Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 45 (8.6.1928)
- Date
- 1928-06-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- Haifa 2× ep/1047930
- Paul Schlesinger 2× ep/1019775
- Abraham Berliner 1× ep/1011577
- Budapest 1× ep/1002374
- Fritz Bamberger 1× ep/1023070
- Hans Goslar 1× ep/1013839
- Hirsch Hildesheimer 1× ep/1014016
- Jacob Steinhardt 1× ep/1009311
- Kurt Blumenfeld 1× ep/1009257
- Ludwig Geiger 1× ep/1027219
- Martin Philippson 1× ep/1023177
- Max Brod 1× ep/1024844
- Stralsund 1× ep/1045783
- Werner Sombart 1× ep/1026302
- Wrocław 1× ep/1002369
- Ze'ev Jabotinsky 1× ep/1009267
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Nr. 45, 8. VI. 1928 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 32S 1 1200 deutsche Touristen in Palästina (Führung durch den Palestine Lloyd.) Wir erhalten aus Palästina nachstehenden Bericht: Das größte Ereignis der diesjährigen Touristensaison war der Transport des ״Monte Sarmisnto“, eines Schiffes der Hambürg—Südamerika-Linie, mit welchem das Reisebüro Bamberger in Hamburg eine Reise von 1500 Passagieren nach Aegypten und Palästina organisierte. Die Preise waren so niedrig kalkuliert, d!ß es insbesondere dem Mittelstand ermöglicht wurde, sich in großer Anzahl zu beteiligen, und tatsächlich waren die Plätze innerhalb weniger Wochen ausverkauft. Das Publikum setzte sich fast gänzlich aus deutschem guten Mittelstand, Beamten, Akademikern, Kaufleuten zusammen. Unter 1500 Passagieren befanden sich kaum 100 Juden. Die Landausflüge lagen gänzlich in den Händen der palästinensischen_ Reisegesellschaft ״Palestine Lloyd Ltd.“ (deren Aktien sich im Portefeuille der Anglo Palestine Co. Ltd. befinden). Der Palestine Lloyd nahm diejenigen Passagiere, die sich an diesen Landausflügen beteiligen wollten (es waren 1200 in Palästina und 1350 in Aegypten) beim Anlegen des Schiffes im Hafen in Empfang, führte sie sieben Tage durch Aegypten und Palästina und übergab sie alsdann wieder dem Schiff. Die organisatorische Aufgabe war eine außerordentlich große, und es darf gesagt werden, daß sie in hervorragender Welse gelöst wurde. Es war der größte Touristentransport, der bisher nach Palästina und Aegypten kam, und 1200 Personen gleichzeitig unterzubringen, war angesichts der immer noch recht unentwickelten Hotel- und Transportverhältnisse ungemein schwer.. Der Transport wurde in vier Gruppen geteilt: zwei gingen in Aegypten ins Land und von dort in zwei Untergruppen auf verschiedenen Wegen nach Palästina, die beiden anderen gingen in Haifa ans Land und wurden von dort, wiederum in /״«* verschiedenen Gruppen, durch Palästina nach Aegypten geführt. Auf diese Weise gingen gleichzeitig vier Kolonnen zu je 300 Peräonen durch das Land. Es war dafür gesorgt, daß schon auf dem Schiff eine Einiedung in kleine Untergruppen stattfand, und demzufolge konnte die Ausbootung bzw. Auswaggonierung mit der größten Akkuratesse durchgeführt werden. Die Üeberführung von 600 Personen aus dem Schiff im Hafen von Haifa in die Eisenbahn und in die Autos nahm genau 30 Minuten in Anspruch, und ebenso war in Jerusalem 30 Minuten nach Ankunft des Zuges der letzte Tourist in seinem Hotelzimmer. Von der ersten bis zur letzten Minute vollzog sich alles in klaglosester Ordnung. Da weder das jüdische Hotelwesen noch der jüdische Apparat an Chauffeuren und Führern einem solchen Transport allein gewachsen wäre, und da sich überdies bei der Zusammensetzung der Reisegesellschaft jede einseitige Färbung von selbst verbot, wurden alle in Betracht kommenden guten Hotels und Logierhäuser mit herangezogen, und der Autofransport wurde in vollster Harmonie und Kooperation auch mit arabischen Kontraktoren organisiert, unter Wahrung des Prinzips, daß 50 °k der Chauffeure und Führer Juden sein mußten. Die Tatsache, daß sich dieses Kooperieren glatt vollzog, ist von um so größerer Bedeutung, als damit gerechnet werden mußte, daß die arabischen Kreise, welche bisher das Touristengeschäft monopolisiert hatten, Störungsversuche unternehmen würden. Die Aufgabe der Führung bestand darin, den Touristen (wie gesagt, mehr als 90 % Nichtjuden) das sogenannte christliche Tourenprogramm zu zeigen, außerdem aber, soweit nur irgend möglich, den jüdischen Teil Palästinas*. Besonders wirkungs« vojl war es, daß die Touristen zum Abschluß der Tour nach der Stadt geführt wurden, die von allen anderen Reisegesell« schäften boykottiert wird : Tel-Awiw. Ben Nachmittag ms *fr hc^|.:am*stränd‘1tirt»in^lid־imd'iHfdeh־Stoiehij»0־Bie«lei;erff bekamen sie einen aWerördentiieh starken Eindruckvon der Tatsache, daß sie sich in einer gänzlich jüdischen Stadt befanden. Dieser Eindruck wurde noch dadurch verstärkt, daß die Stadtverwaltung den Touristen einen Empfang bereitete, der für gevrönnliche Orientreisende etwas ungewohnt War: es fanden große Bälle statt mit hebräischen Begrüßungsansprachen des Bürgermeisters und Festaufführungen, bei denen die Wahl des Stückes (Schillers ״Der Neffe als Onkel“ in hebräisch) ebenfalls als liebenswürdiger Akt der Gastfreundschaft empfunden wurde. Von seiten der Touristen wurden Reden gehalten, die den Dank für diese überraschend herzliche Aufnahme und für die gute Führung sowie Glückwünsche für die Zukunft zum Ausdruck brachten. Der Palestine Lloyd beendigte mit dieser Großleistung eine Touristensaison, die ihn zum erstenmal in die Front der großen Reisegesellschaften brachte. Die Organisierung der Reisen von Dr. Oskar Wassermann, Sir Alfred Mond (eine mehrwöchentliche Reise durch Aegypten, Palästina, Syrien und Mesopotamien), Regierungspräsident Hausmann, Stralsund, Herrn Leo Simon, Berlin, Sir Frederik Kaetle, London, Mr. Gutmann, New York, Max Brod, Prag, und anderen bekannten Persönlichkeiten des Finanz- und Wirtschaftslebens sowie der Politik und der Literaten hat gezeigt, daß auch die verwöhntesten Ansprüche von Einzelreisenden durch ein jüdisches Reisebüro befriedigt werden können. Die erfolgreiche Organisierung von Gruppenreisen, die teils im Aufträge von bekannten Reisebüros, u. a. des Reisebüros der Hamburg—Amerika-Linie, teils in eigener Regie, z. B. aus Rumänien und aus der Schweiz erfolgten, und vor allem der Sarmiento-Transport eröffnen darüber hinaus große Perspektiven für die wachsende Einflußnahme auf das Touristengeschart, welches nicht nur in finanzieller, sondern vor allem auch in politischer Hinsicht einen der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes darstellt. Ehrung Lipmann Blochs Während des Delegiertentags erschien der älteste Breslauer Gesinnungsgenosse Lipmann Bloch, der im 79. Lebensjahre steht und vor kurzer Zeit das Fest der goldenen Hochzeit begangen hat, in der Bankreihe der Ehrengäste. Der Vorsitzende Kurt Blumenfeld ergriff, nachdem der Diskussionsredner seine Ausführungen beschlossen hatte, das Wort, um den Gast zu begrüßen. Kurt Blumenfeld wies auf die seltene geistige und körperliche Frische hin, deren sich Lipmann Bloch erfreut. Launig sagte Blumenfeld: ״Diese Tatsache ist ein Beweis, daß der Zionismus jung erhält, und wir hoffen, daß es Lipmann Bloch vergönnt sein wird, gemeinsam mit uns Zeuge großer zionistischer Erfolge zu sein.“ •Diesen Worten folgte stürmischer Beifall, für den der Gefeierte, sichtlich bewegt, dankte. Der Mord In Paris Paris, 3. Juni. (J. T. A.) Am י •Juni wurde der erschossene Leiter des Pariser Büros der J. T. A., Jacques Goldb e r g, zu Grabe getragen. Rabbiner Lieber ermahnte die am Grabe anwesenden verantwortlichen jüdischen Führer, auf die Jugend in besserndem Sinne einzuwirken. Rabbiner Dr. Eiscnstadt zeichnete ein Bild der Persönlichkeit Goldbergs. Im Namen der J. T. Ä. nahm Jacob Landau Abschied. Wladimir Jabotinsky erzählte aus dem Leben Goldbergs. An die Worte Rabbiner Liebers anknüpfend sagte Jabotinsky, nicht die jüdischen Führer, nicht die jüdische Jugend trage hier Verantwortung, schuldig ist das jüdische Elena, schuldig die Galuth. Von der Habimah Die Habimah feiert in Palästina andauernd große Erfolge. Alle ihre Vorstellungen waren bisher ausverkauft. Einer ihrer letzten Vorführungen in Tel-Awiw wohnten im Beth Am gegen 4000 Personen bei. Die Habimah gastierte dann in Haifa, von wo sie wieder für einige Abende nach Jerusalem zurückkehrtc und vielleicht sich auch noch entschließt, auch Tel-Awiw nochmals zu besuchen. Auch in den Siedlungendes Emek fand eine Reihe von Vorstellungen statt, ln Daganiah wohnten den Vorstellungen des ״Golem“, des ״Dybuk“ und 'des ״Ewigen 'Juden“ jedesmal über 3000 Zuschauer bei. Ebenso stark besucht waren die Vorstellungen in Ein Charod. Aus der ganzen Umgebung, bis aus Metulla kamen Zuschauer. In Tel-Awiw gab die Habimah die 600. V o r s t e! - lung von ״Hadibuk“ und wurde aus diesem Anlaß stürmisch gefeiert. Das Ensemble hat, wie es heißt den endgültigen Beschluß gefaßt, in Palästina zu verbleiben. Auch der Leiter des ״Taj“ (״Theatron Ercz-Israeli“), G; sin, hat sich mit der Habimah vereinigt 1 n es Rosch Haschanah N.-F.-Aktion In seiner Sitzung vom 10. Mai 1928 hat der Geschäftsführende Ausschuß der Z. V. f. D. beschlossen, die diesjährige Rosch Haschanah- Aktion des Keren Kajcmeth insofern zu seiner eigenen Aktion zu machen, daß er für dieselbe seinen gesamten Apparat zur Verfügung stellt. Eine in großem Maßstabe und gut durebgeführte Rosch Haschanah-Aktion wird nicht nur ein finanzieller Erfolg des Keren Kajemeth, sondern zugleich der beste Auftakt für die beginnende Winterarbeit in Deutschland sein. Indem wir von diesem Beschluß sämtlichen Verbänden, Ortsgruppen und Vertrauensleuten Kenntnis geben, richten wir schon heute die dringende Aufforderung an alle Freunde, mit den Vorbereitungen für die Aktion rechtzeitig zu beginnen. D i e Rosch Haschanah-Aktion wird 1'ndcr Zeit vom 1. b i s 30. September 1928 durchgcfu hrt, und es versteht sich von selbst, daß während dieses Monats keinerlei andere Aktionen oder Sammlungen stattfinden dürfen. Zionistische Vereinigung für Deutschland. Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums hielt anläßlich der im Rahmen der Prcssa voranstaltoten jüdischen Kulturwoclie ihre diesjährige Haupt- Versammlung im Kongreßsaal des Ausstrthmggeb&udes in Köln- Deutz, ab. Kino überaus starke Zuhörerschaft war der Einladung der Gesellschaft gefolgt, insbesondere erschienen auch zahlreiche Mitglieder aus dem Industriegebiet und vom Niederrhein. Die sehr angeregt verlaufene Versammlung begann mit einer geschäftlichen Sitzung, in der der Vorsitzende, Legalionsrat Professor Dr. M. Sobernheim (Berlin), den Bericht über die Tätigkeit des verflossenen Jahres erstattete. In der Festsitzung richtete zunächst der Präsident des Deutschen Rabbinerverbandes, Dr. ßaecl (Berlin), einige Worte der Begrüßung an die Anwesenden. Nach einer Begrüßung der Versammlung durch die Vertreter der Stadt Köln und der Universitäten Köln und Bonn gab der Schriftführer der Gesellschaft, Professor Dr. I. El bogen (Berlin), eine Uebersicht über die Aufgaben und Leistungen der Gesellschaft. Den Festvorlrag hielt Herr Dr. Fritz Bamberger (Berlin) über das Thema ,,Die geistige Gestalt Moses Mendelssokns“. Der Redner bemühte sich, zu zeigen, daß Mendelssohn durchaus nicht jener einseitige Aufklärer war, für den sein Zeitfatpise, R»j!nw1p.yw* bekämpft» tipi die N®®h?eR verehrte, aondern aß;'*!er. hgÄeUlllcE -)«Ijnei;' ' ‘ifor ÄesthefüMircliiiA*' Äil’ BedeüWng des Irrationalen anerkannte, daß er zwar in seinin allgemeinen Anschauungen über Religion sich auf dem Boden des Rationalismus hielt, aber sobald er auf Judentum zu sprechen kam, doch wieder jener Glauben an das Jenseitige und Geheimnisvolle durchbricht, der die Stärke aller echten Religion ausmacht. — Reicher Beifall lohnte die Ausführungen des Redners. Ein Buchhandlunjrs-Jubiläum. Am 1. Juni d. J. waren es 25 Jahre, daß die Buchhandlung Louis Lamm ihre Geschäftslokalitäten eröffnete. Der Gründer dor neuen Firma verfügte über gute Kenntnisse und große Tatkraft. Es fiel dem jungen Unternehmen nicht schwer, sich durchzusetzen. Sohr bald wurden freundschaftlicho und geschäftliche Beziehungen zu literarischen Größen dor Zeit angekniipft. Hier seien atis der Fülle der Namen nur einige genannt: Abraham Berliner. Bram} (Breslau', Ludwig Geiger, Hirsch Hildesheimer, Kavserling (Budapest), Martin Philippson, Saalfeld (Mainz), Steinschneider, Löwenstein /Mosbach). In dem Gesehäftslokal in der Neuen Friedrichstraße trafen sich Rabbiner, jüdische Gelehrte, Bibliophile und Kunslsammler aus aller Welt. Auch manche prominente Nichtjuden, wie z. B. Carl Hauptmann, den das Gebiet der jüdischen Mystik anzog, Graf Coudenhove-Kalergi, Werner Sombart, Strack und andere zählten in der Folge zu Freunden des jungen Unternehmens. Schon im zweiten Jahre seines Bestehens wurde der Buchhandlung und dom Antiquariat eine Verlagsabteilung angegliedert. Der Gründer förderte sein Unternehmen insbesondere auch durch viele und weite Reisen, die ihn nach Amsterdam. London, Paris, Brüssel, Wien, Krakau, Budapest, Luzern, Rom, Prag führten. Das jüdische Antiquariat erhielt Weltbedeutung. 28 teils sehr umfangreiche Kataloge (einige sind 200 S. stark) legen Zeugnis von dieser Tätigkeit ab. Dem Jubilar waren viele seiner Kunden in Freundschaft verbunden. Dazu gehörte von Anfang an der feinsinnige Kunstsammler Albert Wolff (Drcsden), dessen herrliche Sammlung jüdischer Kunstgegenstände auf Veranlassung Lamms der Berliner Jüdischen Gemeinde als Stiftung vermacht wurde. Umfangreich ist die Tätigkeit des Jubilars auf jüdisch-geschichtlichem Gebiete. Neben mehr als hundert Einzelabhandlungen in jüdischen Zeitschriften und Zeitungen veröffentlichte er eine größere Anzahl von meist jüdisch-historischen Werken. B. Pinkowitz. Konzert Rosenblatt. Der bekannte New Yorker Oberkantor und Komponist Joseph Rosenblatt, der bisher eine erfolgreiche Tournee durch Paris, Antwerpen und viele deutsche Städte absolviert hat, wird am Montag, dem 18. Juni, abends 8 Uhr, im großen Festsaal des Lehrervereinshauses, Alexanderplatz, ein Konzert veranstalten. Das Programm umfaßt religiöse, klassische und volkstümliche Gesänge. Sling. Der verstorbene Redakteur der ״Vossischen Zeitung“ Paul Schlesinger (S l i n g), der die Berichterstattung aus dem Gerichtsleben auf ein künstlerisch und ethisch bisher in Deutschland nicht übliches Niveau gehoben lut, verdient auch In einer bewußt jüdischen Zeitung vom jüdischen Standpunkte aus ehrende Erwähnung. Ohne daß Sling sich jüdisch irgendwie rechtigkeit und Menschlichkeit. Unter den zahllosen Vorkämptern für das Recht jeder Kreatur, die das Judentum der Menschheit gegeben, figuriert auch der Name Paul Schlesinger. Persönliches. Unser Gesinnungsgenosse Ministerialrat Hans Goslar ist durch das Ableben seines Vaters, Herrn Gustav Goslar, in tiefe Trauer versetzt worden. Der Verblichene war ein langjähriger treuer Zionist. Wir sprechen den Hinterbliebenen unsere herzliche Anteilnahme aus. Auch unser Gesinnungsgenosse, Rechtsanwalt Ludwig Aron, hat durch den Tod seiner Mutter, Sophie Aron, gcb. Cohn, einen schweren Verlust erlitten. Wir sprechen ihm unser Beileid aus. Jüdische Knast aut der Großen Berliner Kunstausstellung Jüdische Künstler und ,jüdische Kunst, früher Einzelfälle, sind allmählich zu einer ständig wiederkehrenden Erscheinung geworden. Das jüdische Motiv wird neuerdings sogar von Nichtjuden aufgesucht. Georg Günther, der zugleich einen ,.heiligen Georg“ ausstellt, fällt auf durch ein gutes, exakt gemaltes Zimmer mit ״Ostjuden“. Stil: neue Sachlichkeit. Er malt ein altes Ehepaar. Die Haut gegerbt vom Leid, die Augen rot, der Greis paßt nicht mehr in seinen viel zu weiten Kaftan, er steckt vielmehr in ihm drin. Dann ein neuer Name: Ilona Singer. Sie erscheint in der Art und Malweise, mit der Neuschul die erste selbständige eigene Form erlangt hat — Ausstellung bei Nierendorf im vorigen Jahr. — Ilona Singers kleiner Gtiettojunge mit breitem Kragen, Mütze und Gebetbüchern scheint unmittelbar seine Schule. Ncuschul selbst ist in einem groß angelegten Gemälde ״Feierabend'‘ und einem ebenfalls großen Gemälde ״Auf dem Bau“ ganz zum Maler der neuen Sachlichkeit geworden. Seine ״Schlaftrunkene“ ist mit wachen Augen gemalt Gestaltung mit kühlem Blut, nicht mehr in erster Linie vom Instinkt geleiteten Gefühl. — Auch Elisabeth Frankel-Coputo zeigt einen jüdischen Knaben, hineingestellt in eine Terrassenlandschaft. Fei gl bringt auch in diesem Jahr keine jüdischen Köpfe. Gegenüber der Sezession, in der er schwach vertreten war, hat er sich wieder auf das alte Niveau begeben. Eine Sommerlandschatt, Sommer über Gärten, in üppiger Sinnenfreude gehört zum stärksten, das man im letzten Jahre sah. Auch Lotilu Albert-Lasard zeigt wieder starke und gute Arbeiten. Ein langbeiniger ״Phantasievogel“ im Federmantel ist zart und schön in seinen hellen Tönen und stahlfest und elastisch im Aufbau als Komposition. Ein ״Begräbnis in Paris“ fesselt durch einen Zug ins Groteske. Ihren Arbeiten ־ ־ '־־ יי' ׳* י י י י' — ׳' . druck, aber auch ihre Energie und ihren erlesenen Geschmack, Gabriele Munter hat sich gut in Loulu Albert Lasards Wesen eingefühlt. Pariser Art und Eleganz werden noch einmal verkörpert durch eine Frau mit Pseudonym. Annot das heißt: scharf gesehen, akzentuiert, geschmackvoll und kapriziös. Wer ist Annot? — Arthur Segal, der Experimentator, hat sich wieder gewandelt Die schönen starken Farben, auch das leuchtende Emailblau, sind unter Schleiern verhangen. Dafür sind in diesen Bildern die Umrisse der realen Wirklichkeit deutlicher. Auch Segal nähert sich wieder dem ungeteilten Bild. Im Stilleben bringt es diese Art zu sehr aparter Wirkung. Ein Gemälde ״Das Fischerhaus“ repräsentiert Segal durch seine leuchtenden Farben, die bessere alte Zeit. Ein Gemälde ״Hafen von Rotterdam“, in großen Rechtecken stumpfbraun, steht der neuen Wandlung anscheinend nahe. Den technischen Erkenntnissen wünscht, man ebenbürtige Schüler. Es gibt in der Tat unter den Jüngeren, die es zu Namen brachten^ viele Segal-Schüler. Rudolf J a c o b i malt immer noch im Stil seiner bekannten Pariser Bilder, die Natur in der Stadt Josef Oppenheimer fällt dagegen auf durch ein Herrendoppelbildnis, das die Lebemänner kühn charakterisiert Julie W o 1 f 111 o r n zeigt ein lebenswahres Porträt von Tamara Tomis, der Regisseurin der Blauen Blusen. — Von den Malern jüdischer Kunst: Kulviansky, Rahel Szalit, Steinhardt, Budko, Barcynski sind nur Kulviansky und Rahel Szalit mit Gemälden vertreten, denn Jacob Steinhardt zeigt in seinen Gemälden Aquarien und ein Berliner Straßenbild. Kulvianskys jüdische Note beschränkt sich diesmal allerdings auch nur auf die übertriebenen Dimensionen des gutmütigen, dicken Filmschauspielers Tsehernow, Dies iGgjnllde ist aber für seinen Weg als Maler von groBM■ Be- ־;d|üfüh'g. — '* Rahel''Hz am Üif afcsniat*die jüdische MifeHifi Diese jüdischen Musikanten — der eine mit einen» Kopf, der aus einer farbigen Holzplastik stammen könnte — hinter ihnen die Dorfstraße, haben die Schwere der in der Realität wurzelnden Dichtung. Bedeutender noch ist ״Das Thoraverhör“. Szene: an einem Familientisch die Mutter mit dem Kopftuch, augenscheinlich eine Frau von prachtvollem Humor, eine richtige scharf gesehene Volksgestalt, freut sich über den Disput, den ihr Kleiner mit dem jovial überlegenen Vater führt. Auch dieser Vater hat die Klarheit von Köpfen alter Holzplastiken. Obwohl der Gesamtton grüngelb ist, bekommt das ganze durch die dunklen Töne nur die nötige Milieuschwere. Die Farbigkeit liegt hier im Ausdruck der Köpfe. — Henoch Barcynski, noch in Erinnerung von seinen hellen Dorfbildern mit dem milde-weisen Wasserträger, zeigt diesmal nur Graphik. Am stärksten eine Radierung, ״Ein kranker Jude“ mit Ohrverband. Steinhardt ist in seinen Holzschnitten besser als in seinen Gemälden. Sehr aufschlußreich ist gerade die Nachbarschaft von Budkos Holzschnitten, besonders wenn das Thema das gleiche ist: ״Auf dem Heimweg von der Schul“. Bei Steinhardt strebt alles zur Impression, bei Budko zur Mystik und zur Dichtung. Bei der Schweizer Graphik stellt auch ein jüdischer Künstler aus, der als Illustrator bekannte Gregor Rabinovitsch aus Zürich. Der Ziselierkünstler baut diesmal auch Flächen. Sehr fein ist die Radierung ״Der Mathematiker“ mit dem Zeichenstift Bei den Bildhauern folgt auf ein gutes Jahr meist ein schwächeres. Heinz Tichauer zeigt wieder nur eine Arbeit, eine eindrucksvolle Arbeitergruppe: Sie marschieren an. Isenstein sah man schon stärker. Der Jünglingskopf mit Hut spricht von starkem Antrieb; der aber käme besser zum Ausdruck in einer größeren Aufgabe, einer Gestalten gruppe. Ruth Morold. Palästina-Jugendfahrt 1928. Der Abreisetermin der Jugendfahrt wird auf den 28. September 1928 verlegt. Bei dem bis״er angesagten Termin hätte eine große Anzahl von Teilnehmern bereits am Abend des Jom Kippur ihre Heimats- Städte verlassen müssen. Durch die Abreise vom 28. ab Marseille besteht für alle die bequeme Möglichkeit, nach dem Ende der hohen Feiertage rechtzeitig zum Hafen zu kommen. Simcha-Thora wird in Palästina verbracht. Für die Palästina-Jugendfahrt wird ein jüngerer Arzt als Teilnehmer gesucht, der auf dieser Reise bei kleineren Erkrankungen, Verletzungen stets zur Hand ist und dem auch die hygienische Aufsicht über die Fahrt obliegt (Trinkwasser, Reinlichkeit, Ernährung usw.). Für die ärztlichen Bemühungen des Betreffenden ist ein entsprechender Entgelt vorgesehen. Geeignete Bewerber werden gebeten, sich beim Palästina- Lloyd unter dem Kennwort ״Palästina-Jugendfahrt“ zu melden. Im ״Theater am Kurfürstendamm“ bringt der Sommer eine der hier heimischen parodistischen Revuen, diesmal von einem pseudonymen Verfasser und mit dem Titel ״Tempo Tausend“ — eine in rasendem Tempo einander folgende Reihe von wahrscheinlich tausend (wer kann das zählen?) kurzen Szenen, begleitet von brillanten Jazz-Rhythmen, ein ״wahres Bild der Zeit“, wie sie sich selbst nennt. Natürlich sind die Nummern von ungleichem Rang, manche — aber nicht alle — witzig und originell, alle glänzend gespielt. Neben der Verulkung verschiedener politischer Instanzen interessiert vor allem die Parodie auf das Moskauer jiddischakademische Theater, die wirklich gelungen ist. Nur schade, daß man nicht einen geistreicheren und weniger trivialen Text zu den guten Gesten und Rhythmen finden konnte als den alten blöden Witz von Herrn Asch, in dessen Namen ein verloren gegangener Buchstabe wieder eingesetzt werden soll. 'V ־ ) b f: ■\ | '1 4 1