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Jüdische Rundschau · 1928-06-05 · Heft 44 (5.6.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 44 (5.6.1928)
Date
1928-06-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 44, 5. VI.!928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Sehe 315 durchaus für meinen Plan einer bewässerten Wirtschaft unter Ausnützung der Sonne Palästinas ausgesprochen, trotzdem hat die Exekutive mich zur Aeußerung über die Anleihepläne nicht aufgefordert, erst nach Intervention der revisionistischen Organisation. Redner spricht zum Schluß die Ansicht aus, daß die Zionistische Organisation eine große Anleihe anstreben müsse und sich nicht mit kleinen Summen abfinden dürfe. Dr. Bileski (linkes Zentrum, Berlin): Es ist bedauerlich, daß wir unsere Debatten über Kongreßpolitik immer in einer bereits vorgezeichncten Kampf-Formation von Fraktionen führen, statt unbefangen die Fragen zu prüfen. Wenn wir über unser Verhältnis zu England sprechen, müssen wir uns über die Vorzüge und Nachteile einer politischen Methode klar werden. Wir sind dagegen, daß man viel verlangt, um etwas zu bekommen und meint, wenn man nur wenig verlangt, bekomme man nichts. Das ist die Methode eines Krämers. Wir werden nur dann Forderungen durchsetzen, wenn das, was wir fordern, unser letzter Ernst ist. Redner kommt dann auf Einzelheiten zu sprechen und wendet sich gegen die Schikanen der Einwanderungsdepartements der Palästinaregierung. Die Cirundtatsache, auf der unsere Politik beruht, ist das Schutzverhältnis, das England uns bietet und in allen wichtigen, großen Fragen bisher bewährt hat. ln der Araberfrage Ist Redner für eine Verständigungspolitik, die aber nicht auf dem Verzicht machtmäßiger Vergrößerung des nationalen Heims beruhen darf. Jedoch muß man schon unserem heutigen Verhalten anmerken, daß wir auch dann zur Verständigung bereit sein werden, wenn wir die Macht haben werden. — Wegen Ablaufes der Redezeit verzichtet Redner auf Fortsetzung seiner Darlegungen. 6. Sitzung (ID I e n 51 a g Vormittag.) Fortsetzung der Palästina-Debatte Alfred Berger wendet sich gegen die allzu große Acngstlichkeit im Aufstelien politischer Forderungen. Die Aenderung der Haltung der Regierung sei eine Folge der energischen Beschlüsse des Kongresses, die von der Partei des Redners stets verlangt worden sind, ln der Politik haben wir unsere Sache zu vertreten und dürfen nicht zu gerecht sein wollen gegenüber allen anderen. Redner wendet sich gegen die Lobhudelei, die der palästinensischen Arbeiterschaft von allen Gruppen zuteil wird, auch von denen, die deren Vertreter aus der Exekutive hinausgeworfen haben. Man habe einen falschen Begriff von ״Sachlichkeit“ geschaffen, der eine Gefahr für die wirkliche zionistische Arbeit darstellt. Die neue Exekutive hat in Wirklichkeit nichts ״konsolidiert“. Dr. Rabin (Misrachi): Die Ausführungen des Vertreters der Exekutive erinnern in gewissem Sinne an die Darlegungen der Propheten. Sie wurden eingeleitet von Nechemto, gingen dann in pessimistische Betrachtungen über und endeten wieder mit Nechemto. M. E. aber sind auch die optimistischen Be- Pachtungen zu einem großen Teil unberechtigt. Allerdings hat die Exekutive viel aus den Sorgen gelernt, von denen sic spricht. Aber sie hätte von vornherein diesen Sorgen vorbeugen müssen. Sic hat jetzt mit der Mandatarmacht deutlicher gesprochen, wie wir es immer verlangt haben. Palästina hat die Krise überwunden, nicht nur dank der Arbeiterschaft, sondern auch dank dem kleinen Unternehmer und Industriellen, der sich mit großer Zähigkeit zu behaupten verstanden hat. Allerdings hat an der letzt betonten Tatsache die Wirksamkeit der Exekutive keinen besonderen Anteil. Denn bis zu einer wirksamen Unterstützung des Kleiniiändlers und einer Gewährung kleiner Kredite an ihn ist die Exekutive nicht gelangt. Aber es soll hier nicht die Rede sein von den wirtschaftiichen Faktoren allein. Es handelt sich nie allein um 1 i.;c wirtschaftliche Krisis, die ja nunmehr überwunden ist. Es handelt sich insbesondere um eine Krisis des Geistes itn Zfohismus. Diese ist nicht überwunden, ja sie kann nicht überwunden sein. Die Exekutive in ihrer Gesamtheit, selbst mit Weizmann an der Spitze — dem gefangenen Weizmann — kann nicht die Kräfte wecken, die uns allein in der Bewegung Dauer verbürgen. An bestimmte Kreise hat sich der Zionismus nie zu wenden versucht Allerdings wären diese nicht mit den während der Tagung so oft besprochenen Methoden, nicht mit ״Analyse׳‘, selbst nicht in der Form der ״Darlegung׳• zu erfassen gewesen, sondern allein auf Grund der natürlichsten nationalen Neigungen, die man nicht kennt oder nicht kennen will. Vieles, was in der zionistischen Welt geschah, war sogar geeignet, diese Kräfte abzustoßen. Wenn hier das Defizit der amerikanischen Geldbeiträge berechnet wurde, so wurde nicht berechnet, wieviel Einbuße an Geld Spritztouren '•on Mitgliedern der Exekutive am Schabbat herbeigeführt haben. Der Gegensatz in Amerika ist nicht der zwischen Ost- und Westjudentum. Die ״Westjuden“ in Amerika stammen auch so ungefähr aus der Gegend von Schlesien und Posen. Der Gegensatz offenbart sich in den Kreisen, die noch in den Bote hamidrasch sitzen und zwischen denen, die nur in Versammlungen gehen. Was ist geschehen, um den Zionismus den ersteren nahezubringen? Sie hätten den Gedanken der Chibbat Zion in dem uralten Sinne verstanden. Wir können diesen Massen nicht mit einem Zusammenhang mit dem allen echten Judentum kommen, der, wenn es nach dem Willen derer geht, die hier zu Worte kamen, nicht viel mehr ist als bloße Archäologie. Der Zionismus muß den Massen verständlich werden und zeigen, daß wir zwar etwas Neues wollen, aber doch in der Vergangenheit und in der alten Tradition wurzeln. Man kann nicht populär sein, wenn man nur mit neuen sozialen Experimenten den Aufbau versucht. Wir müssen auch andere Formen anerkennen. Der Misrachi wird nicht aufhören, diese Forderung zu stellen, ebenso wie er weiterhin die Idee vertreten wird, daß auch dem Gewerbetreibenden, der Industrie und dem privaten Landwirt geholfen werden muß. Die Exekutive hat in dieser Hinsicht nichts getan. Dr. Landauer (Hitachduth) wendet sich gegen den Optitnismus des Vertreters der Exekutive. Zwar habe sich die Stimmung in Palästina gebessert, die Lage selbst sei jedoch noch als kritisch anzusehen. Rosenblüth hat der neuen Exekutive Verdienste zugesprochen, die bereits ihrer Vorgängerin zukommen. Er sagte, die Regierung habe ״zum ersten Male“ in diesem Jahre größere Mengen jüdische Arbeiter beschäftigt, in Wahrheit hat sie weniger beschäftigt als im vorigen Jahre. Der Bau der Chaussee Petach-Tikwah —Kalkilieh ist ein geringerer Erfolg als der der Chaussee Jaffa—Petach-Tikwah, den die vorige Exekutive durchgesetzt hat. Man hat gesagt, die Palästina-Exekutive konnte keine wirtschaftliche Arbeit leisten, weil sie sich der Politik und der Sanierung der Finanzen widmen mußte. In Wahrheit ist das politische Departement überhaupt nicht vorhanden. Die Exekutive hat im Grunde dasselbe gemacht wie die vorige, nämlich unter Ueberschreitung des Budgets (was durch das Svstem der ״Sonderspenden“ 11. a. verhüllt wurde), Notstandsarbeiten veranstaltet, aber leider erst, nachdem zuvor viel Geld für die unproduktive Unterstützung ausgegeben worden ist. Eine wirkliehe Lösung der Krise kann nicht durch Notstandsarbeiten erfolgen, die vielmehr auf die Dauer gerade qualifizierte Arbeiter schädigen; wenn wir also auch für neue öffentliche Arbeiten Vorsorge treffen müssen, so kann doch eine definitive Lösung nur durch Kolonisation erfolgen. Man soll aus der Pflanzungskolonisation, die sehr wichtig ist, kein ausschließliches Programm machen, denn der hierfür geeignete Landstreifen ist relativ klein. Heute sind leider in den Pflanzungskolonfen trotz deren Ausdehnung weniger jüdische Arbeiter untergebracht als vor einem Jahre. Die Exekutive hat keine Sanierung der Finanzen dtirchgcführt, wenn man die Tatsachen genau prüft, denn statt der Exekutive hat der Keren Hajessod neue Schulden gemacht. Redner wendet sich schließlich gegen die Haltung des ״Linken Zentrums“, die eine Abbiegung vom früheren Kurse des deutschen Zionismus darstellt Es soll nicht der Zustand wiederkehren, daß unsere Gruppe gezwungen ist, im deutschen Zionismus in Opposition zu sein. Dr. Nah um Goldmann (Radikale): Die politischen Bedingungen haben sich gebessert, um so trauriger ist es, daß diese gute Konjunktur verscherzt wird, weil wir keine nolitische Exekutive haben. Man hat sich gegen die von Dr. Wise vorgeschlagene Heranziehung neuer Kräfte zur politischen Arbeit gewehrt, obwohl die vorhandenen Kräfte nicht ausreichen und die politischen Führer niemals auf ihrem Posten stehen. Weizmann ist in Amerika, Kisch in Südafrika, und sogar Leonhard Stein ist in diesem Jahre bereits nach New York emigriert. Wir haben die Leitung nicht angegriffen, weil sie Mißerfolge gehabt hat, sondern weil sie nicht mit genügendem Nachdruck Forderungen gestellt hat. Die Debatte über die Jewish Agency wird in der nächsten Zeit heftiger entbrennen, wir werden unsere Opposition nicht aufgeben. Uebergchcnd auf die Lage in Amerika erklärt Redner, er mißbillige die Kampfmethoden der dortigen Opposition, identifixiere sich auch nicht mit ihren Zielen, aber man könne den Kampf nicht bagatellisieren. Es ist begrüßenswert, daß das amerikanische Problem wenigstens aufgerollt wird. Es ist der Zusammenbruch eines Zionismus, der kein Zionismus war. Weizmann und die Exekutive haben die letzten 10 Jahre ohne zionistische Erziehung verstreichen lassen und durch die Agency-Poütik den kämpferischen Geist getötet. Was die Wirtschaftspolitik betrifft, hat Rosenblüth über den kommenden Kampf zwischen den rationalen und irrationalen Kräften der Bewegung gesprochen. Der Kongreß bedeutete einen Höhepunkt auf dem Wege des Abbaus der irrationalen Momente. Dieser Abbau hat zu einer Kleinmütigkeit geführt, auch im deutschen Zionismus. Die ״Rundschau“ hat, wie sich jetzt zeigt, die Krise in Palästina übertrieben und durch ihren Pessimismus den Zionismus dernoralsieit. Redner schließt mit der Erklärung, die Hauptvoraussetzung jeder Besserung sei die Schaffung einer neuen Leitung. Lichtheim (Revisionist) geht davon aus, daß die politischen Forderungen des Revisionismus heute von der Organisation übernommen sind. Wir sind aber von dem erforderlichen kolonisatorischen Regime noch weit entfernt. Die Exekutive hat überhaupt keinen Plan, die Organisation und ihre Einrichtungen verfallen immer mehr. Die Berichte der Sachverständigen werden den Mitgliedern des A.-C. vorenthalten, das ist ein Vorgeschmack des Schicksals der Zionistischen Organisation nach Gründung der Jewish Agency, wenn diese jemals ausgeführt werden sollte. Feuerring (״Linkes Zentrum“) wendet sich gegen Goldmanns Darstellung der Lage in Amerika. Goldmann schweigt darüber, daß das ausschlaggebende Motiv unseres Verhaltens die schnelle Geldbeschaffung für Palästina sein mußte. Wir finden nicht, daß in dem Lande, wo Goldmanns Richtung stark ist (Polen), Zionismus und Keren Hajessod besser stehen als in Amerika. Was den Kampf zwischen Irrationaüsmus und Rationalismus betrifft, so sind wir dafür, jede dieser Kräfte an ihrem Platz einzusetzen. Auch Konsolidierung ist kein Dogma, sondern eine notwendige Maßnahme in einem bestimmten Moment Die Arbeiterpresse schreibt heute über wirtschaftliche Fragen in einem Sinne, den die Arbeiterarteien auf dem Kongreß energisch bekämpft haben. Insesondere sind die Artikel Wilkanskys hervorzuheben, der die Notwendigkeit der Wirtschaftlichkeit betont. Wir hegrüßen diese Fortschritte der Erkenntnis auf allen Gebieten. de«11 es ist der ,Wunsch unserer Gruppe, mit der Arbeiterschaft־ ziisammenzuarbeiten. Wir stehen auch in dem Konflikt mit den Kolonisten in Petach-Tikwah ganz auf Seiten der Arbeiter. Wir sind der Ansicht, daß aus nationalen Gründen jüdische Arbeiter beschäftigt werden sollen. Wir beurteilen die Wirt- Schaftsreformen, kNvuzah, Moschaw usw., lediglich nach ihrer Wirtschaftlichkeit und ohne soziale Vorurteile. Unsere Debatten hier müssen versuchen, eine Verständigung für den künftigen Kongreß anzubahnen. Dr. Weltsch begrüßt den versöhnlichen Ton von Feuerrings Rede und weist darauf hin, daß Wiikansky dieselben Artikel schon vor fünf Jahren geschrieben hat. Das Linke Zentrum habe den Fehler gemacht, das Eintreten für an sich richtige Prinzipien mit einer radikalen Personal-Politik zu verbinden. Die Behauptung der Revisionisten, man habe ihr Programm übernommen, sei kindlich, denn die Unterstützung der Mandatannacht wurde stets von allen gefordert, aber konkrete politische Forderungen sind stets ein Ergebnis der konkreten Konstellation. Es war erst nötig, die englische Oeffentiichkeit durch Tatsachen zu überzeugen, daß der Zionismus keine Belastung für den englischen Steuerzahler ist, bevor man Forderungen stellen konnte. Wir müssen Dr. Weizmann dankbar sein, daß er durch seine vorsichtige Politik in den Jahren einer uns unfreundlichen Stimmung eine Schädigung des Zionismus verhütet hat. Wir dürfen auch nicht übersehen, — so unangenehm es sein mag — daß die Regierung heute die Möglichkeit einer aktiven Unterstützung unserer Arbeit hat, weil sich in gewissem Sinne für die Araber und andere Faktoren die ״Ungefährlichkeit“ des Zionismus, die Unbegründetheit ihrer Angst vor Oktroierung eines Judenstaats erwiesen hat. Redner wendet sich daun gegen Gold-, manns Kritik der ״Jüdischen Rundschau“. Goldmann habe einen flachen Optimismus gepredigt. Der wahre Optimismus glaube an den Sie״ der Sache, trotz ungeschminkter Erkenntnis der Realität. Diese ehrliche Erkenntnis ist das einzige Mittel des Vorwärtskommens. Nicht der Pessimismus, sondern der ״Optimismus“ eines Teiles der zionistischen Presse in anderen Länaern hat den Zionismus demoralisiert Man soll nicht vergessen, was man damals Pessimismus nannte. Als die ״Jüdische Rundschau“ schrieb, man dürfe nicht — wie es die ״Optimisten“ taten — mit einer jährlichen Einwanderung von 40 000 rechnen, und wir würden am Zionismus festhalten, selbst wenn im nächsten Jahre nur 20 0 00 Einwanderer kämen, verlangte der revisionistische Vertreter im Waad Leumi eine Maßregelung׳ der ״J. R.“ Zu solchen Absurditäten führte die optimistische Demagogie. Diese Art des Sich-Selbst-Betriigens ist eine der Hauptgründe aller zionistischen Schwierigkeiten, nicht nur bei den Weltprobtemen des Zionismus, sondern zum Teil auch bei den organisatorischen und ideologischen Problemen, von denen im ersten Teil des Delegiertentages die Rede gewesen ist. Eis entspinnt sich eine kurze Debatte, ob dem Vertreter des Hechaluz, der nicht Delegierter ist, das Wort erteilt werden soll. Dies wird genehmigt. Schattner (Hechaluz) schildert die sich aus der Alijah- Sperre ergebt :Men Schwierigkeiten des Hechaluz. Redner bemangelt auch die mangelnde Hilfe jüdischer Institutionen wie ״Ort“ usw., die für Berufsumschichtung eintrefen und ,sich auch der Unterstützung des Hechaluz rühmen. Redner hofft schließlich, daß die positive Haltung der Z. V. f. D. gegenüber dem Hechaluz auch in Zukunft erhalten bleibe. Schlufjwor* Felix Rosenblüth Felix Rosenblüth: Viele Mißverständnisse der Debatte beruhen darauf, daß ich in meinem Referat natürlich nicht sämtliche Probleme erschöpfend behandeln konnte. Was meinen ״Optimismus“ betrifft, so bedeutet er nicht ein Abschwenken von äußerst vorsichtiger Politik, sondern ich wollte nur sagen, daß wir in der Krise die Erfahrung gemacht haben, daß die Solidität der bereits bestellenden Wirtschaft in Palästina größer ist als wir angenommen hatten. Schließlich haben doch im Laufe von fünf Jahren 60 000 Menschen im Lande Fuß gefaßt, so daß die Bevölkerung sich einschließlich des Geburten- Zuwachses um 73 000 vermehrt hat. Mit Landauer polemisierend, führt Redner aus, er habe nicht die Verdienste der neuen Exekutive gegenüber ihrer Vorgängerin unterstreichen wollen, denn viele der von ihm hervorgehobenen Tatsachen fallen bereits in den Arbeitsbereich der alten Exekutive. Ich habe jedoch einen Ueberblick über eine Gesamtperiode geben wollen. In einem Punkte jedoch beansprucht die jetzige Exekutive ein entscheidendes Verdienst, nämlich auf dem Gebiete der Finanzpolitik. Ohne in Einzelheiten eingehen zu können, kann ich doch erklären, daß die Palästina-Exekutive glaubt, am Schluß des Jahres eine gute Bilanz vorlegen zu können, wonach sie ihre Schulden wesentlich vermindert hat. Wenn Berger fragt, worin die Konsolidierung besteht, so muß darauf hingewiesen werden, daß man schon beim Kongreß sehr wohl wußte, daß Sanierung der Finanzen eine Vorbcdingang der Konsolidierung ist. Wenn Dr. Rabin fragt, warum man keine Kredite für Kleinindustrie gibt, muß man antworten, daß die Exekutive den Grundsatz hat, sich streng an das Kongreßbudget zu halten. Goldmanii hat dagegen gesprochen, daß die politischen Führer Keren Hajessod Reisen machen. Wir haben aber bisher eine Lösung des Problems, wie man Keren Hajessod ohne Entsendung von Delegationen erhält, noch nicht gefunden. Freilich ist dies ein Zeichen für den schlechten Zustand der Zionistischen Landesorganisationen; aber wir müssen mit der Tatsache rechnen, daß wir ohne diese Reisen erheblich weniger aufbringen würden. Auch verlangen die Länder immer gerade die politischen Führer, so daß Goldmanns Forderung, diese sollten zur Führung der Politik in London und Jerusalem bleiben, praktisch undurchfiilirhar ist. hat z. B. für Südafrika lange gesucht, und ist an mehrere prominente Persönlichkeiten herangetreten, die aber alle abgelehnt haben, so daß schließlich Kisch fahren mußte. Redner setzt sich dann mit Dr. Soskin auseinander, und weist darauf hin, daß er in seinem Referat die von Soskin beanstandeten Ziffern nicht angeführt habe, um einen Kolonisationsplan zu entwerfen, sondern nur um darzulegen, wie groß der Finanzbedarf der Kolonisation unter allen Umständen in den nächsten zehn Jahren sein wird. Aus diesem Grunde habe sich Redner an ein bestimmtes Schema gehalten, ohne darum diese Immigrationsziffern als das erstrebenswerte Maximum hinzustcllen. Zum Schluß weist Redner nochmals auf die Besserung der Lage hin, und bezeichnet es als ungerecht, wenn man die neue Palästina-Exekutive belastet mit der Situation, die sie in Palästina vorgefunden hat. Niemand hätte diese Situation kurzerhand meistern können. —- Diese Debatte auf dem deutschen Delegiertentag soll beigetragen haben zur Stärkung־ des Vertrauensverhältnisses zwischen Exekutive und Bewegung. Ich habe mich hier überzeugt, daß es über alle Differenzen hinweg einen einheitlichen Geist im deutschen Zionismus gibt. Ich möchte zum Schluß noch meine Pflicht nachholen, den Delegiertentag namens der Exekutive herzlich zu begrüßen und dem deutschen Zionismus weitere Kräftigung und vorbildliche treue zionistische Pflicht• erfülhing zu wünschen. (Lebhafter Beifall) * In der Diensfag-Vormittagssitzung wurden die während der Tagung eingelaufenen Begrüßungen vorgelesen. Darunter ein Telegramm der schweizerischen Zionisten, der belgischen Zionisten sowie ein Brief von Leo Motzkin aus Helsingfors, Motzkin schreibt u. a., er wäre gern Zeuge der Verhandlungen des deutschen Delegierte.irtags gewesen, aber er bcflntfe steh* , in der Gefangenschaft des Keren Hajessod“, der ihn voll beschlagnahmt habe. (Beifall und Heiterkeit.) Namens des Legitimationsausschusses erstattete Dr. S a 11 i Hirsch den Bericht. Von 55 Ortsgruppen sind 108 Delegierte ordnungsgemäß gewählt worden. Alle Mandate wurden anerkannt bis auf das Dclegiertenmandat der Gruppe Aachen. Da der Delegierte von Aachen nicht erschienen sei, so erübrige sich eine formelle Anullierung. Von den zwei Dresdener Mandaten ist eines bestätigt worden, hinsichtlich des andern walteten Zweifel über die Maasser-Leistung vor. Darum stellte Dr. Salli Hirsch folgenden Antrag der Ortsgruppe Erfurt, der einstimmig angenommen wurde: Bei künftigen Delegiertenwahlen ist vor Aufstellung von Kandidaturen seitens der lokalen Keren Hajessod-Kommissionen zu prüfen, ob die Bewerber ihre MaSserpflicht erfüllt haben. In Zweifelsfällen und bei Einsprüchen hat die oberste Vertrauenskommission die Erklärung der örtlichen Keren Hajessod-Kommissioti zu prüfen. Nur in dieser Weise vorgeprüfte Delegiertenwahlen sind seitens der Wahlprüfungs- Kommission zu bestätigen. * Nachtrag Vor dem Schlußwort Kurt Blumenfelds sprachen in der Montag-Nachmittagsitzung noch folgende Delegierte, deren Reden versehentlich bei Drucklegung des Berichtes in der vorigen Nummer wegblieben: Dr. Fritz Millner (Frankfurt) befaßte sich mit den Fragen der Gemeindearbeit und verlangte, daß diese unter zionistisehen Aspekten geführt werde. Die Propaganda in der Gemeindearbeit darf nicht im Fahrwasser einer Volksparteipolitik geführt werden. Die bisherige Gemeindepolitik verlangt dringend eine gründliche Revision. Sie muß und kann nur im Namen und unter der Firma der Zionistischen Organisation erfolgreich getrieben werden. Ernst Cohn (Breslau): Die Forderung von Dr. Kanawitz, die geistigen Kräfte im Zionismus umzustellen, birgt^Oefahren in sich. Es fehlen die Instrumente um die Menschen, die wir gewinnen wollen, immer aufs neue unsere Grund- Sätze in entsprechender Weise darzulegen. Nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für ganze Gruppen ist der Zionismus die einzige Lösung. Wenn man zu jungen Menschen mit Kompromissen kommen wird, so wird man keinen Erfolg haben. Die Forderung, sich produktiven Berufen zuzuwenden’, wirkt auf junge Menschen attraktiv. Auch wenn man den Mittelstand gewinnen will, kann man dies nur mit durchaus klarem Programm und kompromißlosen Begriffen. Dr. Posner (Insterburg) beklagt die fraktionelle Zerrissenheit im deutschen Zionismus. Seiner Ansicht nach ist es übertrieben, von sozialistischem oder misrachistischem Zionismus zu sprechen. Beide Ideenkreise sind dem Zionismus immanent. Redner ist tief überzeugt, daß man allmählieh zu einer selbstverständlichen Hebraisierung gelangen werde, denn nur diese garantiere die Möglichkeit einer Teilmaßnahnie am modernen kulturellen Schaffen. Laut Meldung der Beiruther Zeitung ״l’Orient“ nähern sich die Verhandlungen für das Handelsabkommen zwischen Svrien und Libanon auf der einen, und Palästina und Transjordanien auf der anderen Seite, ihrem Ende. Man rechnet damit, daß das Handelsabkommen dieser Tage unterfertigt werden wird.

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