Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 55 (13.7.1928)
- Date
- 1928-07-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 55, 13. VII. 1928 JUEDfSCHE RUNDSCHAU Seite 397 Um den Beridit der Agency-Kommission Die Liquidation Von Richard Lichtheim. Der Bericht der Londoner ״Experten“-Kommission hat zur Folge gehabt, daß Dr. Weizmanns Agency-Politik aufs neue zur Diskussion gestellt wurde. Kürzlich hat hier Dr. Soloweitschik für die Radikalen, Dr. Felix Weltsch für einen Teil der ״regierungstreuen“ Zionisten gesprochen. Im Folgenden will ich versuchen, den Standpunkt der Revisionisten zur heutigen Phase des Agency-Problems in Kürze darzustellcn. 1. Der jetzt veröffentlichte Bericht der ״Survey-Commission“ ist für keinen Kenner der palästinensischen Verhältnisse von Belang. Er enthält keine Feststellung, keine Meinung, keinen Vorschlag, kurz nichts, was nicht jeder ernsthafte zionistische Politiker längst von der einen oder der anderen Seite her erfahren und erörtert hätte. Es bleibt nur die von uns seit langem kritisierte Tatsache zu buchen, daß die zionistische Leitung sich seit Jahren als unfähig erwiesen hat, von sich aus einen derartigen Bericht, ein derartiges zusammenfassendes Wirtschaftsprogramm zu formulieren. Die Ursache dieses Mangels liegt im Wesen dieser Exekutive begründet, die in wirtschaftlichen Dingen niemals eine Meinung äußern wollte oder konnte. Ueber den sachlichen Inhalt des Berichts gehen die Mcinungen auseinander. Daß die linken Gruppen den Bericht ablehnen, versteht sich. Andere Gruppen stimmen den kritischen Feststellungen des Berichts bezüglich der ״Arbeiterwirtschaft“ zu. Aber auch diejenigen von uns, die selbst an dem bisherigen System der Arbeit (das ja im wesentlichen in der Förderung der Histadruth und ihrer Institutionen bestand) ernste Kritik geübt haben, müssen Dr. Soloweitschik Recht geben, wenn er sich gegen den Geist und die Tonart des Berichts der Survey- Commission wendet. Es ist eben ein Unterschied — das wollte die ״Linke“ nie begreifen — ob ein demokratisch denkender Kongreßzionist an gewissen Uebertreibungen und Ausschrei־ tungen unserer Arbeiterpolitik Kritik übt, oder ob ein Philantropen-Komitee im Wege der ״Administration“ auf seine Weise ״Ordnung schafft“. Vielleicht gewinnt die Linke nach der schmerzlichen Erfahrung dieses Berichts ihre Denk- und Handhmgsfreiheit so weit zurück, daß sie auch die Haltung zu wiirdigen und zu vertreten vermag, welche die grundsätzlichen Gegner der Agency-Politik von jeher eingenommen haben. Das wäre ein positiver Gewinn dieses Expertenberichts. 2. Bringt der Bericht sachlich kaum etu׳as Neues, so ist seine Annahme oder Ablehnung durch die Zionistische Organisation dennoch insofern von hoher Bedeutung, als dieser Bericht das Aktionsprogramm der künftigen Jewish Agency darstcllen soll. Es ist daher unzulässig und bedeutet eine neue Verwirrung der öffentlichen Meinung, wenn gewisse zionistische Führer, die selbst der Linken angehören oder nach links tendieren, durch Bagatellisierung des Expertenberichts ihre sachliehe Gegnerschaft gegen den Bericht mit ihrer Weizmanntrcue zu vereinigen suchen. . Entweder —־oder. Mail ist für oder gegen den Bericht aber wenn man dagegen ist, so kann man nicht die Bildung einer Agency befürworten, die eben auf Grundlage dieses Berichts arbeiten soll. Auch Herr Dr. Felix Weltsch will dem Dilemma dieses ״entweder — oder“ entgehen. Er will den Plan annehmen und dann um den ״zionistischen“ Aufbau kämpfen. Aber das ist unmöglich. Man kann nicht einen Vertrag mit den Nichtzionisten schließen ,und zugleich den Kampf gegen den Inhalt des Vertrages proklamieren. Wir könnten den Rat des Dr. Felix Weltsch befolgen, wenn wir statt der unsinnigen und resultatlosen ״Agency-Politik“ den fruchtbaren Gedanken der Kooperation mit Nichtzionisten verwirklicht hätten. Seit Jahren haben wir Revisionisten erklärt, daß wir die Kooperation mit den anderen jüdischen Elementen wünschen. Jabotinsky sprach vom ״Zweikammersystem“. Der Ausdruck trifft nicht ganz die Sache (denn die Agency hat keine ״Kammern“ — sie ist eine politische Funktion und unteilbar), aber er deutet an, was w׳ir meinen: Die politische Funktion der Agency soll, wie es im Mandat bestimmt ist, der Zionistischen Organisation verbleiben. Die dort vorgesehene Kooperation anderer jüdischer Kreise ist nur durch schöpferische Gestaltung des allmählich erwachenden, aber noch ganz ziellosen Palästinaintcresses der Nichtzionisten schrittweise zu erreichen. Dazu gehörte Mut, Geduld und der Glaube an die Kraft der zionistischen Bewegung. Da der zionistischen Leitung eben diese drei Voraussetzungen einer ernsthaften und erfolgversprechenden innerjüdischen Palästinapolitik fehlen, da ihre Motive Furcht, Ungeduld und innere Abkehr von der Zionistisehen Organisation waren, so stürzte sie sich blind und gedankenlos in jene ״Agency-Politik“, deren Früchte nun so herrlich gereift sind. Wer ernsthafte Kooperation mit den Nichtzionisten wünscht, u׳er mit uns glaubt, daß diese zu erreichen ist, wenn eine starke Zionistische Organisation die Führung der Palästinasachc in der Hand behält — der darf auch hoffen, in der Kooperation mit den anderen Elementen zionistische Grundsätze zur Anerkennung zu bringen. Die nervöse Bankerott- Politik dieser Leitung aber kann für nichts mehr kämpfen. Sie kann nur liquidieren. 3. Ueber der Diskussion des Expertenberichts wird vergessen, daß die Bildung der Jewish Agency gemäß Dr. Weizmanns Vorschlägen seit fünf Jahren keinen Schritt weiter gekommen ist. Die Einsetzung der ״Experten“ war ja juch nur ein Verlegenheitsmittel, um darüber hinwegzuhelfen, daß die schon vor zwei Jahren beschlossene ״Bildung“ der Jewish Agency auch vor einem Jahre wieder nicht vorwärts kam. Es lag eben dem ganzen Projekt niemals ein durchdachter und ausführbarer Plan zugrunde. Herr Dr. Kanowitz, den neuerdings das Gewissen treibt, die Geschichte der Agency-Politik zu studieren, hat kürzlich hier ausgeführt, Dr. Weizmann habe eben rechtzeitig bemerkt, daß es in Amerika viel mehr Geld als in Europa gebe und sei dadurch zu seiner Agency-Politik gedrängt worden. Das ist ein historischer Irrtum. Die Agency-Politik begann höchst negativ mit der Abkehr Dr. Weizmanns von der Zionistischen Organisation (man vergleiche den Verlauf der Karlsbader Jahreskonferenz von 1922), versuchte vergeblich, zunächst in Eng- Und Gestalt zu gewinnen (Verhandlungen mit Angio Jewish Association, Mr. d’Avigdor-Goldsmith u. a.), führte 1923 zur Entsendung eines von Dr. Soloweitschik und mir scharf kritisierten Briefes an die englische Regierung (worin die Zustimmung der Regierung zur Erweiterung der Jewish Agency zunächst durch englische Juden erbeten wird!) und bekam ihr ״amerikanisches“ Gesicht erst einige Zeit darauf, als alle diese Versuche sich als ergebnislos herausstellten und Herr Marshall gewillt schien, auf Dr. Weizmanns Vor- Schläge einzugehen. Das war vor fünf Jahren. Was ist heute? 4. Daß die Agency-Politik kein neues Geld gebracht hat, ist allmählich bekanntgeworden. Daß die Vorschläge der Expertenkommission in dieser Hinsicht auch die bescheidensten Hoffnungen enttäuschen müssen, steht fest. Der Bericht enthält über die künftige Finanzierung des Aufbaus Palästinas erstaunlich wenig. Er beantwortet nicht einmal die den Experten gestellten Fragen hinsichtlieh des Bank- und Kreditwesens. Er empfiehlt, weiter für den Keren Hajessod zu sammeln und stellt die Unterschriften der Experten unter einen Keren Hajessod-Aufruf in Aussicht — wenn alle Vorschlage des Berichts durchgeführt und die neue Agency gebildet sein wird. Das ist recht wenig, wenn man die feurige Argumentation bedenkt, mit der vor fünf Jahren die Agency- Politik empfohlen und ihre Gegner abgetan wurden: ״Palästina kann nicht warten“. Immerhin gibt es bescheidene Gemüter. Der wahre Anhänger der Weizmannschen Agency-Politik kann niemals ganz unzufrieden sein. So schreibt Dr. Felix Weltseh in seinem oben erwähnten Artikel: ״Finanziell entpricht der Bericht nicht gerade den kühnsten Erwartungen — wahrhaftig nicht; aber immerhin entspricht er — bescheidenen Erwartungen. Er ist natürlich keine Erfüllung dieser Erwartungen, aber immerhin eine Stärkung.“ Uns scheint, daß der Verfasser dieser Sätze viel Geist aufwendet, um das Manko an Geld zu verbergen. 5. Unsere entscheidenden Einwände gegen die Agency- Politik sind die gleichen wie vor fünf Jahren und daher von dem Expertenbericht unabhängig. Die Durchführung der Weizmannschen Agency-Politik wäre das Ende der Zionistischen Organisation. Aller gegnerischen Rabulistik zum Trotz erklären wir, daß eine Zionistische Organisation mit ihren Hauptorganen — Kongreß, A.-C, Exekutive — eine vollendete Sinnlosigkeit ist, wenn eine andere Körperschaft die Leitung nicht nur der wirtschaftlichen Aufbauarbeit, sondern vor allem der politischen Repräsentanz des Palästina- Werkes übernimmt. Der Kongreß, der nur noch die berühmten 50 °/0 der Agency zu wählen, aber nichts mehr zu beschließen hätte, wäre eine Farce. Die Zionistische Organisation, an deren Erhaltung außer den Beamten dann niemand mehr Interesse hätte, müßte sehr bald auseinanderfailen. Dieses Experiment kann —־ wie wir vor fünf Jahren erklärt haben — nur dann und erst dann gewagt werden, wenn ein neues, größeres und besseres Gebilde, das die gleichen nationalcn Ziele mit mindestens verdoppeltem Elan verfolgt, an die Stelle der Zionistischen Organisation zu treten vermag. Für ein zufällig zusammengelesenes Notabeinkomitee, das niemandem verantwortlich 18t, geben wir die ־ZiöMstiscIfe Organisation nicht auf. Nichts anderes aber kann aus Dr. Weizmanns Agency-Politik herauskommen. 6. Was unsere besonderen politischen Forderungen betrifft, so irren sich die guten Leute, welche meinen, der Expertenbericht sei doch so ״revisionistisch“, daß er uns mit der ganzen Agency-Politik versöhnen müsse. Gewiß enthält der Bericht politische Forderungen, die wir seit Jahren erhoben hatten, die von der Leitung höhnisch zurückgewiesen wurden (vgl. Weizmanns Rede gegen Jabotinsky auf dem 14. Kongreß), sich aber dann in der öffentlichen Meinung durchsetzten (vgl. die Resolutionen des 15. Kongresses) und nun auch bei den Nichtzionisten ein Echo fanden. Aber das ist kein Grund, die zionistische Politik, die noch viele Kämpfe und Krisen zu bestehen haben wird, den Nichtzionisten auszuliefern, deren Motive und Ziele mit unseren Motiven und Zielen nicht übereinstimmen. Heute kann das Weekendlunch der Nichtzionisten Beschlüsse bringen, die uns Zusagen. Morgen kann ein anderer Wind wehen. Auch wenn der neue Steuermann bei heiterem Himmel richtig steuert, so werden wir ihm unser Schiff doch nicht bei Sturm und Nebel anvertrauen, solange er nicht bewiesen hat, daß er unsere Leuchtfeuer genau kennt. Die Zionistische Organisation und ihre Politik stehen auf dem Spiele. Noch einmal haben die Zionisten zu wählen, ob sie den Zionismus liquidieren wollen — oder die Agency-Politik Dr. Weizmanns. Der zweite Schritt Von J. N a i d i t s c h, Paris. Der erste Schritt war das Uebereinkommen zwischen Dr. Weizmann und Marshall über die Entsendung der Experten nach Palästina. Der zweite Schritt, der eben jetzt getan wurde, ist die Meinungsäußerung der Sachverständigen in der Londoner Kommissionssitzung. Jetzt bleibt noch der dritte und letzte Schritt zu tun: die Schaffung der Jewish Agency in Uebereinstimmung mit den Bedingungen, welche der XV. Kongreß beschlossen hat. Es ist selbstverständlich schwer, von vornherein zu übersehen, wieviel Zeit vergehen wird, bis in endgültiger Form die Agency erweitert sein wird. Es ist das von der Aktivität ■■■«■■■■■■■■■■■■■י■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■ ■ 1 iMliche Versammlung des MM j ■ am Mittwoch, den 18. Juli 1928, abends 8]/4 Uhr in 1 ■ den SophiensSJen! Sophienatr. 17/18 (Nähe Bahnh. Börse) " ■ ■ ■ Es werden eprechen: g £ Raw J. Hakohen-Fiachmann, Mitglied de« Merkt• Olami•Jerusalem’ J ■ Gedenk• und Tranerrede für nueren Führer ן 5 S. Ch. Landern n. A. ■ ■ g ■ Raw Meier Berlin, Vorsitrender de» Merkas Olami - Jerusalem' g J Dia Aaf sabm and Arbeiten dea Misrachl In Erex Israel ■ ■ Herr M-Sci»apiro, MilgL d. Leitung d■ Miirarhi-Arbeiler.diaH - jfnisalem: g jj Dt* Arbeiterschaft nnter der De viae Thora wa-Awodah, ■ g Um zahireiches Erscheinen bittet g 5 Zentralbau! des ״misrachr in Deutschland! der Zionistischen Organisation abhängig und von ihrer Fähigkeif, diese Arbeit im Laufe der kommenden Wintermonate zum Abschluß zu bringen, nachdem die Londoner Sitzung der Ageney-Kommission den Termin bis Oktober 1929 bestimmt hat. Der heftige Ideenkampf, den die Verlautbarung der Londoner Sitzung in unserem Lager erwecken muß, ist durchaus verständlich. Noch verständlicher ist uns die psychologische Grundlage dieses Ideenkampfes: es ist schwer für eine Organisation wie unsere zionistische, die es wagte, allein und einsam in unserem Volke, ohne Helfer und Stütze von außen, die hohe Last des zweifachen Aufhaus zu tragen — des Volkes und_ Landes es ist für eine solche Organisation schwer, sich mit dem Gedanken abzufinden, daß gerade in der Zeit, wo die Möglichkeit der Verwirklichung ihres Ziels gegeben ist, Menschen von außen kommen, um Kritiker und Wegweiser zu sein. Wir müssen uns aber von solchen Gefühlen fernhalten und das Geschehene mit der nötigen Objektivität betrachten: Ls ist Tatsache, daß in unserer Welt etwas Außerordentli'ches und Wichtiges geschehen ist, von großem Wert für den Aufbau des Landes; es ist Tatsache, daß neue Menschen von großem Gewicht die Verantwortung für den Aufbau des Landes auf sich genommen haben. Was hat sich denn ereignet? Muß die Zionistische Organisation jetzt wirklich einen Teil ihrer Souveränität den Nichtzionisten abgeben? Der grundlegende und hauptsächliche Gedanke der erweiterten Agency: der Uebergang von einer Partei im Volke zur Vollstreckerschaft des ganzen Volkes beim Aufbau des Landes — hat seine Anfänge schon in den Tagen der ersten, nach den Jahren der allgemeinen Wirrnis im Jahre 1920 in London abgehaltenen, Konferenz. Es lagen uns damals drei Vorschläge vor: Der erste stammte von Brandeis und verlangte die Wahl von drei nichtzionistischen Sachverständigen, welche unsere Arbeit zu leiten und ihr Geschick bestimmen sollten, ohne den obersten zionistischen Instanzen, Kongreß und A.-C, unterworfen zu sein. Und als damals Brandeis von einem der Mitglieder des Permanenzausschusses gefragt wurde, was denn das Schicksal und die Aufgabe der Zionistischen Weit- Organisation sein solle, nachdem ihr alle verantwortliche Arbeit abgenommen sein wird, antwortete Brandeis ohne lieber!egung: ״Unter/ugehen.“ Der zweite war der Vorschlag zur Einberufung eines jüdischen Weltkongresses, dem die Zionistische Organisation die ganze Verantwortung für den Aufbau des Heimlandes hätte übergeben sollen und der auch die Sorge für die Aufbringung der hierfür notwendigen Mittel hätte übernehmen müssen. Der dritte war der Vorschlag auf Schaffung des Keren Hajessod, aufgebaut auf dem Grundsatz, daß jeder Jude, der von seinem Geld für den Aufbau des Landes Mittel bereitstellt, den Angehörigen der Zionistischen Organisation gleichberechtigt seine Meinung über die Verwendung der Gelder und ihre Bestimmung äußern soll. Die Londoner Konferenz hat den Antrag von Brandeis damals nicht angenommen, denn sie wollte sich dem Urteil eines raschen Todes nicht unterwerfen. Sie sah auch keine Möglichkeit zur Einberufung eines jüdischen Weltkongresses, Deshalb kam damals die Konferenz zu der einmütigen Annähme des dritten Vorschlages, den Keren Hajessod zu begründen. Es war dabei klar, daß mit der Begründung des Keren Hajessod die Zionistische Organisation aufhört, der einzige Faktor in Sachen des Budgets zu sein und daß allein die große politische Arbeit auch weiter ihren Händen anvertraut bleibt. Von diesem Zeitpunkt an setzt die Entwicklung ein, weiche auf natürlichem Weg zu der jetzigen Londoner Sitzung der Ageney-Kommission und ihren Vorschlägen geführt hat. Und in dieser verantwortlichen Stunde müssen wir unser tiefes Bedauern darüber aussprechen, daß die Beschlüsse der Londoner Konferenz von 1920 und des Karlsbader Kongresses von 1921 über die Bildung eines ״Obersten Rates“ der zionistischen und nichtzionistischen Keren Hajessod-Zahler nicht zur Ausführung gekommen sind. Die Verantwortung dafür, daß diese Beschlüsse unserer höchsten Instanzen unausgeführt blieben, fällt auf jene Mitglieder der damaligen zionistischen Exekutive in London, die sich mit allen Mitteln auflehnten, durchzuführen, was ihnen vom Kongreß auferlegt war. Infolgedessen ist geschehen, was in solchen Fällen immer geschieht: wer durch die Zeit notwendig gewordene Verzichtleistungen verweigert, der ist später gezwungen, sich dem bitteren Muß zu beugen und Verzichte anzuerkennen, die bei weitem schwerer sind: im Verlauf der folgenden Aufbauarbeit wurde klar, daß über der Zionistischen Organisation die Gefahr der Vereinsamung in der Arbeit schwebt, und um dieser Gefahr zu begegnen, betrachteten die weiteren Kongresse die Frage einer Erweiterung der Jewish Agency in einem umfassenderen Sinn: Nicht hur die Bemühungen um Aufbringung der Gelder und Sorge um ihre Verteilung sollten gemeinsam sein. Vielmehr w׳urde den zur Mitarbeit am Aufbau Bereiten auch das Recht der Mitentscheidung in allen Arbeitszweigen, die sich aus den Errungenschaften der Zionistischen Organisation, aus der Balfour-Deldaration und den verschiedenen Völkerbundsverträgen ergeben, zugestanden. Die Verlautbarung der Ageney-Kommission liegt nun vor uns. Was hat sie uns gebracht? Ihr Arbeitsplan ist nicht neu. Es ist der Plan unserer Kongresse. Haben wir denn aber wirklich erwartet, daß Sternseher kommen und uns neue Horizonte erschließen? Es ist uns allen klar, daß das, was w i r in langer und angestrengter Arbeit erarbeitet haben, der Plan ist. Es gibt allerdings in der Verlautbarung Dinge, denen wir unsere Zustimmung nicht geben können, z. B. die Angelegenheit des Keren Kajcmeth 11. ä. Vergessen wir indessen keinen Augenblick, daß wir den Vorschlag einer Sachverständigen-Konferenz vor uns haben und nicht den Plan der Agency selbst, die ja erst in naher Zeit gegründet werden soll und der erst dann das Recht und die Möglichkeit gegeben sein wird, notwendige Aenderungen vorzunchmen. Nur die volle Agency wird nach vollendeter Erweiterung den maßgeblichen Plan für unsere Arbeit festlegen können. Fragt man aber: Was haben wir im materiellen Sinne ge- Wonnen, da wir doch auch ohne erweiterte Agency zwei Drittel der Summe von einer Million Pfund aufzubringen vermochten, welche unsere Partner festgesetzt haben, ohne die Verpflichtung übernommen zu haben, sie zu geben? — dann muß gesagt werden: Dieser Einwand gründet in einer Selbsttäuschung. Veressen wir doch nicht, daß, wenn es nicht gelingt, unsere artner in die Agency einzubeziehen, unser Schicksal besiegelt ist: in dieser entscheidenden Stunde des Aufbaus allein zu bleiben. Und wer kann die Bürgschaft übernehmen, daß wir in der kommenden Zeit immer die zur Erfüllung der so schweren Aufgabe notwendigen Mittel aufbringen werden,