Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 53 (6.7.1928)
- Date
- 1928-07-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 382 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. Ü3, 6. Vn. 1928 Zum 20. Tammus Am zwanzigsten Tammus (8. Juli) jährt sich zum vierundzwanzigstenmal der Tag, an welchem dem jüdisehen Volk der Führer entrissen wurde. Auf der Höhe seines Lebens und seiner Leistung, im jugendlichen Alter von 44 Jahren, ist Theodor Herzl von uns gegangen, nachdem er alle Leidenschaft seines schwärmerischen Herzens im Dienste des Volkes, zu dem er selbst erst zurückfinden mußte, verglüht hatte. Der Schmerz über den Verlust, die Verzweiflung über diese Tragik unseres Schicksals, die dem jüdischen Volk beinahe in der Geburtsstunde seiner Befreiungsbewegung schon den Menschen nahm, der Symbol und Schöpfer des jüdischen Einheitsbewußtseins geworden war, sind heute dem Gefühl der Dankbarkeit und Verehrung gewichen, der Schätzung dieses Geschenkes, das noch der tote Herzl für unsere Bewegung bedeutet. Herzls praktische Politik ist heute unaktuell; die Zeiten haben sich geändert, Palästina ist nicht mehr türkisch, die Methoden türkischer Hofpolitik sind längst überwunden, auch die europäische Welt ist anders geworden. Herzls politische Bemühungen gehören der Geschichte an. Aber die Politik war für ihn nur ein Mittel. Das Wichtige war das Ziel, die Befreiung des Judenvolkes durch jüdische Kolonisation des alten Judenlandes. Herzls erste große Enttäuschung lag darin, daß seine Zeitgenossen, vor allem die Großjuden, seinen Plan nicht akzeptierten. Er meinte, daß die logische Einsicht genügend Ueberzeugungskraft hat, um eine Wahrheit zu akzeptieren, gegen die die realen Faktoren der Gegenwart zu stehen scheinen. Da er von den Großen abgewiesen wurde, ging er zum Volk, dessen Sehnsucht nach einem neuen Leben ebenso stark war wie sein Gefühl für Erez-Israel lebendig. Er schuf die Zionistische Organisation als Instrument des Zionismus. Herzl hat die Verwirklichung seiner Träume nicht osjebt. Der Charter, an den er dachte, ist heute im Palästina-Mandat gegeben. Die Realitäten des werdenden jüdischen Palästina sind stärker als die bloßen Argumente des seherischen Menschen. Auch die Ungläubigen wurden zum großen Teil von der Möglichkeit und Riehtigkeit des zionistischen Weges überzeugt. Wir stehen heute vor ganz anderen Problemen als Herzl sie auch nur ahnen konnte. Es ist unzulässig und widersinnig, wenn sein Name und seine allen Zionisten teure Person in den innerzionistischen Tageskampf hineingezerrt wird. Der Ruf ״Zurück zu Herzl!“, der seit 28 Jahren immer wieder von Zeit zu Zeit auftaucht, war niemals so sinnlos wie heute. In der jüngsten Zeit hat mah bekanntlich in Amerika unter der Parole ״Zurück zu Herzl“ eine Bewegung begonnen, um die Opposition gegen die gegenwärtige Leitung populärer zu machen. Das ist Mißbrauch, den auch die Gegner des heutigen Systems nicht zulassen sollten. Es ist unsinnig, Vermutungen anzustellen, wie Herzl heute gehandelt hätte. Er war kein theoretischer Systematiker, dessen Schriften philologische Interpretationen zulassen, etwa wie die Schriften von Marx (und auch dort nimmt jede Partei den Meister für sich in Anspruch); er war Politiker, in gewissem Sinne Opportunist, der sich neuen Situationen blitzschnell anpaßte und selbst niemals ״Zurück“ gesagt hätte, sondern eben immer neue Einfälle hatte. Der Herzl-Tag ist ein traditioneller Feiertag des zionistischen Volkes geworden. Aus dem Gedenken an jene heroische Zeit, wo Juden den Mut hatten, ohne Garantien und Sicherungen, ohne Macht und reale Grundlagen, eine große Bewegung zu entfachen, die Idee der jüdischen Freiheit zu proklamieren, das in dumpfer Resignation verharrende Volk zu Selbstvertrauen aufzurütteln, —■ schöpfen auch wir Heutigen noch Stärke und Glauben. Und selbst der bescheidene Brauch, zu Ehren Theodor Herzls einen Baum auf dem Boden Erez־Is1־aels zu pflanzen, statt eines Denkmals aus Stein grünendes Leben auf den verödeten Steinboden der alten Heimat, bekommt so die Kraft eines Symbols und wird beinahe etwas wie eine neuartige kultische Handlung des von dem wiedererwachten Gefühl des Zusammenhangs erschütterten neuen Juden. Konleremz der Tarbnth- Organisationen Danzig, 3. Juli. (J. T. A.) Am Sonntag, dem 1. [uli, hegann in Danzig die Konferenz der hebräischen Kultur- und Schul-Organisationen ״Tarbuth“ der osteuropäischen Länder mit einer feierlichen Ansprache von Dr. H e i n sd or f. Es erschienen mehr als 30 Delegierte aus Polen, Estland, Litauen, Rumänien, Bulgarien, Frankreich und anderen Ländern. In das Präsidium wurden gewählt: Abg. J. O r ii n b a u m (Polen), Wladimir Jabotinsky (Paris), Weinstein (Rumänien), Moses Kahn (Litauen), Sambursky (Danzig), Lewin (Zoppot), Schwarz (Rumänien). Nach einer Eröffnungsansprache von J. G r ii n b a u m hielt Jabotinsky die Propagandarede, in welcher er zunächst die Vertreter des Danziger Senats, des polnischen Kommissariats und des Völkerbundkommissars begrüßte und in einem ausführlichen Vortrag die Aufgabe der ״Tarbuth“ in der gegenwärtigen Zeit umschrieb. Begrüßungsreden hielten sodann Dr. Segall im Namen der Danziger Zionistischen Organisation, Justizrat Fabian im Namen der Danziger jüdischen Gemeinde, Dr. Grün im Namen der Synagogen-Gemeinde, Segalowicz im Namen der Orthodoxie. Von den Konsuln Englands, Deutschlands und Rumäniens, sowie von Senator Jewelowsky, Professor Weizmann, M. M. Ussischkin und Ch. N. Bialik waren Begrüßungsschreiben eingelangt Abg. Grünbaum referierte über das Schulwesen von ״Tarbuth“, woraufhin Dr. Bernstein (Est-!and), Kahn (Litauen) und andere Delegierte über den S t a n d der Tarbut h-Bewegung in ihren Ländern referierten. Q “enbaum (Lodz) hielt einen Vortrag über die Grundlagen des “Cüraischen Schulwesens. Herzls ״diplomatischer Agent" Newlinski Von Dr. N. M. Gelber. Vorbemerkung des Verfassers: In seinen Tagebüchern erzählt Theodor Herzl, daß ihm die ersten Verbindungen mit der offiziösen Türkei der Herausgeber der ״Correspondance de l’Est“ Newlinski vermittelt habe. Die Herausgeber der Tagebücher wissen in ihren Anmerkungen von diesem Manne, der in Herzls Schilderungen eines gewissen abenteuerlichen Zaubers nicht entbehrt, nichts zu berichten. Im nachstehenden versuchen wir auf Grund der uns zugänglich gewordenen Quellen die Persönlichkeit Newlinskis zu schildern. Anläßlich des Hcrzl-Tagcs ist es vielleicht am Platz, an diese längst versunkene romantische Epoche des Zionismus, die heute nur noch historische Bedeutung hat, zu erinnern. Am 21. Februar 1896 verzeichnet Theodor Herzl in seinem Tagebuch: ״Newlinski, der Herausgeber der ,Correspondance de l’Est‘, ist mit dem Sultan befreundet. Er könnte uns vielleicht für Baksehisch die Souveränität verschaffen,“ Auf die Idee, sich Newlinskis zu bedienen, brachte ihn Dr. Saul Rafael Landau. Landau, der aus Galizien stammt und dank seiner journalistischen Tätigkeit mit polnischen polttischen Kreisen in Verbindung stand, wurde durch Vermittlung des bekannten polnischen Politikers, Stanislaw Kozmian, von dem er einiges aus Newlinskis Vergangenheit hörte, mit ihm bekannt, ln diesem Manne erblickte er nun die geeignete Person, die die Verbindung zwischen Herzl und dem Sultan herzustellen in der Lage wäre. In der Tat war diese Mutmaßung Landaus und Herzls nicht unrichtig. Philipp Michael Ritter von Newlinski war der Nachkomme eines alten polnischen Adelsgeschlechtes, das seit dem XVI. Jahrhundert in der Wojwodschaft Sandomir ansässig und begütert war. Seine Großeltern und Eltern hatten ihre Güter in Wolhynien, wo auch Newlinski am 31. Dezember 1847 in Antoniny geboren wurde. Er wurde nach Art der polnischen Schlachzizensöhne erzogen und mußte, nachdem das bedeutende Familienvermögen infolge der Teilnahme einzelner Familienmitglieder am polnischen Aufstande im Jahre 1863 von der russischen Regierung konfisziert wurde, einem Broterwerbe nachgehen. Er bezog die Universität in St. Petersburg, wo er juristische Studien betrieb, die er mit gutem Erfolge beendete. Er wurde, nachdem er die Prüfung mit der goldenen Medaille bestanden hatte, Rechtsanwalt, übte jedoch diesen Beruf nur kurze Zeit aus. Bereits 1865 begann Newlinski seine journalistische Tätigkeit und arbeitete in den damals führenden russischen Blättern von Petersburg und Moskau mit. In dieser Zeit lernte er den damaligen österreichischen Botschafter Grafen Andrassy kennen. Als Andrassy im Jahre 1872 zum österreichisch-ungarischen Außenminister bestellt wurde, berief er Newlinski in das Außenministerium, da er in ihm einen geeigneten Mann erblickte, der in dem damals für die österreichische Außenpolitik sehr wichtigen Ressort der russischen und Balkanpolitik gute Dienste leisten konnte. Newlinski trat auch in den Dienst des Außenministeriums und rückte in kurzer Zeit zum Hof- und Ministcrialkonzipisten II. Klasse vor1 *). Vor Ausbruch des türkisch-russischen Krieges wurde er der österreichischen Botschaft in Konstantinopel in wichtiger politischer Mission zugeteilt. Knapp vor dem Berliner Kongreß wurde er in das Ministerium zurückberufen, wo er bis zum Jahre 1879 wirkte, in welchem Jahre Andrassy als Außenminister zurücktrat. Newlinski schied aus dem Ministerium1’). Sodann übernahm er die Chefredaktion der ״Correspondance de l’Est“, die täglich als Nachrichtenblatt für die österreichische und ausländische Presse, die diplomatischen und politischen Kreise erschien, und hauptsächlich Fragen der russischen, türkischen, sowie der Balkan- Eolitik behandelte. Sie war ein ausgesprochenes Presseulletin, das der damaligen Presse Berichte und Nachrichten über Ost- und Südosteuropa übermittelte. Nebenbei war Newlinski Wiener Korrespondent des ״Journal des Debats“ und des ״Temps“. Er war auch schriftstellerisch tätig und veröffentlichte eine größere Anzahl von polnischen Broschüren. In der von ihm begründeten ״Correspondance de l’Est“ schuf Newlinski eine überaus beachtenswerte außenpolitische Tribüne, mit der nicht nur die österreichische Presse, sondern auch die maßgebenden ausländischen diplomatischen Stellen rechneten. Er betätigte sich auch als ״diplomatischer Agent“ und führte in dieser Eigenschaft die Anerkennung Ferdinands von Coburg als Fürst von Bu.garien durch. Diese Umstände dürften Dr. Landau veranlaßt haben, Herzls Aufmerksamkeit auf Newlinski zu lenken. Welche Bedeutung Herzl dieser Verbindung zuschrieb, ist schon daraus zu ersehen, daß Herzl bereits im April 1896 dem Herzog von Baden mitteilte, daß sich ihm jemand bereits angeboten habe, mit dem Sultan wegen Zionismus zu sprechen, wobei er an Newlinski dachte3). Ueber die ersten Begegnungen Newlinskis mit Herzl erfahren wir aus seinen Tagebuchaufzeichnungen, in denen allerdings Newlinski öfter als Abenteurer geschildert wird, anz im Gegenteil zu den Mitteilungen, die wir von anderer eite besitzen4 *). Eines ist aber sicher, daß Newlinski aus seiner Tätigkeit im österreichisch-ungarischen Außenministerium zu den führenden Männern der türkischen Politik gute Beziehungen besaß und auch den Sultan persönlich gut kannte, der ihm für die türkenfreundliche Haltung in seiner Korrespondenz zu Dank verpflichtet war. Trotz der Fühlungnähme mit Herzl unterließ es Newdinski in seiner Korrespondenz den Zionismus irgendwie zu behandeln. Er wollte scheinbar vorerst den Zionismus und seine Ziele kennenlernen. נ) Wr. Staatsarchiv׳, Akten des k. u. k. Ministeriums des Auswärtigen Personalia F 4, Newlinski. s) Aus einigen Aktenstücken ist zu ersehen, daß er infolge Schuldenrfluchens demissionieren mußte. Dr. Ludwig Poborsky, der als Arzt Newlinski auf seiner letzten Reise nach Konstantinopel (!899) begleitete, teilt mir mit, daß ihm Newlinski selbst erzählte, er habe wegen Schulden von sehr hohen Beträgen demissionieren müssen. Andrassy wollte zwar durch ein Avancement ihm die Rückzahlung der Schulden ermöglichen, was Newlinski jedoch ablehnte. 3) Herzls Tagebücher, Band 1, Seite 378. 4) Dr. S. R. Landau teilt mir mit, daß Newlinski, als er mit ihm zum erstenmal sprach, den Zionismus als phantastische Utopie bezeichnete und nur aus rein geschäftlichen Motiven sich bereit erklärte, in Konstantinopel für den Zionismus einzutreten. Dr. Landau, dem ich an dieser Stelle für seine Mitteilungen herzlich danke, hält Newlinski aber für keinen Abenteurer. Im Gegenteil. Newlinski hatte große Beziehungen zum Hof des Sultans. Sein Korrespondenzblatt wurde vom Sultan subventioniert. Newlinski, der sich anfangs über den Zionismus lustig machte, vertrat den Standpunkt, daß der Sultan ohne Geld nichts tun werde. Erst später, nachdem er mit Herzl bekannt wurde, begann Newlinski im Zio• nismus eine ernste politische Bewegung zu sehen. Seine Beziehungen zum Zionismus waren aber vor allem die eines ״Diplomatischen Agenten“. Herz! versuchte inzwischen Newlinski zu einer Reise nach Konstantinopel zu veranlassen, um mit dem Sultan in Verbindung treten zu können. Newlinski entschließt sich aber erst gegen den 15. Juli 1896 mit Herzl nach Konstantinopel zu reisen, wo sie am 17. eintreffen. Hier führt ihn Newlinski mit den leitenden Staatsmänner der Türkei zusammen und bemüht sich, für ihn eine Audienz zu erwirken. Herzl hat auch Gelegenheit, Newlinskis diplomatische Schärfe und Feinheit zu bewundern, sowie festzustellen, daß er hier über gute Beziehungen verfüge. Wenn auch diese Reise keinen politischen Erfolg zeitigte, so war Herzl doch der Ansicht, daß Newlinski der einzige Mann sei, der ihm bei seinen politischen Aktionen behilflich sein konnte. Newlinski wollte auch Herzl ermöglichen, Bismarck*) und die römische Kurie für den Zionismus zu gewinnen. Herzl war mit Newlinskis Tätigkeit derart zufrieden, daß er nach seiner Rückkehr nach Wien in seinem Tagebuch nachstehendes notiert: ״Wenn wir durch ihn Palästina bekommen sollten, so werden wir ihm als Ehrensold ein schönes Gut in Galizien schenken6).“ Unter Herzls Einfluß gewinnt Newlinski immer mehr Interesse für die zionistische Sache und benützt jede Gelegenheit, um dem Zionismus politische Dienste zu erweisen. Er beruft Herzl im Juli 1896 nach Karlsbad, wo er Herzl mit dem Fürsten Ferdinand von Bulgarien zusammenführt und auch den serbischen König Milan für den Zionismus gewinnt. Er vermittelt auch Herzls Bekanntschaft mit dem Engländer Sidney Withman und mit Kozmian, dem Gewährsmann des damaligen österreichischen Ministerpräsidenten Badeni. Newlinski besucht auch den ersten Baseler Kongreß, um dem Sultan Bericht erstatten zu können. Der Kongreß überzeugte ihn, daß der Zionismus bereits in das Stadium einer organisierten Bewegung getreten ist, welcher Umstand ihn auch veranlaßt zu haben scheint, die Spalten seiner ״Correspondance de l’Est“ der zionistischen Sache zu öffnen. Am 14. September 1897 erschien in der Correspondence ein längerer Artikel Newlinskis, in dem er die politische Bedeutung des Zionismus hervorhob und darauf hinwies, daß er nur das Bestreben habe, ein neues jüdisches Zentrum für die bedrängten russischen Juden zu gründen. Der Zionismus ist sicherlich ״der Fürbitte aufgeklärter Menschen und der christlichen Welt würdig“. Der Vatikan könne daher ruhig den Zionismus fördern, ebenso die Türkei, der aus einer jüdischen Kolonisation in Palästina nur Vorteile erwachsen würden. Von nun an bringt Newlinski in seinem Presse-Bulletin öfters Nachrichten über den Zionismus sowie Auszüge aus Artikeln der ״Welt“ und versucht in überaus instruktiv gehaltenen Leitartikeln die zionistiselten Ziele der Türkei näherzubringen, die ja in politischer Hinsicht nichts zu befürchten habe, da der Zionismus nichts anderes als Kolonisationsmöglichkeiten in Palästina suche. Die prozionistische Stellungnahme Newlinskis veranlaßte auch Herzl, der ״Correspondance de l’Est“ eine monatliche Sub•; vention von 200 Fl. zu bewilligen. Newlinski dankte ihm derart gerührt, daß Herzl nicht wußte, wie ihm dieser Betrag so groll Vorkommen konnte. Newlinski hatte auch von diesem Zeitpunkte an in seiner Korrespondenz eine ständige Rubrik über den Zionismus geführt, in der er über alle Vorkommnisse in der Organisation berichtete sowie politische Artikel und Nachrichten zum Abdruck brachte. Nebenbei hält er den Kontakt mit den türkischen Kreisen in Konstantinopel aufrecht und informiert Herzl über die Vorgänge im Sultanpalais, wenn auch nicht immer in allzu wahrem Lichte. NewlinsKi wird von Herzl auch für den Ausbau der Beziehungen zum Vatikan benützt, da er nach Angabe des Wiener Nuntius JagHani über die besten Beziehungen zu Rom verfüge7). Im März 1899 wird Newlinski von Herd aufgefordert, abermals nach Konstantmopei zu reisen und dort die politischen Beziehungen weiter auszubauen, sowie die Aufhebung des Einwanderungsverbots und die Gewährung des Charters zu erwirken8). Da Newlinskis Gesundheitszustand schon seit längerer Zeit Besorgnis erregte, wurde ihm als Reisebegleiter der junge Arzt Dr. Ludwig Poborski beigegeben. Obwohl der Hausarzt Newlinskis jeden Augenblick einen Zusammenbruch befürchtete und Newlinski selbst seinen Zustand kannte, reiste er dennoch mit Poborski am 30. März nach Konstantinopel, um, wie Herzl sagt, ״etwas Entscheidendes zu tun, in der Erwartung, die ihn wahrlich nicht täuschen soll, daß wir auch etwas für ihn tun werden“9 10). In ihm sah Herzl eigentlich den einzigen Mann, der ihm eine Audienz beim Sultan erwirken könnte. Auf der Reise suchten ihn in Sofia in seinem Kupee der bulgarische Ministerpräsident Nadkowitsch und führende bularische Staatsmänner auf, die mit ihm eine längere Konferenz atten. In Konstantinopel wurde Newlinski vom Adjutanten dos Sultans erwartet und samt seiner Reisebegleitung in Hofequipagen nach dem Hotel Royal gebracht. Schon am Tage seiner Ankunft (1. April) begab er sich nachmittags im Frack m das Sultanpalais. Dr. Poborski begleitete ihn, da er von Herzl, der befürentete, daß Newlinski vielleicht auch mit der ״Rothschildpartei“ — den Gegnern des politischen Zionismus — zusammengehen könnte, beauftragt war, alle seine Schritte zu überwachen. Er mußte aber auf ihn vor dem Schloß warten. Erst nach einer längeren Zeit kam Newlinski in Begleitung von zwei höheren Beamten aus dem Palais. Newlinski, der sehr gut gelaunt war, begab sich nun mit Dr. Poborski ins Hotel. Beim Abendessen, als Newlinski Dr. Poborski über den Verlauf seiner Unterredung im Schloß berichten wollte, brach er zusammen und erlag einem Herzschlag. Am 2. April erhielt Herzl von Poborski die telegraphische Mitteilung, daß Newlinski, der bereits für den 4. April zum Sultan bestellt war, am 1. April gestorben sei. Diese Nachricht erschütterte Herzl aufs tiefste. Er befürchtete auch, daß Newlinskis Frau ihm wegen der Reise Vorwürfe machen könnte. Ferner bedeutete ja nach seiner Ansicht Newlinskis Tod einen schweren Schlag für die ganze Bewegung, da seine politische Tätigkeit in Rom und Konstantinopel unersetzlich war. Herzl, der diesen Verlust schwer trug, schildert ihn in seinem Tagebuch als eine der merkwürdigsten Gestalten, als ״Grandseigneur dechu“, der trotz mancher bedenklicher Eigenschaften sehr sympathisch und von wahrhaft charmanten Manieren war, aber eines Tages den Halt seines angestammten Lebenskreises verloren und in eine Schichte geraten war, in der er nicht verstanden wurde. Er besaß eine große Technik in der ״Diplomatie mit allen ihren Finessen“1״); seine angeborene slawische Liebenswürdigkeit und Vornehmheit brachten selbst Persönlichkeiten wie Herzl in seinem Bann. Obwohl Herz! des Eindruckes nicht loswerden konnte, daß seine ״Correspondance de l’Est“ auf schwindelhafter Basis auf- 4) Bei dieser Gelegenheit wäre zu erwähnen, daß im Jahre 1893 Arnold White in einem Aufsatz ״Newbury house tnagazine“ über einen Plan Bismarcks zur Schaffung eines jüdischen Staates in irgendeinem Territorium Mitteilungen machte. 6) Tagebücher, Bd. I, S. 465. 7) Tagebücher Band II, S. 259. ») Dr. Poborski, der Newlinski begleitete, teilte Herz! in diesem Sinne den Zweck dieser Mission mit. ■') Tagebücher Band Ii, S. 298. 10) Tagebücher Band I, S. 605.