Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 56 (17.7.1928)
- Date
- 1928-07-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE ״״,». DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Eine DUraeli-Blographie (Benjamin Disraeli. Sein Leben. Von A n d r £ Maurois, S. Fischer-Verlag, Berlin.) Von Sch. Gorelik. In den zahlreichen früheren Biographien und Monographien über Disraeli ist gewiß von der politischen Geschichte Ütgiands in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, von dem Kampf seiner zwei mächtigen, rivalisierenden Parteien mehr zu finden als in dieser, bei Brandes wird der Schriftsteller Disraeli eingehender gewürdigt, seine Romane einer gründlicheren Analyse unterzogen, aber wenn man viele dieser Bücher liest und nachher eine klare Vor- Stellung von der Persönlichkeit, vom Menschen Disraeli »ich zu machen versucht, stößt man־ auf große Schwierigkeiten. Man kommt an diesen ״Orientalen“ und ״Zauberer“ nicht heran, die kalte Bewunderung wird nicht durch die Tiefe menschlichen Gefühls erwärmt, das Imponierende seines großen Ehrgeizes sieht der Leser nicht geadelt durch Leiden für eine gerechte Sache. Vieles erfährt man sonst: über Disraelis Bedeutung für England, auch über die Hindernisse, die er zu überwinden hatte, bis er sich Geltung verschafft. Aber daß diese Hindernisse nicht nur in den Drang-Jahren, am Anfang seiner politischen Karriere, sondern auf seinem ganzen mühevollen Wege zur Macht sich ihm entgegenstellten, daß die Beseitigung dieser Hindernisse der Inhalt seines Lebenskampfes war, wird nicht in vollem Maße deutlich. Mit einem Wort, trotz größerer Auszüge aus seinen parlamentarischen Reden, trotz längerer Zitate aus seinen Büchern, trotz ausführlicherer Betrachtungen über sein Judentum, die all die anderen Disraeli-Biographien bringen, will sich diese glanzvolle Gestalt unserem Innern nicht einprägen. Sie bleibt fern, wenig verstanden, und die Seele fühlt sich nicht zu ihm hingezogen. Bis der französische Schriftsteller A n d r € Maurois kam und die erste wirkliche Biographie des Menschen Disraeli schrieb, ein wundervolles Buch, von einer Beseeltheit, die um so wohltuender wirkt, als man sie bisher immer vermißt hat, von einer nicht gewollten, sondern natürlichen, äußerst anmutigen Schlichtheit und von jener vornehmen Klarheit der Darstellung, zu der nur große, wahre schriftstellerische Kultur befähigt. Dem Biographen Maurois stand ein kolossales Material zur Verfügung, er brauchte nichts zu entdecken, er hatte nur zu ordnen, um den wahren Sinn vieler Begebenheiten zum erstenmal richtig zu begreifen, ihnen die richtige Deutung zu geben und sie hervorzuheben. Dem Biographen stand vielleicht ein zu großes Material zur Verfügung, ein anderer wäre darin erstickt, der Künstler aber rang sich durch, der Staub der Folianten trübte nicht seinen Blick für Wesentliches. Wie oft sah er Wesentliches, menschlieh Hohes in dem, worüber andere Biographen glaubten, mit einigen rührenden Beispielen hinweggehen zu können. So z. B. werden der Ehe, die Disraeli mit der Frau seines verstorbenen Freundes, Wyndham Lewis, einging, viele, viele Seiten in diesem Buche gewidmet, weil es galt, ein Lebensbild dieser durch Gaben des Herzens und Reichtum der Seele ausgezeichneten seltenen Frau zu geben, deren Liebe, Hingabe und Aufopferung von ergreifender Größe ist. Was andere nur zu gelegentlicher Erwähnung veranlaßt, wird bei Maurois zu einem Lebensgemälde von seltener Innerlichkeit und Schönheit. Es ist mehr von der Schilderung der Gesellschaft Englands als von dem Kampf zwischen Schutzzoll und Freihandel in der Disraeli-Biographie von Maurois zu finden. Diese englische Gesellschaft der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ist, ungeachtet ihrer alten freiheitlichen Kultur, ihrer liberalen fortgeschrittenen Verfassung, voller Vorurteile, ist mißtrauisch und von unvergleichlichem Hochmut einem Andersgearteten gegenüber, den sie eben nur wegen dieses Andersgeartetseins als Fremdling, Eindringling betrachtet. Und Disraeli wird als Fremdling betrachtet und empfunden. Man kennt noch nicht die milde und feine Einsicht des fair play oder verweigert in diesem Fall ihre Anwendung. Immerhin, es ist England. Disraeli braucht nicht wie Lassalle, noch kaum vierzig Jahre alt, unterzugehen. Aber schwer, unendlich schwer wird ihm sein Aufstieg gemacht. Sein Weg zur Macht war ein dornenvoller Weg. Er wird diese Macht erst als Greis voll erlangen. Er wird die Genugtuung darüber mit der ihm stets eigenen Offenheit ausdrücken, aber die Hände, die die reife, süße Frucht empfangen, werden schwach sein, der Körper verkalkt und ein resigniertes ״zu spät“ wird den Siegesjubel begleiten. Disraelis Kampf um seine Geltung ist ,das Hauptmotiv dieses Buches, ״Es ist ein weiter Weg nach Tipperary“, die einzige Melodie, die man bei der Schilderung dieses langen, kampfreichen und kämpferischen Lebens hört. Ob er ein großer Mensch war, wie ein Carlyle ihn sich vorstellt, der den Disraeli bitter gehaßt hat, bleibt dahingestellt, diese Frage kommt gar nicht zur Erörterung. Der Biograph, verliebt in seinen Helden und ihm mit ganzer Seele zugetan, will sich darüber den Kopf nicht zerbrechen. Wahrscheinlich verneint er sogar die Frage, wenn als großer Mensch wirklich nur der zu gelten hat, in dessen Tun und Denken der Hauch einer Ewigkeitsidee, eines Weltideals zu spüren ist. Auch vermeidet es der Biograph, sich länger als es unbedingt notwendig ist, bei den literarischen Werken Disraelis aufzuhalten, denn im Gedächtnis der Nachweit lebt er nicht als Verfasser von Romanen, sondern als genialer Jude, der England zur Weltmacht verholfen hat, und als Urheber einiger wundervoller Sätze, die zum Geistesgut späterer Generationen geworden sind. Disraeli schrieb se^ Romane gewöhnlich nach einer politischen Niederlage, in den Perioden aufgezwungener Muße. Er griff zur Feder mir, wenn eine erlittene Enttäuschung ihn zur Zurückgezogenheit zwang. Alles andere denn als Schriftsteller wollte er gelten. Er stellte das Handeln höher als das Denken und nahm Alexander den Großen wichtiger als Homer. (Das allein hätte genügt, um den Groll Carlylcs zu verdienen, der mit leidenschaftlichem Pathos das Gegenteil verkündete: In den Büchern ist die Seele der ganzen Vergangenheit verborgen. Was blieb von den mächtigen Flotten, Armeen, wo ist Agamemnon? Es sind nur einige griechische Bücher geblieben.) Nein, Disraeli war nicht groß im Carlyleschen Sinne, aber er war der glänzendste, farbigste, innerlich reichste Mann des politischen Englands, und nicht nur seiner Zeit allein. In seinem hinreißenden Temperament spürt man die Sonne Spaniens, die Glut der Wüste. Ein jüdischer Aristokrat, ein orientalischer Fürst von ungewöhnlicher Intelligenz, von seltener Mannigfaltigkeit der Begabung wandelt unter den Briten. Die Intelligenz sind sie bereit anzuerkennen, aber die hohe Geburt nicht, und sie verschließen ihm die Pforten. Disraeli öffnet sie, reißt sie mit Gewalt auf. Aber nach welchem Kampf, nach welchem Aufwand von Energie und Geduld! Als er die letzte Worte sprengte, wollte die Mißgunst, das Mißtrauen noch nicht weichen, aber die Zahl der Bewunderer wurde immer größer, und schließlich gewinnt er das Herz der Nation, Haß verwandelt sich in Huldigung. Die Königin Victoria betet ihn an, schickt ihm täglich Blumen aus ihrer Sommer-Residenz. Disraeli ist der einzige englische Premier, der in ihrer Gegenwart sitzen darf. Freilich, er ist alt, krank und von Gicht geplagt. — Nichts erscheint dem Biographen Disraelis anziehender, beachtenswerter als seinen Kampf, sein Ringen um Geltung zu schildern. Diese Darstellung bleibt die Hauptleistung, der Hauptgewinn des Buches. Der hohe Genuß des Lesers wird allerdings noch bedeutend gesteigert durch die meisterhaften Schilderungen von Männer- und Frauen-Charakteren, die Zeit- und Weggenossen Disraelis waren. Großvater wie Vater Disraelis sind hier zum ersten Male bildhaft vergegenwärtigt, die einzige Schwester, Sarah, eine liebevolle, anmutige Gestalt, in ihren Bruder Dizzy vernarrt, bleiben im Gedächtnis haften. Biographien bedeutender Menschen dürfen nur Künstler schreiben. Andre Maurois ist ein Künstler. Indem er die Schilderung dieses Lebens auf ein Hauptmoment beschränkt, verliert etwa dadurch die Persönlichkeit Disraelis? Im Gegenteil, sie gewinnt, denn überaus edel und gerecht war der Kampf. Es war ein Judenkampf. Und obwohl Maurois sich wenig über David Alroy, Disraelis zionistischen Roman, verbreitet, und auch zu erwähnen vergißt, daß er einer der ersten Zionisten war, ist diese Biographie ein Judenbuch in wahrster Bedeutung dieses Wortes. Und wie offen, tapfer Disraeli kämpft! Nie umhüllt er sein Begehren zur Macht mit heiligen Bibelsprüchen, wie es Gladstone tat. Wie unecht, Spießer- und pastorenhaft übrigens Gladstone im Vergleich zu Disraeli hier erscheint! Wie kleinlich, undankbar Sir Robert Peel sich entpuppt, dem Disraelis große Beredsamkeit den Premier-Stuhl verschafft und der es später ablehnt, ihn in seine Ministerliste aufzunehmen! Disraelis Enttäuschung war groß, er fühlte sich betrogen, gedemütigt, und er wußte zu gut, daß es keinen anderen Grund für seine Benachteiligung gab, als nur sein Andcrs-Sein. Disraeli hatte schon Längst sein extravagantes Aeußere, die geblümten seidenen Westen, die goldenen Ketten aufgegeben, er versuchte, weniger zu glänzen, zügelte seinen zu lebendigen Geist, um seine Mitbürger nicht zu ärgern, aber es half nicht, er war doch anders, er war — ein Orientale. ״Obgleich — schreibt Maurois — er sich jetzt schwarz kleidete, wirkte er in ihrer Mitte, schon durch den Schnitt seines Gesichtes, wie ein Ibis oder Flamingo, der sich in einen englischen Geflügelhof verirrt hat. Wenn die Sonne auf die Bänke der Konservativen schien, wurden alle Gesichter heller, nur das seine dunkler.“ Disraeli nahm zu gegebener Zeit an dem undankbaren, hochmütigen Sir Robert Peel die berechtigte, verdiente Rache. Die Beredsamkeit, die Peel zum Premier-Sessel geführt hatte, wandte Disraeli jetzt an, um ihn von dort zu vertreiben. Es gelang ihm auf glanzvollste Weise. ״Der Riese, der David verachtet hatte, lag gefällt über dem Wege.“ — Die Genugtuung des Lesers bei der packenden Schilderung vom Sturze Peels ist groß, aber zur Macht gelangen immer nur andere. Disraeli bleibt noch immer Außenstehender. Die Siege, die er errang, nützten andere Machthungrige aus. Seine Zeit ist noch nicht gekommen. * Wie schon erwähnt, ist in der Maurois'schen Disraeli- Biographie mehr von der Gesellschaft als von dem politischen Leben Englands zu finden. Mit überaus feinem Können und oft nur in wenigen Strichen werden Figuren des aristokratischen England gezeichnet. Stolze Lords, feinfühlende geistreiche Frauen, die Disraeli, als noch niemand etwas von ihm wissen wollte, förderten, ihre Salons ihm öffneten und ihm den Eintritt in die Gesellschaft verschafften. Diese hochkultivierten Frauen waren es zuerst, die den glänzenden Geist Disraelis richtig einzuschätzen verstanden. Diese schönen Frauen wurden wohl alt, aber die rührende Freundschaft und die Bewunderung für Disraeli hörten nicht auf. Eine von ihnen vermachte dem alten Ehepaar Disraeli ihr ganzes Vermögen. Solange seine Frau lebte, wohnte er in ihrem großen Hause, nach ihrem Tode aber ging das Haus auf die Erben des ersten Mannes über und Disraeli mußte mit der Kälte und Ungemütlichkeit des Hotelzimmers vorliebnehmen. Der erste jüdische Lord war arm und kinderlos. Erst später taten sich einige seiner Freunde zusammen und erwarben für ihn ein Landhaus mit einem großen, schattigen Park. Dort im Schatten der Bäume sann der ehemalige Premier Beaconsfield-Disraeli, jetzt der Liebling der Nation, über sein Leben, über seinen aufreibenden Kampf nach, und auch darüber, ob dies alies sich letzten Endes gelohnt habe, denn es kam der Spätherbst und der Winter des Lebens, der zum Philosophieren auffordert. Zu einer schönen, wehmütigen Dichtung des Herbstes gestaltet sich die Schilderung der letzten Jahre und Tage Disraelis in diesem Buche von Maurois. Als man — erzählt Montaigne — Epaminondas fragte, wen von den Dreien er am höchsten schätzte, Charbrias, Iphikrates oder sich selber, sagte er: man muß uns erst sterben sehen, bevor man das entscheiden kann.“ Jehuda Burlas Luna Aus den Hebräischen übersetzt von Erich Brauer. Nmchdnuk nrtiotn (2. Fortsetzung.) Die Greisin sagte zu Luna, manchmal in der Gegenwart Mula Obadjahs, der nicht Spaniolisch verstand: ״Was sagt er denn da zu dir, meine Tochter? Dieses Menschlein, es scheint nicht ganz richtig im Kopfe; so scheint’s mir. Siehst du, wie er seine Blicke auf eine Frau wirft?... Das kommt, weil er unverheiratet ist. Die Ehelosigkeit macht das. Und diese ganze Arbeit da, wozu macht er sie? In den ,Dreißig Tagen‘, in der Trauerzeit um seinen Bruder hat er keine andere Sorge, als den Garten schön zu richten. Und wie oft er alles wieder umwirft, um wirft, um zu verbessern. Und keinem gibt er Ruhe, dem Gärtner nicht und nicht dem Tischler.“ Und eines Morgens beauftragte Mula Obadjah den Hausbesorger Ezechiel, den Mietzins von allen Bewohnern zu erheben. Jeder sollte geben, was er imstande wäre, damit das Schuldkonto sich nicht noch mehr vergrößere. Als Ezechiel zu der Alten kam, um von ihr den Zins zu fordern, gesellte sich wie von ungefähr Mula Obadjah hinzu. Er sprach mit Ezechiel Bucharisch, und Ezechiel wiederholte der Greisin, der Herr sage, er wolle sie nicht in der Bezahlung drängen. Da er sehe, daß sie es nötig habe, so könne er sich bei ihr noch gedulden, und sie möge sich keine Sorge machen. Da überschüttete die Alte Mula Obadjah auf Spaniolisch mit einer Fülle von Segenswünschen. Sie erhob dabei die Hände und beugte ihr Haupt, ihm tief zu danken. Und Muia Obadjah fühlte, daß er etwas Gutes getan hatte. HI. Am dritten Sonntag kamen die Arbeiter nicht mehr zur Arbeit im Garten, weder der Gärtner noch der Tischler, und doch w׳ar die Arbeit noch nicht beendet. Auch Mula Obadjah kam nicht dorthin, und Luna konnte an diesem Tage in Ruhe arbeiten. Als sie mit dem Reinigen der Gefäße vom Sabbat fertig war, setzte sie sich neben den kleinen Oleanderbaum, der bei der Haustür wuchs. Da fühlte sie sich einmal als ein freier Mensch. Befreit von den Blicken des ״Hausherrn“, die ihr keine Ruhe gaben. Sie war nur noch eine Schweifende in einem fremden Haus, die kein Plätzchen mehr für sich fand. Jetzt kehrten die Stunden wieder, in denen sie für sich war. Sie setzte sich mit ihrer Handarbeit in das Vorderammer und versank, wie es oft ihre Art war, in innere Rechenschaft. Still war es im Haus und ringsumher. Die Alte lag heute krank. Die ganze Nacht hatte sie nicht geschlafen. Jetzt hörte man bisweilen leichtes Stöhnen von ihrem Bette her, und Luna saß versunken in Grübeleien, — immer wieder diese Grübeleien, diese ewigen Grübeleien bei ihr. ״Lunachen, Luna!“ rief die Großmutter mit schwacher Stimme von drinnen. Luna trat schweigend ins Zimmer. Sie schien wie eine Schlafwandierin in ihrem Gange, kraftlos von verborgener Unterwerfung. ״Das Essen brennt wohl an. Es riecht etwas“, sagte die Alte sanft, um Luna nicht zu betrüben, ״du hast daran vergessen, Liebling.“ Die Alte klagte nie über solche Dinge. Sie seufzte nur und stammelte zwischen den Lippen: ״Weh’ mir, die Teure, sie• hat ihren Kopf nicht beisammen. Wer will ihr Vorwürfe machen?“ Luna kam und setzte sich in das Hinterzimmer, In dem die Großmutter lag. Eine Stunde der Muße, aber nicht des Müßigseins. Sie hörte nicht auf zu arbeiten, sondern arbeitete im Sitzen. Um sie herum lag ein Haufen Strümpfe, alte Blusen und Wäsche, die zu flicken waren. Diese Stunden hatten ihre verborgenen Schmerzen, aber sie konnte sich nicht von ihnen trennen. Dieses einsame Sitzen, stumm und verschlossenen Mundes, etwas von Oeffnen des Herzens ist dabei. Das Herz ist geöffnet, und hervorquellen Worte einer keuschen Seelensprache. In diesen Stunden merkte sie aut die verborgene Stimme ihres Herzens. Das Herz bebt und Fragen steigen auf. Fragen, die die Seele auch ohne Worte versteht. Ein Quell erschließt sich für die müde Seele. Die Hand fädelte den Faden ein, die Bluse wurde hin und her gewendet, und die Augen, die auf die Naht blickten, starrten nach einem fernen Punkt, der nicht da auf jenem Tuche lag. So saß sie oft, zwei Stunden oder drei, und wenn sie aufstand, wurde sie gewahr, daß sie zwei oder drei von den Kleidungsstücken und einige Strümpfe ausgebessert hatte. Wie viele Jahre saß sie nun schon und flickte? ln allen Wohnungen, die sie bewohnt hatten, seit sie nach Jerusalem kamen, in der Altstadt und außerhalb der Stadt, in diesem Stadtteil oder in einem anderen, nach allen Umzügen und Wohnungswechseln, sah sie sich, solange sie sich erinnerte, meistens an Sonntagen, sitzen mit ihrer gewohnten Arbeit beschäftigt, mit Flicken. Und bei wie vielen Mädchen von ihren Bekannten hatte sich schon das Geschick gewandelt. Die trugen schon auf einem Arm einen Säugling und mit dem anderen zogen sie ein Kind oder zwei hinter sich her. Aber sie — noch immer am alten Fleck. Ihr Schicksal hatte sie an einen Punkt geheftet. Reif war sie, ein altes Mädchen... dreiundzwanzig Jahrei Und in der kommenden Woche in diesem Monat trat sie schon ins Vienmdzwanzigste. Und sie saß noch immer zwischen diesen abgenutzten Lappen. Und kein Stück zur Aussteuer lag im Schrank. Mädchen, die fünf, ja zehn Jahre jünger waren als sie arbeiteten den ganzen Tag an Stickereien und Ausstattungen, alle Hände waren voll Arbeit, all die viele und reiche Habe für die Aussteuer zu richten. Aber sie besaß nichts von alledem. Sogar die beiden bucharischen Mädchen wetteiferten miteinander. Und sie kamen jedesmal, ihr zu zeigen, was sie gearbeitet hatten. Sie, die Arme, gab dann ihr Urteil ab, entschied und gab Ratschläge für die Arbeit — eine saubere und schöne Arbeit. Gleich der Arbeit eines Vogels, der eine zierliche Feder zu seinem Neste trägt. In solchen stillen Stunden, besonders wenn die Großmutter krank im Bett lag wie heute, glaubte sie, verloren und ver-