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Jüdische Rundschau · 1928-07-24 · Heft 58 (24.7.1928) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 58 (24.7.1928)
Date
1928-07-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 420 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 58, 24. VII. 1928 Schwester seinem Verlangen nicht willfahre. Die Wärterin, endlich ratlos, weckte die Frau des Kranken, die ihrem Manne vorhielt, wie es doch nicht ihm zukomme, mit den Unverbesserliehen sich abzumühen; hoffnungslos sei solche Arbeit aber erst recht zu einer Stunde, in der von Fremden aus dem Schlaf geholt zu werden, eher verbittern als versöhnlich stimmen müsse. Mit diesen Reden erreichte sie, daß der Kranke rm Bett verblieb, ohne daß er aber zu Einsicht oder Beruhigung gekommen wäre. So schickte sie endlich die Schwester fort, nicht zwar um Samuel und David, sondern um den Arzt zu holen, der dem Kranken die Unsinnigkeit Seines Wunsches mehr befehlend als erklärend bekräftigte und hinzufügte, die nahe Heilung wäre verscherzt, wenn jener alte, verderbliche Streit ins Haus gelassen würde. Ueber dem allen war es sonnenhell geworden; der Fiebernde ermattete und nach schmerzlichen Vorwürfen gegen Arzt und Schwester, schmerzlicheren gegen die Frau, durch ihre Schuld sei nun alles verdorben, verschloß er sich in ein erbittertes Schweigen. Noch Tage später kehrte er sich ab, sobald er seiner Frau ansichtig wurde, bis er mit vorschreitender Genesung den Groll samt der Ursache vergaß. Als etliche Wochen später die Frau wie von andern Seltsamkeiten der Fieberzeit auch von dieser ihm erzählte, vermochte er nicht, sich zu erinnern. Er staunte, daß die Krankheit seinen klaren Verstand so hatte verrücken können, und geriet nur für Augenblicke in eine rätselhafte Bewegung, als er hörte, daß Samuel verschieden sei, ohne sich dem Bruder versöhnt zu haben. Presseschau Der Pariser Korrespondent der ״Frankfurter Zeitung“, Friedrich Sie bürg, schreibt im Rahmen eines Feuilletons über das Pariser Gastspiel des Granowski-Theaters: ״In Berlin war Granowskis Theater ein Erlebnis für die Intelligenz, unter denen sich zw eil eil os viele Snobs befanden. Für die Theaterfanatiker, die dem jungen Regisseur seinen beispiellosen Erfolg zutrugen, war es die febendige An- Wendung des geistvollen Lehrbuches, das Tai'roffs Theater war. ln Paris war es ein Volksfest. Nicht als ob Granowski nicht etwa mit dem ersten Schlage auch hier die Gebildeten verzaubert hätte, aber das Publikum, das am ersten Abend den alten Saal des Theaters an der Porte St. Martin in einen jubelnden Orkan hüllte, das die Dialogfetzen sogleich in Sprichworte für den täglichen Gebrauch׳ verwandelte, das die Refrains der Chöre aufnahm und mitsang, — das waren Leute seines Volkes, seiner Masse. Abend für Abend entsendet das Temple-Viertel Tausende von jüdischen Schneidern, Händlern, Kleinbürgern und Frauen in das Theater, dessen Ränge sie füllen. Das vergrabene Erlebnis, ein Volk zu sein, bricht wieder hervor. Die reichen Diamantenhändier der Rue Lafayette, die frackgeschmückten Fremdlinge aus Chicago und New York, die Börsenmänner mit Ordensband, die in den Logen sitzen, — ihnen allen fällt plötzlich der Heimatlaut wieder ein und überstrahlt ihr korrektes Französisch und Englisch. ...» Ich glaube nicht, daß es Granowski nur darauf ankommt, Revolte zu machen, daß er sein Theater ebenso hätte mit Negern machen können. Denn so berechenbar seine Kunst ist, so jüdisch ist sie auch. Sie ist eine ethnographische Offenbarung. Denn was weiß man schließlich von den Ostjuden, in deren Sprache er spielt, deren Musik er ertönen, deren Legenden er aufleuchten läßt! Mit einem Schlage erfühlt man den unerschöpflichen Reichtum eines Volkes, der ein religiöser ist, weil er kein kultureller sein darf. Wie ward uns nicht ums Herz, als der alte Theatersaal zu Paris wackelte! Mit der Kraft einer Stahlfeder schnellte eine uralte Kultur hoch, heute so frisch wie vor zweitausend Jahren, heute so jung wie damals. Denn sie Ist die Kultur einer proletarischen Schicht, ein Schatz, der nicht Raum fand, sich in Städten zu verflachen, sich in Staaten zu verlieren, eine Gesinnung der Dörfer, der kleinen Gemeinden, der Vorstädte, der abgesonderten Quartiere, eine Anmut der Armen, eine Melodie der kleinen Leute, eine Kraft, die täglich in Frage gestellt wird und sich täglich bewährt. Dies alles entfaltete sich zu stark inmitten von Paris, um nicht den Vergleich mit dem alten Frankreich gespenstisch zu beschwören. Wir horchten hinaus in die französische {uninacht, in der die uralten Werke der europäischen Menscheit aus Stein gebaut stehen. Der erhabene Hochmut höchster Vollendung stand hilflos vor der alltäglichen Demut eines alten Volkes, das sich niemals vollendet, das niemals mehr seine Gesetze in Steinbauten, seine Gesinnung in Städten, in Staaten ausdrücken wird und darum niemals alt wird. Gott, der Frankreich schon lange verlassen und schließlich auch die Könige mit sich gezogen hat, fühlt sich bei den Juden des Ostens gut und zu Hause und lächelt zu den Tänzern, Sängern und Akrobaten seines Volkes. Ihre Elastizität ist der Bussa Sambul, die Spötterin, ״ich will ihm doch ein Vergnügen machen und ihm diese ,Dame‘ geben“. ״Ein gutes Zeichen sei das euch, Bussa Sambul,“ antwortete jene der Freundin, ״und nach dem Verdienste dieses Gebotes wird man euch vom Himmel bestellen einen so netten Gefährten wie diesen ,Buben‘.“ Und Bussa Blanka sah sich wieder hinaufsteigen zum ״Beiaammensein“. Sie stieg die hohen Treppen zu Bussa Sambuls Wohnung empor. — Sie stieg und stieg. Langsam stieg sie hinauf und hielt sich mit den Händen an den beiden Geländern. Sie war kurzatmig. Stufe nach Stufe, Stufe nach Stufe, und das Steigen wollte kein Ende nehmen. Der Atem ging kurz. Das Herz arbeitete schwach, es schwindelte ihr im Kopfs. Noch ein Schritt und sie fiele. ״Gesegnet der Kommende! Gesegnet und erleuchtet der Kommende!“ riefen ihre Freundinnen und erhoben sich, sie zu begrüßen. Wer hatte sie in das Zimmer gebracht? Sie wollte antworten, aber kein Atem war in ihrem Mund«, sie erstickte. Man bettete sie auf das Polster. Die Freundinnen legten die Hand auf ihre Wange und flüsterten kopfschüttelnd: ״Die Arme ... seht nur ihr Gesicht ... wie hat sich ihre Farbe verändert. Gelobt sei er, dessen Wille so.“ Bussa Blanka wollte ihren Mund auftun, um ihnen zu ant- Worten, zu reden, anzuordnen wegen der Enkel. Kein Laut kam aus ihrer Kehle. Sie stirbt ... ihre Glieder strecken sich.... Bussa Sambul trat zu ihr mit ihrer kleinen Gestalt. Ihr rundes, dunkles Gesicht und ihre schwarzen Augen waren voll Liebe und Sorge für sie. Sie streichelte ihr Antlitz mit der Hand.... Da öffnete sie die Augen. Ein fahles Licht war im Zimmer und Luna stand bei ihr. Sic streichelte ihr das Gesicht und sprach liebevoll: ״Großmutter, Großmutter, was ist Euch? Hier ist etwas gemischter Wein. Riechet doch den Duft des Weines. Wie fühlt ihr Euch, Großmutter?“ ״Nichts, Liebling, nichts“, sagte die Alte mit leiser und gebrochener Stimme, ״ich träumte nur. Geh’ ruhig schlafen ... keine Furcht.“ Und was würde sein, wenn sie einmal plötzlich ״dabei bliebe“ und das Ende käme? ewige, ruhelose Widerstand gegen das Schicksal, ihr furioser Tanz ist die unzerstörbare Lebenskraft, die zwei Jahrtausende der Verfolgung leicht wie einen Grabstein fortstemmt. Ihre Ironie, ihre Traurigkeit ist die Weisheit derer, die ewig leben wollen.“ (״Niemals mehr“...? Abwarten. — A. d. R. ״J. R.“.) * ■ Zum 60. Geburtstag des verstorbenen Moritz Heimann veröffentlicht Willy Haas, der Herausgeber der ״Literarischen Welt“, in seiner Zeitschrift einen Gedenkaufsatz, worin er Heimann als jüdische Persönlichkeit würdigt. In dem Aufsatz heißt es u. a.r ״Moritz Heimann war immer ein ehrlicher alter Jude, seine Werke sind voll ehrlicher, alter, jüdischer Lebensweisheit, auch wenn er über Jean Paul oder Dostojewski schrieb. Man hat ihn oft mit Nathan dem Weisen verglichen, und dieser Vergleich hat vieles für sich. Er war weise und gut und hilfsbereit und konnte so fein und verschmitzt und kompliziert-diplomatisch helfen wie es nur der Repräsenfant eines sehr alten Volkes kann. Aber ich liebe Nathan den Weisen nicht, und Moritz Heimann war mehr als Nathan der Weise. Von den drei großen Merkmalen der Lebens- Weisheit: Unterscheidung, Vermittlung des Vereinbaren untereinander, harte Trennung des Unvereinbaren voneinander: von diesen drei Merkmalen der Weisheit besitzt Nathan nur die ersten zwei, Unterscheidung und Vermittlung; ich möchte, um genau zu profitieren, als Gegensatz Kierkegaard nennen, der nur das erste und dritte Merkmal besaß, Unterscheidung und harte Trennung. Moritz Heimann besaß alle drei Merkmale, er war größer als Nathan der Weise, gewiß nicht so groß wie Kierkegaard, aber manchmal reicher als dieser.“ Und nach einem Exkurs über die Denkform des Talmud heißt es weiter: . . Moritz Heimann war ganz gewiß ein talmudischer Kopf (ich meine das natürlich nicht in herabsetzendem Sinn), er war sogar ein Kabbalist, sogar ein ganz vertrackter Kabbalist, ich bin nicht weit davon entfernt, zu behaupten, daß er etwas von Hexerei verstand. Aber er war doch kein Dichter. S o hexen konnte er nicht. Er lebte nicht nur äußerlich im Abendland. Er hatte sich dem abendländischen Individualismus verschrieben, dem Individualismus der Renaissance, noch mehr dem deutschen lndividualismus, dem Naturglauben, der organischen Kraft. Er wollte Menschen formen ״nach Gottes Ebenbild“, nicht nach Jehovas Gebot. Er wollte Leben schaffen wie Jean Paul oder Goethe, nicht wie Maimun oder der Hohe Rabbi Löw. Aber er hatte nur die Mittel Maimuns oder des Hohen Rabbi Löw. Er versuchte den geometrischen Menschen, den kultischen Menschen, die kultische Natur, die Architektur der Formeln, auf eine weltliche Art in den organischen Menschen, die organische Natur, in die abendländische organische Formung überzuführen. Nichts ist unmöglicher. Er hätte am Ende, wenn er Glück gehabt hätte, eher noch einen tönernen Golem beieben können, als lebende Natur, unbeschädigt und lebendig, in tote Buchstaben zu verwandeln. Das ist, wie ich glaube, der letzte Grund dieser Paradoxie seines Schaffens...“ (Moritz Heimanns Prosaschriften, in denen er auch häufig zu jüdischen Fragen und zur zionistischen Arbeit Stellung nimmt, sind in fünf Bänden bei S. Fischer Verlag, Berlin, erschienen.) Die archäologischen Fände In Sld-Palästina Im Londoner University College wurde vor kurzem eine Ausstellung der Britischen Archäologischen Schule in Aegypten eröffnet, die die Ergebnisse der Ausgrabungen in Süd-Palästina zeigt. F1 i n d e r s Pet ri c kennzeichnet in einem Briefe an die ״Times“ diese Funde als außerordentlich bedeutungsvoll.• Von dem südlichen Palästina war in der Vorkriegszeit infolge der unruhigen Lage in jenen Gebieten nur sehr wenig bekannt. Erst seit der britischen Besetzung ist hier ein Land zugänglich geworden, das Dutzende von Städten und Siedlungen enthielt, und es ist etwa die Hälfte der alten Ortschäften, die in dem Buch Josua aus dieser Gegend erwähnt werden, bereits festgestellt, wie z. B. Beth-phelet, wo Ueberreste von allen Bauperioden seit Abraham bis zu den Römern vorhanden sind. Die bisher untersuchten Friedhöfe stammen aus der Zeit von 1600 bis 600 v. Chr. Da die Stadt unter Josua eingenommen wurde, der Sitz von Davids Leibwache war und unter Nehemia wieder eingenommen wurde, so spiegelt sich in ihr in ununterbrochener Folge die Geschichte der jüdischen Kultur unter ägyptischen Einflüssen wider. Der Professor für neutestamentliche Theologie am Herder- Institut in Riga, Dr. Lic. Jeremias, wurde als außerordentlicher Professor und Leiter des lnstitutum Judaicum an die Berliner Universität berufen. Um sich von solchen Gedanken loszureißen, setzte sie sich im Bett aufrecht und zündete sich eine Zigarette an. Vorüber gingen die Schlingen des Schlafes, er wich von ihren Augen und sie wußte, daß sie jetzt die Stunden bis zum Morgen zählen müßte. Und da schlug die Uhr erst zwei ״I la Franca“. Grübeleien, Grübeleien über ihr Begräbnis. Sie sah in Gedanken wie im Wachsein, wie Bussa Schräge in das ״Beisammensein“ kam und freudig erzählte, daß sie, gottlob, mit dem Koiel wegen ihres Begräbnisses abgeschlossen hätte — neben den Rabanim, ״dem Stamm des Geschlechtes, ihr Verdienst beschütze uns“. Sie erzählte ganz ruhig, wieviel Mühe es gekostet hatte, zum Ausgleich mit dem Chacham Rabbi Abraham, dem Vorsteher des Friedhofes, zu kommen. Und während des Gespräches zeigte sie ein Stück dünnen, festen, weißen Gewebes, eine Probe von dem Leichengewande, das sie sich von der guten Sorte selbst nähte. Und alle Freundinnen prüften den Stoff durch Anfühlen und sprachen darüber den Segen: ״Nach vielen und reichen Jahren!“ Und Bussa Sambul ließ ihren Rat hören: Sie habe gottlobSschon viel in diesen Dingen gesehen, und ihr Rat sei immer, sich nicht an den Koiel wegen des Begräbnisses und der Leichengewänder zu wenden. Denn jeder von den Chachamim des Koiel habe seine Meinung und sie fordern ״das Feigenblatt von Adam“. Und daher müsse man mit ihrem Padrino reden und mit ihm Übereinkommen. Er erledigt dann alles wohl. So haben viele getan und waren zufrieden. Und plötzlich erfaßte sie ein Zittern am ganzen Körper, als hätte man einen Krug Wasser über sie gegossen. Ihre ganze Haut war Stich an Stich. Sie mußte am Leben bleiben, müßte die Last des Lebens tragen. Und wieviel Kummer und Bitternis ließ sie das Leben fühlen. Waisen großziehen mit leeren Händen und mit Mangel an allem. Herr im Himmel, welche Sünden hatte sie mit diesen verlassenen Waisen zu sühnen? Die Eltern gerieten in die Feuersbrunst und verbrannten bei lebendigem Leibe. Und die Waisen hier — was hatten die gesündigt? Und Luna, diese Luna, diese reine Seele, welche Erklärung gab es für ihr bitteres Los Bttcberschaa Aut rauhem Wege. Jugenderinnerungen eines deutschen Professors. Verlag Alfred Töpelmann, Gießen. Das alte Lebenslied vom Ghettokind, das in der krausen Welt der Talmuddispute und Kabbalamärchen aufwächst, jüdische Tradition hat es zum rastlosen Grübeln erzogen und hat damit ihr eigenes Fundament untergraben. Denn fünfzig von hundert Ghettokindern grübeln sich, einmal daran gewölint, über die Tradition hinaus, sprengen ihren Rahmen, flüchten in die Wissenschaften der fremden Völker, die leichtere und bequemere Forschungsmöglichkeiten bieten. Traditioneli jüdische Wissenschaft in ewiger Angst vor Verfolgungen und vor Verlust des Volkstums erstarrt — mit eingeschränkten Mitteln und beengtem Forschungsgebiet — peitscht mit aller Intensität, die ihr noch innewohnt, im jüdischen Kinde den Wissensdurst auf, den sie schließlich nicht mehr befriedigen kann und dem zuliebe das Kind an der Universität der Fremden sein Judentum vergißt. Das Stück einer Lebensgeschichte — diesmal die eines bekannten Göttinger Orientalisten, Professor Mark Lidzbarski —- aber über das Individuelle hinausgehend, der immer wiederkehrende Typus der Kinder- und Uebergangsjahre des Gelehrten, der vom orthodoxen Judentum herstammt und sich vom orthodoxen Judentum losgerissen hat. Das kleine Stück Selbstbibliographie ist besonders anziehend und interessant durch die sorgfältige Schilderung jüdischen Kinderlebens, jüdis eher Bräuche und Sitten und vor allem durch die eingestreuten Erzählungen aus dem Talmud und aus mittelalterliehen Volksbüchern, kleine verworrene Musterstückchen von einer seltsam herben Phantastik. Klara Blum. Kurt Tucholsky, Mit 5 PS. Ernst Rowohlt Verlag. Berlin im. Unter 5 PS, d. h. Pseudonymen, zu denen auch der richtige Name gezählt wird, schreibt Tucholsky, Peter Panter, ,Theo• bald Tiger, Kaspar Hauser, Ignaz Wrobel seit vielen Jahren In der weltbühne. Die Ernte, eine Auswahl, legt er hier in Buchform vor, ein großer Schatz an Witz, Esprit, Einfällen und zum Teil sogar dichterischem Können. Es wäre verlockend, an Tucholsky die Komposition eines rapid funktionietenden, beweglichen, verzweigten jüdischen Gehirns, das doch zugleich einem warmen Herzen gehorcht, zu studieren, aber es ist nicht zum ״Studieren“ da, sondern zum Vergnflgen, zum Genuß, und zur Aufrüttelung. Denn in diesen kleinen Arbeiten sind nicht nur tiefe psychologische Einsichten, nicht nur feingeschliffene Satire (voran Herr Wendriner, der jüdisch-berlinische Babbitt) und menschlicher Humor, sondern vor allem brennendes soziales Ethos, tiefes Mitleiden alles Elends und Abwehr der Dummheit und Bosheit, die —- durch Krieg, Raffsueht, Gier — neues Elend vorbereitet. Das liebenswerte Buch ist dem Andenken Siegfried Jacobsohns gewidmet, von dessen Geist sein Entstehen behütet war. o— EHwood, Charles A. Das seelische Leben der menschlichen Gesellschaft. Einführung in die psychologische Soziologie. Mit einem Vorwort des Uebersetzers Dr. H. L. Stoltenberg. Karlsruhe 1927. Verlag G. Braun. Dieses, im rührigen Verlag Braun, in der Bibliothek der So- »ologie und Politik, Herausgeber Prof. Dr. G. Salomon, erschienen« Buch ist in der Tat als ein« Einführung in das sozoologische Denken zu betrachten. & behandelt auf relativ kleinem Baum® die wesentlichen Fragen der Soziologie unter besondorer Betonung der die Gruppen angehenden Probleme. Dabei stößt es allerdings nicht immer bis zu der Tiefe vor, die zur ganzen Erfassung der Fragestellung erforderlich wäre. Das Buch ist von einem Fortschrittsglauben erfüllt, der sich an *Gimte anschließt. ״Die‘ Richtung dieses Fortschrittes ist klar,. Er *führt zu immer vollständigerem Einklang aller inneren und Süßeren Kräfte im Leben der Menschheit.“ Dieser Optimismus ist verstandlieh vielleicht gerade aus der Tatsache, daß der Verfasser Amerikaner ist. — Für uns jedenfalls bietet dieses Buch nicht genug Bausteine für einen derartigen optimistischen Fortschrittsglauben. Dennoch aber möchten wir es als geeignete Einführung in das sozoologische Denken, empfehlen, zumal noch immer soziologische Einsichten uns/alkürort»•-׳«ttijnartgeln scheinen. Dr. F. M. Nach dem \V»gzu1; *!״* H|rrn Prof. Fririkel nach Kiel hat Herr Erich T o e׳p LJ *, t rankfaft a. M., seine Stelle in der Leitung der Marburg«• ,^to»eiljchaft der Wissenschaften übernommen. Herr Toeplitz ist Kjms4? des Museuap jüdischer Altertümer und hat bereits mit großem Brfw^e,.yers(;jjie|^e Ausstellungen in Frankfurt a. M. und anderen Orten organisierne Seine Wahl erfolgte auf Grund der bereits zahlreich veröffentlichten und anerkannten Schriften, und obwohl noch jung an Jahren erfreut sich Herr Toeplitz einer großen Anerkennung und Beliebtheit in der jüdischen Kunstwelt. und die schweren Sorgen. Bloß, kein Kleid besaß sie, um sich einmal anders anzuziehen, wie die Mädchen tun. Etwas Geld lag auf Zins ״mit Bewilligung“. Zu kargem Brot für die Kinder reichte das. Den Schmuck aus glücklicheren Tagen, alte wertvolle Stücke, auch die Ohrringe und Halsgehänge, alles hatte sie schon verkauft. Sie bemühte sich, wie sie nur konnte, Luna die Schande der Armut nicht fühlen zu lassen, und sie wie ein heiratsfähiges Mädchen zu kleiden. Ja damals waren noch manchmal Heiratsvermittler gekommen. Als sie aber merkten, daß sie nicht imstande war, auch nur eine kleine Mitgift zu geben, vergaßen sie die Tür ihrer Wohnung, und Luna wurde nicht mehr unter die Mädchen Jerusalems gerechnet. Vergessen, verloren ihr Stern. ״Erbarmen, Herr der Welt, Erbarmen!“ kam es mit einem erstickten Schrei aus dem Munde der Greisin. Und der Schrei fiel in die tiefe Stille, die im Zimmer war. Und welches war die Schuld dieser reinen Seele vor ihrem Vater im Himmel? Wie lange sollte diese Waise noch leiden und ehelos bleiben? Auch sie, der Liebling, batte schon mit den Nerven zu tun vor vielem Grübeln. Die einsame, verstoßene, vergessene Seele sieht sich Hochzeiten an, leidet sie etwa nicht darunter? Tränen verschleierten ihre Augen. Sie sah nicht, daß der Morgen schon heraufstieg. Seufzen, wie Seufzen eines Kindes, zwängte sich aus ihrem Hals. Luna erwachte. ״Was hast du wieder, Großmutter?“ ״Nichts, meine Luna. Im Traum, im Traum.... Sei’s zum Outen!“ V. Kaum hatte sich Luna vom Bette erhoben und angekleidet, eilte sie, zwei Kohlen im Feuerloch anzuzünden, um für die Großmutter und die Kleinen, die auch schon aufgestanden waren, Kaffee zu kochen. Dann ging sie zu ״Jankel, dem Apotheker“. Vielleicht konnte er ihr eine Arznei für die Großmutter geben, damit sie schliefe. Sie hatte gehört, wie die Alte sich die ganze Nacht auf ihrem Bett gedreht und gewendet und keine Ruhf gefunden hatte. (Fortsetzung folgt)

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