Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 48 (19.6.1928)
- Date
- 1928-06-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU J. I. Tharaud, Kurze Geschichte der Juden 1. Zunächst und zu allererst eine Ehrenrettung der Brüder Tharaud. Wir dürfen als Zionisten, gerade als Zionisten nicht so empfindlich sein, nicht so ängstlich sein, daß wir gleich jeden in Bausch und Bogen verdammen, der nicht mit uns in dem Chaluz den Vertreter des wieder erwachten, wieder erstarkten Volkes sieht, der nicht im Emek voll rückhaltloser Begeisterung die Grundlage eines neuen jüdischen Volksrums findet. Sind wir so unsicher, so durstig nach Bestätigung und Mitbegeisterung, daß wir keine Kritik vertragen, daß wir keine ״Stimme ohne Leidenschaft“ anhören, die sich in aller Bescheidenheit und Zurückhaltung, allem ,desinteressement‘ des französischen Journalisten ״inmitten des geräuschvollen Konzerts einer Propagandaliteratur“ Geltung verschafft? Oder ist etwa die Stimme nicht voller Ehrerbietung und Verständnis, die von sich selber sagt: ״Es ist immer eine heikle Aufgabe, eisigkalt (d’une fagon glacee) von einer Bewegung zu sprechen, in die sich zweifellos viel Begeisterung und Edelmut mischt?“ II. Soweit die politische Auseinandersetzung, wenn es erlaubt .st, diesen vertrauensvollen, weitblickenden Glauben an unsere Zukunft, den keine Krisis und keine Kritik erschüttern kann, noch in die politische Sphäre einzubeziehen. Lieber sie hinweg, mitten in das jüdische Leben hinein, wie es ist, ohne die Frage, wie es sein soll, wissen wir längst, was die Brüder Tharaud uns bedeuten. Allein um der zwei Romane willen, in denen sie das Leben des jüdischen Osteuropa uns schildern, dem ״Königreich Gottes“ und dem ״Schatten des Kreuzes“, die seinerzeit an dieser Stelle besprochen wurden. Ganz abgesehen davon, daß auch in den Palästina-Büchern derselben Verfasser, gegen deren einseitige Darstellung von Gomelski*) die obigen Zeilen Ver- Währung einlegen wollen, bei einiger Unempfindlichkeit viel Positives in der Erfassung der Atmosphäre, der Bedingungen, der Probleme des Landes zu finden ist. III. Diese beiden Schriftsteller haben nunmehr eine ״Kurze Geschichte der Juden“**) geschrieben. Der Nichtjude, der französische Literat, der Journalist, der Reporter wagt sich auf das Gebiet der Geschichte? Genügt Belesenheit, genügen tausend Gespräche mit Juden und Nicht- Juden über die Judenfrage, genügt gründliches Forschen in jüdischen Zentren, um eine Geschichte des beobachteten, belauschten Volkes zu schreiben? Genügt ein flüssiger, geschmeidiger Feuilletonstil, um auf 250 Seiten eine Darstellung unseres Schicksals vom Mittelalter bis zur Gegenwart zu geben, eine Daptelliing j|9ch dazu, die alle Gefilde־ <|e* Volkslebens, Politik, Literatur, Religion; Wirtschaft, Einzel• Schicksal umfaßt? IV. Um beim Stil zu beginnen: ja, allein dieser Stil, der fest wurzelt in der französischen Formtradition, diese grelle, rückhaltlose Beleuchtung, die das Geschehnis zur Geschichte werden läßt, dabei dieses sprungbereite Hinüber und Herüber, das etwa die vorlutherische Talmud-Diskussion als ״damaligen Dreyfuß-Prozeß“ bezeichnet, dieses kantige Einrahmen bei aller inneren Gärung, das porträtartig die Uriel Acosta, Sabbatai Zewi, Mendelssohn, Baalschem, Heß, Herzl an unserem Auge vorüberziehen läßt, all diese Vorzüge einer modernen Sprachgewandtheit zeichnen dieses Buch ebenso aus wie die Romane der Tharaud. Dieses Buch ist nichts anderes als *) Jüdische Rundschau 1928, Nr. 1. **) Jeröme et Jean Tharaud, Petite Histoire des Juifs, Paris 1927. ein Roman, kein Geschichtsbuch. Oder aber, auch das ließe sich sagen, die Romane sind nichts anderes als gestaltete Geschichte. Wer will die Grenze ziehen? Und darin liegt schon ein Wert der Tharaudschen Bücher begründet: eben daß sie modern sind. Modern sind sie in dem Sinne der Verschmelzung von Wissenschaft und Kunst, von Geschichte und Epos, in dem Geiste der wirklichkeitsechten Fabel und der mit Künstleraugen gesehenen Wirklichkeit, im Rahmen dieser Grenzverwischung, die das äußere Zeichen unserer westeuropäischen Kulturkrisis ist. Und der westeuropäische Zionist, der weiß und zugibt, wie stark er inmitten dieser Krisis steht, findet in einem solchen Buch eine Brücke zu unserer allgegenwärtigen Vergangenheit, die morgen unmittelbare Gegenwart sein kann. V. Damit kommen wir zu einer tieferen Würdigung dieses Buches, die sich abermals zu einer Ehrenrettung der Brüder Tharaud gestaltet. Bei allem Realismus, gerade in ihrem Realismus sind sie Romantiker. Sie singen und sagen nicht von alten, schönen Zeiten, sie geraten nicht in lyrische Verzückung angesichts von Burgen, Schlössern und Ruinen. Sie sind Romantiker und ׳ Realisten zugleich wie Flaubert und Balzac. Hier ist es der abendländische Beobachter, der in unserer lebendigen Vergangenheit einen Funken morgenländischer Glaubensinbrunst entdeckt, die in den Mauern des Ghetto, im Kampfe für und gegen die andersgeartete Umwelt gefährliche, aber desto schönere Blüten treibt. Ja, die Verfasser schildern ״nicht nur die komische Seite Israels, sondern auch seine Poesie, die wir vielleicht besser fühlen als viele der Israeliten, die glattweg europäisiert sind und sich in alberner Weise zufrieden geben, jedermann zu ähneln.“ Der Messiasglaube, die revolutionäre Leidenschaft ist für sie die eigentliche Poesie der Rasse (la poesie meme de la race). Und kraft dieser aus eigener Not geborenen Gabe der Einfühlung, des Eindringens und Hineinkriechens erhalten die Verfasser die Berechtigung, eine solche Geschichte zu schreiben. Dr. Kurt Wittkowski. Der berühmte dänische Philosoph Professor Harald Hoeffding übersandte der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek, nachdem er ihr schon vor einigen Wochen seine eigenen Werke geschickt hätte, nunmehr eine Kiste mit neuerer philosophischer Literatur. Professor David Simonsen, Kopenhagen, überwies eine Sammlung von Büchern und Broschüren, welche im Zusammenhänge mit der Dreyfus-Affäre erschienen waren. Die Verbindung Phi Sigma Sigma, New York, überwies der Bibliothek die Summe von 310 Dollar zur An- Schaffung von Büchern aus dem Gebiete der Kinderpsychologie. Die Bibliothek erbte nach Herrn Israel L. Wolf, New York, dessen private Büchersammlung, bestehend aus hebräischen und jiddischen Büchern. Upter den jiddischen Büchern befinden sich insbesondere wertvolle Serien von Zeitschriften. Herr Julius Grinberg, Kischineff, übersandte Werke und Zeitschriften von historischem Werte für die Geschichte der Juden in Bessarabien. Durch Vermittlung von Dozenten Dr. T. G o r d o - nof f erhielt die Bibliothek die Werke des kürzlich verstorbenen Professors der Nationalökonomie an der Berner Universität, H. Reichesberg, darunter das von ihm revidierte Handwörterbuch der Schweizer Volkswirtschaft. Die Familie des verstorbenen Herrn Jakob Lef Kroch, Leipzig, übersandte das von ihr herausgegebene nachgelassene Werk ״Chasaka Rabba“ in einem von der Firma Vogel & Rausch hergestellten Prachteinband. Herr M. N. Gelber übersandte drei für die Vorgeschichte des Zionismus sehr interessante Aufrufe. Martin Buber hielt in der Schweiz eine Reihe von Vorträgen ״Der heutige Mensch und die biblische Geschichte“. Das 2. Heft der ״Basler Studentenschaft“ bringt aus diesem Anlaß einen großen Aufsatz über ihn von Dr. Michael S c h a b a d. Die Jaden lm alten Wien Wer etwa die in steter Folge erscheinenden Bände der ״Weltgeschichte des jüdischen Volkes“ von Simon Dubnow (im Jüdischen Verlag, Berlin) regelmäßig zur Hand nimmt, wird nicht selten zu seiner Ueberraschung die Erfahrung machen, daß es kaum eine interessantere und aufschlußreichere Lektüre gibt als jüdische Geschichte. Trotz gewisser nicht zu leugnender Mängel der meisten jüdischen Geschichtswerke, die der Wissenschaftler kritisiert, ist für den Laien einfach die überwältigende Fülle des Materials, die Dar- Stellung der Tatsachen, ein packendes Erlebnis. Und was hier im allgemeinen von üeschichtswerken gesagt ist, gilt irn speziellen von der kleinen Monographie, die Ludwig Bato (im Phaidon-Verlag, Wien) über ״Die Juden im alten Wien“ herausgegeben hat. Dieses Buch hat den Vorteil der Kürze und Popularität. Es hat, wenn wir die Absichten des Autors richtig verstehen, geradezu vor allem den Zweck, in leichter und fesselnder Form für weitere Kreise das Epos von der Geschichte, dem Leben und Leiden, dem Denken und Dichten der Wiener Judenschaft zu schreiben. Aber wenn das Buch auch nicht die Form einer gelehrten Abhandlung hat, so steckt doch viel Wissenschaftliehe Arbeit darin. Der Autor hat die Archive durchforscht, viele Quellen und Urkunden benützt und auch manches Urteil früherer Historiker korrigiert. Das Buch beginnt mit der sagenhaften Vorgeschichte der jüdischen Siedlung in Oesterreich, zeichnet in großen Zügen die Schicksale im Mittelalter und behandelt dann ausführlich die Geschichte der Juden etwa seit der Mitte des 18. Jahrhunderts. Schon früher spielen einzelne jüdische Notabein im kaiserlichen Wien eine große Rolle, vor allem Samuel Oppenheimer, der die Türkenkriege des Kaisers finanziert, Samson Wertheimer, gleichfalls Staatsbankier, und schließlich Baron d’Aguilard, ein Spaniole, der das Tabakmonopol in Oesterreich organisiert. Diese Persönlichkeiten, dann die Familie Eskeles und andere Notabein, sind gleichzeitig die Be- Schützer ihres Volkes. Auch zu Palästina haben die Wiener Juden bereits Anfang des 18. Jahrhunderts Beziehungen und eine damals geschaffene Stiftung zugunsten der Armen Palästinas erhielt sich bis zur Inflation nach dem Weltkrieg. Besonders interessant ist die Entwicklung im Zeitalter der Aufklärung, unter dem Einfluß Kaiser Joseph II., dessen ״Toleranzpatent“ zwar eine Verbesserung der sozialen Stellung der Wiener Juden- Schaft bedeutet, der aber doch für die entscheidenden jüdischen Forderungen taub war. Im Beginn des bürgerlichen Zeitalters erlangen viele Juden Reichtum, Macht und Ansehen, doch stehen sie dauernd im Kampfe mit den herrschenden Beschränkungen. Eine Epoche für sich bildet der ״Wiener Kongreß“ von 1815, die jüdischen Salons spielen eine große gesellschaftliche Rolle im vormärzlichen Wien, die aus Deutschland kommende Aufklärungsbewegung verursacht auch in Wien eine geistige Gärung. Daneben aber blüht auch in Wien jüdische Kunst una jüdisches Schrifttum, sogar die hebräische Literatur, deren Vertreter freilich meist aus Ungarn oder Galizien kommen. Die Eigentümlichkeit des Wiener Judentums, das in der Metropole des Habsburger Reiches, durch eine merkwürdige Mischung mit dem zuströmenden ungarischen, gaüzischen, böhmischen, mährischen usw. Judentum charakterisiert ist, macht s|$! geltem!, Schließlich -bringt das 19. Jahrhundert mit den, Vorboten d:r Emanzipation auch eine immer stärkere innere Auflösung und den Niedergang des Wiener Judentums. In der Literatur, Kunst und Presse fassen die Juden FUß, es wirken hier Männer wie Ludwig August Frankl, Moritz Hartmann, Mosenthal, Karl Isidor Beck, Leopold Kompert, M. G. Saphir, die Komponisten Moscheies und Sulzer usw. Batos Darstellung reicht bis zur 48 er Revolution, die das jüdische Schicksal entscheidend um gestaltet. Diese Anzeige hat nicht den Zweck, den Inhalt des Buches nachzuerzählen. Es sollten nur einige Andeutungen gegeben werden, die, wie wir glauben, genügen, um das Buch als äußerst lebendige, lehrreiche und spannende Lektüre zu empfehlen. Ml. Auf Vorschlag der Vereinigung für hebräische Studien in Venedig und in Uebereinstimmung mit den Parallelvereinen in Triest und Modena hat die Vereinigung hebräischer Organisationen Italiens für den 8. und 9. Juli nach Venedig den zweiten Kulturkongreß einberufen. ״Em Luftmensch“ Die Geschichte eines Juden unter Tausenden. Von A b r o s. 1921. Er hieß Leib Kalmen Goldberg. Den Vater hatten die Deutschen als russischen Soldaten im Felde erschossen. Die Mutter wurde von flüchtenden Kosaken als deutsche Spionin erstochen. Die Geschwister lebten von der Barmherzigkeit befreundeter Juden: Sie hungerten also morgens, sie hungerten mittags und sie hungerten abends. Im Februar 1921 überschritt Leib Kalmen Goldberg die deutsche Grenze, um im Westen eine Existenz zu suchen. Er war neunzehn Jahre alt, sehr fromm, und besaß kein Visum, keinen Paß, kein Geld, kein Gepäck. Deutsch sprach er nicht. Polnisch verstand er nicht. Leib fror. Ein harter, eisiger, bissiger Wind jagte ihm kalte Schneeflocken ins hohle, blaue Gesicht, raubte ihm den Atem. Wie Eiszapfen klebten die Ohren an seinem Kopfe. Die Finger glaubte er verloren zu haben, er fühlte sie nicht mehr. Leib hatte Hunger. Seit zwei Tagen war nichts mehr in seinen Magen gekommen. Seine Kehle brannte, Wahnfieber peitschte ihn durch tief verschneite, unwegsame Wälder. Etwa 14 Tage später landete er in einer kleinen Hinterhausstube der Grenadierstraße. Berlin! Berlin! Berlin! Das war groß, das war weit, das war unendlich. Da kümmerte sich niemand darum, was man hatte und was man nicht hatte, da ging es niemanden an, was man war und was man nicht war. Da brauchte man nicht Rücksicht zu nehmen auf diesen und jenen. Da wurde man nicht beneidet oder bemitleidet, je nachdem man Geld hatte oder keines besaß. So dachte der junge Mann und rannte wie besessen durch die Stadt, um sich satt zu essen am Anblick des Lebens, das in den Straßen brauste. Er vergaß Hunger und Durst und das Elend und die Heimat, er schmiedete Pläne, Pläne. Millionen ilossen durch seine Taschen in der Phantasie. Er schlug die Zeitungen auf und der Hexentanz der Dollarkurse berauschte ihn wie ein Faß Meth. Er wollte leben, leben. . . י . Tage gingen auf, Nächte versanken, der Dollar tanzte, tanzte, Leib wurde schmal und dünn, wie Lumpenfetzen schlotterten ihm die Kleider um den abgemagerten Körper. Da riet ihm jemand mit Lumpen zu handeln. Bald waren es auch Säcke, Flaschen und Knochen, die er aufkaufte. Das Geschäft ging. Sein Bankkonto stieg. Sein Ansehen stieg. Berlin, das gewaltige, großartige, saugte ihn scheffelweise das Geld aus den Taschen, aber es war immer noch mehr da. Eines Tages griff man ihn auf. Bei einer Razzia im Kaffeehaus. Man nahm ihm die Dollar ab, und die Knochen, Säcke, Flaschen und Lumpen. Sein Bankkonto sank, sein Ansehen sank. Vier Wochen lang fraßen Wanzen und Läuse im Polizeigefängnis seinen Körper auf, vier Wochen lang marterten eine Moabiter Zelle und ein eifriger Untersuchungsrichter seine Nerven, acht Wochen lang wälzte er sich nachts ruhelos auf einer Pritsche in Plötzensee. Dann wurde er an die Grenze abgeschoben. Müde, hungernd, frierend schleppte er sich durch die verwahrlosten Gassen der kleinen Grenzstadt. Wehmütig mit nassen Augen betrachtete er die armselige Auslage eines Bäckerladens, er wollte doch leben, leben. 1922. Leib Kalmen Goldberg war zwanzig Jahre alt. Er verstand polnisch, sprach deutsch und lehrte hebräisch. Er hatte einen Paß, ein Visum, Gepäck. Er wohnte in einem Vorderhause der Münzstraße. Leib Kalmen war ein gesuchter Hauslehrer. Geld floß durch alle Hände, Markmillionen überschwemmten alle Taschen, Hunderttausende spielten nirgends und bei niemandem eine Rolle, man wollte den Kindern eine jüdische Erziehung geben. Der junge Lehrer konnte sich für seine Millionen keinen neuen Anzug kaufen, sondern einen alten, getragenen, bei einem Trödler. Er durfte nicht Fleisch essen, sondern Hering und Brot. Aber er besaß eine zügellose Phantasie, die ihm alles gab, was nur ein Mensch sich wünschen kann: einen neuen Anzug und Fleisch und warme Semmeln. Ach, wie war doch das Leben so ausschweifend schön, so wunderbar angenehm. Leib ging an einem Warenhause vorbei, hineingehen durfte er nicht, denn er hatte kein Geld, um etwas zu kaufen, aber er zerbrach sich sofort den Kopf des Geschäftsinhabers, kaufte, verkaufte, schrieb, diktierte, empfing Vertreter, besuchte Fabriken, schenkte, verschenkte, — seiner Phantasie kam cs auf einige Milliarden mehr oder weniger gar nicht an. Die Zeitungen berichteten spaltenlang über irgendeine neue Stinnessche Transaktion. Leib Kalmen tauchte ein Stück trockenes Brot in wässerige, lauwarme Milch und verschmolz Banken, fusionierte Kohlengruben, gründete Hotels, kaufte Zeitungen, importierte Kolonialwaren. Bei dieser angenehmen gedanklichen Arbeit wurde das steinharte, trockene Brot zu süßem, wunderbaren Zwieback, die wässerige, lauwarme Milch zu eisgekühltem Champagner. Nicht immer berauschte er sich an geschäftlichen Erfolgen. Zuweilen ließ er sieh als Abgeordneten wählen oder zum Minister ernennen, er schaffte alles Unrecht ab, die Gefängnisse und die Landesgrenzen. Er besuchte niemals ein Kino. Das erweckte in ihm kein Bedauern. Er sah sich die ausgestellten Photographien an, und benutzte die Zeit zwischen zwei Lehrstunden, um einen großartigen Film zu schreiben, drehen, dichten. Als der berühmteste Regisseur und Filmfabrikant Europas setzte er sich dann vor seinen Schüler, um ihn die spitzfindigen Fragen und Antworten des Talmud einzuhämmern. Niemand kannte sein ausschweifendes Innenleben. Er war ein sehr glücklicher Mensch. Im Winter griff man ihn auf. Bei einer Razzia inj Scheunenviertel. Sein Paß war gefälscht. Sein Visum war gefälscht. Er war nicht angemeldet. Und zudem ausgewiesen. Diesmal dauerte der Aufenthalt am Alexanderplatz, in Moabit und in Plötzensee beinahe ein ganzes Jahr. Messerscharf stachen die Backenknochen aus dem gelbsüchtigen Gesicht hervor. Oftmals am Tage krümmte sich sein Leib unter entsetzlichen Herzkrämpfen, der Kopf zitterte und dröhnte von den wuchtigen Schlägen, die ihm die Nerven versetzten, die Beine streikten, Blut schüttete der Darm aus. Dann schob man ihn an die Grenze ab. . .! .