Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 52 (3.7.1928)
- Date
- 1928-07-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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U NTE R HALTU N G S ־ B EI LAG E 3.juli!928 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Rousseau im Ghetto Zum 150. Todestag Jean Jacques Rousseaus. (2. Juli d. J.) Die Untersuchung über die Ursache des verschwindend geringen Einflusses, den die französischen Schriftsteller und Dichter im modernen Ghetto hatten — das heißt: in jenem Ghetto, das seine Pforten der modernen Kultur öffnete und sich, soweit es unter den gegebenen Verhältnissen möglich war, die geistigen Werte der Kulturmenschheit zu eigen machte — wird, glaube ich, dereinst ein interessantes Kapitel für den Völkerpsychologen abgeben. Auch die Lösung dieses Problems des problemreichen östlichen Judentums wird uns manchen lehrreichen Aufschluß über die Seelenzustände, in dem annoch mangelhaft durchforschten, wenig gekannten und zum großen Teil verkannten Ghettomenschen biften. Während man zwischen dem östlichen Juden und dem Deutschen eine gewisse, wenngleich nicht aufs innigste verbundene Geistesverwandschaft nachweisen kann, scheint der gallische Geist dem jüdischen Geiste völlig fremd zu sein. Vielleicht ist auch auf die dort vorhandene und hier mangelnde Geistesverwandschaft der Umstand zurückzuführen, daß die bedeutendsten Werke der deutschen Literatur fast alle ins Hebräische übersetzt worden sind, wogegen von den bedeutendsten Werken der französischen Literatur nur eine geringe Anzahl in hebräischer Uebersetzung vorliegt. Im Deutschen suchten sie im Ghetto den Kern, im Französischen die Schale; die Ghettointelligenz ״lernte“ deutsche Werke, um den Geist zu bereichern, französische Bücher aber las sie, um die Sprache zu erlernen — das Deutsche war also ein Studium, das Französische eine Uebung. Da zeigte sich uns eine Unterscheidungslinie zwischen dem Judengeist und dem Deutschengeist: der Deutsche stand jahrhundertelang unter dem Banne französischer Kultur, der Jude hat dem französischen Geist keine Macht über sich gewlnnen lassen. Kein einziger der Enzyklopädisten war im Ghetto ״rühmlichst bekannt“, von Voltaire ist auch nicht eine Zeile in der Sprache der (von ihm gehaßten) Bibel vorhanden. Ond auf Rousseau hat im Ghetto höchstwahrscheinlich erst das viel zitierte Schillersche Gedicht die Aufmerksamkeit gelenkt. Rousseau selbst aber, das heißt der Geist Jean Jacques Rousseaus, hat auf seinen Eroberungszügen durch die curoäische Welt den Boden des Ghetto kaum berührt. Unmittelar hat er auf die europäisierten Geistigen im Ghetto keinen Einfluß genommen. Nun ist aber folgende literatur- und kulturgeschichtliche Merkwürdigkeit zu verzeichnen: Schiller war der Lieb'ing des Ghetto, es gibt keine Schiller-Biographie in hebräischer Sprache; Lessing war der Freund Moses Mendelssohns und der Verfasser des Nathan und galt im Ghetto als einer der Frommen der Völker, und es gibt auch keine Lessing-Biographie in hebräischer Sprache; Goethe war auch im Ghetto Goethe״ aber bis heute gibt es keine hebräische Goethe-Biographie. Hingegen gibt es eine ganz vortreffliche, flüssig geschriebene Lebensgeschichte Jean Jacques Rousseaus in hebräischer Sprachel Und wenn ich recht unterrichtet bin, so ist diese Rousseau- - Biographie auch das einzige, was im Ptetbeon der hebräischen Literatur von und über Rousseau vorhanden ist. ' Die hebräische Rousseau-Biographie fällt eigentlich aus dem Zeitrahmen der hebräischen Aufklärungsliteratur, denn die Biographie ist zu einer Zeit e?schienen, als die sogenannte Haskalah bereits ihre Rolle ausgespielt hatte. Das Buch — betitelt ״Jean Jacques Rousseau, chajaw, spharaw wedeotavv (sein Leben, seine Werke und seine Anschauungen)“ von A. Z. Rabinowitz, und erschienen in Warschau 1890 im Tuschijah-Verlag — enthält in elf zeitgeschichtlich wohlgeordneten Abschnitten die Lebensgeschichte des Philosophen sowie eine gemeinverständliche Darstellung seiner Gedanken- und Gefühlswelt. Die hebräische Rousseau-Biographie besitzt einige Be- Sonderheiten, die angemerkt zu werden verdienen. Zunächst wäre die ungemein merkwürdige Feststellung zu machen, daß die allbekannte, nahezu zum geflügelten Wort gewordene Rousseausche Losung: ״Zurück zur Natur!“ in dem Buche von Rabinowitz nicht ein einzigesmal vorkommt. Es gibt wohl keine einzige Schrift über den Verfasser des ״Emile“ (mir wenigstens ist keine bekannt), worin nicht dieser Rousseausche Feldruf als das Kernhafte seiner ganzen Erziehungslehre mehrmals wiederkehrte. Man hat sich dermaßen daran gewöhnt, Rousseaus System der Persönlichkeitsbildung auf diese bündige Formel zu bringen, daß sich beim Klange des Namens Jehuda Burla: Luna Aus dem Hebräischen übersetzt von Erich Brauer. Nachdruck verboten Einige Tage nach dem Ende der ״Sieben Trauertage“ um den Tod seines älteren Bruders trat Mula*) Obadjah Ataljof in der Frühe aus seinem Haus. Er war vor ungefähr einem Monat, während der Krankheit des Verstorbenen, aus der Buchara gekommen. Er ging in dem großen Hof umher und betrachtete Hof und Garten, um den Zustand der Wohnungen kennenzulernen und sie abzuschätzen. Der Hausbesorger Ezechiel, ein Jude aus Dagestan, begleitete ihn, um ihm bei Frage und Antwort zur Seite zu stehen. Während der Besichtigung und Abschätzung der verschiedenen Wohnungen schien Mula Obadjah jetzt Im gelieimen einen lang gehegten Wunsch auszuführen: er wollte seine Augen auf die Mieter und Mieterinnen werfen, um das Wesen der vielen Bewohner zu erkennen, die den weiten Hof erfüllten. Deswegen gewiß ging er zu so früher Stunde auf seine Besichtigung aus, zu einer Zeit, wo jeder sich noch in seinem Hause befand. Er begann von Haus zu Haus zu gehen, er trat in jedes Zimmer und schnüffelte in jedem Winkel. Die Mieter waren Aschkenasim, Sephardim, aus Aleppo und der Buchara, im ganzen zwölf Familien. In jeder Wohnung, die er betrat, erhob• man sich und empfing den neuen Hausbesitzer aufs freundlichste. Sie beantworteten seine Fragen mit Achtung durch Vermittlung Ezechiels, der in allen Sprachen des Hofes bewandert war. Als sie in eine Wohnung traten, die noch nicht für den Tag gerichtet war — die Betten waren noch von der b^cht zerwühlt —, sah Ezechiel sich von sich aus veranlaßt, gleichsam um sich zu entschuldigen, zu bemerken, daß der Hausherr die Wohnungsmieten zu ordnen wünsche, die bis dahin so in Un- Ordnung waren, weil der ״Alte“ — der Friede über ihn — *) Mula, bucharisch ״Herr“. Rousseau der Ruf: ״Zurück zur Natur!“ von selbst auf die Lippen drängt. Einzig in der hebräischen Biographie fehlt das Losungswort. Wohl wird bei Behandlung des ״Emile“ das Wesentliche von Rousseaus Erziehungslehre in ansprechender und gemeinverständlicher Darstellung geboten; indes das Losungswort ״Zurück zur Natur!“ sucht man darin vergebens. Die Erklärung hierfür mag darin liegen, daß man früher im Ghetto das Wort Natur in seinem umfassenden Sinne nicht kannte. Eine Uebersetzungsschwierigkeit, die er nur mit Mühe und auch nicht ganz überwand, bereitete dem Verfasser der Titel: Contrat social. Dem ״Gesellschaftsvertrag“ ist in der Biographie gebührenderweise ein besonderes Kapitel gewidmet, und es versteht sich, daß der Verfasser auch den Titel der Schrift übersetzt hat; aber er übersetzte ihn in einer Weise, daß die Uebersetzung nicht entfernt den Begriff ״Contrat social“ wiedergibt. Er iibersefet: ״Takanot hachewra”, was soviel heißt wie ״Statuten der Gesellschaft“. Das Interessante dabei ist, daß der Verfasser selber seine eigene Uebersetzung mißbilligt. Er habe, bemerkt er in einer Fußnote, alle erdenkliehe Mühe vergebens darauf gewendet, im Hebräischen ein Wortpaar zu finden, das dem Begriff ״Contrat social“ vollkommen entspricht. Diese Feststellung ist volkspsychologisch nicht ohne Bedeutung. Ward ja den Geistigen im Ghetto jahrhundertelang jede Möglichkeit genommen, sich für Staat und Staatssachen zu interessieren. Daher sind denn auch im neuhebräischen Schrifttum alle Wissenschaften vertreten, mit einziger Ausnahme der Staatslehre; daher denn auch das Fehlen jeglicher Staatsbegriffe in der hebräischen Sprache. (Uebcrflüssig zu betonen, daß heutzutage die hebräische Ueber- Setzung des Ausdruckes ״Contrat social“ keinen Hebraisten in Verlegenheit bringt.) Es gehörte lange zu den Gewohnheiten hebräischer Autoren, in ihren Büchern, welcher Gattung immer sie auch sein mochten, neben eigenen Gedanken auch die Anschauungen des Judentums einzuflechten. Der Verfasser der Rousseau-Biographie bildet hierin eine rühmliche Ausnahme. Er erzählt die Lebensgeschichte seines Helden sachlich, f!ießend, ohne abzuschweifen, und entwickelt klar die Rousseausehen Gedanken, ohne etwas an den Rand zu schreiben. Nur einmal durchbricht er den Grundsatz der Objektivität. Bei Besprechung der ״Bekenntnisse“ gestattet er sich in einer Fußnofe den talmudischen Ausspruch zu zitieren: ״Es darf kein Mensch sich selber zum Frevler stempeln.“ Das Zitat trifft, und man merkt sogleich, daß Rousseaus Bekenntnisse dem Rousseau-Biographen nicht behagen, — In der Tat verurteilt der Talmud nichts so sehr, als einen Großen, der öffent'ich Aergernis erregt. Wenn ein Großer etwas Unrechte? tut, heißt es im Talmud, so kleide er sich in Schwarz und hülle sich ein in tiefes Schwarz, aqf daß er nicht das Göttliche in Mensehen öffentlich entweihe. Denn Größe verp,lichtet. Im Eingang zu seinen ״Bekenntnissen“ schreibt Rousseau: ״Ich beginne ein Unternehmen, das beispiellos dasteht und bei dem ich keinen Nachahmer finden werde. Ich will der Welt einen Menschen in seiner ganzen Naturwahrheit zeigen, und dieser Mensch werde ich selber sein. Ich werde mit diesen Buch in der Hand vor dem Richterstuhle des Allmächtigen erscheinen.“ Lin״Ta!m<jdit«te Würde Rousseau darauf erwidert haben: ,;Vor Gott? Ja. — Vor den Menschen? Niemals!“ Encyclopaedia Judaica. Soeben ist im Verlag Eschkol A.-G., Berlin, der zweite Band der , Encyclopaedia Judaica“ zur Ausgabe gelangt; deren erster Band bekanntlich vor sechs Monaten erschienen ist. Dieses auf 15 Bände berechnete, in seiner Weise einzigartige Werk unternimmt, zum erstenmal in deutscher Sprache, den Versuch, unter Mitarbeit führender jüdischer und nichtjüdischer Gelehrten aller Länder, den gesamten Wissenstoff über das Judentum 7u sammeln und rein objektiv und wissenschaftlich zur Darstellung zu bringen. Der zweite Band, der die Artikel Akademien — Apostasie umfaßt, enthält mehrere besonders wuchtige und interessante Monographien, so u. a. über: Alphabet. Akzente, Alexandrien, Amoräer, Anthropomorpbismus, Antisemitismus, Apokalyptik, Apologetik und Apostasie. Die weiteren Bände ersehenen in Abständen von je sechs Monaten. I Arno ,Nadel zeigt auf der Pressa in Köln neben Porträts von Martin Bubcr und Arthur Holitscher einen Zyklus von 20 Pastellen von der Aufführung des ״Dybuk“ durch die Habimah. nicht genau war bei der Buchung und seine Rechnungsvermerke auf jedem Stück Papier machte, das er gerade fand. ״Und nun liegt viel Arbeit auf dem Herrn.“ Und Mula Obadjah blickte mit stolzem Schweigen, wie es einem reichen Hausbesitzer zukommt, in jedes Zimmer und vermerkte in seinem Schreibheft, was ihm wichtig schien. Wenn er aus einem Zimmer heraustrat, ging er mft kleinen, bedachtsamen Schritten die Veranda entlang. Sah er eine Rinne, einen Stein oder ein Brett, die nicht in Ordnung waren, so blieb er stehen und wies Ezechiel darauf hin, daß hier eine Ausbesserung oder ein Ersatz notwendig wäre. So stieg Mula Obadjah einigemal treppauf und treppab, bis er einen Einblick in den Hof nach allen Einzelheiten erlangt hatte. Dann trat er in den Garten, um die kleine Wohnung sich anzusehen, die abgesondert im Hintergründe des weiten Hofes lag. Die Augustsonne brannte mit voller Kraft, und Mula Obadjah wischte sich mit seinem Tuche immer wieder die Schweißtropfen ab, die von seinem vollen und feisten Gesicht herabliefen. Das viele Steigep hatte diesen fetten Mann von vierzig Jahren offenbar erschöpft, und er strebte lässig, nur um die Besichtigung noch zu Ende zu bringen, den zwei kleinen Zimmern zu, die im Hintergründe des Gartens lagen, nahe dem Bethause des Hofes. In dieser Wohnung lebte die alte Bussa Blanka*) und ihre Enkelin Luna, ein Mädchen von etwas über zwanzig Jahren, und deren jüngere Geschwister, ein Knabe und ein Mädchen. Als Ezechiel und Mula Obadjah dort eintraten, erhob sich die Alte zum Empfang des Herrn mit einem freundlichen Lächeln des Willkommens und sagte: ״Gesegnet der, der kommt! Bitte, trete er nur ein, nur herein . . .“ Mula Obadjah schaute auf die Alte und ihre Enkelin und zog, während er eintrat, seine goldene Brille hervor, putzte sie *) Bussa, Abkürzung von Bulissa. Vor den Namen gestellte ehrenvolle Anrede für angesehene und vornehme Frauen. Bussa allgemein für alte Frauen. Aus stummen Tagen Bialiks erstes Jubiläum. Von Leib Jaffe. Es war in Rußland vor Pessach im Jahre 1916, im dritten Kriegsjahr, dem Jahr der Massenausweisungen, der Verfolgütigen und der Flüchtlinge. Alle jiddischen und hebräischen Zeitungen wurden auf Befehl der Kriegszensur verboten. Es wurde verboten, Briefe in hebräischen Buchstaben zu schreiben. In den historischen Sammelbüchern ״Jewreiskaja Starina“, die Dubnow herausgab. wurden alle hebräischen Buchstaben gestrichen. Bialik war damals zu Besuch in Moskau. Er hatte seinen Aufsatz ״Halacha und Hagadah“ vorgetragen, aber in russischer Sprache. Es war eigenartig, Bialik auf der Tribüne des überfüllten polytechnischen Museums zu sehen, wie er vor Tausenden von Menschen einen russischen Vortrag las. Ich redigierte damals zusammen mit Alexander Goldstein die Zeitung ״Jewreskaja Z i s n“, die an Stelle des in Petrograd geschlossenen ״Rasvjet“ in Moskau erschien. Einmal sagte mir Chajim Grünberg im Vorübergehen: ״In einigen Tagen werden es 25 Jahre sein, daß Biaük seine literarische Tätigkeit begonnen hat.“ Mir kam der Gedanke, eine besondere Nummer ״Jewreskaja Zisn“ Bialik zu widmen. Es war ein merkwürdiger Einfall, in einer solchen Zeit das Jubiläum eines jüdisch-hebräischen Picliters zu feiern, aber wir konnten nicht schweigen. Vielleicht hat uns das Gefühl des Trotzes dazu getrieben, die Feier gegen alle Schwierigkeiten und Hindernisse zu begehen. Wir begannen die Vorbereitungen. Ich wandte mich an alle hebräischen und jüdisch-russischen Schriftsteller, auch an bedeutende russische Schriftsteller und Dichter, die Bialik nur aus den Uebersetzungcn Jabotinskys und anderer kannten. Zuerst sandte ich ein Telegramm an A c h a d H a a m nach London. Seine Antwort, ein Brief in russischer Sprache, datiert vom 13. März 1916, wirkte auf uns wie ein kalter Wasserstrahl. Er sah keinen Anlaß für eine Jubiläumsfeier. Bialik habe zum ersten Male 1892 im ersten Band des Sammelbuches ״Pardeß“ veröffentlicht und sein 25 jähriges literarisches Jubiläum könne daher erst im nächsten Jahre gefeiert werden. Auch sein Alter gäbe keinen Anlaß zu einer Feier. ״Wenn ich mich nicht irre“, schrieb Achad Haam, ״ist Bialik jetzt 43 Jahre alt. Das ist dodi kein Jubiläumsdatum. Außer dieser formalen Seite“, fährt er fort, ״werde ich Ihnen nicht verbergen, daß ich es für die größte Absurdität halte, für eine grausame Verspottung, das Jubiläum unseres nationalen Dichters in einer Zeit zu feiern, da die nationale Sprache, die Sprache des Dichters selbst, schweigen muß und nicht benutzt werden darf, um unsere Gefühle an einem so feierlichen Tag auszudrücken. Stellen Sie sich vor, daß Erew Jomkipur eine Ver- Ordnung herausgeben wird, alle Synagogen und Oebethäuser zu schließen. Was würden die Juden tun? Sie weiden jeder für sich zu Hause beten und nicht mit ihren Gebetbüchern in die Kirchen und Moscheen laufen, um dort Ihr Kol Nidre zu singen. Der ״Haschiloach“ und der ״Haolam“ sind nicht mehr da, wir haben kein einziges hebräisches Organ, wo wir den Dichter begrüßen können in jener nationalen Sprache, der er sein Leben und sein großes Talent gewidmet hat. Fühlen Sie denn nicht, wie beleidigend und erniedrigend es wäre, unter diesen Bedingungen ein Surrogat als Geschenk zu bringen in der Form einer Festnummer in einer fremden Sprache? Meiner Meinung nach wäre es viel schöner und des Dichters würdiger, wenn Sic sich mit einem Jubiläumsartikel begnügten, in welchem Sie diese Gefühle ausdrücken würden,' daß angesichts des Fehlens jüdischer Zeitschriften in hebräisch die beste Begrüßung des hebräischen Dichters ein so sprechendes Schweigen wäre. — Ob Sie meinem Rat folgen werden oder nicht, jedenfalls hoffe ich, daß Sie in meinen Worten nichts Beleidigendes finden“, schloß Achad Haam. Wir waren nicht beleidigt, aber ermunternd War dieser Brief für unsere Idee nicht. Wir konnten doch nicht schweigen. In dem Leitartikel der Nummer, die wir herausgegeben haben, habe ich unter anderem gesagt: ״Es ist sorgfältig, setzte sie auf seine Nase und betrachtete wieder die Alte und ihre Enkelin. Er setzte sich, um etwas auszuruhen, auf den Stuhl neben der Tür und begann ein Gesprach mit der Gelassenheit eines Untersuchungsrichters. Und mit hochmütiger Geste stellte er durch Ezechiel Fragen an jlic Alte: Woher sie käme? Und seit wann sie hier wohne? Die Alte gab ihm bis in alle Einzelheiten Bescheid und geizte nicht mit ihren Worten. Denn für sie war etwas wie Genuß dabei, daß er, ״der Reiche“, sich nach ihr und ihrer Lage erkundigte. Sie redete im Grunde genommen zu Ezechiel. Und wenn er ihre Worte seinem Herrn übersetzte, der durch die Tür nach draußen sah, wie einer, der hinhört und doch nicht hinhört, dann sah sie auf Mula Obadjah, neigte ihren Kopf zur Seite, als verstände sie alles und bekräftige die Uebersetzung, und warf gelegentlich dazwischen: ״Richtig, richtig . . . Ezechiel versteht alles.“ . Sie wäre schon lange hier, schon über zwanzig Jahre. Aus Stambui, aus der großen Stadt Stambul, nicht aus irgendeinem Städtchen. Und ״aus einem Geschlechte von Gelehrten sind wir,“ sagte sie so nebenher, mit erwähnenswertem Stolz und Adelsbewußtsein. Ihr ״geliebter“ Sohn habe sie hierher geschickt, nach Jerusalem, aber Luna und ihre beiden kleinen Geschwister, die Sara und der Jakob, die seien erst vor zwölf Jahren gekommen. ״Nach der großen Feuersbrunst — weh mir — die in Stambul ausbrach, da sind sie in den Flammen verbrannt — weh mir — er, der ,Liebling‘ und seine Frau .. .“ Die Kinder, die nicht zu Haus waren, als das Feuer ausbrach, wurden gerettet und blieben als Waisen zurück — ״die Lieben“. Den Laden dort verkauften die Vorsteher des Koiel. Keinen schlechten Laden hätte ihr Liebling besessen: nein einen sehr schönen. Er — er möge ruhen im Paradiese — wäre Kaufmann gewesen — und die Kinder, die hätten sie zu ihr geschickt. Und seit damals trüge sie mit ihnen die Last harter Tage in Not und Bedrückung. In anderen Vierteln sei die Miete hoch, aber hier sei cs, Gott sei Dank, billig. Und hier sei ihr das Wohnen besonders angenehm. Es ist hier ein Bethaus im Hof und