Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 57 (20.7.1928)
- Date
- 1928-07-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 57, 20. VII. 1928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 413 Die Schlüsselposition Bemerkungen zur Agency-Debatte. Von Gerda Arlosoroff-Goldbcrg, Tel-Awiw. I. Nach Erscheinen des Berichtes der Joint Palestine Survey Commission ist neben der allgemeinen Frage der Agency, über die kaum mehr etwas Neues aus7usagen ist, das Problem der wirtschaftlich-sozialen Form der Aufbauarbeit von neuem in den Mittelpunkt der Debatte getreten. Diese Frage besteht und muß bestehen, solange in Palästina (oder vielleicht auf der ganzen Welt) gegnerische Auffassungen und Kräfte auf sozial-wirtschaftlichem Gebiete einander gegenüberstellen. ־ Wenn heute dieser Fragenkomplex durch das Erscheinen des Berichtes der Survey Commission besonders aktuell wird, so bedeutet das, daß der kontinuierliche Kampf um die soziale Gestaltung des Landes in eine seiner Gipfelnhasen eintritt. Es liegt in der Natur der Sache, daß diese Phase vorübergehend, der Sieg der einen oder anderen Auffassung nur ein ״Zeitsieg“ sein kann, so daß sich bei jeder Krätteveränderung der fragenden Gruppierungen die Einflußsphären von neuem verschieben. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß gerade die gegenwärtige Phase die Geschicke der Aufbauform für eine längere Zeit bestimmen kann, als wir es vorher gewöhnt waren. Es ist aiizunehmen, daß ganz bestimmte, bisher nicht sehr einflußreiche Gruppen innerhalb des Zionismus in ihrer wirtschaftlich-sozialen Einstellung jetzt bedeutend gestärkt werden, weil ihnen die Möglichkeit gegeben wird, sich mit den Kräften zu verbinden, die im Begriffe sind, sich der zionistischen Arbeit zu koordinieren, das heißt, sie mitzubestimmen. Während es im innerzionistischen Lager bisher erst die Anfänge einer ״kapitalistischen“ Wirtschaftsanschauung gab, bekommen wir es jetzt mit Gruppen zu tun, die wirklich Kapital besitzen und darüber hinaus sehr klare, fundierte und empirisch erhärtete kapitalistische Wirtschaftsmethoden. Damit kommt in die zionistische Diskussion und Praxis ein Moment hinein, das wir bisher nur in seinen Anfingen und seiner embryonalen Form kannten. Denn die wenigen in der Bewegung, die mit absoluter Ueberzeugung nur eine kapitalistische Form des Wirtschaftens in Palästina für denkbar hielten, waren in ihrem Kampf durch Tradition und Ideologie schwer gehindert. Die Phase der Verherrlichung der Clialuziuth war ein gewisses Hemmnis für das Eintreten für übliche, das heißt für kapitalistische Wirt- Schaftsmethoden. Dazu kam, daß die revolutionierende Eigenart des Zionismus auch auf sozialem Gebiet ihre Wirkung tat. Der Besuch einer Kwuzah war mehr als eine ״Sensation“. Trotz aller Mängel und aller Gegnerschaft spürten hier viele, sehr viele, den Vorläufer einer neuen sozialen, vielleicht auch menschlichen Epoche. Mit dem Bericht der Palestine Survey Commission schließt bis zu einem gewissen Grade diese Periode ab. Das Rein- Wirtschaftliche wird in seinem Einfluß stärker als es jemals in der Kolonisationsgeschichte in dem halben Jahrhundert ihrer Entwicklung gewesen ist. Die Vertreter der Wirtschaftsinteressen, die neu in die Geschäfte eingreifen, sind in keiner Weise ״gehandicapt“. Die zionistische Traditionslosigkeit dieser Gruppe ist ihr großer Vorzug, weil dadurch ihr Urteil unbefangen ist und ihr großer Nachteil, weil bei ihnen die Gefahr oesteht, die Dinge außerhalb der gewordenen Zusatnmenhänge zu fassen, und daher außerwirtschaftliche, imponderabile Faktoren zu übersehen oder zumindest zu unterschätzen. II. Es wäre kein Nachteil, wenn die Erkenntnis dieser Lage die zionistische Bewegung dazu führen würde, soziale Fragen Und Forderungen gründlicher zu klären als bisher. Nach dem aber, was die ersten Tage nach dem Erscheinen des Kommissionsberichtes in der palästinensischen Presse und in den Beratungen der verschiedenen Gruppen gebracht haben, scheint wenig Hoffnung auf solche Sachlichkeit. Es wiederholt sich in noch krasserer Form, was wir vor und nach dem Kongreß in der Konsolidierungsdebatte erlebt haben. Man diskutiert und entscheidet nach Parteigruppierungen (die zum Teil de facto nicht mehr den Anschauungen entsprechen) und — was noch wichtiger ist — der Angriff wird nicht auf einen wirklich anfechtbaren Zentralpunkt konzentriert, sondern es wird auf der ganzen Front zum Kampf geblasen, Richtiges und Unrichtiges gleicherweise verteidigt und damit das Ziel des Gesamtkampfes in Frage gestellt. Bei einer richtigen Strategie der Arbeiterschaft z. B. hätte man in den letzten zwei Jahren anders und mit besserem Erfolge für die Ziele der Linken arbeiten können. Hätte man sich nicht begnügt mit einer Kritik im Innern, sondern ihre Richtigkeit auch da zugegeben, wo sie von außen kam, und hät|e man der eigenen kritischen Erkenntnis durchgreifende Reformen folgen lassen, so wäre der Arbeiterschaft und damit dem Zionismus vieles erspart geblieben. (Dali diese Kritik im Innern seit Jahren vorhanden war, wurde von den Gegnern der Linken und von anderen Gruppen, zum Beispiel dem ״Linken Zentrum“, meist übersehen.) Von anderen Seiten wurde derselbe Fehler gemacht, indem man wirtschaftliche Mißstände, die durchaus nicht auf die Arbeiterwirtschaft beschränkt waren, nur für diese gelten ließ oder sie als Ausfluß der sozialistischen Gesinnung hinstellte. Es ist zum Beispiel typisch, daß die Mißwirtschaft des gemeinwirtschaftlichen ״Solei Boneh“ viel gründlicher ausgeschlachtet wurde, als die der privatwirt- Bchaftiichen American Zion Commonwealth. Man vergaß in diesen Debatten, daß ein großer Teil der sogenannten Kapitalisten in Palästina ebensowenig zu wirtschaften verstand wie die Sozialisten. Durch diese falschen und unsachlichen Diskussionen der letzten Jahre ist im Zionismus eine Identifizierung von Begriffen entstanden, deren Richtigkeit durchaus nicht bewiesen ist. Die Arbeiter wirtschafteten im vollsten Lichte der Öffentlichkeit, man wertete erst ihre Leistungen propagandistisch aus, dann schlug die Stimmung um, und dieser Teil der Palästinawirtschaft wurde am schärfsten angegriffen. Dadurch entstand so etwas wie die Ueberzeugung, daß alles, was nach Sozialismus aussieht, unwirtschaftlich sein müsse (was durchaus nicht bewiesen ist) und daß man ohne Schwierigkeiten zum Ziele käme, wenn man die üblichen Wirtschaftswege beschritte. Die Arbeiterschaft wiederum faßte jede Kritik ihrer Methoden als einen Angriff auf und gewöhnte sich, unterschiedslos alles, was sie einmal in Palästina unternommen hatte, zu verteidigen. Damit wird zweierlei innerhalb der Bewegung gefährdet: Erstens überhaupt die Möglichkeit einer sachlichen Auseinandersetzung und zweitens eine wirksame Verteidigung von Positionen, die für einen gesunden sozialen Aufbau Palästinas von ausschlaggebender Bedeutung sind. III. Es soll hier das Problem nicht berührt werden, daß für viele und vielleicht für den besten Teil der Bewegung eine sozial gesunde Form des Aufbaus ein integraler Bestandteil zionistischer Ueberzeugung ist. Denn dieses greift tief ins Gebiet der Ideologie und nicht nur der sozialistisehen, sondern der Sinnverwirklichung des Zionismus ein. Aber auch rein wirtschaftlich gesehen, können wir es uns nicht leisten, aus der einen Richtung, wie sie die nationale Kolonisation mit ihren Prinzipien des nationalen Bodens, der Selbstarbeit, der gegenseitigen Hille, der Kooperation symbolisiert, in die gegenteilige Tendenz zu fallen. Es besteht heute die Gefahr, daß man sich im Zionismus das Leben zu leicht macht, indem man argumentiert: Wozu sollen wir mit unseren beschränkten Mitteln und Kräften ״Experimente“ machen? Es gibt auf der Welt erprobte Methoden des Wirtschaftsaufbaus, die wir nur zu befolgen brauchen, um das Nationale Heim zu schaffen. Diese Auffassung ist auch wirtschaftlich ein Trugschluß. Wir haben bereits heute Erfahrungen mit dem ״Spiel der freien Kräfte“ im jüdischen Palästina. Wir wissen, daß die freie Konkurrenz in ihren letzten Konsequenzen den Aufbau g e f ä h r - det wenn nicht unmöglich macht. Es genügt, den Kampf um die jüdische Arbeit in den Kolonien in den letzten zwanzig Jahren zu verfolgen, um klar zu sehen, daß die freie Privatwirtschaft die nationale Position schwächen kann. Die Tatsache, daß durch jüdisches Geld und jüdische Energie arabische Dörfer entwickelt worden sind, ist eines der lehrreichsten Beispiele dafür, daß die überall erprobten Wirtschaftsmethoden doch nicht unbedingt für unsere Zwecke geeignet sind. Mit diesem Beispiel wird auch etwas anderes klar, was in der neu geschaffenen Situation schwer ins Gewicht fällt: Es gibt bestimmte Maßnahmen, die inan gewöhnlich als ״sozialistisch“ bezeichnet und die auch in der Tat zum Sozialismus führen können, die aber in unserer Lage und bei unseren Arbeitsbedingungen eine nationale Importanz ersten Ranges bekommen. Und es ist ein Erfordernis, das man gar nicht genug unterstreichen kann, daß man zwischen solchen Maßnahmen und weniger wichtigen Punkten zu unterscheiden lernt, um auf die wichtigen die ganze Kraft zu konzentrieren. Unter den verschiedenen in der Debatte besprochenen sozialistischen Institutionen bzw. Programmpunkten der Arbeiter kann man heute bereits mit Leichtigkeit solche unterscheiden, die von der ganzen Arbeiterschaft und darüber hinaus von anderen zionistischen Kreisen mit Entschiedenheit gestützt werden und solche, über die man sich selbst in Arbeiter kreisen nicht einig ist. Zu diesen letzteren Streitfragen gehört zum Beispiel die Forderung des ״Nir“, die deshalb seitens der Arbeiter nicht ultimativ aufgestellt werden kann. Dahin gehört in gewisser Beziehung auch die Frage der Selbstarbeit, wobei man jedoch unterscheiden muß, wie dieses Prinzip verstanden wird. Wenn es heißen soll, daß Siedler, die mit Mitteln der Nation kolonisiert werden, selbst arbeiten müssen, so ist diese Forderung richtig und muß absolut verteidigt werden. Wenn sie jedoch besagt, daß dieser selbst arbeitende Siedler unter keinen Umständen bezahlte jüdische Hilfskräfte heranziehen darf, auch wenn er sie entsprechend den Gewerk- Schaftsforderungen entlohnt, so wird sich der Punkt schwer verteidigen lassen, schon weil damit die nationalen Siedlungen in eine schlechtere Lage versetzt werden als die privaten. (Daß die Arbeiterschaft wieder einmal Miene macht, auch gegen die Tendenz anzurennen, daß die Einwanderung entsprechend den wirtschaftlichen Möglichkeiten des Landes reguliert werde, ist ein Schulbeispiel dafür, wie man durch eine Forderung, die sich schwer halten läßt und die gewissermaßen das Symbol der Unwirtschaftlichkeit bedeutet, auch die begründeten Forderungen gefährdet.■! IV. Und nun zu diesen begründeten Forderungen. Sie lassen sich, wenn man die Verhältnisse genau prüft, heute auf eine einzige umgrenzen, die freilich der Schlüssel zu allem anderen ist. Wenn man zum Beispiel die erste Kritik untersucht, die an dem Bericht der Agency nach dem Erscheinen des Kommissionsberichtes im ״Dawa r“ geübt worden ist, so kann man folgende Kritikpunkte feststellen: Das Arbeiterorgan wendet sich: 1. gegen die Regulierung der Einwanderung entsprechend den wirtschaftlichen Möglichkeilen des Landes. 2. gegen den Grundsatz, nichts Neues zu beginnen, ehe die alten Positionen gesichert sind, also das, was man schlagwortmäßig mit Konsolidierung bezeichnet. 3. gegen die Nichtgründung neuer Kwuzoth. 4. gegen die Abschaffung von ״Nir“. 5. gegen die Nichterwähnung hebräischer Kultur. 6. gegen die Nichtgarantie jüdischer Arbeit und 7. gegen die Tendenz, dem privaten Boden vor dem nationalen den Vorzug zu geben. Nach der! bisherigen Darlegungen wird es klar sein, daß die Punkte 1, 2 und 4 nicht als ultimativ angesehen werden können. Der Punkt 5 entfällt von selbst, da das von der Kommission aufgestellte Budget einen ansehnlichen Posten für Schulwesen enthält. So bleibt uns der Punkt der K w u z o t h als strittig, bei dem man durchaus verstehen kann, daß ein großer Teil der Arbeiterschaft ihn als ultimativ empfindet; besonders da es hier um die prinzipielle Frage geht, ob der Siedler beredttigt ist, sich die Form seiner Kolonisation selbst zu wählen. Wir stellen ihn daher als Sonderfall zurück. So bleibt uns schließlich die Bevorzugung des privaten Bodens und die Sicherung der jüdischen Arbeit. Hier sind wir nun an der Schlüsselposition angelangt, um die sich alle Kräfte konzentrieren müssen. Wenn man die Dinge genau prüft, so wird man erkennen, daß eine Garantie jüdischer Arbeit nur gegeben ist, wenn wir die Waffe des nationalen Bodens in der Hand haben. So daß wir mit diesem Punkt in der Verkörperung des K. K. L. auf den Damm stoßen, der uns vor schädlichen nationalen und sozialen Einflössen schützt. Alle anderen Punkte sind entweder strittig und können daher nur bedingt verteidigt werden oder sie sind keiner Gefahr ausgesetzt. (Zum Beispiel alles was mit Gewerkschaft, also der Lohnfrage und der Schaffung einer innerjüdischen Arbeitsgesetzgebung und in einem bestimmten Ausmaße, alles was mit Kooperation zusammenhängt.) Man hat immer erklärt und zum Teil mit Recht, daß der K. K. L. der n 0 p 111 ä rs t e Fonds der Zionistischen Organisation sei. Das stimmt jedoch nur soweit, als es sich um eine Verwurzelung im Bewußtsein der jüdischen Volksmasse handelt. Man muß sich dagegen einmal ansehen, welche Stellung der K. K. L. praktisch in Palästina einnimmt und wie die verschiedenen Gruppen zu ihm stehen. Da wird man feststellen können, daß unbedingt und hundertprozentig nur der Teil der Siedler zu ihm steht, der auf ihn angewiesen ist. Die Fälle, in denen Leute, die nicht auf die Hilfe von Fonds angewiesen waren, Boden vom K. K. L. pachten wollten oder ihm ihren Boden überließen, um ihn dann von ihm zu pachten, sind an Zahl äußerst gering. Und es gibt Kreise, die man nicht unterschätzen darf, die den K. K. L. als ein wirtschaftliches •H i n d e r n i s ansehen. Die in Amerika populäre Ansicht, daß der K. K. L. erst zu brauchen sein wird, wenn man seine Statuten ändert, das heißt ihn seiner ganzen Bedeutung beraubt, kann man auch in Palästina finden. Die Gründe dafür sind in der Hauptsache dreierlei: Der erste liegt in der Politik des N.-F. selbst, der es zum Teil mit verursacht hat, daß im Falle der Not (Bodenspekulation!) der Fonds unfähig war, den vernichtenden Strom aufzuhalten. Der zweite Grund beruht darauf, daß man sich kaum jemals bei uns auf irgendeinem Gebiete an eine weitsichtigere Politik ewöhnt hat und daher oft genug bereit war, die Zukunft für ie Gegenwart zu verkaufen. Man denke nur an alles, was mit der Frage der Haifa Bay zusammenhängt. Der dritte Punkt fällt in der Praxis am schwersten ins Gewicht, daß nämlich die wirtschaftlichen Vorteile, die der K. K L. bietet, nicht genügend ins Auge springen, so daß wenig Neigung besteht, sich ohne Zwang auf die Erbpacht einzulassen. Das Streben nach wirtschaftlicher Bewegungsfreiheit ist für eine große Anzahl der Siedler entscheidend, wir haben es hier mit einer sehr ähnlichen Erscheinung zu tun, wie wir sie für die Arbeiterwirtschaft feststcllen konnten: Weil nicht alle 1loffnungsträume reiften, weil Fehler gemacht wurden und die Schwierigkeiten größer waren als vorauszusehen, verliert man die Geduld und ist geneigt, mit einem Federstrich zu den guten alten Methoden zurückzukehren, von denen man wohl beweisen kann, daß sie alt, kaum aber überzeugen, daß sie gut sind. V. Und dieser Federstrich, der eine neue Periode eröffnet, ist heute bereits getan, wenn die Zionistische Organisation nicht ein sehr energisches Veto einlegt, ln dem Bericht, der Survey Commission lesen wir: ״Den Bestrebungen der Siedler, wirkliehe Landbesitzer zu werden, ist zuzustimmeii. Gemäß den Statuten des K. K. L. scheint dieses, soweit seine Ländereien in Betracht kommen, ausgeschlossen zu sein.“ Daher der Ankauf von Bodenflächen für Privatbcsilz durch die Agency. Damit ist der Ausgang des Prozesses, der mm einsetzt, nicht zweifeihaft. Den Boden des K. K, L. werden nur Leute in Anspruch nehmen, die es müssen. Da der Agency für diese Käufe nach dem Budgetanschlag, der dem Berichte beiliegt, doppelt soviel Geld zur Verfügung steht als dem K. K. 1... so kann man,, ohne Pessimist zu sein, voraussehen, daß der nationale Boden immer mehr an Bedeutung und schließlich Popularität verlieren muß. Und da man die Ansicht äußert, daß der Siedler wirklicher Landbesitzer sein soll, so wird man dieser Entwicklung durchaus nicht entgegenarbeiten. Man wird auf alles das entgegnen, daß es in den Tefzten Jahren auch nicht mehr anders war. Man wird auf die Geschichte der Kchillat Zion hinweisen und ahnliebes. Daß es aber so war, besagt noch nicht, daß es gut war und daß der Kurs nicht geändert werden muß und kann. Es ist auch kein Einwand, wenn man erklärt, es sei besser, die Agency sei der zentrale Bodenkäufer, als daß der Kauf von vielen Privatgesellschaften betrieben wird, was unweigerlich zu wilder Spekulation führen muß. Selbstverständlich ist eine große Bodenkaufsgesellschaft besser als zehn kleine. Aber die Problem- Stellung lautet anders: Sollen nationale Mittel, und zwar im großen A u s rn a ß e (!: 200 OflO i rn Jahr) für privaten Boden verwendet werden, während der nationale Boden nur die Hälfte davon erhält? Wenn man dies beantworten '/ill, muß man sich von der Vorstellung freimachen, als ob es sich in der Hauptsache um die Spekulation drehte. Sie ist eir.e Nebenerscheinung, die man zum Teil durch konzentrierten Kauf bekämpfen kann. Auch das niemals ganz sicher. Aber das Zentralproblem ist die j ü - d i s c 11 e Arbeit. Und diese kann nur durch nationalen Boden garantiert werden. Alles andere ist Stückwerk, solange es eine Konkurrenz gibt, und die gibt es, solange zwischen der jüdischen Arbeit in Palästina und den arabischen Arbeitslöhnen im Lande und in den angrenzenden Ländern Spannungsdifferenzen bestehen. Also für eine sehr lange Zeit. Und in solchen Fragen, die in ihrem Wesen wirtschaftlich sind, gibt es nur wirtschaftliche Gegenmittel. Die Tatsache, daß die neuen privaten Kolonien in Palästina mit Juden arbeiten, ist kein Beweis. Denn wir können uns nicht darauf verlassen, daß die kommenden Siedler desselben Geistes sein werden wie die von Magdiel. Und wir können nicht einmal wissen, ohne im geringsten an dem guten Willen der Kolonisten zu zweifeln, ob die Wirtschaft nicht stärker sein wird als nationale Sentiments. Es gibt eine einzige Bürgschaft: die wirtschaftliche Tatsache, daß man auf nationalem Boden sitzt. Denn das ist ein Zwangsmittel. Alles andere ist vielleicht eine zeitweilige Hilfe, aber keine Sicher- Stellung. Und kein noch so hoher Gewinn wird uns dafür entschädigen, daß man uns an dieser Stelle eine unheilbare Wunde schlägt. Es wäre deshalb notwendig, daß sich alle Elemente, die verstehen, daß es hier um die großen Perspektiven der Kolonisation geht, sich zu diesem Kampfe um die Unantastbarkeit des nationalen Bodens vereinigen. Dazu ist zweierlei nötig: Die Katnpftruppe muß sich über bestehende l’arteigcgcnsätzchinwcgaus allen denen bilden, die die Bedeutung der Sache verstellen. Die Front kann von der Arbeiterschaft,' über den deutschen Zionismus und andere ״Allgemeine“ bis zu Kreisen des Misrachi laufen. Voraussetzung ist weiter, daß man lernt, Unwesentliches vom Wesentlichen zu trennen. Wenn die Arbeiterschaft alles was sie hat, unbesehen verteidigen wird, so wird sie damit auch die gerechten und logischen Forderungen gefährden. Dasselbe gilt von anderen Gruppen, die zum großen Teil die Uebcrsicht über das Ganze verloren haben. Es scheint, daß man in diesem Punkt, der den Schlüssel bildet für jüdische Arbeit, für Selbstarbeit (im oben skizzierten Sinne), für Verhinderung der Bodenspekulation, radikal sein muß. Hier sind keinerlei Kompromisse möglich. Man wird kleinere Positionen aufgehen müssen, um sich auf diese Forderung zu konzentrieren. Und es kann ein Kampf auf sehr lange Sicht sein. Auch dieser Kampf darf nicht so geführt werden, daß man anstatt die Idee des K. K. L. zu verteidigen, alles verteidigt, was die Institution des K. K. L. t u t. Das können unter Umständen ganz verschiedene Dinge sein. Aber die Idee muß unantastbar gemacht werden. Hier liegt eines der größten Momente der zionistischen Bewegung, eine Quelle, aus der national und sozial unerschöpfliche Kräfte fließen. Man sollte sich hüten, sie für Dinge herzugeben, die einen Momentserfolg versprechen. Felix Warburg über den Agency - Bericht Felix M. Warburg, Präsident des American Joint Distribulion Committee und Mitglied der Joint Palestine Survey Commission, sprach sich bei seiner Rückkehr nach New York gegenüber dem J. T. A.-Vertreter über die Grundideen des von der Agencv Commission erstatteten Berichtes aus und sagte 11. a.: Ein Budget von drei Millionen Dollar unter der direkten Kontrolle der jewish Agency vermag mehr zu vollbringen als höhere Summen, die einer sulchen Kontrolle nicht unterstellen. Indem die Jewish Ageuev-Commission die Ab- Schließung von Verträgen mit e i 11 z e 111 c n Sie d 1 e r 11 fordert, folgt sie gesunden Geschäftsprinzipien und gebräuchlichem Herkommen; denn es sei undenkbar, mit Gruppen statt mit Einzelpersonen zu verhandeln; der Siedler muß persönlich die Vcrantwortung für das, was er bekommen hat, übernehmen. Zum Schluß sagte Warburg: Der Gedanke der Jewish Agency tritt nun in die Endphase seiner Verwirklichung ein. Die erste Folgerung müßte die sein, daß sich von jetzt ab alle Juden ungeachtet der Parteiungen und Gruppenbindungen an dem Werke des Aufbaus Palästinas beteiligen. Die Opposition im amerikanischen Zionismus New York, 15. Juli. (J. T. A.) Die Führer der zionistischcn Opposition in Amerika hielten in diesen Tagen eine Sondertagung ab, in der beschlossen wurde, den Kampf für die ״Hebung der Moral und der Tatkraft in der amerikanischen zionistischen Bewegung und für den Aufbau Palästinas nach den richtigen Grundlinien“ fortzuführen. Eine Anzahl Redner forderte den Austritt aus der offiziellen Organisation und die Bildung einer neuen Partei; die Mehrheit aber entschied sich für ein Verbleiben in der Z! o!11 s t i - sehen Landesorga nisatio 11. Zur Formulierung eines Programms und Fortführung des Kampfes wurde aus der Mitte der 65 Anwesenden ein Komitee gebildet, das sich aus Julian Mack, Jacob de Haas, Robert Sz.old, Frau Robert Szold, Zeldin und den Revisionisten Smertenko und Danzis zusammensetzt.