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Jüdische Rundschau · 1928-07-06 · Heft 53 (6.7.1928) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 53 (6.7.1928)
Date
1928-07-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 380 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 53, 8. VI. 1928 Kampf hin und ging so weit, jeden Zionisten, der die Reformbedürftigkeit der Kwuzoth-Betriebe feststellte, als sozialen Gegner zu diffamieren. So kam es, daß die wirklichen sozialen Gegner der Kwuzoth scheinbare Bundesgenossen fanden an denen, die für eine wirtschaftliche Gesundung der Kwuzoth eingetreten ■fnd! Wir waren innerhalb des Zionismus in ein Chaos geraten, nicht nur durch das Widerstreben gegen die Erkenntnis der Realitäten Palästinas, sondern auch durch den ungezügelten innerzionistischen Parteikampf. Und in der Seele jedes Zionisten brannte die bange Frage: wie läßt sich der tote Punkt überwinden, der Aufbau Erez-Israels durchführen? Wir brauchten einen neuen Plan, neue Mittel, neue Initiative. Unsere zionistischen Fachleute hatten Pläne ausgearbeitet, vor allem Ruppin; die Zionistische Organisation hat selbst Expertengutachten eingeholt, von Mead 1923, später von Oppenheimer und Dyk, von Sir John Russell und anderen. In London wurde eine Wirtschafts־ konferenz unter Herbert Samuels Vorsitz 1926 veranstaltet. Konsequenzen wurden nicht gezogen, ein Wirt- Schafts- und Finanzplan kam nicht zustande, weil ja keine Mittel für wirkliche Kolonisationsarbeit vorhanden waren, das Budget deckte kaum die laufenden Ausgaben und die Exekutive litt unter ihren Deiiziten. In dieser Situation, wo auch das Vertrauen im Innern zu war.ken begann, gab es nur einen einzigen Ausweg: die Defizite abzutragen, alle Mittel auf Vollendung des Bestehenden zu konzentrieren und den Weg zu neuer Aktionsfreiheit und neuer Kolonisation freizumachen. Dies war der Sinn der Beschlüsse des XV. Kongresses. Nach Abschluß dieser Uebergangszeit der Sanierung mußte aber das Problem der Art und Weise der Weiterarbeit in seiner ganzen Schärfe vor der Zionistischen Organisation stehen. II. Stellen wir uns nun vor, der Bericht der Sachverständigen wäre nicht an eine gemischte Kommission, sondern direkt an den Zionistenkongreß erstattet worden. Es ist anzunehmen, daß die Mehrheit des Kongresses in den meisten Punkten dem Urteil der Sachverständigen zugestimmt und dieses als Basis der künftigen zionistisehen Arbeit akzeptiert hätte. Die sachlichen Forderungen des Berichtes (z. B. über Intensivierung, Bewässerung, Industrieförderung usw.) entstammen ja fast durchwegs zionistischen Quellen. Auch die Grundsätze der Immigrations- und Konsolidierangspolitik sind unanfechtbar. Anders steht es mit den sozialpolitischen Forderungen. Hier sind die in diesem Blatt schon früher wiederholt gerügten Fehler bei Durchführung der Expertise schmerzlich fühlbar. Die Experten haben die spezifischen Probleme der zionistischen Kolonisation, die sie von anderen Siedlungswerken unterscheidet, nicht kapiert: Das Problem der jüdischen Arbeit, die Eigenart der Menschen, die nur durch ein Ideal zu dieser Kolonisation geführt werden usw. Aber auch hier muß man gerechterweise anerkennen, daß die Experten nicht allein stehen. Sie haben Bundesgenossen im zionistischen Lager. Innerhalb des Zionistenkongresses ist die Gruppe Eth Liwnoth, ein großer Teil des Misrachi, die Revisionisten und ein Teil der Radikalen, die bürgerliche Partei Palästinas und wohl auch ein Teil der zionistischen Mitte wahrscheinlich derselben Ansicht wie die Kommission, was Kwuzoth, Seibstarbeit und sonstige Grundsätze der Arbeiterwirtschaft betrifft. So sehr ich persönlich gegen diese Forderungen der Kommission bin, so muß doch jeder gerecht Denkende es als unerträgliche Tatsachenentstellung empfinden, wenn diese Forderungen als ״antizionistisch“ hingestellt werden. Die Frage, ob diese Empfehlungen der Kornmission angenommen werden sollen, hat nicht das geringste zu tun mit einem Gegensatz zwischen Zionisten und Nichtzionisten, also auch nicht mit der Frage der Jewish Agency. Es ist durchaus denkbar, daß man z. B. jetzt die Verhandlungen mit der Marshall-Gruppe zerschlägt, und daß dann der nächste Zionistenkongreß rnit Mehrheitsbeschluß genau oder fast genau so ein Programm annimmt, wie es der Agency-Bericht empfiehlt. Wir plädieren hier keineswegs für eine Annahme; wir wollen nur klarstellen, daß die Scheidungslinie mitten durch das zionistische Lager führt — vielleicht auch mitten durch das nichtzionistische. Dies müßte sich parlamentarisch im Zionismus eigentlieh so ausdrücken, daß Gruppen, die prinzipiell gegen die Agency-Politik sind, z. B. die Revisionisten, für diesen Bericht stimmen, weil er ihrer Wirtschaftspolitik sehr nahekommt; während die Arbeiterparteien, die bisher Weizmanns Agency-Politik unterstützt haben, gegen diesen Bericht stimmen müssen, der ihre wichtigsten Prinzipien ablehnt. in. Für viele Zionisten sind einzelne Punkte des Berichtes unannehmbar, weil sie mit ihrer Auffassung des Zionismus in Widerspruch stehen. Zionismus ohne die Tendenz der Schaffung neuer Lebensformen auf politischem, sozialem und menschlichem Gebiet, ist für viele von uns sinnlos. Wir wollen ein Gemeinwesen, in welchem die zwei nun einmal im Lande vorhandenen Völker in gerechter Gemeinschaft, ohne gegenseitige Unterdrückung, miteinander leben. Wir wollen den freien jüdischen Arbeiter auf nationaler Scholle, den Typus eines innerlich befreiten, naturverbundenen jüdischen Menschen. Das alles gehört zu unserem Zionismus. Darum ist die Aeußerung der Kommission über den Jüdischen Nationalfonds, der das Symbol dieses sozialen Ideals ist, für uns verletzend. Wir vermissen eine Stellungnahme gegen die Bodenspekulation, die das Palästinawerk notorischerweise auf das schwerste geschädigt und zurückgeworfen hat. Wir begreifen die Schwierigkeit, die durch die Nichthypothezierbarkeit der N.-F.-Böden gegeben ist; aber statt eine Abhilfe zu suchen, schüttet die Kommission das Kind mit dem Bade aus. Weiter: Die brüske Ablehnung neuer Kwuzoth steht im Widerspruch mit der Sehnsucht und Hoffnung hunderter junger jüdischer Menschen, die seit Jahren das provisorische Leben in Palästina nur ertragen können, weil sie ihre Ansiedlung als Kwuzahi in nicht zu weiter Ferne sehen. Diese Menschen vor den Kopf zif stoßen, ist eine Schädigung des wertvollsten zionistischen Kapitals. Wir argumentieren hier nicht sozial und nicht jüdisch; denn die Experten, auf die Der EinUnft des denttchen Zionismus hfing! von der Anzahl seiner Schekel ab! sich die Vierer-Kommission stützt, konnten natürlicherweise nur die rein kolonisatorische, nicht die jüdischgefühlsmäßige Seite des Palästinawerkes in Betracht ziehen. Aber die Seelenkraft der Siedler ist ein kolonisatorisches Faktum ersten Ranges. Was freilich die praktische, aktuelle Frage anlangt, so darf nicht übersehen werden, daß der Bericht nachdrücklich für eine Konsolidierung der bereits bestehenden Kwuzoth eintritt, ja diesem Postulat sogar den Vorrang vor allen neuen Unternehmungen gibt. Wenn die konsolidierte!} Kwuzoth sicht behaupten, dann werden auch die Kolonisationsexperten ihre Ansicht ändern müssen. Wenn sich die konsolidierten Kwuzoth nicht behaupten, dann wird, auch ohne Agency und ohne Expertenbericht, die Zionistische Organisation keine neuen gründen können. Und weiter: Was nützen uns Resolutionen zugunsten des Prinzips der Kwuzah, wenn unsere Mittel nicht einmal ausreichen, auch nur den vor sieben Jahren begründeten das ihnen schuldige Budget auszuzahlen? Gegnerschaft gegen die Kwuzah und Sicherung des Budgets für En Charod und Beth Alpha ist vielleicht im Resultat der Kwuzah-Idee günstiger als ihre ProkUmierung ohne das Geld zur Durchführung. Die von der Kommission weiter ausgesprochene These, daß die neuen Kwuzoth als Ausbildungsstätten und als Uebergang zum Moschaw zu werten sind, entspricht der von Dr. Ruppin schon in seinem Buche vertretenen Auffassung. Wenn man also die Streitfrage aus der Höhe Ideologischer Polemik auf die Ebene der konkreten Wirklichkeit herunterzieht, ergibt sich, daß die Bedeutung des Agency-Berichtes in diesem Punkte überschätzt wird. Die Praxis und der Erfolg im wirklichen Leben werden entscheiden, mit oder ohne Agency-Bericht. IV. Es kam uns darauf an, zu zeigen, daß die am schärfsten angegriffenen Punkte des Berichtes Probleme enthalten, die ganz unabhängig von dem Bericht zur Entscheidung stehen und von uns nicht umgangen werden können. Es ist aber auch wesentlich, klar zu erkennen, daß der Bericht nicht identisch ist mit der Erweiterung der Agency selbst. Darum ist die Meinung, daß jetzt schon bindende finanzielle Verpflichtungen der Nichtzionisten hätten erfolgen sollen, ein Mißverständnis der Prozedur. Der Bericht wurde von der Kommission erstattet einerseits an die Zionistische Organisation, andererseits an die Marshall-Gruppe. Beide Gruppen haben nun zu entscheiden, ob sie ihre künftige Arbeit in Uebereinstimifcung mit dem Bericht führen wollen. Kommt die Zionistische Organisation zu dem Resultat, daß sie die Empfehlungen der Vierer-Kommission akzeptiert und ihre Mittel dafür einsetzt, dann hat sie jedenfalls die Unterstützung der Vierer-Kommission für sich. Wäre die zionistische Atmosphäre nicht durch die erbitterten Kämpfe um die Agency-Politik vergiftet, dann müßte man das bedingungslose Eintreten dieser Vierer-Kommission für den Aufbau eines Jüdischen Nationalheims in Palästina im Sinne des Baseler Programms, der Balfour-Deklaration und des Mandates, als einen beinahe phantastischen Erfolg bewerten. Diese Nichtzionisten sind durch Weizmanns unermüdliche Tätigkeit und durch die Realität der im werdenden Palästina steckenden Kräfte so überwältigt worden, daß es für sie keine Frage des Ob mehr gibt, und daß sie eine tagelange Arbeit aufbieten, um einem schnelleren und nach ihrer Meinung wirtschaftlich besseren Aufbau des Nationalheims den Weg zu bahnen. Die positive Erklärung dieser immerhin repräsentativen Vierer-Konimission ist für die Propaganda der Palästina-Sache ein nicht zu unterschätzendes Aktivum, gerade weil man weiß, daß nicht zionistische Voreingenommenheit sie leitet. Auch die Marshall-Oruppe hat den Bericht anzu• nehmen oder abzulehnen. Da es bei ihr nicht um ideologische Streitfragen geht, kann ihre Entscheidung sich nur in einem Punkte ausdrücken: in der Frage der finanziellen Beteiligung. Die Zionistische Organisation setzt die von ihr bisher aufgebrachten Mittel ein, die Marshall-Gruppe muß daher mindestens den Unterschied decken, der bis zu der verlangten Million Pfund bleibt. Tut sie das nicht, dann bedeutet dies praktisch Ablehnung des Berichtes von ihrer Seite. Denn die wichtigste Feststellung des Berichtes ist die Erklärung, daß beginnend mit dem Finanzjahr 1929/30 ein Jahresbudget von mindestens einer Million Pfund erforderlich ist, um die Palästinaarbeit im Sinne des Berichtes auch nur einigermaßen vorwärtszubringen. V. In zwei Wochen tritt das Aktions-Comite zusammen. Es wird an Stelle des Kongresses die Entscheidung zu fällen haben. Wir wollen hier nur theoretisch erwägen, welche Wege offenstehen. Die eine Möglichkeit ist die Annahme des Berichtes. Dies bedeutet — wie gesagt — noch nicht Er- Weiterung der Jewish Agency, sondern lediglich grundsätzliche Bereitschaft, das Arbeitsprogramm des Sachverständigengutachtens und das Budget von einer Million Pfund als Arbeitsgrundlage zu akzeptieren. Sodann hätte die amerikanische Konferenz das Wort. Sie stünde dann vor einer klaren Situation, und es wäre endlich jenes Stadium der Agency-Verhandlungen erreicht, wo die nichtzionistischen Partner unzweideutige Erklärungen über ihre finanzielle Beteiligung abgeben müssen. Nehmen sie das Budget an, dann kann eine Zusammenarbeit erfolgen; lehnen sie ab, dann hat die zionistische Propaganda und der zionistische Appell an die jüdische Oeffentlichkeit einen so starken innerjüdisehen Halt wie noch niemals. Die zweite Möglichkeit ist eine Ablehnung. Diese bedeutet Abbruch der Agency-Verhandlungen von unserer Seite. Sie stellt die Zionistische Organisation ferner vor die Notwendigkeit, ein anderes Wirtschaftsprogramm als das von den Experten empfohlene für sich auszuarbeiten und vor der Oeffentlichkeit zu vertreten. Dieses Wirtschaftsprogramm müßte natürlich auch nach innen, d. h. gegenüber den verschiedenen zionistischen Gruppen, die ja in Wirtschaftsfragen sehr divergieren, tragfähig sein; Denn in Zukunft müßte man sich wahrscheinlich auf die Unterstützung der Zionisten für das Budget verlassen müssen; die Nichtzionisten hätten nach Ablehnung des Berichtes einen einfachen Vorwand für ihre Nichibeteiligung. Bei den innerhalb der zionistisehen Bewegung herrschenden Zuständen muß man sich darauf gefaßt machen, daß das Budget der nächsten Jahre noch niedriger angesetzt wird, wie das des letzten Baseler Kongresses, ln Amerika, das die Schlagworte liebt, würde man wahrscheinlich die zionistische Geldaufbringung mit dem Hinweis erschweren, die Zionisten hätten die Ratschläge der Experten, aus der ״Mißwirt- Schaft“ herauszukommen, in den Wind geschlagen. Wir alle wissen, daß es auch Zionisten gibt, die dieses Argument aufgreifen werden. Diesen Tatsachen muß jeder Zionist bei der Entscheidung ins Auge sehen. VI. Eine weitere Folge der Ablehnung des Berichtes müßte natürlich der Rücktritt der Exekutive sein. Schien es bisher, daß nur die Palästina-Exekutive in der A.-C.-Sitzung vor einer Krise stehen wird, so muß man nunmehr mit einer Krise der Gesamtexekutive rechnen. Die Tatsache, daß sich hier ein Weg zeigt, um Weizmanns Rücktritt zu erzwingen, kompliziert die Lage, weil die Opposition sich1 natürlich diese günstige Gelegenheit nicht wird nehmen lassen. Nach den Gesetzen der Logik müßte der Bericht angenommen werden mit den Stimmen der bürgerlichen Zionisten, einschließlich des Misrachi und der Revisionisten, gegen die Stimmen der Radikalen und der Arbeiterparteien. In Wahrheit aber haben wir eine offizielle Opposition, die den Misrachi, Radikale und Revisionisten umfaßt, hierzu muß sich jetzt notwendigerweise die ganze Linke gesellen. Dies sind 23 Stimmen gegen den Bericht. Von den 29 allgemeinen Zionisten, vorausgesetzt, daß sie alle anwesend sind, werden zweifellos einzelne gegen den Bericht stimmen, z. B. Ussischkin (schon wegen des N.-F.), und eine ganze Anzahl allgemeiner Zionisten sind wahrscheinlich unschlüssig oder werden sich scheuen, in der gegebenen Konstellation sich durch Ja-sagen zu exponieren. Auf alle Fälle sollte vermieden werden, daß das A.-C. unter dem Druck eines Ultimatums dem Bericht zustimmt. Dies wäre keine Lösung. Denn die nachher in der Zionistischen Organisation entstehende Atmo- Sphäre wäre einfach unerträglich. Die Dinge sind bis zu einem Punkt gediehen, wo ein Fortwursteln unmöglich ist. Findet sich nicht eine ausreichende und arbeitsfähige Mehrheit, dann muß die Exekutive zurücktreten und einer neuen Exekutive, gebildet aus den Oppositions- Parteien, Platz machen. Wir wissen wohl das Risiko abzuschätzen, das mit einem solchen Experiment verbunden ist. Aber nichts kann schlimmer sein als der Zustand innerer Demoralisation, der dadurch erzeugt wird, daß die Organisation widerwillig und gezwungen

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