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Jüdische Rundschau · 1928-06-19 · Heft 48 (19.6.1928) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 48 (19.6.1928)
Date
1928-06-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 348 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 48, 10. VL!928 Die jiddische Presse in der ״JSOP“ In dem Jüdischen Pavillon der Kölner P r c s s a ist, wie schon in unserem ersten ausführlichen Bericht mitgeteilt, die jiddische Presse in einem besonderen Raum ausgestellt. In der Mitte des Raumes ist ein Obelisk aufgestellt, der statistische Aufschriften trägt. Ihnen ist zu entnehmen, daß die erste jiddische Zeitschrift iin Jahre 1686 in Amsterdam unter dem Namen ״Kuranten“ zu erscheinen begonnen hat und daß gegenwärtig 207 jiddische Zeitungen, davon 44 Tageszeitungen, in 17_ verschiedenen Ländern erscheinen. Rings an den Wänden und in Vitrinen ist die moderne und die historische jüdische Presse ausgestellt. Man erfährt, daß Jiddisch nach äußerem Bau und innerem Wesen eine selbständige Sprache ist*, die die * spezifischen Eigenheiten des jüdischen Volkslebens in Vergangenheit und Gegenwart in sich spiegelt. Rund zehn Mil- ״ lionen Juden in der ganzen Welt bezeichnen Jiddisch als ihre Muttersprache. * In Polen, wo 2 850 000 Juden wohnen, erscheinen 125 jiddische Zeitungen, davon 10 Tageszeitungen, ln den Vereinigten Staaten mit einer jüdischen Bevölkerung von vier Mill Ionen Seelen erscheinen 58 jiddische Zeitungen, davon elf Tageszeitungen mit einer Gesamtauflage von 460 000 Exemplaren. In Rußland, wo 2 700 000 Juden leben, existieren 24 jiddische Zeitungen, davon drei Tageszeitungen. In England mit einer jüdischen Bevölkerung von 300 000 Seelen erscheinen drei Tageszeitungen. In Rumänien (870000 Juden) erscheinen 11 jiddische Zeitungen, davon eine Tageszeitung. In Lettland (105 000 Juden) erscheinen sieben jiddische Zeitungen, davon eine Tageszeitung. In Litauen erscheinen eine Tageszeitung und drei Zeitschriften. In Argentinien, wo kaum 200 000 Juden wohnen, erscheinen 20 jiddische Zeitungen, davon zwei sehr verbreitete Tageszeitungen. In Kanada mit einer jüdischen Bevölkerung von 140 COO erscheinen zwei Tages- Zeitungen und drei Zeitschriften. Auch in Deutschland erscheinen zwei Zeitschriften in jiddischer Sprache, ln Paris erscheint eine jiddische Tageszeitung. Von der der Historie angehörenden jiddischen Presse, deren Zahl einige Tausend erreicht, sind nur einige Hundert zu sehen; beginnend von den ältesten, wie z. B. ״Dührenfurter privilegierte Zeitung“ (1771), ״Der Beobachter an der Weichsel“ (Warschau 1823), ״Kol mewasser“ (Odessa 1862), ״Warschauer jiddische Zeitung“ (1867), ״Der Israelit“ (Lemberg 1870), ״Haschofar“ (London 1874), ״Jiddisches Volksblatt“ (Petersburg 1885), ״Arbeiter-Frajnd“ (London 1886) u. a. m. In dem jiddischen Pavillon liegen zwei Alben auf, von denen das eine Photographien ganz selten gewordener jiddischer Zeit- Schriften und auf illegalem Wege erschienener Presse, das zweite ״Periodica in Jiddisch“ (ein Verzeichnis aller irgendwo und irgendwann erschienenen jiddischen periodischen Druckschriften lind ein Verzeichnis der heute erscheinenden Presse) enthält. 1Auf einer großen Weltkarte sind alle Orte verzeichnet, in denen gegenwärtig jiddische Zeitungen erscheinen. Diagramme, die Wachstum una Verbreitung der jiddischen Presse nach Ländern, Charakter und Auflagenhöhe kennzeichnen, ergänzen die Ex- Position. Um die Zusammenstellung des Materials, besonders der historischen Abteilung, hat sich das Jüdische Wissenschaftliehe Institut sehr bemüht Die hebräische Bühne ln Litauen (Brief aus Kowno.) Das von der Tarbut-Organisatiön geleitete hebräische Kulturwerk in Litauen, dessen quantitatives Ausmaß und spontane Entwicklung a» tlieser Stelle bereits gewürdigt wurde, ist nun durch die Gründung einer hebräi sehen Bühne, da# ״Hebräische Theater-Studio“ genannt, gekrönt worden. In erster Linie sind es rein erzieherische Rücksichten, die die neue Bühne als ein bedeutendes Merkmal unserer Renaissance kennzeichnen. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Heranwachsende Jugend in Litauen fast ausschließlich in der hebräischen Sprache erzogen wird, so wird klar, daß selbst bei unseren ärmlichen Lebensbedingungen ein mit einem größeren Kostenaufwand verbundenes modernes Studio keine Luxuseinrichtung ist, vielmehr als ein wesentlieber Bestandteil unserer Aufbauarbeit anzusehen ist. Werden sich die materiellen Mittel finden, so ist die Weiterentwicklung des periodisch auftretenden Studio in ein ständiges Theater kein bloßer Traum. Au Versuchen, eine hebräische Bühne in Litauen zu schaffen, hat es niemals gefehlt, insbesondere in der Zeit der politischen und wirtschaftlichen Hochkonjunktur (die Jahre der Ostmarkwirtschaft und. der nationalen Autonomie); allein alle derartigen Versuche sind im Sande verlaufen. Erst dem rührigen Leiter der Tarbut-Zentrale, Herrn Dow Lipec, und dem Dichter Joschua Friedmann ist es zu verdanken, daß die Vorbereitungsarbeiten in die richtige Bahn geleitet wurden. Der Tarbut-Zentrale ist es auch gelungen, einen berufenen Regisseur aus Palästina zu gewinnen, nämlieh den ehemaligen Schüler von Wachtangow und der Moskauer ״Habimah“, Herrn Michael Gor, mit dessen Eintritt die Arbeit des Studio zu hoher Blüte emporwuchs. Schon das erste öffentliche Auftreten, für welches vier kleinere Erzählungen von Perez dramatiscli bearbeitet wurden (״Tod des Musikanten“, ״Venus und Sulamith“, ״Somuß es sein“, ״Des Mondes Erzählungen“), überraschte das Publikum durch die Mannigfaltigkeit der verschiedenen Eiemente der Kunst, wie Plastik, Rhythmus, Musik (speziell von dem Berliner Komponisten O 1 a d s t e i n geschrieben). Die Aufführung demonstrierte die Richtung, die Michael Gor gewählt hat; das ist nämlich ein ins Groteske treibender moderner Symbolismus, der vom jüdischen Publikum mit gemischten Gefühlen aufgenommen wurde. Auch die Meinungen über die Auswahl der Stücke sind geteilt. Die jüdisclie Presse sowie die litauische Zeitung ״Aidas“ finden sehr begeisterte Worte für das Rönnen des jungen Studio. Das kleine Repertoir konnte viermal bei voll besetztem Saal gegeben werden. Für die Schuljugend der unteren Klassen wurde in einer Materie ein spezielles Programm gegeben. Das Studio beabsichtigt, eine Tournee durch die litauische Provinz, wie auch in den baltischen Ländern zu machen. Für die kommende Wintersaison will Michael Gor einige Stücke biblischen Inhalts einstudieren. Dr. M. N e w i a s k y. Zeltschriftenscliau In der letzten Nummer der ausgezeichneten Berliner Wochenschrift ״Die Literarische Welt“ antwortet der Herausgeber Willy Haas auf eine Polemik der nationalen Wochenschrift ״Der Ring“, die Haas wegen einer Kritik über Rudolf Borchardt angegriffen hatte. ״Der Ring“ erklärte, Haas als Jude könne kein Verständnis haben für das der lebenden Restauration des klassischen humanistischen deutschen Geistesgutes geltende Wirken Rudolf Borchardts. Darauf antwortet Haas, er begreife nicht, ״warum denn ein Jude so ganz und gar unfähig sein sollte, einen anderen Juden zu verstehen“? Und im weiteren Verlauf des Artikels charakterisiert Haas, der schon einmal einen glänzenden Essay über Borchardt geschrieben hat (in Krojankers Sammelbuch ״Juden in der deutschen Literatur“), den inneren Widerspruch der Persönlichkeit Borchardts in folgender aufschlußreicher Analyse, die nicht nur für das Gebiet der Literatur, sondern überhaupt zum Problem der Stellung des Juden im deutschen Kulturkreis wichtig ist: ״... Das Lebenswerk Borchardts hängt in der Luft und ist dazu verdammt, niemals eine wirklich aktive Rolle im deutschkonservativen Sinn zu spielen, sondern immer nur eine Angelegenheit der Literaten, mögen sie nun Cohn und Lew oder Heinrich von Gleichen heißen — dies der Name des Herausgebers des ,Ring‘ —, zu bleiben. Und das hat einen sehr tiefen Grund: weil dieser Traditionalist Borchardt, der in der Tat ein geborener Traditionalist ist und vielleicht der Begründer eines nicht vorhandenen deutschen Kulturkonservativismus sein könnte, seinen eigenen, eingeborenen Traditionalismus verraten hat: weil er nichts mehr von seinem Judentum weiß, weil er glaubt, ein reiner, ganzer, völkisch wirksamer Konservativismus ließe sich ohne ein ganzes, reines, völkisches Bekenntnis machen — weil er, mit einem finstern Abgrund in;!der tta«st):'|0n idem er, in der TywboUseNen Veikleiäuhg; seiner Dichtungen, oft selbsthassörisch erbebt ist, den zu ergtiinden er aber nie den Mut fand —weil er als solche fragmentarische Figur, mit der ganzen schillernden Psychologie des typischen Neophyten und Verräters belastet, immer nur das Exemplar einer bloß interessanten ,nroblematischen Natur‘ bleiben muß. Das innere System des Proselyten ist immer sehr schwierig, im Nationalismus wie in der Kirche, es muß in jedem Einzelnen ausgetragen und gelöst w'erden, man darf es nicht einfach im eigenen Körper schillernd abfaulen lassen. Und es ist lösbar, gerade die Gegenüberstellung von Benjamin Disraeli, der ein großer konservativer Staatsmann wurde, mit Rudolf Borchardt, der immer nur ein interessanter Literat bleiben wird, weist auf den Achsenpunkt des Problems hin: Diraeli war ganz und restlos nationaler Traditionalist, als Engländer wie als lüde. Er war Tory und Zionist zugleich. Er wußte, fühlte, daß er es wie immer durchsetzen müsse, beides nebeneinander zu sein — oder daß er niemals eine öffentliche Macht werden könne. The vvhole man must move at once: dieser große Satz Addisons entscheidet ein für allemal jede wahrhaft tiefe und dauernde öffentliche Wirkung eines Menschen, mag es sich um einen Reaktionär oder einen Revolutionär handeln. Als germanischer Rassenpolitiker zu überzeugen und dabei die eigene jüdische Rasse durch Schweigen zu verleugnen: das ist ein Sprung über den eigenen Schatten, der niemand gelingen wird, auch nicht dem außerordentlichen Rudolf Borchardt.“ (Sperrungen von uns. - Red. ״J. R“) Architektur-Ansstellnng Die internationale Architekturausstellung des Werkbundes wurde am Sonnabend, dem 9. Juni, in den Räumen der Großen Berliner Kunstausstellung am Lehrter Bahnhof feierlich eröffnet. Die Ausstellung, europäisch und außereuropäisch beschickt — leider fehlen diesmal Bauten aus Palästina —, ist zum Ueberblick im großen sehr geeignet. Amerikanische Bauten, Hochhäuser und Landhäuser, Siedlungen und Pläne aus Paris, Prag, Mailand, Moskau, Holland, der Schweiz, sowie moderne deutsche Bauten wie die unter internationaler Beteiligung gebaute Stuttgarter Siedlung Weißenhof, und die Industriebauten und Geschäftshausfassaden Erich Mendelsohns ergeben eine großzügig angelegte Schau der Architektur der Gegenwart. Die imposante Sonderausstellung Peter Behrens vervollständigt diesen Eindruck. In ästhetischer Hinsicht wahren die Russen das eigene Gesicht: durch den hineingezeichneten Hintergrund von neusachlich abstrahiertem Orient und westlicher überkultivierter Zeichnung. Das eigene Gesicht wahren außerdem die Italiener. Eine intercssante Kombination aus Zentralbahnhof und Flugplatz wahrt den alten Palazzostil in moderner Stahlform. In Deutschland ist trotz der Peter Behrens-Sonderausstellung Erich Mendels o 11 n der interessanteste Kopf, er ist auch dem Vergleich mit den ausländischen Architekten in jeder Beziehung gewachsen. Er ist der Individualist. Jedes einzelne Werk ist geschlossen in sich selbst, gibt das Gesicht des besonderen Baues und Mendelsohns eigene Form. Sowohl im Photo des Kaufhauses Petersdorf in Breslau wie im halb vollendeten Herpichbau in der Leipziger Straße erkennt man mit Freude die selten ge- Iroffene Harmonie in Flächen und Linien. Mendelsohn zeigt außerdem drei Modelle: die russische Fabrik, die Ausstellungshallen am Zoo und den neuen Ufa-Palast am Kurfürstendamm- Lehniner Platz. — In der Peter Behrens-Ausstellung finden sich Pläne zur Synagoge in Zilina (Tschechoslowakei). Das Bild dieser Synagoge gibt sich nach außen den Anschein strengen Orients: es zeigt über einem Kastenviereck eine halbhohe Kuppel, auf die ein Mögen Dovid ziemlich unglücklich gesetzt ist. Das Innere gleicht um den Thoraschrein herum eher einer Kirche, während die gestufte Form der Säulen in stilisierter Tropfsteinmanier, die Industriehallen seh r feierlich macht, als die* Verkörperung einer modernen aufgeklärten Religiosilät erscheint. RutnMorold. ״Jüdisches Lexikon“. Der Mitbegründer und bisherige Mitherausgeber des ״Jüdischen Lexikons“, Dr. Bruno K i r s c h n e r , hat sich gezwungen gesehen, seine weitere Mitarbeit an diesem von ihm in Gemeinschaft mit Dr. Georg Herlitz edierten Werke niederzulegen. Maßgebend für diesen nach achtjähriger Tätigkeit notwendig gewordenen Entschluß waren, von anderen Gründen abgesehen, vor allem auch wachsende Differenzen mit den Fachredakteuren und dem Jüdischen Verlag, die sich auf die von Dr. Kirschner geforderte ständige Vervollkommnung des Jüdisehen Lexikons beziehen. Dr. Kirschner legt Wert auf die Feststellung, daß er für die endgültige textliche und sonstige Gestaltung des in Vorbereitung befindlichen zweiten Bandes und der übrigen Bände keine Verantwortung mehr trägt. — .*Äe uns der JüdiseJte Verlag hier®, mitteilt» wird das Jüdische Lexikon durch den verbleibenden Herausgeber und die sieben Fachredakteure mit Unterstützung des Lexikon- Sekretariates unverändert weitergeführt, wobei im Interesse der Subskribenten Redaktion und Verlag bemüht bleiben, den vorgesehenen Umfang von vier starken Bänden nicht zu überschreiten. Der zweite Band, der sich bereits im Druck befindet, erscheint noch im Juli d. J. Es ist Vorsorge getroffen, daß die beiden letzten Bände in rascher Folge herausgegeben werden. Bergeisohn auf der deutschen Bühne. P i s c a t o r hat das Dranie des in Berlin lebenden bekannten jiddischen Dichters David Bergeisohn, ״Die Mühle“ zur Aufführung angeiiommeii und für die Darstellung der Hauptrolle Rudolph Schildkraut verpflichtet. Schildkraut hat seine Zusage bereits telegraphisch gegeben. Bergelsolms Drama schildert das Leben der Juden im heutigen Rußland. Das Drama wird in jiddischer Sprache auch vom Minsker jiddischen Kammertheater aufgeführt. 1923. Leib Kalmen Goldberg wohnte am Kurfürstendamm. Die zwei Zimmer waren wundervoll eingerichtet. Er hatte einen echten Paß, ein echtes Visum, er war angemeldet. Er händelte mit ״Valuten“. Berlin lag im Fieber. Die Börse lag im Fieber. Leib Kalman lag im Fieber. Angstzustände scheuchten ihn nachts aus dem Schlafe. Steigen die Dollars? Fallen die Dollars? Er sprach nur von Dollars, er träumte von Dollars, er aß Dollars, er trank Dollars. Nicht, daß er geizig war, und jeden Pfennig zehnmal umdrehte, ehe er ihn wieder in die Tasche steckte. Wie die Dollars kamen, so gingen sie, häufenweise, rasch, fiebernd. Die Restaurants nahmen sie und die Kinos nahmen sie lind die Bars nahmen sie und die Mädchen nahmen sie! Eines Tages zerschmolzen die Dollars im Fieber der Inflation wie Blei im Schmelzofen. Leib zog nach dem Scheunenvierte!. Er hungerte. Er fror. Berlin begann zu gesunden. 1924. Er wurde Reisender, Detailreisender, Engrosreisender. Er reiste ״in“ Seife und Siegellack, in Oelen und Gummigamaschen, in Baumkuchen und Seidenstrümpfen, er reiste in Herrenhemden und Damenhosen, in Autos und Teppichen. Er reiste in! Sommer und Winter, vormittags und nachmittags und abends. Die Hitze hielt ihn nicht ab und die Kälte störte ihn nicht. Er besuchte Schuster und Schneider, Hebammen und Totengräber, Fabrikdirektoren und Straßenkehrer, Landwirte und Kohlenarbeiter. Er erhielt 2 und 21/2 und 3 und 5 und 10 und 15 und 25 und 30 0/0. Er verkaufte da etwas und dort etwas. Dieser \yarf ihn hinaus und jener warf ihn hinaus. Und schließlich warfen ihn alle hinaus. Die Bauern, die Hebammen, die Totengräber und die Siegellackfabriken. Denn er konnte nicht reden, nicht aufdringlich sein, nicht aufschwätzen, nicht betören, nicht anschmieren, nicht hereinlegen, nicht beschwindeln, nicht betrügen. Er konnte also niemandem nützlich sein. 1925. Kohlenbergwerke im Ruhrgebiet nahmen ihn als A r b e i - t e r auf. Kohlenstaub und Gase zerfraßen seine Lungen. Schwindsüchtig trug er Steine zum Häuserbau. Er wechselte die Arbeitsstelle und die Wohnung mehr als das Hemd. Den Arbeitskameraden war er als Jude nicht sympatisch. Die Arbeitgeber konnten ihn nicht lieben, sie vermuteten in ihm einen kommunistischen Apostel. Zu Hause hatte er wohl die Bibel und den Talmud auswendig gelernt, aber keinen Beruf, keine Buchhaltung, keine Stenographie, kein Maschinenschreiben, keine Schaufenster dekorieren, keine Hühneraugenpflaster propagieren. Er besaß keine Empfehlungen, keine Zeugnisse, keine Freunde, keine Bekannten, keine Verwandten. Heute schleppte er einen Lumpenkarren durch die Gassen, morgen Pakete zur Post. Er versuchte da zu arbeiten und dort. Er war überall und nirgends. Morgens aß er Brot mit Kaffee, mittags trank er Kaffee mit Brot, abends aß er nicht und trank er nicht. So sah sein Montag und Dienstag und Freitag und Sabbat und Feiertag aus. 1926. Er wurde Journalist, Schriftsteller, Dichter, dichtete in Prosa und in Poesie, schrieb Leitartikel und Romane, Gedichte und Vereinsversammlungsberichte. Er beobachtete das Leben auf der Straße und im Kaffeehaus und fabrizierte aus seinen Beobachtungen humoristische Skizzen und traurige Skizzen. Er lief zu den Redakteuren und zu den Verlegern und zu den Vorschußkassen. Die Kassen warfen ihn hinaus, die Verleger warfen ihn hinaus, die Redakteure ließen ihn gar nicht herein. Man lobte sein außergewöhnliches Talent und die Leitartikel wanderten in den Papierkorb, die Romane ins Feuer, die Vereinsversammlungsberichte ins Wasser. Da sich aber sehr einflußreiche Menschen für ihn interessierten, so konnte er trotz der Romane, Leitartikel und humoristisehen Skizzen leben. Zehn Minuten bevor Leib Kalmen Goldberg alle 14 Tage verhungerte, brachte ihm der Postbote jedesmal Geld. Verdientes Geld. Nicht verdientes Geld. Er hatte mehr Schulden als Haare auf dem Kopfe, mehr Phantasie als Glück, mehr Hunger als Talent. Eines Tages sprang er ins Wasser. 1927. Man zog ihn wieder heraus. Ein neues Leben begann, (m Januar lag er im Krankenhaus. Im Februar handelte er mit Säcken, Flaschen, Lumpen und Knochen. Er verdiente so viel, daß er im März mit Haarkämmen und Hosenträgern hausieren ging. Er lief von Ost nach West, von Süd nach Nord, von Straße zu Straße, von Türe zu Türe, treppauf, treppab. Seine Beine schwollen an und wurden dick wie Fässer. Die Aermsten der Armen kauften stets etwas. Für 10 Pfennig. EHe Armen besaßen kein Geld, die nicht Armen und nicht Reichen wiesen ihn ab, die Reichen schlugen ihm die Türe vor der Nase zu. Die reichsten unter den Reichen öffneten gar nicht die Türe. Im April nahm ihn das Krankenhaus auf. Im Mai schrieb er wieder humoristische und traurige Skizzen, Leitartikel und Vereinsversammlungsberichte. Im Juni gab er noch Unterrichtsstunden im Talmud dazu. Im Juli hungerte er. Im August schlief er in den Wartesälen der Bahnhöfe, in den Parkanlagen und in fremden Treppenfluren. Das Leben, das er so liebte, rauschte und brauste achtlos an ihm vorbei. Seiner Phantasie waren die Flügel gebrochen. Er war kein Stinnes und kein Morgan mehr, kein Minister und kein Abgeordneter, kein Dichter und kein Filmfabrikant. Er war der kleine, dünne Leib Kalmen Goldberg aus Krickinicz, der nichts war und nichts hatte und nichts konnte, weder Schuhe besohlen, noch Hosen schneidern, noch Särge zimmern, noch Hühneraugenpflaster propagieren. Er konnte keine Bücher führen, nicht auf der Maschine schreiben, nicht stenographieren. Er konnte nicht kaufen, nicht verkaufen, nicht reden, nicht beschwätzen, nicht betören, nicht hereinlegen, nicht betrügen. Seine traurigen Skizzen waren lustig, seine humoristischen Skizzen traurig. Er war krank, er hungerte, er fror, er war sehr fromm, er kannte die Bibel auswendig und den Talmud. Das zweite Mal zog man ihn nicht mehr aus ddn Fluten. Der jüdische Dichter SchalomAsch, der in den letzten Wochen in Rußland geweilt hat, ist in Berlin eingetroffen. Er begibt sich von nier nach London.

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