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Jüdische Rundschau · 1928-06-22 · Heft 49 (22.6.1928) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 49 (22.6.1928)
Date
1928-06-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 384 JU1DISCHE RUNDSCHAU Nr. 49* 22. TL 1928 den Voraussetzung, daß die Aufgaben der Zionistischen Organisation nicht durch künftige Ereignisse, wie die Erweiterung der Agency, wesentlich verändert werden). Vielleicht bringt eine weitere Diskussion die notwendige Klarheit. Die Chancen der Koalition würden wesentlich verbessert werden, wenn sie nicht nur im Hinblick auf Palästina-Aufgaben — seiet! diese auch noch so wichtig — geschlossen würde. Aus der gemeinsamen zionistischen Qrtindauffassung müßte die Verpflichtung gemeinsamer Arbeit in der jüdischen Welt gefolgert werden. Für diese gemeinsame Aufgabe, die Verbreitung des Gedankens der jüdischen Moderne, kann eine Kampfgenossenschaft gebildet werden, deren Existenz auch ein gemeinsames Vorgehen auf dem Gebiet der Palästina- Fragen erleichtern wird. Auf diesem Gebiete, in dem sich die Kongreßpolitik der letzten Jahre ausschließlich bewegte, hätte die Koalition die wichtige Aufgabe, in der Außenpolitik die Methode Weidmanns zusicher 11. Kampf gegen die Verführungen der Effekte und Demonstrationen. Kämpf gegen Dilettantismus in jeder Form. Eine Politik, die durch ihren Ernst durch die Qualität sachlicher Arbeit, durch eine Verbindung anfidemagoglscher Nüchternheit mit der moralischen Kraft der zionistischen Idee zu wirken sucht Es würde nicht die letzte Aufgabe der Koalition sein, sich für eine solche Politik gegenüber anderen Teilen der Bewegung mit Nachdruck einzusetzen. Die Entscheidung über die Möglichkeit der Koalition liegt auf dem Gebiete der Wirtschaftspolitik. Die Zionistische Organisation sollte auch in Zukunft ihre Arbeit für den wirtschaftlichen Aufbau des Landes unter überragender Beteiligung der Arbeiterschaft durchführen und ihr einen dieser Absicht entsprechenden Spielraum gewähren. Diese überragende Beteiligung der Arbeiterschaft soll auch in Zukunft die Grundlinie des Wirtschaftlichen Kurses sein. Aber die Organisation wird in ihfef Wirtschaftspolitik (insbesondere in ihrer Budgetpolitik) ZU zeigen haben, daß sie in der Arbeiterschaft nicht mit einer absoluten Ausschließ- 1 i c h k e i t das einzige Instrument der wirtschaftspolitischen Durchführung des Zionismus sieht Ein Teil ihres Interesses wird den Menschen und den Vorstellungen zu widmen sein, die als aktuelle Träger des Aufbauwerkes wirken wollen, ohne zum Kreis der Arbeiterschaft zu gehören. Hier ist für die Koalition die erste ernsthafte Belastungsprobe. Wird man verstehen, daß diese Ergänzung der wirtscnaftspolitlschen Methode nötig ist, um alle Möglichkeiten zu erfassen, in denen das Volk für den Aufbau des Landes schaffen kann? Wird man einsehen, daß auf diese Welse auch unmittelbar die Aussichten der Arbeiterschaft auf Ansiedlung zu ihr gehöriger Menschen verstärkt werden? Wenn dieses Verständnis sich gegen die Tendenz zum Monopol durchsetzen sollte, Ist das erste Bindernis einer Versündigung über die Wirtschaftspolitik beseitigt Die Zionistische Organisation soll in Zukunft für Ihre Wirtschaftspolitik selbst verantwortlich sein. Daß heißt aber, daß ihre Instanzen die Wirtschaftspolitik bestimmen sollen. Mit einer Hflfsstellung det Zionistischen Organisation für die Hlstadruth wird sich auch der Unke Flügel des allgemeinen Ziönismus nicht mehr begnügen können. Dies Ist, um das klarzustellen, der eigentliche Inhalt der so erbittert geführten ״Nir“- Debatte. Die Zionistische Organisation soll ihre Wirtschaftliehe Macht Und die daraus sich ergebenden Rechte nicht auf eine andere Körperschaft, und sei es die Organisation der Arbeiterschaft, übertragen In der Vergangenheit hat die Zionistische Organisation zu wenig eigene Verantwortung für ihre wirtschaftlichen Entschlüsse bewiesen. Nur wenn sie diese volle Verantwortung übernimmt, wird man von allen ihren Tellen den Einsatz aller Energie für den Aufbau der jüdischen Wirtschaft in Palästina erwarten können. Schließlich wird für den wirtschaftlichen Kurs der Zukunft der Gedanke gelten müssen, um den auf dem letzten Kongreß gekämpft würde: im Bereiche unserer Wirtschaft wollen wir nach wirtschaftlichen Methoden arbeiten. Der wirtschaftliche Erfolg, und nicht die dauernde Wirtschaftskrise soll uns zum Aufbau des jüdischen Nationalen Heims helfen. Ob die Arbeiterschaft die Methode des Wirtschaftliehen Aufbaus mitmachen will, ist, wie es scheint, noch eine offene Frage — eine Frage, die für die Möglichkeit der hier erörterten Koalition entscheidend sein muß. Die ersten Schritte in der Richtung auf eine Konsolidierung unserer Wirtschaft, welche als ein Ausdruck dieser grundsätzlich veränderfen Auffassung der zionistischen Wirtschaftsmethode unternommen worden sind, werden heute aus sehr verschiedenen Motiven bekämpft Unter den Gegnern aus dem Lager der Arbeiterschaft sind Anhänger der Anschauung, die in weitem Umfang für unsere Arbeit in den sieben Jahren nach dem Kriege Geltung gehabt hat: Der Zionismus hat nicht nötig, die Gesetze der Wirtschaft anzuerkennen; wir sind zu unaufhörÜcher Expansion verpflichtet, auch dann, wenn die Expansion unsere Kräfte übersteigt Mit gesundem, wenn auch schrittweisem Aufbau können wir uns nicht begnügen, stiirmische, wenn auch höchst unsichere Okkupation ist notwendig. Mit dieser Auffassung werden wir nicht mehr paktieren können. Sie hat nach unserer Meinung ihre Untauglichkeit für die Dauer erwiesen, sie fordert ungeheure Opfer ohne ausreichende Erfolge, und sie stellt dadurch unser Werk vor immer neue Gefahren. Wir wissen aber, daß weite Teile der Arbeiterschaft heute nicht weniger als wir den Wert eines gesund fundierten, durchdachten, rechnenden Wirtschaftsprogramnies schätzen. Diese Kreise müßten sich mit uns dafür cinsetzen, daß unsere Wirtschaftspolitik mit gesundem Wirtschaftsaufbau in Ucbereinstimmtmg gebracht wird, und zwar in allen Bezirken: auf dein Gebiete der Einwanderungspolitik, der Finanzpolitik, vor allein der Budget- Politik, in der wir uns nicht nach billigen Deklarationen und schönen Wünschen, sondern nach unseren Kräften cinzurichten haben, in der Leitung des Siedhmgswerkes, in dem wir uns für die Formen entscheiden müssen, die die wirtschaftlich wertvollsten sind. Wir sehen heute die merkwürdige Erscheinung, daß auch die Teile der Arbeiterschaft, die diese Forderungen der Wirtschaft anerkennen, die Exekutive bekämpfen — weil ihre Gruppe nicht in der Exekutive vertreten ist. Wieder einmal feiert in diesem Kampf der Gruppenpatriotismus Triumphe und verhindert, daß bessere Einsichten sich zusammenfinden. Weshalb diskreditiert man die ersten Versuche einer Konsolidierungspolitik, die man selbst als richtig empfindet? Welchen Sinn soll der Streit um das Autorenrecht an dem Konsolidierungsgedanken haben? Selbst wenn Mitglieder der Arbeiterparteien die ersten klaren Verkünder dieses Gedankens waren, so müßten sie doch die auf Konsolidierung zielende Praxis unterstützen, nicht aber den Kampf der Gruppe mitkämpfen, die noch heute mit der Exekutive das Konsolidierungsprogramm vernichten und das alte Wirtschaftssystem wieder zur Macht bringen will. Wenn man so gut versteht, was Konsolidierung bedeutet, weshalb wehrt man sich mit allen Arten von Argumenten gegen die Tatsache, daß diese Exekutive sich ernsthaft um die Konsolidierung bemüht und vielleicht sogar manches für sie getan hat? Für diese Anhänger der Konsolidierung in der Arbeiterschaft darf nicht der Kampf gegen die Exekutive die entscheidende Aufgabe sein, sondern sie müßten für eine entschlossene und klare Schwenkung der Arbeiterschaft zu dem neuen Wirtschaftssystem wirken. Mit dieser Schwenkung kann die neue und dauernde Koalition zwischen der Arbeiterschaft und den Teilen des allgemeinen Zionismus hergestellt, werden, die sich durch die Gemeinsamkeit zionistischer Grundelemente mit der Arbeiterschaft verbunden fühlen, Wird der Kampf gegen die von der Exekutive vertretene Wirtschaftsmethode fortgeführt,' so werden in der nächsten Zukunft die Wege der beiden Gruppen nicht zusammenführen. Die Koalition, die hier erstrebt wird, wäre eine Koalition der schaffenden Kräfte im Zionismus. Sic kann eine Möglichkeit zu neuer wirtschaftlicher Expansion geben, der einzigen sicheren Grundlage für einen ernsthaften politischen Fortschritt. Betrachtet matt die Wirklichkeit des zionistischen Alltags, die Reden in Versammlungen, die Artikel in Zeitungen, so muß man leider zweifeln, ob ein so sinnvolles und verlockendes Bündnis Tatsache werden wird. Aber Wenn wir — wir alle — imstande wären, aus der Atmosphäre der Parteimaschinen in die frische Luft zionistischen Glaubens und einer freien Menschlichkeit vorzudringen, dann müßte es möglich sein. $tra$enskandale in Jerusalem Von unserem Kofrespondenten. ■ AG, Jerusalem, 13. Juni. Die jüdische Oeffenflichkeit, besonders in Jerusalem,!st seit einiger Zeit in Aufregung versetzt durch eine Kette von Ueberfälien auf jüdische Mädchen in Jerusalcm, die an den verschiedensten Stellen der Stadt, zum Teil am hellen Tage und auf den belebten Straßen, von Arabern ausgeführt Wurden. Zuerst kameii ein paar einzelne Fälle vor, die züm Teil HUr ״Belästigungen“ glichen, und dann breitete sich die Epidemie verblüffend schnell aus und nimmt gefährliche Formen an. Jeder Tag bringt Berichte über neue Ucberfälle, die In Einzelfällen sogar mit Vergewaltigungen enden. Die Empörung der jüdischen Oeffent- Fichkelt vergrößert ach dadurch, daß die Polizei sich gleichgültig zeigt und keinen genügenden Schutz für die Sicherheit der Passanten bietet. Die Tageszeitungen veröffentlichen täglich Listen solcher Ueberfälle, Man muß diese Dinge ernster nehmen als man es bei denselben Gelegenheiten in Europa tut, Wo in den Großstädten solche ״Zwischenfälle“ — ohne jeden ״nationalen“ Beigeschmack — wohl jeden Tag Vorkommen. Denn hier handelt es sich fraglos um die Ausbreitung einer Auffassung, die die eUropäisch-jüdische Frau mit ihren anders gearteten und dem Araber ziemlich Unverständlichen modernen Lebensformen, ihrer Tracht und ihrem Benehmen, für vogelfrei hält, was zu dem Versuch führt, diese Sachlage auf eine sehr primitive und gewissenlose Art zu mißbrauchen. Die Juden fördern eine strenge Ueberwachting, tüchtiges Funktionieret! der Polizei und die Statuierung vort einigen Exetnpeln durch schwere Strafen. Ein solches Exempel hat bekanntlich vor einiger Zeit in Jerusalem sfatfgefundetl, als zwei Ataber eine Vergewaltigung begangen und sich zu ihrem Schaden als Opfer eine Amerikanerin ausersehen hatten. Und es ist klar, daß gerade die schwere Zuchthausstrafe in diesem besonderen Fall den Eindruck erwecken mußte, daß es eben nur besonders gefährlich sei, sich an Ausländern zu vergreifen, während bei Inländern bisher kein solches ״Ex6mpel“ statuiert wurde, vielmehr der Täter meist ״unauffindbar“ bleibt. Eine Delegation des Waad Leumi hat dem Oberkommissär diese Angelegenheit vorgetragen. Plumer hat erklärt, die Sacheh untersuchen und ״Maßnahmen treffen“ zu wollen. Wie die J.T. A. meldet, hat er auch bereits strenge Instruktionen an die Polizei erlassen. Die Polizeikräfte sollen beträchtlich erhöht Weeden. * Bekanntlich wurde mit den Vorfällen, über die unser Korrespondent hier berichtet, und der daraus sich ergebenden Stimmung auch ein Ereignis in Zusammenhang gebracht, über das wir schon kurz berichtet haben. Zwei Araber wurden in der King Qeorges Avenue in Jerusalem angCschosaen, der eine starb sofort, det andere ist — wie jetzt gemeldet wird, — nach einigen Tagen seinen Verletzungen erlegen. Die Täter sind unbekannt. Die auch von der J. T. A. verbreitete Version, daß die Schüsse im Verlauf einer Auseinandersetzung zwischen Juden und Arabern Wegen Belästigung eines jüdischen Mädchens gefallen sind, entspricht nach unseren zuverlässigen Informationen nicht den Tatsachen. Vielmehr wurden die Araber ohne jeden konkreten Anlaß aus dem Hinterhalt angeschossen. Die Täter sind unbekannt, und es steht daher keineswegs fest, daß es Juden Sind. Trotzdem wurde diese Schießerei von der öffentlichen Meinung sofort mit dem Aergernis über die Frauenbelästigungen in Zusammenhang gebracht. Wenn sich diese Meinung bcstätigt, dann ist dies ein Verhalten, das gar nicht schar) genug verurteilt werden kann. Der Grundsatz natio• naler Solidarhaftung entspricht einem barbarischen Kulturniveau, und sich an unschuldigen Arabern zu rächen, weil andere Araber eine Schandtat begangen haben, entspräche der von uns gewiß abgelehnten Art und Weise, nach der die Antisemiten aller Länder das ganze Judentum für irgendeinen jüdischen Spitzbuben verantwortlich machen. Ueber diese sehr bedenklichen Vorgänge wird noch zu reden sein, bis genauere Berichte vorliegen. Auf alle Fälle trifft die Hauptschuld die Regierung, die die Macht gehabt hätte, rechtzeitig gegen den Unfug einzuschreiten und ihm ein Ende zu machen, statt dessen aber die Indolenz der Polizei duldete. Auf diese Weise mag in jugendlichen Gehirnen die Vor- Stellung entstanden sein, daß die Juden vogelfrei sind, wenn sie nicht zum Mittel der aggressiven Selbsthilfe greifen. England md Pallstina In einer Versammlung des Anglo Patestinian Club in London sprach Col. Wedgwood über seine Idee, daß Palästina das siebente Dominion In der britischen Völkergemeinschaft bilden soll. Es bestehe die Gefahr, daß allzu früh pariamentarlsche Institutionen tn Palästina geschalten werden. Um dies abzuwenden, müßte die Zionistische Organisation mit der britischen Regierung Zusammenarbeiten, statt immer gegen die Beamtenherrschaft zu remonstrieren. England sollte nicht früher Volksvertretungsinstitutionen in Palästina geben, als bis beide Teile der Bevölkerung, Juden und Araber, dies verlangen, ln der Debatte erklärte Joseph Cowen, die Juden könnten heute die ihnen gewiß sympathische Idee des ״siebenten Dominions“ nicht propagieren; dies wäre so, als ob ein armer Verwandter sich auf seine Verwandtschaft beruft. Wir sind uns bewußt, daß wir iit die britische Sphäre elnjetreten sind und nehmen die Konsequenz auf uns. Leider hat England nicht alles erfüllt, wozu es verpflichtet war. Es gibt zwei Englands: mit dem England, das die Prügelstrafe in englischen Gefängnissen cinfiihrt und das ein jüdisches Mädchen deportiert, weil man in ihrem Zimmer kommunistische Literatur gefunden hat, wollet) wir nichts zu tun haben. Die Prügelstrale Jerusalem, 10. Juni. (J. T. A.) Die Exekutive der palästinensischen Arbeiterföderation (Histadruth Haovdim) hat sich bekanntlich vor kurzem an die Palästina-Regierung mit dem Ersuchen gewendet, unter Hinweis auf eine vollzogene Prügelstrafe an drei der verhafteten Kommunisten, die Prügelstrafe für politische Häftlinge abzuschafren. Die Reierung hat es in einem schriftlich erteilten Bescheid ab geehnt, den politischen Häftlingen eine besondere Behandlung an gedeihen zu lassen. Den Chaluzim aus der Kolonie Tel Chai in der Krim, die wegen zionistischer Betätigung verhaftet worden sind, wurde von der Sowjet-Behörde erlaubt, Rußland zu verlassen und sich nach Palästina zu begeben. ..111111111;11111nn111n11111n11111111111 ״Die Nene Jngend“ Eines der wichtigsten Probleme für das soziale Gefüge und die geistige Gestalt der meisten Völker ist in unsern Tagen die Entwicklung der ausklingenden Jugendbewegung. Die aus der Jugendbewegung hervorgegangenen Menschen treten allmählich in die führende Schicht der Erwachsenen ein. Die deutsche Jugendbewegung entstand tim das Jahr 1010 als tiefe innere Revolution, Sprengung der überkommenen Formen, Erwachen eines neuen Lebensgefühls, Streben nach Freiheit und innerer Wahrhaftigkeit. Aber auch bei ihr wie bei allen Revolutionen beginnt das eigentliche Problem nachher: bei der Gestaltung neuer, von ihrem Geist erfüllter Formen an Stelle der überwundenen Tradition; dies wird besonders aktuell beim Aelterwerden der Jugend, beim Einfügen der Menschen in die Gesellschaft. Die Jugendbewegung in Deutschland wurde durch den Krieg unterbrochen, der einerseits ihr Lebensgefühl gesteigert, andererseits aber auch häufig sie ins Konventionelle und innerlieh Unwahre verkehrt hat. Das Kriegserlebnis, Patriotismus und Revolution trugen jedenfalls wesentlich dazu bei, die Jugendbewegung mit den Differenzierungen anderer Kategorien (Parteien, Klassen usw.) zu durchsetzen. Dies bedeutete vielfach eine Unterwerfung unter die alten Mächte, trotzdem wirkte das Erbe fort und noch heute läßt sich über die Wirkung noch kein endgültiger Schluß ziehen. Jedenfalls sehen wir, daß die neue Generation andern Organisationsformen zustrebt, die Bünde, Wehrverbände u. ä. haben einen außerordentlichen Umfang angenommen, und es wäre falsch, an diesen Tatsachen, die wahrscheinlich eine neue soziale und politische Mentalität erzeugen, achtlos vorüberzugehen. Es ist daher ein dankenswertes Beginnen, eine Uebersicht über den heutigen Stand der Jugendbewegung■ oder doch deren wichtigste Tendenzen zu geben. Dieses Ziel hat sich Professor Richard Thurnwald gesetzt, als er Band 4 der von ihm herausgegebenen ״Forschungen zur Völkerpsychologie und Soziologie“ der Frage der ״Neuen Jugend“ widmet (2 Halbbände, zusammen 12 M., Verlag C. L. Hirschfeld, Leipzig). Der Herausgeber läßt Vertreter der Jugend oder ehemalige Jugendführer zu Wort kommen, in insgesamt 20 Beiträgen, wobei nicht alle Strömungen vertreten sind. Die Beiträge sind von ungleichem Wert, zum Teil sind sie zu apologetisch oder propagandistisch; einzelne jedoch gcwähren Einblick in tiefere geistige Zusammenhänge. Besonders interessant sind die Beiträge aus dem Lager der katholischen und protestantischen Verbände, die Beiträge aus der jungnatiotialen und sozialistischen Bewegung sowie die über die En;- Wicklung der freideutschen Jugend. Hervorhebendc Erwähnung verdient auch der Beitrag über die Steilung der Frau in der Jugendbewegung. Schließlich sei auf den großen und umfassenden Beitrag von Dr. Siegfried Kanowitz über die zionistische Jugendbewegung hingewiesen, der an dieser Stelle bereits (anläßlich seines Erscheinens als Sonderdruck) besprachen wurde. Für uns ist diese Sammlung nicht aus Parteieründen wichtig, sondern weil sie einen Spiegel gibt von allgemeinen Ideen unserer Generation, die auch auf das Judentum in Deutschland und den Zionismus stark übergegriffen haben. Die jüdische Jugend unterliegt denselben psychologischen und soziologischen Gesetzmäßigkeiten wie alle andere Jugend. Da die Beiträge dieses Buches meist von ehemaligen Jugenclbeweglern geschrieben sind, findet man die Ansicht vorherrschend, daß die Jugendbewegung zu Ende und die Zeit des Mannseins gekommen ist. Die Frage ist, ob hier nicht ein Faktum des individuellen Lebens auf das soziale Leben projiziert wird und ob niciit das Bestreben mitspieltp sich gegen etwaige nachdrängende neue Bewegungen zu bewahren. In dieser oder jener Form werden hoffentlich Revolutionen der Jugend auch gegenüber dieser Generation sich vollziehen, bis wieder ein Zeitalter lebendiger verbindender Kultur gekommen ist. O. Erich Mühsam hat anläßlich seines 50. Geburtstages eine Auswahl seines dichterischen Lebens Werkes 1808 bis 1928 in einem Band herausgegeben (bei J. M. Spaeth, Verlag, BSrlin 1928). Es sind Chansons, Gedichte, revolutionäre Lyrik, Totenklagen um gefallene (ermordete) Genossen, und im zweiten Teil Prosa, ein paar Kabinettstücke menschlicher Betrachtung. Von Judentum ist nicht die Rede; und doch schwebt es unsichtbar über Schicksal, Werk und Wesen dieses Mannes, der als Bohemien und Anarchist ein Ruheloser ist, der auszog, das Reich der Gerechtigkeit zu finden, aber zu einer Tat nicht kommen kann, da er keinen Boden unter seinem Ich hat. Daher nehmen wir Anteil an seinem Werk, das uns anspricht, auch wo es in einer uns heute ganz fernen Welt spielt. Mi. aziH'urn tu allen Ortsgruppen, Vereinen, Kurorten, Sommerlagern. - und Baumspenden tür den Herzlwald!

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