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Jüdische Rundschau · 1928-07-24 · Heft 58 (24.7.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 58 (24.7.1928)
Date
1928-07-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE 24. Juli 1928 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Nr. 28 Andr6 Spire Von Dr. Hans Kohn. Am 28. Juli wird Andrfe Spire 60 Jahre alt. In Nancy geboren, in Paris erzogen, Beamter im französischen Ministerium und einer der angesehensten französischen Dichter, der ungeachtet seines Alters auch von der Jugend geschätzt wird, ist dieser Mann außer der französischen kaum einer Sprache mächtig. Dennoch ist er einer der bedeutendsten lebenden jüdischen Dichter. Es gibt heute wohl wenige Dichter, in deren Wirken einem ohne jedes jüdische Thema und ohne jede jüdische Sprache dennoch das Jüdische so nackt und unmittelbar, so warm und lebensvoll entgegentritt wie bei Spire. Das Durchbrechen der jüdischen Eigenart in diesem Mann, dessen ganze Dichtung und Sprache französisch ist, und der kaum anders als intuitiv die meisten Quellen des Judentums erfassen kann, ist eines der Wunder der beharrenden Lebenskraft des jüdischen Geistes, auch in Menschen, die sich scheinbar von den Ursprungsquellen weit entfernt haben. Es sei hier nicht von dem sozialen und politischen Wirken Spires im Interesse des Zionismus ge* sprochen; denn das kann in einem gewissen Sinne eine äußerliehe Handlung sein. Es sei darauf hingewiesen, daß schon unter seinen frühesten Gedichten sich poetnes juifs finden, in denen die ganze seelische Rhythmik und der unvergleichliche Glanz einer mit seltener Meisterschaft beherrschten fremden Sprache nur Verkleidungen der Jahrhunderte alten Aufschreie der jüdisehen Seele sind. In seinem wenig beachteten lyrischen Drama ״Samael“, das unmittelbar nach dem Weltkrieg entstanden ist, bietet er ein Gegenstück zu Richard Beer*Hofmanns ״Jakobs Traum“. Es ist der gleiche Traum, der seit Urzeiten durch das jüdische Volk hindurchgeht, aber während er bei Beer-Hofmann zu einer großen, selbstbewußten und freudig bejahenden Pro* phetie wird, wird er bei Spire zu einem melancholischen, resignierten und doch mutigen Bekenntnis. Vielleicht kann Spire neben Richard Beer-Hofmann heute als der größte jüdische Dichter in einer europäischen Sprache angesehen werden, aber während Richard Beer-Hofmann einsam dasteht, hat Spire eine ganze Schule französisch-jüdischer Dichtung geschaffen, als deren Haupt und Vater er nicht nur den Jahren nach zu gelten hat In seinem Buche ״Quelques Juifs et Demi-Juifs“, das soeben in zwei Bänden bei Bernard Grasset in Paris erschienen ist, und eine sehr erweiterte neue Auflage seines 1913 erschienenen Buches ״Quelques Juifs“ darstellt, schildert er, wie er unter dem Antrieb von Israel Zangwills Erzählung ״Chad gadjah“, die im Jahre 1904 in französischer Uebersetzung in Charles Peguys ״Cahiers de la Quinzaine“ erschienen ist, innerlich so gepackt wurde, daß von da an sein Leben entschieden war. So löst die Begegnung mit einem zufälligen Buche oder Menschen oft die tiefsten Kräfte unserer Seele los. Andrfe Spire zeigt in dem ersten Band dieses Buches an drei Beispielen das Schicksal des Judentums im 19. Jahrhundert und seine verschiedenartige Steltung in der Tragik der doppelten Beziehung zur Urwelt und zur Umwelt, wie unlängst Martin Buber die zwei großen Lebenskreise, in die jeder von uns hineingestellt ist, genannt hat. James Darmesteter, der in seiner Stellung im liberalen ffanzösi* sehen Judentum etwa mit Hermann Cohen zu vergleichen ist, hat vergeblich versucht, eine Vereinigung von Urwelt und Umweit dadurch herbeizuführen, daß er die Urwelt, den aus der Geschichte übernommenen jüdischen Sef|J,enrh|4bj0Us, in der Umwelt, in dem seelischen Leben Fpiucreiclis nach der Revolution, zu finden glaubte. Otto Weiniilger hat die verbannte Urweit der Umwelt geopfert und hat ijimit die Basis sejnes Lebens auf tragische Weise abgeschnitten.#Tsrael Zangwill verstand es, Umwelt und Urwelt dadurch zu versöhnen, daß er der Urwelt den ihr gebührenden beherrschenden Rang eingeifumt hat und so zu einer Synthese gelangt ist, die ihn auch zu feinem wahren Verständnis der Umwelt geführt hat. So gibt Spire in seinem ersten Bande dieses Werkes einen zusammenfassenden Ueberblick über das Judentum des 19. Jahrhunderts in drei charakteristischen Gestalten. Er tut dies mit jener ihm eigentümlichen Klarheit der Gedankenführung und Schönheit der Sprache, die Jchuda Burla: Luna Aus dem Hebräischen übersetzt von Erich Brauer. Nachdruck ▼erboten (3. Fortsetzung.) IV. Am Abend, in der Dunkelheit, kamen die Kinder aus der Schule und sie fanden ״Leere“ im Haus. Luna hatte nichts zubereitet. ״Sie war heute nicht ganz auf dem Posten, die Geliebte“, sagte die Großmutter wie zu Lunas Verteidigung. Die Kinder hörten diese Erklärung nicht zum erstenmal. Manchmal war Luna zwei oder drei Tage müde und mißgestimmt, und dann war das Haus ״leer“. Und auch heute sahen sie, daß Luna zu Häupten der Großmutter stand und mit ihr beschäftigt war. Sie band ihr Tücher um die Arme und preßte damit ihren Oberarm zusammen: Sicher war das wieder die ״Ohnmacht“ der Großmutter, sicher war wieder ein ״schwerer Tag“. Und darum roch es hier auch so nach ״Krankenhaus“. In der Ecke stand auf einem kleinen Brett ein flackerndes Lämpchen, dessen Flamme heruntergeschraubt war. Und nach der Gewohnheit in den Nächten, in denen die Großmutter von Schmerzen geplagt wurde, brachte Luna ein Glas Milch und mit Wasser vermischten Wein, drehte einige Zigaretten und stellte alles auf den kleinen Tisch, der neben dem Bett der Alten stand. Aber bevor sie selbst sich schlafen legte, schärfte sie der Großmutter flehentlich ein: ״Großmutter, wenn du Schmerzen hast, weck' mich auf! Warte nicht bis sie anwachsen. Wenn es dir schwindlig im Kopfe wird, rufe mich gleich!“ ״Gut, gut, meine Tochter, gute Nacht! Und ruhiger Schlaf uns und ganz Israel“, sagte die Alte darauf, obwohl der Schwindelanfall schon begonnen hatte. Der Kopf wurde schon bei Nachtbeginn ״ausgehöhlt“, und Herzklopfen und Pochen die Lektüre des Buches weit über das Oedankliehe hinaus zu einem Oenuß machen. In dem zweiten Band handelt Spire von einigen andern Juden und Halbjuden, und hier verdienen vor allem seine Aufsätze über Henry Frank, Marcel Proust und Ottokar Fischer hervorgehoben zu werden. Kein Buch führt wie dieses in das Verständnis der Stellung der Juden im heutigen Frankreich. Es ist zu bedauern, daß Spires Dichtungen nicht ins Hebräische übersetzt wurden. Viel ginge dabei sicherlich verloren; seine straffe, nervige und von intensivstem Leben und Lebensfreude erfüllte Sprache, seine scharfen und akzentuierten Bilder würden dabei vielleicht nicht so hervortreten. Aber das Eigenartige, das Spire so sehr auszeichnet, die helle, klare, sinnliche Leidenschaft, die den Fünfzigjährigen noch mit der gleichen Kraft singen läßt wie den Zwanzigjährigen, und die dabei doch von höchster Kultur g#mndigt ist, und bei aller Bejahung der Schönheit dieser Welt unverbrüchlich fcsthält an den Tradl« tionen der Geistlichkeit und Gerechtigkeit, die die Grundlagen des Judentums seit jeher gebildet haben und ohne die ein Judentum sich zu denken erst der jüngsten hebräischen und jüdisehen Literatur Vorbehalten war, würde gerade für diese junge hebräische Literatur von großem Wert sein. Spire hat uns das beste übermittelt, was aus einer wahren Synthese zwischen Judentum und westlicher Kultur entspringen kann. Dafür gebührt ihm zu seinem 60. Geburtstag der Dank des jüdischen Volkes. Die Jüdische National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem erhielt soeben von Herrn Jakob Raskin, Tientsin, eine Spende von hervorragendem Werte. Es handelt sich um eine Sammlung sozialistischer Broschüren (880 in deutscher und 200 in russischer Sprache) aus den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Fast sämtliche deutsche und russische sozialistische Führer sind in der Sammlung vertreten. Unter den Broschüren sind zahlreiche Erstdrucke von größter Seltenheit. Die Sammlung enthielt auch 20 Bände der ״Neuen Zeit“, welche die Bibliothek lange gesucht hatte. — Herr Abraham AI m a 1 i a c h übergab der Bibliothek drei Handschriften, hiervon ist eine ein Brief, welchen die Rabbiner von Tunis im Jahre 1863 an die Alliance Israfelite übersandten, in welchem sie die Leiden der Juden von Tunis schildern und um Hilfe bitten. Die beiden anderen Handschriften sind Briefe der aschkenasischen Rabbiner in Hebron, geschrieben 1827. Die Briefe betreffen Entsendung von Boten der Hebroner Gemeinde in die Diaspora. Interessant ist, daß erwähnt wird, daß diese Briefe mit Zustimmung der sephardischen Gemeinde abgeschickt werden. — Herr Charles L. Richards, Vizepräsident der Vereinigung amerikanischer Museen, übersandte seine sämtlichen Werke über die Be- Ziehungen der Kunst zur Industrie und über Kunstgewerbe. — Herr Samuel Guy Inman, Secretary of the Committee on Cooperation in latin-America, übersandte der Bibliothek seine sämtlichen, amerikanische Probleme betreffenden Werke. — Herr Prof. D. Heller, Budapest, übersandte der Bibliothfek eine Sammlung von Werken ungarischer jüdischer Autoren. —- Herr Reinhold Cohn übergab der Bibliothek eine Sammlung von Büchern aus dem Gebiete der Soziologie und Chemie. — Herr Emmanuel Hertz New York, spendete das große fünfbändige Werk von Poli Synopsis Criticorum Scripturae London 1671. — Durch Vermittlung des Herrn Ignacio Bauer, Madrid, wurde die Bibliothek Mitglied der Gesellschaft der spanischen Bibliophilen und erhält deren in 400 Exemplaren erscheinenden Veröffentlichungen. — Herr Joseph Fischer, Kopenhagen, übersandte das Porträt und zwei handgeschriebene Briefe des bekannten dänisch-jüdischen Schriftstellers Aron Goldschmidt. Thesaurus Philosophicus Linguae Hebralcae. Von Jakob Klatzkyis ״Philosophisches Lexikon des Hebräischen Schrifttums”, das im Verlag ״Eschkol“-Beriin veröffentlicht wird, ist soeben der zweite Band (bis Buchstaben M) erschienen. Die zwei letzten Bände folgen in nächster Zeit. Der vierte Band wird als Anhang ein ausführliches Register der deutschen und englischen philosophischen Terminologie mit der hebräisehen Uebersetzung enthalten. an den Schläfen hatten eingesetzt. Und Uebelkeit drückte und stieg hoch bis zum Halse und nahm den Atem. Aber sie lag still und bewegungslos auf ihrem Bett. Sie wußte längst, daß das nur eine Nervenkrankheit war, die sie befallen hatte, seit sie hier in diesem weitabgelegenen Stadtteil wohnte. Die Einsamkeit — wie ein Messer schneidet sie. Aber weil die Wohnung hier so billig war, war sie gezwungen, hier zu wohnen. Früher, als sie in einem Viertel zusammen mit vielen alten Frauen, Töchtern ihrer Stadt, gewohnt hatte, da war auch sie wie die andern Alten und labte sich an der ״Ruhe des heiligen Landes“. Dort Versammelten sich alle Freundinnen am Sonntag und Montag, wo man keine Arbeit im Hause hatte, und verbrachten zusammen die Zeit vom Morgen bis zum Abend. Nach einer bestimmten Reihenfolge versammelten sie sich jede Woche bei einer anderen ״Bulissa“. Mit Sehnsucht dachte die Alte jetzt an diese sorglosen Tage. Jede kam mit einem Strickstrumpf oder mit einem ״frommen Werk“, das sie für ein Krankenhaus, ein Waisenhaus oder das Bethaus irgendeiner ״Kehillah“ arbeitete. Sie ließen sich auf den Polstern im Zimmer nieder, setzten sich die Brillen auf, die an einer um den Kopf gebundenen Schnur befestigt waren, strickten und nähten, tranken Kaffee aus kleinen Tassen und rauchten schlecht gestopfte Zigaretten, die sie sich auf ihren Knien selbst drehten. Dann plauderten sie über die Tagesneuigkeiten oder über Briefe, die sie von ״chusa lares“*) bekommen hatten. Das Haus war voll Tabakrauch und die Luft duftete nach Kaffee, der das Herz so anregt. Und wohl war ihnen in dieser Gesellschaft. Die Greisin glaubte, das sei erst ״gestern“ gewesen, und in Wirklichkeit waren schon zwölf Jahre seitdem verflossen. Bussa Blanka wälzte sich in ihrem Bett vor! einer Seite zur andern, als suchte sie eine Ruhelage für ihre Seele, damit sie eine Fülle von Erinnerungen an jene Tage aufnehmen könnte, die ihr jetzt aus der Vergangenheit schöner und sorgenloser erschienen, als sie gewesen waren. *) huz la’arez ״außerhalb des Landes“, d. h. außer Palästina. — Anm. d. Uebersetzers. Der Auftrag Von Ludwig Strauß. Zu der Judengemeinde eines ländlichen Städtchens zählten zwei Brüder, Samuel und David, die in jungen Jahren das wohlgegründete Geschäft des verstorbenen Vaters in die eigenen, noch unsicheren Hände nehmen mußten. David, der Geschicktere von beiden, doch hochfahrend und eilfertig, ließ seine vermeinte Ucberlegenheit den Aelteren so verspüren, daß der in neidvoller Empörung mehr als einmal Erfolge des Bruders hintertrieb; auch ging Samuel, der eigenen langsamen Natur zuwider, gewagte Unternehmungen ein, um sich nur David ebenbürtig zu erweisen, der doch selber das Maß seines Handelns noch nicht innehatte. In wenigen Jahren richteten die Brüder unter viel Geprahl und Gezänk ihr Erbe zugrunde. Während an aller Einbuße von Vermögen und Ansehen Einer tauben Sinnes einzig dem Andern Schuld gab, wuchs der gegenseitige Haß so an, daß nach Auflösung des gemeinsamen Unternehmens Samuel und David einander mieden und, wenn sie doch sich begegnen mußten, grußlos und wortlos einander vorbeigingen. In der kleinen Gemeinde geriet der Bruderzwist vielen zum Aergernis, das freilich mit den Jahren und nach fruchtlosen Versuchen der Aussöhnung gewohnt und kaum mehr beachtet ward, obschon bei jedem Gottesdienst ein genauer Sinn den Rauch aus Groll hätte wahrnchmen können, der die Luft des allgemeinen Gebetes trübte. Samuel und David wurden alt in ihrer Zerfallenheit, ohne daß sie aufgehört hätten, miteinander zu leben. In Zorn oder uncingcstandenem Bedauern dachte Einer des Andern, sprach innerlich mit ihm und spiegelte sich vor, ihn nun endlich seines Unrechts zu überführen; der Andere war indessen einer Gegenwart ergeben, die ihn umfing, als wäre sein Bruder nicht. Oder es geschah auch, daß zu gleicher Stunde |eder mit dem Bilde des Andern rechtete, und wäre nicht der Raum mit vielen Mauern zwischen ihnen gestanden, jeder hätte in sein Bild vor dem Andern eintreten und das wirkliche Gespräch hätte anhebenl können. Samuel, als ihn die Gebrechlichkeit seines Körpers an das nahe Ende mahnte, begann zu seinen Nächsten wieder von dem Bruder zu sprechen, und er war in seinen schweigsamsten Wünschen einer Versöhnung um so geneigter, je unversöhnlicher er sich in jenen Reden gab. Im letzten Frühjahr, das er erlebte, hielt ihn eine Nacht lang der laute, schweye Wind und die Jagd von Mond und Finsternis vor den Fenstern wach. Die lösende und bindende Gewalt, die draußen das starre Element neuem Leben zubereitete, ihm war sie im Ziehen vieler Schmerzen durch seine Glieder fühlbar, und er wußte, daß bald sein Leib jener wilden Fremde eingemischt würde. Darüber brach sein Sinn auf, er hätte, da der Bruder noch stark und verhärtet war, selber zu ihm hingehen und das Gewesene mit Schweigen löschen mögen, Hand und Blick darbieten und versöhnt sterben. In derselben Nacht genoß David im Schlaf den Frieden, den zu suchen er am Tage sich verbot: er war Knabe und Samuel lehrte ihn neue Spiele, und die Lust dieses Traums schien größer, als je die wache Lust der Kindheit gewesen war. Damals lag im gleichen Städtchen ein jüdischer Kaufmann, der die Brüder kaum mehr als vom Sehen und Hörensagen kannte, an einer fiebrigen Krankheit nieder. Er war dem Tode nahe gewesen und entfernte sich nun von ihm in langsamer Kräftigung. Zu Zeiten redete er in einer gedächtnislosen Entrückung wunderliche Dinge, in denen weder seine Umgebung noch, bei nachträglichem Bericht, er selber sein gesundes Wesen wiedererkanntc. Der Aufruhr der Lüfte um das freiliegende Haus, in dem er wohnte, weckte ihn in jener Nacht lange vor Sonnenaufgang. Er machte Licht, klingelte der Wärterin, die seine Frau in der Pflege ablöste, saß, als sie kam, aufrecht in den Kissen und rief ihr entgegen: ״Schwester, ich habe einen Auftrag.“ Hastig erklärte er ihr, die beiden Brüder, da und dort wohnhaft, sollten sogleich geholt und vor ihn gebracht werden; er müsse sie versöhnen. Auf ihr Erschrecken, ihre Fragen und Einwände erwiderte er nur, das sei eine heilige Sache, die sie nicht verstehe. Sie suchte ihn abzulenken und zu beruhigen, er wurde nur dringlicher, und zitternd vor Ungeduld drohte er, selber aufzustehen und zu den Brüdern zu gehen, wenn die Zuweilen kam auch in ihr ״Beisammensein“ der ״Padrino“**) zu einer der Frauen, um einen Brief vorzulesen, den seine ״Madrina“ erhalten hatte, oder aus irgendeinem andern Grunde. Bussa Blanka wurde richtig eifersüchtig, wenn sie sah, wie stolz die ״Madrina“ war, wenn ihr ״Padrino“ sich zu ihr setzte und ihr liebevoll den Brief vorlas. Und besonders wenn der ״Padrino“ am Vorabend des Neumondes zu seiner ״Madrina“ kam, um ihr die dreizehn Glaubensregeln spaniolisch vorzulesen. Dann tat jene in ihrer Bescheidenheit, als spürte sie gar nicht, daß sie den anderen eine Ehre erwies, daß ihretwegen auch die andern Freundinnen die Worte Gottes hörten, gesprochen von dem Munde eines Chacham. Ihr, Bussa Blanka, ging diese Ehre wahrlich ab. Sie besaß nichts, den Padrino zu bedenken, damit er für sie und ihre Seele sorge. Daher war kein ״Chacham“ an ihre Angelegenheiten gebunden, um sich eigens mit ihr zu beschäftigen. Aber trotzdem war sie unter den Alten geachtet, weil sie von Rabanim abstammte. Und ihre Freundinnen sagten von ihr: ״Wenn Bussa Blanka nicht da ist, wer wird uns Geschichten erzählen?“, oder ״sie, nur sie, versteht spannend zu erzählen“. Und wenn sie einmal nicht zu dem ״Beisammensein“ kam, schickten sie in ihr Haus, sie zu rufen. Und kam sie dann, so empfing sie Bussa Sambul, die Spötterin, mit scherzenden Vorwürfen; ״Warum sie sich so verspätet? Beim ״Leben ihrer Lippe“, will sie etwa ihre Zunge teuer verkaufen?“ Auch mit Kartenspielen vergnügte man sich in der Gesellschaft. Stundenlang saßen sie hockend auf dem Teppich um die runde Kupferplatte herum — eine Dauersitzung — und spielten mit Spielkarten, die vom vielen Gebrauch ganz aufgequollen waren. Und Scherzworte sprühten über die ״Könige“ und ״Königinnen“ und ihre ״Buben“ hinüber und herüber. ״Sieh‘, dein ,Alter‘ ist einsam im Lande zurückgeblieben,“ sagte **) Ein einheimischer Chacham, den eine alte Frau noch za Lebzeiten vom Auslande zu sich ladet, damit er ihr nach ihrem Hinscheiden die letzten Ehren erweise. Als Lohn erbt er dafür ihren Besitz und ihren Hausrat. Diesen Chacham nennt die Alte ״Padrino“ (Vater) und er nennt sie ״Madam“ (Mutter).

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