Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 50 (26.6.1928)
- Date
- 1928-06-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 362 ו J UE Dl SCH E RUNDSCHAU Nr. 50, 26. VI. 1928 enmnder: bis zur Habimah führt er die Reihe — in einer künftigen zweiten Auflage hoffen wir»hier auch das Moskauer jüdische Theater zu finden. ,,Klarheit über Tatsachen der Juden zu schaffen“ — das ist nach Zweigs eignen Worten Ziel dieses Buches. Man kann nicht sagen, daß gerade dies Ziel erreicht worden ist — schon die einseitige Grundbestimmung des Juden als des ״Mittelmeerinenschen“, so sehr sie der Absicht des Buches entgegenkommt, wird Widerspruch hervorrufen. Aber schon der Versuch ״sich einmal nach sich selbst umzudrehen“ im heftigen (ictrieberiwerden dieser Tage ist begrüßenswert. Nicht nur die Leser des Heine-Bundes werden an ihm Freude haben; auch der große Pate des Heine-Bundes, Heinrich Heine selbst, hätte in dieser geschliffenen Prosa vielleicht Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Bein erkannt... Bertha Badt-Strauss. ״Nation und Staat“ * Je allgemeiner die Ueberzeugung von der Bedeutung der Minderheitsfragen wurde, um so fühlbarer wurde auch der Mangel eines Organs, in dem die Probleme der nationalen Minderheiten erörtert und regelmäßige Berichte über ihre Lage gegeben werden konnten. Diese Lücke wird jetzt durch eine Monatsschrift ausgefüllt, die unter dem Titel ״Nation und Staat. Deutsehe Zeitschrift für das europäische Minoritätenproblem“ (Verlag W. Braumüller, Wien) von den deutschen Minderheitsftilirern J. Bleyer, R, Brandsch, P. Schiemann und J. Schmidt- Wodder unter der Leitung des bisherigen Schriftleiters der ״Libauer Zeitung“, Baron von Uexküll-uüldenband, in guter Ausstattung herausgegeben wird. Im 1. Heft, das im vorigen September erschien, ist neben den Aufsätzen von W. Hasselbllatt, E. v. Jakabffy Und J. Schmidt-Wodder vor allem eine Arbeit des bekannten lettiändischen Minderheitenführers Paul Schiemann über das Thema ״Volksgemeinschaft und Staatsgemeinschaft“ beachtlieh. Schiemann entwickelt darin aus der Trennung von Kirche und Staat analog die Forderung der Trennung von Staat und Volksgemeinschaft Einen breiten Raum nimmt seine recht positive Auseinandersetzung mit der allerdings etwas utopistisehen Schrift von Elijahu Ben-Zion Sadinsky ״Die nationale Sozietät" ein. Weiterhin enthält dieses Heft einen ausführ־ liehen Bericht über den 3. Genfer Kongreß der Organisierten Nationalen Gruppen Europas sowie Berichte über die Lage in den Minderheitsländern und Literaturberichte. Aus dem Oktoberheft interessiert vor allem ein Aufsatz des jüdischen Abgeordneten im litauischen Sejm J. R o b i n ־ son über ״Die Juden Osteuropas als nationale Minderheit“ und ein ausführlicher Bericht Motzkins über die Konferenz zum Schutz der jüdischen Minderheitsreehte. Ferner bringt dieses Heft Aufsätze von F. K, Hennersdorf über den Faszismus und Südtirol, von R. Brandsch und O. Grassl über deutsche Minderheitenarbeit und von dem Abgeordneten O. Ulitz über die Instanzen für den Minderheitenschutz in Oberschlesien sowie Berichte über die Behandlung der Minderheitenfragen auf der 8. Völkerbundsversammlung und der 24, Konferenz der Interparlamentarischen Union. Der Aufsatz Robinsons ist auch als Sonderdruck erschienen. Auch die weiteren Hefte enthalten eine außerordentliche Menge vön Material für jeden Nationalitätenpolitiker und sehr instruktive Beiträge führender Politiker und Minderheiten- Vertreter. Es ist zu begrüßen, daß nunmehr jedem die Möglichkeit gegeben ist, die Entwicklung des Minderheitenproblems durch die Lektüre einer gut geleiteten Zeitschrift zu verfolgen. , . Dr., Rudolf Leyy,; : Briands Reden. Unter dem Titel ״Frankreich und Deutschland“ und versehen mit einer Einleitung von Stresemann, erschien im Verlag Carl Reissner, Dresden, eine deutsche Auswahl aus Briands Reden, umfassend einen Zeitraum von 40 Jahren. (205 S., 3,50 M.) Herausgeber des Buches ist unser Gesinnungsgenosse und Mitarbeiter Dr. Arthur Rosen- 1• erg, der kürzlich in unserem Blatt Briands Verhältnis zum Judentum besprochen hat. Das Buch ist gut redigiert und vorzüglich übersetzt. Dem starken Eindruck der politischen' Persönliehkeit Briands kann man sich schwer entziehen, und der Gegenstand, in dessen Behandlung das Buch kulminiert: Der Weltfrieden ist eine Sache, die alle Völker und Menschen angeht. Von'speziellem zionistischen Interesse ist die Rede anläßlieh des türkischen Friedens von Sevres 1921, die ,uns die damalige chaotische Situation und die englisch-französische Spannung, die auch die Bestätigung des Mandates verzögerte und dem Zionismus irreparablen Schaden brachte, ins Gedächtnis zurückruft. Die kattarhlstorische Abteilung dar ״JSOP“ Die kulturhistorische Abteilung der Jüdisehen Sonderschau der Pressa, die von Gemeinderabbiner Dr. Adolf Kober zusammengestellt worden ist, umfaßt insbesondere die Mittel und Formen der jüdischen Publizistik, das jüdische Schrifttum in Auswahl, die jüdische Publizistik im Kampfe um Bürger- und Menschenrechte und damit im Zusammenhang von nichtjüdischer Publizistik eine Auswahl bemerkenswerter Judenedikte und Judengesetze. Die Mittel und Formen der jüdischen Publizistik sind vor allem die hebräischen Schriftzeichen, deren Entwicklung von den althebräischen Inschriften vom Sinai und der Siloah-Inschrift an in den verschiedensten Jahrhunderten uns gezeigt wird. Ferner sehen wir die hebräischen Handschriften, von denen besonders ein mit Handmaiereien verziertes Gebetbuch nach deutschem Ritus aus dem 13. Jahrhundert zu nennen ist, ferner kunstvoll Donnerstag, den 28• Juni, abends 9 Uhr, im Sehubertsaal, Bülowstraße 104 Abschiedsabend . der palästinensischen Schauspieler Meir Teomi * Judith Perkal unter Mitwirkung von Herrn Iso Gollattd von der Staatsoper Berlin und Fr an Alice Jacob -Loewenson Programm: Rezitationen aus der neuesten hebräischen Literatur Palästinas (Hameiri, Lamdan,G1ünberg, Schlonski) Herr Goiland wird neben mehreren Arien noch nichtgeaungene volkstümliche Gesänge von Engel, Gladstein u. a. vortragen. Karten zum Preise von Mk. 1.—, 2.— und 3,— erhältlich im Büro der B. Z. V., Meinekestr. 10, Bismarck 7165/70, in, den Buchhandlungen Gonzer, Oranienburger Straße 26 und Grenadierstr. 34, jaikut, Kantstr. 46, und an der Abendkasse. geschriebene Megilloth und illustrierte Hagadas verschiedener Jahrhunderte, von Drucken, vor allem Wiegendrucke des 15. Jahrhunderts aus Guadalajara, Soncino und Neapel. Das jüdische Schrifttum, das in den Vitrinen an den Wänden des Ehrenhofes und dem angrenzenden Lesesaal zu finden ist, zeigt eine alte Wormser Thorarolle Im Barock, die ältesten Bibelexemplare in Photographien, die Bibelübersetzung der Septuaginta, sowie Bibelübersetzungen in den verschiedensten Kultursprachen, 7. B. die spanische Marannenbibel aus Ferrara von 1556, den babylonischen und palästinensischen Talmud, Codices, Midrasch-Literatur, Bibelkommentare, Religions- Philosophie, Mystik, Berichte über Religionsdisputationen und Gebetbücher in erlesenen und kostbaren Ausgaben. Von den schon erwähnten Inkunabeln sfnd besonders hervorzuheben Werke des Maimonides, des David Kimchi, der Machsbr Rom. Erstdrucke aus Prag, Venedig, Mantua ü. a. sind vielfach vertreten. י Die Publizistik im Kampfe um Bürger- und Menschenreehte und damit im Zusammenhang die ,Auswahl der Judenedikte und Judengesetze gliedert sich nach verschiedenen Ländern und gestattet uns, ein lebendiges Bild von der Oeschichte der Juden in Holland, England, Frankreich und Deutschland seit dem Aufkommen der BachdruckeTkunst zu gewinnen. Um die Verbindung mit der Geschichte der Juden in Holland herzustellen, sina zwei Juden betreffende Publikationen aus dem Spanien des 14. Jahrhunderts in Photographien zu finden. Das .Aufolühen der jüdischen Gemeinden H! Amsf6%»; d #i1 isF'ilis :46n ausgestellte# fhibiikätionen deirtlk!h!etlÄmbarf ebenso ist der Kampf der Juden in England um ihre Bürgerrechte seit dem Janre 1656 deutlich zu verfolgen. Als erstes sehen wir dort die Schrift von Prynne: ״Short denturrer agäinst the Jews continued remitter into England. Part. I, 1656.“ Besonders reichhaltig ist auch die f r a n z ö s i s c h e Abteilung, die historische Dokumente vom Jahre 1663 an aufweist, z. B. auch die Gesetzesentscheidungen des großen Sanhedrin in hebräischer Sprache mit den eigenhändigen Unterschriften des Präsidenten Dayld Sinzheim und des Vizepräsidenten Segrö. Aus Deutschland sfehen wir Bilder über den Reuchlin-Pfefferkornschen Streit, den Fettmilchschen Aufstand in Frankfurt, den Prozeß des Jud Süß, Verordnungen über das Tragen des gelben Ringes an den Kleidern in Frankfurt und Oesterreich, Judenordnungen des Erzbistums Trier, des Bistums Münster im 16. und 17. Jahrhundert, die Preußischen Judenordnungen seit der Neuaufnahme 1671, die Reformgesetzgebung Kaiser Josefs II., Originalstücke zur inneren Emanzipation der Juden aus den Tagen Moses Mendelssohns, das Judenedikt vom 11. März 1812 im Original, die Redaktion in der -Publizistik der zwanziger und folgender Jahre und das Ringen um die Verwirklichung der Bürger- und Menschenrechte und Glaubensfreiheit bis zur Gegenwart Auch Dänemark ist mit interessanten Dokumenten seit der Ansiedhing der Juden im Jahre 1814 vertreten. Schließlich zeigt die kulturhistorische Abteilung der Jüdischen Sonderschau die Ent- Wicklung des jüdischen Nachrichtenwesens, z. B. eine Inschrift am Tempel in Jerusalem, die Sendschreiben des Rabbi Gamliel aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert, ferner Flugblätter, Einblattdrucke seit dem 16. Jahrhundert, ferner die ersten jüdischen Zeitungen von der Gazeta de Amsterdam von 1674 an bis zum Meassef der Mendelssohnschen Zeit und von da an die ganze Reihe der jüdischen Zeitungen und Zeitschriften im Dienste der Verbreitung profanen Wissens, der Geschichte, Wirtschaft, Organisation, Wohlfahrt bis zur Gegenwart Konzert Jossele Rosenblatt. Wir kannten diese überaus süße leichtbewegtiche lyrische Stimme von den Grammophonplatten, wenn da das ״Achenu“ zu singen und zu leben begann, stellten wir uns den sympathischen Mann mit dem jüdischen Barte, wie wir ihn von der Reklame kannten, vor, und wir liebten ihn und seine wunderbar beschwingte Kunst. Nun stand er vor uns — im Lehrervereinshaus am AlexanderpLtz und schaute uns durch seine Brille ebenso liebevoll wie herausfordernd an: da bin ich, der Jossele, nun sollt ihr was zu hören bekommen! — Man merkt diesem Chas'n an, daß er hunderttausende jüdische Seelen erquickt hat. Er begann mit einer Ueberraschung, mit dem ״Doppelgänger“ von Schubert. Das war gewiß als ein Kompliment für das deutsch-jüdische Publikum gedacht. Es war kein solches, denn zwischen dem Seelengehalt des bekannten Liedes und dem Sänger, der ein ״poscheter“ vorbildlicher ״Schliach zibbur“ ist, klafft eine Welt. Ebenso, um es gleich heraus- Zusagen, zwischen den italienischen Stücken und Rosenblatt. Es ist verständlich, daß 60י ein Stimmphänomen wie Rosenblatt und so ein einziges weiches und schönes Herz wie Jossele gern im weltlich Künstlerischen sich ausleben, sich zeigen möchte. Aber dazu bedarf es immer der feinsten weltlichen Kultur und eines umfassenderen Geistes. Mit der Stimme allein und mit einem noch so herrlichen Falsett ist es nicht getan. Das Falsett, das ist der halbe Rosenblatt. Wenn er da seine Atemtechnik, seine unendlich zarte Höhe und seine verblüffende Vogelgesangskunst spielen läßt, da vergeht dem Lauscher der Atem und man versteht das bewundernde Publikum. Und so blieb dem Referenten von dem interessanten Abend im Grunde nur die Erinnerung an das ״rabbonische“ leuchtende jüdische Antlitz, an «Jie hinreißende baritonal gefärbte Tenorstimme, an einige hübsehe Phrasen im ״Achenu koi bes jisroel“ und an die innige, tränenselige Klage des ״Zur jisroel“. — A. Ellstein aus New York war ein vorzüglicher der Eigenart Rosenblatts sich anpassender Begleiter. Arno Nadel. * Zu demselben Gegenstand erhalten wir noch folgende Zuschrift aus Leserkreisen: Am 19. Juni gab der aus Zadagora stammende Oberkantor Josef Rosenblatt das auch in Ihren Spalten angekündigte Konzert. Von 6 Piecen sang er 2 (in Worten zwei) hebräisch. Die andern, deutsch, französisch, englisch, Italienisch vorf~ einem fast ausschließlich ostjüdischen Publikum. 'Es war gekommen, um von einem Chasan dieses Formats jüdische Kunst zu vernehmen. Das bekundeten die Ovationen bei der Darbietung des leider in solcher Minderheit vertretenen jüdischen Programmteils. In einem Bericht des ״Israelit“ ist zu lesen, daß Rosenblatt es von sich weist, die Heiligkeit unserer Gebete durch Darbietung in Konzertsälen zu profanieren. Dieser Respekt ehrt» den Juden. Er braucht ihrf aber nicht In Konflikte״ mit dem künstlerische» Takt zvr bringen. Es ist eine Groteske, wenn auf deutschem Boden das deutsche Lied von Flotow ״Letzte Rose“ vor einer ausschließlich ostjiidischen Zuhörerschaft — ausgerechnet — in englischer Sprache von einem astjüdischen Chasan vorgetragen wird!! Aber nicht das ist der Kernpunkt! Vielmehr ein anderes. Haben Engel und andere Wiedererwecker hebräischer Musik umsonst gelebt, wenn sie nicht von so begnadeten Interpreten, wie es Rosenblatt sein könnte, dargestellt werden? Gerade in Berlin haben vereinzelte Zirkel sich der Aufgabe unterzogen, die Pflege jüdischer Musik zu wecken. Herr Rosenblatt, der ״Scliliacn Zibur“ wird eine größere Resonanz finden, wenn er sich in den Dienst jüdischer Musik stellt. ״Aheim“, ein von jüdischen Sehnsüchten beseeltes Lied, als Zugabe, brachte dem Vortragenden den stärksten Erfolg an dem Abend. ״Aheim“ — Herr Rosenblatt, zu jüdischer Kunst, darin liegen die Wurzeln Ihrer Kraft. H. Woznianski. ״Man sagt, daß X. nach Erez-Israel gefahren ist?“ ״Nein. Er ist noch in Paris. Er ist vor kurzem von seiner amerikanischen Reise zurückgekehrt.“ ״Und wo ist N.? Wissen Sie es?“ ״Meine Kollegen haben mir geschrieben, daß er sich jetzt in Wien befindet.. ״Sie kennen N.?“ ״Freilich. Ich habe ihn getroffen, als ich vor zwei Jahren auf dem Haager Kongreß war. Auch X. lernte ich dort kennen.“ ״Ah, ihn kenne ich jpit. Er ist aus meiner Stadt...“ Das schien mir wunderbar. Sitzen da vor mir zwei Leute, zwei einfache Leute, gewissermaßen, wie ich, die nicht wertvoller sind als irgend jemand und deren Namen niemand bekannt ist. Aber was haben sie mit jenen zu tun, die in den Großstädten und fernen Ländern wohnen, über die sie sprechen wie über Freunde und Genossen? Was ist* das, vor dem alle Grenzen und Schranken der Welt fallen und nichtig werden, und vor dem fremde Ferne sich wie mit einem unsichtbaren aber starken Bund verbunden fühlen? Denn in all ihren Worten, im Ton" ihres Gespräches schien es klar, daß das nicht irgend etwas Gleichgültiges war, sondern daß sie in der Tat mit diescii Fernen etwas Gemeinsames haben. Und der, der von Bobruisk kam, wird vielleicht, wenn er nach Paris kommt, zu dem gehen, der dort wohnt und auch mit ihm sprechen wie mit einem guten alten Bekannten. Und ich? Wer kennt mich auf der ganzen Welt und wen kenne ich? Auch in meiner engen Ecke stehe ich wie aliein, fremde Scheidewände sind zwischen mir und denen, die micli umgeben, aufgerichtet und um wieviel mehr noch jedem gegenüber, der von außen kommt. WerdeTTch bei meiner ersten Begegnung mit ihm auch nur ein Wort in meinem Munde haben? Mein Neid nahm eine andere Gestalt an, etwas wurde mir klar daran. Nicht nur meine Einsamkeit und die Unbefriedigtheit meine^persönlichen Lebens und der Mangel jener ״Liebe“, deren Wesen ich noch nicht einmal kannte, lastete auf mir. Nicht nur danach sehnte ich mich; ich hatte Verlangen nach jenem wunderbaren Band, das die Menschen aus allen Winkeln der Welt zusammenführt und verbindet, und das die Welt ganz zu der ihren macht, zu einer großen und wunderbaren geistigen Heimat... Nach einigen Stunden verließ ich das Haus, und der Student, der Zimmerherr, begleitete mich nach Hause. Ich erinnere mich nicht, warum meine Freundin sich damals uns nicht anschloß. Wiiv gingen die Straße entlang, auf der es wenig Passanten gab und die nebligen Punkte der Laternen blinkten durch das dünne und weiße Netz des Schnees, der zu fallen begann. Die stumme, gleich mir trauernde Straße — so sah ich sie in jener Stunde —, war mir lieb und noch lieber waren mir die einander fernen Lichter, die sich gegenseitig durch die Finsternis zuwinkteri. Wie diese Lichter schienen mir auch jene überallhin Zerstreuten, die sich einander er- Innern und sich von ferne zuwinken. Beinahe hatte ich vergessen, daß sie in meinem eigenen Leben noch nicht sind, diese Lichter, und meine Sehnsucht war süß. Mit meinem Begleiter sprach ich, wie immer, wenig. Wir sprachen über kleitffe bedeutungslose Dinge, wie man mit einem spricht, der einem nicht nahe ist. Und plötzlich erinnerte ich mich und fragte ihn: ״Sagen Sie mir doch: ist das nicht sonderbar? Heute begegneten sich diese beiden zum ersten Male in ihrem Leben, und wie konnten sie sofort so viele gemeinsame Dinge finden, und auch jene, deren Namen sie erwähnten, haben so viele Bekannte an allen Enden der Erde?“ ״Kein Wunder“ — antwortete dieser leichthin und, wie mir schien, mit einem Ausdruck leichten Spottes. ״Beide sind ja Zionisten...“ und er setzte hinzu: ״Sie wissen wohl nichts über diese Dinge?“ ,Ich wußte nichts. Das Wort ״Zionisten“ klang In meinen Ohren fremd und unverständlich und beinahe neu, obwohl ich es zufällig auch zuvor im Hause meiner Freundin gehört hatte» Es war in mein Herz noch nicht eingegangen und erregte in mir nicht den Wunsch, seine Erklärung zu wissen. Auf die Worte des Studenten antwortete ich nichts. Ich schaute die Laternenreihe an, die sich am Ende der langen Straße allmählich verlor, und dachte: ״Zionisten“ werden die genannt, die ihre Seele vor dem Fluche der Vereinsamung retteten, indem sie etwas Einendes und Näherndes fanden, ein Wunderwort, vor dem Fernen nahekommen und Scheidewände stürzen. Das Wesen der Sache freilich kenne ich nicht und werde es sicherlich nicht kennenlernen und möglicherweise ist seine Bedeutung gering und wenig wert; aber wie dem auch sein mag: heil ihnen, den ״Zionisten“. Aus der Jüdischen National- und Universitäts-Bibliothek. Herr Jizchak Goldberg, Tel-Awiw, der schon vor einigen Jahren der Bibliothek viele interessante Dokumente zum Geschenk gemacht hat, übergab jetzt 132 an Schnruet Josef Finn gerichtete Briefe. Die Briefe stammen von bekannten Schriftstellern und Persönlichkeiten des öffentlichen jüdischen Lebens, u. a. von Schlomo Buber, M. J. Berdyczewski, Schneur Sachs und Moritz Steinschneider. — Durch Herrn Kesselmann erhielt die Bibliothek einen Brief von Moses Montefiore, ein Geschenk von Rechtsanwalt George Miller, Perth (Amboy, Amerika). Der Brief stammt aus dem Jahre 1870, und bestätigt den Empfang einer Summe, die Montefiore für arme palästinensische Juden erhalten hatte. Herr Miller schenkte auch Karikaturen von Moses Montefiore. — Das Bibliotliekskomitee in Rom sandte 60 Bände, darunter die Schriften des Professors der National- Ökonomie Bachi, der Palästina im vergangenen Winter besuchte, und die Schriften des Geographen Prof. Almagia. Außerdem enthielt die Sendung das große Buch Leguminas über die GeschWtte der Juden in Sizilien und verschiedene Broschüren über die Rechtsverhältnisse der Juden in Rom unter der Herrschaft der Päpste, ״Die Pest“ von Anski, nach der Uebersetzung von Rosa Nossig, für die Bühne bearbeitet von Arno Nadel, ist vom Intendanten Sioli zur Uraufführung am 9. November für das Nationaltheater in* Mannheim erworben worden.