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Jüdische Rundschau · 1928-07-10 · Heft 54 (10.7.1928) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 54 (10.7.1928)
Date
1928-07-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 392 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 54, 10. VII. 1928 Philosophisches Hebräisch Thesaurus Philosophicus l.inguae Hcbraicae et Vcteris et Recentioris, Auctore Jac. Klatzkin, pars prima; pars secunda, Verlag Eschkol, Berlin 1928. י עקם קלצקין׳ אוצר המונחים הפילוסופיים של הספרות העברית בכל תקופווץה שבדפוס וגם שבכתבי יה חלק ראשון ן חלק שני (בהשתתפות ד״ר מ. נ. צובל)- ברלין תרפ״ח• Thesaurus, Terminologisches Lexikon zu einer wissenschaftlichen Disziplin — man könnte denken, es handle sich etwa um ein sogenanntes Nachschlagewerk, das in der Regel nützlich aber reizlos ist. Statt dessen ist man überrascht, sobald man nur eine Seite eines der prachtvoll ausgestatteten Bände aufschlägt, ein fesselndes Buch zu sehen, das zur genußvollen Lektüre einlädt. Es soll in Osteuropa in der vergangenen Generation Juden gegeben haben, die ein Wörterbuch zu lesen pflegten. Bei dem vorliegenden Wörterbuch wäre es nicht unglaubwürdig. Nicht wie in sonstigen Wörterbüchern ist der Wust der Sprache für alle möglichen und unmöglichen Suchzwecke aufgestapelt, sondern es wird hier mit der Sprache höherer Luxus getrieben, ihre Sahne wird abgeschöptt. Die Begriffswelt, die Emanation der Dinge, wird in liebevoll gesammelten Kabinettstücken zur Schau gestellt. Ich unterstreiche ״die Begriffswelt“, denn die Grenzen der philosophischen Terminologie sind hier sehr großzügig gezogen und nicht nur Mathematik und Naturwissenschaften, sondern überhaupt alle hebräischen Wörter von Begriffsgehalt sind hier zusammengetragen. Was aber den Wert der Sammlung in besonderem Maße erhöht, ist die reiche Illustrierung durch sorgfältig ausgesuchte Belege. Da es sich bei den Quellen hauptsächlich um Werke von Weisheit und Geist handelt, so ist das Lesen der Zitate an sich belehrend und packend. Die Gefilde der mittelalterlichen jüdischen Philosophie, sowohl die Heerstraße der Gabirol, Maimonides, Jehuda Halevi, Gersonides, Crescas, als auch die Seitenpfade der Kabbala, des Chassidismus sowie des karäischen Schrifttums werden durchstreift, ganze Gedankenbündel dabei gepflückt und so die Begriffe mehr noch als durch die hebräische Erläuterung und die deutsche Uebersetzung klargemacht Dem Buche vorangegangen ist eine Anthologie der hebräischen Philosophie desselben Verfassers, das Lexikon ist aber eigentlich ebenfalls eine Anthologie, alphabetisch geordnet So finden wir unter אור auf mehr als drei Seiten Aussprüche und Ausdrücke, die sich auf Licht, sowohl im physisehen als Im metaphysischen Sinne beziehen; unter חמר fünf Seiten voller Zitate über Materie, Substanz usw.; unter מקרה drei Seiten lang Belege über Akzidenz usw. Außer den Zitaten sind am Schlüsse zahlreicher Stichwörter deren Synonyma aufgezählt, was gerade für ein Begriffswörterbuch von unschätzbarer Bedeutung ist Da dazu noch bei manchen zentralen Begriffen deren Unterbegriffe aufgezählt, belegt und ins Deutsche übersetzt sind, so entsteht häufig das Bild einer philosophischen Enzyklopädie. Der Artikel חכם (samt anschließendem Artikel חכמה) gibt auf zehn Seiten eine erschöpfende Klassifikation der Wissenschaften laut den Vorstellungen der hebräischen mittelalterlichen Forschung. Noch reicher ist der Artikel כת, der eine erstaunliche Fülle von ״Kräften“ und ״Vermögen“ bietet, die unsere philosophischen Vorfahren in der Natur und im Menschen unterschieden. Interessant sind ferner die verschiedenen logisehen und grammatischen ״Sätze“, die unter den Stichwörtern הקש- מאמר- משפט zusammengefaßt sind. Dieses sorgfältige Ordnen von Unterbegriffen um den Hauptbegriff herum ist deshalb vonnöten, weil das Buch eben — wie in der Einleitung ,.gesagt ist — nicht nur bezweckt, dem Leser der althebräischen philosophischen Werke einen Schlüssel zum Verständnis schwie- * riger Worte und Ausdrücke zu bieten, sondern auch zum Auf- und Neubau der hebräischen wissenschaftlichen, namentlich philosophischen Sprache beitragen will. Das Buch ist demnach eine Ergänzung und Voraussetzung für jede kommende hebräische Fachterminologie, nicht nur der humanitären Disziplinen, sondern auch aller anderen; umfaßte doch die ehemalige Philosophie bei Juden wie bei Nichtjuden sämtliche Zweige des Wissens. Vollends für wissenschaftliche Uebersetzungen aus anderen Sprachen ins Hebräische ist dieses Buch eine Fundgrübe. Das wird es noch in höherem Maße sein, wenn — wie in der Einleitung versprochen wird — im vierten und letzten Bande ein deutsch-englisch-hebräischer Index hinzukommen wird, der den Nachschlagewert des Buches für Nichtkundige naturgemäß steigern wird. Auszusetzen wäre an der Anlage des Buches die Hintan- Setzung des Philologischen zugunsten des Philosophischen. Der Linguist würde es begrüßen, vvenn bei den aus dem Arabischen entlehnten Wörtern auf die arabische Wurzel und Form zurückgegriffen worden wäre. Mehr noch, die urhebräischen Wörter selber sind nicht immer nach ihrem biblischen oder talmudischen Ursprung gekennzeichnet, wie es löblicherweise seit jeher in hebräischen Wörterbüchern üblich ist Mancher Benutzer hätte dabei lehrreiche Studien darüber treiben können, wie beispielsweise lyrische Bibelausdrücke in exakte Termini technici verwandelt werden oder wie trockene halachische Begriffe zu gehaltvollen philosophischen werden. Aber, wie gesagt, das Buch neigt mehr nach der philosophischen Seite als nach der philologischen. Für den neuhebräischen Leser ist cs von Reiz, durch dieses Wörterbuch die Gelegenheit wahrzunehmen, um in das Laboratorium des hebräischen Philosophen Klatzkin, des Spinoza-Uebersetzers und Spinoza-Biographen, des Schöpfers eines modernen philosophischen Denkstiles im Hebräischen, Einblick zu gewinnen. Sämtliche Stichwörter hier sind Steine eines alten Mauerwerkes, die als Bausteine eines neuen Gebäudes dienen sollen. Gleichzeitig schlägt dieses monumentale Werk, an dem 20 Jahre gearbeitet wurde (in den letzten Jahren unter Mit- Wirkung von Dr. M. Zobel), Brücken zum Verständnis unserer religionsphilosophischen Literatur, die teilweise in Manu- Skripten, teilweise in seltenen Ausgaben, in einem auch für Hebräisch-Kundige schwer zu entziffernden Stil abgefaßt, unerschlossen dalag. Baruch Krupnik. Nationales Judentum Ein Aufsalz von Arnold Zweig ln Nr. 25 der ״Weltbühne“ veröffentlicht Arnold Zweig einen Aufsatz ״Zur Erkenntnis der Juden“ in dessen zweiten Teil er sich mit der vom Verlag Eschkol hcrausgegebenen Enzyklopädia Judaica beschäftigt. Ln ersten Teil seines Aufsatzes setzt sich Zweig mit jenen Stimmen aus dem Kreise der ״Weltbühne“ auseinander, die ihm seine nationaljüdische Stellung übelnehmen, weil sie darin eine Verengerung des Horizontes erblickt. Zweig führt aus, daß nicht der Nationaljude, sondern gerade diese Kritiker immer seltsam befangen und aufgeregt urteilen, wenn es sich um jüdische Fragen handelt. Er unternimmt es daher, den Lesern der ״Weltbühne“ auseinanderzusetzen, was nationales Judentum als seelische Grundeinstellung bedeutet und warum es mit allen wahrhaft menschlichen Bestrebungen vereinbar ist. Wir geben diesen Abschnitt im folgenden wieder: ״Nationales Judentum stellt die Einsicht an den Anfang, dal! die Juden ebenso viel wert sind wie irgend ein andres auf der Erde vorkommendes Menschengeschlecht — was zum Beispiel noch Maximilian Harden und seine Generation aufs Entschiedenste bestritt, und zwar nicht nur dem Worte nach, sondern durch die Tat und Taufe — und daß ihre geistige Besonderheit dieselbe Erhaltung verdient wie etwa das tschechische, deutsche oder japanische Volk. Während nun alle andern Völker und Stämme durch die Art ihres geschlossenen Siedeins an irgendeinem Punkte der Erde diese Garantie ihrer Seinsart genießen, und daher sicher sind, daß die Begabungen, die sie als Besonderheit tragen, und die einen japanischen Dichter von einem chinesischen pder deutschen unterscheiden, auch erhalten, gesteigert und zum Wohl der Menschenkultur aut der Erde fortgeführt werden können, sind die Juden einer beständigen, nach biologischen Gesetzen vorgehenden Vermischung, Entjudung und Eineuropäisierung oder Amerikanisierung ausgesetzt. Diese macht sie früher oder später verloren gehen, nämlich für jedes produktive Eigenleben, wenn nicht die Abstoßungstendenz der Nichtjuden, die ich eine Abart des Differenzaffekts nenne, diesen Vorgang verlangsamte und erschwerte, und wenn nicht immer wieder aus dem Judentum selber wie aus jedem gesunden und noch lebenskräftigen Organismus Kräfte der Selbstbewahrung und Selbstgestaltung aufstünden, die eine lebhafte Parteiung, damit neues innerpolitisches Leben und eine Zusammenfassung derjenigen Kräfte im Gefolge haben, die sich gern mit ihren Kindern und Enkeln als Juden in die jpkunft getragen sehen möchten. Dies ist der glanze ־jüdische NatföMisinus. Seine zionistische Abart behauptet und ist überzeugt, daß man bei der Entwicklung der Dinge im jüdischen Osten und in Amerika einen solchen Naturschutzpark für jüdisches Sein nur in Palästina mit Erfolg errichten könne, wo sich die Gruppenaffekte der Juden auf natürliche Art mit ihrer mediterranen Uranlage und der Natur des Landes zu einer beglückenden, wenn auch keineswegs lebensbequemen Einheit zusammenschlössen. Durch diese Arbeit für ein palästinensisches Judenzentrum, so behauptet der Zionismus ferner und beweist dies aus Erfahrung, seien eine Fülle von einzelnen Juden wieder auf erlcbnismäßige Weise mit ihrer Abstammung und dem Schicksal ihres Stammes verknüpft worden, und sei aller Welt sichtbar geworden, welcher Heroismus in den Kindern der jüdischen Massen und des jüdisehen Bürgertums — wie in denen aller Massen und jedes Bürgertums — stecke, und während sonst in Frieden, Krieg und Revolution der jüdische Anteil im allgemeinen Wirken verschwinde und daher den Juden niemals angerechnct werde und werden könne, wohingegen die christlichen Kirchen, alle Nationalismen und eine Fülle sogenannter Philosophien rechtmäßig vor sich selbst und vor ihrer Vergangenheit den Juden gegenüber nur leben können, indetp sie die Juden zu entwerten, verächtlich zu machen und auf sehr praktische Weise zum Sündenbock aller Mißgeschicke zu erhöhen und preiszugeben vermögen, des Hauses zu sitzen. Um ihr zu beweisen, wie heiß es sei, löste Mula Obadjah die Schleifen des seidenen Kaftans, den er im Hause trug, um ihn weiter zu machen, krempelte die langen Aermel hoch und entblößte seine behaarten Arme, daß sich das Mädchen verschämt timwandte. So saß Mula Obadjah während der ganzen Arbeitszeit auf seinem Stuhl, die Beine lang auf einem anderen ausgestreckt und zog den Rauch aus seiner Nargileh. Er sah auf das Werk der Arbeiter und heftete seinen Blick auf das Mädchen, auf Luna, die aus- und einging, vom Garten ins Haus, alle Hände voll Arbeit. Aber keine ihrer Bewegungen entging Mula Obadjah. Und jede Bewegung war von mädchenhafter Anmut. Mula Obadjah wünschte von Herzen, ein Gespräch mit Luna anzuknüpfen, aber es war keine Sprache zwischen ihnen. Er verstand nicht Spaniolisch und sie nicht Hebräisch. Es glückte ihm eine Verständigung durch Handbewegungen und Kopfschütteln bald mit Luna, bald mit der Alten. Da wünschte er mit Fingerzeichen, in der Sprache der Stummen, eine Kohle für die Nargileh, da ein Glas Wasser zum Trinken. Luna brachte ihm alles schweigend und sie senkte dabei ihr Haupt aus Beschämung. Und er sprudelte über vor Dankbezeugungen mit Kopfneigen und Handheben. Diese Tageseinteilung machte sich Mula Obadjah beständig: Tag für Tag ging er vom Bethaus aus in den Garten, verzehrte sein Frühstück und trank gelassen, auf das Liegebett gelehnt. Und wenn es heißer wurde, setzte er sich stundenlang bei der kleinen Wohnung hin, wo Luna schaltete. Vor den Leuten saß er dort als Aufseher über die Arbeit im Garten, die ihren ordentliehen Gang nahm, aber vor sich selbst: mit den Blicken verfolgte er Luna, ihr Stehen und ihr Sitzen, ihr Tun und ihren Gang. Und viel hatte er zu schauen an ihr. Sie saß in seiner Nähe, in seinen vier Ellen fast, und beugte sich über einen Haufen Geräte, die sie im Wasser wusch und scheuerte. Ihre entblößten Arme, deren Hautfarbe rosig war, spannten sich und streckten sich von der Mitte bis zum Ellenbogen, der heraussprang und wieder in dem weichen Fleisch verschwand. Und ein andermal hing Luna Wäschestücke an den hohen Strick. Und sic hatte ihre leichte rote Bluse an, die er gut kannte und die für ihn eine Augenweide war. Er ließ seine Blicke auf ihrer Brust ruhen, die sich bei der Arbeit hob und senkte, als ob er nach einem Wunder ausschaute, nach einem ungewöhnlichen Wind, daß er käme und die leichte Bluse noch ein wenig mehr lüfte. Und wenn Luna mit gebeugtem Körper den Fußboden scheuerte, blitzte manchmal unter ihrem Kleide die weiße Borde hervor. Und ein heißer Blutstrom rann dann durch Mula Obadjahs Körper, sein Herz pochte in schnellen und dünnen Schlägen, und Verzagen und Schlaffheit erfaßten dann seine Glieder. Und manchmal fielen in der Hast der Arbeit ihre Zöpfe über ihre Brust, diese blonden Zöpfe, die immer etwas lässig geflochten waren und schweren goldenen Ketten glichen, die als Wehr vor das Tor ihres Herzens gelegt waren. Dann sah sich Mula Obadjah als Bettler vor diesem Tor stehen, und sein Inneres trieb ihn, aufzustehen und die Hand auszustrecken! Die\Augen Limas, kleine blaue Augen, die sanften Bewohner ihres runden, immer ernsten Antlitzes, warfen verstöhlen züchtige «und verschämte Blicke auf den ״Herrn“, der neben ihr an der Tür saß, und begegneten seinen Augen, die gerade auf sie gerichtet waren, seinen unverhüllten Blicken voll von brennender Begier. Aber diese genußreichen Blicke, nach denen Mula Obadjah sich so sehnte, kamen nur verstohlen, und kein Verweilen war darin. Luna ging aus und ein und draußen weilte sie nur selten. Viele Stunden gingen vorüber voll innerer Sehnsucht nur und verstecktem Ausspähen. Wie lang waren die Stunden und wie leer, die umsonst verstrichen. So saß er oft auf seinem Stuhl bei der Nargileh, ganz in sich versunken, als wollte er die Begierden verdecken, die in ihm gärten. Und er glaubte, er allein sei ganz einsam in einem Winkel. Und er fühlte, wie ihm die Tage der Jugend wiederkehrten mit aller Wärme, und er war bereit, alles neu zu beginnen. hätten es die Juden sehr nötig, auf ihre wirklichen Qualitäten, ihre wirklichen guten und schlechten Eigenschaften, ihre wirkliehe Hingabe an überindividuelle und Gruppenwerte zusammenfassend hinweisen zu können, ohne sich im übrigen zu überschätzen. Während man in Europa bislang die Juden von ihrer Pariastellung nur emanzipierte, indem man, was in nationalen Staaten nicht anders anzugehen schien, sie trotz ihrer jüdischen Besonderheit gleichberechtigt erklärte, hält es der Zionismus und das nationale Judentum für seine Aufgabe, die Emanzipation der Juden als Gruppe zu fordern, also nicht trotz, sondern wegen ihres Judentums, weil man ja Tschechen und Polen, Italienern und Deutschen ihre Vollberechtigung auf Erden nicht trotz, sondern wegen ihrer Besonderheit einräumt. Die Fülle der menschliehen Typen auf der Erde ist für jeden nicht irrsinnigen und Maschinengeist einer der Hauptreize der Menschheit und des Lebens aut diesem Planeten, der uns im Aesthetischen so sehr beglückt und im Ethischen so entsetzlich leiden macht, und uns daher die Aufgabe stellt, die ethischen Bindungen und Lebensformungen auf die Höhe der ästhetischen Erlebnisse zu bringen — des Glücks an Landschaft und Garten, Kindern und Tieren, schönen Frauen, schönen Musiken, Versen, Vasen, Statuen, Dramen und allgemein an den Werken der Künste. Zu dieser Aufgabe ist das Vorhandensein von Juden unerläßlich, ihre ethische Grundbegabung wird nur von Monomanen geleugnet Und da dieses jüdische Menschen material — in diesem terrestriselten Zusammenhang und unter dieser großen Aufgabe und Sinngebung darf man dieses Wort gebrauchen — auf der einen Seite der Formung, Läuterung und Höherpeitsehung ebenso sehr bedarf wie jeder andere Menschentyp der bürgerlichen und proletarischen Gesellschaft, auf der andern Seite aber in die Gefahr der Selbstverwöhnung gerät, weil es so grenzenlos und unsinnig von den Gruppenaffekten einiger anderer Menschengruppen entwertet und angegriffen wird, blieb es für einen jungen Mann, wie mich, unerläßlich, sich einige Zeit mit dem Großreinemachen unserer jüdischen Stube im deutschen Hause« zu beschäftigen, ohne dabei den Blick, wie ich jederzeit dargetan habe, für das Allgemeine zu verlieren, noch auch meine Verbindlichkeit in deutschen, europäischen und allgemein links-menschliehen Zusammenhängen auch nur eine Stunde am Tage weniger zu spüren. Daher also faßte ich im vorigen Jahre meine Ge* danken über Antisemitismus so breit und allgemein zusammen, wie sie das Buch ״Caliban“ als eine Philosophie der Politik und eine Soziologie des Europäers als Gruppenwesen ruhig und etwas schwerfällig vorträgt.“ Zwei Asienbücher Und zwar zwei merkwürdig verschiedene Asienbücher. Beide Autoren anscheinend Professoren und doch verhalten ihre Bücher sich zueinander, wie etwa Inhalt zu Oberiläche. Zuerst der deutsche Professor (ich bin sicher, daß Viktor Ottmann, dessen im Verlag von Reimar Hobbing, Berlin, erschienene Werk ״Das Wunderland am Nil, Eine Reise nach Aegypten und Palästina“ mir vorlegt, ein deutscher Professor ist): Nicht nur der Titel dieses Buches — dem mehr als vierzig vorzügliche Bilder beigegeben sind — besagt es. Und wenn man ohne Furcht vor diesem Gartenlaubetitc! in das dicke Buch eindringt, findet man diese vorgefaßte Meinung bestätigt. Hier macht ein Mann eine Reise, gründlich, sorgsam, ja mehr noch als das: ausschweifend in seinem Wissen, und wenn er auch da und dort allzu sehr in die Breite geht (am wenigsten leider in dem ein wenig stiefmütterlich benandelten Palästina), kann man aus dieser Lektüre manchen Gewinn davontragen. Es ist ein instruktives Buch, eines der besten Aegyptenbücher, die ich kenne, ein Buch, das ich jedem Reisenden empfehlen möchte. Denn es ist ernst, überaus gewissenhäft: durehaäs nicht journalistisch. Dies von dem andern Buch ״Die Empörung Asiens“, von Upton CI o s e, erschienen im Wiener A m a 11 h e a - V e r I a g, zu sagen, wäre eine Uebertreibung. Hier ist ein amerikanischer Professor am Werk, der nicht umsonst jahrelang als Journalist gewirkt hat. Das Buch scheint mir, vom falsch zitierten Motto angefangen, bis zum Schlüsse eine der vielen journalistischen, für den Tag geschriebenen politisierenden Bücher zu sein, die, Ausdruck einer fortschrei• tenden Amerikanisieriing unseres Geisteslebens, Spiegelbild der Unehrlichkeit der Politik unsrer Tage sind. Es hat alle Mängel und Vorteile einer journalistischen Arbeit — über das jüdische Palästina nichts zu wissen, als daß Tel Awiw ״ein wimmelnder, fröhlicher Abklatsch des New Yorker Ghettos“ ist, ist typisch, — und ist als solche zu werten. ׳ Das merkwürdige Vorwort und der Waschzettel des — in der letzten Zeit ein wenig österreichisch antisemitelnden — Verlages, macht es, selbst wenn man durchaus Antibolschewist ist, nicht leichter, dem Buch, ohne vorgefaßte Abneigung, unbefangen entgegenzutreten. Ich entscheide mich für den deutschen Professor. M. Y. Ben-Gavriel. Er, dieser Mann von vierzig Jahren, spürte an seinem ganzen Sein, daß alle Muskeln gespannt waren. Mit jeder Faser sehnte er sich und lechzte er nach einem neuen Leben. Seine beiden Frauen, die eine, die vor drei Jahren gestorben war, und die andere, die in Buchara geblieben war, wie außerhalb seines Lebens waren sie ihm* Was war ihm Dina, seine noch lebende Frau, diese Quenglerin, die keine Liebe im Leibe hatte, selbst für sich selbst nicht. Er fühlte, daß das längst abgetan, ja daß es vielleicht nie mit ihr begonnen hatte; sie war aus seinem Herzen geschwunden, sie samt ihrer letzten Warnung: ״er solle es nicht so treiben wie die anderen“.... Oder war das etwa nicht wunderbar, daß, gerade weil sie ihn verwarnte, sich dies ihm so leicht traf? Er war fest überzeugt, daß das vom Himmel beschlossen war: die Vorsehung, die ihn hierher brachte, nach dem Wohle des ״Alten“ zu sehen, sein Tod, daß der ganze Hof ihm blieb, und daß Luna gerade in diesem Hofe wohnte. Die Hand der Vorsehung leitete ihn weit aus Buchara, um dieses Mädchen aus Stambul zu treffen — in Jerusalem! Während der Woche, in der man im Garten arbeitete, lernte Mula Obadjah einige Worte Spaniolisch. Und wenn Luna sich lange nicht zeigte, dann trat Mula Obadjah ip das kleine Zimmer, als berge er sich von der Sonnenhitze. Er wandte sich zur Alten, streckte die Hand aus, deren Fingerspitzen gekrümmt waren, indem er auf den Garten zeigte, und gab holperig die Worte von sich, die er sich im Spaniolischen angeeignet hatte: ״irmousa, irmousa (schön)! Sehr wichtig! Ah?“ Das sollte sagen, er wies auf den Garten, wie er sich von Tag zu Tag mehr verschönerte. Und bei diesem Gespräche bohrte er seine Blicke in Luna, die mit ihrer Arbeit beschäftigt in der Ecke saß, er blickte auf sie und kam nicht davon los. Als so einige Zeit in Schweigen vergangen war, stahl er sich aus dem Zimmer, wie beschämt darüber, daß er hier länger geweilt hatte, als sich mit seiner Würde vereinen ließ. .(Fortsetzung folgt.)

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