekstase kommt es an. Damit hat er die Essenz der ganzen abendländischen Kunstauffassung, ich möchte sagen Seelenverfassung, herausgeholt. Kunst, also auch Musik, soll nichts sein als Gestaltung. Der Ton, das Material, trägt sein Gesetz in sich, und in dem Auswirkenlassen dieses Gesetzes bis zur höchsten technischen Vollendung liegt dem Abendländer der Sinn des Musikalisch-Künstlerischen. Die abendländische Musik ist immer konstruktiv, auch wenn in romantischen Epochen das Subjektive sich noch so sehr vordrängt. Hier heißt es: Musik ist Musik. In den alten Kirchengesängen kommt es auf die Schönheit und Durcharbeitung der Linien an; bei Palestrina entzückt uns die vollendete Meisterschaft des Kontrapunkts; bei Bach bewundern wir das ungeheuer große Können und bestaunen die fabelhafte Technik seiner Fugen, um so mehr, wenn wir selbst einmal in die Lage kommen, Fugen zu schreiben; bei Mozart, bei Beethoven ist es die Architektur; Wagner zeigt sich dort stark, wo er in geschlossenen Formen komponiert, auch wenn sie sich, wie im Tristan, über einen ganzen Akt erstrecken; seine Schwäche offenbart sich da, wo er dem Drama folgt und nicht mehr rein musikalisch gestaltet. Wenn wir ein neues Werk bcurteilen sollen, dann sehen wir nach der Schönheit der Linie, dem Fortspinnen der (musikalischen) Gedanken, dem formalen Aufbau, der Instrumentation. Der Komponist hat einen Einfall und arbeitet ihn nach rein musikalisch-technischen Prinzipien weiter aus. Tut er das nicht, sondern will er eine literarische Idee in Musik setzen ohne Rücksicht auf musikalische Formgesetze, dann kommt ein für abendländische Begriffe (und die sind hier maßgebend) unvollkommenes Kunstwerk heraus. Selbst zur Zeit des höchsten romantischen Subjektivismus wurde nur das musikalische Kunstwerk als vollwertig angesehen, das, trotz Programm, nach ausschließlieh musikalischen Gesetzen komponiert war (״Till Eulen- Spiegel“ von Rieh. Strauß ist in Rondoform geschrieben). Die jüngste Musik eines Hindemith oder Krenek wendet sich mit voller Absicht von jeder Romantik wieder ab und will, wie ältere Musik, nur noch konstruktiv sein. Für alles ein Beispiel: Nr. 16 der h-moll-Messe von Bach ist ein wunderschöner Chorsatz. Dieser Chor ist aber nicht, wenigstens nicht primär, darum wunderschön, weil in ihm tiefe Religiosität zum Ausdruck kommt, sondern weil er in unerreicht vollendeter Passacaglienform geschrieben ist, der man ebenso gut einen anderen Text unterlegen könnte. Nebenbei ist auch noch die weihevolle, ernste Stimmung da; sie ist aber, wenn man in die Tiefe dringt, dem schaffenden Musiker Bach nur Gelegenheit gewesen, diesen im abendländischen Sinne wundcrvollen Passacagliensatz zu schreiben. Das ist in Europa richtig, weil es abendländisch ist; und der Konstruktivismus in der• neuesten Kunstentwicklung hat vollste Berechtigung, weil seine Wurzeln tief in die abendländische Seele hinuntergreifen. Wenn wir .die ganze Musikentwicklung von Gregor bis Krenek überschauen, dann wird offenbar: Urgrund a'lcs abendländischen Geistesschaffens ist das Areligiöse, die Hybris, letztes Ziel die technische Gestaltung, die B e h e r r - schung der Natur, nicht ihre Verherrlichung! * Das erste Gebot heißt für den Juden: ״Ich bin der Ewige, dein Gott.“ Den Sinn versteht jeder Jude: ״Ich bin der Ewige, dein Gott“ — du sollst mich fürchten, du sollst mich lieben, du sollst mir dienen, du sollsf mich preisen, du sollst meinen Ruhm und meine Herrlichkeit verkünden über die ganze Erde. — Ich fasse es als ein Symptom, daß das abend- Indische Christentum dieses Gebot nicht in seine Satzungen 1auSfgenöminen^af, soMdrft'gWicH' Wt' dem nächstem, rtiit dem Verbot beginnt! Der Abendländer kann nach dem, was oben gesagt ist, dieses Gebot nicht verstehen, da er im Tiefsten areligiös ist. Der Jude hat nicht nur dieses Gebot, er setzt es sogar an die erste Stelle seiner ganzen sittlichen Welt- und Lebenserfassung und offenbart damit die Urgründe seines Wesens. Aus diesem Wesen heraus bestimmen sich seine Lebensäußerungen; aus diesem Wesen heraus ist zu verstehen, daß für den Juden Leben und Dienst an Gott eins ist. Und Gottesdienst, Verkündigung göttlich-menschlichen Ethos’ Ist dem Juden alles geistige Schaffen, von den fünf Büchern bis zum chemischen Institut der neuen Universität in Jerusalern, vom babylonischen Talmud bis zur Symphonie Gustav Mahlers, des Zerrissenen. In der Musik, der aus physiologischen Gründen eindrucksvollsten Aeußerung menschlichen Kunstwillcns, zeigt sich hervorragend die Religiosität, der Verkündigungstrieb als Geburtsstatte der jüdischen Geistesschöpfung. Dem Juden kommt es auf Ekstase an, nicht auf Gestaltung (der Nachsatz, wie bei Dessoir, mit selbstverständlicher Einschränkung gemeint!). Die größten Künstler des jüdischen Altertums waren die Propheten, die ekstatischen Sprecher Gottes. Man lese die Verheißung Jeremias, man lese Ezechiels Worte über die Wiederbelebung Israels, oder bei Hosea Umkehr und Verheißung: ״Kehre zu• rück, Israel, zu dem Ewigen . . das ist unsagbar schön!! Schön, nicht durch die Formung der Sätze, der Strophen, der Abschnitte, sondern schön durch das, was gesagt wird! Schön, nicht durch die Gestaltung, sondern schön durch die Ekstase! Und die Ekstase bestimmt auch die Musikalität des Juden, am deutlichsten in den alten Synagogengesängen und ihrem Vortrag durch die ostjüdischen Kantoren. In diesen alten Melodien ist von Gestaltung im abendländischen Sinne nichts zu merken, und trotzdem rütteln und schlittern sie in uns; und der Sänger, tief versunken in die heilige Inbrunst dieser Gesänge, modifiziert die Tonhöhe, wie es ihm die religiöse Ekstase eingibt. Die Komponisten des ausgehenden jüdischen Mittelalters, wie Mendelssohn, Meyerbeer, Rubinstein, Lewandowski, Moscheies, Bruch, müssen, da sie nach abendländischer Einstellung schaffen, ihre jüdische Erbanlage aber nicht verloren haben, in der Gestaltung schwächer sein als ihre europäischen Kollegen; und sie können nur da ihr Bestes geben, wo sie in einem Text Stütze für ihr ethisches Ausdrucksbedürfnis haben (Bizet: Carmen, Mendelssohn: Oratorien). Der bisher Größte und Jüdischste unter ihnen, Gustav Mahler, der die Auferstehungssymphonie und das Lied von der Erde geschrieben hat, blutet aus klaffender Seelenwunde, die ihm sein innerer Kampf zwischen Europäertum und Judentum, zwischen Gestaltung und Verkündigung geschlagen hat. Und der letzte, Arnold Schönberg, mußte sich aus jüdischer Not einen neuen Stil suchen und fand im Expressionismus die nötige Freiheit von der Gestaltung, um ungehemmt von den Fesseln eines im Endziel auf das Technische gerichteten Kunstwillens seinem Ethos Ausdruck zu geben — was der konstruktiv denkende Abendländer destruktiv nennen muß. Trauriges Bild des Juden, der sich mit der Zwiespältigkeit des jüdischen dunklen Mittelalters, des Golus, abfinden muß. * Die Erkenntnisse vom Wesensunterschied abendländischer und jüdischer Geistigkeit, in unserem Falle Musik, sind geeignet, in der nun beginnenden Neuzeit des Judentums die Wege zu ebnen zu einer freien, bodenständigen, von abendländischer Einstellung vollkommen losgelösten jüdischen Musikentwicklung in Palästina. Die jüdische Musik der Zukunft könnte dann erfüllt sein von dem Verkündergeist, dem Oeiste der Propheten; und sie könnte ein Spiegel sein der Erlösung des jüdischen Künstlers von den Qualen der Goluszerrissenheit; und sie könnte ihre Formgesetze finden in jüdischem Wesen, das frei ist von Hybris und Anbetung der Technik, der Technik des Geistes, das erfüllt ist von Demut und Liebe zu dem, was Gott geschaffen hat. Aber aus Nichts kann der Mensch nichts schaffen; und es wird nötig SeW, äbertdllndische Stilelemente (verbunden mit alter Synagogenmusik) mit nach Palästina zu nehmen. Hierfür gibt es einen Präzedenzfall! Die abendländische Musik ist anders als jede bisher dagewesene andere Musik; begonnen aber hat sie mit dem von den ersten Christen a־us der griechischen Musik übernommenen diatonischen Tongeschlecht und dem von Ambrosius aus der griechischbyzantinischen Kirche in den Westen eingeführten Antiphonien- Gesang. Wir Juden könnten heute, um nicht zu weit in abendländischen Musikgeist zurückzugreifen, das aus der letzten Musikentwicklung sich herausschälende Zwölfstufen- System mit dem, jüdischem Wesen näherliegenden, linearen Stil nach Palästina einführen und dort, in jüdischer Landschaft, in jüdischer Umgebung, getragen und erfüllt von jüdischem Geist das Herübergenommene weiter ausbauen. Unter diesen Bedingungen wird schon in absehbarer Zeit die jüdische Musik in Palästina frei sein von ׳ der Zerrissenheit der• jüdischen Golusmusik, und sie wird gänzlich anders aussehen als die gleichzeitige abendländische Musik. Zu diesem Ziel aber könnten, nein müßten wir neben der Universität, Jehuda Burla: Luna Aus dem Hebräischen übersetzt von Erich Brtuer. Nt&dndt *erbot•■ (5. Fortsetzung.) Die Tür des Bethauses öffnete sich knarrend und kreisehend in ihren Angeln. Die Gestalt eines Alten mit gebeugtem Rücken, dessen Gesicht von einem weißen Bart umrahmt war, erschien. Er verlöschte seine kleine beschmutzte Lampe und setzte sich auf eine der niedrigen Bänke. Er schaute sich um. Nur fünf, sechs Alte waren da, und jeder saß stumm in seinem Winkel. Sie warteten und starrten in die Stille. Gähnen, gedehntes Seufzen oder Schneuzen hallte zuweilen durch die Oede des Raumes. Und noch kein Minjan. Es war Mula Obadjahs Art, sich zu verspäten. Aber der Schammasch Ezechiel, er, der immer und überall zur Stelle war, auch er fehlte noch. Und die Alten saßen da und warteten geduldig auf den Vorbeter und die drei Kabbalisten aus Aleppo. Denn auch sie waren noch nicht gekommen. Und während des Wartens summten sie für sich Psalmen nach einer demütigen Weise, die manchmal zu einem leichten Murren abbrach, weil der Minjan noch nicht beisammen. ׳ Da öffnete sich die Tür und ein Mann aus Aleppo, ein vierschrötiger Handwerker, betrat eilig den Raum. Er beugte sich leicht vor der Lade und rief verwundert: ״Was ist das, hat man noch nicht begonnen? Seid ihr schon zu Ende?“ ״Nein“, antwortete ein Alter, ״man hat noch nicht Slichot gesagt. Der Schammasch Chacham Ezechiel ist noch nicht da. Wer weiß das zu deuten? Er ist noch nicht aufgestanden. Er kam noch nicht!“ ״Hatte ich ihn nicht neben dem Hofe Mula Kandilophs gesehen? Mir scheint.“ ״So, Du sahst ihn? Vielleicht “ ״Du hast Dich geirrt, mein Lieber“, antwortete ein Alter. ״Sicher ist unser Schammasch noch nicht aufgestanden. Wie lange wollen wir noch warten? Wir wollen anderswohin gehen. Chacham Isaak! Auf, komm!“ begann der Alte die anderen anzuspornen und dabei bewegte er sich auf seinem Platze aus Uebereilung und Empörung her und hin. Dann machte er sich daran, bedächtig die Schuhe anzuziehen und erhob sich von seinem Platze. Aber von seinen Gefährten, den Alten, wurde ihm keine Antwort weder durch Wort noch durch Tat. Der Alte, der es so feilig hatte, ging. Aber einen Augenblick später kam er wieder zurück und rief: ״Gott wird Dich schelten, Du Satan!“ und sogleich traten die drei ״Kabbalisten“, die Besucher des Bethauses, ein, alle in weißen Kitteln, und Mula Obadjah vor ihnen. Sie gingen eine Zeitlang leise zwischen den Bänken auf und ab und sprachen Psalmen mit gedämpfter Stimme. Hinter ihnen kam auch Ezechiel, der Schammasch, seinen dicken Stock in der Hand. Er stieg auf eine Bank und zündete eine nicht besonders große Petroleumlampe hinten im Raume an. Ein karges Licht leuchtete da im Bethaus. Und sogleich wandte sich der Schammasch und ging in die Frauenabteilung. Als er zurückkam, traten hinter ihm zwei alte Frauen ein: Bussa Blanka und ihre Bekannte Bussa Saubul. Sie führten ein junges Mädchen an beiden Händen, Luna. Das Antlitz Lunas war bleich wie das Antlitz eines Kranken. Ihre Blicke waren zu Boden gesenkt. Ein eigener Reiz von Scham und Unterwerfung lag in ihrem Gange. Der ganze Minjan stand nahe bei der Tür im Kreis um Mula Obadjah. Der Schammasch ließ das Mädchen zu der Gruppe der Stehenden treten, und sie kam heran, lautlos und ohne Kraft, mit den Schritten einer Mondsüchtigen. Dieser stumme Aufzug glich der Begegnung einer gefangenen, verzauberten Prinzessin, die vor den Zauberer geführt wird, der sie gefangennahm. Mula Obadjah zog aus seiner Tasche einen goldenen Ring und gab ihn einem der Chachamim. Der übergab ihn seinem Genossen zur Prüfung. Jener beschaute ihn und fand, daß er ״eine Peruta*) wert“ sei. Er reichte ihn Mula Obadjah. Der nahm den Ring und steckte ihn Luna an den Finger. Dabei murmelte er, wie unter einer Beklemmung, in der schweren bucharischen Aussprache: ״Siehe, Du bist mir angetraut mit diesem Ring, nach dem Gesetz Moses und Israels.“ ״Zum guten Zeichen!“ drang es gewürgt aus der Versammlung. Die Sache war geendet nach dem Worte ״und er sah, daß es gut war“. Die Frauen zogen sich zurück. Und Ezechiel, der Schammasch, schritt von Bank zu Bank und zündete alle Lampen an, die da hingen. Das Haus füllte sich mit Licht, und man fing an die ״gekürzten“ Slichoth zu sagen. Die trillernde Stimme des Vorbeters Rabbi Jom Tow rollte und schnitt durch den Raum des erleuchteten Bethauses: ״Da ich gedenke auf meinem Lager des Herzens Sünde und seiner Schuld, Will ich aufstehen und gehen zum Hause des Herrn zu seinem Schemel. Und ich spreche, da ich mein Auge erhebe, da ich flehe zu seinem Himmel: Ach fielen wir doch in die Hand des Herrn, denn groß ist sein Erbarmen.“ VII. Das Gesicht Mula Obadjahs zeigte volle Befriedigung. Ei ging lange auf und ab, immer die Veranda entlang, die vor seiner Wohnung war. Es war die Abendstunde, erleuchtet von dem Lichte der untergehenden Sonne, und er war voll Heiter• keit. Sein Gang war ruhig und gelassen, voll sicherer Zuver• sicht und voll Gleichmut über sein Geschick. *) Schaweh P’rutah ״wert eine Peruta“. Eine Heirat hat nur Gültigkeit, wenn der Frau eine Peruta (eine klein.’ .Winrc) oder ein Gegenstand dieses Wertes übergeben wird. — A. d. Ue.

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