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Jüdische Rundschau · 1928-05-23 · Heft 40-41 (23.5.1928) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 40-41 (23.5.1928)
Date
1928-05-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 292 JUEÖISCWE RUNDS^CWXtJ Nr. 40/41, 23. V. 1028 lieft ihr gänzlich, und vergessen sind die keineswegs grotesken, sondern einfach dummen Gestalten in den hohen Zylindern aus der ״Tschastni Kommcrtzeschld Bank“, vergessen all die Tricks, Ausgesuchtheiten, die steigende Bühne und der sich fortwährend verneigende Schadchen. Man erlebt wieder etwas Seltenes, Einziges und wird fast in dieselbe Stimmung versetzt, wie bei der Hochzeitsmusik in der ״Dybuk“auftührung. Ich wiederhole, ohne diese Musik wäre die ״Zweimalhundert Tausend“-Auffülmmg• völlig wirkungslos verlaufen, und ohne ״Die Reise Benjamin III.“ könnte man schwerlich dem Mos■ kauer Jüdischen Theater eine große Bedeutung zumessen. Mit ״Benjamin III.“ gewann nämlich das Theater sehr viel, es stellt seine Glanzleistung dar, aber diese Aufführung be* weist auch, daß dort, wo ein seelischer Vorgang von Bedeutung darzustellen ist, sich wie von selbst alle ausgedachten künstlichen Zitaten erübrigen, und man ist glücklich, wieder richtiges Theater zu sehen, nicht ״Theater als solches“, nicht ״entfesseltes Theater“, sondern einfach altes, gutes Theater, wo man sich nicht scheut, Seelisches, Psychologisches zu geben, ln diesem Falle ist es Benjamin, der aus seinem Jammer, aus dem tiefsten Tal der Armut heraus zu einem Träumer und Visionär wird. Er begibt sich mit Senderl auf (einen sehr weiten Weg, den er nur in seiner glühenden Phantasie durchwandert, aber er ist glücklich, immer ruft er seinem zaghaften Weggenossen zu: ״Senderl, s’ist gut.“ Es ist gut, wenn man wenigstens einmal in Leben den Ruf zum Weiten, Fernen folgen kann, wenn man mit einer Besessenheit, Höherem zu dienen, gesegnet ist. Als Mendele Mocher Sforim seinen ״Benjamin III.“ schrieb, wollte er wie in seinen früheren Werken hauptsächlich Satiriker, strenger Richter sein, aber allmählich, allmählich wurde ihm bei dieser Geschichte vom jüdischen Don Quichote warm ums Herz. Sein strenges Gesicht erhellte sich, und ihm war als hätte er auch ausrufen wollen: ״Benjamin, s’ist gut.“ Auch das Moskauer Jüdische Theater ist hauptsächlich auf das Satirische, Groteske eingestellt, aber Benjamins Traum, das naiv Strahlende seines Wesens steckte auch dieses Theater an; das Satirische verschwand, und es blieb dieser bedeutsame seelische Vorgang, dem man mit Freude und tiefster Ergriffenheit folgte.!' «Sie sehen min, gnädige Frau“, schloß er seine Aus- |führungen, sich zu der Wirtin des Hauses wendend, ״daß! ich mich bemüht habe, diesem Theater auch gerecht zu 1 werden.“ Fünfzig Semester ״Barlssia“. Die Prager jüdisch-akademische Verbindung ״Barissia“ hat anläßlich ihres fünfzigsemestrigen Stiftungsfestes (im Selbstverlag) eine Festschrift herausgegeben, die über den engen Rahmen der Verbindungsmitglieder und auch über das lokale Interesse hinaus Beachtung verdient. Die ״Barissia“ wurde im Jahre 1903 als eine Abspaltung des Vereins jüdischer Hochscnüler Bar Kochba in Prag gegründet. Der Bar Kochba und ein großer Teil der zionistischen Oeffentlichkeit nahm damals leidenschaftiich gegen diese Gründung wegen der Annahme deutscher Studentensitfen (Couleur usw.) Stellung. Ein Aufsatz über die Geschichte der ״Barissia“ im vorliegenden Almanach schildert ausführlich diese Konflikte. Daß heute die meisten Gegner von tiamah bereits milder gestimmt sind, beweisen die abgedruckten Zuschriften von Gratulanten, unter denen viele frühere Gegner sind. Das Buch enthält Im ersten Teil Zuschriften zionistischer Persönlichkeiten, im zweiten Teil einige Arbeiten von Verbindimgsmltgliedeni. Die Zuschriften beginnen mit Weizmaim, Sokolow und Ussischkiu, aus der weiteren Reihe seien erwähnt Hugo Bergmann, Kurt Blumenfeld, Max Brod, Nahum Goldmann, Jabotinsky, Dr. Klatzkin, Dr. Alfred Klee, Dr. Margulies, Dr. Singer, Dr. Soloweitschik u. a. Der u. E. geistreichste Brief stammt von Dr. Felix Weltsch, der Betrachtungen über die Vereinbarkeit von jüdischer Renaissance und ״alter Burschenherrlichkeit“ anstellt. Im zweiten Teil scheint uns der weitaus bedeutendste Beitrag der von Dr. Walter Kohner ״Ein Versuch zur Geschichte der jüdischen Politik“. Erwähnt sei aus diesem Teil noch eine Szene aus einem Schauspiel von Hermann U n g a r. Sonst steht, wie wohl nicht anders möglich, In diesem Teil auch manches Minderwertige. Am erfreulichsten ist die Tatsache, daß hier anscheinend eine Studentenkorporation sich energisch zum Bewußtsein ihrer zionistischen Pflichten aufrafft. Das Maiheft der ״Neuen Bücherschau“ (Verlag J. M. Spaeth) ist Maximilian Harden gewidmet, der in Aufsitzen und Briefen zu Wort kommt, und über den Paul Wiegier und E. E. Kisch schreiben. Auch der sonstige Inhalt des Heftes ist bemerkenswert. Ein Haus der Sabbatfreude Einweihung ln Tel-Awiw Am Lag beomer (8. Mai), der überall in Palästina, besonders unter den Kindern, gefeiert wurde, fand in Tel-Awiw die feierliehe Grundsteinlegung für das Gebäude der Vereinigung Oneg Schabbath und der Scnriftstellerzentrale statt Das Gebäude soll den Namen ״O h e I Sehe m“ (Zelt Sems) führen. Die Stiftung stammt von Sa mueI und Rlwkah Blum . Das Grundstück liegt an der Ecke Balfourstraße und Achad Haamstraße. Auf dem mit Fahnen dekorierten Platze versammelte sich eine überaus zahlreiche Teilnehmerschaft. Es wurde die altertümliche Gründungsurkunde unterschrieben und unter den Stein gelegt, und eine große Zahl von Begrüßungsreden gehalten. Die Festrede hielt Bialik, der Urheber der ganzen Bewegung, der auch den Dank an das Ehepaar Blum sowie an den unermüdlichen Organisator Herrn Spiwak aussprach. Den Hauptteil von Bialiks Rede geben wir nachfolgend wieder: Bialik! Rede Wir feiern heute am Lag beomer die Grundsteinlegung für ein Gebäude, das den Namen ״Ohel Schern“, das Zelt Sems, führen soll. Bei solchen Anlassen, bei Begründung einer Institution, pflegt man ihre Vorgeschichte zu erzählen. Die Geschichte ist kurz und einfach: Es fanden sich einzelne, denen einfiel, eine Einrichtung vorzuschlagen, deren Name ״Oneg Schabbath“ (Sabbatfreude) sein sollte. Nichts wurde getan, um die Sache bekaimtzumachen. Man teilte hut mit, daß eine solche Einrichtung begründet wurde. Ich kenne nicht das Gelieimnis, warum der Name ״Oneg Schabbath“ eine solche Zauberkraft besaß, Menschen anzuziehen. Anfangs versammelte man sich in einem provisorischen Raum. Die erste Zusammenkunft war in der Musikschule Sulamith, dann fanden sich Leute, die die Zusammenkünfte gern in ihrem Haus stattfinden ließen. Wir glaubten, wir würden keinen festen Platz haben und unsere Zusammenkünfte jeden Sabbat an einem andern Ort abhalten; dies hielten wir für die angemessene Form einer Institution, die von Ort zu Ort wandern und sich van Stadt zu Stadt ausbreiten sollte. Aber wir mußten uns überzeugen, daß kein Privathaus uns fassen konnte. Wir bestimmten wieder die Sulamith-Schule als Raum, aber auch sie war zu eng, dann gab uns das Gymnasium seinen Saal und dort waren wir zu Gast, bis sich ein Erlöser für diese sabbatlichen Zusammenkünfte fand, der Stifter dieses Gebäudes. Und von jetzt an, so hoffen wir, werden wir einen dauernden Ort haben. Das Gebäude wird sich ständig erweitern, und vielleicht werden wir die benachbarten Grundstücke erwerben und dort verschiedene Kulturinstitut e errichten. Was ist der Gedanke des ״Oneg Schabbath“? — Wir kamen nach Erez-Israel; wir wollen unser Leben erneuern; wir wollen unser eigenes Leben schaffen mit seiner Eigenart. Die Gründer von ״Oneg Schabbath“ glaubten, daß zur Schaffung wahrhaft originaler Lebensformen von nationalem Charakter notwendigerweise das Material aus den Fundamenten der alten Lebensformen genommen werden muß. Und man muß die s t ä r k s t e Grundlage dieses Lebens nehmen. Und so haben sie keine höhere und tiefere Form als Anfang neuen originellen Lebens gefunden als die Idee des Sabbat, welcher bekanntlich der Verleihung der Thora vorausging und den die Juden schon in Aegypten feierten. Vielleicht ist der Sabbat das Fundamentdes ganzen Judentums, und nicht umsonst wird er das Zeichen des Bundes zwischen Gott und dem Volke Israel genannt Im Sabbat vereinigen sich• eine ganze Reihe von nationalen und ‘vöüMeft‘Gedwken, und׳ •wenf״tiie'^n׳׳G^boti|;1l^־:Tnbegtlffi der ganzen Thora sind, ist vielleicht der Sabbat die Kristallisatlon aller zehn Gebote. ״Der Sabbat ist in Eure Hand gegeben, nicht ihr seid dem Sabbat übergeben.“ Den Sabbat begann man schon vom vierten Tage an zu zählen, an welchem die Leuchtkörper erschaffen wurden, und so kam der Sabbat in die Mitte. Sogar Hawdalahmachen darf man noch drei Tage nach dem Sabbat. Sieben Tage sind ein Kreis, die Zeit begann im Kreise zu gehen: sieben Jahre bringen das Schmittajahr, nach sieben Schmittahjahren das Jubeljahr. Der ganze Kreislauf der Zeit erhielt einen Inhalt, wurde erfüllt von Weihe. Der Sabbat ist das Symbol der ewigen Wiederkehr im Kreise. Wenn wir nach Erez-Israel zurückgekehrt sind, dann müssen wir zurückkehren mit dem Sabbat, dem Symbol voll Schönheit und Anmut, aus dem wir alle Arten Schönheit für unser Leben schöpfen können. Wir wissen, was der höchste Stil und das Streben nach Vollendung bedeutet. Der alte Schamai hob alles Angenehme, was ihm begegnete, für den Sabbat auf. Der Sabbat weiht den Schönheitssinn der ganzen Nation. Wenn wir über die Stillosigkeit unseres Lebens klagen, können wir beim Sabbat mit der Schaffung eines Stiles beginnen. Dieser Tag ist es wert, daß an ihm die Volksgenossen miteinander Zusammenkommen. Es gibt unter uns viele Parteien, jede mit ihrer Thora und ihrem Schulchan Aruch; möge der Sabbat das Symbol der Einheit sein. Dies war die Intention bei der Begründung der Zusammenkünfte von ״Oneg Schabbath“, um die Erneuerung unseres Lebens hier zu beginnen. An diesem Tage sollen Menschen aus allen Gruppen Zusammenkommen im Angesicht des Sabbatlichtes des Friedens, das die Herzen zusammenführt und jeden daran mahnt, daß tiefe Wurzeln und ein höheres Streben uns eint. Mit seinem innern Instinkt und mit seiner Einfalt empfand das Volk den Wert dieser Institution. Und es fühlte sich hinunterschiedlos versammeln. Wir haben Lektionen für Bibel eingerichtet — und die Menge strömt hinzu, um das ״Wort Gottes“ zu hören. Wir hoffen, daß, ״wenn Gott unsere Grenzen erweitert“ und wir ein großes Haus haben werden für tausend Menschen, auch dann aer Raum zu eng sein wird. Und schon hat man in andern Städten und in den Kolonien Zusammenkünfte ähnlicher Art organisiert und wir hören, daß man sogar im Ausland mit der Gründung von ״Oneg Schabbath"-Kreisen begonnen hat In den Tagen des ״Art“ (Isaak Lurja) empfing der Sabbat neue Kraft una neuen Glanz und jetzt, wenn wir die Schritte der Erlösung nahen hören, muß Heiligkeit der Inhalt des Sabbat sein. Und vielleicht wird von Wer aus ein neuer Geist in unser ganzes Leben kommen. Mardechal David BrandstStter M. D. BrandstStter ist am iS. d. M. in Tarnow (Galizien) im Alter von 84 Jahren gestorben. Die hebräische Literatur hat einen schweren Verlust erlitten. M. D. Brand.stätter ist nicht mehr unter den Lebenden. Verstummt ist der milde Humor eines Meisters, der nie zürnte; erstarrt das feine Lächeln auf seinem gütigen Antlitz. Der Schöpfer reizvoller Humoresken ist der Tragik der Vergänglichkeit erlegen. Seine Werke aber werden auch fernerhin ihren Platz behaupten. Gehören sie auch im wesentliehen einer früheren Zeit an, so bilden sie doch einen Uterarischen Schatz von dauerndem Wert Als humoristischer Novellist stand Brandstätter in der neuhebräischen Literatur einzig da. Ohne bitteren Spott, ohne beißende Ironie schilderte er die komischen Seiten des jüdischen Lebens in Galizien, seinem Heimatland. Seine Zugehörigkeit zum Kreise der ״Aufgeklärten“ verleitete ihn dabei nicht zur Einseitigkeit Er charakterisierte sowohl die Auswüchse des chassidistischen Fanatismus, wie die innere Hohlheit der Halbgebildeten und Pseudo-״Maskilim“. Eine bestimmte Tendenz verfolgte er im allgemeinen nicht Er wollte nicht als Wegweiser und Vorkämpfer für eine bestimmte Richtung fungieren. Nichtsdestoweniger übten seine Schriften, namentlich in Galizien, eine starke Wirkung aus. Sie trugen viel zur Modernisierung der dortigen jüdischen Jugend und späterhin zur Verbreitung der nationalen Renaissance-Ideen bei. Brandstätter wurde am 14. Februar 1844 in Brzesko bei Tarnow geboren. Seine literarische Tätigkeit begann er in verhältnismäßig jugendlichem Alter mit einer hebräischen Uebertragung der Phllippsonschen Schrift ״Haben die Juden wirklich Jesum gekreuagt?f;Seii# ^fen!!«velleii erschienen in der Monatsschrift ״Ha-Schachar“, deren Herausgeber Perez Smolenskin einen tiefen Eliidruck auf ihn machte. Seither stand er in der ernten Reihe der hebräischen Literatur. Er genoß auch gesellschaftlich und sozial hone Achtung und gehörte zu den vornehmsten Erscheinungen des galizisehen Judentums. Trotz der schweren Krankheit, die er in den letzten Jahren erdulden mußte, blieb Brandstätter bis zuletzt in lebendigem Kontakt mit den schaffenden Kräften unseres nationalen Schrifttums.!שלום לע8רו J. Lin. Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, E. V.* hält irn Rahmen der von der ״Pressa“ veranstalteten Kulturwochen ihre diesjährige Hauptversamm- 1 u n g am Montag, dem 4» Juni, 181,4 Uhr im Kongreßsaal der Ausstellungshallen in Köln-Deuts ab. An den geschäftlichen Teil schließt sich um 19 Uhr ein allgemeiner Teil. Herr Prof. Dr. Elbogen-Berlin wird über die Aufgaben und Arbeiten der Gesellschaft sprechen. Darauf wird Herr Dr. Fritz Bamber ge r-Berlin einen Vortrag über das Thema: ״Die geistige Gestalt Moses Mendelssohns“ halten. Die auch für einen weiteren Kreis sehr interessante Tagesordnung wird sicher eine große Zahl von Zuhörern herbeiriehen. Gäste können eingeführt werden. pflegte zu dieser Frage gewaltige Sätze zu sagen. — Von ihm sagte Reb Meirl einmal: ״Ein Krethi und Plethi“ und ein ״Teumim“ (bedeutendste Werke von Reb Jonathan Eibenschütz aus Hamburg) kann er aus dem einen Aermcl schütteln, ein ״Zlach“ mit einem ״Noda Bihuda“ (Hauptwerke des Prager Rabbiners Landauer) aus dem andern Aermel. — Aber die Kraft und Macht eines Trunkes Schnaps haben diese beiden nicht gekannt — denn wenn man sagt ״Eiserner Kopf“, dann will das etwas sagen!“ Damals aber war es still. Die Juden gingen umher voller Freude und wenn man Reb Abischel antraf, wußte man nicht was und wo — und man brach aus in Gesang. Man warf sich aneinander und umarmte sich, bis sich alles aufhellte in reiner Melodie. Und Reigen schloß sich an Reigen und Reb Abischel stand mitten drin mit schwankenden Beinen und bremsenden Augen, glühend wie Kohlen, und sein ganzes Antlitz leuchtete: ״Der Herr, sein Name sei gesegnet, ist ein Gott des Erbarmens und der Gnade, und allen, die ihn rufen, bringt er Hilfe!“ Und Juden aus dem Lande der Karpathen und Juden aus der Weichselniederung sangen vereint: ״Friede! Friede den Nachsten und Fernsten!“ Und Feuer und Wasser mischten sich, Pech und Schwefel, und es kochte und zischte. Man hielt einander an den Gürteln mit geschlossenen Augen, man suchte das Geheimnis, und wußte nicht, welches. Die Herzen hoben sich, man war überzeugt, dem Volke Israel müsse geholfen werden. Und man vergaß alle Qualen und Plagen und alle Verfolgung. Und wenn man die Augen erhob, sah man in das tiefe Blau des Himmels ohne Trübung, wie das der achtfachen Schaufaden, und Liebe und Andacht wurden wach. Und wenn man nur einen Schritt vor die Stadt ging, wiegten sich die Felder weithin voll schwerer gefüllter Aehren. — Und jedes Bäuerlein schien wie ein heimlicher Elias mit einem gedrehten Strohseil als Gürtel und mit weißer Peitsche. Und wenn zehn Juden zusammentrafen, wiegten sich die Bäume mit zu dem lauten ״Heilig!“ — So ein Jahr hatte Przemyslany noch nicht gekannt. Und es kam die Nacht des ״Königreichs der Königreiche“. Sonst schickte an diesem Tag Reb Mein seinen vertrauten Diener den Akdomaus-Hvmmis ansagen. Es war nach Mitternacht Das ganze Volk stand am Markt und in den Winkeln: ,,Wohin wird der Bote gehen? Zu dem Gasthot derer von der Weichsel, oder zum Häuschen des Reb Aarele?“ Das war von jeher so. Und bald danach begann die Neumondweihe in der Ver- Sammlung von so vielen Hunderten von Minjanim, Und die jungen Leute, die als Kostgänger lebten und die scharfsinnigen Schüler stürzten alle hinein zu den Bäckern und nahmen sich einen ״Zehnten“ — denn alle Frauen von Przemyslany backten dann Stollen und Käsekuchen bei den Bäckern. Und Reb Meirl pflegte in dieser Stunde zu sein wie ihresgleichen, wie ein junger Kostgänger oder ein scharfsinniger Schüler. Und die Freude der ״Empfängnis der Gebote“ erwachte schon. — Alte und Junge, Kind und Kegel, Weiber mit aufgekrempelten mehligen Aermeln und Chassidim mit weiten fettigen — alle umfassen einander, gehen im Reigen und tanzen unter freiem Himmel. So war es Brauch in Przemyslany. Und während man so stand und wartete mit verhaltenem hoffenden Herzen, entstand plötzlich ein Geschrei: ״Beim Brunnen! Beim Brunnen!“ Ein Gelaufe entstand und die ganze Menge war« da wie ein Mann: da lag Reb Abischel toi Und ehe noch die Menge aufschreien konnte wie aus einem Munde, sah man einen Mann mit herabgezogener Pelzmütze, den Bart ins Halstuch gebunden, den Bettelsack auf den Schultern und schräge versebftürt nach Bettlerbrauch, einen großen krummen Stock in der Hand und mit zwei Augen wie Flammen — und die Menge blieb stehen, als hätte der Berg Sinai sie überdacht. Und der Stock hob sich, und der Mann bewegte sich und eine Bahn ward ihm freigegeben. Und die ganze Menge folgte ihm wie hinter der Feuersäule hin zu Reb Aareies Tür. Und der Stock machte zwei Schläge (denn es lag ein Toter in der Stadt): ״Reb Aarele, Reb Meirl sagt, du sollst dieses Jahr Akdomaus singen!“ Seit damals nannte man Aaron Karpather Reb Aarele und den Rabbi von Przemyslany Reb Meirl. — Und das Taschlich-Gebet wurde seit damals am Brunnen verrichtet. — Und allemal beim Ausschütteln der Taschen sprach Reb Meirl von Przemyslany dieselben Worte und in ihnen waren alle vier Todesarten beschlossen: ״Wenn nicht Reb Abischel hätte es Reb Meirl sein müssen. — Das Leid der hungrigen Juden kann ein jüdisches Herz zerbrechen.“ (An* den Jidduckftn übertr»y*n von Ett» Feder* KoUhtu) Im Verlag von Dr. R. Färber in M.-Ostrau erschienen soeben Jüdische Märchen von Ilse Herlinger. ״Leinen aus Irland“. (Theater in der Königgrätzer Str.) Das nicht sehr belangvolle Lustspiel von ״Stephan Katnare“ bietet durch eine durchwegs gute Aufführung einen wirklich vergnügten Abend. Besonders interessant ist der Hintergrund, auf dem sich das Stück abspielt Wir sehen die Twen des alten österreichischen Bürokratismus, die durcheinander wirbelnden Nationen, die gutmütig karikiert werden, weil nun einmal die Karikatur am nachdrücklichsten gerade das Charakteristische zur Geltung bringt Die humorvoll volkstümliche Atmosphäre, die etwas an das Milieu des ״Svejk“ erinnert, wäre natürlich unvollständig ohne die jüdische Figur, die nicht mehr ganz neu ist: Es ist der bewegliche, schlaue Allerweltsjuae, der gerade im österreichischen Völkergemisch somit gedeihen konnte und dessen Komik darin begründet ist, daß er, plötzlich aus der Enge des Ghettos befreit, alle Chancen offen vor sich sieht und sich in alles verwandeln kann. Und diesen Juden spielt Curt Bois. Das genügt, um zu begründen, wie hinreißend diese Gestalt des Schlesinger- Effendi ist, der, ein fanatischer ״Albanese“, direkt aus Sktitari ins k. u. k. österreichische Ministerium sich durchdrängelnd, sich als ,,irgendwie“ aus Wien oder doch wenigstens aus Brünn gebürtigen, unerschütterlichen österreichischen Patrioten deklariert und immer bereitwillig im Handumdrehen aus ganzer Seele das wird, was für den Augenblick am vorteilhaftesten scheint Freilich, dieser Typus hat wie jede echte Komik, seine ernste Seite, und nicht jeder von uns kann so aus ganzer Seele dazu lachen wie die Unbeteiligten. Denn das ganze riesengroße Heer von lebenden Schlesinger-Effendis in allerhand Verkleidungen zieht im Geiste an einem vorüber. Aber es bleibt — bei Curt Bois selbstverständlich — für alle sehr viel zum Lachen übrig, und jeder Besucher merkt sich für lange eine Situation wie diese, wenn Schlesinger-Effendi gefragt wird, ob er denn katholisch sei, und zutiefst verwundert mit einem ״Was soll ich denn sein?“ antwortet Dergleichen Höhepunkte gibt es an dem guten Abend nicht nur einmal. ma. ״Von Jüdischem Sein und Werden“ betitelt sich eine Sammlung von Aufsätzen des verstorbenen Prof. Isidor Pollak (Verlag Dr. Josef Flesch, Prag).

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