Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 49 (22.6.1928)
- Date
- 1928-06-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49, 22. VI. 1928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 353 Innerzionistische Aussprache Wo liegt der Fehler? Von Alexander Adler, Vorsitzender des deutschen MisrachL Unser Delegiertentag ist vorüber, eine neue Arbcitsperiode hat für die deutschen Zionisten begonnen. Was hat uns die Tagung gebracht, wie sind die Aussichten für die näcliste Zukunft? Es ist nicht anzunchmcn, daß große Zufriedenheit in weiten Kreisen der Z.V. f. D. über Verlauf und Ergebnis der Breslauer Tage besteht, vielmehr ist bekannt, daß ein Teil der deutschen Zionisten Anlaß zu haben glaubt, recht unzufrieden mit ihnen zu sein. Der Misrachi mußte den Delegiertentag mit dem Gefühl verlassen, daß er auf einem völlig verlorenen Posten gestanden, daß er in einer geistigen Isolierung sich befunden hat, die es ihm schwer macht, den Glauben zu behalten, daß die Zionistische Vereinigung tatsächlich die Vertreterin aller Zionisten Deutschlands bleiben will. Der Misrachi hat auf dem Delegiertentag durch den Vorschlag, ein Präsidium aus Vertretern der drei Hauptrichtungen, der Rechten, der Linken und der Mitte, zu wählen, die Tendenz verfolgt, nach außen hin zu erkennen zu geben, daß die Z. V. f. D. die Interessen aller Richtungen innerhalb des Zionismus zu vertreten bestimmt ist. Die Forderung ist abgelehnt worden, wir finden uns damit ab. Aus diesem Grunde, es sei ausdrücklich betont, darf innerhalb des Misrachi keinerlei Mißstimmung bestehen. Wir können aber nicht umhin, unser Bedauern darüber auszudrücken, daß sich die Majorität des Delegiertentages, ohne sich ernsthaft um eine andere Lösung zu bemühen, über den Willen zum Mittragen der Verantwortung hinwegsetzt, der bei einer immerhin beachtlichen Minorität bestanden hat. Man hat sich eingehend auf der Tagung darüber ausgesprochen, warum unsere Propaganda der letzten Jahre keine durchschlagenden Erfolge erzielt hat, wie man die Propaganda einzurichten hat, damit solche Erfolge in der neuen Periode gezeitigt werden. Auf das ״Warum“ ist keine Antwort erfolgt, soweit ging die Selbstanalyse nicht, daß man wirkliche Fehlerquellen in unserer Werbung nach außen aufzeigte. Wo man der Frage etwas näher kam, hielt man es für eine Angelegenheit von Takt, Taktik und Politik. Unserer Meinung nach sind es aber nicht Aenderungen nach dieser Richtung, die eine größere Erfolgmöglichkeit geben können. Nicht Taktik und Politik werden als Vertrauen der heute Außenstehenden zu uns erhöhen, sondern nur wirklich innere Einstellung auf den Gedankengang der anderen. Das heißt nicht, daß wir etwa die Größe unserer Idee angleichen müssen an kleinliche Anschauungen anderer, es bedeutet aber, daß wir auch bei den anderen einen guten Willen und ehrliehe jüdische Gesinnung voraussetzen und als Gleiche zu Gleichen mit ihnen sprechen. Wohl sind wir überzeugt, daß das Heil des Judentums nur von unserem Anschauungskreise ausgehen kann, sind uns der überragenden Bedeutung des von uns inaugurierten Werkes bewußt, wir versuch« diese Anschauung dien Außenstehenden klarzumachen, aber nicht durch Bagatellisierung der Ideen der anderen, nicht durch Minderwertigkeitserklärungen der nichtzionistischert Vorstellungen von der Zukunft des Judentums werden wir etwas erreichen, sondern nur dadurch, daß wir alles positiv Jüd i s c h e in den Kreis unserer Betrachtungen einschließen, Konsequenzen aus den erlangten Erkenntnissen ziehen und der außenstehenden Welt begreiflich machen, daß auch sie verpflichtet ist, in Konsequenz ihrer Anschauunjj Schritte nach vorwärts zu machen. Auch wir, der Misrachi nicht etwa ausgeschlossen, können noch zu neuen Erkenntnissen kommen, das Ringen um die Seelen der ״anderen“ muß auch uns noch vorwärts- und aufwärtsführen. Wenn wir arbeiten an der Vertiefung des jüdischen Volksgeistes, sollen diejenigen, zu denen wir sprechen, das Bewußtsein haben, daß wir nicht als absolut Fertige mit allem Jüdischen getränkt und gesättigt uns wähnend vor ihnen stehen, sondern daß auch wir nehmen wollen und uns nicht in der Rolle der allein Gebenden gefallen. In diesem Geist vorgetragene Propaganda kann auf fruchtbaren Boden fallen. Solche Propaganda könnte uns besonders nützen bei derh Teil der traditionellen Judenheit, der der Gemeinde- Orthodoxie angehört. Die bisherige Leitung der Z.V. f. D. hat sich auf Erfassung dieser Kreise überhaupt nicht eingestellt und auch aus dem Programm, das für die neue Periode entwickelt wurde, geht nicht hervor, daß man sich jetzt um diese Menschen bemühen will. Man sagt, die große Masse der deutschen Nichtzionisten stehe auf nichttradifionellem Boden, auf die Erfassung der Masse sei der Wert zu legen. Gemessen an der Zahl der zionistischen Juden in Deutschland ist die Masse der traditionell eingestellten Nichtzionisten noch immer sehr groß. Würden wir diese Mensehen in großem Ausmaß für unsere Idee erwärmen, gelänge es uns, ihnen klarzumachen, daß unsere Anschauungen vom nationalen Judentum eine konsequente Fortführung ihrer religiösen Einstellung ist, dann würden wir bald auch zahlenmäßig eine Macht im deutschen Judentum darstellen. In der Propaganda der Z. V. f. D. wird aber bisher geflissentlieh vermieden, den Zusammenhang zwischen traditionellen und nationalen Forderungen herauszuarbeiten. Durchaus soll stets bewiesen werden, daß es ein Neuartiges ist, was der Zionismus in das Judentum hineingetragen hat, das Neue, daß es ein nationales Judentum gibt, das keinerlei Bindung zum Traditionellen anerkennt. Das Nationale in einen Gegensatz gebracht zum Traditionellen. Das war nicht der Sinn des an den Anfang zionistischer Erkenntnis gestellten Satzes, daß die religiöse Einstellung des Juden innerhalb unserer Reihen seine Privatangelegenheit bleiben solle, sein nationales Bekenntnis hingegen ihn bindet an die Volksbewegung zur Erlangung eines Heims in Palästina. Die Erneuerung unseres Volkes darf sich nicht vollziehen auf bewußter Abkehr von dem geistigen Gut, das allein uns befähigte die Zeitspanne des Wartens auf den zionistischen Gedanken, eine Zeitspanne von 1800 Jahren, in ungebrochen nationaler Kraft durchzuhalten. Propagierung des Nationalen, weil es «in Teil der Tradition unseres Volkes ist, das wäre geeignet, uns Menschen zuzuführen, deren Einstellung zu den Fragen des Judentums nicht eine einseitige, oberflächliche ist, von solchen Menschen kann man Opfer verlangen mit der ganzen Autorität des Gesetzes, das Richtschnur ihres Handelns und Denkens darstellt. Ihr Leben ist ein zionistisches, weil es ein jüdisches ist. Es wäre nicht jüdisch, wenn cs sich nicht auch in zionistischer Arbeit auswirkt. Dieser Gedanke braucht nicht einmal nur wirksam zu sein bei der tTrthodoxie, er kann auch bei liberalen Juden auf Verständnis rechnen. Auch bei Anhängern des Centraivereins, die doch glauben, daß nur die jüdische Religion es ist, die uns zu einer Einheit macht. Der Ruf nach einer vereinfachten Ideologie, die direkt zu den Massen spricht, hat größte Berechtigung. Die Massen folgen uns nicht auf dem Wege der psychologischen Analyse, die die grolle Mode im deutschen Zionismus geworden ist. Auch die Darlegung des Zustandes, in dem das Judentum sich jetzt befindet, spricht nicht so sehr zu dem Durchschnittsjuden, als seine Verknüpfung mit dem Judentum, das in Jahrtausenden geworden und als geistige Kraft noch jetzt wirkt. Nicht aus dem Negativen heraus, sondern aus den positiven jüdischen Werten, die jeder Jude noch heute in sich trägt als Erbgut seiner Vergangenheit, soll er die zionistische Idee werten und verwerten lernen. So hcrantreten kann man aber nur an den Nichtzionisten, wenn man auch kulturelle Leistungen aufweist, die zeigen, daß es uns mit dieser Auffassung ernst ist. Ein Erziehungsprogramm muß aufgestellt und auch durchgeführt werden, das der Jugend den verlorengegangenen Zusammenhang wieder herstelit mit dem Geist, der unser Volk erfüllte, als es sich noch nicht sklavisch modelte an den Geisteserrungenschaften anderer Völker. Die Kenntnis der Einstellung zum Judentum und seine Forderungen, wie ein Rambam sie hatte, dessen Lebenswerk nur auf die Erhaltung und Fortführung jüdisch gedanklicher Inhalte gerichtet war, muß für die Erneuerung jüdischen Geisteslebens wichtiger sein, als die Kenntnis philosophischer Systeme neuzeitlicher jüdischer Denker, deren Erkenntnisse oft basieren auf der Geistesrichtung uns wesensfremder Forscher. Das Wissen um die Auffassung, die die Männer der Mischnah und des Talmud vom Judentum und seiner Beziehung zu den Erfordernissen des täglichen Lebens gehabt haben, wird es uns ermöglichen, zu einer Synthese von Gesetz und Leben in Ercz-!srael zu kommen, denn schon vor 2000 Jahren stießen sich in unserem Lande hart im Raume starre gesetzliche Form und Anforderungen des Tages — und die Gegensätze wurden überbrückt, weil es ein ,,Gesetz des Lebens“ ist, das wir besitzen. Aus dieser Kenntnis unserer Geistesgeschickte wird die Ehrfurcht vor ihr und vor den Grundlagen des jüdischen Lebens erwachsen, die allein es uns ermöglichen wird, in Palästina ein für alle Teile des Volkes aufnahmefähiges Gemeinwesen zu schaffen, eine Gemeinsamkeit nicht nur ökonomischer, sondern auch geistiger Weiterentwicklung. Nicht das Erlernen der hebräischen Sprache an sich darf für uns das Wertvolle sein, sondern die Möglichkeit, die sich aus ihrer Kenntnis und Verwertung ergibt, den jüdischen Geist von Grund auf zu erfassen. Die Sprache als ein auf. rein jüdischeip Bpden gewachsenes Geistesgut bildet fiif uns die Kette zwischen Vergangenheit und Zukunft unseres Volkes. Wer sie nur deshalb erlernt, um imstände zu sein, Erzeugnisse modernen, europäischen oder auch neuhebräischen Geistes durch sie aufzunehmen, hat nicht begriffen, wie stark eine Sprache der Ausdruck des gesamten Seelenlebens eines Volkes ist, wie stark ihre Entwicklung im Zusammenhang steht mit der ganzen seelischen Entwicklung des in ihr redenden Volkes. Es ist doch kein Zufall und keine Willkür, daß man von der heiligen Sprache spricht, weil die heiligsten Bücher der Menschheit in ihr geschrieben wurden. Daß der Delegiertentag der Z. V. f. D. die oben ausgeführten Gedankengänge nicht nur nicht zur Richtschnur seiner Entschlüsse gemacht hat, sondern daß er die nach dieser Richtung zielenden Vorschläge des Misrachi nicht ernsthaft diskutierte, haben wir für einen grundlegenden Fehler. Wir verkennen nicht die Notwendigkeit, daß man sich auseinandersetzen muß mit der Ideenwelt der Assimilation, vielleicht auch indem man zunächst ihre Erkenntnisse zur Grundlage der Diskussion macht, aber sich einseitig festzulegen auf die Erfassung dieser Kreise und die geistige Richtung derselben auch für uns zu akzeptieren, ist etwas, was der Misrachi nicht gutheißen und nicht mitmachen kann. Ebenso stark wie wir uns nach der liberalen Seite bemühen, müssen wir uns nach der orthodoxen Seite wenden. Die Z. V. f. D. kann in ihrer Arbeit auch jetzt noch Wege einschlagen, die dem obigen Rechnung tragen. Geschieht das, dann war die Opposition des Misrachi eine fruchtbare und konstruktive. Linkes Zentrum und Linke Vor Dr. Moritz Bileski. Auf dem letzten Kongreß ist eine Koalition gelöst worden, die Jahre hindurch die Politik der Organisation getragen hatte, das Bündnis zwischen den Fraktionen der Arbeiterschaft und der Gruppe, die auf dem letzten Kongreß das ״linke Zentrum“ bildete, zu der sich auch die für den deutschen Zionismus charakteristischen Delegierten zählten. Die Koalition zerfiel, da die Ansichten über die Art der wirtschaftlichen Art auseinandergingen und diesem Gebiet zentrale Bedeutung zugesprochen wurde. Es ist eine innerpolitische Frage von nicht geringer Bedeutung, ob diese Trennung für einen längeren Zeitraum aufrechterhalten werden soll, oder ob nicht die Beschaffenheit der beiden früher koaliierten Gruppen und die Bedürfnisse der Gesamtbewegung eine neue Verbindung rechtfertigen und fordern. Wenn man, wie der Verfasser dieses Aufsatzes, die alte Koalition zwischen der Linken und dem linken Zentrum auch für die Zukunft für w ü n - sehenswert hält, so wird man zunächst ihre Möglichkeit sachlich zu untersuchen haben. In einer solchen Diskussion müßten die sentimentalen Abhängigkeitsgefühle ausgeschieden werden, an die man appelliert, wenn man dem linken Zentrum von links immer wieder ״Verrat“ an seiner zionistischen Tradition vorwirft. Nur klare, verstandrsmäßige Erkenntnis des Charakters der beiden Gruppen und eine neue strenge Prüfung der Arbeitsaufgaben wird der Koalition einen neuen Sinn geben können. Keine der beiden Gruppen wird in Zukunft die Pflicht zu eigener Verantwortung und Mitbestimmung durch Sympathie für die andere ersetzen dürfen. Der Weg zu einer vernünftigen Diskussion dieser wichtigen innerpolitischen Frage wird heute durch ein Hindernis erschwert. Wir leiden allgemein unter dem Gruppen- Patriotismus, ja Gruppenfanatismus, mit dem die verschiedenen Teile der Organisation einmal eingenommene Positionen für die Ewigkeit verteidigen zu müssen glauben. Die linken Gruppen leisten auf diesem Gebiete nicht wenig. Für diesen Gruppcnfanatismus sind die Meinungen einet anderen Partei nur willkommene Objekte für Polemik; auf sachliche Klärung der Streitfragen kommt es gar nicht an. Der (im schlechten Sinne) advokatorische Effekt eines Argumentes ist wichtiger als seine sachliche Zulänglichkeit (der immer wiederholte Hinweis auf das Hadassah-Budget gegenüber den Anhängern der Konsolidierungspolitik ist eins von vielen Beispielen). So entsteht das Grundübel unserer Diskussionen, daß wir uns stets auseinander- und niemals zusammeiireden, wie es doch auf der gemeinsamen Basis von Vernunft und Zionismus möglich sein sollte. Unsere Meinungskämpfe werden auf ein beklagenswert niedriges intellektuelles Niveau herabgedrückt, indem man den Gegner mit platten Selbstverständlichkeiten bekämpft (Beispiel: Wenn man der Exekutive immer wieder vorhält, daß der Zionismus Einwanderung verlangt, daß man die Arbeitslosigkeit niemals bis zur letzten Spur beseitigen könne, daß Zionismus noch in etwas anderem bestehe als in Konsolidierung usw,). Die Beweisführung nimmt kaum noch Rücksicht auf die Tatsache, daß auch der Debattengegner, zu dem man und über den man spricht, ein Zionist ist. Die Art etwa, in der die Presse der Linken die Reden von Miß Szold besprach, war hämisch und kleinlich, war ganz von dem Motiv bestimmt, vor allem den Gegner zu zerfetzen und brachte mit keinem Wort zum Ausdruck, daß auch auf der anderen Seite das Feuer des zionistischen Geistes zu spüren ist Dieses Uebermaß von polemischem Eifer werden wir überwinden müssen, wenn uns an der Klärung unserer sachlichen Forderungen und an einer aui ihnen aufgebauten Griippierung gelegen ist. Eine andere Voraussetzung: Wir müssen erreichen, daß alle Teile der Bewegung sich für die Gesamtheit unseres Werkes verantwortlich fühlen. Der Zionismus ist heute, verständlicher und doch unnatürlicher Weise, in zwei Lager geteilt. Wir kämpfen nicht an einer gemeinsamen Front, die Aktion der Bewegung vollzieht sich an zwei Fronten, die scharf voneinander geschieden sind. Die eine schafft das Geld (und versucht auch, neu« Zionisten zu schaffen), die andere baut das Land. Auf der ersten Front stehen Zionisten gegen die nichtzionistische Welt, auf der anderen steht der Jischuw gegen das zionistische Galuth. Der Jischuw verhält sich zum Zionismus außerhalb Palästinas nicht viel anders als die zionistische Bewegung zum Judentum. Beide richten an die andere Seite Mahnungen, proklamieren unaufhörlich die Größe der Aufgabe. Zweifellos ist der Jischuw zu diesem Verhalten legitimiert, nicht nur auf Grund seiner Leistung, sondern auch auf Grund der Unzulänglichkeit der Zionisten außerhalb Palästinas. Trotzdem ist diese Teilung der Fronten unnatürlich. Der Galuthzionismus hat eine eigene Verantwortung für die Art der Verwirklichung des Zionismus in Palästina, die er auf niemand abwälzen darf. Sonst setzt er sich mit Recht dem Vorwurf aus, daß er zum philanthropischen Zionismus degeneriere. Der Jischuw muß sich als ein Glied in dem großen Kampfe des allweltlichen Zionismus um das ganze Judentum fühlen. Dann wird er aber verstehen, daß es schließlich nicht nur an der Trägheit der zionistischen Herzen liegt, wenn Palästina nicht schneller gebaut wird, er wird mit seinen eigenen Augen die Grenzen sehen, in die der Zionismus eingesperrt ist und die er zu überwinden sucht. Erst wenn auf diese Weise die Erkenntnis unserer Bedingungen und Möglichkeiten Gemeingut wird, werden wir das brückenlose Nebeneinander durch eine wirkliche gemeinsame Front ersetzen können, und so freilich sogleich unsere Möglichkeiten durch echte Kooperation aller in der Bewegung lebenden Kräfte steigern. Wir hoffen, daß es möglich sein wird, den Weg zu einer neuen Verbindung der Linken mit dem linken Zentrum von diesen Hindernissen freizumachen. Dann wird man sich sogleich darauf besinnen, daß in der Tat eine fundamentale Voraussetz.ung für eine Koalition dieser beiden Gruppen gegeben ist. Wir haben uns den tiefen Respekt vor den menschlichen und zionistisehen Qualitäten zahlreicher Repräsentanten der Arbeiterschaft über alle aktuellen Differenzen hinweg bewahrt, wir wissen ihren Wert zu würdigen, auch wenn wir es, der Besonderheiten unseres eigenen Wesens eingedenk, nicht für richtig halten, selbst Arbeitsblusen anzuziehen, die nicht für uns gemacht sind; wir sind heute wie je durchdrungen von der Erkenntnis, daß die Arbeiterschaft die Grundlage und die bitterste Notwendigkeit des Aufbauwerkes ist. Aber über diese Einsichten hinaus verbindet uns mit der Arbeiterschaft die besondere Beschaffenheit des Zionismus, die unserer Gruppe mit der Linken der Bewegung ,gemeinsam ist. Beide Gruppen sind durch den Zwang einer Erkenntnis zum Zionismus gekommen: die jüdische Weit muß verändert, durch die Kraft der Juden neu gestaltet werden, wenn sie eine Zukunft haben soll. Wir haben diese Erkenntnis auf dem Wege über die liberale Emanzipation gewonnen, die Arbeiterschaft (in weiten Teilen) auf dem Wege über den Sozialis* mus. Den Verschiedenheiten der Wege entsprechen Unterschiede im Wesen der beiden Gruppen, aber die Ueberein• Stimmung des Ergebnisses schafft eine unzerstörbare Gemeinsamkeit. Dies sind die beiden Gruppen, für die Zionismus nicht Fortsetzung des jüdischen Lebens ist, sondern eine Umwälzung, ein neuer Anfang. Sie wollen das Judentum in die neue Zeit hineinstellen und durch lebendige Auseinandersetzung über sie hinausführen. Für beide Gruppen ist der Sinn des Zionismus die jüdische Moderne. Leider wiegt diese Verwandtschaft in der zionistischen Grundauffassung nicht schwer genug, als daß schon sie ein Bündnis in der praktischen Politik zuwege bringen würde. Hier entscheiden die konkreten, die aktuellen Ziele. Sie können im Rahmen dieses ersten Versuchs einer Aussprache nur andeutend erwähnt werden (und überdies mit der eiaschränken-