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Jüdische Rundschau · 1928-07-03 · Heft 52 (3.7.1928) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 52 (3.7.1928)
Date
1928-07-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 376 JUEDISCHE RUNDSCHAU •1 Nr. 52, 3.VH. 1928 schwer, das Jubiläum der hebräischen Literatur in den Tagen zu feiern, in denen unser Volk, das Volk des Buches und der heiligen Zeichen, in ein stummes und sprachloses Volk verwandelt wurde. Es gibt eine Erzählung aus der mittelaltcrlicheu Geschichte Palästinas: Die Eroberer, die in das Land eingefallen sind, wollten die Sprache und Kultur der authochtonen Bevölkerung vernichten, und sie haben allen Müttern die Zungen ausgeschnitten. Die Mütter konnten nicht bei der Kinderwiege ihren Schmerz und ihre Liebe in Worten und Liedern ausdrticken. Wir sind diesen stummen Müttern ähnlich geworden. Schwer ist es, in solchen Tagen von einer Feier der hebräischen Poesie, der Renaissance der hebräischen Sprache zu sprechen — wir konnten aber doch an diesem Tage nicht schweigen. Wenn es auch schwer ist und unhelm-!ich, nicht die Möglichkeit zu haben, über den Dichter in der Sprache seiner Lieder zu schreiben, können wir doch diesen Tag nicht Vorbeigehen lassen, obgleich unsere Freude sich mit unendlicher Trauer mischt und vergiftet ist mit dem bitteren Gefühle der Ohnmacht.“ Die erste Antwort kam von Mendeie Mocher Sforim in einer altertümlichen russischen Sprache, auf einem Briefbogen der Odessaer Talmud Torah, wo der alte Mendele Beamter war. Er schrieb vom Krankenbett: ״Ohne Zweifel wird dieses Jubiläum des herrlichen jungen Dichters Chaim Bialik eine große Feier der neuhebräischen Poesie, und ich als Verehrer und alter aufrichtiger Freund des Jubilars hätte mit großer Freude an dieser Feier teilgenommen, aber die Krankheit verhindert mich, etwas zu schreiben, das dieser Feier würdig wäre.“ Ich wandte mich an den bekannten russischen Denker und Kritiker M. Gerschensohn. Er lud mich telephonisch zu sich ein. Gerschensohn war damals der bekannteste russische Literaturhistoriker und Denker, der Geschichtschreiber des Slavophilentums und der Dekabristen, der das Genre des alten russischen Lebens wiederbrachte. In seinem Buch ״Moskau aus der Gribojedows Zeit“ gibt er in unnachahmlicher Form den Geist des alten Moskau wieder. — Ein magerer Herr mit seinem jüdischen, eingefallenen, vergeistigten Gesicht, hat er in seiner Dachkammer gesessen, im Hause der Tochter eines russischen Dekabristen, über alte Manuskripte und Bücher geneigt, wie ein typischer alter jüdischer Rabbiner über seinen Talmud-Folianten. Er war schon viele Jahre vom Judentum entfernt. Bialik kannte er nur aus den russischen lebersetzungen und aus seinen jiddischen Liedern. Er anerkannte ihn als einen großen Dichter. Es folgte ein längeres Gespräch. Gerschensohn gab mir einen kurzen Artikel ״Das Joch und der Genius“ und brachte mich mit den bekanntesten russischen Dichtern Wijacheslav Iwanow, Valeri Briussoff, Fodor Sologub und anderen zusammen. Ich wollte in diesem Sammelhefte einige musterhafte Uebersetzungen von Bialik geben. Ich habe den Dichtern Transkriptionen und wörtliche Uebersetzungen einiger Gedichte Bialiks gegeben, um ihnen das Versmaß zu zeigen, und habe einige vortreffliche Ueber- Setzungen bekommen. Gerschensohn schrieb über die Tragödie des Genius, der beflügelt geboren ist und nicht das Recht hat zu fliegen. Das Ist das Los von Bialik, ein gefangener Seraph, aber ein Adler in Ketten. Ein Genius muß sorglos sein, denn jede Sorge verkleinert ihn. Physisch kann der Genius keine dusteren Tage vertragen und er strebt zu der Sonne. Deshalb sind Gogol, Ibsen, Glinka in den Süden gegangen, aber Bialik ist im russischen Judentum geboren, wo die Sonne nie aufgeht. Wäre er in einem Lande der Gleich- Berechtigung geboren, so wäre auch dann sein Genius nicht frei, weü das Judentum schon lange vorher durch seine Vergangenheit vergiftet ist. Wie mit Blei sind seine Flügel beschwert. Er trauert und klagt über die irdische Verknechtung seines Genius. In dem Donnern seines Zornes, in seinen erschütternden Klagen hörte icn nur eine hartnäckige Klage über alles, was mit menschlichen Ketten seinen seraphischen Oeist bindet. Das Judentum mit seiner psychischen Erbschaft und die russische Wirklichkeit haben Bialiks menschliche Persönlichkeit zu beschwert, als daß sein Genius sich frei entfalten konnte. Könnte Bialiks Genius sich frei entwickeln, welche neue Offenbarungen von Gedanken und Gefühlen, die jetzt in seinem Innern gefangen sind und nicht aufbrechen konnten, könnte er der Welt geben! Das Erscheinen Bialiks ist ein unzweideutiges Zeugnis der Kraft und Frische des jüdiscfyin Volksgeistes, ein Rätsel für die Völker. Daß ein solches Schicksal, wie es das Judentum hatte, seine Seele nicht tief verwundete? Daß nach zwanzig solcher Jahrhunderte, nach zwanzig Geschlechtern ein Mensch mit der Seele Bialiks in einem wolhyn^chen Städtchen geboren werden konnte? Oder wird das Judentum lebendig erhalten wie Feuer unter der Asche für irgendeine künftige allweltliche Tat? Aber die Poesie von Bialik ist eine erschütternde Erzählung von der Abnormität des historischen Schicksals des Judentums. Auch Maxim Gorki schickte mir einen Artikel. Für ihn ist Bialik ein großer Dichter, die seltene und die vollkommene Verkörperung des Geistes seines Volkes. ״Er ist wie der von mir geliebteste Prophet, wie der Prophet Jesaja, wie der Gotteskämpfer Hiob.“ Gorki spricht über Bialiks Lieder der Trauer und des Zornes. Aber durch diese Lieder der Trauer und des Zornes bricht wie ein heller Strahl die Liebe des Dichters zum Leben, zur Erde, sein Glaube an die geistigen Kräfte des Judentums: ״Wir sind das letzte Geschlecht der Knechtschaft und das erste der Freiheit.“ Dieser Glaube Bialiks läßt in mir keine Zweifel, daß das Volk Israel ein Volk des starken Geistes ist, das Volk, das auch diesen großen Dichter gegeben hat.“ Der russische Schriftsteller H. Kuprin schrieb: ״Die wahren Schöpfer der Kunst reichen einander die Hände über die Abgründe der menschlichen Bosheit, des Unglaubens, des Geizes, der Gemeinheit und der Lüge, und darin liegt ihr Verdienst, das man mit einem schwachen Mittel, wie das Wort, nicht messen kann. Der Dichter Bunin hat Öialik ein Gedicht gewidmet. Valeri Briussoff hat Bialiks Lieder ״Ajech“ ״Al Hasch’ chitah“ übersetzt. Dieses Gedicht wurde auch von Fodor Sologub übersetzt und ich habe beide Uebersetzungen gebracht. Wijacheslav Isanow hat das Gedicht ״Achem gam seh mussar elohim“ übersetzt. Die besten jüdischen Schriftsteiler, darunter Ansky und Baal Machschowcs haben Charakteristiken und Würdigungen der vielseitigen literarischen Persönlichkeit des Dichters gegeben. Auch der vor einigen Jahren tragisch ums Leben gekommene jüdisch-russische Schriftsteiler Andrei Sobol hat einen Beitrag gebracht. Dawid Frischmann spricht von einem andern Bialik, den man wenig kennt. Er zitiert sein Gedicht ״Im timzeu megilath lewawi.“ ״Wenn Ihr nach meinem Tode die megillah meines Herzens verworfen in einem vergessenen Winkel finden werdet, werdet Ihr von mir sagen: Er war ein einfacher, einfältiger, schwacher und müder Mensch. Dieser Mensch liebte die Einsamkeit und ohne Segen und ohne Fluch hat er still empfangen, was von selbst zu ihm gekommen ist Er hat nicht die kleinen Taten gemieden, hat nicht nach großen Taten gedürstet und nicht das Besondere gesucht. Wenn er auf der Straße ging und mit der Menge in Berührung kam, ging er nicht beiseite und setzte seinen geraden Weg fort. Aber das Große und Besondere ist im Geräusch und Getöse zu ihm gekommen, von selbst und ohne jeden Ruf. und dieser Mann hat nicht verstanden, was die Gasse von ihm forderte, wozu dieses Geräusch und Getöse, das sich ihm entgegenriß. Dann pflegte er für eine Weile stehenzubleiben, pflegte seine erstaunten Augen groß zu öffnen. Er schwieg und wunderte sich: Was wollte man von ihm? Er pflegte höflich den Kopf zu der Menge zu neigen und wegzugehen. In der Tiefe seiner Seele verachtete er die Frechheit der Hunde und die Feigheit des Hasen. Dieser Mensch wohnte in einer Dachstube mit einem kleinen Fester, die unteilbar ihm allein gehörte, die für die Menge unzugänglich war. Dieser Man« Hatte ein Gebet. In den schweren Minuten des LebeJff“pfegte״ er in ־lekr-Zimwer zu* gehen, stand am Fenster und zitternd und flammend betete er in der Stille. Dieses Gebet dauert solange, wie sein Leben, aber es wurde nie erhört. Das, worum er nicht gebetet hat, ist ihm gegeben worden, und das einzige, das er suchte, hat er nicht gefunden. Aber bis zum letzten Tage seines Lebens verzweifelte er nicht und sein Herz hat gebetet und gebetet, bis es inmitten des Gebetes stillgestanden ist.“ Das Sammelheft hat einen Widerhall in der ganzen Welt gefunden. Für Nichtjuden und Fernstehende war es eine Ueberraschung. Gerschensohn sagte mir: ״Nach dem Jammer und der Verbitterung dieser Jahre habt Ihr das Judentum im Sonnenlicht gezeigt.“ Ein halbes Jahr später haben wir über Kopenhagen aus dem von uns durch ein Meer von Feuer und Blut abgeschnittenen Palästina ein Sammelbuch bekommen ״Beschaah su“, gewidmet dem Jubiläum von Bialik. Der zu einer Erinnerungsstätte umgewandelte, noch aus der Röraerzeit stammende jüdische Friedhof im Bonner Torzu Köln ist in diesen Tagen von den beiden Synagogengemeinden Kölns, der Großgemeinde und der orthodoxen Adaß I Jeschurun in Obhut genommen worden. Die Amerikanisienug da* Jaden Das lewish Institute of Religion hielt aus Anlaß der Verleihung des Rabbinertitels an vier Absolventen des Instituts einen Feitgottesdienst ab, bei dem Richter Julian W. Mack als der Präsident des Kuratoriums den Vorsitz führte und Jacob Bi11 ikopf die Festrede hielt. Wie wird der Jude der nächsten Oeneration aussehe n? fragte er; wird er den Stempel der in dieser Generation sich bemerkbar machenden Dekadenz, die eine Folge des in der Nachkriegszeit emporgekommenen Jazz-Geistes ist, tragen? Die Idee der ״Amerikanisierung beschäftigt jetzt die ernstdenkenden Juden. Man fragt sich: Ist der Kulturgrad des in Amerika geborenen Juden wirklieh höher als der seiner aus dem Osten eingewanderten Eltern? Der Vater hatte noch den an den Talmud geschulten scharfsinnigen Geist, der Sohn verfügt schon über die billige Schlagfertigkeit der Operette. Der Vater hat hunderte Sprüche aus Bibel und Talmud im Gedächtnis, der Sohn aber kennt die Gesetze des Ballschlagens auf das Genaueste. Der Vater kann hebräisch, der Sohn den Slang (die ordinäre Sprache der Straße). Der Vater war von den tiefen Idealen des jüdischen Lebens, von dem Pathos der jüdischen Geschichte bewegt worden, der Sohn lebt in den Tag hinein. Die Amerikanisierungsmethoaen haben sich nur negativ ausgewirkt, sie haben den Bruch mit den Traditionen allzu radikal vollzogen. Es wurde auf moderne Kleidung, neue Manieren, neue Ausdrucksweise usw. mehr Gewicht gelegt als auf die Bildung eines neuen Charakters und neuer Ideale. Auch das Band der Familie wurde gelöst. Ohne Zweifel haben die sogenannten Amerikanisierungsbestrebungen das jüdische Heim geschwächt. Heinrich Kurtzlg hat seinem ״Ostdeutschen Judentum“ ein Büchlein folgen lassen, das er ,,Dorfjuden“ nennt (M. Poppelauer, Verlag, Berlin 1928), und in dem er Geschichten dörfischer Juden aus Ostdeutschland berichtet Es sind kleine Novellen, offensichtlich selbsterlebte Ereignisse verarbeitend, und Anekdoten, die in jener Gegend im Umlauf waren, und die sowohl ernste wie komische Geschehnisse aus dem Leben der Dorfjuden zur Darstellung bringen. In ihrer schlichten, fast chronikartigen Fassung bilden sie eine hübsche Sammlung noch nicht bekannter Erzählungen und Moschelchen. Und wer sich eine Stunde lang an ursprünglichen Aeußerungen jüdischer Volksseele erfreuen will, versäume nicht, das Büchlein zu lesen. ah. Die aeae jiddische Trappe Im Waliser •Theafeer Neben dem jiddischen akademischen Theater gibt es — immer noch — und recht lebendig, ein anderes jüdisches Theater, das durch die Gegensätzlichkeit seiner Reize noch immer sein Publikum findet. Die Mischung aus wunderbarem Gesang und bildhaftem Orient, gegenwärtig das Geschenk der R u b i n a, und großem wenn auch ungleichwertigem Spiel, zusammengesetzt aus ergreifender großer Kunst und Routine bei Mischa Appelbaum, brachten es fertig, daß ein nicht immer ganz unverwöhntes Publikum trotz aller Primitivitäten bei beiden Operetten bis zum späten Schluß nach 12 Uhr ausharrte. Das hatte wie gesagt zwei Gründe: die helle, spiegelnd-klare Stimme der Rubina in der Goldfaden-Operette ״Bar Kochba“, und es ist der Oesangsregie Appelbaums hoch anzurechnen, daß das Vokalzwitschern der Choristinnen so rein war, daß es die große Szene nicht störte — und Mischa Appelbaum in der f" .. erschütfefhif größer Menschenäarstellir. > In -״׳Bär Kflßhba“ war nächst der Rubina der Rhythmus des Intriganten der Magnet, des prachtvollen Charakterspielers Eines in seinem Lied von der Nesrhume. Ruth Morold. Die Feigl-Ausstellung bei Hartberg, Schöneberger Ufer 41, bringt nur Landschaften, in der Hauptsache ״die Bilder aus Italien“, in deren Zeichen die Einladung erging. Obwohl der ״Prager Moldaustrand“ auch seine Qualitäten hat, sind die schönsten Bilder eben doch die italienischen Landschäften, die Bilder aus Camogli und Rapallo. Feigl ist weicher eworden und heller. Sanfte Rundungen, weicher Rasen über en milden Kuppen von Uferhügeln, schöne Farben mit einer ganz bewußte״ tiebe zum Kostbaren kennzeichnen den neuen weg. Alles in allem ein Maler, der sich in den letzten zwei Jahren in überraschender Weise entwickelt hat. Aber wozu das Gemälde ״Hilde“? Es wirft auf den längst anerkannten Por• trätlsten höchst unnötig ein trübendes Licnt R. M. Der erste Band Etüden mit hebräischen Noten, der im Melodienstoff auf jüdischen Volksliedern basiert, ist in Jerusalem erschienen. abends und morgens könne sie in die Frauenabteilung gehen ״das Gebet zu hören“ und ״ein hebräisches Buch zu sehen“. Kurz, viel ״Heiligkeit“ gäbe es in diesem Viertel. In jedem Hof ein Bethaus. Und heil Israel, heil ihnen, daß sie nicht aufhören, Thorä zu lernen. Und die Bucharer — ihre Hand ist den Chachamim geöffnet. ״Sie tun viel“, die Bucharer. Und die aus Aleppo, unberufen, sind sehr heilig. ״Möge Gott geben, daß wir mit ihnen Anteil an der Welt der Wahrheit haben.“ In demselben Lehrhaus säßen die Gelehrten der Kabbala und sie wären voll Eifer im Lernen. Engel sind sie, Engel vom Himmel. Ja, was man hier habe, habe man in ganz Jerusalem nicht mehr. Nur hier spüre man die Heiligkeit der ״Heiligen Stadt“. So sprach Bussa Blanka vor ihren Zuhörern, ohne Aufhören und voller Befriedigung über diese günstige Gelegenheit * zum Plaudern, weil eine Stunde wie diese sich ihr in diesem Stadtteil, der vom Mittelpunkte der Stadt so entfernt lag, nur selten bot. Als Mula Obadjah aus dem Haus der Alten herauskam, schritt er im Garten auf und ab, stand dann eine Weile still, als ginge er mit sich selbst zu Rate, und hieß Ezechiel, ihm hierher unter den Schatten der Bäume das Liegebett zu bringen, dann einen jümer kalten Wassers aus der Zisterne für die Limonade zu schöpfen und ihm die Nargileh zum Rauchen zu holen. Und indes jener ging, seinen Auftrag zu erfüllen, ging Mula Obadjah vor der kleinen Zwei- Zimmerwohnung auf und ab, sah sich die Blumen an, die dort wuchsen und spürte um das kleine Haus hemm. Und er verweilte an allem, was sein Blick an diesem Orte traf. Inzwischen kam Ezechiel und stellte das Liegebett und die Nargileh hin, ging noch einmal und brachte die Limonade und eine glimmende Kohle. Und als er sich beugte, um die Nargileh in Ordnung zu bringen, fragte ihn sein Herr so nebenher: ״Ist dieses Mädchen noch nicht verlobt?“ Ezechiel verstand sofort, daß man ihn wegen der Enkelin der Alten befragte, und antwortete: ״Nein . . .“ Da entließ ihn Mula Obadjah, und er wandte sich und ging aus dem Garten. Unter dem leichten Schatten der Bäume war es etwas kühler. Stämme von Eukalyptus und Pfefferbaum standen hochaufgerichtet wie Marmorsäulen in einer weiten Halle da. Sie waren zumeist dunkel, und wenn sie die Laubkrönen unter einem leichten Winde bewegten, dann hüpfte überall auf dem Boden das Sonnengeflimmer hin und her, als tanze es nach einem verborgenen Kommando vor diesen großen Herren, den mächtigen Bäumen. Das Schattendunkel zwischen den Bäumen schwand nach und nach, und langsam drang wieder leuchtendes Licht ein, als käme es, um irgend etwas aufzudecken und zu enthüllen an einem Orte des Dunkels. Und Mula Obadjah saß noch immer lang ausgestreckt auf dem bequemen Lagerbett. Sein Gesicht war den beiden kleinen Zimmern zugewandt. Er zog den Rauch aus dem Rohr der Nargileh, die bei jedem Zuge gurgelte, während sein Blick hin- und herirrte, da und dort vorüberglitt und jedesmal an einem ^Punkte lange verweilte. Auf seinem Gesicht prägten sich Zeichen des Nachdenkens aus, verborgene Gedanken erfüllten ihn, zerrten ihn und nahmen ihn mehr und mehr gefangen, ln dieser einsamen Stunde schien er sich die Langeweile und Untätigkeit vor Augen zu führen, denen er seit mehr als einem Monat hingegeben war. Er wünschte sehnlichst aus diesem Zustande herauszukommen. Mtila Obadjah wollte sich von seinem Platze erheben, da kamen gerade zwischen den hohen Bäumen zwei ״Chachamim“ herbei: ״Chacham“ Rechamim Gagin, ein Sepharde, hochgewachsen mit gebeugtem Rücken, ein Mann, der den Bucharen nahe stand und bei ihnen Gunst und Ansehen besaß, und sein Begleiter, ein ״Chacham“ aus Aleppo. Als sie zu ihm herangetreten waren, begannen sie mit ״Friede über euch“ in ihrer gewohnten Singweise und streckten ihm die Hand mit einem Lächeln entgegen, aus dem sich Freude und Demut zugleich heraushören ließen, Mula Obadjah rückte sich etwas aus seiner Lage zu Ehren der Besucher: ״Ueber euch Frieden, Segen und Glück! Bitte! Bitte! Wollen euer Ehrwürden Platz nehmen!“ Sie begannen ihre Unterhaltung mit der drückenden Hitze im August, mit verschiedenen Tagesangelegenheiten und dann kamen sie zu dem Gegenstände selbst: sie machten eine Sammlung für die Aussteuer einer Braut, eines bescheidenen und bedürftigen Mädchens. Deshalb kamen sie, das Lob seines Bruders — ״Friede über ihn“ — zu verkünden, und dann beklagten sie sich, wie gänzlich ohne Nebengedanken, über die veränderten Zeiten. Früher kehrten die Sammler bei Sachen wie diesen mit vollen Händen zurück. Damals gab man und nie weniger als einen Bischlik. Aber heute strecken dir die vornehmen Leute Kreuzer entgegen. Und man müsse tagelang‘ herumlaufen, um eine Kleinigkeit zusammenzubringen. ״Die Welt hat sich gewandelt, gewandelt hat sich die Welt.“ Und während des Gespräches betrachteten sie aufmerksam sein Gesicht, aus Ungewißheit — vielleicht paßten ihm ihre Worte nicht. Aber Mula Obadjah schüttelte zustimmend den Kopf und sagte jovial: ״Ja, ja“. Und als sie endigten, fing er mit tiefer Stimme an, als ob er Perlen spendete: ״Für andere Dinge ,neu an jedem Morgen' gibt man manchmal nicht. Aber die Aussteuer der Braut Ist ein großes Gebot. Dafür muß man gewiß leben. Denn so heißt es: ,Nicht als Stätte des Tohu hat er die Erde erschaffen, als Stätte des Wohnens erschuf er sie. Ha-ha-ha...!“ ״Sicher die Ausstattung der Braut... das ist, sicher.. stotterten die beiden Chachamim, ohne zu wiissen, wie sie den Satz enden sollten. ״Sicher, sicher“, fuhr Mula Obadjah scherzend fori, ״das Gebot ,Seid fruchtbar und mehrt euch!‘ ist das erste Gebot. Es ist die Hauptsache. Ha-ha-ha!“ Mula ObadjahJachte, daß sich seine Schultern schüttelten. Es überkam ihn, Weil es ihn sehr befriedigte, ihnen, den ״Chachamim“, so nebenbei zeigen zu können, daß er thorakundig und nicht wie die anderen Bucharen sei. Nach kurzem Schweigen zog er aus seiner Hosentasche zwei Papierrubel und reichte sie ihnen hin. Dabei sah er gerade in ihre erstaunten Gesichter. (Fortsetzung folgt.)

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