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Jüdische Rundschau · 1928-05-23 · Heft 40-41 (23.5.1928) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 40-41 (23.5.1928)
Date
1928-05-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE aiui» DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU »,.» Der Weg des jüdischen Theaters Von Sch. Gorelik. Das Moskauer Jüdische Theater hat Berlin verlassen und wird noch in einigen deutschen Städten and dann in Paris auf treten. Die ,Jüd. Rundschau" hat das Berliner Gastspiel mit dem großen Interesse begleitet, das dieses Ereignis auch aus jüdischen Gründen verdiente. Wir haben verschiedene Kritiker und begeisterte Bewunderer des Theaters 2a Worte kommen lassen. Das Theater hat aber in den jüdischen Kreisen unserer Stadl nicht nur ästhetische, sondern wichtige und ernste kulturelle Probleme der jüdischen Ent- Wicklung aufgerührt und es haben sich ,Parteien" gebildet, die seinen Wert verschieden abschätzen. Wir sind außerstande, alle uns zugegangenen Artikel, Zuschriften und Aeußerungen über diesen Gegenstand zu veröffentlichen. Mil der folgenden umfassenden Betrachlung von Gorelik müssen wir für diesmal die Behandlung dieses Themas abschließen. Red. .... Den Kaffee nahm man im Salon ein, wo das Gesprach über das Sensation erregende Moskauer jüdische Theater fortgesetzt wurde. Ein Snob, der niemals fehlt, wenn über Kunst debattiert wird, erging sich hier in allerhand Superlativen und verkündete pathetisch, daß alle Berliner Theater bei Granowski in die Schule gehen müßten; er vergaß, daß er dasselbe gesagt hatte, als Josefine Baker ihre langen Beine in die Luft warf und daß seine Begeisterung denselben Grad erreichte, auf dieselbe Art sich äußerte, als die Chocolate Kiddies Berlin mit ihrem Besuch beglückten. Mit einem Wort, ein Snob, dem es nicht auf das Erleben ankommt, sondern auf das Ueberall-Dabeisein, ein Schlemmer in Dingen der Kunst, ein gefräßiger Aesthet, den jede Großstadt dank der sich dort zeigenden demoralisierenden Fülle von Neudarbietungen leider in großer Zahl züchtet. Unter den anwesenden Gästen befand sich auch ein sehr korrekter Herr, der etwas schüchtern seinen Aerger darüber ausdrückte, daß man alle diese Ghettojuden auf der Bühne in zerfetzten Lumpen herumlaufen läßt. Man konnte ihm anmerken, daß ihm die Sache mit diesem Theater irgendwie unangenehm war, doch fehlte ihm zu einem sicheren Auftreten der Mut, da die ganze Presse, die namhaftesten Kritiker, dieses Theater als großes Kunstereignis gewürdigt hatten. Immerhin berührte es ihn höchst peinlich, diese fernen Stammesbrüder in einem derart verwahrlosten Zustand zu sehen. Man versuchte, nicht ohne Mitleid, ihn darüber zu belehren, daß doch hier Absicht vorliege, daß hier einer der modernsten Theatergrundsätze manifestiert wird. Ueber diese modernsten Theatergrundsätze nun hielt ein erns^ entschieden aussehender junger Herr einen langen, ausführlichen Vortrag, und da hieß es gut aufpassen, um sfeh in diesem Labyrinth von Theorie nicht zu verlieren; Namen und Richtungen folgten einander, neue Begriffe, neue Worte wurden gebildet, um den ausgeflügelten Richtungen einen wissenschaftlichen Ernst zu verleihen.... Da, ist d^r unermüdliche Sucher und Pilpulist MlytrHoki mit der Entdeckung ״des!nnerllchai und lüßerliehen Dialoges“, der jedem dramatischen Werk innewohnt. Naturalistisches Theater wird abgetan und an seine .Stelle das symbolifche proklamiert, ein Theater, das nichts mit Gestaltung wirklichen Lebens zu tun haben will, sondern die Aufgabe hat, wie eine Kirche, wie ein Kloster zu wirken, religiöse Ekstase hervorzurufen. Da ist ein anderer, Jewreinovv, mit seiner Idee des Monodramas; doch als man sich die Mülie geben wollte, in den Sinn dieser neuen Theorien einzudringen, erfährt man schon, daß es die Mühe nicht mehr lohnte, denn sowohl Meyerhold wie Jewreinow gehen inzwischen schon andere Theaterwege. Die neue Parole heißt nun ״Die Theaterisierung des Theaters“: ״Das Theater als solches“, welches keine anderen Tendenzen verfolgt, als nur eben reines Theater zu sein, das Publikum zu ergötzen, wobei sowohl Publikum wie Schauspieler keinen Augenblick vergessen dürfen, daß hier Spaß gemacht wird, daß man hier Komödiantentum treibt. Wieder ein Wirbel von Namen, Begriffen, Worten, und als Letzter kommt nun Tairovv mit seinem ״synthetischen entfesselten Theater“, wo dem Schau- Spieler ungewöhnliche Fähigkeiten des Körpers und der Seele zugemutet werden. Denn er muß zu höchsten seelischen Emotionen steigen können, aber noch mehr muß sein Körper | lernen zu steigen und zu klettern. In Tairows Theater werden verschiedene Elemente der Kunst vereinigt und *zur Geltung gebracht, wie Musik, Tanz, Gesang, Akrobatik. Hier verweilte der Vortragende etwas länger, ausgiebig machte er die Zuhörer damit bekannt, welche Forderungen diese Neuerer an die körperliche Ausbildung der Schauspieler stellen und wie revolutiönär sie auf dem Gebiete der Verwendung von Dekorationen, Licht und Bühnenfläche Vorgehen. Der junge Dozent über das neue Theaterwesen beendete seinen Vortrag, der oft von Zwischenrufen, die ein älterer etwas ungeduldiger Herr machte, begleitet waren. Dieser ältere Herr nun zögerte zwar, seine Meinung über den Gegenstand des Gesprächs zu äußern, ließ sie aber durch nervöses Achselzucken, durch Zwischenrufe dennoch fühlen. Sich an ihn wendend und lächelnd mit dem Finger drohend, sagte die liebenswürdige Wirtin des Hauses: ״Daß gerade Sie als Ostjude, der Kultur und dem Kunstleben der ostjüdischen Welt ergeben, ein unzufriedenes Gesicht zur Schau tragen, wo Sie alie Veranlassung hätten, festlich gestimmt zu sein, wundert mich sehr. Was sind Ihre Einwände? Woran nehmen Sie Anstoß? Aeußem Sie sich, laden Sie Ihren Aerger ab, aber seien Sie gerecht.“ ״Ich will es versuchen, gnädige Frau“, antwortete der ältere Herr; ״aber zuerst möchte ich feststellen, daß es sich bei diesem jüdischen Theater für mich nicht bloß um neue Kunsteindrücke handelt, vielmehr gilt es, den Prozeß, die Entwicklung, die das jüdische Theater durchgemacht hat, zu verfolgen. Für meine Begriffe ist viel Peinliches, Ueberraschendes in dieser Entwicklung. Von elender Schmiere ein derart plötzlicher Sprung zur letzten Maniriertheit, zu den vagen Konsequenzen eines jener vielen Neuerer, die das Theater bereichern wollen, und es statt dessen verarmen. Wir, die wir immer mit großem Schmerz Zusehen mußten, in welchen Händen sich jüdisches Theater befand, auf welch tiefem künstlerischen Niveau die Darsteller wie auch das darzustellende Werk standen, wir hofften, warteten auf langsaraes, natürliches Steigen dieses Niveaus. Die ״Wilnaer Truppe“ ist das Produkt solch einer natürlichen Entwicklung. Rührend hier das zögernde Tasten und Suchen, die Abkehr vom Alten. Aber das Neue drückte sich vorläufig in mehr Kultur aus, in ernsterer Beziehung zum Theater überhaupt. Und geschah etwas wirklich Neues, so wurde es durch eigenes Suchen, durch Suchen von sehr bescheidenen, sehr schüchternen Menschen erreicht. Der ,.Dybuk“ der Wilnaer Truppe ist wertvolles Gut, ohne Hilfe anderer zustandegebracht. An dem Moskauer Jüdischen Theater aber haftet etwas Fremdes, Ausgeklügeltes. Der normale Entwicklungsweg, der Weg eines naturalistischen Theaters, wird hier gemieden, und im Zickzack kommt man auf einen Pfad, von dem es sehr zweifelhaft ist, ob er in das wahre Reich« der Kunst führt, ich glaube, daß man den naturalistischen Weg deswegen mied, weil er ein schwererer Weg war, weil er größere Forderungen an das Können der Künstler stellt Die Tairowsche Tugend wird vom Moskauer Jüdischen Theater gewissermaßen aus Not angenommen, weil es mit der Tairower Kunst eben leichter geht, — aber dies näher zu erläutern, würde hier zu weit führen. Wir haben soeben einen belehrenden Vortrag über die verschiedenen neuen Richtungen der Theaterkunst gehört, aber allen diesen neuen Theorien wohnt etwas Kaltes, Seelenloses inne. Alle großen Gedanken kommen aus dem Herzen sagte Vauvenarge. Nun, diese Gedanken Tairows, Meyerholds, Jewreinows und wie sie alle heißen, kommen nicht aus dem Herzen und sind deshalb fruchtlos. Wenn man von wirklich tiefen Theatererlebnissen, von seelischen Erschütterungen sprechen will, so muß man au das naturalistische Theater denken und an die unvergeßlichen Namen der genialen Tragöden und Tragödinnen, die auf dem Boden dieses Theaters wuchsen. Man wußte wenig von neuen Theorien über Plastik, Rhythmus und Musik im Theater, über Lichteffekte, über die Ausnutzung von Bühnenflächen, aber man wußte dafür von* Kainz, Eleonora Düse, von Stanislawski. Man hörte von russischen Lehrerinnen aus dem weiten Sibirien, die jahrelang Geld sparten, um nach Moskau zu fahren und dort das künstlerische Theater von Stanislawski zu sehen, und das, was sie dort sahen, beglückte sie fürs Leben. Erst gestern erzählte mir ein Bekannter von dem, was er erlebt hat, als er Kainz als Hamlet sah: Ein Eindruck fürs ganze Leben. Aber wenn man ein Theater der neuen Kunsttheoretiker verläßt, verrinnt sofort alles und nichts bleibt zum Mitnehmen. Darauf kommt cs aber hauptsächlich an, denn es ist eine Lüge, daß der Zuschauer nur Theater als Theater sehen will, nein, der Zuschauer will erschüttert, bewegt sein. Und nun sieht man, daß ein jüdisches Theater — immerhin das bedeutendste Theater nach ״Habimah“ — sich eine von einem trockenen Gehirn ausgedachtc Kunstrichtung aneignet. Um den Fortschritt in der Kunst zu huldigen? Aus Stärke? Nein, aus Schwäche. Es ist wie gesagt leicht, den Körper nach Tairow derartig auszubilden, daß man es mit dem vollendetsten Akrobaten aufnehmen kann, es ist aber schwer, den Hamlet-Monolog wirklieh eindrucksvoll zu sprechen. Der Schauspieler kann durch Uebung wie ein Affe über Leitern klettern lernen, das ist leicht; schwer dagegen ist, den Schmerz, die Einsamkeit des Uriel Acosta darzustellen. Und wie gern hätte man eine Uriel Acosta-Auffiihrung auf einer neuen echten jüdischen Bühne gesehen! Dieses Trauerspiel des fortschrittlichen, romantischen Gutzkow, das nur noch auf den Provinzbühnen — und auch da wahrscheinlich nur selten — aufgeführt wird, hätte auf der echten naturalistischen jüdischen Bühne seine Auferstehung erleben können. Sie verstehen wohl, es wäre etwas ganz anderes mit dem Uriel Acosta auf einer jüdischen Bühne; hier hätte man nicht nur daran gedacht, daß Gutzkow mit seinem Werk gegen Intoleranz kämpfen wollte, sondern einen Abschnitt wirklicher jüdischer Geschichte, das jüdische Amsterdam des 16. Jahrhunderts hätte inan sehen und erleben können. ״Habimah“ wird sich vielleicht dieser Aufgabe einmal widmen. Hier wäre viel zu erreichen. Sehr zweifelhaft aber, ob das Moskauer Akademische Theater so etwas jemals ernstlich unternehmen wird, weil seine Schauspieler hauptsächlich dem Grotesken ergeben sind. Nur einmal wird langsam, feierlich auf dieser Biihne geschritten, und cs war gut, es war wunderbar sogar, ich denke an die ״Reise Benjamins III.« ״Aber womit erklären Sie die Begeisterung des Publikums, die doch bestimmt echt ist“, fragte einer der Anwesenden. ״Jedenfalls erklärt sie sich nicht durch die Anwendung der Tairow׳schen Grundsätze, das kann man schon daraus ersehen, daß, als Tairow selbst vor einigen Jahren mit seinem Theater in Berlin war, er nicht den mindesten Erfolg hatte. Das Publikum blieb kalt, ebenfalls die Kritik. Es wäre aber vielleicht anders gekommen, hätte er bei der Aufführung von ״Prinzessin Turandot“, während die Schauspieler springen, klettern, tanzen, die Dekorationen selbst auseinandernehmen und neue aufstellen, das Wolgalied spielen und singen lassen. Wie, das Wolgalied paßt gar nicht zu diesem Stück, hat mit ihm gar nichts zu tun? Das trifft allerdings zu, aber trotzdem Wolgalied. Es hätte das Publikum zum Jauchzen gebracht, der Erfolg wäre groß gewesen. Nun, das was Tairow nicht verstand, verstand Granowsky. Ich •will damit sagen, daß in der Aufführung von ״Zweimalhundert Tausend“ die Musik, die bei Tairow nur eines der Kunsteleraente war, zum Hauptelement wird. Ich bleibe fest bei meiner Behauptung, daß nur die Musik bei dieser Aufführung es war, die die starke Wirkung hervorbrachte. Urteilen Sie selbst, meine Damen und Herren! ln der Schlußszene des dritten Aktes, als die grotesk dargestellten Reichen aus der ״Tschastni Kommertzcschki Bank“, die übrigens alle so entsetzlich dumm, so unjüdisch aussehen, deren Bewegungen genau die gleichen sind wie bei den Bauern aus dem ״Blauen Vogel“, als diese Reichen mit ihren Damen und dem reich gewordenen Schneiderehepaar sich langsam zum Festessen begeben, da setzt plötzlich die Musik ein, die man auf jüdischen Hochzeiten in früherer Zeit und noch jetzt vielleicht spielt. Und, wissen Sie, man ist der Schwermut dieser Musik völlig ausgeliefert, man er- Heb Abis chel der Leuchtende Meinem Vater m seinem siebzigsten Geburtstag eine frische Frucht zum Erstiiagssegen» in seinem Garten gebrochen. Von Abraham Stenzei. Reb Meirl, der Przemyslaner, sah ein, daß es ein Ding der Unmöglichkeit war, es so weiter zu treiben. — Es war die Trauerzeit zwischen Pessach und Schawuoth, noch vor dem dreiunddreißigsten Tag, dem Freudenfest von Reb Simon Ben Jochai und gerade in der Nacht der ״Kraft aller Kräfte“, da nahm er Tallit und Tefillim, band sie ein in ein großes buntes Tuch und legte ein reines Hemd für Sabbat- und Feiertag dazu. Und er nahm ein Messer für die Gefahren des Weges mit — wenn der Herr, dessen Name gesegnet sei, dazu verhelfen wollte, würde es auch einen Kanten Brot geben, und dann sollte er etwas haben, es damit zu schneiden. Und weil kein Mahl sein kann ohne Salz, nahm er auch ein bißchen Salz mit sich. Wie ein Flämmchen neben einer Fackel, wie ein Talglicht neben einer Habdalah-Kerze — so war es immer mit ihm —, und so steht es auch geschrieben. ״Und nun fliege ich umher in großen Unendlichkeiten ohne Grenzen mit meinen winzigschwachen Flügelchen — und Fasten und Sichkasteien könnte auch nicht mehr Erlösung bringen, als wenn ich ein Ausgedörrtes und Eingeschrumpftes hineinschleudern wollte in ein qualmendes Flämmlein.“ — und er weiß es, die rechte Stunde dafür ist noch nicht gekommen. Wie ein Flämmlein neben einer Fackel! Man soll eins sein können mit dem leuchtenden Spiegel — und für sich allein — ein Lichtchen. Man muß ein Licht für Einen sein, wenn man ein Licht für Hundert sein soll; — so muß es sein. Und so steht es auch in den heiligen Schriften, und wenn es so nicht sein kann, muß der Mensch damit ringen, muß mit Satan, vor dem uns Gott behüten möge, ringen, bis der Morgenstern sich hebt. Auch ein Fläschchen mit Aquavit steckte er in seine Brusttasche — vielleicht trifft man unterwegs einen traurigen Mann, und allein ist man auch nur ein Nichts — dann wird man zur Gesundheit trinken. Und ehe er wegging, als er schon an dem Türpfosten stand und die Hand auf die Mesuse legte, rief er seinen vertrauten Diener und sagte ihm also: ״Es werden Juden kommen, Bedrückte, die um Kinder, Leben, Nahrung beten — von ihnen sollst du die Bittzettel nehmen und sie hineintragen in meine Kammer der Abgeschlossenheit und mit lächelndem Antlitz zu ihnen heraustreteu und sprechen: ,Der Herr, sein Name sei gesegnet, ist ein Gott des Erbarmens und der Gnade und allen, die zu ihm rufen, bringt er Hilfe.‘ Es sei eine Qual um bedrückte Juden. Und er faßte fest die Hand seines vertrauten Dieners und sprach mit gesenktem Blick: ,Aber man darf doch selbst auch nicht bedrückt sein! Besonders wenn die Qual von ganz Israel auf einen wartet. — --“ Und Reb Meirl verließ Przemyslanv gesenkten Blicks. Und es wird weiter erzählt: In den drei Vorbereitungstagen für das Woehenfest war Przetnyslany schon angefüllt wie ein Auge. In den Gasthäusern konnte man weder heraus noch herein, Tische und Bänke waren vollgepfropft, und viele, viele weiße Rabbimäntel waren aus der Feme und aus fremden Ländern da, und von allen vier Enden der Welt und aus allen Richtungen kamen voilgepackte Wagen mit Chassidira und eigene Gespanne mit Reichen und Vornehmen. Und Przetnyslany war eingetaucht in Ueberfluß. Und Reb Abischel, der Leuchtende (so wurde der vertraute Diener nach seinem Tode genannt), ging umher, ein Trunkener, mit zitternden Knien. Jedes betrübte Herz vernahm er, jeden von Tränen durchweichten Bittzettel nahm er an, trug ihn hinein in die Kammer der Abgeschlossenheit, und kam heraus mit leuchtendem Gesicht: ״Der Herr, sein Name sei gesegnet, ist ein Gott des Erbarmens und der Gnade, und alle, die zu ihm rufen, erhört er.-“ Und Juden ward geholfen, Juden schritten im Reigen und man trank einen richtigen Branntwein und ganz Przetnyslany war ein Jubel und eine Freude. Und Reb Abischels Augen wurden immer leuchtender und sein lächelndes Antlitz immer noch lächelnder und sein gramerfülltes Herz voller und voller des jüdischen Leides. Und die Kunde ward getragen von einem jüdischen Stadtchen zum anderen, von einem Land ins andere, und Juden kamen aus der ganzen Welt mit schweren trauernden Herzen. Und Witwen kamen und verlassene Frauen, eingehüllt in schwarze Tücher. — Und das war im Jahre der Verfolgung der jüdischen Schnapsbreaner, —.!== Und niemand wußte, was und wo. Und Reb Abischel, der Leuchtende, ging umher, ein Trunkener, mit schwankenden Knien, und sein lächelndes Antlitz leuchtete und seine feurigen Augen brannten. — Und geheimnisvolle Reden wurden geführt und die Schläfenlocken wurden wie Fragezeichen geschüttelt, und schwer zuckten die Achseln: ״Was vernimmt man aus der Kammer der Abgeschlossenheit?“ Und keine Antwort und kein Wort. Und man harrte auf die ״Empfängnis der Gebote“. Ganz Przemyslanv wur eingewiegt in Melodien. Aus jedem Fenster tönte ein ariderer Akdomaus-Hymnus. In dem einen Gasthof sind Juden, die in der Weichselniederung wohnen — da strömt es traurig, demutsvoll und voller Hoffnung zum Vater im Himmel, mit offenen Augen, und die Augen fließen und fließen.... Reb Aarele, der Schammcs — er hieß eigentlich Aaron Karpather, ein Mann wie ein Riese und mit ein paar mächtigen Schultern —, er kam vor langen Jahren aus einem jüdischen Städtchen in den Karpathen mit einem neuen Marsch zu Akdomaus. Es w׳ar bekannt, daß der Przemyslaner Rabbi Melodien liebte, mit.seiner ganzen Seele. Freunde der Melodien pflegten von allen Enden der Welt zu ihm zu kommen. Als Aaron Karpather mit dem neuen Marsch zu Akdomaus kam, da gab ihm Reb Meirl einen Schlag auf die Schulter: ״Du bleibst hier und bekommst ein eigenes Häufchen mitten auf dem Markt!“ — Und so geschah es. Das ist die bekannte Geschichte von Aaron, dem Sänger. — So wohnen bei Reb Aaron, dem Schammes, schon von jeher die Juden aus den Karpathenstädtchen und aus seinen offenen Fenstern schwingt cs sich in den Himmel hinein. Jeder Ton ist wie ein geschleuderter Stein, gegen den verschlossenen Himmel geschleudert: ״Und so s.oll es sein! Und so muß es sein! So und nicht anders!“' Und man wartete nun, was der Przemyslaner Rabbi dazu sagen werde. Alle Jahre pflegten deswegen große Streitigkeiten zwischen den Kabbalisten zu sein. Der Markt stand dann voll einzelnen Gruppen. Manchmal ging cs sogar so weit, daß sie einander am Bart und an den Schläfenlocken packten. — Reb Meirl wählte eine Akdomaus-Melodie immer nach dem Eindruck, den ganz Israel eben machte, und viele Male auch gerade umgekehrt. Aber das geschah, wenn cs keinen anderen Ausweg gab: ״Wenn cs, was Gott verhüte, zur Vernichtung der Juden kommen soll, dann will ich sterben als Zeuge für Israel. Dann mag das himmlische Gericht tun, wie es will!“ Und der ״Eiserne Kopf“

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