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Jüdische Rundschau · 1928-06-29 · Heft 51 (29.6.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 51 (29.6.1928)
Date
1928-06-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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28 Nr. 51, 29. VI. 1928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 307 lmet, .ittelische : ein nachiirde, ingejnnte aphie ssend nicht ngen das Ansich eren. 200ö die nicht v e r - : ln-;vvanahme aber diese-1 tigen. igabc!urch. lische meral Jahre 1 and«m aus; arben 3188 sonen rti -; zur nettsamen oliner Pässe beits- Die atlich vurde ו die c des und dieser;u ng :tober 1 und f und :eben, iassali Werte ihre -«ז*.׳■( 10322 ienten nkenzählt wozu jrund Ver- Die Per-;lei chation,!and SÜliC um. artete hier tnmen rliche!einen erhält einem , der endes unterragen enden chtes, )den g der d die; den irtikel ission e Blich 1 der he- Wort einer;der idlage eizeibers 5׳ der inung dah“. mgen hebt ictont 1 sein; der Eine zionistische Leistung! Von Dr. Gustav Krojanker. ln Nr. 49 vom 22. Juni der ״J. R.“ hat R. W. Hans Kohns ״Geschichte der nationalen Bewegung im Orient“ eine ernsthafte und eindringliche Empfehlung gegeben. Aber dies Buch ist so bedeutend und von so außerordentlichem Interesse für uns, daß ich hoffen will, diese Empfehlung werde sich nur als eine kurze Einleitung zu viel weitergehenden Erörterungen erweisen*). Hans Kolms Buch, das unendlich sachlich ist und ganz voller Daten, Materialien und Tatsachen steckt, liest sich — ich wollte jetzt sagen: wie ein spannender Roman, wenn nicht eben die Spannung durch einen Roman weit zurückbliebe hinter der Spannung, die leidenschaftliches Interesse an geistigen Dingen in uns erregen kann. Das erregende Moment liegt einmal darin, daß Palästina ein Teil dieses Orients ist, dessen ungeheuren Gestaltwandel Kohn darstellt, und daß seine Zukunft also durch Umwälzungen, die dem Leser deutschsprachiger Literatur reichlich unbekannt sind, mitbestimmt werden wird. R. W. hat diesen Gesichtspunkt bereits hervorgehoben. Aber subjektiv von noch größerer Wirkung war es für mich, wie unsere eigene nationale Bevvegung (von der K0W1 gar nicht spricht) unter dem Aspekt dieses allgemeinen nationalen Erwachens sich als eine Teilerscheinung, eine Parallelerscheinung zu beinahe gleichartigen Vorgängen darstellt und wie sie damit zwar die Einmaligkeit und Besonderheit verliert, mit der sie uns als den Akteuren in diesem Drama erscheinen muß, wie sie gleichzeitig aber durch diese Einreihung in soziologische Gescheitnisse allgemeiner Art gleichsam legitimiert, gesichert und in ihrer historischen Bedeutsamkeit gesteigert wird. Wir haben bisher die Parallelen zu unserer Bewegung aus der europäischen Geistesgeschichte gezogen, und gewiß haben wir auch aus ihr Antrieb und Fundierung gewonnen. Aber gerade daraus, daß wir einen wesentlichen Teil unserer Ideologie von einer anderen Welt bezogen haben, leitet sich die verbluffende Aehnlichkeit mit Hans Kohns Darstellung her. Wie für den Orient, ist auch für uns eines Tages die plötzliche Berührung mit dem Westen zum Schicksal geworden. Wie jene haben wir den unvermittelten und überraschenden Eintritt in eine Welt völlig anderer Artung vollzogen. Und so spielt sich auch dort all das ab, was wir am eigenen Leibe erfahren haben: die völlige Preisgabe eigenen Seins, die Berauschung durch eine scheinbar soviel größere, reichere und fortgeschrittenere Welt. Das ist mit allen Vorteilen verbimden, die auch uns durch Emanzipation und Assimilation gebracht wurden, aber auch mit allen Nachteilen würdeloser Nachahmung und innerer Unfreiheit. Alle diese Völker haben ihren C.-V. Er wehrt nicht ab, sondern er biedert sich dem Westen an — und auch das ist kein Unterschied. Dieser Periode aber folgt auch die andere, uns gleichfalls bekannte: Das Erwachen einer neuen Jugend, die nicht mehr berauscht zu sein braucht, weil sie mit dem Neuen schon aufgewachsen ist; die anfängt, kritisch zu werden und in dieser Stimmung Vergleiche zwischen den englischen Herrlichkeiten und dem alten Erbgut ihrer Kultur anzustellen. Die Oegenbewegung setzt ein, die einmal völlige Abwendung heißt und einmal vernünftigen Ausgleich fordert. Ob es nun Aegypter, Araber ״wfiir Inder sind — man kann für jeden ihrer geistigen Führer den Namen eines der unsrigen setzen und damit seine Erscheinung in Triebkraft und Tendenz fast genau umreißen. Diese nationalen Bewegungen des Orients aber, die bisher ganz auf sich gestellt waren, weil alle europäischen Mächte bestenfalls einander hinderten, aber alle von der gleichen Unterdriickungstendenz beseelt waren, ersteht nun — und das ist ein ganz neues Kapitel der Geschichte, bei dem auch die Vergleiche mit uns aufhören — eine mächtige Hilfe: Sowjet-Rußland, das den kapitalistischen Imperialismus in seinen Kolonien treffen will und sich deshalb für seine Ziele mehr von König Amanullah als von Macdonald verspricht. Wie hier die großen Gegensätze England und Rußland um den Orient ringen, und wie wahrscheinlich beide zum Schluß eine neue Welt heraufbringen werden, die letzthin weder von Disraeii noch von Marx — wie merkwürdig, zwei Juden! ■ bestimmt sein, sondern ihre eigenen Züge tragen wird — das ist das dramatische Moment, das dieser ganzen Darstellung zugrunde liegt und das dem ungeheuren Material, das hier vor uns ausgebreitet wird, lebendigstes Leben gibt. Das ist gewiß nicht alles, was zum Inhalt dieses wundervoll klaren, durchaus sachlichen und von der großen Leitidee nur gleichsam durchzitterten Buches zu sagen wäre. Aber es scheint mir wichtiger, auf einen für uns bedeutsamen Umstand hinzuweisen, der mit dem Inhalt schon gar nichts mehr zu tun hat: Das Buch ist eine zionistische Leistung ersten Ranges. Nicht, weil darin vom Zionismus die Rede ist, der übrigens in dem dickleibigen Buch nur auf wenigen Seiten da gestreift wird, wo er im Zusammenhang mit Palästina notwendig erwähnt werden muß. Auch nicht deshalb, weil die Kenntnis der dargestellten Probleme für uns von besonderem Interesse ist, sondern, weil uns hier einer Vormacht, wie man aus der engen Welt unserer Interessen, unserer Politik, unserer Ideologie heraustreten und doch als Zionist heraustreten kann. Karl Haushofer sagt in der Ein-!eitung zu dem Buch, daß es so nur ein Mann schreiben konnte, der ״an beiden Erdräumen inneren Anteil hat, nur ein Mann, der aus einem Lager stammt, das — janusköpfig Orient und Okzident übersieht . , Das ist die objektive Wendung für einen subjektiven Vorgang, der darin bestellt daß hier der innerste Antrieb zur sachlichen Erfassung all gemeiner soziologischer Vorgänge aus dem leidenschaftlicher Anteil an den Problemen der eigenen Gemeinschaft kommt. Der Motor des menschlichen Herzens, der dem arbeitenden Verstand noch dann den Antrieb geben muß, wenn er seine kühlsten und sachlichsten Leistungen produzieren soll, hat hier sowohl das Forschungsgebiet bestimmt wie auch das liefere Erfassen menschlicher Zusammenhänge überhaupt erst ermöglicht. Es ist aus der zionistischen Grundstimmung eine Leistung gewachsen, die objektiv gesehen, schon gar nichts mehr mit ihm zu tun hat. Und gerade das scheint mir ein großes Beispiel zu sein. Wir klagen — und wir klagen mit Recht — über die Enge unserer Welt. Aber das liegt nicht an dieser Welt, sondern an uns. Jeder hat es in der Hand, sie auf seine Art zum Kosmos zu gestalten. Sie gibt uns nichts als den Grund, auf dem wir fußen können. Und wem es nicht gelingt, seinen Scheitel zu den Sternen zu erheben, soll sich nicht über den Boden beklagen, der ihn mütterlich hält. Vanderveldes Berliner Rede Gedrängte Wiedergabe der Rede des belgischen Ministers Emile Vandervelde, in der Kundgebung des Deutschen Komitees Pro Palästina am 24. Juni 1928 in Berlin Wir haben bereits in der vorigen Nummer einen kurzen Bericht über den Vortrag Minister Vanderveides in Berlin veröffentlicht. Wenn wir im Nachstehenden noch eine kurz,e Wiedergabe des Inhaltes dieses Vortrages bringen, möchten wir nicht verfehlen, zu betonen, daß bei dieser unvergleichlichen rhethorisehen Darbietung die Form und Unmittelbarkeit einen so wesentlichen Teil der Wirkung ausmacht, daß jeder Bericht nur eine schwache Vorstellung des ursprüngliehen Ereignisses geben kann. Die Schönheit des französischen sprachlichen Ausdrucks und das hinreißende Temperament des Redners, der in den zahlreichen Höhepunkten seiner Rede durch spontanen stürmischen Applaus unterbrochen wurde, gehen naturgemäß bei jedem Bericht verloren. Der Abend war ein überwältigendes Zeugnis der Wirkung der zionistischen Idee auf einen Mann demokratischer und humanitärer Gesinnung und weiten politischen Horizontes. Bevor ich nach Palästina abreiste, sprach ich mit verschiedcncn Leuten über diesen Plan. Da erzählte man mir von der großen Krise, einer Krise, die von vielen Beobachtern für tödlich gehalten wurde, besonderes von manchen jüdischen Kreisen. Diese jüdischen Beobachter erklärten mir, daß der Zionismus eine Chimäre sei, daß nach Palästina nur eine Handvoll bolschewistischer Juden aus Rußland gekommen sei, die dort kurze Zeit arbeiten, um dann großenteils wieder enttäuscht fortzugehen. Von Tel-Awiw, der neuen Stadt, sagte man mir, daß dort zwar eine rasche Entwicklung stattgefunden habe, daß diese aber höchst ungesund sei, kurz, daß der Zionismus im ganzen einen großen Mißerfolg erlitten habe. Man hat mich von jüdischer Seite vor Palästina und dem Zionismus gewarnt. Nun wollte ich selbst sehen und bin ohne jedes Vorurteil für oder gegen nach Palästina gegangen. Ich war entschlossen, die Tatsachen kritisch zu betrachten. Zwar bin ich ein Freund der zionistischen Idee, aber bezüglich der Wirklichkeit Palästinas hatte ich keine Voreingenommenheit. Eine meiner ersten Erfahrungen im Lande war auf den Trümmern der alten Synagoge bei Kapernaum am Tiberiassee im Gespräch mit drei Männern, die ich nicht kannte. Es waren christliche Mönche, die gewiß nicht f ü r die jüdische Sache voreingenommen waren. Sie sagten mir etwa folgendes: Palästina ist ein schwieriges Land; es ist schwer, hier etwas aufzubauen, aber vielleicht wird etwas daraus werden dank den neuen Ankömmlingen, dank den Zionisten. Dieses erste Urteil von wahrscheinlich unparteiischer Seite war für mich sehr wertvoll. Aber wichtiger war es mir, nun meine eigenen Eindrücke zu sammeln, und ich machte mich in dem Bestreben ans Werk, ein sicheres und unparteiisches Urteil zu gewinnen. Was zunächst die Bevölkerung betrifft, so sind seit den Zeiten, da des Titus Legionen auf dem Skopus lagerten, immer Juden in Palästina gewesen, doch war ihre Zahl sehr gering und betrug bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts nur wenige Tausende. Dann erst stieg die Zahl allmählich, und vor dem Kriege betrug die jüdische Bevölkerung etwa 80 000, eine Zahl, die sich im Laufe des Krieges wiederum verminderte, dann aber in den 10 Jahren, die seit dem Kriege verstrichen sind, durch eine große Einwanderung rasch stieg. Es kamen junge jüdische Pioniere, die sogenannten Chaluzim, nach Palästina, aber auch andere Elemente mit eigenen Mitteln, um in einer großen nationalen Anstrengung das Land aufzubauen. Jetzt beträgt die Zahl der Juden in Palästina 150 000. Es ist wohl wahr, daß infolge der ökonomischen Krise in der letzten Zeit eine gewisse Anzahl das Land wieder verlassen hat, aber wenn man die Rechnung macht und Zuwanderung und Abwanderung vergleicht, so ergibt sich, daß die Krise höchstens einen Verlust von 2—3000 Menschen verursacht hat. Nun wende ich mich dem Werke zu, das der Zionismus in Palästina schuf. Das erste, was ich untersuchte, war die Landwirtschaft. Ich fand ein wahrhaft großes Wunder geschehen, das niemand für möglich gehalten hätte. Ich sah, daß ein der Erde entfremdetes Volk, das jahrhundertelang vom Erdboden ferngehalten worden war, ein Volk, das unter den anderen Völkertl verachtet wurde, im Lande seiner Väter den Boden bearbeitet. Ich sah, daß junge Leute, Studenten und Intellektuelle, in dieses Land zurückkehrten und wie die Pioniere der Mayflower mit dem gleichen gewaltigen Idealismus auf verödetem und unfruchtbarem Boden goldene Ernten erzielen. Schon vor der großen Einwandererwoge der Chaluzim gab es Juden, die nach Palästina gewandert waren, um dort Kolonien zu errichten. Ich spreche von jenen Kolonien, die mit Hilfe der großartigen Unterstützung des Baron Rothschild geschaffen wurden und die heute reicher und bevölkerter sind als die neuen zionistischen Siedlungen, ich sah Sichron Jakob, Petach Tikwah u. a. Es wäre falsch, die Leiden und den Enthusiasmus jener ersten Einwanderer zu unterschätzen, aber die Methode, nach der sie arbeiteten, war eine andere als die heutige zionistische. Jene älteren Einwanderer wollten individuelle Bodenbesitzer sein. Sie überließen die Arbeit meist den Arabern und beschränkten sich darauf, die Kontrolleure der Wirtschaft zu sein. Diese Kolonisten sind wohlhabend geworden, aber sie arbeiten nicht selbst und haben daher nicht für sich und ihre Kinder die eigentliehe Verwurzelung mit dem Boden gefunden. Die jungen Leute aus diesen Kolonien gehen vielfach wieder ins Ausland. Demgegenüber wollen die Zionisten im Lande verwurzeln, in dem Lande, wo sie als freie Menschen auf freiem Boden Zionisten) Die Aktion am 8. Juli Ist die letzte vor Rösch-Haschanah, Sie ermöglicht die Erreichung der Kontingentziffer - spendet und werbet 1 leben können. Der Boden soll dem Volke gehören. Es soll nicht fremde Arbeit ausgebeutet werden, sondern die Juden wollen dort selbst arbeiten, um den Boden der Väter aufs neue zu erwerben. Wer jene Anstrengungen, die jetzt auf dem Gefilde Galiläas und in der Ebene Esdralon vor sich gehen, gesehen hat, muß erschüttert sein von den großartigen Versuchen der nach diesen Prinzipien geleisteten Arbeit. Alle diese Siedlungen sind nach kooperativen Grundsätzen organisiert, sowohl die Siedlungen mit Einzelbcsitz (Moschaw) als die kommunistisehen Siedlungen (Kwuzoth). Zur Begründung des Kommunismus, der dort gepflegt wird, sagte man mir, daß im Anfang einer solchen Kolonisation das kommunistische Prinzip unerläßlich sei. ״Wir sind“, so erklärte man mir, ״friedliche Kommunisten, die nach den Lehren Tolstois handeln müssen, um angesichts der gewaltigen Schwierigkeiten, die uns umgeben, ein Volk zu schaffen, das vom Geiste der Solidarität erfüllt ist. Was wir wollen ist die Brüderlichkeit, gegründet aut Gerechtigkeit.“ Ich muß erklären, daß ich mit meinem Herzen bei dieser Sache bin. Freilich beginnen hier Streitfragen ökonomischer Natur. Der Vertreter der Pica, der Kolonisationsinstitution des Baron Rothschild in Haifa, sagte mir, daß er die individuelle Kolonisation für die richtige halte, aber er erklärte mir zugleich, daß er den Hut ziehen muß vor der Leistung, die im Emek Jesreel vollbracht worden ist. Was das für eine Leistung ist und wie sie zustande kam, verstand ich, als mir Herr Sokolow vor einiger Zeit die Geschichte des Emek erzählte. Vor einer Reihe von Jahren reiste Herr Sokolow mit einer Kommission durch das Land und fand damals im Emek nur vereinzelte Araberdörfer, unkultiviertes Land und versumpftes Malariagebiet vor. Die Kommission beschloß, keinen Boden im Emek zu kaufen, und fuhr ab. Aber kurz darauf hatten die im Lande gebliebenen Vertreter entgegen diesen Ratschlägen doch das Land gekauft. Es geschah, weil trotz allem Abratens die Chaluzim darauf bestanden hatten, daß das Land gekauft würde. Sie sagten, daß sie lieber hier vom Fieber leiden und sterben wollten, um der Sache des Volkes zu dienen, als nach Hause zurückkehren und dort vielleicht in Pogromen umzukommen. Und heute sieht man, wenn inan durchs Emek fährt, die Früchte dieser Anstrengungen und Opfer. Ueberall grünende Felder und blühende Bäume, welche zeigen, was das Land einst vor Jahrhunderten war. Es ist wohl richtig, daß die landwirtschaftliche Bevölkerung nur 31000 Menschen beträgt, davon in den neuen zionistischen Kolonien nur 7000 oder 8030. Aber das besagt nichts. Dieser Versuch hat keinen quantitativen, sondern qualitativen Wert. Was dort gepflanzt-ward, ist der Same der Zukunft, und das ist das Entscheidende. Erinnern wir uns an jene Pioniere von Roshüale, wenige arme Arbeiter, die die erste• kooperative Unternehmung schufen, sie haben damit einer gewaltigen Bewegung den weg gebahnt. Wenden wir uns den Fragen des städtischen Lebens, den Fragen des Handels und der Industrie zu. Jerusalem ist eingeschlossen in einer mittelalterlichen Mauer, eine kleine und enge Stadt. Doch kaum kamen die Zionisten dorthin, so schufen sie neue Vororte um Jerusalem herum. Das gleiche sehen wir in Haifa. Und nun komme ich zu einem Punkt, der die Stärke, aber auch die Schwäche der zionistischen Leistung in Palästina darstellt: Tel-Awiw. Nach dem Krieg nur 5000 Einwohner zählend, ist es heute eine Stadt von 40 000 Bewohnern, eine moderne Stadt, völlig europäisch und doch wiederum ganz uneuropäisch und von ganz besonderem Charakter. Denn es ist eine rein jüdische Stadt, die einzige rein jüdische Stadt auf der ganzen Welt. ,,Frühlingshügel“ haben die Juden diese Stadt genannt; und mit Recht, denn ich sah dort fast keine Greise, keine alten Leute, sondern fast nur Jugend, junge Leute und junge Mädchen. Diese sind es, die die größte Hoffnung der jüdischen Nation für ihre Zukunft darstellen. So erfreulich dieser Anblick ist, so mußte ich doch als Wirtschaftspolitiker auch die andere Seite des Problems betrachten. Während die landwirtschaftlichen Kolonien nach dem Prinzip gegründet wurden, daß das Land der Gesamtheit gehören soll, ist dieser Grundsatz des Keren Kajemeth in der Stadt, in Tel-Awiw, nicht durchgeführt worden. Die Folge war, daß die große Einwanderung in den Jahren 1924 und 1925, die viele bemittelte Elemente und mit ihnen große Mengen von Arbeitern nach Tel-Awiw brachte, eine rasch steigende Wohnungsnot und Bodenspekulation nach sich zog. Die Bodenpreise stiegen, mit ihnen die Löhne — und dann trat ein, was in einem solchen Fall eintritt: die Krise. Man konnte diese Krise für sehr gefährlich, ja für tödlich halten. Von 25 000 Arbeitern, die der zionistischen Arbeiterorganisation angehörten, waren etwa 7000 arbeitslos. Die Zionistische Organisation mußte diese Arbeitslosen unterstützen. Man sah keinen Ausweg und viele prophezeiten den unmittelbar bevorstehenden großen Krach. Aber sehr bald verbesserte sich die Situation wieder. Eine Anzahl überzähliger Elemente strömten ab. Die Lage konsolidierte sich und heute kann die Krise fast als völlig überwunden gelten. Die Arbeiter finden wieder Beschäftigung, und wie ich nach Verlassen des Landes hörte, ist die Situation jetzt von Woche zu Woche günstiger geworden. Die Arbeitslosigkeit, diese schändliche Krankheit des Kapitalismus, wie man sie oft bezeichnet hat, ist fast verschwunden. Wie kam diese rasche Besserung? Sie kam nicht nur dadurch, daß man sich den Bedingungen angepaßt und die nötigen Maßnahmen ergriffen hat, sondern es trat auch ein neuer Faktor hinzu. Die Regierung, die sich bisher im wesentlichen auf die Rolle des Gendarmen beschränkt hat, der die Ruhe und Ordnung im Land aufrechterhielt, im übrigen aber bestrebt blieb, mit möglichst geringen eigenen Unkosten das Land zu verwalten, allenfalls Straßen zu bauen — die nicht ganz ohne strategisches Interesse sind die palästinensische Regierung hat eingegriffen und besonders durch öffentliche Arbeiten die Arbeitslosigkeit vermindert. Dazu gesellte sich jene große jüdische Solidarität, die wir Nichtjuden immer so sehr bei den Juden bewundern. Männer wie Warburg, Strauß u. a. stellten Mittel zur Verfügung, um die Arbeitslosigkeit zu lindern. Doch diese sind nur Palliativmittel, um einem augenblicklichen Uebelstand abzuhclfcn. Noch andere Maßnahmen müssen in der Zukunft ergriffen werden. Die landWirtschaftliehe Kolonisation müßte noch viel mehr Arbeiter aufnehmen. Für industrielle Möglichkeiten ist noch ein weites Feld. Nur wenige Fabriken zählen mehr als 100 Arbeiter. Doch fehlt noch etwas, um diese Ent- ) Was auch in der Tat beabsichtigt war. — Red.

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