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Jüdische Rundschau · 1928-07-10 · Heft 54 (10.7.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 54 (10.7.1928)
Date
1928-07-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Nr. 26 Auf der Flucht vor dem Judentum Die Emanzipation hat die Juden schnell und fast unvorbereitet in eine Welt gestellt, deren Mechanik und Wertsystem ihnen im Innern fremd war. Sie wagten den großen Sprung mitten in den Glanz der europäischen Kultur und waren bereit, dafür jeden Preis zu zahlen, vor allem den ihrer eigenen Tradition. Unter dem Einfluß jenes Rationalismus, der sie befreit hatte, glaubten sie das jahrtausendealte Erbe abstreifen zu können wie ein Gewand. Der Jude lernte bald, sich in dem neuen Kleide bewegen, er schämte sich des alten unschein* baren. Es begann die Periode des Sichversteckens, der Flucht vor sich selbst, vor dem Judentum; das dennoch, im äußeren oder inneren Sinne, das Schicksal dieser fliehenden Juden mitbestimmte. Das bekannteste Beispiel ist Heinrich Heine, der durch die Taufe ״das Eintrittsbillet in die europäische Kultur“ erwerben wollte. Aber das Judentum war eine unheilbare Krankheit, es haftete an ihm, es rächte sich für die Verdrängung. Schon damals war die Assimilation als Lös*ngsversuch der Judenfrage grundsätzlich gescheitert, wenn es auch noch eines weiteren halben Jahrhunderts bedurfte, dieses ״Dir kannst du nicht entfliehen“ zu allgemeinerer Erkenntnis zu bringen. Zwei Biographien jüdischer Männer des 19. Jahrhunderts breiten ein reiches Material von Tatsachen und Zusammenhängen vor uns aus, die für jüdisches Schicksal und die eigentiimliche Funktion der Juden in diesem 19. Jahrhundert in dieser oder jener Art charakteristisch sind. Es ist ein fast unbekannter und ein sehr bekannter (vielleicht heute der nach Jesus bekannteste) Jude. Der Unbekannte wurde ausgegraben von Friedrich von Oppeln-Bronikowski, der aus Urkunden aller Art den ״Lebensromaneines Vergessenen“ aufbaut: David Ferdinand Koreff, Serapionsbruder, Magnetiseur, Geheimrat und Dichter (mit 16 Bildtafeln, 156 u. 626 S., Verlag Gebrüder Paetel, Berlin-Leipzig, 13 M). Koreff, geboren 1783, Sohn eines bedeutenden jüdischen Arztes in Breslau, war von ungewöhnlich vielseitiger Begabung und wurde schon im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts Leibarzt und Günstling des Staatskanzlers Fürsten Hardenberg. Ein färbenreiches Bild des damaligen politischen und geistigen Berlin läßt der Herausgeber dieses ungewöhnlich interessanten Buches vor uns erstehen. War doch Koreff befreundet mit Varnhagen, mit E. Th. A. Hoffmann (der ihm als Serapionsbruder Vinzenz ein Denkmal gesetzt hat), mit den Humboldts, den Schlegels, Chamisso, Heine, Meyerbeer, Talleyrand, Stendhal und unzähligen anderen, die durch dieses Buch wirbeln. Natürlich hat er nicht nur Freunde, sondern auch Feinde, und sein Judentum spielt dabei keine geringe Rolle. Seine schlechten Eigenschaften werden, auch von Freunden, irgendwie auf sein Judentum bezogen. Im Jahre 1816 wird ihm die lange versprochene Professur an der Berliner Universität bewilligt, darauf revoltiert die Fakultät und wehrt sich gegen das Eindringen des Juden. Der König fragt Hardenberg, ob Koreff yrir^Mdi.;,poch Jude“ sei. ״Es muß ein peinlicher Äugeriblick geweseh sein“ — schreibt Oppeln-Bronikowski — ״als Koreff diesem gestand, daß er noch ungetauft sei“. Nochungetauft! In dieser charakteristischen Formel ist alles ausgesprochen. Und dabei muß man bedenken, daß die Kabinettsorder vom 11. März 1812 über die Gleichstellung von Juden noch zu Recht bestand, aber die Praxis war bereits von der Reaktion beherrscht. Koreff wird nun in aller Eile getauft; ein Bericht über diesen seltsamen Akt, der in Meißen in Sachsen vollzogen wurde, ist in der Dokumentensammlung dieses Buches enthalten. Der außerordentliche, vielseitige Mann, der als Arzt an die ״magnetische“ Heilmethode glaubt, ist zugleich Dichter, auch mehrere Opern werden von ihm aufgeführt, in der Politik und in den Liebesaffären des Hofes spielt er eine nicht unbeträchtliche Rolle, bis er schließlich gestürzt wird und seine zweite Heimat in Paris findet, wo er auch mit Heine verkehrt und ihn behandelt, viel erlebt und schafft, dann aber auch herabsinkt und schließlich 1851 — beinahe in Not — stirbt. Was an ihm wirklich ״jüdisch“ war, ist natürlich schwer zu umschreiben. Wir empfinden aber in seinem Schicksal und seinem Charakter etwas für den Assimilationsjuden Typisches. Er war ein Produkt einer geistig sehr reichen und bewegten Zeit, in der ein gebildeter Jude kaum mehr von seinem Judentum wußte, als daß er ״noch ungetauft“ sei. Und er, von dem eine Zeitung bei seinem Tode schrieb, er habe ״trotz seiner bevorzugten Stellung seinen früheren Glaubensgenossen fortwährend eine rege Teilnahme erhalten“, wurde nach seinem Tod von verschiedenen Historikern natürlich auch von Treitschke, als ״jüdischer Parvenü“ u. ä. geschmäht. Der Herausgeber aber schreibt in seiner Einleitung: ״Gerade weil das radikale Judentum viele Gestalten aufweist, deren staatszerstörende und volkszersetzende Wirkungen am Tage liegen, wollen wir hier einen Juden zeichnen, der das heiße Streben hatte, an der deutschen Kultur mitzuschaffen ...“ Es wäre interessant zu wissen, ob Oppeln unter diese ״zersetzenden“ Juden auch Karl Marx rechnet. Er ist jedenfalls ein Mann ganz anderer Art als etwa Koreff, und in seinem Leben spielt das Judentum eine tiefere, wenn auch versteckte Rolle. Die jüdische Abkunft gehörte zu jenen Faktoren, die sein persönliches Minderwertigkeitsgefühl begründeten und ihn — als Kompensation — zur Anspannung auf ein höchstes Ziel veranlaßten. Zwei andere Faktoren waren sein Leberleiden und seine Stellung als Erstgeborener — so expliziert, auf Grund der Lehren der Individualpsychologie, der jüngste Biograph von Marx, Otto Rühle (Karl Marx, Leben und Werk. Mit 16 Bildbeigaben in Tiefdruck, 472 S., Avalun-Verlag Hcllerau, 12 M), Rühle spricht aus, daß Marx als Jude zu einem ungünstigen Start verurteilt war. ״Zwar war die Ungunst durch den Uebertritt zum Protestantismus teilweise repariert, aber Rassenzugehörigkeit konnte durch Taufwasser nicht abgewaschen werden. Sie ließ sich auch nicht vegessen machen oder ignorieren... Marx blieb, ob getauft oder ungetauft, Jude, als solcher ohne weiteres erkennbar, und darum, wo er ging und stand, belastet mit dem Odium seiner Rasse...“ Bekanntlich hat Marx in seiner Schrift über die Judenfrage sehr hart, ja haßerfüllt über die Juden geurteilt. Es war etw׳as von Selbsthaß darin, ohnmächtiges Ringen mit diesem eigenen Makel, Fluchtversuch, mit dem ahnungsvollen Wissen: Dir kannst du nicht entfliehen. Vielleicht kann man die großen jüdischen Sozialisten aus zwei!jüdischen Determinanten erklären: ätiologisch aus dem gesteigerten Mitgefühl mit allen Unterdrückten, und teleologisch aus der jüdischen Idee der Geschichte, die zur Vollendung in der messianischen Welt der Gerechtigkeit heranreift. Natürlich gehen die beiden seelischen Tatbestände bei den meisten, wohl auch bei Marx, durcheinander. Aber es ist naheliegend, daß sein Biograph vor allem das jüdische Makelgefühl feststeüt, zumal nur dies in die Schule der Adlerschen Individualpsychologie paßt; während bei anderen Sozialisten, e wa Gustav Landauer, die prophetische, teleologische Komponente zweifellos ausschlaggebend ist. Rühle geht es nicht um die Motive, sondern um die Erklärung des individuellen Charakters, des Geltungstriebes, aus den durch die Minderwertigkeitsgefühle erzeugten seelischen Störungen. Das Buch Rühles ist ein bemerkensweiter Versuch, im Anschluß an das zuerst eindrucksvoll erzählte Leben Marx“ und eigentlich ohne organische Verarbeitung, nur als Anhang, eine Würdigung und Deutung des großen Mensehen aus den Imponderabilien seines allerpersönlichsten Lebens zu geben, ihn gewissermaßen als Neurotiker zu enthüllen. — Die Ausstattung des wichtigen, ein großes Kapitel moderner Wissenschaftsgeschichte mit einer menschlich bedeutenden Biographie vereinigenden Buches ist besonders zu loben. In diesem Zusammenhang ist vielleicht, wenn auch in einiger zeitlicher und sachlicher Entfernung, A r t h u r Holitschcr zu nennen, der seine Biographie selbst geschrieben hat (״M e i n Leben in dieser Zeit“, der ״Lebensgeschichte eines Rcbellen“, zweiter Band; Potsdam, Gustav Kiepenheuer, Verlag). Auch Holitschers Leben und Schaffen ist vielfach abzuleiten aus der Kompensation seiner Minderwertigkeitsgefühle, von denen er selbst berichtet. Einer behäbigen, selbstsicheren, jüdischen Patrizierfamilie entstammend, hat er die Problematik dieses Judentums erst später empfunden. Das Milieu seiner Kindheit, das er im ersten Band schildert, ist die assimilatorische jüdische Bourgeoisie, die, in einem steten Zersetzungs- und Zerbröckelungsprozeß befangen, längst echtes Gefühl für die idealen Güter des Judentums verloren hat. Mit unnachsichtiger Offenheit gewährt Holitscher in dem vorliegenden Bande Einblick in die Stumpfheit dieser nur um Familie und materielles Wohlergehen engherzig bedachten Ghettomenschen. Alles flieht snobistisch vom Judentum weg. (Was daraus in Ungarn geworden ist, wissen wir heute besser.) Der Rabbiner des Ortes nimmt als selbstverständlich an, daß ein Jude, der ihn besucht, die als Voraussetzung der Taufe erforderliche Entlassungsurkünde holen kommt. Dieses Assimilationsjudentum, fraglos in Magvarien eine besonders widerwärtige Variante, war die Erscheinungsform, in der der junge begabte, von Sehnsucht nach dem Guten und nach Gerechtigkeit erfüllte Dichter das Judentum kennenlernte. Kein Wunder, daß diese Welt ihn abstieß. Ihn zog es zu den Ausgestoßenen und Entrechteten hin. Er flieht vor diesem Judentum, von den! er doch nicht loskommt, bis er — viel später — ein sich selbst bejahendes, aus der Verworfenheit zu neuen Formen des Lebens strebendes Judentum entdeckte, das verwandte Seiten in ihm aufklingen Heß. Auch in Holitschers Seele sind die oben erwähnten zwei jüdischen Elcmente, das Paria-Bewußtsein und der Trieb nach einer gerechteren Welt, wirksam. Holitschers Buch ist in mehrfacher Hinsicht für die Beurteilung des Assimilationsjudentums aufschlußreich. Denn nachdem er aus dem ungarischen Familienmilieu nach Berlin gekommen war, verkehrte er hier in den literarischen und künstkrischen Kreisen, in denen viele Juden eine Rolle spielen. Eine interessante und seltsame Parallele ergibt sich zu den geistigen Zirkeln iii dem genau hundert Jahre zurückliegenden Berlin Koreffs. Die Rolle der Juden ist fast unverändert. Die Assimilation treibt ihre Blüten. Am charakteristischsten dafür ist ein Gespräch mit Rathenau aus der Revolutionszeit, das Holitscher wiedergibt. Rathenau — selbst vielleicht eine ähnliche Figur wie Koreff — beschwert sich darüber, daß ״die Jugend Deutschlands ohne Dank und Gruß an ihm vorübergegangen ist“. Er kann es nicht fassen und meint, ״in vierhundert Jahren werde die Geschichte darüber berichten‘. Im weiteren Verlauf des Gespräches vergleicht sich Rathenau mit Marc Aurel und Friedrich II. Rathenau, den diese Jugend bald darauf ״die Judensau“ titulierte, schien damals gar nicht zu ahnen, was sein wirkliches Schicksal ist. Die blutige Tragik des Assimilationsjudentums spricht aus dieser kleinen Geschichte mit grausamem Hohn. Holitschers lesenswertes Buch hat sehr schöne Stellen, besonders wo er seine Reisen beschreibt, aber auch manche Teile, die nur mit individual-psychologischen Methoden zu verstehen sind. Sein seltsamer Kampf um die Anerkennung gerade seitens derjenigen Elemente, die er verneint und verwirft, und die Steigerung dieser Verneinung, wenn er sich abgelehnt fühlt, sind Material für den Psychologen, dem auch der Erzähler selbst Objekt ist, nicht nur das Erzählte. Aber die Fülle des Erzählten, die das Buch durchzitternde ethische Spannung und nicht zuletzt die Darstellungskunst des Autors machen dieses Buch zu einer Erscheinung, an der man nicht vorübergehen sollte, Michael Walter. Das Juniheft der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums enthält eine Reihe wichtiger Auffätre zur Bibelwissenschaft. In gemeinverständlicher Weise berichtet I’rhatdozent Dr. Zoller, Oberrabbiner in Triest, über Ausgrabungtn in Syrien und Palästina. If. M, Wiener sucht neue Wege zur Lösung der Schwierigkeiten in der Thora, die der neueren Bibe'krilik den Anlaß zu ihrer Quellenscheidung gegeben haben. Den Aufsätzen der früheren Hefte über die Geschichte der Juden in Bremen und in Aurich schließt sich eine interessante Skizze des Rabbiners Dr. Posner über die Juden in Kiel an. S. J. Schuls o h n gibt Einblicke in die Geschichte der österreichischen Juden. Die hebräische Dichterin Elischewa liest am heutigen Dienstag abends, im Saal der Gemeinde Rosenstraße aus ihren Versbänden. Sie hält ferner einen Vortrag über das geistige Leben in Palästina. Jehuda Burla: Luna Aus dem Hebräischen übersetzt von Erich Brauer.־* Naabdrack ■verboten (1. Fortsetzung.) Eilig rückte Chacham Rechamim sich selbst und seinen Kaftan zurecht und begann mit angenehmer Stimme: ״mi scheberach“ anzustimmen, indem er sich bemühte, das Nötige besonders zu betonen: ״Abraham, Isaak und Jakob... er möge segnen den guten Namen, den freigebigen, den großen, den erhabenen, der nach Recht und Gnade strebt, Mula Obadjah Ataljof, Sohn der ״Jafa, Jafa“, antwortete der Freigebige. ״Sohn der Jafa“ fügte nach!hm Chacham Rechamim hinzu, und er schloß daran einen Strom von Segnungen aus dem Schatz seiner Melizoth. Und doch dünkte es ihm, als sei er noch viel schuldig geblieben. Man brachte den Gästen Kaffee. Und der Hausherr, wie es Brauch ist bei vornehmen Hausherren, im Beisammensein mit Chachamim mit Thoraworten zu beginnen, legte ihnen eine Frage dieses Inhalts vor: ״Verzeihung, meine Herren, in der Thora steht geschrieben: ,Und wenn ein Mann zwei Frauen nimmt‘. Und wo finden wir eine Andeutung in der Thora oder in der Gemara, daß es verboten ist, eine zweite Frau zu der ersten zu nehmen?“ Chacham Rechamim antwortete wie ein erfahrener Gelehrter, daß dies kein Verbot, sondern eine ״Festsetzung“ sei, die Festsetzung eines aschkenasischen Gaons, ״wegen der Verbitterung für die Erste“, und er fügte scherzend bei: ״Jeder, der eine Nebenfrau über seine Frau bringt, bringt Unglück über sein Haus.“*) Und wirklich, es ist nur ein Brauch der Nachfahren; aber der Brauch Israels ist wie Thora. ״Brauch Israels?“ fragte der Hausherr, indem er singend seine Stimme langzog, ״aber Abraham, unser Vater — Friede *) Im Hebräischen ein Wortspiel: Zarah heißt sowohl ״Nebenfrau“ als ״Unglück“. — Anraerk. d. Uebers. über ihn —, wieviel Frauen nahm er? Und sogar unser Lehrer Mosche nahm zu der Zippora noch eine Negerin. Und Jakob, unberufen, hatte er nicht vier Frauen? Lea, Rahel, Bilha und Silfa“ — er zählte sie dabei an seinen Fingern auf —, ״und wenn sie nicht gewesen wären, dann hätte es keine zwölf Stämme in Israel gegeben. Nein, das ist nur ein Brauch der Aschkenasim. Das kommt aus ,Europa‘, und in der Thora steht geschrieben: ,Tuet nicht, wie sie tuen‘.“ Der Weise aus ״Aleppo antwortete mit kluger Ironie: ״In unserer Zeit lastet schon eine Frau schwer auf dem Mann, denn ,schwer ist das Ernähren wie das Spalten des Schilfmeeres‘.“ ״Aber“, entgegnete Mula Obadjah und lehnte diese Worte ab, ״ein Mann, den Gott, gelobt sei er, mit Geld und Gütern segnete, was soll ihm dieser unjüdische Brauch? Ihr vyerdet sagen, es ist ein allgemeiner Brauch. Aber in Wirklichkeit ist es nur ein Brauch Esaus. Hat ihn etwa Ismael, unser Vetter?“ Und er schloß mit einem gemachten Lachen: ״Ha-ha־ha!“ Und als ihn die Chachamim mit dem Wunsche ״Möge es Euch vergönnt sein, Gutes zu tun!“ verlassen hatten, blieb Mula Obadjah weiter sitzen. Sein fetter Körper ruhte wie eine schwere Matte auf dem Liegebett, sein Kopf lag auf einem riesigen Kissen, seine Füße angezogen vor seinem Gesicht, und das Rohr der Nargileh hatte er im Munde. Und er zog und zog. Der Besuch der Chachamim und die Stunde, die er mit ihnen verbracht hatte, hatten augenscheinlich nichts an seinem seelischen Zustande verändert. Sein Ausdruck war weiter finster. Er fühlte in seiner Seele so etwas wie Reue aufquillen. Worüber? Ueber die überreichliche Spende, die er gegeben hatte? Nein. Nicht auf das Geld war er bedacht, nicht dies reute ihn jetzt, im Gegenteil, er hatte davon etwas wie Vergnügen und Befriedigung. Sondern worüber? Das Gespräch? Ja, dieses Gespräch, warum hatte er damit angefangen? Es war nicht nötig, so zu sprechen, nicht so. — Die Strahlen der Mittagssonne brannten steil und heiß zwischen den Zweigen herab und berührten den Körper Mula Obadjahs. Als er mit der Hand über seine Kleider fuhr, fand er sie glühend von Hitze. Er stand schnell auf und eilte, in den Schatten des Hauses zu kommen. Aber mitten im Eilen zügelte er sich und ging gemessenen Schrittes, Schritt für Schritt, als wollte er damit vor den Augen der Geschöpfe die Gedanken verbergen und verhüllen, die ganz gegen seine Art rasend und in Fülle in seinem Hirn auf- und abwogten. II. Zwei Tage danach trat Mula Obadjah frühmorgens aus dem Bethaus, das hinten im Garten stand, und begab sich stracks in den Garten unter die hohen Bäume. Dort warteten auf ihn schon ein alter Fellache, ein Araber von etwa sechzig Jahren, und ein Tischler, ei!1 sephardischcr Jude, auch er schon bejahrt. Ezechiel kam und nahm ehrfürchtig aus der Hand Mula Obadjahs den großen Beutel mit dem Tallis und den Tefillin, um ihn hinauf in die Wohnung zu tragen. Und Mula Obadjah ließ sich auf der Lagerstatt, die dort stand, nieder. Er fing mit den beiden Handwerkern über den Tageslohn zu handeln an. Ezechiel diente ihm dabei als Dolmetscher. Bald machte sich der Gärtner an seine Arbeit. Er grub den Boden um und entsteinte ihn. Und der Tischler legte sich sein Material zurecht, um den Gartenzaun in Oidnung zu bringen. Er ging und holte Balken, um eine Laube im Hintergründe des Gartens aufzustellen, naive der kleinen Zweizimmerwohnung. Währenddessen setzte Ezechiel einen kleinen Tisch vor seinen Herrn und einen Krug Milch und Tee und alles übrige für ein Frühstück, daß er dort esse und trinke. Er aß und trank und belebte sich mit dem Rauche der Nargileh. Dann stand er auf und beschäftigte sich damit, höchstcigenhändig Unkraut auszureißen und die Pflastersteine zu prüfen, die man hineingefegt hatte, um die Wege zu pflastern, bis seine Hände schmutzig wurden. Da trat er an Luna heran und bat sie mit einer Handbewegung, ihm Wasser zum Händewaschen zu reichen. Er wusch sich und suchte ihr

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