Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 55 (13.7.1928)
- Date
- 1928-07-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 55, 13. VTT. 1928 Gegen die Hadassah Von Dr. Felix Danziger• Jerusalem Vor einem Jahre wandte sich der Autor dieses Aufsatzes an dieser Stelle gegen die Politik der Hadassah und insbesondere gegen jenes Abkommen, welches die zionistische Organisation mit der Hadassah abzuschließen damals im Begriffe stand und welches praktisch die Unabhängigkeit der Hadassah von der zionistischen Organisation statuierte. Seitdem hat sich manches ereignet, was als Probe dafür angesprochen werden könnte, ob jene damals geäußerten Bedenken sich als richtig erwiesen haben oder nicht. Zu jener Zeit stand der Kongreß vor der Tür. Er bestätigte das Abkommen, damit die Selbständigkeit der Hadassah und ihres Budgets, welches dann auch im Kongreßjahr £ 102000 gegenüber — um nur den Kern zionistischer Arbeit und Aufgaben als Vergleichsobjekt heranzuziehen — £ 106 000 für Kolonisation aufwies. Aber noch auf dem Kongreß selbst platzte eine Bombe in diese Verhandlungen um die Annahme des Abkommens hinein, nämlich der der zionistischen Oeffentlichkeit nicht genügend bekannte Brief des ZBil-Chefs der Palästinaregierung, des Colonels Symes, in welchem er unter ausdrücklicher Hervorhebung, daß seine Meinung auch vom Kolonialminister selbst geteilt würde, die Erklärung abgab, auf Grund eingehender Untersuchung müßte die Regierung die Arbeit der zionistischen Sanitätsorganisation (Lies Hadassah) als ״lavish and extravagant“ (verschwenderisch und extravagant) und nicht gemäß der Situation Palästinas bezeichnen. Inzwischen war die amerikanische Sachverständigen-Kommission der Jewish-Agency, Professor Rosenau, ein Hygieniker von internationalem Ruf, und Dr. WiI e n sky , Chef des Sanitäts-Departments von Boston, in Palästina tätig gewesen. Schon auf dem Kongreß müssen allgemeine Urteile dieser Männer über ihre Erhebungen der Hadassahleitung bekannt gewesen sein, denn das Urteil des Colonel Symes kam ihr darnach nach eigenem Geständnis nicht mehr überraschend. Bald änderte sich denn auch innerhalb der Organisation das Urteil über das Sonderabkommen mit der Hadassah, das man bisher trotz aller Stimmen aus Palästina nicht genügend ernst genommen hatte. Erst als die Lehrer abgebaut, die Gehälter an die Beamten reduziert, Entlassungen vorgenommen wurden, fiel es immer mehr Mepschen auf, warum eigentlich die Angestellten der Hadassah so pünktlich die weit höheren Gehälter beziehen durften, warum das Sanitätsbudget eigentlich über £ 100000 betragen mußte — ausschließlich des besonderen Sanitätsbudgets der Kupat-Cholim — wo doch die Regierung für die gesamte Bevölkerung — an 700000 Seelen einschließlich der 150000 jüdischen — nur etwa £ 80000 benötigte, damit mehr Spitäler unterhielt als die Hadassah usw. Diese Fragen hörte man bald nach dem Kongreß «ich aus dem Munde mancher, die selbst für das Abkommen und sein Zustandekommen mitverantwortlich waren. Was geschah noch in diesem Jahr? In Amerika kam der zionistische Innenkampf, der noch jetzt tobt und klar genug zeigt, mit welcher Sicherheit die zionistische Organisation auf die Hadassah rechnen kann. In Palästina aber geschah folgendes: Miß Szold, die einige Monate vorher im ״New Palestine“ klar ausgesprochen hatte oder hatte aussprechen lassen, daß die Abschaffung des Waad Habriuth ihr wichtigstes Ziel war, mußte die Pille schluckc!\, diese Institution bestehen zu lassen, weil der Kongreß es so wollte. Sie tat es, wie man so etwas gegen seinen eigenen Willen tut: Nach monatelangen Bemühungen, den Waad Habriuth so zu besetzen, daß er einflußlos sein mußte, gelang es ihr, die kontrollierende Tätigkeit des W. H. kaltzustellen, so daß als die andere größere Hälfte ihres Herzens bei der Diskussion des neuen Hadassahbudgets mitsprechen mußte und es natürlieh ira Sinne der Unantastbarkeit des künftigen Hadassahbudgets tat, der eine Vertreter der Exekutive im W. H. Herr B. vorschlug, sich doch aufzulösen. Es ist im politischen Leben immer gut, wenn statt fauler Kompromisse Gegensätze sich damit erledigen, daß die eine der widerstreitenden Meinungen ad absurdum geführt wird. Das ist jetzt bei der Wirtschaft der Hadassah der Fall. Während im Inneren durch die allen offenkundige Unzulänglichkeit ihrer palästinensischen Leitung, über welche hier schon vor einem Jahre andeutungsweise gesprochen worden ist, eine dauernde Gärung und dauernder Wechsel im Aerztebestand anhält, bringt die Hadassah es fertig, für die kommende Aktions-Comitö-Sltzung ein Budget von £ 148 000 gegenüber einem erheblich kleineren ungesicherten für die gesamte zionistische Kolonisation vorzuschlagen. Damit hat sie sich endlich derart ad absurdum geführt, daß wenn sich weitere Kreise im Zionismus für diese Fragen interessieren würden, sich ein Sturm der Entrüstung erheben müßte. Denn, angesichts der großen Auswanderung des letzten Jahres, Fehlens einer Alijah, bei fehlender Reorganisation, ein noch höheres Budget aufzustellen, dieses psychologische Verständnis und diese Sachlichkeit mußte der Hadassah Vorbehalten bleiben. Demgegenüber nützte es natürlich gar nichts, daß der Experte der Exekutive, der Sozialhygieniker Dr. Peiler, unter genauester Kritik der einzelnen Posten, das Budget ohne Gefährdung der Arbeit erheblich herabzusetzen sich erklärte: Hadassah-Vorschlage sind unantastbar. Und nun fragt man, wie lautet denn aber das Urteil litte• rikanischer Sachverständiger, die wirklich kompetent sind? Nun die Berichte der Jcubh-Ageneyexpertcn liegen vor. 400 Seiten stark sprechen jene Experten von der sanitären Arbeit im Lande und der Hadassah im besonderen. Sie haben von allen Seiten Auskünfte eingeholt und das Ergebnis? Vernichtend für die Arbeit und die Politik der Hadassah, wie wir es hier nie geahnt hätten. Die Kritik des Autors und seiner sachverständigen Mitkämpfer gegen die Mißwirtschaft der Hadassah ist durch diesen Bericht vielfach überboten. Die Experten erkennen natürlich viele von der Hadassah geleisteten Arbeiten an, fügen aber sofort hinzu, daß diese Arbeiten nicht in den Bereich der Hadassah-Arbeiten gehören, wie z. B. Schulhygiene, Mutter- und Säuglingsfürsorge, welche Sache der Regierung sei. Sie geben — man staune — für die teilweise ablehnende Haltung der Regierung in Fragen der Beihälfe für jüdisch sanitäre Institutionen der Politik der Hadassah schuld an dieser Haltung der Regierung. Sie kritisieren die Spitalstätigkeit, welche selbst an für Europa und amerikanischen gemessenen Verhältnissen mit zu großem Aufwand und zu großem Personal arbeitet. Sie verlangen die Uebergabe der Sanitätsarbeit an die zionistische Exekutive und sie schließen mit den tapferen Worten, daß che nicht diese Forderung erfüllt wäre, sich gerade die besten Elemente im Lande nicht würden zufrieden geben können. Und die Antwort auf diesen Bericht, der wie ein luftreinigendes Gewitter wirken ffl&Bte: JUED1SCHE RUNDSCHAU Das neue Budget von £ 148 000 ohne die Spur de« Versuches einer Reorganisation. Was geht hier vor? Woran liegt diese Wirtschaft? Nun, man muß unbekümmert um die weiteren Zeichen von Erkenntlichkeit für die Kritik sagen, woran es liegt, daß hier mit Gesundheitsfragen in Palästina ein solches Spiel getrieben wird, das mehr, als man draußen vielleicht versteht, an den Lebensnerv der Arbeit hier zu Lande rührt. Die Oründe sind folgende. Erstens fehlt der Hadassahleitung jede Kenntnis und Verstandnis für die Zuständigkeit anderer Expertem als amerikanischer. Ihre eigenen Direktoren haben sich als völlig unkompetent erwiesen, sie waren auch nie eigentliche Fachleute, sondern Ihre Eigenschaft als Amerikaner, irgendeine Tätigkeit an einem amerikanisch-jüdischen Krankenhaus in mehr oder weniger vergleichbaren Stellungen befähigte sie in den Augen ihrer Landsleute zur Lösung höchster palästinensischer Spezialaufgaben. Mit keinem von ihnen ist die Hadassah-Leitung selbst in Frieden geschieden. Dementsprechend wurden europäische Fachleute, wie Prof. Erdheim, Wien, Dr. Artur Felix, jetzt in London, und noch auch Dr. Peiler — in den Berichten von Völkerbundsanitätskommissionen rühmlichst hervorgehoben — planmäßig -- ich sage das, bereit, diese Behauptungen vielfach zu belegen — in ihrer Arbeit lahmgelegt und zum Verlassen Palästinas gezwungen. Warum aber auch die Uebergehung der Kritik jener amerikanischen Experten? Hier zeigt sich, rettungslos blosgestellt, das Wesen der Hadassahfronde. Die Hadassah-Leitung darf nicht unrecht haben und sie braucht sich nicht zu ändern, weil, nun weil sie eine — Frauenwirtschaft —• sit venia verbo — ist. Hier und nirgend wo anders liegen die Wurzeln dieser Mißwirtschaft, die deswegen so depravierend wirkt, weil sie, teils geführt, teils führend, hier und drüben von Männern mitgemacht wird, die ihre persönlichen und sachlichen Sonderinteressen dabei verfolgen. Der Kampf in Amerika selbst zeigt den Rest der Ursachen, warum die Hadassah. so kämpft: Es ist der blanke Machthunger einzelner Frauen (sicherlich nicht aller) die sich behaupten und durchsetzen wollen, wie sic das in Amerika als selbstverständlich gewohnt sind. Aber weil die Dinge sich so verhalten, wie ich sie geschildert habe, muß schon heute mit aller Deutlichkeit gesagt werden, daß die medizinische Organisation Hadassah in ihrer jetzigen Form eine akute Gefahr für die zionistische Arbeit darstellt. Sie muß aufhören in ihrer jetzigen Gestalt zu bestehen. Ein Sanatorium für Mütter und Kind Aal den Namen Ber Borochows Nach der Errichtung des Sanatoriums ״Arsah“ in Mozah bei Jerusalem gelang es der Krankenkasse der palästinischen Arbeiterschaft, auf dem Karmel ein Sanatorium zu vollenden, daß speziell kranken Müttern und ihren Kind e r n dienen soll. Durch den Bau dieses Sanatoriums, den die Krankenkasse schon seit Jahren anstrebt wird ein Bedürfnis befriedigt, das im Lande sehr lebhaft fühlbar ist. Man muß bedenken, daß der Uebergang zu körperlicher Arbeit bei Menschen die aus Europa kommen und sich an das subtropische Klima Palästinas gewöhnen müssen, die Leiden die den meisten von ihnen die Malaria verursacht, wplche an verschiedenen Punkten des Landes herrscht, die' schweren Bedingungen unter denen der Arbeiter im Land lebt, daß alle diese umstände Ursache zahlreicher Erkrankungen und körperlicher Schwäche sind und die Krankenkasse zu intensiver Tätigkeit auf dem Gebiet der Erholungsfürsorge zwingen. Der Anfang auf diesem Gebiet wurde mit dem Sanatorium in Moza bei Jerusalem gemacht. Fünfhundert Kranke im Jahre finden dort die Möglichkeit, sich zu erholen und wieder arbeitsfähig zu werden. Unter der Schwächung der Gesundheit leidet hauptsächlich die arbeitende Frau. In vielen Fällen aber ist der ökonomische Zustand der Familie vom Gesundheitszustand der Frau abhängig. In der einzeln arbeitenden Familie kann die erholungsbedürftige Mutter das Kind nicht zu Hause lassen, sie muß es also mit sich nehmen, aber für das Kind ist kein Platz im Sanatorium in Moza. Wenn sie keinen Ausweg mehr hat, geht sie in ein Hotel oder Privathaus oder zu Bekannten, die Mutter muß dann ihr Kind pflegen und abgesehen davon, daß es teuer ist, hat die Erholung nicht den erwünschten Erfolg. Die Krankenkasse erstrebt dabei schon seit Jahren ein Erholungsheim speziell für Mutter und Kind, in welchem die Mutter 3 — 4 Wochen richtig ausruhen kann, frei von der Sorge um das Kind. Der Versuch wurde vor etlichen Jahren in Nazareth gemacht und die Resultate waren wunderhar. Das Kind wurde der Aufsicht einer erfahrenen Schwester übergeben und da die Mutter frei war von der Sorge für das Kind und sicher war, daß es gut gepflegt würde, wurde sie rasch gesund und nahm noch an einem praktischen Kurs in Kinderpflege teil. Mit Hilfe des ״Arbeiterverbandes“ in Amerika, des verstorbenen Lange in Sichron Jakob und des Herrn Rosenthal in Deutschland, welcher einen speziellen Pavillon zum Gedächtnis seines als Chahiz in Deutschland verunglückten Sohnes errichtete, gelang es min der Krankenkasse, ihren größeren Plan in die Tat umzusetzen. Die Resultate werden hier natürlich besser sein. Zwar ist in Nazareth die Luft gut, aber sie kann mit der Meer- und Gebirgsluft des Karmel nicht verglichen werden; in Nazareth war das Sanatorium in einem gemieteten Haus untergebracht, das selbstverständlich nicht dazu geeignet war, hier ist es ein moderner Bau voll Licht und Luft eigens für diesen Zweck errichtet. Er steht auf dem Karmel, ist von Haifa aus mit dem Auto in zwanzig Minuten erreichbar und in drei Pavillons geteilt: zwei sind für 15 Kranke mit ihren Kindern bestimmt, der dritte für Küche und Speisesaal und Personal. Dazu gehört auch eine Küche von 45 Dunam auf welcher ein Hain und rings um die Gebäude ein Oarten angelegt ist. Das monatliche Budget wird MO Pfund betragen, von denen 100 die Kranken bezahlen und 100 aus anderen Quellen aufgebracht werden müssen. Das Sanatorium muß in den nächsten Wochen eröffnet werden, es fehlt aber noch die Einrichtung, die 250 Pfund kosten wird, und die Kasse hat vorläufig die Quelle für die Aufbringung der oben erwähnten 100 Pfund noch nicht gefunden. In anderen Ländern unterstützt die Regierung solebenswichtige Anstalten, in Palästina ist die Sache anders, und die Kasse muß sich deshalb bemühen mit verschiedenen Kreisen innerhalb und außerhalb Palästinas in Verbindung zu treten, damit sie es auf sich nehmen, die Eröffnung und Erhaltung dieser wichtigen Anstalt zu ermöglichen, in welcher 200 Mütter mit ihren Kindern Erholung finden und einen Kurs in Kinderpflege machen werden. Die Kasse wendet sich also besonders an die Frauen und erwartet ihre Hilfe, weiche sicherlich nicht ausbleiben wird. Jeschua Manoach (Dagania, z. Zt. Wien). 90Slft 309 Gegen die Prügel-Strafe Von Dr. David Farbstein, Zürich, Mitglied des schweizerischen Nationalrats, Mitglied des Kassationsgerichts des Kantons Zürich. Im Gefängnis in Jerusalem ist eine Anzahl politischer Ge* fangencr verhaftet. Ei sind Kommunisten, die zur Landeaver- Weisung — Juden zur Landesverweisung aus der jüdischen Heimstätte! — verurteilt sind wegen politischer Aktionen oder auch wegen einfacher Zugehörigkeit zur Kommunistischen Partei. Ein Teil der Gefangenen sitzt wegen Verteilung von Flugblättern, wegen Teilnahme an kommunistischen Versammlungen. Vor einiger Zeit ist es zwischen einigen der Gefangenen und den Gefängniswärtern zu Zwischenfällen gekommen. Die Wärter haben verlangt, daß die politischen Gefangenen den üblichen Spaziergang im Gefängnishof vorzeitig unterbrechen. Die Oefangenen weigerten sich und wurden schließlich mit Oewalt gezwungen zu gehorchen. Hierbei sollen sie geschlagen worden sein. Die politischen Gefangenen begannen als Protest einen Hungerstreik und übermittelten der Gefängnisverwaltung ihre Forderung, vor allem Trennung von den gewöhnlichen Verbrechern, Zuweisung von Betten und Lesestoff. Als Antwort darauf hat die Gefängnisverwaltung mit ausdrücklicher Erlaubnis des Regier ungskommissärs in Jerusalem an drei dieser politischen Gefangenen die Prügelstrafe vollstreckt, indem sie mit je zwölf Rutenstreichen bestraft wurden. Diese Maßregel wurde gegenüber den politischen Gefangenen während ihres Hungerstreiks angewandt. Die tatsächliche Darstellung, die ich hier gebe, stützt sich auf eine Korrespondenz in der ״Jüdischen Rundschau“ Nr. 47, auf die Darstellung im Memorandum der palästinensischen Arheiterorganisation, publiziert in der Nr. 920 des Davar Palestine Labour Daily und auf die Darstellung in Nr. 94 der Mitteilungen der The Palestine Workers Fund. In der Nummer 935 des Davar wird die Antwort des englischen Kolonialministers mitgeteilt Nach dieser Antwort sollen die drei kommunistischen Arbeiter die Wärter mit Steinen beworfen haben. Der englische Kolonialminister hat erklärt, daß die Prügelstrafe die gesetzliche Strafe wegen Ungehörigkeiten im Gefängnis ist. In der Nr. 936 des Davar wird hierauf eine Antwort von einem am Hungerstreik Beteiligten publiziert. Dieser erklärt, es sei absolut unwahr, daß die Gefangenen die Wärter mit Steinen beworfen haben, es sei auch unmöglich gewesen, weil der Gefängnishof einen festen Belag hat. Die Gefangenen hätten nur protestiert als man sie veranlassen wollte, den Spaziergang zu unterbrechen. Sie verlangten, daß der Aufsichtsbeamte komme, hierauf seien sie von den Wärtern in einer unerhörten Weise mißhandelt worden, was auch die übrigen Gefangenen bezeugen können. Ich lasse es dahingestellt, welche Version die richtige ist. Es scheint mir sehr unglaubwürdig zu sein, daß Gefangene gewagt hätten, die Wärter anzugreifen. Aber auch angenommen, daß die vom Kolonialminister gegebene Darstellung wahr wäre, so ist die Prügelstrafe gegenüber politischen Gefangenen etwas Unerhörtes, was unter Kulturmenschen nicht Vorkommen soll. Stände diese Tat der ejfolgten Prügelstrafe nicht fest, so hätte man kaum glauben können, daß sie möglich sein könnte. In den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderte hat Wjera Sassulitsch auf den Petersburger Gouverneur Trepoff geschossen und ihn schwer verletzt. Trepoff ließ politische Gefangene prügeln. Wjera Sassulitsch hat die von Trepoff begangene Schandtat rächen wollen. Wjera Sassulitsch wurde vor Schwurgericht gestellt. Die Geschworenen von Petersburg haben ihn freigesprochen. Die ganze gesittete Welt hat diesem Wahr- Spruch zugejubelt. Jetzt nach rund 50 Jahren erlaubt sich ein englischer Regierungskommissär, ein Beamter eines der freiesten Kulturländer der Welt, politische Gefangene während des Hungerstreiks geißeln zu lassen — als Antwort auf ihre Begehren, eine menschliche Behandlung zu erfahren. Gegen diese Prügeleien haben der Gemeinderat von Tel- Awiw, verschiedene öffentliche Versammlungen und insbesondere die Arbeiterorganisation Palästina protestiert. Die Arbeiter- Organisation hat die Labour Party in London angerufen. Nun wende ich mich an die Zionistische Exekutive, ich bin kein Kommunist, bin ein Gegner der Kommunisten, bin aber Mensch und nihil humani mihi alienum est. Als Mensch betrachte ich jede Prügelstrafe als eine Ungehörigkeit und das Prügeln von politischen Gefangenen als ein Verbrechen dem menschlichen Geiste gegenüber. Die Gefangenen waren politische Gefangene, ihre politische Ueberzeugung muß gleichgültig sein. Die Zionistische Exekutive ist bis auf weiteres die Jewish Agency. Ich frage die Zionistisch e Exekutive: Hat sie gegen diese Taten bei der Mandatsregierung protestiert? Hat sie von der Mandatsregierung verlangt, daß die Beamten, die diese Prügelstrafe beschlossen, gebilligt haben, sofort entlassen werden? Und nun zu Mr. Norman Bentwich. Sie, Mr, Norman Bentwich, sind der oberste Justizbeamte der Mandatsregierung in Palästina. Auch an Sie habe ich einige Fragen zu stellen. Ich will mich nicht mit Ihnen über das Wesen der Prügelstrafe unterhalten. Die mit Rücksicht auf ihre Bevölkerungszahl kleine, aber mit Rücksicht auf ihre Kultur und humane Gesinnung große Schweiz hat schon vor 54 Jahren in ihrer Bundesverfassung die körperlichen Strafen absolut und unbedingt verboten. Gestatten Sie mir aber, wenn ich einen Satz zitiere aus dem unlängst erschienenen Buch des geistreichen Schriftstellers B. Traven, Traven schreibt: ״Eine Schießwunde vernarbt. Ein Peitschenhieb vernarbt nie. Er frißt sich immer tiefer in das Fleisch, trifft das Herz und endlich das Hirn und löst den Schrei aus, der die Erde erbeben läßt. Den Schrei Rache“! Warum ist Rußland in den Händen der Bolsches? Weil dort vor dieser Zeit am meisten gepeitscht wurde. Die Peitsche der Polizisten ebnet den Weg für die Heranstürmenden, deren Schritte Welten erdröhnen 11 na Systeme explodieren macht. Wehe den Zufriedenen, wenn die Gepeitschten ״Rache“ schreien. Vielleicht werden Sie, Mr. Norman Bentwich über diesen Satz nachdenken. Er enthält manche Wahrheit. Aber jetzt einige Fragen an Sie, Mr. Bentwich. Sie sind seit fast zehn Jahren Oberstaatsanwalt und der oberste Justizbeamte Palästinas. Warum haben Sie nicht gesorgt, sei es durch Antragstellung oder durch Ausarbeitung von Gesetzes* entwürfen, daß die das menschliche Wesen entwürdigenden Methoden verschwinden? Wichtiger sind folgende Fragen Wußten Sie vor dem 31. Mai, daß gegenüber drei politischen Gefangenen während des Hungerstreiks die Prügelstrafe vollzogen werden soll oder wußten Sie es nicht? Wenn Sie es wußten, warum haben Sie nicht inhibiert? Wollen Sie nicht dafür sorgen, daß in Zukunft solche so schwer das menschliche Ansehen schändende Handlungen unterbleiben sollen? Max Nordau hat einmal an einem Zionistenkongreß von einem Weltgewissen gesprochen. Wäre Max Nordau noch unter den Lebenden, so hätte er das Weitgewissen als Weltgericht angerufen, um über die am 31. Mai im Gefängnis von Jerusalem begangenen Prügeleien zu richten. Der Professor für semitische Sprachen an dem Orientologisehen Institut zu Rom, Prof. Dr. Dante Lattes, hat soeben ein zweibändiges Werk in italienischer Sprache über den Zionismus erscheinen lassen. Eine jüdische Wochenschrift in deutscher Sprache wird in diesen Tagen in Danzig als das Organ der neugegründeten Jüdischen Volkspartei zu erscheinen beginnen. Als Herausgeber wird der bekannte Zionfet Dr. Landau zeichnen.