Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 46 (12.6.1928)
- Date
- 1928-06-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 332 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 46, 12. VI. 1028 Iialia Judaica Unmittelbar vor Redaktionsschluß erhalten wir die erschütternde Nachricht, daß der bekannte Italienische Zlonistenführer Dr. Giro Glass bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Die Größe des Verlustes, den unsere Bewegung erlitten hat und um den wir mit unseren italienischen Freunden trauern, wird auch aus den nachstehenden — bereits seit einigen Tagen gesetzten — Ausführungen unserer kürzlich von einer ItaHenreise zurückgekehrten Mitarbeiterin Frau Dr. Bertha B a d t - Strauß, die das Wirken des auf so tragische Welse aus dem Leben Geschiedenen erwähnt, offenbar. Red. Vor einiger Zeit erschien ein — auch an dieser Stelle gewürdigtes — höchst kenntnisreiches und kennenswertes Büchlein: ״Roma Israclitica“ von Ermanno Locvinson; es beschrieb die Wanderungen eines Juden, und eines llistorikers dazu, durch die Kunststätten Roms und teilte eine Menge wissenswertes und bisher im Schatze der Fachgelehrten vergrabenes Gut dem weiten Kreise der Italien- P״״er mit. Aus der Vergangenheit der italienischen Juden hörte man in diesem Buche viel, Leidvolles wie Freudvolles, Ueberraschendes wie Bekanntes; aus der Gegenwart der italienischen Juden hörte man der Absicht des Büchleins entsprechend, vielleicht allzu wenig, wenn auch etwa der ״Prozentsatz jüdischen Blutes unter den Pflegern des Jagd- und Reitsports" darin treulich verzeidinet war. Und doch bietet ein Blick auf die Juden des gegenwärtigen Italien gerade dem Wanderer der aus Deutschland kommt, deutsch-jüdische Bedingungen und Schichtungen vor Augen, manches in seinen Unterschieden Verblüffende — in seiner Verwandtheit Aufschlußreiche. * ״Es geht uns Juden eigentlich zu gut hier in Italien!“ sagte der junge Student aus Triest, den wir in Rom trafen. Das ist freilich ein Wort, wie man es auf dem weiten Erdenrunde einigermaßen selten aus einem jüdischen Munde vernimmt. Aber -- er wußte es zu begründen. Sehen Sie —- wir sind unser nicht eben viele hier; wir gleichen äußerlich (besonders für nichtjüdische Augen! wie wir nachher im Venezianischen Ghetto feststellten) den andern; wir erfüllen dieselben Pflichten und genießen dieselben Rechte wie unsere italienischen Mitbürger. Unter unserer geringen Zahl gibt es etwa sechzig Universitätsprofessoren; der Rector Magnificus der Universität Rom war ein — ungetaufter — Jude; der Rektor der Hochschule von Triest, der Jurist Marpurgo, ist ein seines Judentums sehr bewußter Jude. Mit Befremden hören wir, daß in eurem [Deutschland, dem Lande Lessings und Moses Mendelssohns, einer der bedeutendsten Philosophen, ein Mann von Weltruf, noch heute (oder gerade heute?) nicht Dekan seiner Fakultät wird, weil er Jude ist. Und wir lieben dieses Land, das uns nach alter Ueberliefcrung schon Herberge gewährte, als unser eigener Tempel noch stand — nicht umsonst spielen ja die Weisen von Venedig, die Chachme Venezia, schon im Talmud ihre Rolle; und vielsagend entstand die jüdische Sage, es hätten sich unter den uralten Gründern der Lagunenstadt schon Juden befunden ... So entstanden jene Gestalten heutiger äußerst assimilierter italienischer Juden als Ergebnisse eines freiwilligen. dankbaren Anpassungsprozesses an das Land ohne Antisemitismus; nicht erzwungene Gebilde wie anderswo; etwa jener italienische Ministerpräsident Luigi Luzatti, der von sich gesagt haben soll, er sei ״Pantheist aus Ucherzeugung, Christ im Herzen, Jude, wenn man mir es vorwirft.“ Neben diesem offiziellen und hochgeachteten ״nationalitalienischen“ Judentum, neben diesen Juden, die sich nur als Juden fühlten, wenn man es ihnen vorwarf, gab und gibt es aber, dem landläufigen italienreiscnden mehr oder weniger versteckt, ein jüdisches Ghettojudentum, wie man es vielleicht nur in den Städten des Ostens zu finden erwartet. Nicht weit von dem prunkvollen Kuppelbau der Großen Svnagoge, die der Führer dir vom Palatin aus mit Stolz unter den Bauten Roms aufweist, erheben sich die ungeheuren Trümmer römischer Vorzeit, die zum Theater des Marcellus gehören: aber unter den Arkaden der Außenwand nisten heut in kellerartigen Wohnungen die jüdischen Lumpenhändler und Altwarenhändler. Dort in der Nähe ist die Piazza delle Scuole, wo sich die fünf Bethäuser der römischen Juden befanden; und Wer in Rom seinen Haushalt mit rituell geschachtetem Fleisch”versorgen will, muß täglich in dies alte Ghetto pilgern. Keine Brücke, so wollte es scheinen, führt von Jude zu Jude, von Luigi Luzatti und seinesgleichen zu diesen Bewohnern des dunkelsten Rom. Aehnliche Emp- Bildungen ergreifen dich in Venedig: von den Palästen am (!!anale Grande, die wie Märchenschlösser den Vorüberfahrenden aus geschliffenen Fenstern anschauen, ist heut wohl manch einer in der Hand von Juden oder Judensprößlingen; aber willst du das jüdische Venedig kennenlernen, so mußt du weit, weit fort fahren, nach San Marcuola, wo an einem Platze gelegen, drei gewaltige alte Synagogen mit dem Prunk ihrer geschnitzten Kanzeln, mit schweren silbernen Lampen und kostbaren Brokatvorhängen von der alten Macht der Gemeinde Venedig künden. Aber — sie stehen leer; kaum, daß die Aermsten der Armen, die in den Winkclgäßchcn um San Marcuola wohnen, sich an Sabbaten dort zusammenfinden; nur zweimal im Jahre, an Rosch Haschanah und am Jom Kippur, erwachen sie aus ihrem Dornröschen- Schlummer. Wenn die Fremden nicht wären, die dem ״armen Schammes“, wie er sich selbst nennt, ein wenig sein Leben versüßten . . . Also fast wie bei uns? fragt der Fremde. Ja -- und Nein. Fs scheint, als ob auch hier wie in manch anderm Lande bei den Juden, welche die aufwühlende Kraft der letzten Jahrzehnte leidvoll in sich erfahren haben, Selbstbesinnuug eingesetzt habe. Von außen drängte die Zeit; von innen — das geben in Italien auch Nichtzionisten zu — pochte der Zionismus. Unter den italienischen Rabbinern war es besonders der allzu früh aus dem Leben geschiedene Oberrabbiner Margulies in Florenz, der vor Jahren schon die belebende Kraft dieser Volksbewegung erkannte sind, selbst ein begeisterter Zionist, in seinen Schülern und Freunden einen Stamm glühender Juden heranbildete. So erklärt es sich, daß Florenz zum Ausgangspunkte einer jungjüdischen Bewegung wurde, die gerade uns deutschen Zionisten und gerade im gegenwärtigen, oft gekennzeichneten Stadium unserer Bewegung, manches zu sagen hat. Junge Menschen, gespeist mit jeder Kultur, die der freigebige Boden Italiens ihnen zu spenden hatte, entdeckten in sich den Juden: ״Ebrci arrabbiati“ — ״fanatische Juden" wurden sie nach der Meinung der Umwelt Aber sie entdeckten nicht allein den nationalen Juden in sich —- mag sein, daß ihr durchweg stark betontes 1 leimatsgefühl in Italien ihnen hier den Weg versperrte. Und sie entdeckten nicht allein den religiösen Juden, sondern sie erschauten ihr Ziel in der Ganzheit des Judentums; in seiner Integrität; Integral-Juden nennen sie sich, weil sie das Judentum in seiner Integrität bewahren oder wieder auf bauen wollen. Darum arbeiten sie nicht oder nur wenig mit jenem geheimnisvollen Begriffe der Rassen- Zusammengehörigkeit wie die Nationaijuden ariderer Länder; sie finden den Begriff der jüdischen Nation am reinsten verkörpert in der Schöpfung dieser jüdischen Nation — in der lebenumspannenden jüdischen Tradition. Gibt es einen Weg zum Ritial? so wurde in diesem Winter hier in Berlin in einem Kreise Suchender immer wieder gefragt. — Auch diese jungen Integral-Juden, so scheint es, standeil vor dieser Frage: aller sie versuchten nicht wie etwa tiiesige Orthoeloxie sie durch Hinweis auf Dogma oder Offenbarung zu lösen. Sondern sie glaubten gerade in dem Riesenbau der jüdischen Tradition das eigenste Werk der jüdischen Nation zu erfassen: sie sind Traditionsjuden, weil sic Nationaljuden sind. Eine Darlegung der Grundbegriffe dieser altneuen Lehre unter dem folgerichtigen Titel ״I.,Israel Unica“ ״Israels Einzigkeit ‘ erscheint in den nächsten Wochen aus der Feder eines ihrer bedeutendsten Anhänger, des Florentiner Advokaten Pacifici, in dem aufblühenden Verlage ״Israel“ in Rom, der von einem anderen Wortführer dieser Bewegung, Dr. Giro (}laß, geleitet wird. ״Ach, es ist so gleichgültig, ob man diese Gemeinschaft als Nation, oder als Nationalität, oder nur mit ihrem Eigennameti bezeichnet, sic ist ja doch dieses Unikum —- Israel!“ Martin Buber prägte kürzlich dies Wort; die jungen italicnisehen Juden streben nach seiner Verwirklichung. Bertha Badt-Strauß. Grundsätzliche Kritik am Delegiertentag Von Dr. Erich Buch holz, Hamburg. Unter dem frischen Eindruck des Delegiertentages seien hier einige Beobachtungen gesammelt und Schlüsse gezogen, die post festum für den vergangenen Delegiertentag wertlos sind, für zukünftige Tagungen aber Berücksichtigung finden sollten. Folgendes sind die wesentlichsten Aufgaben eines Delegiertentages: Zionistische Information, politische Willensäußerung durch Stellungnahme zu politischen Aktionen und politische Willensbildung durch Klärung zionistischer Fragen. Aus allen diesen Faktoren und dem zunächst nicht näher zu bestimmenden allgemeinen Fluidum des Delegiertentages soll dann als Entscheidendes eine Steigerung der zionistischen Kräfte erwachsen. Prüft man unter diesen Gesichtspunkten den vergangenen Delegiertentag, so muß man zugeben, daß die zionistische Information ausreichend in den verschiedenen Referaten, zumal in dem Bericht von Felix Rosenbliith gegeben worden ist. Besondere politische Aktionen lagen dem Delegiertentag nicht vor, so daß hier keine Aufgaben zu lösen waren. Die Klärung der tiöiif^tischen Grondfrageh aber ist in keinem genügenden Ausmaß erreicht wördert. Und wenn auch von diesem Delegiertentag bestimmt ein zionistischer I mpuls'ausgegangen ist, so ist doch schon aus dem bezeichneten Mangel ersichtlich, daß dieser Impuls nicht die mögliche und notwendige Stärke erreicht hat. Das lag an grundsätzlichen Fehlern in der Gestaltung der Tagung und darum verdienen diese Fragen einmal eine etwas ausführlichcre Behandlung. Die Entwicklung der zionistischen Bewegung in der Welt und auch in Deutschland hat dazu geführt, daß die Parteihiidung immer stärkere Fortschritte gemacht hat. Nachdem es vier konsolidierte Parteien gibt (Misrachi, Hitachduth, Radikale, Revisionisten, darunter zwei weltanschaulich fundierte und also wohl für die Dauer bestehende), muß auch die Gruppe der allgemeinen Zionisten trotz ihrer entgegengesetzten Grundeinsteilung die Form einer Parteigruppe annehmen. Es genügt nicht diese Entwicklung bedauernd festzustellen und sie zu ignorieren, man muß vielmehr mit ihr als mit einer Tatsache rechnen. Durch diese zu einem gewissen Abschluß gelangte Entwicklung hat auch der Delegiertentag selbst eine andere Form angenommen. Es ist nicht mehr die im wesentlichen unparlamentarische Tagung einer Reihe von mehr oder minder einander nahestehender Gesinnungsgenossen, die zu gemeinsamer Aussprache zusammengekommen sind; sondern der Delegiertentag oder besser sein Plenum ist heute ein parlamentarisch-politisches Forum geworden. Diese Erkenntnis bedingt aber eine besondere Gestaltung des Delegiertentages in Wahl und Form der Referate und der Diskussionen, die dieser jetzigen Form angemessen sein müssen. Wenn nach einem einfachen Rechenexempel der erste nicht als Parteivertreter sprechende Redner frühestens nach 3׳,?stüiidiger Debatte zu Wort kommen kann (Referent eine Stunde, fünf Parteivertreter je eine halbe Stunde Redezeit), also zu einer Zeit allgemeiner Ermüdung, so muß das Referat wenigstens so gewählt sein, daß es sinnvoll eine Debatte qua Fraktion gestattet. Für den Inhalt des Referates ist also zunächst einschränkend festzusteilen, daß es nach Möglichkeit Probleme behandelt, über die die Fraktionen als solche verschiedener Auffassung sind. Die strittigen Fragen sind in den Vordergrund zu stellen, das Einigende und Allgemeine muß der Eröffnungs- und Schlußrede des Delegiertentages Vorbehalten sein. Ein zweites Kriterium für ein dem Plenum angemessenes Referat, das sogar unbedingt zu gelten hat, ist ein formales. Eine parlamentarische Debatte muß, falls sie nicht wie auf dem letzten Delegiertentag völlig zerflattert, von einem festen Ansatz ausgehen. Diesen Ansatz kann der Referent geben, indem er den Inhalt seines Referates in Thesen zusammenfaßt. Das Referat wird dadurch gedrängter und eine parlamentarische Diskussion überhaupt erst möglich. Schließlich hat cs auch den nicht zu unterschätzenden Vorteil, daß der Referent selbst etwaige Resolutionen vorbereitet, während jetzt der Permanenz-Ausschuß nur zu oft im Eiltempo Resolutionen verfaßt, die dann meist den Inhalt von Referat und Diskussion verwässern. Mit allen diesen Maßnahmen hätte der Delegiertentag aber erst einen Teil seiner Aufgaben erfüllt. Die Möglichkeit zu zwangloser Aussprache der Delegierten, in der nicht zuletzt der eigentümliche Reiz dieser Tagungen beruht, ist damit noch nicht gegeben. Abhilfe kann hier nur die, Vermeidung eines anderen grundsätzlichen Fehlers schaffen, unter dem der Delegiertentag litt. Unsere Kommissionen haben im wesentlichen nur taktisch-organisatorische Fragen zu lösen (Budgetkommission, Permanenz-Ausschuß). Neben diesen Be- Schlüsse vorbereitenden oder tatsächlich beschließenden Kornmissionen sollten mehrere andere Kommissionssitzungen stattfinden, in denen wirklich ungezwungen und unparlamentarisch nach sachlichen nicht parteipolitischen Gesichtspunkten debattiert wird. Große Teile des an sieh ausgezeichneten Referates von Blumenfeld hätten in solche Kommissionen gehört. Zweckmäßig sollten sie durch ein kurzes Referat etwa eines der Mitglieder des Geschäftsführenden Ausschusses eingeleitet werden. An ihnen kann nach Wunsch jeder Delegierte teilnehmen; eine Wahl, die wieder parteipolitische Gesichtspunkte berücksichtigen müßte, ist nicht notwendig, da hier nichts beschlossen wird. Sollten bisweilen diese Aussprachen dazu führen, daß dem Delegiertentag Beschlüsse vorgelegt werden sollen, so hätte der Ltjftcr dieser Aussprachen nach Erstattung eines kurzen Berichtes an den Delegiertentag diese Resolutionen dem Plenum zur Beschlußfassung vorzulegen. Alle diese Vorschläge haben den Sinn, für den Delegiertentag diejenige Organisationsform zu schaffen, die seiner jetzigen Gestalt entspricht. Wir tragen zurzeit immer beiden Gesichtspunkten, dem parlamentarisch-politischen und dem unpolitisch-prüfendcn gleichzeitig und durcheinander Rechnung, mit der Wirkung, daß beide Gesichtspunkte nicht zu ihrem Rechte kommen. Das Plenum wird durch Debatten gelangweilt, für die es nicht der richtige Ort ist und die seltene Chance, daß alle zwei Jahre einmal eine so große Zahl von Zionisten aus ganz Deutschland sich trifft, die in der gegenseifigen Aussprache ihre Ansichten klären wollen, bleibt ungenutzt. Werden aber beide Aufgaben wirklich erfüllt, so entsteht das zionistische Fluidum und der wirklich zionistische Impuls. Menschen von oft nur durchschnittlicher Begabung und Leistung wachsen über das ihnen zustehende Maß im Dienste der Idee und zeigen bei diesen seltenen Auseinander- Setzungen mehr Eigenart und Farbigkeit, als sie sich vielleicht in ständigen und oft wiederholten Aussprachen kennzeichnet Die notwendigen organisatorischen Voraussetzungen für diesen von allen gewünschten Endzweck sind also: Möglichste Beschränkung des Plenums des Delegiertentages auf zionistische Information, politische Aktionen und pariamentarisch politische Debatten, eingeieitet durch entsprechend geformte Referate; stärkere Betonung der Kommissionen nicht nur für organisatorisch-taktische Aufgaben, sondern auch für sachlich-unpariamentarische Diskussionen. Joseph Cowen Aber politische Fragen Für Jüdisch-arabische Verständigung Mr. Joseph Cowen, der bekannte englische Zionist und Freund Theodor Herzls, der erst vor kurzem aus persönlichen Gründen aus der Exekutive ausgeschieden ist, hat in diesem Frühjahr Palästina besucht und nach seiner Rückkehr dem Vertreter des Londoner ״Jcwish Chronicle“ ein Interview gewährt, worin er seine Eindrücke im Lande schildert. Zunächst äußerte sich Mr. Cowen über die politischen Bedingungen und erklärte, die Zionistische Organisation müsse die englische Regierung zu stärkerer positiver Unterstützung des Aufbauwerkes drängen. E)iC englische Regierung habt bisher icine ' iu fengherzige Hab tung gezeigt, insbesondere In ihrer Forderung, daß Palästina von Anfang an keine Zuschüsse fordern dürfe. Für den Oberkommissär Lord Plumer hegt Mr. Cowen große Bewunderung. Uebergeliend auf das Verhältnis zu eien Arabern erklärte Cowen, der Zionistischen Organisation müsse der Vorwurf gemacht werden, daß sie nicht genügenden Kontakt mit den Arabern suche. In Syrien, Irak und Transjordanien gäbe es jetzt gesetzgebende Versammlungen, wenn sie auch nicht viel Macht haben. Palästina müsse sein eigenes Parlament bekommen. Warum vereinigen sich nicht die Juden, die doch ein sehr demokratisches Volk sind, mit den Arabern zu einer solchen Organisation, warum lehnen sie es nicht ab, sich ganz und gar von einer bürokratischen Regierung beherrschen zu lassen? Auf die Frage, ob Palästina ein jüdisches Land sein werde, antwortet Cowen: ״Wenn die Juden das Ihre dazu tun, dann sicherlich. Obwohl die Juden vielleicht der Zahl nach niemals iiberwiegen werden, wird doch ihr Einfluß überwiegend sein. Wir Zionisten haben stets gesagt, daß wir nicht an den altmodischen Begriff von ,Staat‘, der auf territorialen Beschränkungen und auf Armeen und Flotten beruht, glauben. Wenn wir sagen; das Land ist jüdisch, so meinen wir dies in dem Sinne, daß es ein Ideal von Freiheit, Toleranz und Nächstenliebe hochhält. Wir wollen den Arabern nicht mit Gewalt irgend etwas aufzwingen. Nur durch Vernunft, Freundschaft und Achtung können wir zu einem Ausgleich mit ihnen kommen und ein ideales Staatswesen schaffen. Wir brauchen Englands Schutz, solange die Idee im Zustand der Verwirklichung ist, später werden wir etwas schaffen, was wirklich jüdischem Geiste entspricht. Aus dem neuen jüdischen Geist, der in Palästina jetzt schon zu bemerken ist, mag vielleicht etwas ebenso Revolut i o n ä r e s entspringen, wie einst die zehn Gebote waren.“ In einem Vortrag, den Cowen im Anglo-Palestinian Club in London hielt, sagte er nach einem Bericht desselben Blattes über die arabische Frage: ״Wir scheinen ohne eine feste Politik bezüglich unserer arabischen Nachbarn zu sein. Zwar haben wir Freundsehaftsdeklarationer! gemacht, aber das ist nicht genug. Wir müssen weitergehen. Ich glaube nicht, daß wir für lange Zeit die Frage einer gesetzgebenden Versammlung dieser oder jener Art hinausschieben können. Ich glaube, wir müssen einen Versuch machen, mitden Arabern zueiner Verständigung hierüber zu kommen. Unsere Sache ist es, die Befürchtungen der Araber zu zerstreuen. Dies kann nicht durch Geld geschehen, sondern nur durch Hilfe, Freundschaff, gesellschaftlichen und geschäftlichen Verkehr. Wenn wir ein jüdisches nationales Heim haben wollen, dann muß es auf Liebe gebaut werden; einen anderen Weg gibt es nicht.“ Es ist interessant, daß ein alter Zionist der Herzischen politischen Schule bei Betrachtung der jüdisch-arabischen Frage zu diesen Ergebnissen kommt, die frei von jedem starren Doktrinarismus den wirklichen politischen Realitäten ebenso gerecht zu werden versuchen wie dem wahren jüdischen Geist. Motzkin beim lettischen Staatspräsidenten Riga, 7. Juni. (J. T. A.) Der Präsident des zionistisehen Aktions-Komites, Dr. Leo Motzkin, besuchte in Begleitung des Sejmdeputierten, Rabbiner M. Nurok, den Staatspräsidenten Lettlands, Semgal, und den Sejmvorsitzenden Dr. P. K a 1 n i n und unterhielt sich mit jedem der beiden lettischen Staatsmänner mehr als eine Stunde lang über Fragen des Zionismus und des Palästina-Aufbaus.