Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 48 (19.6.1928)
- Date
- 1928-06-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 48, 19. VT. 1928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 349 Der Zionismus in Rußland Ein oliener Briet an Arthur Holitscher Lieber Herr Holitscher, erst heute kommt mir Ihre Zuschrift an das ״Berliner Tageblatt“ zu Gesicht, die nicht in der Stadtausgabe, sondern nur in der Postausgabe vom 8. Juni veröffentlicht war. Nur weil ich überzeugt bin, daß Sie aufrichtig der Sache der Ge* rechtigkeit dienen woi.cn, und weil ich die herzlichen Be- Ziehungen, die sich vor Jahren aus der Gemeinsamkeit innerer Anteilnahme für die palästinensische Arbeiterbewegung und noch mancher anderen inneren Gemeinschaftlichkeit ergaben, als Legitimation offener Aussprache empfinde, möchte ich die nachstehenden Zeilen Ihrer Erwägung empfehlen. Ich verstehe sehr gut, daß die Aufmachung der Notiz im ,,Tageblatt“ Sie zu einer spontanen Erwiderung veranlaßt hat. Die Ueberschrift ״Judenverfolgungen in Rußland“ war gewiß irreführend, denn wir alle wissen, daß die Sowjet- Regierung gegen den immer frecher sich hervorwagenden Antisemitismus einen scharfen Kampf fuhrt und Pogrome heute in Rußland unmöglich sind. An dieser Ueberschrift eines offenbar in seinem Metier gewandten, in der Sache aber ahnungslosen Journalisten sind meine zionistischen freunde sicherlich unschuldig, zumal der Inhalt der Notiz die Ueberschrift nicht rechtfertigt. Auf diesen Widerspruch aufmerksam zu machen, wäre am Platze gewesen. Sie aber senden eine Entgegnung, die selbst mehrere Unrichtigkeiten enthält und in ihrem Wunsche, die Sowjet-Regierung zu verteidigen, weiter geht als auch den eigenen Parteifreunden gegenüber gestattet ist. in Palästina besteht heute unter den Juden eine Einheitsfront des Protestes gegen das Vorgehen der Regierung gegen die jüdischen Kommunisten, obwohl diese wirklich aktiv ״konterrevolutionär“ in Palästina wirken, viel mehr als Zionisten in Rußland. Es gibt Fälle, wo man die Idee vor der Partei schützen muß. Auf die Unrichtigkeiten Ihrer Erklärung will ich nur mit aller Kürze eingehen, da die Tatsachen den Lesern bekannt sind. Die Befreiung der Juden aus dem Ansiedlungsrayon ist nicht, wie Sie schreiben, erst der November-Revolution zu danken, sondern bereits der März-Revolution. Die russischen Behörden verfolgen nicht, wie Sie schreiben, ״nationalistischjüdisch gesinnte junge Studenten“, sondern in erster Linie die Mitglieder der zionistisch-sozialistischen Parteien, und vor allem die Mitglieder der Chaluzbewegung, die selbst kommunistisch leben und wirtschaften, aber daneben die Gedanken des jüdischen Volkstums und Palästinas hochhaltcn. Die Sowjet-Regierung unterstützt auch nicht, wie Sie schreiben, ״jede jüdische Gruppe, die sich kolonisatorischer Tätigkeit widmet“, sondern wenn diese Gruppe zugleich im Verdacht zionistischer Gesinnung steht, wird sie verfolgt und ihrer Wirtschaft beraubt, wie es jetzt mit der kommunistisch-zionistischen Chaluzfarin Tel Chaj in der Krim geschehen ist, die anerkanntermaßen eine der besten jüdischen Siedlungen war. Wohl ist es richtig, daß die Sowjet-Regierung die Tendenz hat, ihre Gegner nicht wegen bloßer Gesinnung, sondern nur wegen konspirativer Tätigkeit zu verfolgen. Aber abgesehen davon, daß in der Praxis angesichts der herrschenden Willkür die Grenzen zwischen bloßer Gesinnung und deren Betätigung schwer zu ziehen sind, ist auch die Definition ״konspirativer Tätigkeit“ gerade im Falle des Zionismus von so grotesken unsachlichen Einflüssen bestimmt, daß das Ergebnis nicht mit Ihren Behauptungen im Einklang steht. Die Wahrheit ist, daß die jüdische Sektion der kommunistischen Partei, Jewsckzia genannt und bestehend aus Menschen, die im innerjüdischen Streit seit dreißig Jahren Zionistengegner sind, ihre Machtstellung innerhalb des Sowjet-Systems dazu benützt, einen Vernichtungskampf gegen den verhaßten Zionismus mit allen Mitteln zu organisieren, und dazu den guten Glauben der an diesen Dingen gar nicht so brennend interessierten nichtjüdischen Sowjetführer — man darf wohl sagen: — mißbraucht. In einer Zeit, wo Trotzki nach Sibirien wandern muß, kann man natürlich nicht verlangen, daß Oppositionelle, die nebenbei noch Zionisten sind, aus diesem Grunde exzeptionell geschont werden: aber die Vcrfolgung wegen Zionismus oder Hebräischlernens ist darum noch lange nicht gerechtfertigt. Was mich aber zu diesem Briefe an Sic veranlaßt, ist der folgende Passus Ihres Artikels: ״Die Art und Weise, wie sich die Herren Arlosorow und Rhoade mit ihren Klagen gegen Rußland an einen Arnerikaner wenden, ist schwer zu qualifizieren; sie ist nur dadurch zu erklären, daß Palästina und der Zionismus von freiwilligen Beiträgen amerikanischer Wohltäter leben.“ Den ersten Teil dieses Absatzes kann ich wohl übergehen, denn niemand wird im Ernst den Zionisten oder zionistischen Arbeitern verwehren können, über ihre Angelegenheiten, bcsonders über ihren Genossen widerfahrenes Unrecht und Grausamkeit mit jeder Persönlichkeit zu sprechen, bei der sie Verständnis und Interesse für menschliche und öffentliche Angelegenheiten voraussetzen. Ein Mitglied der Liga für Menschenrechte dürfte daran am allerwenigsten Anstoß liehmen. Mit Russen zu sprechen, ist leider vergeblich, da auch die gerecht denkenden Sowjetführer, denen diese den Sowjets viele Sympathie kostenden, für Rußland im Grunde drittrangigen Aktionen unangenehm zu sein scheinen, gegen den Einfluß der Jevvsekzia in jüdischen Dingen offenbar machtlos sind. Aber die Erklärung, die Sie für Arlosoroffs Schritt geben, ist sicher falsch. Viel näher läge der Schluß, daß man mit einem Amerikaner spricht, weil Rußland die amerikanische Freundschaft sucht. Aber jede besondere Erklärung eines so einfachen Faktums ist überflüssig. Wirklich verletzend in Ihrer Zuschrift ist nur der zweite Teil des zitierten Absatzes. Es liegt darin unverkennbar eine Geste der Geringschätzung. Nun verstehe ich, wenn etwa Herr Erich von Salzmann so etwas sagt; ein Mann aber, der vor einigen Jahren sich als Bewunderer der Chaiuzim und ihres Werkes bekannt hat, der sich dann später zum Sachwalter der Chaiuzim gegenüber der zionistischen Exekutive aufgeworfen und diese angcklagt hat, daß sie den Chaiuzim nicht genügend Geld gibt, sie verhungern läßt usw., der darf einen solchen Satz nicht schreiben. Die zionistische Exekutive ist nicht in der glücklichen Position etwa der Sowjet-Regierung, die die Zwangsgewalt besitzt, die für ihre Arbeiterbetriebe erforderlichen Mittel zu nehmen, wo sie will; die Exekutive muß für ihre öffentlichen Fonds werben, auf Grund des ideellen Interesses, das die jüdische Gesamtheit an dem Palästinawerk hat. Gerade wenn man das jüdische Palästina nicht durch rein kapitalistische Privatwirtschaft entstehen lassen wilf, sondern der sozialistischen, neue Lebensformen suchenden Arbeiterschaft eine Chance geben will, muß das hierfür erforderliche Geld aus außerökonomischen Quellen kommen. Die Chaluzkolonisation ist auf diese Mittei angewiesen. Man kann nicht in einem Atem gegen die Geschäftsleute der vierten Alijah wettern und die Sammlungen der zionistischen Fonds verächtlich machen. Natürlich wäre es viel besser, wenn auch die Arbeitersiedlungen in Palästina nicht auf diese Spenden angewiesen wären; darum sind innerhalb des zionistischen Lagers die wahren Freunde der Arbeiterschaff seit Jahr und Tag bemüht, einen Zustand herbeizufithreu, wo diese Siedlungen sich wirtschaftlich selbst erhalten. Aber gerade Sie, lieber Herr Holitscher, gehörten zu den Menschen, die das den Zionisten sehr verübelten und es als eine Preisgabe der Chaluzidee kennzeichneten. Die Wirt- Schädlichkeit kann vielleicht nur durch strengere Selbstdisziplin der Arbeiter im Sinne einer Suprematie wirtschattlicher über rein ideologische Gesichtspunkte erreicht werden. Aber nur dies wird auch der wahre Triumph für die — sozialistische oder kommunistische — Ideologie dieser Siedlungen sein. Denn da wir, im Gegensatz zur Sowjet-Regierung, keine Staatskasse haben, die ideologische Experimente nach Gutdünken finanziert, so gibt es nur die Alternative; entweder sich selbst erhalten, oder aber von dem ״Wohltätej■“ leben. Wenn man die großen ideellen und menschlichen Werte der jüdischen Renaissancebewegung, wie sie sich im zionistischen Palästina und vor allem in der Chaluzbewegung heute schon teilweise manifestiert, so anerkennt, wie Sie es zu verschiedenen Zeiten in unzweideutigen Worten getan haben, dann ist es ein Gebot der Ehrlichkeit, auch die Konscquenzen zu Ende zu denken. Ich bin mit Ihnen vollständig einig in der Beurteilung der jüdischen Groß- und Mittelkapitalisten, die auf ihrem Geldsack sitzen und für unsere Sache nichts oder nur ein paar Groschen iibrighaben. Es ist vielleicht eine Tragik des Zionismus, daß er zur Verwirklichung' seines Zieles zwar nicht nur auf Geld, aber auch auf Geld angewiesen ist, und dieses nur durch Appell an den freien Willen der heutigen Juden erhalten kann. Aber das jüdische Volk als Geldgeber betrachtet sich keineswegs als ״Wohltäter“ in dieser Sache, es versteht ganz gut, daß dieses Geld den Gebern selbst zugute kommt; denn es dient dazu, die jüdische Ehre wiederherzustellen und eine schöpferische jüdische Zukunft vorzubereiten. Wir hoffen und glauben, daß diese jüdische Zukunft wahren Menschheitsideen dienen wird. Einem Mann gegenüber, der wie Sie in Ihrem letzten Buche, mit so großer Offenheit auch über persönliche Dinge spricht, ist zum Schluß auch noch die Bitte erlaubt, sich nicht durch persönliches Ressentiment irgendwelcher Art von gerechter Abschätzung des Sachverhaltes abdrängen zu lassen. Mit herzlichen Grüßen Ihr Robert Weltsch. Vom amerikanisch •)fldischen Kongreß New York, 13. Juni. (J. T. A.) In New York fand eine Beratung von führenden Persönlichkeiten des Amerikanisch-Jüdischen Kongresses statt. Es wurde der Meinung Ausdrück gegeben, daß der Kongreß, der sich der unterdrückten Juden Tn allen Ländern annimmt, als ständige Institut i 0 n erhalten bleiben müsse. Dr. Stephen S. W i s e hatte erklärt, daß er sein Amt niederlegcn werde, wenn nicht Maßnahmen getroffen werden, die eine weitere große Tätigkeit des Kongresses verbürgen. Im Verlauf seiner Rede wandte sich Dr. Stephen S. Wise gegen jene reiche Juden, die nach seiner Mdnung eine diktatorische Herrschaft im jüdischen Leben ausüben wollen. Er kritisierte scharf die gegenwärtige Zusammensetzung der Jewish Agency-Kommission und» sagte, die gegenwärtig in London stattfindende Konferenz sei eine Konferenz von Notabein, die nicht das Judentum vertreten. Kongreß der Vereinigten Antisemiten Rumäniens Bukarest, 7. Juni. (J.T. A.) ln Jassy fand der Kongreß der nun wieder unter dem Präsidium des Prof. C u z a vcreinigten antisemitischen Liga statt. Ein ungeheures Aufgebot von Gendarmerie sorgte für Ruhe und Ordnung. Die Straßenzüge der Antisemiten wurden aufgelöst, zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen. An dem Kongreß selbst nahmen etwa 400 Personen teil. Es wurde eine Resolution angenommen, in der der Rücktritt der ״Ion den Juden bezahlten“ liberalen Rcgierung gefordert wird. Hierauf legten die jungen Liga-Mitglieder den Treuschwur für Cu za ab. Das Jahrbuch der Bodenreform, henusgtgcbcn von Adolf Damaschke (aj. Bd. 1. Heft) veröffentlicht einen längeren Aufsatr über ״Probleme der Bodenpolitik in Palästina“ ans der Feder von Damaschke. In der Einleitung des Artikels heißt es: In unserer großen Zeitenwende verdienen zwei sozialpolitische Versuche großer Art die ernste Anteilnahme aller derer, die wissen, daß etwas Neues aus dem Zusammenbruch der alten Welt sicli heraufarbeiten will und muß. Den einen Versuch in ungeheurem Ausmaß stellt Rußland dar, den zweiten bedeutet der Versuch eines Teiles der Judcnlieit, des Zionismus: ״für das jüdische Volk eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina zu schaffen“. In der neuesten Auflage meiner ״Geschichte der Nationalökonomie“ (80. Tausend) habe ich im s. Band -— wohl zuerst in einem solcher» Werk —• die Entstehung und den Weg des Zionismus geschildert, und itn :!. Rand meiner Lebenseririnerungen, in meiner ״Zeitenwende“ habe ich die vielfachen persftnlichcn und sachlichen Berührungen mit den Zionisten dargestcllt bis hin zu der Begegnung mit Chain! Wcinnann, dem anerkannten Zionistcnfiihrcr, dem ״ungekrönten König von Israel“. Er zeigte im kleineren Kreise eine Karte und wies mit offenbarer Genugtuung auf die Stellen hin, die bereits von der Zionistischen Organisation käuflich erworben worden seien. Ich entgognctc, daß ein solcher Weg schwerlieh zum Ziele führe, da in dem kleinen Lande (Palästina ist etwa halb 50 groß wie die Mark Brandenburg) jeder jüdische Ankauf den Monopolcharakter und den Monopolwerl der übrige״ Lande.-teile erhöhe. Wcizmaim antwortete, daß er selbstverständlich Bodenreformer sei, wie jeder os sein müsse, der ein Volkstum aufbaucn »volle;, aber da die Juden in Palästina noch nicht die Gesetzgebung beeinflussen könnten, keinen anderen Weg als den des freien Ankaufs von Boden hätten. . . . Grundsätzlich hat sich der Zionismus hei seiner Aufbauarbeit für die Bodenreform erklärt. Er beruft sich auf uralte Vor- Schriften des mosaischen Gesetzes (?>. Mos. 351 und zugleich auf die Erfahrung, welche Juden in allen sogenannten Kulturländern vor sich sehen. Dann folgt eine ausführliche Würdigung des Buches von Dr. Granowsky ״Probleme der Bodenpolitik in Palästina“. Die Besprechung schließt mit den Worten: Wir ■werden auch künftig die zionistische Aufbauarbeit mit ernster Anteilnahme verfolgen. Gelingt cs in der Tat, in dem uralter» heiligen Lande eine nationale Heimstätte zu errichten, welche jeden Mißbrauch mit dem Boden ausschließt, und deshalb für jede redliche Arbeit ehrliches Brot und eine gesicherte Heimstätte ermöglicht, so kann ein solcher vorbildlicher Aufbau ein Segen für alle Kulturländer werden. Christlichsoziale gegen den Rassenantisemitismus Brief in! Oederreich Es ist fünden jüdischen Chronisten eine unerläßliche Pflicht, die verschiedenen Strömungen im nationalen, religiösen und sozialen Leben auch nichtjüdischer Völker, mit denen die Juden in einem Staatsverbande leben, aufmerksam zu verfolgen und daraus die richtigen Konsequenzen zu zielten. Zu den charakteristischen Tatsachen in den verschiedenen Ländern gehört der wachsende Gegensatz zum nationalen Chauvinismus, der auch in der Ablehnung des Rassenantisemitismus seinen deutlich sichtbaren Ausdruck findet. Aeußerst symptomalisch in dieser Richtung ist ein Aufsatz der in Wien erscheinenden Wochenschrift ״Das Neue Reich“, ln der Nummer vom IQ, Mai 1928 erschien ein Aufsatz ״Antisemitismus“ von Dr. Johannes Meßner, der folgende für die Juden aller Länder wichtige Stellung zum Antisemitismus enthält. Die wichtigsten Stellen lauten auszugsweise: ״Verboten ist dem Christen selbstverständlieh jeder Rassenantisemitismus, der aus einein ketzerischen Nationalismus heraus Judenhaß und J u d e 11 v e r f o I gtt n g predigt. Und wenn mancher kurzsichtige ,christliche‘ Antisemit glaubte, etwa auch nur in der verhältnismäßig noch zahmen Form des nationalsozialistischen Antisemitismus einen Bundesgenossen in der Bckämphmg schädlichen jüdischen Einflusses auf die christlichgermanische Kulturwelt erwarten zu dürfen, der mußte sich bald eines besseren belehren lassen.... Denn hinter dem Kampf gegen Juda wurde auch schon der Kampf gegen Rom sichtbar, das, wie man sagte, ja doch den Glauben an den Judengott in die Welt trage und neben ihm keinen anderen Gott dulde. Fast albern mußte ja auch der ebenso in der Konsequenz, eines solchen Rassenantisemitismus gelegene Versuch anmuten, mit einem Aufgebot von merkwürdig mißverstandener Wissenschaft den Beweis zu erbringen, wie Chamberlain in den ,Grundlagen des 19. Jahrhunderts‘ es getan hat, daß Christus gar kein Jude gewesen sei, sondern ein Arier und darum ja auch von echten Germanen als ihr Gott verehrt werden könne. Nicht weniger ist heute jener ,christliche Antisemitismus‘ überholt, der gegen jene obersten Richtpunkte nicht verstoßen will, aber doch Ausnahmegesetze gegen die Juden verlangt, um ihren schädlichen Einfluß Im öffentlichen, kulturellen, politischen, wirtschaftüchen Leben zu bekämpfen. Tatsächlich hat ja die Kirche im Mittelalter solche Gesetze erlassen, ebenso die Staaten. Indessen mit der Entwicklung zum neuzeitlichen Staat wurden diese Gesetze fallen gelassen und heute müssen wir rückblickend allen Ernstes fragen, ob nicht gerade diese Gesetze das zum Teile verschuldet haben, was man verhüten wollte. Es ist doch heute allgemein sozialgeschichtliche Tatsache, daß die Juden sich gerade deshalb auf die wirtschaftliche Tätigkeit und dabei namentlich auf den Handel und das Kreditgeschäft verlegten, weil ihnen alle anderen Berufe fast völlig verschlossen waren.... Daneben darf nicht übersehen werden, daß der größte Teil der Juden mit dem auffallenden und ganz unverhältnismäßigen Reichtum der jüdisehen Kapitalmagnaten nichts zu tun hat.... Die größte Gefahr für das Judentum besteht darin, daß das Verkehrte im heutigen Sozialismus und das Ungeheure, was der Bolschewismus verschuldet hat, auf das ganze jüdische Volk geworfen und daß der Bolschewismus als Bewegung der jüdischen Rasse angesehen wird und auf der ganzen Welt ein neuer leidenschaftlicher Kampf gegen das Judentum beginnt, dessen Leiden- Schädlichkeit noch besonders genährt wird durch den heutej schon die Völker mit Blindheit schlagenden Nationalismus.... Die Juden sind trotz ihrer Zerstreuung unter die Völker der Welt eine Nation für sich t1t!:d müssen als solche behandelt werden.... Kansequent zu Ende gedacht, käme dieser Vorschlag trotz aller Vorbehalte darauf hinaus, die Juden innerhalb jeden Staates als nationale Minderheit zu behandeln.... So hat sich doch eigentlieh alles antisemitische Geschrei als völlig steril und machtlos erwiesen.“ Eine Politik der V ö 1 k e r v e r s ö h n u n g und der Fürsorge für alle Enterbten der Gesellschaft, die den äußern wie innern Frieden erstrebt, muß naturgemäß den nationalen Chauvinismus und Rassenantisemitismus alsunvereinbarmitwahrem Christentum, als größte Häresie des Jahrhunderts bekämpfen. He. Ka. Namen lür die nenen Siedlungen Das Komitee für die Festsetzung der Namen für die neuen landwirtschaftlichen Siedlungen in Palästina, das sich zusammensetzte aus Vertretern der Zionistischen Palästina-Exekutive, des Keren Kajemeths, der Siedler, des Waad Leumi, der Jüdischen Gesellschaft für Altertumsforschung und Spezialsachverständigen auf dem Gebiete der Geschichte, Geographie und Topographie, hat unter Vorsitz von Ussischkin folgende Namen festgesetzt: 1. ״Kfar Gideon“ für die Siedlung der transsylvanischen Juden auf den Boden von Roba el Nasa. 2. ״M i z r a h“ für die Kwuzah Zrifin auf dem Boden Roba el Nasra-Tel Adas. 3. ״Bcth-Schearim“ für die Siedlung der jugoslavischen Chaiuzim auf dem K. K. L.-Boden in Jedda. 4. ״Kfar Baruch“ für die Siedlung der sephardischen Juden aus Rumänien auf dem Boden warakany-Tel Turah. 5. ״Gevath“ für die Kwuzah Pinsk auf dem Boden von Djebatta. 6. ״Sari d“ für die Kwuzah Achwah auf dem Boden von Knefes. 7. ״MischmarHaeme k“ für die Siedlung des Haschomer Hazair, Kibbuz B, auf dem Boden von Abu Schuschah. Die zweite Conseil׳■Sitzung der YiW findet vom 3. Juli bis inklusive 5. Juli 1928 in den Räumlichkeiten der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Berlin W 15, Meinckestr. 10, statt. Die Vertreterinnen der führenden kontinentalen Föderationen haben ihre Anwesenheit zugesagt. Die Council-Sitzung ist eine interne Zusammenkunft, die zur Beratung und Klärung von Fragen der Arbeits- und Propagandamethoden der Weltorganisation Zionistischer Frauen bestimmt ist. Die Tagesordnung umfaßt folgende Punkte; Eröffnung: 3. Juli, 9,30 Uhr vormittags. I. Berichte der Exckütiven: 1. Londoner Exekutive, 2. Palästina-Exekutive, 3. Finanz; II. Berichte der Föderationen; III. Kont i n e n t a 1 v e r b a n d; IV. Nes Zionah-Projekt; V. Organisation: 1. Statutenannahme, 2. Organisationsbeitrag; VI. Zusammenarbeit mit anderen Organisationen in Palästina und im Oaluth; VH. Propaganda; VII!. Verschiedenes. Berliner jüdische Gemeinde. Die nächste Sitzung der Repräsentanten-Versammlung findet am Donnerstag, dem 28. Juni 1928, statt; sie beginnt pünktlieh 61/4 Uhr abends. Es steht der Etat für 1928 zur Beratung.