Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 40-41 (23.5.1928)
- Date
- 1928-05-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40/41, 23 V. 1928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 287 Normalisierung Von Gerda Arlosoroff-Goldberg. Tel-Awiw, den 9. Mai 1928. Palästina, wie der Zionist aller Länder es kennt, war seit mehr als einem Jahrzehnt ein Land der Gärung. Neue Versuche, große Anstrengungen, große Taten und noch größere Pläne und Projekte. Ueber die guten und schlechten Auswirkungen dieses dem Lande spezifischen Geistes geht seit langem eine Diskussion, leidenschaftlich geführt wie es unter Juden Brauch ist. Im Auslande ist diese Diskussion seit dem Kongreß kaum irgendwo zum Stillstand gekommen, wenn man ihrer auch nach und nach müde geworden ist. Auch in Palästina kann man heute noch Artikel lesen und Reden hören, wie sie vor dem Kongreß und in der Zeit des Kongresses aktuell waren, illustriert mit Beispielen aus den letzten Monaten. Aber der Wortstreit hinkt dieses Mal der tatsächlichen Entwicklung nach. Denn das Auffallendste für jemand, der Palästina gut kennt und es nach einer längeren Unterbrechung wiedersieht, ist eine Aenderung — nicht so sehr der tatsächliehen Einrichtungen —, sondern des Geistes, der weht. Um das Resultat vorauszunehmen und es in einem Satz zusammenzufassen: Palästina normalisiert sich, der Geist der Gärung und des Projektierens ist einer ge wissen Nüchternheit, Besonnenheit, Vorsicht gewichen. Um Mißverständnisse auszuschalten: es handelt sich dabei nicht um hohe Politik, auch nicht um hohe Wirt- Schaftspolitik. Es gibt heute im Lande keinen spürbaren leitenden politischen oder wirtschaftlichen Gedanken. Die unerträgliche Spannung aus der Zeit der Arbeitslosigkeit hat sich gelockert, für ein paar Monate ist Arbeit da und danach gibt es eine Reihe von Perspektiven. Ein Gerücht besagt, daß die Regierung bereits Untersuchungen über die Arbeitsbedingungen in den einzelnen Kolonien und Betrieben anstelle, die eventuell als Grundlage für eine Erleichterung der Einwanderungsbestimmungen dienen sollen. Langsam erholt sich die Gesamtheit, die Institutionen und der Einzelne von dem Druck der letzten anderthalb Jahre. Es ist das ein Prozeß, der hat erfolgen müssen, nachdem eine bedeutende Anzahl von Menschen das Land verlassen, die Regierung eingegriffen und eine Reihe von Privatleuten, Ohne viel Aufhebens davon zu machen, mit kleineren Investitutionen begönnen hat. Ein Prozeß, der nicht auf einen bestimmten wirtschaftlichen Kurs, nicht auf ״Beschlüsse“ zurückzuführen ist, sondern sich einfach daraus ergeben hat, daß man auf dem Tiefpunkt der wirtschaftlichen Kurve angekommen war und das Rad sich wieder nach der anderen Seite zu drehen begann. Die wirtschaftliche ״Renaissance“ jedoch, die das Land heute durchmacht, siebt erheblich anders aus als dep Aufstieg nach früheren Krisen. Nach der Periode der letzten Arbeitslosigkeit z. B. im Jahre 1923/24 kam fast ohne Uebergang eine neue Ueberflutung, die ״Tabak-Alijah“. Sie kam ins Land, ohne daß man zwischen dem Leben der früheren Jahre und dem neuen einen Unterschied feststellen konnte. Der ״Geist der Gärung“ beherrschte sie und das Land vollkommen. Heute, noch vor dem Beginn einer neuen Einwanderung, sieht das Land verändert aus. Eine ״Normalisierung“ hat eingesetzt, wie sie früher in Palästina unbekannt war. In erster Linie bemerkt man in weiten Kreisen ein Desinteressement und eine Müdigkeit gegenüber allem, was Politik heißt oder damit zusammenhängt. Zwar hat sich an dem äußeren Ablauf der Dinge wenig geändert. Die Zeitungen erscheinen und werden gelesen, Versammlungen werden abgehalten und besucht, aber der Wert, den man öffentlichen Diskussionen beilegt, ist stark gesunken, eine gute oder schlechte Rede, ein guter Ein Original Von Moses Waldmann. Im Waffenlärm schweigen die Musen. Und darin dürfte auch der Grund liegen, warum bis heute keinem der schreibbeflissenen und schriftstellernden Zionisten der Gedanke gekommen ist, die Figuren und Gestalten, die sich in den' ersten Jahren der zionistischen Bewegung zusammenfanden, künstlerisch zu gestalten. Außenstehende wären niemals imstande gewesen, eine derartige Aufgabe zu lösen. Dazugehörige hatten, sofern sie mit den Personen und der Sache des Zionismus verwachsen waren, niemals die nötige Muße und die notwendige Distanz, um sich dieser Aufgabe zu unterziehen. Das ist tief zu beklagen. Denn gerade in den ersten Jahren des Zionismus, besonders in Wien, schlossen sich der neuen Bewegung menschlich außerordentlich interessante Typen an: Phantasten. Ekstatiker, Outsider, Dichter von Träumen, Stümper des Lebens. Es war im Zionismus wie bei jeder neuen romantisch-geistigen Bewegung: die ewig Suchenden flatterten herbei, blieben kürzere oder längere Zeit und ver• schwanden dann wieder. Es wäre verdienstvoll, wenn die letzten Ueberlebenden jener Heroenzeit — und es gibt deren noch einige — das Menschliche und Anekdotenhafte jener Tage wenn nicht zu einem geschlossenen Kunstwerk vereinigen, so doch in Form von Chroniken oder Erinnerungen der Nach• weit überliefern würden. * Im Nachstehenden will ich von einer Persönlichkeit erzählen, die knorrig, eigenartig, störrisch, immer eigenbrödle• risch draußen blieb, aber doch vom Zionismus angezogen wurde, sich ihm näherte und sich doch nicht anschloß. Dieser Mann hieß Lucian Brunner, stammte aus Hohenems in Vorarlberg, einer der ältesten Judengemeinden in« den Alpen, verbrachte seine Jugend in Manchester, lebte dann in der Schweiz und Italien und ließ sich in vorgerücktem Alter in Wien nieder. Erbe eines großen Vermögens, hatte Brunner sein Leben lang eigentlich nichts mehr zu tun als oder schlechter Artikel bedeutet lange nicht mehr das, was früher. Parteien und Gruppen spielen im Leben des Einzelnen keine entscheidende und richtende Rolle mehr. Sie bestehen, sie äußern sich, sie haben immer noch einen gewissen Einfluß, aber sie sind nicht mehr das Bestimmende im öffentlichen und privaten Leben. Das Leben des Einzelnen hat sich in wichtigen Punkten ebenfalls geändert und zeigt einen anderen Geist und eine andere Einstellung. Das hat tatsächliche und psychologische Ursachen. Die Quellen der nationalen Gelder, fließen sehr spärlich und fast alle haben durch die schlechte Ordnung der öffentlichen Angelegenheiten in den letzten Jahren schwer gelitten. Man ist müde geworden und das Interesse am Allgemeinwohl hat der Beschäftigung mif persönlichen Angelegenheiten Platz gemacht. Man hat damit zu tun, sich eine Existenz zu sichern und seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen und in Ordnung zu halten. Das gilt nicht nur für die Angestellten, sondern auch für eine große Zahl von Arbeitern in Stadt und Land, die immer deutlicher danach streben, sich von Institutionen aller Art freizumachen und mit eigenen Kräften sich zu basieren. In kleinem Maße und mit kleinen Mitteln beginnen einzelne und kleine Gruppen sich herauszuarbeiten und sich einen Weg zu bahnen. In besonderem Umfange gilt das für die Pflanzungsbezirke, in denen heute allerlei Versuche gemacht werden, die vermutlich in Zukunft stärker um sich greifen werden. Es ist heute ein beliebtes Gesellschaftsspiel, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, inwieweit die neue Exekutive, die Exekutive der ״Wirtschaftlichkeit und Konsolidierung“ an diesem Umschwung und an dieser neuen Entwicklung beteiligt sei. Dabei muß man verstehen, daß es nicht nur darauf ankommt, daß die Exekutive nicht mehr ausgibt, als sie hat, und daß sie eventuell Schulden abzahlt. Das ist eine sekundäre, wenn auch für die Balancierung des Budgets wichtige Angelegenheit. Das Entscheidende an dem Umschwung ist, daß nicht nur die Exekutive nach dem sich richtet, was in der Kasse vorhanden ist, sondern daß mit jedem Tag in Palästina neue Leute lernen, das gleiche zu tun. Institutionen haben keine Hoffnung, mehr Geld zu bekommen als ihnen bestimmt ist und können daher nichts unternehmen, was über ein bestimmtes Maß hinausgeht. Der Einzelne macht den gleichen Prozeß durch. Es wird im Lande sehr viel pünktlicher gezahlt als früher. (Freilich sind diese Zahlungen nur möglich geworden, daß man über bestehende Schulden, z. B. bei den Lehrern, hinweggegangen ist und ihre Begleichung auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben hat.) Die Kredit- Wirtschaft ist dadurch zurückgegangen. Man hat wenig, aber das Wenige ist halbwegs sicher und man kann damit kalkulieren. Die Wirtschaft in den Läden beginnt einen normalen Kreislauf anzuuehmen. Insoweit als die Exekutive als Arbeitgeber auf tritt (Lehrer und Beamte), hat sie einen unmittelbaren Einfluß ausgeübt. Sie hat die Möglichkeit gegeben, einigermaßen normal zu wirtschaften und die Leute zugleich gezwungen, mit dem auszukommen, ■ was dk ist. Von diesen Grüppen aus, die direkt von der Exekutive bezahlt werden, wurden die von ihnen abhängigen Gewerbetreibenden berührt und so hat sich der Kreis erweitert. Auch die Institutionen, die mit der Exekutive verhandeln oder irgendwie von ihr abhängen, haben einen ähnlichen Weg durchgemacht und so setzt sich heute die ״Normalisierung“ langsam durch. Die Rolle der Exekutive war dabei eine negative: nicht mehr geben, als da ist. Und diese Rolle war unter den gegebenen Verhältnissen leichter zu spielen als früher. Palästina war für dieses ״System“ (wenn man es so nennen kann) vorbereitet und reif. Es mußte so kommen. Man hatte durch die ungeheuren Anstrengungen, die man sich selbst aufgebürdet hatte, zu viel gelitten. Es mußte jemand kommen, der eine normale, klare und nüchterne Atmosphäre schuf. ״Normal, klar, nüchtern.“ So sieht heute Palästina aus oder ist im Begriff, cs zu werden. Wer das Land und die Menschen kennt, dem wird bereits etwas bange dabei. Was auffällt, ist nicht nur eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber allgemeinen Fragen. Was auffällt und Besorgnis erregt, ist eine gewisse Müdigkeit, der Mange! neuer Gedanken, irgendwelcher lebendiger Kreise, die, nachdem der notwendige Prozeß der Normalisierung vorbei ist, eingreifen können. Der Palästinenser lernt rechnen. Das ist fraglos gut und wichtig. Aber die Krise und die folgende zwangsläufige Entladung der Luft, das Ordnen kleiner und großer Dinge, das Sichzurückziehen der Einzelnen von der Oeffentlichkeit, all das hat die Tatkraft, den Willen zu besonderen Anstrengungen stark gelähmt. Man muß sich fragen, ob diese Menschen, die sich heute im Lande einwurzeln, noch zu etwas anderem fähig sind, als normal zu leben und für sich und ihren kleinen Kreis einzustehen. Man muß sich fragen, was dieses Palästina von heute einer neuen Einwanderung zu geben hat, die man herannahen fühlt. Es muß sich heute zeigen, ob cs gelingen kann, diese ״Norm“, die im Lande Platz greife, mit dem zu verbinden, was Palästina seit Jahrzehnten getragen und es so anziehend gemacht hat: Weite Interessen, immer neue Versuche, es besser zu machen, das Zurücktreten des Einzelnen vor der Gesamtheit, das Gefühl einer Kampfgemeinschaft. Denn ebenso wie man zu einer gesunden Wirtschaftsentwicklung vernünftige Kalkulationen braucht, ebenso braucht man zum Aufbau des Landes Faktoren, die sich jeder Berechnung und jeder Bilanz entziehen. Die Wahlen in Deutschland Der Ausgang der Reichstagswahlen entspricht ungefähr den Erwartungen. Die Deutsch-Nationalen verloren so viele Mandate, wie Sozialdemokraten und Kommunisten gewannen. Auffallend ist, daß die ausgesprochen rassenantisemi- 11 s c h e n Parteien kaum Einbuße an Stimmen erlitten haben, obwohl sie mit einem Verlust von mehreren Mandaten abschlossen. Es scheint, daß ein großer Teil der neu hinzugekommenen jungen Wähler für die Radikal-Antisemiten gestimmt hat Wenn man die Anzahl der ausgesprochen antisemitischen Stimmen verdoppelt, so kommt man zur Zahl der radikaljudenfeindlichen Personen in Deutschland. Nun haben National- Sozialisten und Völkischnationale gemeinsam mit der Kunze- Partei 1 100 009 Stimmen erhalten. Das heißt auf jede jüdische Seele in Deutschland kommen ungefähr vier radikal-antisemitische Nichtjuden. Und wenn man bei den anderen Parteien, abgesehen von der Linken, Tiefenforschungen anstellen wollte, käme man zu einer weiteren erklecklichen Anzahl von ausgesprochenen Judenhassern. Charakteristisch ist auch der große Stimmenverlust der demokratischen Partei. Diese Tatsache zwingt zu dem Schluß, daß, wofern es in Deutschland eine bürgerliche Demokratie gibt, diese sich ängstlich davor hütet, mit der ausgesprochenen ״Judenderaokratie“ in einem Topf geworfen zu werden. Mit der Macht der sogenannten ״Judenpresse“ scheint es also nicht weit her zu sein. Sie hat zweifellos doppelt soviel Abonnenten und Leser, als Anhänger ihrer Grundsätze. ״Ein braver deutscher Mann kann keinen Franzmann leiden, doch sein« Weine trinkt er gern“. Schließlich sei mit Befriedigung vermerkt, daß der preußische Landtag durch die Wahlen keine wesentliche Veränderung erfahren hat. m. Der blutige 1. Mal in Warschau Die Untersuchung wegen der blutigen Vorfälle am 1. Mai in Warschau, die einen ausgesprochenen a n t i s e m i t i - sehen Charakter trugen, ergaben bisher zur Gewißheit, daß die Schießerei und das Blutvergießen durch einen Provokateur der Warschauer Polizei hervorgerufen wurden. Ferner wurde festgestellt, daß viele Verletzungen beim Eindringen von Polizeiorganen in Privat wohn ungen entstanden sind. Der festgestellte Provokateur ist ein getaufter Jude namens G. Goldschmidt. die Renten seiner Kapitalien auszugeben. Er nannte sich einen Demokraten, war sogar längere Zeit Mitglied des Wiener Gemeinderates, in dem er in seiner urwüchsigen Art dem Führer der österreichischen Antisemiten das Leben schwer machte. Lucian Brunner wußte wenig vom Judentum. Er war aber ein unabhängiger, aufrechter Mensch, auch in geistiger Hinsicht und darum widerte ihn das Gehaben der großbourgeoisen Wiener jüdischen Assimilation an. Ohne die geringste Beziehung zu nationaljüdischen Kreisen zu haben, ohne auch nur das hebräische Alphabet zu kennen, trug er im Jahre 1890 anläßlich der Volkszählung in die Rubrik Muttersprache ״hebräisch“ ein. Da diese Sprache in Oesterreich als Muttersprache nicht anerkannt war, und die Muttersprache als Kriterium der Volkszugehörigkeit betrachtet wurde, wollte man die Eintragung ״Hebräisch“ nicht gelten lassen. Lucian Brunner führte nun einen langwierigen Krieg mit den Verwaltungsbehörden, um darzutun, daß er auf dieser Eintragung beharren müsse, weil er sonst keine Möglichkeit habe, zum Ausdruck zu bringen, daß er zu keiner der anerkannten neun österreichischen Nationen gehöre und Jude sei. Natürlich verlor Ludan Brunner seinen Rechtsstreit. Aber daß er ihn aufnahm, mag als Beweis für seine selbständige Art dienen. Glücklicher war er in einem anderen Falle. Die Gemeinde Wien hatte für den Bau einer katholischen Kirche 100 000 Gulden bewilligt. Lucian Brunner errechnete auf Grund seiner Steuerleistung, daß er für diesen Zweck elf Gulden beizutragen gezwungen sei. Auf Grund der Verfassung, die ausdrücklich bestimmte, daß kein Andersgläubiger zur Beitragsleistung für kirchliche Zwecke einer anderen Konfession verhalten werden könne, legte er Berufung gegen den Beschluß des Gemeinderates ein und verlangte die Erstattung des auf ihn entfallenden Beitrages. Er verfocht diesen Rechtsstreit durch alle Instanzen. Er ging bis zum obersten Verwaltungsgerichtshof, ließ sich Sachverständige und Juristen ein Heidengeld kosten, und gewann schließlich seinen Prozeß. Die erstrittenen elf Gulden klebte er in Silbermünzen auf einen Pappendeckel, rahmte diesen ein und hängte dieses eigenartige Bild über seinen Schreibtisch. Lucian Brunner pflegte von vielen Hilfsbedürftigen besucht zu werden. Auf diese Besuche vorbereitet, trug er stets eine Menge von Zehnkronengoldstücken in der Westentasche. Er gab jedem Unterstützungsbedürftigen seinen Obolus. Aber unter einer Bedingung: man mußte sich mit ihm eine Stunde lang unterhalten, das heißt, man mußte eine Stunde lang Lucian Brunners Geschichten anhören. Trotzdem verebbte der Storni der Besucher niemals, und Lucian Brunner mußte seine Westentasche immer neu füllen. Er hatte sehr viel Sinn für Humor. Zur Verwaltung seiner verschiedenen Vermögensobjekte gründete er eine ״Volksbank“, in der eine Unzahl von Angestellten beschäftigt war. Wie aber gelangte man dazu, Beamter der Volksbank, das heißt Lucian Brunners zu werden? Auf die einfachste Weise der Welt. Man kam täglich ins Vorzimmer der Volksbank, trieb diese Uebung einen Monat lang und überreichte am nächsten Monatsersten eine Gehaltsnote. Allerdings waren die Gehälter sehr gering. Sie schwankten zwischen 30 und 60 Kronen monatlich. Einer dieser Angestellten war auch ein gewisser Max Weißmann aus Mähren, ein kleiner, kränklicher, armer, stets lustiger Kumpan. Monatelang strich er an jedem Monatsersten seine fünfzig Kronen ein. Schließlich kam ihm der Gedanke, daß dieses Gehalt zu niedrig sei. Ohne lange zu überlegen, ging er zu Lucian Brunner und verlangte Gehaltserhöhung. Lucian Bamner schaute ihn groß an und fragte ihn verwundert: ״Sind Sie denn bei mir angestellt?“ ״Ja“, lautet die Antwort. 111״ welcher Abteilung?“ fragte Lucian Brunner. ״Ich helfe dem Herrn Horowitz“, antwortete Weißmann. Verwundert schüttelte Brunner den Kopf. ״Was macht denn Horowitz?“ Weißmanns schlichte Antwort lautete: ״Nichts.“ Woraufhin Lucian Brunner den guten Weißmann aus dem Zimmer wies. Um so verwunderter war er aber am nächsten Tag wieder vom lieben Weißmann besucht zu werden. ״Was wollen Sie schon wieder?“ herrschte er ihn an. ״Nur einen Traum erzählen“, sagte Weißmann. Und auf Brunners Aufforderung erzählte er: ״Mir träumte, ich säße vor der ״Volksbank“ auf einem Prellstein und überlegte meine traurige Lage. Ich mußte weinen. Da kam ein alter