Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 46 (12.6.1928)
- Date
- 1928-06-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE 12.jum!928 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Zur Vorgeschichte des Zionismus Von Dr. N. M. Gelber. Ein unbekannter Aufruf Mordechai Immanuel N o a h ’ s. In meinem vor kurzem erschienenen ersten Bande der Vorgeschichte des Zionismus VJudenstaatprojektc in den Jahren 1695—1845“ habe ich die Bestrebungen das Eng-!anders Lewis Way bezüglich der Notwendigkeit der Wiedererrichtung eines jüdischen Staates ausführlich behandelt. Auf Grund neuen Materials, das ich erst nach Erscheinen des Buches erlangte, ist es evident, daß Lewis Way mit Noah, dem ersten Vorkämpfer des Judenstaatsgedankens in Amerika in Verbindung trat und bestrebt war, Noah in seinen Bemühungen zu unterstützen, die Juden auf irgendeinem Punkte der Erde zu sammeln und einen eigenen Staat, für sich zu gründen. Noah richtete i!n Einvernehmen mit Way im Jahre 1819 eine Aufforderung an die Juden, einen Judenstaat in Amerika zu gründen. In meinem Buche erwähne ich im Kapitel über Noah, daß er bereits im Jahre 1818 in der von ihm herausgegebenen Zeitung ״The National Advocate“ die Notwendigkeit der Errichtung eines jüdischen Staates auf der Insel Grand Island erörtert und diesbezügliche Verhandlungen mit dem amerikanischen Kongreß in Washington aufnahm, der auch ein Komitee zur Untersuchung dieser Angelegenheit einsetzte. Zu gleicher Zeit richtete Noah an die europäischen Juden einen Aufruf in hebräischer und englischer Sprache, der bis nun gänzlich unbekannt war. In den letzten Tagen gelangte in meinen Besitz eine Nummer des ״Koblenzer Anzeiger“ vom 2. Juli 1819 (Nr. 27), in dem ich den genannten Aufruf vollinhaltlich abgedruckt finde. Es dürfte vom besonderen Interesse sein, diesen überaus charakteristischen Aufruf Noahs, der eigentlich einen Vorentwurf zu einem späteren Aufruf vom Jahre 1825, — den ich in meinem Buche (Seite 241—246) zum Abdruck gebracht habe, — bildet, im Wortlaut zu veröffentlichen. — 4 ״Kinder Israels! Brüder in Mose und den Propheten! Das Volk Gottes hat sich, nachdem es sein Ursprungliches uraltes Vaterland verlassen, vom Jordan über den ganzen Erdboden zerstreut, und von dieser Zeit an viele Jahrhunderte hindurch Drangsale und Verfolgungen ohne Zahl unter allen fremden Völkern, bei denen es sich niedergelassen, erdulden müssen. Diese Drangsale und Verfolgungen werden, ob sie gleich die Teilnahme manches Menschenfreundes rege gemacht haben, nicht aufhören, es müßte denn seyn, daß die Israeliten der Erhaltung ihrer ruhmvollen Nationalität die Amalgamtrung und völlige Verschmelzung mit den Nationen, unter denen sie leben, vorziehen wollten. Auszutilgen das jüdische Volk von der Erde, darauf ist das Bestreben von dessen Feinden gerichtet; aber stolz auf das, was einer Nation Werth verleihet,, müssen die Israeliten die Lockungen verschmähen, womit man ihnen selbst hin und wieder entgegenkömmt. Es ist Zeit, daß dieses zahlreiche und bloß durch eine Zer- Streuung schwache und unterdrückte Volk, müde der lange so geduldig erlittenen Mißhandlungen, sich sammle und erhebe. Die Fülle von Geist, Reichtum und Mitteln, die demselben eigen sind, und zu jeder großen Unternehmung zu Gebote stehen, setzt dasselbe in den Stand, sich ein neues Vaterland zu wählen, in welchem es im Genüsse der Freiheit seine Natjcmalität bewahre», und;durch rasche , fcatwi^eUfhf.i^IfR moralischem und physW1en1,Kräftes«hrr*haM;*«r'-־Glw4§ffinpr1 der ersten Nationen der Erde emporstreben kann. Efts alte Palästina, die Wiege und das Stammland Eurer Vorfahren, befindet sich in den Händen roher Muselmänner, unter denen weder bürgerliche noch politische Freiheit gedeihen; dahin kann darum das Volk Israels nicht ziehen, um zum Wiedergenüß seiner verlorenen Selbstständigkeit, zur Wiederher- Stellung seines alten Nationalruhms zu gelangen. Aber ein anderes schönes gelobtes Land winkt demselben freundlich in der Ferne: das freie Amerika nimmt auf seinem unermeßliehen, an Fruchtbarkeit Und bewunderungswürdigem Rri-hbim der Natur vielleicht alle Länder der Erde übertreffenden Gebiet gastfreundlich alle Kinder der alten Welt auf, die dort, niedergedrückt durch den Verfolgungsgeist des Re!igions-Fanatismus und der Partheiwuth, ein unglückliches Leben führen, ohne daß ihnen ein Stern der Hoffnung zur Verbesserung ihres Zustandes leuchtet. Und wo ist zugleich ein Land auf dem weiten Erdenrunde, daß in seinem jugendlichen Aufblühen durch seine geographische Lage, durch seine Schiffahrt und seinen Weltverkehr eine so günstige Gelegenheit zum betriebsamsten Handel, zu Erlangung von Wohlstand und Reichtum darböte? Der Kongreß in Washington, der in seiner Weisheit einen ihm vorgelegten Entwurf zur Regeneration der Israelitischen Nation bereits mit seinen Beifall beehrt hat*) wird sich leicht geneigt finden, ein abgesondertes, dem Zwecke eines Etablissements entsprechendes Gebiet zur Bildung eines neuen israelitischen Staates unter dem Schutze des großen amerikanischen Bundes anzuweisen, das an Umfang der Größe des alten Palästina’s gleichkommen kann, während es dieses in Rücksicht der Vorzüge, welche örtliche Verhältnisse gewähren, weit hinter sich zurücklassen wird. Wenn ich in Gedanken zu der4 neuen Epoche von Glanz und Nationalruhm hinaufsteige,%u der eines der älteste•. Völker der Welt sich von neuem empor zu heben bestimmt ist, daß unter allen .Verhältnissen und Bedrängnissen dem Glauben und Gebrauchen seiner Väter treu geblieben, und mit einer in der Geschichte einzigen Standhaftigkeit und Beharriichkeit seinen Nationalsinn mitten unter den verschiedensten Völkern, unter deren Joch es geseufzt rein erhalten hat, — dann wird der Wunsch immer lebeiidger in mir, daß doch nicht gesäumt werde, frisch Hand ans Werk zu legen, um ein ebenso edles als ruhmwürdiges Unternehmen mit gemeinsamen Kräften zur schnellen Ausführung zu bringen.“ — .. / Arnold Zweit als Novellist Ri'• kbetrachtende Notizen zu seinen Büchern ״Frühe Fahrten“ und ״Der Regenbogen“. * Von Manfred Sturmann. Es erübrigt sich nach dem großen Erfolg des Romans ״Der Streit um den Sergeanten Grischa“ von Arnold Zwei gl), Prinzipielles über die Bedeutung dieses Buches zu sagen. Wir sind uns alle klar darüber, daß das Erscheinen des ״Grischa“ ein literarisches Ereignis ersten Ranges bedeutete, wurde doch mit ihm der erste große, im weitesten Sinne europäische Roman der Nachkriegszeit geschaffen2). Man sollte aber über die Bedeutung dieses Romans — er ist ja noch immer so wach und lebendig in uns — nicht», jene Bücher Arnold Zweigs vergessen, die früher (1925) erschienen sind, und die doch unbedingt gelesen sein müssen, wenn man die künstlerische Entwicklung des Erzählers Zweig verfolgen und verstehen will. Ich meine die beiden im I. M. Spaeth Verlag, Berlin, erschienenen Novellenbiinde ״Frühe Fährten“ und ״Der Regenbogen“. Es wäre ein Unrecht, sollten nun diese beiden Bücher nach dem Erfolg des ״Grischa“ vergessen sein. Ich glaube, daß es gerade jetzt an der Zeit ist, sich ihrer zu erinnern und nach ihnen zu greifen; denn manches steht in ihnen, was die psychologische Vorbereitung für den letzten großen Roman darstellt. Diese beiden Bücher bilden gewissermaßen den Uebergang von den ״Novellen um Claudia", jenem zarten Vorkriegswerk3), zu dem ״Streit um den Sergeinten Grischa“, der grandiosen Odyssee des Menschen im Kriege. , ״Frühe Flirten“, der sagt es schon, hat npqh sehr j vlfl yaj!. der«Z^t'heit-ci^־«־GI«^|an9velJen.. Dias© Erzählungen I gejaen ein schönes Bild von de» geistigen Werden Zweigs und runden sich zu einem persönlichen Bekenntnis — wie ja auch die ״Novellen um Claudia“ persönliches Bekenntnis gewesen sein mögen. Weit zurück führen uns die ״Frühen Fährten“, von der Nachkriegszeit zurück zu den glücklichen Studienjahren. Die Erzählungen lassen es sich offen anmerken, daß sie in einem jungen Herzen entstanden sind. Sie haben noch wenig von wohlerwogener Formstrenge, sind nicht die Ergebnisse kühler Betrachtung — sondern elementare Bekenntnisse eines jungen, empfindsamen Menschen. Hier spüren wir noch nichts von dem späteren politischen Dichter vnd Zeitkritiker. Die ״Frühen Fährten“ liegen abseits von den Wegen des Alltags. So mögen sie auch gelesen werden, *) S. Vorgeschichte des Zionismus S. 64. J) Gustav Kiepenheuer Verlag, Potsdam. 2) Vgl. des Verfassers Aufsatz ״Odvssee des Unbekannten Soldaten“, ״Der Fackelreiter‘, Januar 1928. s) Erschienen bei Kurt Wolff in München. als eine Sammlung von Frühwerke«, und immer im Hinblick auf die Linie, die von hier aus zum ״Grischa“ und zum ״Caliban“4) führt. Novellen wie ״Kleiner Held“ und ״Keimendes Sterben“ erschüttern in ihrer tönenden Traurigkeit. Sie gehören zum Zartesten, was Zweig überhaupt geschaffen hat. Von welch einer Sprachschönheit und welch einer jugendlich-ehrlichen Gesinnung zeugt die Novelle ״Vorfrühling“! Zweig schildert hier die Wanderung zweier junger Menschen. Aus dieser Begegnung entsteht das Bekenntnis zum Leben. Die ״Elegie über Blumensträuße“ ist eigentlich ein Gedicht in Prosa. Die ״Selbstbegegnung im Grünen“ beschließt, vielleicht als bedeutsamster Beitrag, den schönen Band. Da es nicht möglich ist, die einzelnen Novellen hier einer eingehenden Würdigung zu unterziehen, so mögen diese flüchtigen Hinweise genügen. ״Der Regenbogen“ ist gänzlich anders. Hier setzt sich der Dichter mit den Problemen seiner Zeit auseinander. Nur zu natürlich war es, daß Zweig nach seiner Rückkehr aus dem Kriege und den Erlebnissen in Bayern, sein Werk auf eine andere Ebene trug, denn bei ihm wächst es — mit oft rücksichtsloser Konsequenz — aus der persönlichen Situation. Und es war dieser Konsequenz gemäß, wenn er begann, mit seiner Zeit zu kämpfen, ihr mutig und durch nichts beirrbar die Stirn zu bieten; Er wurde, Autor des Claudiaromans, politischer Dichter im edelsten Sinne. In seinem ״Regenbogen“ schenkt uns Zweig das Bild des Nachkriegsmenschen. Er war der erste, der dies wagte, ohne in der Tendenz stecken zu bleiben, ohne den Boden wahrhafter Dichtung zu verlassen. Die sechs Erzählungen sind Anklagen gegen den Wahnwitz des Krieges, Elegien auf die abgeirrte menschliche Vernunft. Zweig ruft die durch die Ereignisse Zersprengten zur Sammlung. Er hat den Süden bereist, ein neues Maß erhalten, er ist ausgependelt und hat, was er in seinen Claudianovellen gewollt, in den Wort- und Seinsinn unserer Tage übertragen. ״Und dann sah ich andere Himmel wieder, Mittelmeer: und schien mir neu. Man mußte von vorn anfangen vor sich selber. Dieser Anfang heißt ,Regenbogen‘.“ Das schreibt Zweig über sich selber. Waren in den Novellen um Claudia seine Menschen edle Einzelwesen, Produkte gewählter Zucht, den Gemeinheiten des Lebens fern, zarter, differenzierter als die menschliche Dutzendware; sprühte ihr Geist in erhabenen Gesprächen, blühte ihr Leib in den Ernten äußeren Reichtums, glühte ihre Seele in Musik, hatten sie die seltene Möglichkeit, sich in feinsten Zwischentönen voreinander zu öffnen — so atmen im ״Regenbogen“ andere: Richter Helbret, Laurenz Pont. Zweigs Menschen haben die Warte ihrer Geborgenheit mit. ihrem Schöpfer verlassen und sind in die Frische getreten. Sie haben sich Wind um die Ohren pfeifen lassen, sind von allen Widerhaken des Alltags gebissen worden, haben Krieg mitmachen müssen, sind von Haßwellen umhergeschleudert worden, haben die Tretmühle der deutschen Inflation getrieben. Hoffnungen sind eingestürzt. Illusionen als Asche verflogen. Sie haben Blut und Hunger gesehen: diese Ifeä Millft^ Genevlöve'Jfallaert, Dokför Lippäch. « In der wundervollen Erzählung ״Pont und Anna“ findet'« Laurenz Pont — kein anderer übrigens als ein Dr. Walther Rohme, der den Krieg überstanden hat — nach dem jähen Tod des geliebten Mädchens, dem ein Traumdasein geweiht war, sein verlorenes Gedächtnis wieder. Die Wunde im Herzen, packt er das Leben mit erstarkten Händen an, seine Augen werden aufs neue sehend, er versöhnt sich mit der Welt und mit sich selbst. ״Einen Hut kaufen“ heißt ein anderer Abschnitt des Buches. Rückschauend geißelt Zweig die Hinterlist des Staates. Er zeichnet ״Kleine Leute“, die unter dem Knebel des Unternehmers hinbleichen. Sie heißen Rosi und Hildebrand Müller. Ein gestohlener Geldschein und ein Unfall Rosis, gleichen Tages, ändert der beiden Geschick. Hildebrand retjet sich zur Tat, begehrt auf und wächst zum Führer der Arbeitenden. ״Die Tauben“ nennt sich eine gu^e 4) ״Caliban“, Versuch über Antisemitismus, Kiepenheuer, Potsdam. Nach der Hochzeit (Aus dem Leben Jerusalemer Juden.) Von Helene Hanna Thon. Ein trüber Morgen zieht herauf und erfüllt die Kellerstube mit nebelhaftem Licht. Die blutjunge Joya ist in den Armen ihres Gatten erwacht und lächelt mit noch geschlossenen Augen. Seit sieben Tagen und sieben Nächten träumt Joya einen lächelnden Traum. Dieser Traum, dieser strahlende Traum eines Hochzeitsfestes, bei dem die kleine Joya in kostbaren Gewändern neben einem Manne in buntem, knisterndem Seidenmantel sitzt und viele geschmückte Menschen huldigend zu ihnen kommen wie zu einem Königspaar. Ist es erst vier Wochen her, seitdem man ihr, dem fünfzehnjährigen Waisenmädchen, das in einem Vorstadthause dient, als sie am Schabbat zu ihrer Tante in die Jerusalemer Altstadt kam, eröffnet hat, daß sie den* Händler Jizchak, den Witwer, der mit seinen beiden großen Kindern auf dem gleichen Hofe wohnt, heiraten soll? Wie sie da geweint und gejammert hat und endlich in hellem Trotz fortgelaufen ist,! Dann, am nächsten Schabbat, als sie doch wieftr zu der Tante gegangen ist wohin sollte sie auch sonst gehen am Schabbat? — da haben sie den Schrank geöffnet und das Herrliche herausgenommen: das Kleid von schwerem, weißem Damast mit silbernen Spitzen und das silberne, blüftnverzierte Stirnband: ״Das ist dein Hochzeitskleid!“ Wre hätte Joya dem Verlangen nach diesem königlichen Brautkleide, das ihre 6bucharische Mutter und Großmutter und Urgroßmutter ihr als einzigen Besitz hinterlassen haben, widerstehen können? Ihr Widerstand ist verstummt, die Stube hat sich mit Mensche«! gefüllt, und man hat ihre Verlobung mit Jizchak, dem bucharischen Straßcnhändler, mit Jizchak, dem Witwer gefeiert. Und dann ist es Wahrheit geworden. Der Hochzeitstag ist angebrochen, viele Frauenhände haben sich nach der kleinen, schmutzigen Joya ausgestreckt, haben ihr das Bad bereitet, ihr Haar gesalbt und gekämmt, haben sie in reines weißes Leinen gehüllt und in das schimmernde weiße Damastkleid und sie endlich mit dem silbernen Bliitenbande gekrönt. Als man ihr einen Spiegel vorhielt, hat Joya aufgeschrien vor seligem Schreck über ihr eigenes strahlendes Bild. Aber noch mehr der Wunder: gekommen ist der Bräutigam in einem Mantel von karmoisinfarbigem Samt und einem langen Seidenhemd mit goldglänzender Schärpe. Wie ein König. Der König hat die kleine Joya bei der Hand genommen und sie mit sich geführt zu dem erhöhten Königsthron. Sieben Tage lang hat die'Königin Joya neben ihrem König gesessen, in den Hochzeitsreigen und das Gewimmel der Gäste hineingeschaut und hat gelächelt. Gelächelt ohne Ende. Sieben Nächte lang hat die Königin Joya auf dem weißen Hochzeitsbett in den Armen ihres Königs gelegen und gelächelt, gelächelt, bis der Schlaf das Lächeln auf ihren Lippen festgebannt hat. Seit sieben Tagen und sieben Nächten lächelt Joya, und auch heute, am achten Morgen, ertvacht sie lächelnd. Sie liegt und wartet wie an den sieben vorausgehenden Morgen, an denen die Tante ihnen den Morgenfrank gebracht hat; aber niemand kommt. Endlich erwacht der Mann an ihrer Seite und fragt unwirrsch: ״Bist du noch nicht aufgestanden? Ich bin hungrig.“ Sie sieht ihn fragend an, dann begreift sie und geht nach der Wandnische: ״Es ist kein Brot da!“ ״Kein Brot?“ fragt er, ״dann muß ich sehen, ob ich heute welches verdienen kann. Koch Tee.“, Sie kocht das Restdien Tee, das sie in einer alten Tasse findet, und der Mann schlürft es aus. Dann nimmt er von einem Nagel jn der Ecke einen alten, fleckigen Rock, zieht ihn an und geht fort. Joya sieht ihm nach — er sieht alt und ungeschlacht aus. Dann fällt ihr ein, daß sie noch im Hemd ist. Auf dem Stuhl liegt noch das schimmernde Hochzeitskleid; sie streicht liebkosend über die Seide, bleibt auf die Stuhllehne gelehnt stehen und sieht vor sich hin. Das Lächeln auf ihren Lippen erstirbt. Nach einiger Zeit rafft sie sich auf, geht in die Ecke des Zimmers, wo ihr Karton steht und nimmt daraus ein fahles Baumwollkleid, das die Tante ihr genäht hat Das zieht sie an, setzt sich auf den Stuhl mitten in der Stube und denkt nach. Plötzlich wird die Tür aufgemacht und herein kommt der Sohn des Witwers mit einem Mann. Sie gehen geradenwegs auf das Bett zu, Joyas weißes Hochzeitsbett, nehmen die Kissen und Decken ab und ziehen die blanken Metallstäbe auseinander. ״Was ist?“ fragt Joya erschrocken. ״Ich soll das Bett zum Verleiher zurückbringen“, sagt der Bursche mit einem schadenfrohen Blick auf die junge Frau, die kaum älter ist als er selber. Joya sieht dem Bett und den weißen Kissen nach. Angst steigt in ihr empor. Sie weiß nicht recht, was sie allein in der dumpfen Stube beginnen soll. Also geht sie vor die Tür und steht im Hofe. Es ist ein schmutziger, übelriechender Hof, schwimmend im feuchten Nebelgrau eiries trüben Wintertages. Ringsum sieht sie lauter verfallene Türen und zerbrochene Fenster, und hinter den Türen und Fenstern ertönt Geschrei, Schimpfen, Kindergeheul. Ab und zu geht ein Mann mit einem Packen auf dem Rücken an die Arbeit, oder ein Weib läuft halb bekleidet und ungekämmt zu einer Nachbarin. Fast nackte Kinder wälzen sich im Schmutz. Sie gehen alle ari Joya vorüber, alle die Männer und Frauen, die in leuchtenden Seidengewändern, mit silbernen und goldenen Stirnbinden ihre Hochzeitsgäste waren und der lächelnden weißen Königin huldigten — und nun stecken sie in unsauberen Lumpen und grüßen kaum die junge Frau, die fröstelnd in dem schlammigen Hof steht. Joya fürchtet sich vor ihrer Einsamkeit, und da sie nicht weiß, wohin sie sonst gehen soll, geht sie zur Tante. Aber die ist ausgegangen, und Joya sitzt in der Stube und wartet Stunde um Stunde. Endlich kommt die Tante und beginnt zu schelten, als sie die junge Frau sieht: ״Was tust du hier? Geh an deine Arbeit!“ Als Joya in ihre eigene düstere Kellerstube zurückkehrt, findet sie den ganzen Raum voller Menschen: da sind ihres Mannes Kinder, der Sohn und die Zwölfjährige, da ist seine schwachsinnige alte Mutter, und in einer Ecke auf dem Boden sitzt seine Schwester, deren Mana vetschwunden ist