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Jüdische Rundschau · 1928-06-26 · Heft 50 (26.6.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 50 (26.6.1928)
Date
1928-06-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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UNTE R HALTUNG S־ BE!LAGE 26. Juni 1928 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Nr. 24 Die Pharisäer (R. Travers Herford, Die Pharisäer; übersetzt aus dem Englischen von Walter Fischei. Leipzig 1928. Gustav Engel. 10,— M.) Die Pharisäer haben dem Judentum als religiöser Gestalt und fraglos auch darüber hinaus als einem bestimmten geistigseelischen Typus jene Geprägtheit gegeben, die es seit zweitausend Jahren hat. Sie stehen richtungweisend am Anfang der breiten Straße, durch welche das talmudisch-rabblnische Judentum hindurchgeschritten ist, einer Straße, von der wohl dann und wann schmalere Seltenpfade andersgearteten Lebens, etwa des mystischen Denkens oder der philosophischen Kultur, abgezweigt sind, die aber auf die Länge der Zelt solche Seitenwege immer in ihre sichere Breite zurückkehren sah. Darum war auch stets die Beurteilung, welche das Judentum, diese beziehungsreichste Größe der Weltgeschichte, bei seiner Umwelt erfahren hat, im tiefsten Sinne identisch mit dem Urteil, welches diese Welt über das Pharisäertum gefällt hat. Und da dieses das Unglück hat, den feindlichen Tendenzdarstellungen der Evangelien als der dunkle Hintergrund zu dienen, von welchem sich die Lichtgestalt Jesu qbhebt, und da außerdem bei den christlichen Gläubigen und Ungläubigen die Fiktion übermächtig ist, daß diese Lichtgestalt die Geschichte des Christentums vom Anfang bis zum heutigen Tage überstrahlt, so darf man wohl sagen, daß das christliche Urteil über die Pharisäer die am reichlichsten fließende der Giftquellen ist, welche das Lebe» der Juden in ihrer Umwelt so unleidlich gemacht haben, wie es war und ist. Travers Herfords Bemühungen um die jüdische Geschichte hat das große Verdienst, daß er als Christ gewisse Gesichtspunkte in den Vordergrund stellt, die uns Juden zwar als selbstverständlich erscheinen, deren Beachtung aber unter den christlichem Historikern bis zur Gegenwart selten genug ist, um besonders vermerkt und anerkannt zu werden. T. H. ist zu allererst vollkommen frei von dem Vorurteil, daß das Christentum die ״absolute“ Religion sei, eine Anschauungsweise, die — ob ausdrücklich ausgesprochen oder bloß empfundea — eine wirklich sachliche gerechte Beurteilung der pharisäischen Idee unmöglich macht. Indem er, selbst ein Kenner der originalen jüdischen Religionsquellen, von den talimidlsch-rabbinischen Urkunden ausgeht, die apokryphische Literatur nur als sekundäre Ergänzung der Zeitgeschichte und ihrer religiösen Anschauungen wertet, vor allein sich immer dessen bewußt bleibt, daß das Bild des Pharisäismus, wie es die Evangelien malen, ausschließlich gegnerischen, ja feindliehen Motiven zu verdanken ist, kommt er zu dem Schluß eines selbständigen und eigenen Wertes der pharisäischen Religiosität. Dazu kommt ein zweites: wenn nicht das Christentum eine Schöpfung des Neuen Testamentes ist, sondern vielmehr umgekehrt die Religion das Buch geschaffen hat, so besteht kein Anlaß, wenn man die christliche Religion der .•,jfldlsdien, enfi^genlstet». fich hei jeper auf das Zeugnis .der ״Evangelien zi# beschranken ühtf1 nicht ‘vielmehr, IWrtn <Tyja1js aus ihrer Gesamtgeschichte zu erschließen, wie man es bei dem rabbinischen Judentum stets getan hat. Geschieht das aber, so erkennt man, daß die christliche Starrheit des dogmatischen Glaubens, die nicht minder zum Christentum gehört wie das Toragesetz zum Judentum, an Strenge und Schroffheit durchaus nicht hinter der Halacha zurückbleibt. hat und nicht wie ein Schriftgelehrter. Das heißt also die Frömmigkeit des unmittelbaren Ootterlebnisses. Auch den Pharisäern galt natürlich Gott als die höchste Autorität; aber das Wissen, um diese Autorität und die Erkenntnis des göttliehen Willens ergab sich für sie allein mit Hilfe der T0|§ auf Grund ihrer Vorschriften. Deren Sinn war, die Menschen zur unbedingten Erfüllung des göttlichen Willens zu erziehen. Das bedeutet also den Typus einer ethischen Religion, die um der Heiligkeit des Zieles willen alles daran setzt, den Menschen den göttlichen Willen nicht bloß kennenzulehren, sondern sie von der Notwendigkeit seiner gewissenhaften Erfüllung zu überzeugen. T. H. protestiert gegen die Ueber- Setzung des Wortes ״Tora“ mit ״Gesetz“; und er hat Recht, wenn hier mit ״Gesetz“ etwas einem menschlichen Gesetzeskodex Aehnliches gemeint sein soll, den man durch Aufschlagen befragt. Es ist vielmehr die göttliche Lehre, für den Juden die Lehre par exellence, welche um der sie begründenden göttlichen Autorität halber zum Kern der pharisäischen Religion geworden ist. Denn deren Eigentümlichkeit bleibt der einzigartige Emst, mit dem um die Verwirklichung der als göttlich empfundenen Gebote gerungen wurde. Dieses Buch von T. H. macht den Eindruck einer Christliehen Apologie des pharisäischen Judentums. Sein besonderer Wert besteht u. E. weniger in der Aufhellung mancher bisher dunkler historischer Fragen, obwohl der gelehrte Verfasser auch mit diesem Werk in schwierige Einzelprobleme der jüdisch-christlichen Religionsgeschichte hineinleuchtet. Der Schwerpunkt der Leistung liegt vielmehr darin, daß die Durchführung der Idee von dem pharisäischen Religionstypus dem Judentum seine selbständige Bedeutung zuerkennt, daß der Pharisäismus nicht als ein Herabsteigen von glutvollem prophetischem Erleben zu verknöchertem Formalismus anzusehen ist, sondern als leidenschaftlicher Wille, auszuführen, was Gott geboten. Und so gibt dieser Ursinn der talmudisch-rabbinischen Religiosität dem Judentum, wie* der Verfasser überzeugt ist, über alle vergangenen Jahrhunderte hinweg eine große Zukunftsaufgabe. ״... wenn die Zeit kommen wird, wo EIN WELT ERFOLG! Soeben erschien BENJAMIN «ISRAELI SEIN LEBEN von andrI maurois DmäiUk von Erich EMsoußski. Mit S Büdta/dn Geheftet 7 RM, in Ganzleinen 10 RM Zum erstenmal ist es einem Biographen ge- Iungen, auch den ganzen menschlichen Reichtum dieser abenteuerlich schimmernden und T. H. sieht klar — und darin möchten wir diesen wesentliehen Ertrag seines Buches sehen — daß es sich bei der Religion der Evangelien und derjenigen der Pharisäer um zwei verschiedene Typen handelt, hinsichtlich deren der Begriff der Absolutheit des einen oder des andern gar keinen Sinn hat. Wenn es wahr ist, wie er wohl mit Recht annimmt, daß das Volk von Jesus, seiner Persönlichkeit und Art mehr ergriffen und überwältigt war als von irgendeiner Botschaft, die er verkündete, so bedeutet das, daß für Jesus die Autoritlt Gottes auf Grund unmittelbarer Erfahrung anerkannt und empfunden wird. So werden die Worte Markus 1, 22 von ihm verstanden, daß er lehrte wie einer, der Autorität Wie idi den Zionismus kennen lemie Von Elischewa. Die hebräische Dichterin Eiischewa, die jetzt in Palistina lebt, wird in dieser Woche in Berlin und ln anderen deutschen Städten Vorlesungen halten. Elischewa ist bekenntlich eine russische Christin, die durch Verkehr mit Juden in den Bann der jüdischen Idee gezogen wurde und schließlich Jüdin und Zionistin wurde. Sie erlernte in reifem Alter die hebräische Sprache, in der sie es zu einer beachtenswerten lyrischen Kunst brachte. Die nachfolgende, hier aus dem hebräischen Original übersetzte autobiographische Erinnerung zeichnet in charakteristischer Weise den psychologischen Hintergrund von Elischewas späterer Bekehrung. Red. Wer kennt die Vereinsamung der Jugend? Nicht jene Vereinsamung aus Zwang und Resignation, die mit den Jahren kommt, die selbstgenügsame, sich zufriedengebende, nein — die Einsamkeit aus Durst und unaufhörlichem Verlangen und Sehnen, mit der sich der bittere Geschmack brennenden Neides 80 gerne paart. Jenen Neides, mit dem du in deiner Phantasie alle Güter aufzählst, die deiner Meinung nach andere besitzen. Und du quälst dich mit der ständigen unnützen Frage: ״Und was habe ich?“ Diese Einsamkeit begleitete mich stets in jenen Jugendjahren. Es war ein Winterabend. Die Straßen versanken in weißgrauer Finsternis, aus der die Feuer der Laternen verschwömmen und neblig erscheinen. Ein kalter, verwaister Wind blies draußen und drinnen, jenseits der beleuchteten Scheiben und herabgelassenen Vorhänge schiel das Leben der anderen so warm, angenehm und lichtüberflutet. Ich bog in das Haus meiner einzigen Freundin, eines jüdischen Mädchens, ein. Ich wollte ein — zwei Stunden neben dem dampfenden Samowar im großen Eßzimmer sitzen, die Zeit mit Kurzweil und Plauderei zubringen, um durch sie mich selbst zu vergessen. Mich mit meiner Freundin in den dunklen Salon zurückziehen, hatte Ich heißen Wunsch. Dort waren ,wir gewöhnt, in den Abendstunden zu plaudern: dort teilte sie leuchtenden Persönlichkeit einzufangen, in einer Darstellung so voll Spannung und Bewegtheit, so voller Zartheit und Anmut, daß sie den Leser nicht eher losläßt, als bis mit dem letzten Worte auch «Ja8 Lehen des Helden in die Ewigkeit verhaucht S.FISCHER VERLAG• BERLIN mir den Eindruck mit aus den letzten Rendez-vous mit ihren beiden Verehrern, von denen einer ein heiratsfähiger junger jüdischer Kaufmann, der andere ein Christ war. — Dort pflegte sie mir auch Briefe zu zeigen, die sie von ihrem zweiten russischen Verehrer erhielt, von jenem, der es im Vorjahre war und der die Stadt verlassen hatte. Aber nach solchen Stunden trug ich gerade jetzt kein Verlangen. Des nutzlosen Neides war ich müde. ״ Im Eßzimmer fand ich die ganze Familie und auch einen ständigen Gast, den Hebräischlehrer, dar die Brüder meiner Freundin unterrichtete, ein junger Mann aus dem Ansiedlungsrayon. Dieser zählte nicht zu ihren Verehrern, und auch mir war er fremd und *fern, wie ein Geschöpf aus einer anderen Welt. Manchmal verstand ich auch nicht, was er zu mir sagte, ich konnte mich nicht an seine komische russische Aussprache gewöhnen. Es gab noch einen, den ich in letzter Zeit an ihrem Tische zu sehen gewöhnt war: ein Student, der in ihrer Wohnung ein Zimmer gemietet hatte, ln jenem Winter konnte ich noch nicht erkennen und fühlen, daß sich bereits irgend etwas zwischen ihm und meiner Freundin anspinnt Die Sache wurde mir erst nach einiger Zeit bekannt, als sie sich verlobte. Dieser junge Mann setzte mich in nicht geringes Erstaunen; lässig in seinen Bewegungen und seiner Sprache, etwas trocken, den zukünftigen ״Baal Bajith“ bereits verratend. Er gefiel mir nicht; jedoch begleitete er mich oft nach Hause — aus reiner Höflichkeit und da ein anderer Begleiter fehlte. Ihn fand ich nicht an jenem Abend. Er war noch nicht von seiner Arbeit ln der Universität zurückgekehrt. Der Abend schleppte sich langsam dahin wie alle unsere müßigen Abende, und tief im Innern des Herzens, in einer verhüllten Ecke, brannte leise die Einsamkeit und das ständige Sehnen, jener Durst nach jemand, nach der Gesellschaft naher Menschen, aber wirklich naher, die einem wirklich gehören. Wer sind sie und wo sind sie? Ich wußte es nicht. Klingeln. Irgend jemand tritt in den Korridor. Es ist nicht der Student, wie wir vermutet hatten. Die Hausfrau geht dem Kommenden entgegen und nach einem Augenblick das Christentum alles getan haben wird, was es unter den Formen und Bedingungen, die er bisher angenommen hat, tun konnte, dann wird es ein Judentum geben, das fähig und bereit sein wird, seinen unzerstörbaren Schatz, den es durch die Jahrhunderte hindurch treu bewahrt hatte, einer Weit darzubieten, die nicht mehr seiner höhnen wird, dann werden endlich die beiden großen Religionen, weiche jede für sich das geleistet haben werden, wofür sie Gott als zwei schuf und nicht als eine, sich zu seinem Dienst vereinigen, und werden Seite an Seite die Gebete und Lobpreisungen emporsenden und das Leben seiner Kinder erfüllen.“ Daß Walter Fischei dieses wichtige Werk durch eine sehr gute Uebersetzung dem deutschen Schrifttum einverleibt hat, sei mit gebührendem Dank anerkannt. Dr. Max Wiener. Juden auf der deutschen Bühne Das Schaffen Arnold Zweigs hat nach einer Weile scheinbarer Ruhe — die in Wirklichkeit vielleicht jene ״schöpferische Pause“ bedeutete, deren Wichtigkeit für den Künstler man gerade in letzter Zeit klarer erkannt hat — in den letzten Jahren eine Reihe der verschiedensten, und gerade durch ihre Verschiedenheit bedeutsamen Früchte getragen. Da war die edankliche Schöpfung des ״Caliban“, ein philosophisch funierter Versuch, den Antisemitismus als Gruppenleidenschaft zu erkennen; gewiß, eine Frage der Peripherie wie Zweig selbst erkennt — und doch in ihrem Lösungsversuch von zentralem Interesse. Neben diesem Oedankenwerke aber erschien (Jps große Gestaltenwerk, der ״Streit um den Sergeanten Grischa“: diesseits und jenseits des Ozeans von tausenden von Menschen begrüßt als die (bis jetzt) lebendigste Verkörperung des leidgeborenen Protestes gegen den Krieg und alle seine Folgen, der noch jetzt zehn Jahre nach Kriegsende in aller Herzen zittert. Mit Recht ist kürzlich an dieser Stelle auch auf Zweigs Novellen hingewiesen worden, von denen wenigstens die ״Regenbogen“-Sammlung auch hierher gehört. Und zu allen diesen Schöpfungen gesellt sich nun wieder ein prächtiger Band ״Juden auf der deutschen Bühne“. Es war ein glücklicher Gedanke des Verlages — das Buch ist in der Reihe der Bücher des ״Heine- Bundes“ erschienen, dem wir schon manche wertvolle Gabe verdanken ־- Arnold Zweig mit dieser Aufgabe zu betrauen, der vor andern die theoretische Besinnlichkeit des Betrachtenden und die lebendige Erfahrung des dramatischen Gestaiters zur Lösung mitbringt. So zeigt denn auch dies Buch sogleich in seiner theoretischen Begründung die Brücken, die es mit der eben erwähnten philosophischen Studie über den Antisemitismus, dem ״Caliban“ verbinden. Wie dort der Antisemitismus. so wird hier die Handlung auf der Bühne als Gruppenscnicksal, die Wirkung auf das Publikum als Entladung von Gruppenleidenschaften dargelegt. Um es voranzusagen: diese einseitig soziologische Auffassung der Schaubühne erscheint mir nicht das stärkste Element dieses vielfarbigen Buches zu sein. Sie führt wohl zu Dramen wie Tollers ״Hoppla wir leben“ — aber den Weg zum Hamlet oder Faust verhaut sie sich auf seltsame Weise. Auch wer jedoch nicht mit den ״Prinzipien als Einleitung‘ (*wie Zweig sein erstes Kapitel nennt) einverstanden sein kann, der wird seine Freude an der sachkundigen und scharf beobachtenden Darstellung des ״Theaters als Besonderheit“ haben — vielmehr an den lebendig atmenden Gestalten aus der Wett der Rampen, ob sie nun Bühnendichter, Direktoren oder — und das am liebsten — Schauspieler heißen. Schauspielerporträts sind in den letzten Jahren uns nicht ganz selten gegeben worden; kaum je aber mit solcher Eindringlichkeit des Nacherlebens und Schärfe des Blickes wie hier. Am lebendigsten (und das ist nicht verwunderlich) werden etwa jene Männer und Frauen, die nicht nur dem Kritiker Arnold Zweig, sondern dem Dramatiker Arnold Zweig einmal als Verkörperung eigner Träume entgegengetreten sind. Von besonderem Reiz ist es dänn in einem Abschnitt über die ״Dramatiker“, den Dramatiker über seine Zunftgenossen urteilen zu hören; daß der Dichter des ״Ritualmordes in Ungarn“ dabei etwa Werfels ״Paulus unter den Juden“ allzu scharf ablehnt, ist schließlich sein gutes Recht, und in seiner Persön'iehkeit begründet. In einem letzten Kapitel ״Jüdische Szene“ stellt er schließlich die sich mählich wandelnde Behandlung jüdischer Stoffe nebenführt sie ihn zu uns herein. Auch er ist ein jüdischer Student, den wir nie zuvor gesehen hatten, ein Kollege jenes Zimmerherrn. Da er ihn nicht zu Hause antraf, hatte ihm die Wirtin vorgeschlagen, auf ihn zu warten und ihn ins Zimmer eingeladen. Der unerwartete Gast setzte sich an den Tisch, nahm das Teeglas, das ihm die Wirtin eingegossen hatte, und begann mit ihr einige nichtssagende Worte zu sprechen, die gewöhnlich aus Höflichkeit zwischen fremden Menschen, wenn sie sich zufällig begegnen, gewechselt werden. Allmählich mischte sich auch der junge Lehrer ins Gespräch und nach kurzer Zeit blieb die ganze Unterhaltung nur in den Händen der beiden: des Lehrers und des Gastes. Ich saß am Ende des Tisches und aus Beschäftigungslosigkeit hörte ich so nebenbei auf ihre Worte. Sie begannen natürlich mit der traditionellen Frage: ״Woher kommen Sie, Jude?“ — jener Frage, die dem Nichtjuden, wenn er sie in den Schriften Schalom Alechems trifft, so lächerlich erscheint. Aber im Munde lebender Juden ist sie scheinbar keineswegs sonderbar und lächerlich. In wenigen Minuten unterhielten sich beide interessiert und freundschaftlieh, als ob sie einander schon lange kannten. Anfangs hörte ich nur oberflächlich hin. Ich war sicher, daß der Inhalt des Gespräches mir völlig fernelag. Auch später zog es mich nicht an; aber etwas setzte mich in Erstaunen und zog meine Aufmerksamkeit sonderbar an, wobei sich auch wieder ein Tröpfchen meines ständigen Neides einmischte — aber in anderer Form. Der Lehrer war, wie ich wußte, aus einer kleinen Stadt im Ansiedlungsrayon, deren Namen wir Großstädter niemals gehört hatten und deren Lage wir auch nicht wissen konnten. Der Student war, wie aus seinen Worten hervorging, aus Bobruisk; sein Kollege, den er besuchen kam, hatte an einem dritten Ort seine Heimat, aber sofort war klargeworden, daß sie gemeinsame Bekannte an allen Orten hatten und nun fragten sie sich gegenseitig über sie und ihren Wohnort. Ja noch mehr, Leute an verschiedenen Enden der Welt waren scheinbar beiden bekannt und deren Taten spielten ln ihren] Gespräch eine große Rolle.

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