Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 45 (8.6.1928)
- Date
- 1928-06-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 324 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 45, 8. VI. 1928 die zionistischen Glauben und Entschlossenheit in allen VC'echr.clfällen zionistischen Geschehens bewahrt. Im allgemeinen kann man sagen, daß die Lage in der Bewegung von zwei Faktoren hauptsächlich abhängig ist: Von einer klaren und entschiedenen Führung der Bewegung im Zentrum und in den einzelnen Lindern, von dem Vertrauen Insbesondere In die bestmögliche Leitung des Palästina-Aulbauwerkes. Inwieweit die Exekutive diesen Anforderungen genügt, ist eine Frage, die auf diesem Delegiertentage nicht zur Debatte steht, über die ich nicht zu reden habe, denn ich gebe hier keinen Rechenschaftsbericht der Exekutive. Man wird jedenfalls nicht leugnen können, daß die Exekutive konsequent und klar und mit Bewußtsein und mit vorbildlicher Einsetzung ihrer besten Kräfte die palästinozentrische Grundrichtung ihrer Politik verfolgt. Ich will aber einiges über die Führung der Bewegung in den Ländern sagen. Wie immer man den Zionismus verstehen mag, als reine Befreiungsbewegung oder auch als Tat der menschlichen und geistigen oder gar religiösen Erneuerung, er appelliert in jeder Konz.eption an sittliche, idealistische Kräfte im Menschen. Nur der ist zur Führung der Bewegung berufen, der in seiner Persönlichkeit diesen Charakter des Zionismus ausdrückt. Wir kranken heute in der Organisation daran, daß wir von dieser idealen Forderung zu weit entfernt sind und daß wir zuviel Kleinlichkeit und Eitelkeit, ja sogar schon zynische Bezweiflung der sittlichen Grundlagen der zionistischen Bewegung dulden. Ich muß trotz aller Unvollkommenheit dieses Teiles meiner Ausführungen zum Schluß kommen und will zusammenfassen. Im großen und ganzen bin ich in bezug auf unsere Lage optimistisch. Unsere politische Stellung hat sich etwas gefestigt. Ich will noch darauf hinweisen, daß wir in der öffentlichen Meinung der Kulturwelt einen immer stärker werdenden Rückhalt gewinnen. In der letzten Zeit waren die Gründungen der Palestine Mandate Society und die Gründungen der Pro Palästina-Komitees in Oesterreich und in Italien weitere Maßnahmen zur Befestigung unserer politischen Stellung. Die Beratungen, die in den nächsten Tagen in London stattfindp, bringen eine zu lange Vorbereitungsperiode, die mit 11hmenden Diskussionen angefüllt war, zu einem gewissen Ab- Schluß. Ich hoffe, daß von den Londoner Beratungen aus der Uebergang zu einer neuen Periode erweiterter Aufbautätigkeit, unter Beteiligung von Kreisen, die bisher nur sporadisch und unverantwortlich zu unserem Werk beigetragen haben, bald gefunden sein wird. Aufbaupläne werden in der nächsten Zeit geschaffen werden. Die finanzielle Lage wird durch Abdeckung unserer kurzfristigen Schulden oder ihre Umwandlung in langfristige im Wege von Anleihe- Operationen gestärkt werden. Vielleicht wird es auch gelingen, für die Konsolidierung und Erweiterung unseres Siedlungswerkes zusätzliche Mittel im Anleihewege zu beschaffen, aber auch, wenn dies nicht glücken sollte, werden wir bei Fortsetzung einer vorsichtigen Finanzpolitik bald in der Lage sein, in Erez-Isracl zur Neukolonisation schreite« zu können. Ich bin optimistischer als viele von uns in bezug auf die Ergänzung und Auffrischung unserer Kräfte, aus den Reihen der Jugend. Die Jugend wird in unserem Lager sein, solange wir in Politik, Wirtschaft und Organisation den idealistischen Gesamtcharaktcr unserer Bewegung wahren. Die Chaluz-Bcwcgung wird — wenn auch Vielleicht nicht als Massenbewegung — aufrechterhalten und gestärkt werden können, ln allen zukünftigen Siedlungsplänen wird *die Ansiedlung chaluzischer Elemente einen breiten Raum einnchmen müssen. Das ist notwendig sowohl im Interesse des Gelingens des Aufbaus wie für die Bewegung im Galuth, die einen Chaluzkern als einen Kristallisationspunkt des jugendlichen Zionismus braucht. Die Zukunft wird einen neuen Kampf bringen zwischen den irrationalen Unterströmungen der zionistischen Bewegung und den rational-ökonomischen Tendenzen, einen hoffentlich fruchtbaren Kampf. Der deutsche Zionismus hat versucht, im Weltzionismus in dieser Auseinandersetzung zu vermitteln, und ich glaube, hier ist sein historischer Platz. Ich glaube nicht, daß wir deutschen Zionisten in der falschen Richtung gegangen sind. Wenn wir uns einen Vorwurf zu machen haben, so ist es vielleicht der, daß wir in einem Augenblick der zionistischen Geschichte zu kleinmütig gewesen sind. Die Lehre der letzten Erfahrungen ist vielleicht die eine große Mahnung: seid Optimisten. Denn Optimismus in unserer Politik ist im Grunde nur Glauben an die unzerstörbare Kraft des zionistischen Gedankens. (Langanhaltender Beifall.) Leo Motzkili in den baltischen Ländern Leo Motzkin weilte in den letzten Tagen in Lett-!and und in Estland und war in diesen beiden Ländern Gegenstand ehrender Aufmerksamkeit seitens der jüdischen Bevölkerung und der nationalen Minderheiten. Die jiddische Tageszeitung Rigas ״Frimorgn“, widmet Motzkin eine Nummer, in Dr. J. Hellmann, der Sejmdeputierte Rabbiner M. Nur 0 k und der Führer der deutschen Minderheit Dr. Paul Schicmann, Sejmdeputierter und Chefredakteur der ״Rigaischen Rundschau“ die Persönlichkeit Motzkins würdigen. Dr. Scliiemann schreibt u. a.: ״Der Besuch Leo Motzkins in Riga bedeutet nicht allein ein großes Ereignis für das Icttländische Judentum; mit aufrichtiger Freude begrüßen ihn alle Volksminderheiten und in einem besonderen Maße die deutsche M i n d e r h e i t.“ Schiemann schilderte Motzkins Rolle auf den internationalen Minderheitenkongresscn und schließt: Für uns Deutsche ist es von großer Bedeutung, an dem Beispiel Motzkins zu sehen, wie ein zionistischer Jude, der ganz der Kulturarbeit für das eigene Volk verhaftet ist, dennoch feste Be- Ziehungen zum deutschen geistigen Leben haben (ann. Ich hoffe, daß dieser führende Geist noch lange der Arbeit iiir die allgemeine nationale Bewegung erhalten bleibt.“ Bei seiner Ankunft in Riga wurde Motzkin von den Vcrtreten! des jüdischen Klubs, der Zionistischen Landesorgani-;ation, der Verbände ORT, OSE und EMIGDIRECT, der Stu- Jenten- und Jugend-Organisationen empfangen. Reval, 5. Juni. (J.T. A.) Leo Motzkin wurde vom esti-;chcn Staatspräsidenten Tennisohn empfangen. Der Staatsiräsident gab seiner starken Sympathie für die Idee der Schafmng eines jüdischen Nationalheims ln Palästina Ausdruck und erklärte sich mit Freuden bereit, sich an der Schaffung eines Pro Palästina-Komitee in Estland zu beteiligen. Motzkin traf auch mit dem Außenminister Rebane zusammen. Die Dresdner Tagung der jüdischen Jugendvereinc ׳ Von unserem M. S.-Sonderberichterstatter. Während in Breslau der Delegiertentag der Z. V. f. D. tagte, hielt in Dresden der ״Verband jüdischer Jagen d vereine Deutschlands“ seine Tagung ab. Dieser Verband, bekannt als der ״neutrale“, hat ein wechselvolles Schicksal hinter sich. Immer wieder blüht er — entsprechend dem Verlangen der jüdischen Jugend nach möglichst weitgehender Zusammenfassung — auf, verfällt in aufgeregten Zeiten der Entscheidungsnot der Spaltung oder der inneren Auflösung, um dann wieder zu einer neuen Existenz zurückzufinden. Die Dresdener Tagung zeigte den Verband auf einem Scheitelpunkt dieser wellenförmigen Entwicklungslinie, und es scheint, daß die Aufwärtsbewegung noch nicht zu Ende ist. Dementsprechend war auch das Interesse der Beteiligfen und der jüdischen Kreise Deutschlands überhaupt rege. Nach den Mitteilungen des Büros waren 700 Delegierte und Gäste nach Dresden gekommen, man sah aber neben der numerisch starken Beteiligung auch eine intensive Anteilnahme an den Angelegenheiten des Verbandes, und das nicht nur von den Delegierten, sondern auch von den offiziellen jüdischen Kreisen Deutschlands, die durch markante Reprisentanten auf der Tagung vertreten waren. Charakteristischer aber für die Bedeutung, die man dem Verband beimißt, dürfte noch das kundgetane Interesse derjenigen jüdischen Kreise Deutschlands sein, welche Wert darauf legen, nicht ״offiziell" genommen zu werden, vor allem der Jugendbünde aller Schattierungen. Auch sie waren in Dresden vertreten und nahmen an den Geschehnissen lebhaften Anteil. Woher dieses Interesse, diese plötzlich erlangte Bedeutung des Verbandes? Es ist der Tatkraft einer Gruppe energischer Menschen gelungen, in einer Zeit, die ihren Absichten förderlich ist, in kurzer Frist aus einem nahezu vollendeten Trümmerhäufen diesen starken Verband hervorgehen zu lassen, von dem man .auf der Tagung immer wieder, je nach der Ein- Stellung des Redenden, als Kritik oder mit Stolz, zu hören bekam, er sei ״das Bataillon der Zwölftausend“. Der V. J. J. D. dürfte heute die numerisch stärkste Organisation der jüdischen Jugend Deutschlands sein, und er geht daran, einen eigenen Willen zu formulieren und diesem Willen Geltung zu verschaffen (wie z. B. in der Gemeindefrage): daher das manchmal etwas furchtsame Interesse der ״offiziellen“ Kreise. Und auf der anderen Seite: diese Menge junger jüdischer Menschen, in einem Verband vereinigt, mit Willen zum Verband und dem Streben nach Aufwärtsentwicklung, kann den lebendigen, strebenden Teilen der jüdischen Jugend außerhalb des Verbandes nicht gleichgültig sein. Der ״Verband“ mit seinen Tausenden ist ״der große Unbekannte“ des jungen deutschen Judentums. Der Verlauf des Delegiertentages hat, das sei vorweg bemerkt, den ״großen Unbekannten“ nicht enthüllt. Die Devise ״Wege zur Wirklichkeit“ (eine Devise, die man verlassen sollte; sie ist restlos verbraucht!) hat ihren konkreten Sinn nicht offenbart. Ein glänzendes Referat Max Wieners beschäftigte sich gleichsam zeitphilosophisch mit dem Hang zur Wirklichkeit, mit der instinktiven Gegnerschaft gegen den Dualismus von Idee gnd Wirklichkeit, die in unserer .Zelt #t!: jüngsiverflpssenen.jdealtypus^ des in einet' Bcke^ $t(|I j׳ genügsamen Idealisten mit der heimiiehen Wahrhöt ibgslökf hat. Dieses Referat war repräsentativ gedacht. Es hat auf den Gang der Verhandlungen auch dort, wo es die theoretische Analyse verließ und — insbesondere am Schluß -— zur sachlichen Darlegung kam, leider so gut wie keinen Einfluß ausgeübt. Herbert Felsenthals (Düsseldorf) und Julius Herzfelds (Essen) Referate beabsichtigten, den ״Weg zur Wirklichkeit“ zu substanziieren; das erste hinsichtlich der Erziehungsarbeit in den Bünden, das zw׳eite nach der politischen Seite, im Verhalten zur Gemeinde. Die Debatte, soweit sie öffentlich war, gestattete keinen Einblick in das innere Leben der Gruppen und in die vorherrschende Richtung des Wollens; man hörte sehr ernste kritische Vorhaltungen gegen die nicht näher konkretisierte ״Wirklichkeit“, auf die da gepocht wurde, und zwar nicht nur von den zionistischen Debattenrednern, sondern auch von nichtzionistischen ״Junggrupplern“ (am besten Friedberg, Karlsruhe, und Stahl, Mannheim. Dr. Grünewald, Mannheim, dessen Debatte«־ rede bedeutsam und entscheidend aufhellend zu werden versprach, mußte zu vielseitigem Bedauern nach fünf Minuten vor der Geschäftsordnung kapitulieren; der Protest von Robert Marcus kam erst folgenden, weniger fördernden Rednern zugute. Von nichtzionistischen ״Junggrupplern“ war insbesondere die Kritik Kurt Meyerowitz’, vom Wanderbund ,,Kameraden“ bemerkenswert und mit der der zionistischen Kritiker konform.) Wirkliche Entscheidungen waren in der Gemeindefrage zu treffen. Die Bestimmungen über die Karenzzeit, welche sich die ״Jüdische Volkspartei“ von den Liberalen beim Entwurf des Preußischen Judengesetzes im Kompromißwege hatte sehr gegen die eigenen Intentionen aufdrängen lassen, und die von den Gemeindeliberalen gegen die Ostjuden gedacht waren, haben sich den Führern des Verbandes als eine Gefahr für das Wahlrecht der Jugend enthüllt. Der großen Zahl der häufig den Wohnort wechs'elnden jungen Angestellten droht, falls dieser Entwurf Gesetz wird, Wahlentrechtung. Eine scharfe Resolution Herzfeld- De Jonge, welche eine Abänderung des Entwurfes in diesem Punkte verlangt, wurde angenommen, und daß der ultimative Zusatzantrag De.Jonges fiel, ist nur dem Bestreben zu verdanken, die Dinge nicht voreilig auf die Spitze zu treiben, soll aber keineswegs über die Entschlossenheit hinwegtäuschen, mit welcher der Verfand hinter seiner Resolution steht. Wie ist dieser Verband zu beurteilen? In sehr vieler Hinsicht positiv. Sein Aufstieg entspricht einer Entwlcklungsnotwendigkeit. Die jüdische Jugend, aus ihrer Lethargie doppelt aufgerüttelt: durch die Ablehnung von außen und den Aufruf von innen, sucht Zusammenschluß, zuerst einfach menschlich-jüdisch. Sie hat keinen anderen Ausweg, als sich ztisammenzuschließen. Die Tatsache dieses Zusammenschlusses aber wird weiter wirken. Daß das Judentum bei ihm das Bewirkende ist, muß Konsequenzen haben. Man wird nicht um eine Auseinandersetzung mit diesen Konsequenzen herumkommen. Man wird sich mit dem Judentum als forderndem Faktor auseinandersetzen müssen. Man merkt schon jetzt einen judaisierenden Einfluß des Verbandes, wobei es gleichgültig ist, ob er in Wahrheit schon von Menschen gebildet wird, die das Bedürfnis nach Judaisierung in sich tragen, oder ob er es erst in ihnen erzeugt. Der Verband ist für das deutsche Judentum eine Chance. Eine Chance allerdings, die vertan werden kann, und zwar sehr schnell. Die Gefahr sei genannt: Selbstgenügsamkeit! Alles kommt darauf an, ob diese ״Zwölftausend“ an sich Genüge finden, ob sie die verkrüppelte Gegenwart zur ״Wirklichkeit“ erheben, der mau sich zu beugen hat, oder ob sie eine zukünftige sehen, die zu, sei es fernen, Zielen ruft. Es kommt darauf an, ob man, von der Macht der Zahl berauscht, zu übersehen geneigt sein wird, daß die Entscheidüng der jüdischen Jahrtausende in das Schicksal unserer Generationen gelegt ist, daß diese Entscheidung aktiven Einsatz verlangt und zu diesem Zwecke eine Durchdringung der jüdischen Situation, welche über den Rahmen des Verbandes und selbst über den des deutschen Judentums hinausgreifen muß. Die wahre Entscheidung über das Schicksal des Verbandes liegt in seiner nächsten Entwicklung: ob er nach dem zahlenmäßig so erfolgreichen Aufstieg den inneren intensiven Zusammenhang mit den jüdischen Fragen gewinnt; ob seine Neutralität — um mit den Worten des Max Wienerschen Referates zu sprechen — den Unwfllen zur Entscheidung bedeuten wird, oder aber den Willen zu dem gemeinsamen von der Empfindung jüdischer Wurzelhaftigkeit getragenen Lernen, dem die Entscheidung folgt. Vor dieser einen Frage verstummen im Augenblick alle Einzelfragen, die man als Zionist zu stellen hat und die bei anderer Gelegenheit zu stellen sein werden. Der Hochsehnt-Antisemitismus Vor der Berliner Universität veranstaltete am 5. d. M. die sogenannte ״Allgemeine Studentenschaft“ eine Kundgebung zu den von ihr veranstaltenden Wahlen, die schwach besucht war, aber infolge des turbulenten Verhaltens der Rechtsradikalen, die Zuzug vieler Nichtstudierender in Hitler-Unifocm mit dem Hakenkreuz erhielten, in schwere Ausschreitungen ausartete. Das 8״ Uhr-Abendblatt“ gibt hierüber die folgende Schilderung: ״Die Burschen in Hitler-Uniform und alle, die ihnen nahestanden, begannen mit einem Male im Chor den (kommunistisehen) Redner niederzuschreien. Dabei ergingen sie sich i n wüsten antisemitischen Beschimpfungen. Der Tumult wuchs noch, als der Vertreter der Nationalsozialisten, Dr. Conti, das Wort ergriff, um sich in heftigsten antisemitisehen Redewendungen zu ergehen, wobei er von der ״Jude npest“ sprach. Diese Hetzrede des Nationalsozialisten war es vor allem, die den Anstoß zu dem nunmehr folgenden Handgemenge gab. Aus den anfänglichen kleinen Reibereien wurde nunmehr ein großer Zusammenstoß zwischen den Rechtsradikalen und den Anhängern anderer Parteien. Der Polizei gelang es, sich zwischen die kämpfenden Parteien zu schieben und diese voneinander zu trennen. Bel der Universität kam es zu einem erneuten Handgemenge, das abermals von den Polizeibeamten getrennt werden mußte. Das Universitätsgeblude wurde von Polizei besetzt.“ * Ob man auch die bösen Erfahrungen die der Berliner Polizei- Vizepräsident Dr. Bernhard Weiß mit der ihm unterstellten Schupo gemacht hat, wenigstens zum Teil auf Rechnung antlsemitischer Instinkte setzen kann, die beim Anblick des jüdisch aussehenden Dr. Weiß rege wurden, ist fraglich. Immerhin kann mit Bestimmtheit angenommen werden, daß Dr. Weiß sich weder aggressiv benommen, noch randaliert hat. Trotzdem ist er von den Wachleuten arg <%m§״OUn»mikHipp!1l*Hnb«Arbeltft;.vrt>fdbiter. Offenbar haben diese ihn in ihrer Erregung auch für einen Kommunisten gehalten. Dieser Irrtum Ist unbegreiflich. Wohl war Dr. Weiß in Zivil (er hat unseres Wissens überhaupt keine Uniform), aber immerhin im Dienstauto des Polizeipräsidiums auf dem Schauplatz der Demonstrationen erschienen, wenn nun schon, was schwer anzunehmen ist, Dr. Weiß den Wachleuten persönlich nicht bekannt war, so hätten sie doch das Dienstauto erkennen müssen. Allerdings paßt das traurige׳ Erlebnis des Polizeivizepräsidenten in den Rahmen der in der letzten Zeit von der Berliner Polizei beobachteten Haltung: Sanft gegen exzedierende Antisemiten auf dem Kurfürstendamm, von größter Entschlossenheit gegenüber andern Richtungen. Wir möchten nicht übertreiben; aber ein bißchen Antisemitismus spielte auch bei dieser Groteske eine Rolle. Oberrabblner Heinrich Brody Dr. Heinrich Brody, der Oberrabbiner von Prag, der kürzlich — wie bereits kurz berichtet — seinen sechzigsten Geburtstag feierte, ist eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des gesetzestreuen Judentums und der hebräischen Wissenschart. Brody, der seinem Schwiegervater Dr. Nathan Ehrenfeld im Amte des Prager Oberrabbiners nachgefolgt ist, ist nicht nur — was selbstverständlich ist — ein genauer Kenner der gesamten jüdisch-religiösen und rabbinischen Literatur, sondern sein spezielles Forschungsgebiet ist die mittelalterliche hebräische Poesie. Auf diesem Gebiete hat er Hervorragendes geleistet Abgesehen von seinen wissenschaftlichen werken und Ausgaben seien hier nur zwei Auswahlbände der hebräisehen Literatur der spanischen Epoche erwähnt, die, für ein größeres Publikum berechnet, Popularität gewonnen haben und auch verdienen. Das eine ist seine mit Prof. Albrecht gemeinsam besorgte Anthologie ״Die neuhebräische Dichterschule“, die 160 Arbeiten von 35 Dichtern enthält, das andere ist die im Insel-Verlag (Bibliotheca Mundi) erschienene Sammlung מבחר השירה העברית (gemeinsam mit Meir Wiener). Brody ist, obwohl er seiner ganzen Natur nach mehr der Lehre und Wissenschaft, als der Politik sein Leben widmet, seit viele״ Jahren ein treuer und aktiver Anhänger des Misrachi. Besonaers erwähnt zu werden verdient sein Beitrag in der Festschritt des deutschen Misrachi, wo er die anläßlich der Entstehung der misrachistischen Bewegung in der Slowakei und im damaligen Ungarn sich abspielenaen Kämpfe schildert. Bekanntlich herrschen in diesem Teile Europas noch völlig mittelalterliche Methoden, und der Zionismus wurde von den dortigen orthodoxen Rabbinern wiederholt mit Bann und Fluch belegt In diesen Kämpfen, die auch nach der Gründung des tscheeho-slowakischen Staates nicht ruhten, hat Brody wiederholt mannhaft zugunsten des Zionismus ejngegriffen. Vor einiger Zeit hat Brody auch in Berlin in einer misrachistischen Veranstaltung gesprochen. Nicht nur in der Gemeinde, deren geistliches Oberhaupt er ist nicht nur in dem Kreise seiner engeren Parteifreunde, sondern im gesamten heutigen Judentum, soweit es jüdisch interessiert ist und jüdische Verdienste zu würdigen weiß, genießt Oberrabbiner Brody den größten Respekt Wir beglückwünschen ihn zu seinem Geburtstag und wünschen ihm noch viele Jahre segensreichen Wirkens. Der ״Emigdlrekt“ hat auf eine Bitte um Hilfe, die er von den durch das Erdbeben betroffenen bulgarischen Judengemeinden erhalten hat, eine Spende von 500 M. überwiesen.