Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 45 (8.6.1928)
- Date
- 1928-06-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 322 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 45, 8. VI1928 alAi Aufbau des jüdischen Nationalheims init/uwirken, ein echter und fest begründeter ist. Es ist anzunehnicn, daß die Kommission in Verbindung mit der zionistischen Exekutive arbeiten wird. Dr. Weizmami ist nach London zurückgekehrt und es verlautet, daß auch aus Palästina Sacher und Ruppin nach London kommen. Die Londoner Beratungen können für den Aufbau Palästinas und damit für die Verwirklichung des Zionismus eine entscheidende Wendung bringen. ♦ In diesen Tagen findet in London auch eine Konferenz des Kuratoriums der hebräischen Universitat Jerusalem statt. Die Anfänge der Universität bestehen jetzt drei Jahre und die verantwortliehen Körperschaften werden sich Rechenschaft abzuleger! haben, ob sie mit der Entwicklung des Institutes zufrieden sind. Wir haben seinerzeit anläßlich der großen Eröffnungsfeierlichkeiten darauf hingewiesen, daß eigentlieh noch keine Universität vorhanden ist, sondern nur der Wille, eine Universität zu schaffen, ln den ersten drei Jahren wurden manche Versuche unternommen, eine Reihe von Instituten begann eine vielversprechende Arbeit, aber auch heute sind noch kaum die Konturen der Entwicklung zu einer wirklichen Universität zu erkennen. Drei Jahre sind freilich eine kurze Zeit, besonders für ein armes und unerfahrenes Volk wie wir, und es wäre ungerecht mit Ungeduld und weitgehenden Forderungen zu drängen, solange die Bedingungen für den Ausbau nicht reif sind. Ebenso unrichtig aber wäre es, das Problem nicht zu sehen, das Anlaß zu berechtigter Unzufriedenheit bietet. Der Verband der Studenten an der Universität Jerusalem sendet uns zur Veröffentlichung ein Memorandum, das er dem Kuratorium zu seiner Sitzung überreicht hat. Darin wird Klage geführt, daß die Universität ihrem eigentlichen Ziel noch nicht nähergekommen sei: Die Universität hat nur eine kleine Zahl von Studenten, und auch diese sind mit ihr nicht recht verbunden, sie sehen keine Perspektiven und keinen Weg einer wirklichen Vollendung der Studien. Infolgedessen haben viele Studenten die Universität wieder verlassen, und auch die verbliebenen werden dazu gezwangen sein, wenn nicht die nötigen Reformen durchgeführt werden. Als die zwei Qrundübel bezeichnet das Memorandum den Mangel eines Lehrplans und den Mangel von Lehrstühlen für wichtigste Fächer. Bis heute weiß man nicht, worin der Lehrkursus der einzelnen Institute besteht, wie lange er dauert, wie er abgeschlossen wird usw. An der judaistischen Fakultät fehlen bis heute die Lehrstühle für Bibel, hebräische Sprache, jüdische Geschichte und jüdische Philosophie. Ohne diese ist jedoch eine judaistische Ausbildung völlig undenkbar. Atich an dem ehemteehenund Jmathematisdifitt Institut fehtei noch wichtige Heber. Der Studenteh« verband appelliert an das Kuratorium, eine Lösung dieser wichtige Probleme zu finden. Vor kurzem hat bekanntlieh das Büro der Universität mitgeteilt, daß es ein Expos6 über die Frage der Ausgestaltung des Lehrbetriebes vorbereitet hat, das der Juni-Sitzung vorliegen soll. Die jüdische Oeffentlichkeit darf daher mit Spannung die Resultate dieser Sitzung erwarten. In der letzten Nummer des ״Haoiam“ äußert sich der Vorsitzende des Kuratoriums des Judaistischen Instituts, Chiefrabbi Hertz, über den Ausbau dieses Instituts. Dr. Hertz erklärt, es sei eine allmähliche Umwandlung in eine humanistische Fakultät geplant, die sämtliche geisteswissenschaftliche Fächer umfaßt. Die Schwierigkeiten seien bisher nicht nur finanzielle, sondern vor allem der Mangel an geeigneten Lehrpersonen. Dennoch werden in der nächsten Zeit eine Reihe von neuen Lehrstühlen besetzt werden, und auch die Bibliothek soll erweitert werden. Zu der gerechten Forderung der Studenten, über ihren eigenen Lehrgang Klarheit zu erhalten, äußert sich Dr. Hertz nicht. Bei diesem Anlaß sei darauf hingewiesen, daß der ״Deutsche Verband zur Förderung der Universität Jerusalem“ vor kurzem seinen Bericht für die Jahre 1926 und 1927 gedruckt herausgegeben hat. Der Bericht enthält in seinem ersten Teil eine Darstellung der Ent- Wicklung der Universität in diesen beiden Jahren, im zweiten Teil den Tätigkeitsbericht des deutschen Vcrbandes, der sich zufn Ziel gesetzt hat, allmählich die vollständige Fürsorge für das Naturhistorische Institut der Universität zu übernehmen. Der Verband (Berlin W 15, Kurfürstendamm 66) wird sicherlich Interessenten diese Broschüre gern zur Verfügung stellen. Die Kampagne innerhalb des amerikanischen Zionismus wird von beiden Seiten mit immer größerer Heftigkeit fortgeführt, je mehr man sich der Hauptschlacht nähert, der Convention in Pittsburg, die Ende Juni eröffnet wird. Pittsburg hat in der Geschichte des amerikanischen Zionismus einen guten Namen. Dort fand vor zehn Jahren die Convention statt, die die großen sozialen Prinzipien des Palästlna-Aufbaus verkündete. Die Botschaft aus Pittsburg hat damals in der curopäisehen zionistischen Welt tiefsten Eindruck gemacht; man empfand sie als Bestätigung der eigenen Ideale. Es war die Zeit, als auch Wilsons Ideen die Welt bewegten; die neuen Parolen schienen damals nicht nur aus Rußland, sondern auch aus Amerika zu kommen. Die Pittsburger Proklamationen haben sich bald darauf verflüchtigt, ebenso wie Wilsons Idee einer gerechteren Weltordnung. Die Brandeis-Gruppe, die vor zehn Jahren herrsehend war und bald von den Pittsburger Beschlüssen in ganz anderer Richtung abrückte, wird an jene Pittsburger Konferenz, die einen Höhepunkt des amerikanischen Zionismus gerade der Brandeis-Zeit bedeutet, Mrs. Inr* L'nAhehB! Präsidentin der ,,Harlusa“, eine der Führrrinnen der zionistischen Opposition in Amerika. ungern erinnert werden. Wie kläglich sind demgegenüber die Kämpfe, die sich für die Pittsburger Convention von 1928 vorbereiten. Die zionistischen Zeitungen Amerikas sind voll mit Diskussionen, die sich in Kleinigkeiten verlieren. Es handelt sich vor allem um Vorwürfe gegen die Leitung der Landesorganisation (Lipsky- Gruppe) und um ausführliche Widerlegungen, in denen die Führer des amerikanischen Zionismus ihrerseits wieder die Fehler und Versäumnisse der Brandeis-Gruppe brandmarken. Interessant ist eine Polemik von Maurice Samuel, der die auch von uns veröffentlichte Resolution der Hadassah-Konferenz unter die Lupe nimmt und Satz für Satz dokumentarisch nachweist, daß gerade die Hadassah es war, welche gegen das hier von ihr vcrkündete Programm gehandelt hat. Z. B.: ein Absatz der Hadassah-Resolution fordert, die zionistische Organisation Amerikas müsse wieder von ihren Mitgliedern die Anerkennung des Baseler Programms fordern, nicht etwa nur Geldbeiträge für Palästina. Als Antwort druckt Maurice Samuel in ״New Palestine“ die Beitrittsformulare beider Organisationen ab, und siehe da, das Formular der Zionistischen Organisation enthält das Baseler Programm und die Erklärung des Beitretenden, das Progratntn zu akzeptieren, während das Formular der Hadassah lediglich von einem Mitgliedsbeitrag spricht, ohne Erwähnung eines Programms. Und doch bewirkt der :Etatottt.äin die HaiassÄ*ait0MatiKh:dett:.IiBtrittfiB:1iie£; Zionistische Organisation. '• ־Letzte׳*Nachrichten': besagen^ daß seitens der Zionistischen Organisation sogar erwogen wird, das organisatorische Verhältnis zur Hadassa zu lösen, so daß die Hadassa-Delegierten gar nicht mehr zur Convention kämen. Es wäre voreilig, Vermutungen über den Ausgang des Pittsburger Kampfes anzustellen. Es scheint unbestreitbar, daß die zionistischen Massen hinter der gegenwärtigen Leitung stehen, dagegen beruht die Stärke der Opposition auf den Frauen; ein eigentümlicher und etwas paradoxer Zustand, daß zionistische Fronten sich nach dem Geschlechte scheiden. Die Hadassah-Frauen- Organisation ist besonders straff organisiert und ihren Führerinnen, die im oppositionellen Lager stehen, fast blind ergeben. Die Eigenwilligkeiten der Hadassah haben schon seit langer Zeit Unwillen in der Zionistischen Organisation hervorgerufen. Es ist interessant, daß die Schöpferin und frühere Führerin der Hadassah, Miß Szold, in dem Moment, wo umfassendere Verantwortungen auf ihr ruhen, Prinzipien vertritt, die im Gegensatz zu dem Hadassah-Programm und dem Hadassah-Budget stehen, das sie selbst, damals noch Hadassah-Führerin, vor einem Jahre der damaligen Exekutive abgetrotzt hat. Wir glauben, daß in dem überaus verwirrten Durcheinander hier der einzige Punkt liegt, wo eine Klärung einsetzen könnte. Wir haben schon einmal darauf hingewiesen und wiederholen nochmals, daß es eine Pflicht Miß Szolds ist, eine Beilegung des Konfliktes zu versuchen und die Prinzipien des Primats der Kolonisation und der Gesamtverantwortung gegenüber dem Palästinaaufbau, die sie in Jerusalem proklamiert hat, auch in Amerika durchzusetzen. Es scheint, daß es sich in Amerika im Grunde weniger um An9chauungsgegensätze handelt, als um zwei Gruppen mit verschiedenem Lebensstil, was wir kurz als Gegensatz von ״Ost und West“ zu charakterisieren pflegen. Der Zionismus kann aufkeinederbeiden Gruppen verzichten. Im ostjüdischen Element ist zweifellos die Urkraft Und Instinkthaftigkeit des Volkes noch ursprünglicher erhalten; aber auch die westlich gebildeten, die bereits durch den Assimilationgprozeß durchgegangen sind, können wir um so weniger fahren lassen, als die Mehrheit der Jugend sich diesem westlichen Typus nähert. Wenn auch die beiden Schichten heute einen unschönen Bruderkampf führen, muß doch der Moment kommen, wo sie verstehen, daß sie aneinander gebunden sind: zwei Typen eines Volkes, und daß gegenseitiges Verständnis und Kooperation der mindeste Sinn des jüdischen Nationalismus sein muß. Aber es besteht die Gefahr, daß bevor dieser Moment der Erkenntnis eintritt, die Kräfte sich gegenseitig zerfleischen, die besten Möglichkeiten verloren gehen und ״Palästina die Rechnung zahlen“ muß. Darum sieht der ganze Welt- Zionismus mit so großer innerer Anteilnahme nach Pittsbürg, darum bewegen uns die Vorgänge in Amerika noch mehr als etwa die desolaten Zustände im polnischen Zionismus, wo gleichfalls infolge der Rivalität der Führer die bedeutendsten zionistischen Chancen verloren gehen. Aus Polen hören wir, daß zwischen Grünbaum und Reich sogar ein Ehrengerichtsverfahren schwebt, die Gründe liegen natürlich auf landespolitischem Gebiet, aber auch hier zahlt Palästina die Rechnung. Eine Selbstbesinnung des Zionismus tut not, eine Erhebung zu den Quellen der zionistischen Idee. Der Zionismus ist heute keine Vereinssache und keine Familienangelegenheit mehr, er steht im Lichte der Geschichte, er hat Politik und Arbeit mit Andern zu führen, die ihren Partner kennen wollen. Die Hauptsorge aller Zionisten, gerade in dem Moment der Londoner Agency- Tagung, muß heute sein, die Zionistische Organisation in allen ihren Teilen auf gesunde Füße zu stellen und sie zu der gemeinsamen Aufbauarbeit fähig zu machen, die der wahre Wille der von zu viel Politik ermüdeten jüdischen und zionistischen Massen ist. Gegen die Elnwandernngsbeschränkanflen Von unserem Korrespondenten. A. O. Jerusalem, Die Welle des Protestes gegen das departement der Regierung, Wochen in Palästina geregt 28. Mai 192S. Einwanderung»- die sich im Laufe der letzten hatte, fand ihren Höhepunkt in großen öffentlichen Versammlungen in Jerusalem, Haifa und Tcl-Awiw. Den Inhalt bildete der Protest der Bevölkerung gegen Ausweisung einer Anzahl jüdischer Familien aus Palästina, die als Touristen ins Land gekommen waren und später um die Erlaubnis nachgesucht hatten, sich ansässig zu machen. Außerdem wurde die Ge* legenheit benutzt, um eine Aenderung der Elnwanderungsbestimmungen zu verlangen, die den Bedürfnissen des Landes nicht entsprechen. Redner der verschiedenen Parteien traten in diesen Versammlungen auf. Von manchen Gruppen wurde der Rücktritt Hyamsons, des Direktors des Einwanderiingsdepartetnents verlangt. In den drei Städten nahmen die Versammlungen die gleichen Resolutionen an, die von Kommissionen den Bezirksgouverneuren zur Uebergabe an das Oberkommissariat zugestellt werden. Es scheint, daß die Aktion der jüdischen Bevölkerung dieses Mal nicht ohne Resultate geblieben ist. Es verlautet, daß einem Teil der Ausgewiesenen der Aufenthalt gestattet, und bei den anderen der Vollzug der Strafe aufgeschoben worden ist. Das Gerücht jedoch über den Rücktritt Hyamsons hat sich als falsch erwiesen. Hyamson geht in nächster Zeit für drei Monate ins Ausland auf Urlaub, soll aber danach auf seinen, Posten zurückehren. Das Drängen auf Oeffnungder Tore Palästinas flackert mehr und mehr auf. ln den letzten Tagen hat die Exekutive der Arbeiterorganisation beschlossen, mit allen Mitteln auf den Beginn der neuen Einwanderung hinjzuw4rke»a:,®ery׳Be8chIU8irWurde gefaßt unter dem Etadtete lefWä*■־ 'fierlStÄ''IWr' dftfHiferhältnl*l»v'fi«r ״ft« cfcäLu auf eine Einwanderung ängeWieseH ist und‘ auf der Grundläge von Berechnungen über die verschiedenen Arbeitsquellen, die in nächster Zeit in Palästina vorhanden sind. Man glaubt berechnen zu können, daß diese Arbeiten nicht nur die Reste der Arbeitslosen absorbieren, sondern auch neue Einwanderer zu beschäftigen imstande sind. Eine Delegation der Arbeiterorganisation traf vor zwei Tagen mit der Exekutive in einer Sitzung zusammen, um die Frage der ״f ü n f t e n A1 i j a h“ gemeinsam zu besprechen. Sacher erklärte, daß die Exekutive bereits eine Kommission ernannt habe, um die Bedingungen für eine neue Einwanderung zu untersuchen. In der Arbeiterpresse wird die Eröffnung der neuen Einwanderung als eine der wichtigen Aufgaben der A.-C.- Sitzung in Berlin hingestelit. Die Arbeiterorganisation ist auch mit der Regierung in Verhandlungen über die Erweiterung des Afbeits- Programms, vor allem über die Unterbringung jüdischer Arbeiter in größerer Anzahl bei den neuen Regierungsarbeiten. Bei einer Audienz beim Leiter des Departements für öffentliche Arbeiten wurde von seiten des Direktors in Aussicht gestellt, daß Erweiterungen in nächster Zukunft gemacht werden könnten. Erleichterung der Einwanderung? Jerusalem, 4. Juni. (J.T.A.) Lord Plumer teilte der Zionistischen Exekutive mit, daß die Regierung eine neue Verordnung betreffend Erleichterung der Einwanderung b e - mitteiter Personen und Angehöriger palästinensischer Einwohner vorbereitet. Arlosoron bei Senator Borali Die Zionistenverfolgungen in Rußland. Der Korrespondent des ״Berliner Tageblatt“, Dr. Max Jordan, telegraphiert seinem Blatte aus Washington vom 5. Juni: Senator Borah empfing den palästinensischen Arbeiterführer Dr. Chaim Arlosoroff und den Vorsitzenden des amerikanischen zionistischen Studentenverbandes Max Rhoade, die ihm über die Verfolgungen der Zionisten Rußlands berichteten. Gegenwärtig sollen über 700 russische Zionisten in Sibirien, Kirgisien, Ural und Soloweyinsein in der Verbannung leben; mehrere hundert befänden sich in Haft und harren ihrer Verurteilung. Borah versprach, sein möglichstes zu tun, um eine Hilfeleistung herbeizuführen. Der Orangen-Export Die Exportsaison für Orangen 1927/1928 umfaßte 2046129 Kisten Orangen. Im Vorjahre wurden aus Palästina 2213037 Kisten ausgeführt. Der Ueberschuß des Vorjahres ist vor allem auf die Früchte zu rechnen, die durch die Stürme von den Bäumen geschüttelt und im Vorjahre in großen Mengen nach Aegypten transportiert wurden. Ungefähr 85 0/0 der Früchte erlangten einen solchen Preis, daß für die Orangenbesitzer pro Kiste sechseinhalb Schilling übrigblieben. England war auch in diesem Jahre der Hauptabnehmer. Dagegen hat sich auch der Markt auf dem Kontinent in diesem Jahre verdoppelt.