Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 56 (17.7.1928)
- Date
- 1928-07-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 56, 17. VII. 1928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 401 Ablehnung oder Verhandlung? Von Alexander Adler, Berlin. Zur Frage des Berichtes der Agency-Kommission sollte man nicht Stellung nehmen als Mitglied oder Vertreter einer inner/ionistischen Partei, sondern rein als Zionist, dessen Lebensaufgabe es ist, den nationalen Aufbau Erez-Isracls zu ermöglichen. Ich bin mir bewußt, daß die Ausführungen, die ich mache, bei einer großen Anzahl meiner engeren Gesinnungsfreunde auf lebhaften Widerspruch stoßen werden, ebenso wie andere Kreise innerhalb und außerhalb der Reihen des Misrachi ihnen zustimmen werden. Es scheint mir ein außerordentlicher Fehler der bisherigen Diskussion zu sein, daß diejenigen, die den Bericht ablehnen, dies in einer so schroffen, leidenschaftlichen Weise tun, daß sie von vornherein sämtliche Brücken zu den Berichterstattern und zu der nichtzionistischen Gruppe, an die der Bericht geht, abbrechen. Daß sie sogar darüber hinaus schon im jetzigen, sicherlich noch ungeklärten Stadium Brücken abbrcchen wollen zu der zionistischen Leitung, die den Bericht veranlaßt hat und ihn pflichtgemäß der Zionistisehen Organisation vorlegt. Scheint es doch beinahe so, als ergriffe man nicht ohne Genugtuung die Gelegenheit, der zionistischen Welt zu zeigen, daß die ganzen Bemühungen um die verbreiterte Jewish Agency, die in den letzten zwei, oder fünf, oder noch mehr Jahren gemacht wurden, nur geeignet waren, die Zionistische Organisation zu schwächen oder zu zerstören; man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die überaus heftige Gegnerschaft gegen den Gesamtbericht nicht frei ist von der Gegnerschaft, die schon immer in gewissen Kreisen gegen die Führerschaft Weizmanns bestanden hat. Dieses Moment aber müßte vor allen Dingen von allen Seiten ausgeschaltet werden. Es geht heute um höhere Dinge, als um den Streit um Personen. Man sollte sich in erster Reihe die Frage vorlegen, was man von dem Bericht eigentlich erwartet hatte. Es war bekannt, daß derselbe nicht unter zionistisehen Voraussetzungen erstattet werden wird. Man wußte auch, oder man hätte wissen müssen, daß die bisherigen Methoden des Aufbaus einer starken Kritik unterliegen würden, und zwar rein vom Gesichtspunkt der Wirtschaftlichkeit aus gesehen. Der bisherige Aufbau durch die zionistische Jewish Agency, der in seinen wirtschaftlichen Erfolgen auch weite zionistische Kreise durchaus nicht befriedigte, war abgestellt absolut auf die Wirtschaftsform der Kwuzah. Aus dieser Form heraus hatte sich die Wirtschaftsform des Mose haw entwickelt. Ist es da wirklich etwas so Ungeheuerliches, außer dem Bereich jeglicher Erwartungen Liegendes, wenn die Kommission der Form der Moschawim den Vorzug gibt und dies in die Worte kleidet: ״Gestützt auf die Berichte der Experten und auf ihre eigenen persönliehen Beobachtungen, sind die Kommissionsmitglieder zu den folgenden Schlüssen gekommen und machen die folgenden Empfehlunge n.“ Wir haben im Interesse des Werkes, das unsere Lebensaufgabe darstellt, den Bericht absolut nüchtern zu beurteilen und zu erwägen. W i r dürfen nicht von dem Standpunkt ausgehen, daß der Bericht ein Ultimatum darstellt. Für ans. kann es kein Ultimatum sein, ״Empfehlungen“ sind auch kein Ultimatum. Wir müssen all das Positive, das Akzeptable, vor allem den Willen der Berichterstatter, auf Grund des bisher geschaffenen nationalen Werks, mit uns zu arbeiten, herausgreifen, anerkennen und begrüßen, gleichzeitig aber unsere Gegenvorschläge präzisieren und jene durch die Kraft unserer Argumentation zwingen, ihre Vorschläge mit unserer Grundanschauung übereinstimmend zu machen. Vielleicht wird mancher lächeln über den Ausdruck ״wir müssen zwingen“. Unser Versuch, den Aufbau in der bisherigen Form, mit unseren unzulänglichen Kräften, gegen den Widerstand des größten Teiles des jüdischen Volkes durchzuführen, ״zu erzwingen“, war sicherlich nicht weniger aussichtslos, als der Versuch, eine Anzahl gutwilliger — denn daß sie gutwillig sind, kann man ihnen nicht abstreiten — Mensehen davon zu überzeugen, daß, wenn sie unser bisheriges Werk zur Grundlage ihrer Mitarbeit nehmen wollen, auch sie ein intellektuelles Opfer bringen müssen, daß sie nicht von uns verlangen können, daß wir die geistigen Grundlagen unseres Aufbaues preisgeben. Der Bericht bietet Handhaben genug, in welcher Art und Richtung Aenderungsvorschläge möglich sind. Wenn z. B. bei dem Artikel Landwirtschaft unter Punkt 11 gesagt wird: ״Im Hinblick auf bisherige Erfahrungen sollte, bis neue Faktoren in Erscheinung treten, die Begründung von weiteren Hügel-Koiönien nicht stattfinden,“ so ist absolut nicht einzusehen, warum solche ״neue Faktoren“ nicht auch in Anwendung kommen könnten in dem vorhergehenden Passus 10, in dem weitere Schaffung von Kwuzoth abgelehnt werden. Es soll dies nicht etwa ein definitiver Vorschlag meinerseits für Abänderung des Passus 10 darstellen, ich möchte nur darauf hingewiesen haben, daß, wenn die Kommission sich in dem einen Fall zur späteren Berücksichtigung neufer Faktoren in bezug auf unsere alte Wirtschaftsform bereit erklärt, es doch nicht ausgeschlossen ist, daß solche Erwägungen auch auf andere Dinge ausgedehnt werden können. Irn Passus 12, der sich mit dem Nationalfonds befaßt, und der in seiner jetzigen Form sicherlich einmütig von allen Zionisten abgelehnt wird, sehe ich durchaus die Möglichkeit, Aenderungen, die uns befriedigen können, herbeizuführen. Der Passus spricht nicht vom Ausschalten des Nationalfonds-Prinzips aus der künftigen Arbeit spricht auch nicht von den noch künftig z.u erwerbenden Ländereien des Nationalfonds und wünscht, neben diesen Nationalfonds-Ländereien, eine Landreserve zu schaffen. Der Ausdruck ״Landreserve“ deutet meiner Ansicht nach darauf hin, daß die Berichterstatter sich bewußt sind, daß dem Bodenkauf des Nationalfonds auch in Zukunft der größere Spielraum eingeräumt ist. Da es Kaufleute sind, die den Bericht erstattet haben, ist es mit Sicherheit anzunehmen, daß sie sich bewußt waren, daß ein Reservefonds weder die Aufgaben noch die Größe des eigenen Kapitals einer öffentlichen Körperschaft zu haben pflegt. Es muß zu erreichen sein, daß in diesen Passus eine klare und deutliche Erklärung eingefügt wird, die den Primat und das Prinzip des Jüdischen Nationalfonds, dieses populärsten aller jüdischen Institute, anerkennt. Auch der Passus 16 wegen Awodah azmitlt (Selbstarbeit) ist in dem Bericht nicht so klar gehalten, daß die Kornmission ernsthaft von uns verlangen könnte, ihn in dieser Form zu akzeptieren. Die Richtung, in der eine Aendcrung angestrebt werden könnte, geht aus dem Schlußsatz des Passus 18 hervor, in dem gesagt ist: ״Dies bei angemessener Berücksichtigung der heimischen landwirtschaftlichen Bedürfnissc“. Auch Passus 19, der von der kooperativen Ver- Wertung der Produkte spricht, und zum Schluß sagt: ״ein solches System muß jedoch von einer von sozialen Theorien unbeeinflußten Körperschaft verwaltet werden“, läßt sich so modifizieren, daß nicht die Körperschaft selbst von sozialen Theorien unbeeinflußt sein braucht, sondern daß die Gesichtspunkte, unter denen die Körperschaft wirtschaftlich arbeitet, in Einklang mit wirtschaftlichen Theorien stehen müsse. (Dies soll selbstredend wieder kein definitiver Aenderungsvorschlag sein, sondern nur zeigen, daß Wege der Verständigung gefunden werden könnten.) in dieser Richtung könnte noch manches über den Bericht gesagt werden. In diesem Moment scheint mir die Einzelheit vor dem Prinzip zurücktreten zu müssen. Das Prinzip möchte ich noch einmal unterstreichen; selbst wenn der Bericht so aufgefaßt sein will, daß man ihn als unteilbares Ganzes zu Alt Sc4 werten, zu akzeptieren oder zu verwerfen hat, für uns könnte und dürfte es so etwas nicht geben. Wir müssen mit der ganzen Autorität, die die von uns erreichte Balfour-Deklaration, der bisher von uns durchgeführte Palästina-Aufbau, die von unserer Bewegung hervorgerufene Erneuerung jüdieschen Volkslebens uns verleiht, auf Abänderung derjenigen Teile dringen, die von uns nicht zu akzeptieren sind. Lehnt die Marshall-Gruppe eine Verhandlung ab und besteht darauf, die Bedingungen zu diktieren, dann trifft nicht uns die Verantwortung, und wir werden andere Gruppen von Juden finden, die größeres Verständnis für die Aufgaben des Palästina-Aufbaus besitzen. Ich glaube nicht an eine derartige Ablehnung. Geht aber die Debatte über den Bericht in der Stimmung weiter, in der sie eingesetzt hat, verbaut man sich von, vornherein den Weg zu einer Verständigung. Man fanatisiert die eigenen Reihen und erweckt in der ganzen jüdischen Welt den Anschein, als seien wir nüchternen Erwägungen unzugänglich. Das Absardam der Assimilanten-Politik Ein Schulbeispiel. Die Wiener ״Neue Welt“ schreibt: ״Die PesterisraelitischeReligionsgemeinde hat beschlossen, im Wege der israelitischen Landeskanzlei an allegrößeren Juden gemeinden der Welt die Aufforderung zu richten, an dem Kampfe gegen den Friedensvertr agvonTrianon teilzunehmen. Das ist einerseits eine grobe Verkennung der Aufgaben jüdischer Gemeinden, andererseits ein Zeichen des absoluten Mangels jedweder politischer Psychologie. Zunächst geht es die jüdischen Gemeinden als solche überhaupt nichts an, was ein Friedensvertrag über Ungarn bestimmt. Sie haben sieb um die Verwaltung jüdischer Dinge zu kümmern und hätten auf diesem Gebiete unendlich viel zu tun. Wie malt sich aber in den Köpfen der magyarischen Israeliten die Welt? Glauben sie wirklich, daß die Judengemeinden von Prag, von Preßburg, von Agram und Belgrad und Bukarest gegen Trianon protestieren würden? Sie müßten die an sie kommende Aufforderung zumindest, wenn sie sehr höflich sein wollen, als grobe Taktlosigkeit behandeln und ins Archiv legen. Nun ist aber der Beschluß der Budapestcr Synagogenmagyaren noch etwas Aergeres. Er ist ein von der Regierung diktierter antisemitischer Akt schwersten Kalibers, ein Versuch, den Nachweis zu erbringen, daß das in der antijüdischen Phantasie bestehende Weltjudcntum als politische Einheit dem Magvarentum feindlich gegeniiberstcht. Wenn die Gemeinden in Oesterreich und in den Sukzessions- Staaten die geforderte Antwort nicht geben werden, weil sie dies nicht tun können und nicht dürfen, so werden die Gömbös und Hejjas daraus die ihnen genehmen Schlüsse ziehen und die Gesetzgebung in Ungarn, deren Pogromcharakter immer mehr die Hüllen fallen läßt, wird ein rascheres Tempo annehmen. Zu solchem Beginnen bietet die Bester Gemeinde und mit ihr die Landeskanzlei die Hand.“ Es zeigt sich hier, in wie absurder Weise gerade von Assimilanten der Versuch gemacht wird, eine ,jüdische Weltpolitik“ zu machen, wenn diese nicht jüdischen Zwecken dient, sondern diesem oder jenem Machthaber den übergroßen Patriotismus ״seiner“ Juden beweisen soll. Die Einwendungen, die die Assimilanten aller Länder gegen die ideologisch und praktisch einwandfreie zionistische Weltpolitik, die in den Streit der Völker und Staaten nicht eingreift, erheben, daß diese das Judentum politisieren und dadurch den Antisemitismus fördern könne, gilt nicht für die zionistische, sondern gerade für die assimilatorische Politik, was sich selten mit so erfreulicher Klarheit zeigt wie in diesem Fall. Der Hailaer Halen London, 11. Juli. (J. T. A.) In der heutigen Sitzung des Unterhauses fragte Colonel Wedgwood den Staatssekretär für die Kolonien, ob die Erbauung des Hafens von Haifa von der Regierung, wie ursprünglich geplant, in eigener Regie durchgeführt oder im Wege durch Vergebung an Firmen realisiert werden wird; ferner wann mit den eigentlichen Arbeiten begonnen, werden wird. Captain Margesson erwiderte im Namen des Kolonienministcrs, man habe beschlossen, den Hafen im Wege eines Vertragsabschlusses zu erbauen. [Sic Ingenieure der Regierung haben die Bedingungen der Arbeit־- Vergebung bereits entworfen, es ist zu hoffen, daß Ende November d. J. Angebote vorliegen werden. Die verfolgten Hebraisten an Maxim Gorki Maxim Gorki wurde nach seinem Eintreffen in Moskau ein Memorandum zugestellt, das ״Geheime Konferenz der hebräischen Lehrer ,Tarbuth‘ in der Sowjet-Union“ unterschrieben ist und den Leidensweg der Hebraisten in Ruß* land ausführlich schildert. Gorki wird gebeten, bei der Sowjetregierung dahin zu intervenieren, daß die hebräische Sprache in Rußland nicht unterdrück kt wird und diejenigen, die sich zu ihr bekennen, nicht weiter verfolgt werden. Während alle Völker der Sowjetunion, heißt es in dem Memorandum, die weitesten Möglichkeiten zur Entwicklung ihrer nationalen Kultur und nationalen Sprache haben, wird die tausende Jahre alte hebräische Kultur unterdrückt, die Sprache der Propheten, die Sprache des großen Dichters des Mittelalters Jehuda Halewi, die Sprache von Mendele Mocher Sforim, die Sprache der Dichter Bialik, Tschernichowski, Schneur und anderer hervorragender Dichter verboten, weil man sie für konterrevolutionär hält. Für die drei Millionen starke jüdische Bevölkerung in der Sowjetunion existiert kein einziges hebräisches Journal, es erscheint kein einziges hebräisches Buch, die Einführung hebräischer Bücher aus dem Ausland wird unmöglich gemacht, die hebräischen Bücher wurden aus den Bibliotheken eliminiert, es ist verboten, sie Lesern in die Hände zu geben. Will man ein Buch von Bialik, Mendele, Schalom Alechem oder Perez lesen, so muß man eine spezielle Erlaubnis der jüdischen Sektion der Kommunistischen Partei hierzu erwirken, Hierbei muß betont werden, daß die Lektüre des Buches zu akademischen Blldungszwecken notwendig sei. In keiner einzigen Schule der Sowjetunion darf hebräisch unterrichtet werden. Hebräische Lehrer und Schüler werden verfolgt und, soweit sie überführt werden, deportiert. Allein die Tatsache, daß eine Sprache und eine Literatur in ihrer Gesamtheit verboten sind, müßte einem Volke zur Schande gereichen. Volksbildungskommissar Lunatscharski und der verstorbene Gesandte Wojkow haben in Berlin und in Warschau gegenüber Abordnungen der jüdischen wissenschaftlichcn Weit feierlich erklärt, daß die hebräische Sprache in Rußland nicht verfolgt wird. Was aber ist die Wahrheit? Ebenso wie in den finsteren Zeiten des Mittelalters wird jetzt in allen Städten und Städtchen die. hebräische Sprache in den verborgensten Kellern gepflegt und gelehrt. Hinter dicht verschlossenen Läden lesen hunderttausende jüdische junge Leute das hebräische Buch. Vor etwa zwei Jahren wurden Unterschriften für ein Memorandum an das Zentralexekutivkomitee gesammelt, in welchem Eltern jüdischer Kinder die Bitte aussprechen, daß man den Unterricht im Hebräischen in den Schulen erlauben möge. Allein in der Provinz Podolien wurden zehntausende Unterschriften gesammelt. Nie in der Oeschichte der zweitausendjährigen Verfolgungen kam ein solcher Fall vor. Die Antwort war: Verhaftungen und verstärkte Verfolgung. Wir wenden uns an Dich, großer Kämpfer für kulturelle Freiheit der Völker, erhebe Deine Stimme gegen die Verfolgung der tausendjährigen hebräischen Sprache und Kultur, der Sprache eines verfolgten und gejagten Volkes! Fordere Freiheit für die hebräische Kultur in der Sowjetunion! Du darfst nicht schweigen! Aus dem Memorandum Ist noch zu ersehen, daß im Jahre 1928 eine geheime Tarbuth-Konferenz unter Beteiligung von Hebraisten mehrerer Provinzen abgehalten worden ist. Die Prflgelstrale London, 11. Juli. (J. T. A.) Colonel Wedgwood ric״ tete im Unterhs:ג an den Kolonienminister die Frage, ob er veranlassen wolle, daß die Prügelstrafe in den palästinensischen Gefängnissen, wenn sie schon unumgänglich ist, nur für Verstoße angewendet w׳erde, auf welche auch in englischen Gefängnissen Prügelstrafe steht. Unterstaatssekretär Ormsby-Gore erwiderte, er werde hierüber den Oberkommissar Palästinas zu Rate ziehen. Wedgwood fragte weiter, ob die Landesverweisung von Kommunisten in Palästina mit der Höhe der ihnen zudiktierten Gefängnisstrafe im Zusammenhang steht. Ormsbv-Oorc erwiderte, er werde hierüber beim Oberkommissar Erkundigungen einzieben. Wedgwood fragte noch, ob die außergewöhnliche Behandlung von Kommunisten in Palästina auf eine Inspiration des britischen Kolonialamtes zurückzufiihren oder ein Ausfluß der Rückständigkeit der lokalen Regierung sei. Ormsby-Gore erwiderte: Keins von beiden, die Umstände erfordern eine solche Praxis. Die letzte Konferenz der englischen zionistischen Föderation hat sich in einem Entschluß gegen Landesverweisung und Prügelstrafe in Palästina gewendet. Die Konferenz, heißt es in der betreffenden Resolution, nimmt mit großer Bestiir/ung von den Landesverweisungen Kenntnis, die gegen Juden in Palästina wegen ihrer politischen Anschauungen oder wegen rein technischer Verstöße ausgesprochen werden. Die Konferenz ist der Meinung, daß diese Landesvenveisungen mit den von der Mandatarmacht übernommenen Verpflichtung, das Wachstum des Jüdischen Nationalhcims zu fördern, unvereinbar seien; sie fordert den Staatssekretär für die Kolonien auf, die britischen Beamten in Palästina dahin zu instruieren, daß diese Praxis aufhört. Die Konferenz forderte in einer zweiten Resolution die schleunige Abschaffungder Prügelstrafe in palästinensisehen Gefängnissen. Nur noch 9( Jüdische Volksschulen in Preußen Einer Mitteilung amtlichen Ursprungs ist zu entnehmen, daß die Zahlderjüdischen Volksschulen in Preußen auf 96 zurückgegangen ist. Im ״Isr. Familienblatt“ bespricht S. Andorn, Krefeld, den ״betrüblichen und überschnell fortschreitenden Rückgang unserer jüdischen Volksschulbewegung“ und gibt einige zahlenmäßige Hinweise. Im einstigen Kurhessen bestanden vor vier Jahrzehnten noch mehr jüdische Volksschulen, als jetzt im gesamten Preußen gezählt worden sind. Fast jedes Dorf mit größerer jüdischer Einwohnerschaft besaß seine gutbesetzte öffentliche jüdische Volksschule. Vor dem Krieg gab es im einstigen Kurhessen 72 jüdische Volksschulen, in der Rheinprovinz 35, in Westfalen 32, in Posen 43, in Westpreußen 4, in Oberschlesien 6, in den Provinzen Sachsen und Schleswig-Holstein je eine Volksschule. Heute mögen in Hessen noch 50 Schulen geblieben sein, im Rheinland und Westfalen je 20 bis 22. In Bayern bestanden einst 150 jüdische Volksschulen; damals wohnten noch vier Fünftel der bayerischen Judenschaft in Kleinstädten oder Dörfern. 1911 bestanden in Bavern noch 84 jüdische Schulen. Kaum die Hälfte ist noch erhalten geblieben, ln Württemberg gab es 1883 noch 30 jüdische Schulen, 1909 noch 19, jetzt wohl höchstens ein Drittel dieser Zahl. Geburtenrückgang, Abwanderung und auch stärkerer Zugang zu höheren Lehranstalten haben zum Erlöschen der meisten jüdischen Volksschulen geführt.