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Jüdische Rundschau · 1928-06-12 · Heft 46 (12.6.1928) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 46 (12.6.1928)
Date
1928-06-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 334 JUEDISCHE RUNDSpHAU Nr. 40» 12. VI. 1928 Krfcgsnovellc, Es ist die Geschichte einer Heiligen, die aus Güte den Feinden beiderseits zum Werkzeug dient. ״Die Tauben“ — sie sind das Symbol des Frieden:.. Aus gleichem Geiste geboren ist die Anklage ״Die Wespen“, vielleicht noch drängender, mahnender. Von ganz besonderer Schönheit ist die Erzählung ״Ein Opfer“. Gefangene Spahis entdecken im städtischen Park eine Moschee, die von der Laune eines deutschen Fürsten in den Norden gebaut wurde. Die Spahis finden in ihr Heimat und Gebet. Einer von ihnen betritt das Minarett und ruft nach heimischer Gewohnheit die Stunde der Andacht aus. Und, erhoben über die Welt, wird er überflutet von der Sehnsucht nach religiöser Auflösung. Er ruft die Erde an, daß sie ihn aufnehme — und stürzt — ein Samensfrahl — in die Tiefe zu Tod und Erweckung. ״Helbrecht Friedebringer“, das ist die Geschichte des sich treu Gebliebenen. Ein Richter, der Deutschland und deutschen Geist über alles liebt, bleibt kühl bei Kriegsbeginn, lehnt ihn auf Grund von Ethik und Vernunft ab. Zweig schildert seinen Zerfall. ״Er liebte die Gerechtigkeit über alles und als ein tapferer Mann; damit nimmt man auf Erden fast immer ein schlimmes Ende.“ Er wird getreten, Menschen seines Blutes wenden sich von ihm ab. Der Irrsinn des Krieges droht ihn zu überwältigen. Helbrecht kämpft bis zum letzten Nerv gegen ihn. Grauenhaft wird seine Einsamkeit, sie übermannt ihn schließlich, trübt seinen Verstand, er vergeht. Es sollte der Zweck dieser Zeilen sein, die Freunde des ״Grisclja“ an die früheren Erzählungen Arnold Zweigs zu erinnern, und jene darauf hinzudeuten, welche die hier behandelten beiden Bücher vielleicht noch nicht kannten. Denn ein Dichter will nicht von einem seiner Werke — und sei es auch das größte — verstanden und erlebt sein, sondern von der bunten Kette seiner Dichtungen her, wie man den Menschen auch nicht nach der Kenntnis eines seiner Jahre begreifen und werten darf, sondern nach dem Gesetz der Folge, nach dem Auf und Nieder seiner Entwicklung und seines Werdens. Minderheiten - Literatur Wie schon kurz berichtet wurde, hat Jacob Robinson unter dem Titel ״Das Minoritätenproblem und seine Literatur“, Kritische Einführung in die Quellen und die Literatur der europäischen Nationalitätenfrage der Nachkriegszeit, unter besonderer Berücksichtigung des Völkerrechtliehen Minderheitenschutzes; Allgemeiner Teil (Beiträge zum ausländischen öffentlichen Recht und Völkerrecht, Heft 6, Ver- , lag Walter de Gruyter & Co., Berlin und Leipzig 1928, 265 S., 9,— Rm.), ein Werk herausgegeben, das einzigartig in seiner Form ist und einen hervorragenden Platz in der Minderheitenliteratur einnehmen wird. Dank seiner bewundernswerten Sprachkenntnisse war es Robinson möglich, die gesamte Minderheitenliteratur aus 20 Sprachen zusammenzutragen. In sorgfältig und übersichtlich gegliederten Kapiteln bringt er neben den Quellen und den allgemeinen und zusammenfassenden Werken die Arbeiten zum Thema Staat und Nation. Hier findet man alles; was über das Nationalitätenprinzip, die Inkongruenz von Staat und Nation sowie über die Lösungen der Spannung zwischen Staat und Nation (Bevölkerungsaustausch, national indifferente Staaten, der mit Minderheilen belastete Nationalstaat), insbesondere auch durch die . nationale Autonomie in der letzten Zeit geschrieben wurde. Ein AlWWf flbee üe Theorie* der nationalen Autonomie im rassP ,;“fÄtn״und jüdischen Schrifttum« 1905 bis W1S ״enthält eine chronologische Zusammenstellung der schwer zugänglichen, aber sehr lehrreichen Literatur in hebräischer, jiddischer und russischer Sprache, die hauptsächlich durch die beiden russischeu Revolutionen hervorgerufen wurde und größtenteils aus jüdisch-sozialistischen und zionistischen Kreisen stammt“. In einem weiteren Abschnitt ist die Literatur über den Sowjetrussischen Versuch zur Lösung des Nationalitätenproblems zusammengestellt. Ein anderes umfangreiches Kapitel behandelt den internationalen Minderheitenschutz (FriedensVerträge, Minderheitenschutzverträge, Deklarationen vor dem Völkerbunde, Reziprozitätsverträge, Völkerbundsbeschlüsse) sowie die Durch- ' führung des Minderheitenschutzes durch den Völkerbund. Ein letztes Kapitel bringt die Arbeiten über die europäische Minderheitenbewegung. Robinson hat sich jedoch nicht damit begnügt, die Fülle des Materials sorgfältig zu registrieren, sondern hat eine ״bibliographie raisonnee“ gegeben, die alle wesentlichen Aa־beiten kurz charakterisiert. Der starke Anteil der Juden an der theoretischen und praktischen Förderung des Minderheiten- Problems, insbesondere auch durch die Ausbildung der Theorie der nationalen Autonomie und die Aktionen bei der Vorbereitung der Minderheitenschutzverträge, ergibt sich aus dieser Zusammenstellung des Materials. Die vorliegende Bibliographie ist ein zuverlässiger Führer durch die internationale Minderheitenliteratur und bildet ein wertvolles Hilfsmittel für jede Beschäftigung mit Minderheitenfragen. Die Arbeit von Dr. Carl Georg Bruns ״Minderheitenrecht als Völkerrecht“ (Ergfinzungsheft 2 zu Band XIV der Zeitschrift für Völkerrecht, J. U. Kerns Verlag, Breslau 1928, 50 S,, 3,50 Rm.) stellt einen wertvollen Beitrag zur systematischen Einordnung und rechtstheoretischen Fundierung der Minderheitenschutzverträge dar. Bruns gibt in dieser Arbeit eine ausgezeichnete Interpretation der Bestimmungen der Minderheitenverträge. Den völkerrechtlichen Zweck der Minderheitenverträge bestimmt er so: ״Sicherstellung gewisser allgemeiner Grundsätze der europäisch-abendländischen Rechtsordnung gegen die destruktiven Tendenzen des Nationalitätenkarnpfes.“ Zwar haben auch politische Motive auf den Abschluß der Verträge Einfluß gehabt. Jedoch ״ohne eine unmittelbare Anteilnahme an dem .Schicksal einzelner Völker, denen ein eigener Staat nicht zugesprochen werden konnte oder sollte, wäre voraussichtlich kein genügend starker Wille vorhanden gewesen, um überhaupt zu einer völkerrechtlichen Normierung von Minderheitenschutzbestimmungen zu kommen. Das gilt in erster Linie für die Juden, deren starker Einfluß auf das Zustandekommen der Verträge bekannt ist“. Aber ״das alles hat in den Verträgen eine rechtliche Objektivierung nicht gefunden“. Der allgemeine Zweck der Minderheitenverträge ist vielmehr, ״die Einrichtungen des Staates an die Grundsätze der Freiheit und Gerechtigkeit anzupassen und für diese Grundsätze allen Einwohnern des Staates eine sichere Garantie zu geben“. Allerdings haben die Minderheitenverträge über die Proklamierung dieser allgemeinen Grundsätze hinaus diese in einem System von Rechtsnormen ausgestaltet. Drei Gruppen von Normen lassen sich in den Minderheitenverträgen unterscheiden: Normen zur Garantie der Ausführung, materiellrechtliche Normen zur Sicherung von Leben, Freiheit, Gleichheit und Staatsangehörigkeitsnormen. Eine Abhängigkeit des Minderheitenrechts vom Fremdenrecht lehnt Bruns aus den verschiedensten Gründen ab. Ausführlich behandelt wird weiterhin die Anwendung des Satzes von der Gleichheit vor dem Gesetz und den Verwaltungsbehörden, die eine besondere Modifikation durch die Zuerkennung gewisser Kollektivrechte an die Minderheiten erfährt. In den Schlußabschnitten erörtert der Verfasser kurz Fragen des Minderheitenschutzverfahrens vor dem Völkerbund und der weiteren Entwicklung des Minderheitenrechts. Der besondere Wert dieser Arbeit besteht darin, daß der Verfasser über die in der deutschen Literatur bisher vorherrschende mehr oder weniger negative Würdigung der Minderheiten vertrage hinausgeht und unter Scheidung der rechtlichen von den politischen 'Gesichtspunkten aufzeigt, daß das Minderheitenrecht schon heute eine wirksamere Handhabe bietet, als dies meist angenommen wird. ״Trotz aller Mängel bietet schon das heutige Verfahren die Möglichkeit, wirksamen Schutz zu gewähren, wenn nur der Wille dazu vorhanden ist. An ihm fehlt es; Es fehlt der im Völkerbund organisierten Staatengemeinschaft das Ethos, das an unveräußerliche •absolute Rechte und die Pflicht zu ihrer Durchführung glaubt. Solange ein! überhitzte und verzerrte Nationalstaatsidee wie eine Krankheit auf Europa liegt, wird jede Geltendmachung von Minderheitenrechten Gegensätze und Konfliktsmöglichkeiten aufrühren.“ Es war notwendig geworden, einmal auf die Unfruchtbarkeit der Kritik hinzuweisen, die nur die Mängel des Minderheitenrechts, beleuchtete, anstatt, wie es für eine wirksame Ausgestaltung des Minderheitenrechts erforderlich ist, aus dem positiven Minderheitenrecht die Normen in den Vordergrund zu stellen, die die Grundlage für eine Geltendmachung und Verwirklichung der Schutzansprüche der Minderheiten bilden. Diese Methode positiver Auslegung des Mihderheitenrechts gefördert zu haben, ist das Verdienst der *A>cMkpftden'*Sätrift, - - ׳,•vnwpj,■ :־י.״ ׳ Einen eliführenden Ueberbliefc über da» mödewie NatftÄdl‘■ tätenrecht will eine Schrift von Dr. Martin Dachselt ״Deutschtum und Nationalitätehrecht“ (Südostvertag A. Dresler, München 1927, 63 S., 1,50 Rm.) vermitteln. Die vom großdeutschen Standpunkt aus gegebene Darstellung behandelt ausführlicher die Nationalitätenkongresse und gibt auch die dort gefaßten Resolutionen wieder. Dr. R u d o 1 f L e v y. Musikabteilung der Jüdischen Nationalbibliothek• In der. Bibliothek ist seit langem der Mangel an Büchern über Musikgeschiehte, speziell über jüdische Musik, fühlbar. Es fehlen besonder» Bücher über Geschichte der Musik in biblischer Zeit, Geschichte des synagogalen Gesangs, Sammlungen von Melodien berühmter Vorbeter, Sammlungen jüdischer Volkslieder und Bücher über das jüdische Volkslied, sowie die Musik anderer orientalischer Völker. Vor kurzem hat Frau Leonie K. Guinzberg in New York der Bibliothek die Summe von iooo Dollar zu dem Zwecke übermittel(, die Musikabteilung der Bibliothek auszugeslaltcn. Bücherschau Edmund Mugler, Gottesdienst und Menschenadel. Erstes Buch: Die Israelitische Volksreligion und die Propheten. Stuttgart 1927, Fr. Frommanns Verlag. 154 S. Mk. 4,50. Das Werk Muglers will die sittliche Idee im Kampf um ihre Selbstbehauptung innerhalb der israelitisch-jüdischen und christlichen Religionsgeschichte darstellen. Ethos und Kultus sind die zwei entgegengesetzten Prinzipien, die in der Geschichte miteinander ringen: in der Gestalt des Prophetismus auf der einen, des Gesetzes auf der anderen Seite. Der Gegensatz Prophetenreligion — Gesetzesreligion ist nicht neu, das Buch will geschichtlich auch nichts Neues bieten; sein Thema ist religionspsychologisch, es ist das Problem, wieso, warum die unbedingte sittliche Forderung in ihrer empirischen Durch- Setzung zu den Mitteln des Kultus und Gesetzes greift, die dann durch eigentümliche ״Motiv-Verschiebung“ zum Selbstzweck und dadurch geradezu zu Hindernissen der Erfüllung werden. Die Erkenntnis der ״zwei Richtungen“ im Judentum als Träger des Geisteskampfes ist von jüdischen Forschern (Buber, Horodezky) bereits ausgesprochen worden; in der Einschätzung des Gesetzes haben wir heute vielleicht Muglers radikal ablehnenden Standpunkt gegen Ezechiel und Pharisäismus gerade auch aus rellgionspsychologischer Einsicht überwunden. Das neue Buch von Travers Herford über die Pharisäer (G. Engel Verlag, Leipzig) kommt hier als willkommenes Korrektiv noch vor Erscheinen von Muglers 2. Band, der die Pharisäer behandeln wird. Es ließe sich also im einzelnen manches gegen Mugler einwenden, im allgemeinen aber ist seine Formulierung des Problems richtig und die Besinnung darauf wesentliche Vorbedingung jeder religiösen Erneuerung. R. Frieda Weißmann: Biblische Erzählungen ln der Legende. — J. Kauffmann Verl., Frankfurt a. M. 1928. Frieda Weißmann, der wir schon manche schöne Bereicherung unserer nicht eben reich ausgestatteten jüdischen Jugendliteratur verdanken, hatte den glücklichen Gedanken, einige der schönsten Legenden, die sich um die Gestalten der Bibel ranken, zu sammeln und in flüssiger, leicht faßlicher Form wiederzuerzählen. Wenn man dem Moses-Buche derselben Verfasserin nachgerühmt hat, daß es in der Sprache der Grimmschen Märchen das Leben unseres großen Volkshelden wiedergäbe, so möchte ich den hier erzählten Midraschim eher etwas mehr Schmucklosigkeit und Schlichtheit der Sprache wünschen; das Kleid ist zu prunkvoll, das sie umhüllt. Indessen, wer es jemals versuchte, hebräische Sagen in deutsche Märchen umzuwandeln, der weiß, welche fast uniibersteiglichen Hindernisse sich einem solchen Unterfangen entgegenstemmen; selbst die ausgezeichnete Uebersetzerin Rahe! Ramberg-Bergyczewski ist manchmal an ihnen gescheitert. — Jedenfalls ist das hübsch ausgestattete Büchlein eine höchst erwünschte Gabe und erscheint geeignet, größeren Kindern die erste Bekanntschaft mit diesen verborgenen Perlen unseres Schrifttums zu vermitteln. Bath Hillel. Georg ion der Vring: Soldat Suhren. Roman, 400 Seiten, geheftet 4,50 M. J. M. Spaeth Verlag, Berlin. Ein Mensch, gemeiner Soldat des großen Krieges, schreibt seine Erlebnisse, mit ganz klaren Augen und weiter menschlicher Perspektive. Er läßt seinen Musketier Suhren inmitten einer Gruppe von 8 Soldaten leben und zeigt in 39 knappen Kapiteln die Geschichte der großen Brüderlichkeit, die trotz aller Mühsgle und Gefahren Immer wieder durchbricht. Die aus gemeinsamer Not geborene Kameradschaft ist das Grundthema des Buches; die einsamen Dörfer Nordfrankreichs und die Mohnfarben und Grasgerüche Wolhyniens werden wach. Menschlichkeit des Herzens gegen die Barbarei der Kriegsmaschine: dies der Grundton des liebenswerten Buches. ־;«:;::',?י‘*! ir: »־«e;; ■•־ ■;■ rl-}l G. H. Wells, Die Riesen kommen; Die Zeltmaschine; Die ersten Menschen im Mond. — Verlag J. C. C. München. — * Die ״naturwissenschaftlichen“ Romane des großen englischen Dichter* führen in die Probleme der heutigen Welt hinein mit ihren unabsehbaren Perspektiven. In der großartigen Phantasie des Dichters werden die Grenzen aller Erfahrung gesprengt, die Möglichkeiten von Technik und Erkenntnis ausgesponnen ins Märchenhafte, das der Wirklichkeit näher ist, als man meint. Wells' Romane sind nicht nur für einen der originellsten englischen Geister charakteristisch, sie bieten auch eine spannende und nachdenkliche Lektüre. Im Juniheft der Zeitschrift ״Melos“ (Melosverlag, B.Schott’s Söhne, Main*) erscheint ein Aufsatz ״M :1 s i k hei Granowsky“ von Alice Jacob-Loewenjon, der Funktion und Probleme der Musik im ״Moskauer Jüdisch-Akademischen Theater“ behandelt. und stillt ihr Kind aus verdorrter Brust. Joya will sie als Gäste begrüßen, aber die Worte ersterben ihr auf den Lippen: die sind gekommen, um hier zu bleiben; nur während der Hochzeitswoche haben sie das Haus verlassen, und nun werden sie hier auf dem Boden sitzen, werden ein- und ausgehen und von allen Winkeln des Hauses Besitz ergreifen, zu allen Stunden, und sie wird nie mehr allein mit dem Gatten sein. — Lim nicht länger so hilflos dazustehen, will Joya irgend etwas tun: die Stube scheuern, ein Mahl bereiten. Aber die anderen haben alles schon getan und sehen spöttisch ihren zwecklosen Bemühungen zu. Langsam kriecht der Tag dahin; nach langen, leeren Stunden geht endlich die Sonne unter, und Jizchak, der Händler, kehrt zurück. Er ist hungrig und unzufrieden, denn er hat nur wenige Groschen Verdienst gehabt — kaum genug, um den vielen Mündern , in seiner Stube das Brot zu geben. Und die Kaufleute, die ihm alles zur Hochzeit geliefert haben, drängen auf Bezahlung. Kriechend entschwindet auch der Rest des Tages. Feucht und dunkel kommt die Nacht, ln einer Ecke des Zimmers schläft die junge Frau mit dem Kinde an der Brust auf ■einer Matte; auch der halbwüchsige Sohn hat sich auf dem Boden ansgestreekt. Nur die zwölfjährige Tochter und die schwachsinnige Alte sind noch wach. Die Alte kauert mit gekreuzten Beinen in ihren Lumpen auf dem Fußboden und redet unzusammenhängendes Zeug vor sich hin. Das Mädchen sitzt mit verschränkten Armen und lauernden Augen auf einem Holzschemel und sieht unverwandt zu dem Vater und der fremden jungen Frau hinüber. Joya wird der Kopf schwer und schwerer, ihre übernfndeten Augen wollen sich schließen. Aber sie wartet, sie weiß selbst nicht recht worauf, sie weiß nur, daß irgend etwas geschehen muß, damit auch sie zur Ruhe gehen kann. Aber es geschieht nichts, nur daß der Mann noch ein paar zerlöcherte, faulige Decken aus der Wandnische nimmt, sie auf den Boden wirft und sich darauf streckt, die junge Frau an seine Seite ziehend. Joya liegt auf der dünnen Decke über dem schlammigen Steinboden, von dem Feuchtigkeit und Kälte aufsteigt, hört das sinnlose Gemurmel der Alten und fühlt den gierig glitzernden Blick des Mädchens durch das Dämmerlicht des aufziehenden Mondes auf sich gerichtet. Sie träumt von ihren sieben Hochzeitstagen und Hochzeitsnächten und wartet: nun muß der Traum wieder zur Wahrheit werden — wenn nur erst die Nacht kommt, wo alles schweigt und der graue, elende Tag versunken ist, dann kommt alles wieder: die Hochzeitsgäste in ihrer bunten Seidenpracht, der Bräutigam im karmoisinfarbigen Mantel, sie selbst im schweren Koniginnenkleide und das weiße, reine Hochzeitsbett. Da, inmitten des Traumes fühl? sie sich umschlungen von dem Arm des Gatten, spürt seinen Atem in ihrem Gesicht, spürt seine tastenden Hände. Ihr Herzschlag stockt. Der Schlamm auf dem Boden! denkt sie, das Gemurmel der Alten! und — oh der Blick, der gierige Blick des Mädchens aus dem Halbdunkel! ״Laß mich!“ ,flüstert sie keuchend, ״nicht so, nicht!“ Aber der Mann lacht und zieht seine junge Frau an sich. ״s6ndno - Gesellschaft“ (Zweiter Jahrgang der ״Soncino-Blätter“) Der zweite Jahrgang der von der ״Soncino-Gesellschaft der Freunde des Jüdischen Buches“ herausgegebenen. ״Soncino- Blätter“ (Beiträge zur Kunde des jüdischen Buches) ist kürzlich erschienen. Hermann Meyer, sei? Siegfried Wolffs Tode die Seele und die treibende Kraft der Gesellschaft, hat auch diesen lahrgang würdig und abwechslungsreich zusammengestellt. Die Bibliographie ist wertvoll verbessert (wenn auch noch nicht vollständig); zu beanstanden ist aber, daß eine Reihe redaktioneller Bemerkungen nicht aus sachverständiger Feder stamfnen. Interessant sind die David-Oppenheim-Materialien und Meisls Judenkalender-Notizen; viel Aufschlußreiches bietet die Abhandlung von Krauß über die Siddurliteratur. Nicht ohne Aufhorchen liest der Wissende die beiden Aufsätze über die Jerusalemer Bibliothek aus der Feder von Hugo Bergmann und von Heinrich I oevve, der mit unendlicher Hingabe für sie tätig war und ist. Völlig Überfluss® erscheint mir der 12 Säten Sange Aufsatz: ״Zur Geschichte der Fleischgebühren in der Berliner Jüdischen Gemeinde“ — ein Thema, das die Soncino-Gesellschaft nicht einmal peripherisch berührt und dessen sehr minutiöse Behändlung auch nicht damit entschuldigt werden kann, daß die faksimilierte Beilage (die ebenfalls kein besonderes Interesse bietet) die Nachbildung eines Unikums der Preußischen Staatsbibliothek ist. Ob die in guten Reproduktionen veranschaulichte ״Rituelle Kunst“ einiger moderner Schriftzeichner den großen Kaumaufwand lohnt, den dieser Aufsatz beansprucht, kann aus den Abbildungen nicht ermessen werdeif; bekanntlich läßt sich über den Geschmack nicht stfeiten, aber daß mindestens die Tafeln I bis V (Wandteppiche mit verwirrenden Satzbildern) hinsichtlich des Geschmackes ״hors de concours“ stehen, wird mir wohl jeder zugeben — von den Tafeln X und XII ganz zu schweigen. Es gibt* andere, dankbarere, wichtigere Aufgaben für eine Zeitschrift vom Range der Soncino-Blätter (die nicht überflüssig ist, wie in der Jahresversammlung kürzlich behauptet worden ist). Wie wäre es mit einer gut durchgearbeiteten Uebersicht über alle öffentlichen und privaten bedeutenden jüdischen Büchersammlungen, sei es in den Judaica- und Hebraica-Abteilungen der allgemeinen Büchereien oder in den Spezialblbliotheken? Wie wäre es mit einem kurz orientierenden Verzelchnis aller hebräischen Inkunabeln (unabhängig von dem in Vorbereitung befindlichen Gesamtkatalog überhaupt aller Wiegwidrucke) oder etwa mit einem solchen aller hebräischen Handschriften, zunächst etwa einmal bis 1500? Oder ganz andere Gebiete: eine systematische Darstellung über die sogenannte^ figurierten Texte (über die ich selbst bis vor kurzem nicht viel wußte), eine Behandlung der merkwürdigen grotesken Figuren ln den Handschriften, die Technik des ältesten jüdischen Buchdrucks, Geschichte des jüdischen Buchhandels und Verlages seit ihrer Spezialisierung — das wären einige, schnell niedergeschriebene Themen, die mir wichtiger erscheinen als matfehes, was im letzten Heft de! Soncino-Blätter steht. Weniger literarhistorischer, zünftleriscner Kleinkram — mehr große, kräftige Linienführung im Bildungsprogramm! — Kürzlich begann die Soncino-Gesellschaft auch mit der Herausgabe zwangloser?(Mitteilungen“. Im ersten Heft wird u. a. eine bibliophile hebräische Bibel (in vier starken Foliobänden) angekündigt. Dieser Plan erschient noch völlig unreif. Dr. B. K i r s c h n e r

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