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Jüdische Rundschau · 1928-05-23 · Heft 40-41 (23.5.1928) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 40-41 (23.5.1928)
Date
1928-05-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seit« 288 JUEDISCHE RUNDSCHAU ♦ Der Kampf im amerikanischen Zionismus lieber die Konferenz der Opposition, die am 29. April in Washington unter dem Vorsitz von Judge Mack stattfand, enthält die letzte Nummer von ״New Pa lest ine“ einen ausführlichen Bericht. Judge Mack beschuldigte in seiner Eröffnungsrede die Leitung des amerikanischen Landesverbandes, daß es ihr nur auf Machtpolitik ankomme und nicht auf die Vertretung sachlicher Prinzipien. Die Organisation mit Ihrem Apparat seien Selbstzweck geworden, an Palästina habe man vergessen. Dies mache die Beseitigung der gegenwärtigen Leitung erforderlich. — Es wurde jedoch auf der Konferenz betont, daß sich der Kampf ausschließlich gegen die amerikanische Leitung richtet, nicht gegen irgendwelche Instanzen der Weltorganisation. Jeder Versuch, Fragen der Weltorganisation oder die Frage der Erweiterung der Jewish Agency zur Sprache zu bringen, wurde vom Vorsitzenden unterdrückt. Die Hauptredner waren Morris Seldin, Berenson und Rosenson, die verschiedene Anschuldigungen gegen die Lipsky-Admlnistration erhoben. Es wurden ihr Rückgang der Mitgliederzahl, Defizite der Institutionen, Vernachlässigung der Erziehungsarbeit, persönliche Ambitionen vorgeworfen. Ein Resolutiomsljomitee unter dem Vorsitz von Prof. Frankfurter schlug eine lange Resolution vor, die aus einer Präambel in fünf Punkten besteht. Prof. Frankfurter sagte, er sei seit 1921 nicht Mitglied der Zionistischen Organisation und werde solange draußen bleiben, als Lipsky Vorsitzender ist. (!) In der Resolution werden die bekannten Vorwürfe nochmals zusammengefaßt, insbesondere der Vorwurf der Mißwirtschaft, der illegalen Unterstützung der Bodenkaufsgesellschaft Zion Commonwealth und der Hypothekengesellschaft Palestine Securities, sodann wird erklärt, daß diese gänzlich unfähige Leitung das Vertrauen verloren habe und auch nicht imstande gewesen sei, die ungeheuren materiellen Möglichkeiten des amerikanischen Judentums für den Aufbau Palästinas auszunützen. Zum Schlüsse der Erklärung heißt es, die gegenwärtige Leitung müsse einer besseren Platz machen, welche in Zusammenarbeit mit der Zionistischen Weltorganisation und mit der Palästina-Exekutive nettes Leben in den amerikanischen Zionismus bringen und zur Beschleunigung des Aufbaues des jüdischen Nationalheims beitragen könne. ״The New Palestine“ nimmt im Leitartikel der gleichen Nummer ausführlich Stellung zur Washingtoner Konferenz. Zunächst wird das ganze Arrangement der Kon* ferenz scharf kritisiert. Man habe dort den verschiedensten Personen, die zum Teil selbst diskreditiert sind, die Freiheit gelassen, unsubstanzlierte schwere Beschuldigungen gegen die zionistische Leitung zu erheben, und zwar in einer Versammlung, die nicht aus gewählten Mitgliedern bestand, sondern wo allerlei Gäste und Zeitungsleute zuhören konnten. Die einzelnen Vorwürfe des in Washington beschlossenen Manifestes sind teils unbegründet, teils fallen die Anklagen gerade auf die Männer zurück, die heute die Opposition bilden. Denn unter der Leitung von Judge Mack hat 1919 die Zionistische Organisation Amerikas die Verant- Wartung für Zion Commonwealth übernommen, ohne eine Möglichkeit der Einflußnahme auf die Geschäfte zu haben, die erst 1926 dank der Bemühung der gegenwärtigen Leitung erfolgte. Der Mann, der als Vorsitzender des Finanzkomitees für die meisten Aktionen verantwortlich ist und der Advokat van Zion Commonwealth war, hätte gegen die Vorwürfe protestieren müssen; er aber — Rosenion — war der Hauptankllger in Washington. Was den Mitgliederschwund betrifft, so betrugen die Mitgliedsbeiträge 1920 unter Macks Leitung 31 000 Dollar, heute betragen sie 154 000, wobei berücksichtigt werden muß, daß die materiellen Anstrengungen vor allem Palästina gelten, wohin 17 Millionen Dollar in diesen sieben Jahren geflossen sind, während die Brandeisgruppe 1921 erklärt hatte, es bestehe keine Möglichkeit für Geldsammhingen für den Keren Hajessod in Amerika. Auch die übrigen Vorwürfe des Manifestes betreffen Sünden des Brandeis-Regimes, die gerade durch die gegenwärtige Leitung zum Teil wiedergutgemacht werden konnten. Der Artikel erklärt zum Schluß, die Opposition müsse derartige Mittel verwenden, weil durch eine klare Aufdeckung der wirklichen Differenzen bewirkt würde, daß die überwältigende Mehrheit sich auf seiten der Leitung stellte. New York, 18. Mai. (J.T.A.) Wie offiziell mitgetellt wird, hat sich die von Louis Lipsky geleitete Administration des amerikanischen Zionismus entschlossen, die gegen sie seitens der Opposition erhobenen Anklagen über eine die Bewegung schädigende politische und administrative Führung einem Unparteiischen Untersuchungsausschuß, der von Weizmann zu ernennen wäre, zur Prüfung zu unterbreiten. Die Administration hofft, auf diese Welse vor der jüdischen Oeffentlichkeit die vollkommene Grundlosigkeit der Beschuldigungen, die die Führer der Opposition gegen sie erheben, darzutun. Wie der Vertreter der J. T. A• erfährt, ist man sich über die Zusammensetzung der Unter״ suchungskommission bereits einig geworden; sie wird aus drei prominenten Juden bestehen, die nicht der Zionistischen Organisation Amerikas direkt angehören. * New Vork, 21. Mai. (J.T.A.) Die diesjährige Kon* * ferenz des ״United Palestine Appeal“ sprach sich mit überwählender Mehrheit fürdie Lipsky-Administration und gegen die Opposition aus. Dem Bericht ist zu entnehmen, daß im Verlauf der letzten Kampagne 1948 812 Doü. in bar aufgebracht worden sfnd. Den Höhepunkt der K0Hferenz bildete die Rede Dr. Welzmanns, der sich vor seiner Abreise nach Europa von den amerikanischen Zionisten verabschiedete. Die Raßlandarbeil des Joint New York, 13. Mai. (J.T.A.) Vor kurzem wurde In New York eine außerordentliche Sitzung der Leiter des United Jewish Campaign des Joint Dlstrihutfon Cpmmittees abgehalten, in der der Vorsitzende des Campaign, David A. Brown, über die nächsten Aufgaben des Joint referierte und dariegle, daß zur Fortsetzung der unmittelbaren Aufgaben des Joint-Aufbauwerkes in Rußland mindestens 2 Millionen Dollar sofort nötig sind, ferner eine Million Dollar für die Arbeit auf anderen Gebieten. Es entspann sich eine Diskussion darüber, ob das Joint Distribution Committee auch nach Beendigung der gegenwärtig in Fluß befindlichen 25 Millionen Dollar- Kampagne seine Arbeit fortsetzen oder in Liquidation treten solle, wobei selbstverständlich der Agro-Joint in Amerika als selbständige Organisation zur Fortführung des Rußland-Werkes weiter zu bestehen hätte. Louis Marshall und andere Redner verfochten den Standpunkt, daß Joint mindestens noch weitere fünf bis zehn Jahre sein Werk in der bisherigen Form fortsetzen solle. Weser Standpunkt drang durch. Es wurde beschlossen, bis spätestens 1. Juli d. 1. ef«e Summe von 3100 000 Dollar für die unmittelbaren Aufgaben aufzubringen. Marshall sagte in seiner Rede u. a.: In einem Teil der jüdischen Presse wurden Julius Rosenwald und Felix M. Warburg sehr scharf kritisiert, weil sie wiederum Millionenbeträge für die jüdische Kolonisation in Rußland gespendet haben. Sie hätten, heißt es in diesen Aufsätzen, besser getan, diese Beträge dem Palästina-Werk zuzuwenden, Palästina, fuhr Marshall fort, wird nicht vergessen werden; aber es würde seiner zehnmal mehr gedacht werden, als es schon jetzt der Fall ist, wäre nicht die Unterminierungs politik derjenigen Kreise gewesen, die versuchen, die prsönllcb« Ueberzeupung anderer Menschen zu vergewaltigen und ihnen vorzuschreiben, was sic mit ihren! Oelde tun sollen. Im Weiteren Verlauf seiner Rede wandte sich Louis Marshall scharf gegen diejenigen Kreise, die für Sabottierung von Anleihen an diejenigen ‘Länder, in denen Juden schlecht behandelt' werden, cintreten- Man solle die Durchführung solcher An* leihen nicht stören, durch die die wirtschaftlich® Position der. betreffenden Linder gebessert wird, was ja auch der jüdischen Bevölkerung dieser Linder zugute kommt. Es sprachen noch Felix Warburg, James Rosenberg, Cal. Lehmann und Dr. J. Rosen. Die Ernteschäden ta den KrtmkQlonten Moskau, 14. Mai. (J.T.A) Wegen der großen. Ernteschaden, die die jüdischen Kolonien in der Krim und im Distrikt Cherson infolge der ungeheuren Unwetter und der Hagelschläge erlitten haben, herrscht im jüdischen Kolonisationsgebiet eine sehr gedrücktcStimm ung. Das Präsidium der Kolonisationsgesellschaft ״QZET“ hat beschlossen, außerordentliche Hilfsmaßnahmen zu ergreifen und vor allem in den Kolonien, die zuerst durch Frost und dann durch Hagelschläge gelitten haben, an Stelle der vernichteten Wintersaaten Frühlingsgetreide anzubauen. Infolge der Wetterschäden fehlt es in den Kolonien an dem Notwendigsten. Die jüdischen Kolonisten wandern täglich 30 Nr, 40/41, 23■ V. J028 imd 40 Meilen weit ln die ihnen erreichbaren kleinen Städte, um sich dort Brot zu beschaffen. Die Regierung hat 3(» 000 Rubel zur Beschaffung von Nahrungs- und Futtermitteln für die jüdischen Kolonisten zur VcrföfTung gestellt. Die Regierung beschloß ferner, aus staatlichen Beständen monatlich 60 Waggons Brot und 30 Waggons Kartorfein ln die jüdiichen Kolonien zu senden und diese Sendungen so lange fortzusetzen, bis sich die Lage gebessert hat. Dem J. T. A.-Vertreter erklärte der Generaldirektor von ״ORT“, Agronom Zegelnickl, daß die jetzige Mißernte eine «oppejte Ursache habe. Der sehr regenarme Herbst des Jahres 1927 hat es vielen Kolonisten unmöglich gemacht, die Wintersaat durchzuführen. Wo Wintersaat angebaut wurde, ist sie zu 50 Prozent durch Frost, zu 40 Prozent durch Unwetter ver- «lebtet worden; nur 10 Prozent dieser Ernte konnten erhalten bleiben. Unter den Kolonisten herrscht tiefe Depression. Von der Gesellschaft ״ORT“ wird dem Vertreter der Ita mitgeteilt, daß laut den letzten Berichten die Ernte in den Jüdischen Kolo- «len des Distriktes Odessa, die von ״ORT“ betreut werten, bis z« «eunaig Prozent vernichtet ist. Pie Gesellschaft ORT“ hat nach diesem Distrikt eine Menge Futtermittel zwecks Erhaltung des Viehbestandes gesandt. Ein Skandal beim Asch-Bankett in Moskau Moskau, 17. Mai. (J.T.A.) Bei dem zu Ehren von Schalom Asch von der Gesellschaft ״OZET“ gegebenen Bankett kam es zu einem großen Skandal, als der Führer der jüdisehen Kommunisten und Redakteur des ״Emess“, L11 w a k o w, von Asch sagte, er sei ein großer Erzähler, halte aber mehr von sich, als pie Massen von mm halten; charakteristisch für ihn sei sein letzter Brief an den polnischen Ministerpräsidenten PH* s u d s k i. Schalom Asch erhob sich bei diesen Worten, schlug heftig auf den Tisch und rief aus: ״Entweder Litwakow hört zu sprechen auf, oder ich verlasse den Saal; ich pfeife auf ihn!“ Es entstand ein Tumult. Man rief Schalom Asch zu: ״Pfeifen Sie in Paris, hier ist nicht der Ort, wo man pfeift!“ Litwakow wurde aufgefordert, weiter zu sprechen, er weigerte sich aber, dies zu tun. Der Schriftsteller Rachmiel Weinstein rannte an die Spitze der Tafel, übernahm die Leitung, die bisher Diman* stein innehatte, und versuchte in einer halbstündigen Rede, die erregten Gemüter zu beruhigen. Litwakow wurde abermals gebeten, in seiner Rede fortzufahren, er erwiderte aber nur, er wolle nicht das ״Oaet“*Bankett sprengen, er werde seine Ansicht über Asch in der Presse vertreten. Asch entschuldigte sieh dann vor Litwakow in einer Rede und sagte, Rußland sei »hm teuer und er setze große Hoffnungen auf die jüdische Kolonisation, aber er sei wejt entfernt davon, sich zur Klassentheorie zu be* kennen, er bekenne sich zu einer einheitlichen jüdischen Nation. Die läge In Trans|ordanien Kampf am den Vertrag mit England ״Haarez“ bringt einen ausführlichen Bericht über die letzten Ereignisse in Transjordanien im Zusammenhang mit dem neuen Vertrag zwischen England und Emir Abdullah, der den größten Teil der Exekutivegewalt in Transjordanien der Mandatarmacjit überträgt. Die Unzufriedenheit unter den Scheichs in Transjordanien über den Vertrag scheint sich in scharfen Formen geäußert zu haben. Der Emir hat wiederholt versucht, auf die Führer einzuwirken, um ihre Zustimmung zu dem Vertrage zu erlangen. Dabei ist m einigen Zwischenfällen, z. B. zur Verhaftung einiger Vertragsgegner durch den Emir gekommen, d(e bald 'wieder aufgehoben würde;' '"Die ׳;t'r^ns'Jo'f'd'anis^h e" ■Reg'l e׳run׳g peimiHf‘׳ sich, mit scharfen lÄlftein;Unruhen ״zu EftfCÄl*"' tung, die pin® Artikelwrie .gfMirden VertHf;«t1it England fe•׳׳ bracht hat, ist verboten, der Redakteur des Landes verwiese«, worden. Eine Konferenz der Führer der verschiedenen Stimme äußerte sich gegen den Vertrug, ln einer Resolution wird erklärt, daß sich Tmrmjordiwltn nicht von vor»- herein an Syrien »«geschlossen hätte, weil es sieh allein eine rößere Autonomie versprach. Heute aber ist es klar, aß der Anschluß an Syrien größere freiheit gewähre als die Verfassung unter England, die 'durch Emir Abdullah dem Lande aufgebürdet würde. Der Entwurf des transjordanischen Einbürgerungsgesetzeslst erschienen. Danach werten alle ehemals ottomanischen Bürger, die seit August 1924 in Transjordanien ansässig sind, automatisch transjordanische Bürger. Die Palästina-Regierung veröffentlicht soeben einen Bericht mit genauen Zahlen über die Einwanderung und die Arbeitslage im Jahre 1927. Die Grundsätze der Politik der Regierung und di® wirtschaftliche Entwicklung yrerten in großen Zügen geschildert. Mann und fragte mich, warum ich denn weinte. Hoffnungslos antwortete ich, es wäre überflüssig, darüber zu reden, da mir doch niemand helfen könnte. Der alte Mann aber sagte, ich befände mich im Irrtum, er könnte mir helfen, denn er wäre der liebe Herrgott. Daraufhin erzählte ich ihm, ich wäre Angestellter von Lucian Brunner und bekäme 50 Kronen Monatslohn. Da setzte sich der liebe Herrgott zu mir und weinte mit.“ Lucian Brunner schmunzelte und rief ins Nebenzimmer zu seinem Kassierer Qrübel: ״Grübe!, von heute an bekommt Herr Weißmann jeden Monat 30 Kronen Erhöhung.“ * Auf eigentümliche Art wurde der genannte Griibel Zentralkassierer Lucian Brunners. Ursprünglich war er Hausknecht und fegte das Büro. Nun besaß Lucian Brunner außer zahlreichen Beteiligungen an verschiedenen Elektrizitätswerken, Banken und Industrieunternehmungen auch ein großes Hotel in Salzburg. Generaldirektor der Hotelaktiengesellschaft war ein hervorragender, mit Lucian Brunner befreundeter Rechtsanwalt. Das Hotel hatte jedoch alljährlich ein großes Defizit aufzuweisen. Als der Generaldirektor wieder einmal bei Lucian Brunner, dem alle Aktien gehörten, Vortrag hielt, und die Gründe des letztjährigen Defizits zu erklären versuchte, unterbrach ihn Lucian Brunner und schimpfte. ״Der Hauptgrund“, sagte er, ״für den schlechten Geschäftsgang des Hotels ist der Generaldirektor. Jeder Hausknecht wäre imstande, das Hotel lukrativ «,zu gestalten.“ Hierbei fiel sein Blick auf den gerade eintretenden Grübel. Lucian Brunner kam ein glänzender Gedanke. ״Grübel“, sagte er, ״ziehen Sie Ihren Kittel aus und den Rock an. Fahren Sie nach Salzburg und übernehmen Sie das Hotel!“ So geschah es. Grübel wurde Hoteldirektor und siehe da, das Defizit verschwand. Nach dreijähriger erfolgreicher Hoteldirektortätigkeit berief Brunner seinen Grübel nach Wien und machte ihn zum Zentralkassierer. * Lucian Brunner kandidierte bei jeder Reklistagswahl und fiel regelmäßig durch. Nach jedem Durchfall pflegte er za erklären: ״Da'haben sich die Wähler wieder einmal blamiert. Sie hatten die Möglichkeit, Lucian Brunner zu wählen, und ließen sie unausgenützt.“ Einmal wäre er doch schier Abgeordneter geworden. Er kandidierte in Radautz in der Bukowina und gelangte sogar in die Stichwahl. Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand, bekanntlich streng kirchlich gesinnt, wurde vor der Stichwahl vom Klerus bestürmt, seinen ganzen Einfluß bei den Verwaltungsbehörden aufzuwenden, damit Lucian Brunner nicht in den Reichsrat gelange. Und so wurde Lucian Brunners Wahl verhindert. Persönlich war Lucian Brunner bedürfnislos, ja geradezu knauserig. Während seine Familie, was selbstverständlich war, zwei Privatautos besaß, fuhr er prinzipiell nur Elektrische. Andererseits hatte er manchmal für gewisse Zwecke eine offene Hand. So kann ich mich an die Gründung der jüdischen Genossenschaftsbank in Galizien ״Kreditunion“ erinnern. Der jung verstorbene Reichstagsabgeordnete Heinrich Gabel, Mit* güed des ersten Jüdischen Klubs im Österreichischen Pariament, verstand cs, Lucian Brunner für diese Bank zu interessieren, so daß er sich bereit erklärte, nach Lemberg zu fahren und sich, wie er sagte, die Sache aus der Nähe anzuschaucn. Heinrich Gabel und ich übernahmen die Aufgabe, Lucian Brunner nach Lemberg zu begleiten. Dort »«gekommen, führten wir ihn in das vornehmste jüdische Restaurant ״Bristol“. Brunner flog die Speisekarte durch und bestellte sich Kuttelfleck, die billigste Speise, die in jenem Restaurant zu bekommen war. Er verzehrte sie mit großem Appetit und steckte nach vollendetem Mahl eine halbe Kaisersemmel, die ihm geblieben war, in die hintere unergründliche Tasche seines Cuts, den er seit einem Jahrzehnt trug. Dann führte« wir Lucian Brunner durch die Stadt, und abends hielt er in einer speziell für ihn einberufenen großen jüdischen Ver* Sammlung eine Rede über politische Fragen. Um 11 Uhr abends begleiteten wir Lucian Brunner wieder ins Restaurant ״Bristol“. Er bestellte sich wieder Kuttelfleck und zog aus seinem unergründlichen Cut die vom Mittagessen übrig* gebliebene halbe Kaisersemmel heraus. Von der Beteiligung, an der ״Kredit-Union“ sprach er kein Wort, ,Wir trauten ms auch nicht, die Rede auf diese Angelegenheit zu bringen. Um 12 Uhr nachts sollte er nach Wien zurückkehren. Und mm war es bereits 1/»12 Uhr, von Beteiligung an der ״Kredit- Union“ keine Spur. Heinrich Gabel und ich wurden nervös. Lucian Brunner weidete sich an unserer Unruhe. Schließlich näselte er: ״Was für Wieper Bankfilialen gibt es denn in Lemberg?“ Wir gaben bereitwillig Antwort. Und schon zog er sein Scheckbuch aus der Tascne, füllte einen Scheck mit der Ziffer 150 (XX) Kronen aus und überreichte ihn Dr. Gabel. Das geschah eine Minute bevor er dem Zählkellner erklärte: ״Brot hab’ ich keines gehabt. Ich habe mir die halbe vom Mittagessen gebliebene Semmel mitgebracht.“ * Vor einigen Tagen erzählte mir Professor Citron von einem Erlebnis, daß er als Student in Mönche« mit Lucian Brunner gehabt hat. Lucian Brunner war als Redner in einer Demokratenversam״>hwg in München angekündigt, Seine er* bitterten Wiener Gegner, die Christlichsozialen, verständigten ihre Münchener Gesinnungsgenossen, daß man Brynners Ver* Sammlung stören müsse. Als Lucian Brunner in München auf das Rednerpodium trat, sah er sich einer Masse von Münchener Cristhchsozlalen gegenüber, die ihn durch wilde Zurufe am Reden verhindern wollten. Nach Landesbrauch war Lucian Brunner mit einer großen Maß Bier auf dem Podium ffschienen. Beschwörend hob er diese Maß in die Höhe und rief mit Donnerstimme: ״Nun schön, da werd’ ich nicht reden. Aber die Maß Bier wer’ ich doch austrinke« dürfe«.“ Dieser Appell an di« heiligsten Münchener Gefühle war nicht fruchtlos. Lucian Brenner trank und r«d!t« *wiachewfurch. Aua der einen Maß wurden mehrere. Und iueian Brenner sprach zwischendurch... ein« Stunde lang. Die Moskauer jüdische Gemeinde hat den in Charkow leb« י den Rabbiner Mileikowski zum Oberrabhintr von Maske« gewählt

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