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Jüdische Rundschau · 1928-07-31 · Heft 60 (31.7.1928) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 60 (31.7.1928)
Date
1928-07-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 434 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 00, 31. VH. 1928 dies Lösung, wie ihr sicher selbst bewußt wird, nichts, durchaus nichts Regelhaftes, sondern durchaus den Charakter einer einmaligen, durch besondere Gliickszufälle begünstigten Entwicklung. — Aehnliehe Züge der Einmaligkeit trügt die jüdische Ent- Wicklung dieser Frau. Freigeistige Tochter eines ״orthodoxen Fanatikers“, wie sie ihn nennt, ist sie zuerst ein wenig kindlich stolz auf ihre selbständige Entwicklung, die sic zu eigener Arbeit in der großen Stadt und schließlich auch zur Ehe mit einem Nichtjuden führt. ״Ich dachte, wenn ich einen Christen heiratete, würde ich, da ich doch innerlich längst nicht mehr Jüdin war, völlig frei mich fühlen. Aber ich sollte nicht nur am Tage, da mein Vater starb, sondern noch mehrmals sonst, empfinden, wie grundlegend ich mich getäuscht hatte...Freilich findet Leah Morton nicht den Weg zum Judentum zurück, das sie niemals kannte — und das ihr in der Person des aufgeklärten amerikanischen Rabbiners so auspoliert entgegentritt, daß sie mit Recht findet, cs sähe dem aufgeklärten Christentume ihres Gatten zum Verwechseln ähnlich. Auch die Lösung des Zionisten, die ihr bei einem Freunde geboten wird, wird nicht die ihre. Aber als sie selbst in ihrer Berufsarbeit immer wieder auf das Hindernis ihrer jüdischen Geburt hingewiesen wird, als ihre Kinder schon als ״Kinder eines Christen und einer Jüdin“, wie sie offen die Frage nach ihrer Religionszugehörigkeit beantwortet, bei der Aufnahme in die Schule zurückgewiesen werden, da ... erwacht das Urgefühi in ihr, das lange verstummte. Und sie gesteht sich selbst: ״Ich weiß, ich bin Jüdin. Ich bin vorallemandercn Jüdin.... Im innersten Selbst, dem nimmer wandelbaren, gehöre ich meinem Volke. Mein Leben ist nur ein winziges Atom seiner gewaltigen Geschichte.“ Viel — und wenig. Viel: wenn man die Linie dieses tapferen Frauenlebens befrachtet: furchtloses Eintreten für die angestammte Gemeinschaft (von der sie sich doch lange getrennt hat!) stetes Erinnern an den ״Fels der sie gebar“. Wenig: wenn man an den Ertrag dieses reichen Arbeitslebens für eben diese von ihr zuletzt doch innerlichst anerkannte Gemeinschaft denkt. Zwei Kinder entsprießen der Ehe der Jüdin mit dem Christen. Der Vater zündet ihnen, wie es sein gutes Recht und Tradition in seiner Familie ist, alljährlich den Weihnachtsbaum an. Die Mutter aber (mit einem gewissen Stolz vermerkt sie das) nimmt sie am Versöhnungstage mit in die Synagoge, auf daß die Unkundigen die alten Melodien hören, und schickt sie am Sederabend zu ihrem jüdischen Onkel. Sie selbst ist zu klug, um sich über die Fragwürdigkeit des Resultats zu täuschen. ״Meine Kinder schicken sich an, dem fremden Elemente zu folgen.“ ״Ich will, daß sie froh und stolz an meiner Seite stehen sollen. Ja, wie mein Vater sagte, bei unserm Volke.“ Ob sie dies angestrebte Ziel erreichen wird? Nicht nur der Verfasserin dieses mutigen, und doch zuletzt ratlosen Buches selbst erscheint das fraglich. Zu schwer ist die Aufgabe, die die Mutter ihnen, den Verirrten, auferlegt. Den eigentlichen Schluß des Buches bezeichnet (unter der Maske des neu erwachten Nationalstolzes) eine große Ratlosigkeit. Die gleiche Ratlosigkeit, die Lewisohns letzten Helden schließlich nach Rumänien treibt, zu seinen unterdrückten Stammesgenossen, fort von seiner christlichen Frau. ״Nicht dies ist der Weg....“ Dr. BerthaBadt-Strauß. Franz Werfel, Der Abituriententag. Die Geschichte einer Jugendschuld. Verlag Paul Zsolnay, Wien 1928, M. 3,80. Durch zwei äußere Ereignisse — die Namensgleichheit eines vorgeführten Häftlings mit einem Mitschüler und den Abituriententag seiner Klasse — wird dem Untersuchungsrichter Sebastian seine eigene Jugend lebendig, und in einer aufwühlenden Vision zieht sein Leben an ihm vorüber, alle Verborgenheiten der Seele enthüllend. Seinem eigenen Tun sieht er erst jetzt auf den Orund; Bosheit und Tücke, leichtsinniges Quälen und schließlich Vernichtung eines Mensehen aus Haß gegen dessen gefühlte Ueberlegenheit, Unfähigkeit zur Liebe — das alles findet Sebastian jetzt als Hintergrund seines nach außenhin so anständigen bürgerlichen Lebensweges. Die grausige Not des Menschen zeigt uns der Dichter; die Sünde steht am Anfang. Diese Auseinander- Setzung mit den Problemen der Sünde, der Schuld, des Bösen machten dies Buch zu einem tief jüdischen; seine Dynamik liegt ganz in der ethischen Sphäre. Zu erwähnen Ist aber an dieser Stelle auch, daß Sebastians Opfer, Franz Adler, Jude ist, aus ärmlichem jüdischem Kleinbürgermilieu; er ist def geistige Mensch, der von seinen Kollegen mißbraucht und schließlich in den Abgrund gestoßen wird. Deutlich taucht die eigentümliche Welt des Prager Oymnasiums aus dem Anfang des Jahrhunderts vor uns auf. Werfels Sprache und Musikalität bedarf keines neuen Rühmens. Das Buch ist von hinreißender Kraft in Gestalt und » Rhythmus. M i w a. mit ungeheurem Reichtum. Er wird auch der Alten Gutes tun deinetwegen und den Kindern wird er Gutes tun deinetwegen. Nein, meine Tochter, zögere nicht, denn... wie lange wird sich das bieten? Du mußt zu Deiner Stunde das Glück fassen.“ ״Aber der Herr kennt doch diese Bucharen und ihr Tun. Zum Beispiel Nola di Sargosti. Was hat man mit ihr gemacht, was erzählen sie.. Chacham Rachamim wußte nichts davon, und die Alte erzählte ihm: ״Es war ein Buchare hierher gekommen und nahm das Mädchen ,dorthin‘ für seinen Sohn. Und als sie nach Buchara kam, verwarf sie den Bräutigam, weil er widerlieh und häßlich war. Sie konnte nicht. Sie ging zum Raw, den sie dort hatten. Der Raw sah sie und redete ihr gut zu, ihn zu heiraten, ihn den Raw selbst. Und er war fünfzig, oder sechzig. Dieser törichte Greis wollte sie zu seiner ,Ersten‘ liinzunehmen. So sind diese Bucharen. Sie halten es für erlaubt, noch eine Frau zu nehmen, genau als nehme man noch eine Magd.“ Chacham Rachamim versicherte, daß sic nie ohne Zustimmung der ״Ersten“ so handeln. Und wenn sie die Zustimmung erhielten, dann wäre das doch etwas anderes. ״Nun also!'‘ und er wechselte Tonfall und Stil und sprach, als kämen seine Worte aus dem Herzen, ״lassen wir das und sprechen wir über unsere Sache. E r ist ein ganz anderer. Der für Dich Bestimmte ist reich und aus guter Familie. Man liest es ihm vom Gesicht ab. Seine angenehmen Züge sind gar nicht die eines Bucharen. Auch alt ist er nicht. Die paar grauen Haare — vor lauter Wohlsein kommen sie. Und er kleidet sich ״ä la Franca“, einen schönen Hut auf dem Kopf, ein vollkommener ,Signor‘. Da gibt es nichts zu deuteln.“ Luna stand lange in Gedanken versunken. Chacham Rachamim nutzte dieses Schweigen, um noch einmal der Alten alles in reinem Spaniolisch und mit ״eieganten" Worten darzulegen. Er hatte dabei die Absicht, Luna durch solche Sprache zu überzeugen, da er wohl wußte, was das Herz eines jungen Mädchens bewegt. Franz von Baader Von Dr. Wilhelm Stein. (Zum Buche von David Baumgardt ״Franz von Baader und die philosophische Romantik“, Halle 1927, Verlag Max Niemeyer.) Auf vielen Wegen versucht die Gegenwart, sich dem Sinn dessen zu nähern, was sich unter dem Namen ״Romantik“ birgt. Doch darüber besteht kein Zweifel mehr, daß die romantische Weltstimmung den entscheidenden Anhub des europäischen Menschen bedeutet. Aus dem gestaltbefangenen Ich des Rationalismus und Klassizismus bricht die Sehnsucht nach dem Unendlichen, bricht der Drang nach außerindividueller Zielsetzung, die zugleich auch Verankerung ist: Hinauswaehsen über das bloß Menschliche der Begrenzung und Maß suchenden Humanität, Erfühlen der ״schlechthinigen Abhängigkeit“ vom Absoluten; mag es dann als Geschichte, als Volkstum, als Gemeinschaft, als Religion ein Gleichnis des Unvergänglichen suchen. Da nun unsere Zeit der Ganzheit zustrebt und diese Ganzheit nicht mehr durch mechanisierendes und atomisierendes Denken allein, sondern durch intuitive, alogische Wesensschau erfassen zu können glaubt, begrüßen wir jeden Versuch, uns Menschen und Ideen der Romantik zu erschließen. Baumgardts Arbeit aber ist bei weitem mehr als ein Versuch. Sie geleitet uns in die Welt einer Persönlichkeit, die dies nicht im Sinne eines wohlgeordneten, übersichtlichen Kosmos, wohl aber eines unfaßbar reichen, letzten Endes immer auf das Grunderlebnis bezogenen Universums ist. Vor ein paar Jahren hat der Wiener Soziologe Othmar Spann, dessen enge politische Beziehung zu den Hakenkreuzlern nicht über seine soziologische Leistung hinwegtäuschen darf, den fast schon ganz vergessenen Adam Müller, den wir bisnun meist nur aus der Literaturgeschichte als den Freund Heinrichs von Kleist kannten, wieder entdeckt, aber nicht um ihn nur als antiquarisches Kuriosum auszustellen, sondern um ihn zum Ausgangspunkt seiner Auffassung von der Gesellschaft als einer Ganzheit gegenüber der bloß atomisierenden Soziologie zu machen. Baumgardt erwartet von Baader keineswegs in ähnlicher Weise einen Ausweg aus den philosophischen und darum eigentlich weltanschaulichen Nöten unserer Zeit. Er lehnt ״die allzu befangenen Versuche von Baaders kleinen Schule, ihn als Ueberwinder Hegels oder Schellings und als den alleinigen Bahnbrecher einer tieferen Philosophie der Zukunft zu feiern“ ab. Wie er ja auch die Grenzen und Abhängigkeiten der Baaderschen Lehren unumwunden und mit Aufbietung scharfsinniger Einzeluntersuchungen zugibt. Um so williger aber betont er Baaders befeuernden Impuls ״auf dem entscheidenden und schwersten philosophischen pang, den auch wir heute wieder zu gehen haben, auf dem Weg zu einem neuen ״Mythos“, zu einer ״neuen Sinndeutung des ewig neu deutbaren Daseins“ und rühmt mit vollem Recht ״die tiefe Kraft, mit der sein Denken gegen jede Lebensverdüsterung kämpfte, die Stärke seiner Auffassung des Leidens und des Schmerzes, die Größe seines oft dionysisch gelebten Christentums, die ganze Reinheit und die Energie seiner tiefen Ucber- Zeugungen und den mächtigen Reichtum an bewegtester seelischer Erfahrung, der sich hier aussprach“. Verhältnismäßig am besten bekannt ist heute Baaders ״Sozietätsphilosophie“, worunter er allgemeine Gesellschafts- und Staats-, wie auch Rechts- und Wirtschaftslehre, ja sogar Geschichtsphilosophie und vielleicht auch Ethik versteht. Darum haben sich vor allem die Schüler Spanns bemüht, obwohl ihre allzu subjektiven Folgerungen reaktionären Strömungen der Gegenwart — Spann ist das geistige Haupt der Wiener Hakenkreuzier — dienen sollen. Baader hat Burke, Novalis, Adam Müller und Görres den flachen mechanisierenden Lehren der Aufklärung und dem G'eichheit voraussetzenden Parlamentarismus seine ״organologische“ Grundeinstellung des christlich-germanischen Gemeinschaftsideals gegenübergestellt. Von besonderem Interesse sind Baaders sozialistische Ideen, wie etwa seine erbitterten Angriffe auf die Kapitalisten und den Kapitalismus seiner Zeit und sein tiefes Verständnis für die unwürdige Unterdrückung der Arbeiterklasse; unfruchtbares Theoretisieren! aber bedeutet es, wenn Baader dem Klerus die Advokatie, d. h. die Vertretung des Proletariats übertragen möchte. Originell ist allenfalls seine Auffassung, daß er als Ideal des natürlichen Menschen, wie er unmittelbar aus der Hand des Schöpfers gekommen sei, den androgynen Menschen erklärt, Sophia, die himmlische Menschheit, die sich durch Abfall und Zerteilung erst in Mann und Weib verbildet und entstellt hat aber durch die Religion gewordene Liebe wieder zu gebären ist. Er sieht als Wesentlichstes der Kabbala ihre Lehre über das Verhalten der androgynen Zeugung zur Zeugung durch zwei geteilte Geschlechter. Baader bildet Gedanken einer Grenz- Verwischung zwischen Mann und Weib weiter, die in der ״Penthesilea“ dichterische Gestaltung erfahren haben, um in der Forderung der Frauenemanzipation zu gipfeln. Ganz ungewöhnlich wertvoll aber Ist Baumgardts Bemühung, Baaaers Verdienst um das neuerwachende Interesse für die Kabbala und das Judentum überhaupt klarzulegen. Zwar waren seine Kenntnisse des Hebräischen und Aramäischen gering, denn es finden sich in seinen Schriften recht unangenehme Mißverständnisse und Verstöße. Wahrscheinlich aber ist er Mitanreger der ausführlichen Darstellung der jüdischen Mystik des Frankfurter Theosophen Joseph Molttor aus dem Jahre 1827. die neben den Schriften Franks und Joels erste Kunde von der jüdischen Mystik verbreiteten. Im Gegensatz zu Fichte und Schopenhauer, aber auch zu Hegel und Schleiermacher, betrachtet er das Judentum nicht nur als dunklen Hintergrund des Christentums sondern erkennt die Bedeutung der jüdischen Religion, den Geist des Hebräischen und vor allem die elementare Selbsterhaltungskraft des jüdischen Volkes an. Drei Stufen steigt das Judentum empor; aus der Religion der Natur in die des Geistes und schließlich in die Gottes. Es ist für ihn nicht nur wie für Bonald der Träger der ältesten Traditionen der Menschheit, sondern ״gleich wie Christus der allgemeine Mensch“ ist, so ist ״in Betreff der innern oder geistigen Geschichte des Menschen Israel das kontrahierte Bild der gesamten Menschheit, so wie das expandierte jedes Einzelnen, weswegen jede Philosophie der Geschichte .,. ohne das Verständnis des jüdischen Volkes ... ihren Zweck verfehlt.“ Denn nicht nur das Seelenheil, sondern auch die Wissenschaft kommt von den Juden. Man müßte einmal die Geschichte der deutschen Juden im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts durchforschen, um zu sehen, ob nicht so kraftvolle Hinweise auf die weltkulturelle Bedeutung des Judentums auch Impulse waren zum Neuerwachen des jüdisehen Interesses an der eigenen Vergangenheit, wie es sich etwa im Berliner Literaturverein äußert; nicht allein im allgemeinen Zug der Romantik zu Volk und Volkstum, sondern wohl auch bei dem Antrieb im einzelnen. Gerade solche Verbindungsfäden zwischen dem deutschen Geistesleben und der jüdischen Gedankenwelt sind wertvolle Bausteine. Das soll aber keineswegs das Ganze von Baumgardts Leistung vergessen lassen, gleich entsagungsvoll im Aufspüren des versprengten Details, wie treffend in beziehungsTeicher Deutung und endlich auch großzügig in glücklicher Synthese. Oie Krisis der Religion Die ״Süddeutschen Monatshefte“ (München) haben ihr Juniheft als Sonderheft dem Problem ״Krisis der Religion?“ gewidmet. Das reichhaltige Heft enthält Beiträge von Theologen und Philosophen aller Konfessionen. Die Krisis im Katholizismus, im Protestantismus, in der katholischen und evangelischen Jugend wird von verschiedenen Autoren ererörtert, an weiteren Beiträgen nennen wir einen Aufsatz ״Der religiöse Sinn der heutigen Philosophie“ von Dr. Theodor Odenwald, eine Glosse über religiöse Krisis und Literatur von Hermann Bahr, sowie mehrere Aufsätze über Religion und Kirchen- Politik in England und Amerika. Das Judentum ist vertreten durch einen Aufsatz von Dr. Felix Weltsch: ״Die Krisis der Religion im Judentum“. Die Gesamtheit des religiösen Lebens wird, so führt der Verfasser aus, aus drei Quellen gespeist: dem Erlebnis, dem Glauben und der Form. Alle drei Quellen sind für das Judentum in den letzten 130 Jahren wenig ergiebig gewesen. Das Zeitalter der Emanzipation hat hier destruktiv gewirkt. Am Schlüsse der äußerst bemerkenswerten Abhandlung wird die Prognose für die Zukunft erörtert. In der Frage des religiösen Erlebnisses ist es am schwersten, etwas vorherzusagen, da das religiöse Erlebnis wie eine große Explosion auftritt. Das Reich des Glaubens ist wohl bearbeitet worden, aber das ganze bleibt Wissenschaft, wenn nicht Erlebnis und Form hinzutritt. Was aber die Form betrifft, so scheint der Zustand der Judenheit in Europa fast hoffnungslos, denn das Entstehen religiöser Lebensformen setzt eine lebendige Gemeinschaft voraus, und gerade diese befindet sich in Europa in stetem Abbau. Es gibt freilich eine Hoffnung: der zionistische Aufbau einer jüdischen Gemeinschaft in Paläs t i n a. ״Hier, wo der Versuch gemacht wird, von Grund auf neue Lebensformen zu finden, einen neuen jüdischen Menschen zu schaffen, eine neue soziale Gemeinschaft autzubauen, hier ist die größte Hoffnung, daß auch eine neue religiöse Gemeinschaff, neue religiöse Formen entstehen können, und damit auch die wichtigste Voraussetzung für ein neues Erlebnis und für einen lebendigen Glauben.... In Europa befindet sich die jüdische Religion in einer Krisis des Niedergangs, in Palästina aber in einer Krisis chaotischer Gärung und schöpferischer Möglichkeiten.“ Die Stadtverwaltung von Venedig hat das bekannte Gemälde von Marc Chagall ״Der Rabbiner“ erworben und es dem internationalen Kunstmuseum in Venedig einverleibt. ״Ein Leben wird sie haben! Extra! Nicht jeden Tag gibt es eine solche ,Occasion‘. Ich habe — das ist mir gewiß —- die ,Esperance‘, daß das Mädchen ein glückliches Leben haben wird. Darum habe ich diese Mühen auf mich genommen, daß diese Sache zur Tat wird, und ihr alle ihretwegen glücklieh werdet.“ Die Alte hörte zu, und kopfschüttelnd sprach sie laut zu sich selbst: ״Vielleicht kam die glückliche Stunde. Der barmherzige Vater weiß es.“ Dann wandte sie sich zu Luna: ״Nachts, die ganze Nacht habe ich von Deinem Vater geträumt. Ich wollte es Dir nicht erzählen. Ich weiß nicht, ich erinnere mich nicht, was der Geliebte mir sagte. Vielleicht kam der rechte Augenblick. Nicht umsonst habe ich ihn im Traum gesehen. Manchmal da sehe ich ihn, wie er den Kopf über Dich schüttelt.. Nach einer Pause wandte sich Chacham Rachamim leise an Luna: ״Und was hast Du uns zu sagen, Luna?“ Mit schwacher und verhaltener Stimme antwortete sie: ״Ich weiß nicht. Mein Herz ist bedrückt. Er kennt uns gut. Auf Gott will ich meine Hoffnung setzen und auf ihn.. ״Ah, zum guten Zeichen, zum guten Zeichen!“ sagte Chacham Rachamim, klatschte laut Beifall und rieb sich die Hände, ״bringe uns Süßigkeiten, Liebe!“ Und sogleich holte er aus der Brusttasche seinen Lederbeutel und zählt der Alten fünf Napoleons d'or in die Hand: ״So wurde mir aufgetragen“, sagte er mit einer Verbeugung und untertänigem Lächeln, ״so befahl er mir. Im Augenblick, wo die Sache von Eurer Seite wohl beschlossen ist, gibt er das für die Braut, damit sie sich ein Kleid nähe und alles rüste, was sie nötig hat. Hehehe!“ VI. Es war zu Ende des Monats ״Barmherzigkeit“ in der Morgendämmerung. Im Bethause Mula Obadjah Ataljophs flackerten die ״ewigen Lampen“ von der heiligen Lade, und schwaches, verlöschendes Licht blinkte durch die Fenster wie durch Nebel. Draußen stand das schartige, krumme Antlitz des Mondes am Himmel. Widerwillig schaute er auf die verstreuten Wohnungen und die Peripherie der Stadt, auf die Felder und Höhen, die im Nebeldunst lagen, der den Horizont verdeckte. Das Gewühl des Erwachens drang aus den Häusern, die von hohen Zäunen eingehegt waren, hinter denen hohe Bäume wie Wächter standen. Alte Bucharen und Kabbalisten aus Aleppo traten heraus, in weiße Kittel gehüllt, wie geheimnisvolle Schatten, die aus verborgenen Lichtem hervortreten. Langsam und mit heiliger Gelassenheit gingen sie, als wären sie ihren mystischen Uebungen auch im Gehen hingegeben. Manchmal trafen sie auf ein Paar mit verschlungenen Armen, Bursche und Mädchen — ״Zionist und Zionistin“ —-, die ihren Spaziergang lang ausgedehnt hatten und bis zura Morgen sich nicht trennten. Neugierig blickte man einander mit Blicken an, die wegen des Dunkels der Nacht von Mißtrauen getragen waren, und mit einem Seufzer über ihr geheimes Tun begleiteten die Alten diese Jugend. Und Ruf auf Ruf erschallte und verhallte. Die Bediener der verschiedenen Bethäuser gingen durch das Viertel. Sie klopften hart an die Türen und riefen mit der Stimme, mit der Händler ausrufen: ״Sli-choth!“ Die Bethäuser leuchteten auf. Die Slichoth begannen. Ein leichter Lufthauch nahm manchmal die Stimme der Ver- Sammlung bei gemeinsamem Beten oder Brocken von der Melodie der Chasanim bei d$n Pismonim auf, und sie drangen in den Säumenden, der draußen vorüberging, daß er sich eile, in das Haus des Herrn zu kommen, der richtet über die Lande. Nur im Bethause Mula Obadjahs brannte das Licht noch kärglich. Und auch der ״Minjan“ war noch nicht beisammen. Lange, dunkle Schatten gingen von den Lampen aus, die an Stricken herabhingen, unstete, flüchtige. ](Fortsetzung folgt.)

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