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Jüdische Rundschau · 1928-07-24 · Heft 58 (24.7.1928) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 58 (24.7.1928)
Date
1928-07-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 58, 24. VH. 1928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 42t (Fortsetzung von Seite 418.) worden. Sie haben das Hauptproblem nicht gesehen. Was die Landwirtschaft betrifft, so ist entscheidend nicht die erste, sondern die zweite Generation. Hier haben wir Großes geleistet, aber das kostet viel Geld. Die Wirtschaftlichkeit bei uns muß also mit anderen Augen betrachtet werden als bei Kolonisationsversuchen wie in Indien oder Griechenland, wo man sich um das Wohl der Kinder, um die zweite Generation, gar nicht kümmert. Es muß jedoch ein scharfer Trennungsstrich zwischen den nichtjüdischen Mitgliedern der Sachverständigenkommission und den jüdischen Mitgliedern der Agency-Kommission gemacht werden. Letztere führten einen Kampf mit sich selbst, da sie sich als Gefangene der Experten fühlten. Die Mitglieder der Survey Commission haben die ehrliche Absicht, mitzuarbeiten, stehen uns aber noch als Fremde gegenüber. Vieles haben sie bereits jetzt in London bei der Sitzung gelernt und werden noch viel mehr in Palästina lernen. Die positiven und negativen Momente der Bildung der Agency müssen nochmals abgewogen werden. Diese Juden sind uns noch fremd, aber es ist nicht ihre Ab* sicht, uns fremd zu bleiben. Bei allen schweren Bedenken, die er habe, würde er sich nur schwer zu einer Ablehnung entschließen. Wir müssen also den Bericht rektifizieren. Jene haben die nationalen Gesichtspunkte den wirtschaftlichen subordiniert, wir müssen das Umgekehrte fordern, oder zumindest eine Koordination. Unser Werk darf nicht nur mit dem Rechenstift durchgeführt werden, sondern muß auch mit dem Herzen geschehen. Lfchthelm (Revisionist) erklärt, keine Hoffnung auf eine Verständigung zwischen seiner Gruppe und der Exekutive zu haben. Die Agency-Frage ist nur eine Teilfrage. Sie ist auch keineswegs eine res judicata. Wenn die vom Kongreß gestellten Forderungen nicht durchgesetzt worden sind, so muß das A.-C. die Annullierung des Beschlusses auf Erweiterung der Agency beschließen. Da die Bedingungen des Kongresses unausführbar sind, müssen jetzt die Konsequenzen dieser Politik gezogen werden. Er richtet an die Exekutive eine Reihe von Fragen. Die Exekutive scheint im großen und ganzen mit dem Bericht einverstanden zu sein und schlägt einige kleine Aenderungen vor. Der Bericht sollte einen Aufbaunlan für zehn Jahre geben, hat aber keinen gegeben. Der Xlv! Kongreß hat auch ein dreijähriges Provisorium beschlossen und Nichtänderung von Art. 4 des Mandates. Dies ist ein innerer Widerspruch und auch unausführbar. Ben Gurion (Achduth Awodah) ist zufrieden, daß jetzt endlich die ganze Frage *klar ist. Es gibt darauf auch nur eine Antwort, ein Nein ohne jede Einschränkung. Wir können unsere zionistische Ideologie nicht aufgeben. Wir wollen Genossen nur für unsere zionistische Arbeit, und was zionistische Arbeit ist, das bestimmen wir selbst. Er sage dies nicht als Mitglied der Arbeiterpartei, sondern als Zionist. Als Arbeiter fürchte er sich nicht vor dem konservativen, kapitalistischen Programm. Die Arbeiterschaft hat genug Kräfte und genug Waffen, um den Kampf siegreich zu gestalten. Nur als Zionist muß er unbedingt gegen die Aufzwingung fremden Willens sein. Auch er weiß, was Geld bedeutet. Man kann auch einen Jischuw schaffen, der uns nur Schande bereiten wird. Wir wollen in Palästina ein neues Volk, und das kann mit Geld allein nicht geschaffen werden. Wir waren für die Mitarbeit der Anderen, an unserer Arbeit, aber nicht für unsere Mitarbeit an einer Joint- Arbeit, an einem philanthropischen Werk. Mossinsohn (Palästina) erklärt, daß er, der seit jeher Gegner der Agency gewesen ist, jetzt keineswegs für eine schroffe Ablehnung der Sache ist, wie so zahlreiche frühere Anhänger. Durch die mehrjährige Agency-Politik ist die Organisation in eine solche Lage gekommen, daß jetzt die Ablefinung viel schwerer ist ais früher. Man hat hier so sehr Lord Plumer gelobt. Man darf aber nicht vergessen, daß Plumer wohl für den Augenblick besser gesorgt hat, jedoch Samuel für die Zukunft. Zu Zeiten Plumers ist der Blick für das Nationalheim verloren gegangen. Aber auch unsere Bewegung sorgt jetzt nur für den Augenblick. Er fürchte, daß auch Marshall und Warburg nicht ihre Kreise zu Geldopfern für Palästina bewegen werfen, sondern nur auf Zionisten einwirken werden. In den letzten sieben Jahren ist die zionistische Be• wegung in Amerika erschreckend zurückgegangen, weil wir gefürchtet haben, offen und wahr vom Zionismus zu reden. Wir müssen neue Gegenvorschläge ausarbeiten, aber eine Eintrittstür offenhalten und währenddessen unsere Organisation stärken. Bei Einhaltung der Richtlinien des Kongresses können wir auch jetzt zu einer Erweiterung bereit sein. Schluß der Sitzung ö'/a Uhr. Vierte Sitzung (Sonntag vormittags.) Präsident Motzkin eröffnet die Sitzung um 10 Uhr. Rev. Goldbloom (England) erklärt, daß die Entstehungsgeschichte der Resolutionen der English Zionist Federation be weisen, daß weitere Verhandlungen möglich sind. Mond hätte doch sonst nicht die Präsidentschaft annehmen können. Man solle auf diesen Aenderungen beharren, sonst aber der Sache zustimmen. Nicht wir una nicht unsere Führer sind schuld, sondern die Lage bringt es mit sich, daß wir auf die Mithilfe der Anderen angewiesen sind. Ein großer Teil der Zionisten hat eben ihre Pflichten Palästina gegenüber nicht erfüllt. Rabbi Meier Berlin (Misrachi) erklärt, daß wir auf jeden Fall vor einem geistigen Uganda stehen. Man könne keine zionistische Arbeit ohne Zionismus machen. Die ״Partie“ werde nicht aus Liebe geschlossen. Aber nicht nur die Vertreter Amerikas erklären, daß ohne Agency dort nur schwer Mittel aufgebracht werden können, sondern auch wir wissen dies. Es gibt niemand unter uns, der die negative Seite der Angelegenheit nicht sehen würde, aber wir befinden uns bereits längst in diesem geistigen Uganda und die Zionistische Exekutive glaubt an unsere Kraft nicht mehr als die Nichtzionisten. Die die Agency ablehnen, erklären nicht, was nach ihrem absoluten Nein morgen sein soll. Entweder könnet! wir uns selbst und unsere Führer zu einem absoluten Glauben an unsere eigenen Kräfte aufraffen, oder wir müssen auf alles eingehen. M. Grossman (Revisionist) schildert vorerst die politische Lage in Palästina. Noch nie haben wir solche Erniedrigungen zu spüren gehabt wie jetzt. Unsere eigenen Führer verbreiten den Defaitismus. Er stellt im Namen der Revisionisten den Antrag, die Exekutive aufzufordern, alle schriftlichen und mündlichen Informationen zu unterbreiten, die wesentlich für die Verhandlungen mit Louis Marshall waren, ebenso auch über Marshalls Einwendungen gegen ein dreijähriges Provisorium. Der Bericht als solcher habe nichts Neues gebracht. Er enthalte viel Gutes, aber auch dieses war bekannt. Die Revisionisten sind gegen den Bericht, weil sie überhaupt gegen die Agency sind. Der Bericht bedeute die vollste Verurteilung der Tätigkeit Dr. Weizmanns, auch in seinen politischen Folgerungen, aus der Weizmann die Konsequenzen hätte ziehen müssen. Dr. Weizmann hat ein doppeltes Mißtrauensvotum erhalten von seinen neuen Kompagnons und von seinen alten Mitarbeitern. _ Naiditsch sagt, er sei stets für die Heranziehung neuer Kräfte für den Keren Hajessod gewesen, schon seit 1921, aber gerade Lichtheim und seine Genossen hätten die Durchführung dieses Planes unmöglich gemacht. Die neuen Menschen, die wir gewonnen haben, haben _ wir durch den Keren Hajessod gewonnen, so Leon Blum in Frankreich, Oscar Wassermannn in Deutschland usw. Naiditsch erklärt, daß er daher ein Gegner der Agency war, aber heute hätten wir kein Recht, sie abzulehnen. Seine Unterhaltungen mit Marshall und anderenn hätten ihn überzeugt, daß diese Leute wirklich ernst an diese Arbeit hcrantreten. Vor einigen Jahren hatten sie absolut keinen Glauben an die Möglichkeit des Palästina-Aufbaus. Ihre jetzige Sprache ist eine ganz andere. Dieses Erfolges müssen wir uns bewußt werden. Wir müssen uns für die Erweiterung der Agency gemäß den Kongreßbeschlüssen aussprechen, einen anderen Beschluß würden die jüdischen Massen nicht verstehen. Jacob Flshman (Amerika) meint, die Arbeit in Amerika stehe und falle mit der Agency. Dieser Meinung sind alle amerikanischen Zionisten. Auch die Opposition wagte nicht, vor den jüdischen Massen gegen die Agency aufzutreten. Stephen Wise kam nicht zur A.-C.-Sitzung, weil er nicht gegen die Agency sein konnte. Bei Zustandekommen der Agency haben wir die besten Aussichten, das Budget wirklich aufzubringen. Der Redner geht dann etwas mehr auf die innere zionistische Lage in Amerika ein, und erklärt zum Schluß, daß man gemäß dem Vorschlag der Exekutive ein provisorisches Komitee schaffen müsse, weil eben eine andere Prozedur nicht möglich sei. Wir haben dann Großes zu erwarten. Kaplan (Hitachduth) spricht zuerst über die politische Lage in Palästina. Die administrative Praxis ist dort gegen uns. Der Bericht der Exekutive an den Völkerbund enthalte zwar reiches Tatsachenmaterial, sei aber nicht gemäß den politischen Beschlüssen des Kongresses abgefaßt. Die Hitachduth sei auch jetzt für eine Erweiterung, aber nur um eine chaluzische Alijah, um den nationalen Aufbau zu verstärken. Zur Kontrolle des Aufbauwerkes müssen wir ein starkes Organ haben und nicht nur Geld. Wir können die Frage nicht hinziehen, sondern entweder gemäß den Kongreßbeschlüssen die Sache machen oder, falls nicht möglich, fallen lassen. Ebenso klar wie er für die Agency ist, ebenso ist er gegen den Bericht. Manche Teile des Berichtes sind zwar besser, als er gehofft hat, aber der Grundgedanke ist antizionistisch und steht in klarem Widerspruch mit den Kongreßbeschlüssen. Brodetzky (England) erläutert im einzelnen die von der English Zionist Federation gefaßten Beschlüsse. Ueber die Er- Weiterung der Jewish Agency als solche habe nicht das A.-C. zu entscheiden, darüber liegen bereits Kongreßbeschlüsse vor. Notwendig ist es, volle Klarheit über die Bedingungen zu schaffen, unter welchem sich volle Einigkeit erzielen lasse. Der Bericht müsse nicht als Ganzes angenommen werden. Wir müssen Verbesserungen beschließen und diese der Agency vorlegen. Auch die englischen Zionisten seien von dem Bericht keineswegs befriedigt gewesen. Die Zionisten haben l icht erwarten dürfen, daß Nichtzionisten einen zionistischen Bericht erstatten werden. Wir sollen daher den Bericht verbessern, aber nicht ablehnen. Letzteres würden die jüdischen Massen als Verrat ansehen. Wir sollten auch zufrieden sein, daß die Kommission festgestellt hat, daß unsere bisherige Arbeit eine Basis für den Aufbau Palästinas bildet. Blumenfeld (Deutschland) meint, daß wir jetzt mehr denn je in Palästina so viel vollendete Tatsachen schaffen müßten wie möglich. Dazu zwingen uns manche politische Erscheinungen. Zu Ruppins ausgezeichneter Rede habe er nicht viel hinzuzufügen. Wir übersehen, daß der Bericht in seiner politischen Wirkung von ungeheurer zionistischer Bedeutung ist. Es werden in ihm von den Nichtzionisten Dinge anerkannt, die bisher negiert worden sind. Er kann auch von großer propagandistischer Bedeutung sein, wenn wir diese nicht selbst verkleinern. Was den wirtschaftlichen Teil des Berichtes betrifft, so schließe er sich Ruppins Kritik an, aber der Bericht ist keineswegs ein Ultimatum. Für Nichtzionisten ist er überaus positiv. Die Bereitschaft der Arbeiter, Hunger auf sich zu nehmen, ist zwar Heroismus, bringe aber unser Werk nicht vorwärts. Für eine Bewegung ist es das schlimmste, wenn sie stehenbleibt. Selbstverständlich enthält jeder Weg des Wachsens auch ein Risiko. Auch in den bisher aufgebrachten Mitteln war bereits die Agency vorweggenommen. Wir müssen nicht den Bericht mit Freude aufnehmen, aber die Agency mit Freude schaffen, in Vertrauen auf unsere zionistische Kraft. Wir dürfen jedoch nicht künstlich eine Majorität für diesen Beschluß schaffen. Schluß der Sitzung 2 Uhr. Fünfte Sitzung (Sonntag nachmittags.) Die Redezeit ist auf 10 Minuten beschränkt worden. Dr. Soloweitschik (Radikale): Der Bericht trägt einen doppelten Charakter. Bis zu einigen letzten Abschnitten ist er ein Bericht von Sachverständigen, während in den letzten Ab- Sätzen schon die nichtzionistischen Mitglieder der Agency ihre Meinungen zum Ausdruck bringen. Er frage also, ob auch der zionistische Teil der Agencv, d. h, Dr. Weizmann, zugestimmt hat. Seine zweite Frage ist, ob das vorgeschlagenc provisorische Komitee den Kern der künftigen Agency bildet oder nur zu dem rein technischen Zweck der Schaffung der Agency gebildet werden soll. Im letzteren Falle stehe das Komitee im Wider- Spruch zu den Kongreßbeschlüssen. Er will auch wissen, was mit dem Mandat geschehen wird. Dr. Hindes (Polen) erklärt, daß das allerschlimmste, was geschehen könne, eine weitere Verschleppung der Angelegenheit wäre. Wir haben uns nur zu fragen, ob wir zufolge des Berichtes vorwärtskommen oder nicht. Die Gegner der Agency lassen sich von verschiedenen untereinander disparaten Motiven leiten. Redner behandelt dann im einzelnen diese Motive, die gegen die Agency vorgebracht werden. Es ist absolut falsch, zu behaupten, daß der Bericht den vom Kongreß angenommenen Grundsätzen widerspricht. Die Meinungen des Berichtes werden nicht nur von einem großen Teil der Zionisten, sondern von Teilen des Jischuw geteilt. Unser Grundprinzip ist der Primat der nationalen Bewegung. An diesem darf nicht gerüttelt werden. Ein Jahr der Ruhe hat genügt, um die Losungen des XV. Kongresses für Reorganisation wieder vergessen zu lassen. Die breiten jüdischen Massen sind für die Erweiterung der Agency und solche Aenderungen der Methoden, daß eine größere Alijah möglich wird. Dr. Federbusch (Misrachi): Die Rollen wurden vertauscht. Statt daß die Zionistische Organisation das Programm machen soll und die Apderen die Mittel geben, werden jetzt die Prin* zipien von den Anderen festgelegt, während das Geld auch weiter von uns aufzubringen sein wird. Redner wendet sich gegen den Bericht, der eine Liquidation der chaluzischen Ko- Ionisation bedeutet. Die Agency ist eine Liquidation der Zionistischen Organisation, da diese sich nie dazu hergeben wird, nur eine Fraktion zu bilden. י Dr. Halpern hätte sich gefreut, wenn neben den zahlreichen Gästen auch die vier Mitglieder der Kommission den Verhandlungen beigewohnt hätten. Sie hätten dann die Zionisten kennengelernt, die seit 30 Jahren Palästina bauen. Er glaube, sie hätten sie auch verstanden. Man könne nicht zwei verschiedene Ideologien vereinigen, aber jene haben eben noch keine palästinensische Ideologie. Wenn man die Verhältnisse und Bedingungen kennt, so sei es klar, daß der Bericht mit den Kongreßbeschlüssen gar nicht übereinstimmen konnte. Er müsse erklären, daß er, der seit jeher ein Gegner der Agency arbeiten, als er es je geglaubt hätte. Ueber die verschiedenen Differenzen werde man sich seiner Meinung nach leicht einigen können. Lewite (Polen) bemerkt, daß wir, (Me wir seit 30 Jahren in der zionistischen Bewegung stehen, noch kein vollständiges Aufbauprogramm ausarbeiten konnten, und wie wolle man ein solches von neuen, unerfahrenen Experten verlangen? Man dürfe sich nicht mit den Einzelheiten befassen. Die Diskussion über die einzelnen Fragen geht auch schon seit langem bei uns vor sich, und nicht jetzt ist die Zeit, diese Diskussion fortzusetzen. Auch die Anderen wünschen eine große Alijah, sonst wären sie nicht zur Mitarbeit bereit, aber zuerst müssen die Bedingungen dafür geschaffen werden. Wir können sachliche Aenderungen vornehmen, aber der Erweiterung als solcher müssen wir zustimmen. Rubaschow (Poale Zion) erklärt, der Bericht treffe ins Herz der ganzen zionistischen Bewegung, daher dieser einstimmige Aufschrei der palästinensischen Arbeiterschaft. Auch diese will mit allen Mitteln andere Leute zur Mitarbeit heran׳• ziehen, aber dies dürfe nicht mit der Aufgabe unserer zionisti* sehen Ideale geschehen. Redner erkennt die großen Leistungen Dr. Weizmanns an, der das größte Vertrauen der Arbeiterschaft genossen hat, aber wo es um die heiligsten Güter der Nation geht, müssen Personen geopfert werden. In unserer ganzen bisherigen zionistischen Tätigkeit haben wir uns von zwei Prinzipien leiten lassen, die heilig sind und nicht angetastet werden dürfen: Der Boden muß dem Volke gehören und nur der darf angesiedelt werden, der selbst den Boden bebaut. Diese beiden Prinzipien werden von dem Bericht negiert. Vertragliche Sicherungen sind wertlos, wie es schon so oft auch die Geschichte der palästinensischen Kolonisation gezeigt hat. Die jüdischen Arbeiter werden sich nicht zu Lohnsklaven hergeben. Jetzt muß mit größter Offenheit gehandelt werden. Wer im Innern nicht ganz dafür ist, muß offen und klar dagegen stimmen. Dr. Thon (Westgalizien) wendet sich dagegen, daß man Dr. Weizmann beschuldigt, die Organisation zu zerstören. Er er- 1111111111H1H1111111111M11u1111111111)11111111w11111nH11111111H11Hu11111u11MH111111111111111>1111w1M1111111tH11H111111111u1H111HH1111H111111H1H111111111111u1n111111111i111t11111H1111111n1111H11111Hr11111(11111111111H1n1H1H1H1M1111Hw11111Hmn11H1WBHH1H1M1m1WH«11m1HnM1ki Generaldebatte Vous l’avez vu Vous l'avez vu .. Berenger. Es war, als ob sich alle bewußt an Herzls Ausspruch halten wollten: ״Die Sache, von der ich reden will, ist so groß, daß ich nur einfache Worte gebrauchen kann.“ Tatsächlich hat man wohl noch niemals so wenig Aufmachung erlebt wie auf der gegenwärtigen Tagung des Aktions-Comites. Die Eröffnungsrede Leo Motzkins, die knappen Referate Weizmanns, Sokolows und der anderen Mitglieder der Exekutive gaben den Ton der Einfachheit an. Alle sagten das Notwendigste, gaben gleichsam hur ihre Visitenkarten ab. Und dann setzte am Freitag-Vormittag die große Ausspräche ein. im Mittelpunkt die Frage des Agency-Berichts. Die Debatte wird leidenschaftslos geführt. Die ersten Befür- Wörter hüten sich vor grellen Farben. Aber auch die Bekämpfer sind in Wort und Geste gemäßigt. Kaplansky, wie immer distignuiert-professoral, erinnert an die Abstimmung über das Uganda-Projekt, vergleicht die jetzige Konstellation mit der damaligen und zieht den Schluß, daß die bevorstehende Entscheidung über den Bericht noch wichtiger sei als die damalige Beschlußfassung über Uganda. Er sagt das aber, ohne innere Bewegtheit zu verraten. Er stellt es als Diagnose sachlich fest. Ruhig sind auch seine weiteren Ausführungen. Aber trotz aller Festigkeit in seinen Schlußfolgerungen fühlt man, daß er, jenseits alle» Programme, mit der Möglichkeit des Unterliegens rechnet. Sprinzak, der vor ihm sprach, Grünbäum und Ben Gurion, die nach ihm zu Worte kamen, sind leidenschaftlicher gewesen. Und dann kam als Abschluß des ersten Vormittags die Rede Ussischkins. Man kann von ihr nur sagen, daß sich um sie Legenden ranken werden und daß nach vielen Jahren alle Ueberlebenden, die diese Rede gehört haben, mit Ergriffenheit erzählen werden, sie waren dabei gewesen, als dieser Epilog vierzigjähriger zionistischer Geschichte vorgetragen wurde. Es Kam bei dieser Rede nicht auf den Text an, sondern auf den Sprecher, den Zeitpunkt und den Niggun, in dem sie gesprochen wurde. Und vom Niggun leben wir seit Jahrtausenden. Er ist das realste jüdische Erlebnis, er ist die wichtigste Energiequelle jüdischen Schaffens. In Ussischkins Worten lebte dieser ewige jüdische Niggun, der eine Sublimierung von Jahrtausenden jüdischer Geschichte ist. Und darum standen alle, ob sie nun mit dem Text einverstanden waren oder nicht, unter dem Eindruck der einfachen Worte Ussischkins, der, lebendige Verkörperung des historischen Wunders der jüdischen Wiedergeburt in einem Menschenalter, an die mystischen Kräfte unseres Judeseins rührte. Den Abschluß der Nachmittagsreden bildete der con* monsense, gut jüdisch Ssechel genannt. Er war verkörpeif in Arthur Ruppin, der, tief im Werke wurzelnd,< dessen Mängel und Notwendigkeiten, Möglichkeiten und Zielrichtung kennt. Und aus dieser doppelten Kenntnis heraus, kritisierte er den Bericht vom zionistisch-palästinensischen Standpunkte und billigte die Verbreiterung unserer Grundlage von einem weiten lustorisch-jüdischen. Auch Ruppins Rede war einfach wie alles zutiefst Bedeutsame. Als er schloß, hatte man die Empfindung: Hier ist ein Weg der Lösung, hier ist die Bahn der Verständigung. Am Sonntag waren die Leidenschaften entfesselter. Man hatte das Gefühl, daß so mancher Redner mehr zur Tribüne als zur Sache sprach. Aber auch am Sonntag ragten unter den Reden der Comite-Mitglieder zwei zu bedeutsamer Höhe auf: Brodetzkys kluge und tiefgründige Beleuchtung der Situation und Kurt Blumenfelds in jahrelanger mühseliger Gedanken- und Alltagsarbeit gewonnene Erkenntnis von der Lage und den gebieterischen Notwendigkeiten unseres Werks. Der Sonntag-Vormittag stand im Zeichen dieser Reden. Der Nachmittag brachte kurze Erklärungen, die Gehörtes wiederholten. Eindruck hinterließen Halperns kluge, gemäßigte Worte. Der Höhepunkt waren die Erklärungen der Leitung. Zuerst Sokolows väterlich-liebenswürdige Darlegung, die nur er, Inkarnation des Judentums unserer Tage, in so humorvoller versöhnlicher Weise machen darf. Dann sprach Sacher gedrungen und scharf. Ihm folgte Lipsky gleichfalls mit einer englischen Rede. Lipsky sprach als Amerikaner, der in Kenntnis der Lage der größten Massensiedlung in der Welt zu den gleichen Schlüssen kam wie schon am Vormittag Fishman, der Chefredakteur des New Yorker ״Morning-Journal“. Und dann kam Weizmann. Er gestand, daß er sein Temperament bändige. Er schilderte seinen Leidens- und Arbeitsweg in den abgelaufenen vierzehn Jahren. Er war versöhnlich, über Formulierungen und Parteirichtungen stehend; niemals hat man Weizmann so ergriffen gesehen. Wenn nicht alle Zeichen trügen, haben seine Ausführungen in später Mitternachtsstunde die Angelegenheit entschieden. Auf dem Nachhausewege sah ich in den breiten Avenuen der Tauentzienstraße und des Kurfürstendamm viele Nachzügler der Sonntagsvergnügen, die man mit untrüglichem jüdischem Instinkte als Volksgenossen erkannte. Ich weiß nicht, wovon sich die Leute unterhielten. Sicher nicht darüber, daß im Logensaale der Kleiststr. 10 aft diesem Sonntag ein bedeutsames Kapitel jüdischer Geschichte sich vollzog, das über Sein und Werden unserer Gemeinschaft für Generationen entscheiden wird. Moses W a I d m a n n.

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